The Project Gutenberg eBook ofTurandot, Prinzessin von ChinaThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Turandot, Prinzessin von ChinaAuthor: Friedrich SchillerRelease date: September 1, 2004 [eBook #6505]Most recently updated: December 29, 2020Language: GermanCredits: This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK TURANDOT, PRINZESSIN VON CHINA ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Turandot, Prinzessin von ChinaAuthor: Friedrich SchillerRelease date: September 1, 2004 [eBook #6505]Most recently updated: December 29, 2020Language: GermanCredits: This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE
Title: Turandot, Prinzessin von China
Author: Friedrich Schiller
Author: Friedrich Schiller
Release date: September 1, 2004 [eBook #6505]Most recently updated: December 29, 2020
Language: German
Credits: This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE
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Turandot, Prinzessin von China.
Friedrich Schiller.
Ein tragikomisches Märchen nach Gozzi.
Personen:
Altoum, fabelhafter Kaiser von China.Turandot, seine Tochter.Adelma, eine tartarische Prinzessin, ihre Sklavin.Zelima, eine andere Sklavin der Turandot.Skirina, Mutter der Zelima.Barak, ihr Gatte, ehmals Hofmeister desKalaf, Prinzen von Astrachan.Timur, vertriebener König von Astrachan.Ismael, Begleiter des Prinzen von Samarcand.Tartaglia, Minister.Pantalon, Kanzler.Truffaldin, Aufseher der Verschnittenen.Brigella, Hauptmann der Wache.Doctoren des Divans.Sklaven und Sklavinnen des Serails.
Erster Aufzug.
Vorstadt von Peckin.
Prospekt eines Stadtthors. Eiserne Stäbe ragen über demselben hervor, worauf mehrere geschorne, mit türkischen Schöpfen versehene Köpfe als Masken und so, daß sie als eine Zierrath erscheinen können, symmetrisch aufgepflanzt sind.
Erster Auftritt.
Prinz Kalaf, in tartarischem Geschmack, etwas phantastisch gekleidet, tritt aus einem Hause. Gleich darauf Barak, aus der Stadt kommend.
Kalaf.Habt Dank, ihr Götter! Auch zu Peckin sollt' ichEine gute Seele finden!
Barak (in persischer Tracht, tritt auf, erblickt ihn und fährterstaunt zurück).Seh' ich recht?Prinz Kalaf! Wie? Er lebt noch!
Kalaf (ernennt ihn). Barak!
Barak (auf ihn zueilend). Herr!
Kalaf. Dich find' ich hier?
Barak. Euch seh' ich lebend wieder!Und hier zu Peckin!
Kalaf. Schweig! Verrath mich nicht!Beim großen Lama, sprich! Wie bist du hier?
Barak. Durch ein Geschick der Götter, muß ich glauben,Da es mich hier mit Euch zusammenführt.An jenem Tag des Unglücks, als ich sah,Daß unsre Völker flohen, der TyrannVon Tefflis unaufhaltsam in das ReichEindrang, floh ich nach Astrachan zurück,Bedeckt mit schweren Wunden. Hier vernahm ich,Daß Ihr und König Timur, Euer Vater,Im Treffen umgekommen. Meinen SchmerzErzähl' ich nicht; verloren gab ich Alles,Und sinnlos eilt' ich zum Palaste nun,Elmazen, Eure königliche Mutter,Zu retten; doch ich suchte sie vergebens!Schon zog der Sieger ein zu Astrachan,Und in Verzweiflung eilt' ich aus den Thoren.Von Land zu Lande irrt' ich flüchtig nunDrei Jahre lang umher, ein Obdach suchend,Bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden.Hier unterm Namen Hassan glückte mir's,Durch treue Dienste einer Wittwe GunstMir zu erwerben, und sie ward mein Weib.Sie kennt mich nicht; ein Perser bin ich ihr.Hier leb' ich nun, obwohl gering und armNach meinem vor'gen Loos, doch überreichIn diesem Augenblicke, da ich Euch,Den Prinzen Kalaf, meines Königs Sohn,Den ich erzogen, den ich Jahre langFür todt beweint, im Leben wieder sehe!—Wie aber lebend? Wie in Peckin hier?
Kalaf. Nenne mich nicht. Nach jener unglücksel'gen SchlachtBei Astrachan, die uns das Reich gekostet,Eilt' ich mit meinem Vater zum Palast;Schnell rafften wir das Kostbarste zusammen,Was sich an Edelsteinen fand, und flohn.In Bauerntracht verhüllt, durchkreuzten wir,Der König und Elmaze, meine Mutter,Die Wüsten und das felsigte Gebirg.Gott, was erlitten wir nicht da! Am FußDes Kaukasus raubt' eine wilde HordeVon Malandrinen uns die Schätze; nurDas nackte Leben blieb uns zum Gewinn.Wir mußten kämpfen mit des Hungers QualenUnd jedes Elends mannigfacher Noth.Den Vater trug ich bald und bald die MutterAuf meinen Schultern, eine theure Last.Kaum wehrt' ich seiner wüthenden Verzweiflung,Daß er den Dolch nicht auf sein Leben zuckte;Die Mutter hielt ich kaum, daß sie, von GramErschöpft, nicht niedersank! So kamen wirNach Jaik endlich, der Tartarenstadt,Und hier, an der Moscheen Thor, mußt' ichEin Bettler flehen um die magre Kost,Der theuren Eltern Leben zu erhalten.—Ein neues Unglück! Unser grimm'ger Feind,Der Khan von Tefflis, voll Tyrannenfurcht,Mißtrauend dem Gerücht von unserm Tode,Er ließ durch alle Länder uns verfolgen.Vorausgeeilt schon war uns sein Befehl,Der alle kleinen Könige seiner HerrschaftAufbot, uns nachzuspähn. Nur schnelle FluchtEntzog uns seiner Spürer Wachsamkeit—Ach, wo verbärg' sich ein gefallner König!
Barak. O, nichts mehr! Eure Worte spalten mirDas Herz! Ein großer Fürst in solchem Elend!Doch sagt! Lebt mein Gebieter noch, und lebtElmaze, meine Königin?
Kalaf. Sie leben.Und wisse, Barak, in der Noth alleinBewähret sich der Adel großer Seelen.—Wir kamen in der Karazanen Land;Dort, in den Gärten König Keicobads,Mußt' ich zu Knechtes Diensten mich bequemen,Dem bittern Hungertode zu entfliehn.Mich sah Adelma dort, des Königs Tochter,Mein Anblick rührte sie, es schien ihr HerzVon zärtlichern Gefühlen, als des Mitleids,Sich für den fremden Gärtner zu bewegen.Scharf sieht die Liebe, nimmer glaubte sieMich zu dem Loos, wo sie mich fand, geboren.—Doch weiß ich nicht, welch bösen Sternes MachtDer Karazanen König KeicobadVerblendete, den mächt'gen Altoum,Den Großkhan der Chinesen, zu bekriegen.Das Volk erzählte Seltsames davon.Was ich berichten kann, ist dies: BesiegtWard Keicobad, sein ganzer Stamm vertilgt;Adelma selbst mit sieben andern TöchternDes Königs ward ertränkt in einem Strome.—Wir aber flohen in ein andres Land;So kamen wir nach langem Irren endlichZu Berlas an—Was bleibt mir noch zu sagen?Vier Jahre lang schafft' ich den Eltern Brod,Daß ich um dürft'ges Taglohn Lasten trug.
Barak. Nicht weiter, Prinz. Vergessen wir das Elend,Da ich Euch jetzt in kriegerischem SchmuckUnd Heldenstaat erblicke. Sagt. wie endlichDas Glück Euch günstig ward?
Kalaf. Mir günstig! Höre!Dem Khan von Berlas war ein edler SperberEntwischt, den er in hohem Werthe hielt.Ich fand den Sperber, überbracht' ihn selbstDem König—Dieser fragt nach meinem Namen;Ich gebe mich für einen Elenden,Der seine Eltern nährt mit Lastentragen.Drauf ließ der Khan den Vater und die MutterIm Hospital versorgen. (Er hält inne.) Barak! Dort,Im Aufenthalt des allerhöchsten Elends,Dort ist dein König—deine Königin.Auch dort nicht sicher, dort noch in Gefahr,Erkannt zu werden und getödtet!
Barak. Gott!
Kalaf. Mir ließ der Kaiser diese Börse reichen,Ein schönes Pferd und dieses Ritterkleid.Den greisen Eltern sag' ich Lebewohl;Ich gehe, rief ich, mein Geschick zu ändern,Wo nicht, dies traur'ge Leben zu verlieren!Was thaten sie nicht, mich zurückzuhaltenUnd, da ich standhaft blieb, mich zu begleiten!Verhüt' es Gott, daß sie, von Angst gequält,Nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt!Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt,Viel hundert Meilen weit von meiner Heimath.Entschlossen komm' ich her, dem großen KhanVom Lande China als Soldat zu dienen,Ob mir vielleicht die Sterne günstig sind,Durch tapfre That mein Schicksal zu verbessern.—Ich weiß nicht, welche Festlichkeit die StadtMit Fremden füllt, daß kein KarvanseraiMich aufnahm—Dort in jener schlechten HütteGab eine Frau aus gutem Herzen mirHerberge.
Barak. Prinz, das ist mein Weib.
Kalaf. Dein Weib?Preise dein Glück, daß es ein fühlend HerzZur Gattin dir gegeben! (Er reicht ihm die Hand.)Jetzt leb' wohl.Ich geh' zur Stadt. Mich treibt's, die FestlichkeitZu sehn, die so viel Menschen dort versammelt.Dann zeig' ich mich dem großen Khan und bitt'Ihn um die Gunst, in seinem Heer zu dienen.
(Er will fort. Barak hält ihn zurück.)
Barak. Bleibt, Prinz! Wo wollt Ihr hin? Mögt Ihr das Aug'An einem grausenvollen Schauspiel weiden?O, wisset, edler Prinz—Ihr kamt hieherAuf einen Schauplatz unerhörter Thaten.
Kalaf. Wie so? Was meinst du?
Barak. Wie? Ihr wißt es nicht,Daß Turandot, des Kaisers einz'ge Tochter,Das ganze Reich in Leid versenkt und Thränen?
Kalaf. Ja, schon vorlängst im KarazanenlandHört' ich dergleichen—und die Rede ging,Es sei der Prinz des Königs KeicobadAuf eine seltsam jammervolle ArtZu Peckin umgekommen—Eben diesHab' jenes Kriegesfeuer angeflammt,Das mit dem Falle seines Reichs geendigt.Doch Manches glaubt und schwatzt ein dummer Pöbel,Worüber der Verständ'ge lacht—DarumSag' an, wie sich's verhält mit dieser Sache?
Barak. Des Großkhans einz'ge Tochter, Turandot,Durch ihren Geist berühmt und ihre Schönheit,Die keines Malers Pinsel noch erreicht,Wie viele Bildnisse von ihr auch in der WeltHerumgehn, hegt so übermüth'gen Sinn,So großen Abscheu vor der Ehe Banden,Daß sich die größten Könige umsonstUm ihre Hand bemüht—
Kalaf. Das alte MärchenVernahm ich schon am Hofe KeicobadsUnd lachte drob—Doch fahre weiter fort
Barak. Es ist kein Märchen. Oft schon wollte sieDer Khan, als einz'ge Erbin seines Reichs,Mit Söhnen großer Könige vermählen.Stets widersetzte sich die stolze Tochter,Und, ach! zu blind ist seine Vaterliebe,Als daß er Zwang zu brauchen sich erkühnte.Viel schwere Kriege schon erregte sieDem Vater, und obgleich noch immer SiegerIn jedem Kampf, so ist er doch ein GreisUnd unbeerbt wankt er dem Grabe zu.Drum sprach er einsmals ernst und wohlbedächtlichZu ihr die strengen Worte: Störrig Kind!Entschließe dich einmal, dich zu vermählen,Wo nicht, so sinn' ein ander Mittel aus,Dem Reich die ew'gen Kriege zu ersparen;Denn ich bin alt; zu viele Kön'ge schonHab' ich zu Feinden, die dein Stolz verschmähte.Drum nenne mir ein Mittel, wie ich michDer wiederholten Werbungen erwehre,Und leb' hernach und stirb, wie dir's gefällt—Erschüttert ward von diesem ernsten WortDie Stolze, rang umsonst, sich loszuwinden;Die Kunst der Thränen und der Bitten MachtErschöpfte sie, den Vater zu bewegen;Doch unerbittlich blieb der Khan—ZuletztVerlangt sie von dem unglücksel'gen Vater,Verlangt—Hört, was die Furie verlangte!
Kalaf. Ich hab's gehört. Das abgeschmackte MärchenHab' ich schon oft belacht—Hör', ob ich's weiß!Sie fordert' ein Edict von ihrem Vater,Daß jedem Prinzen königlichen StammsVergönnt sein soll, um ihre Hand zu werben.Doch dieses sollte die Bedingung sein:Im öffentlichen Divan, vor dem KaiserUnd seinen Räthen allen, wollte sieDrei Räthsel ihm vorlegen. Löste sieDer Freier auf, so mög' er ihre HandUnd mit derselben Kron' und Reich empfangen.Löst er sie nicht, so soll der Kaiser sichDurch einen heil'gen Schwur auf seine GötterVerpflichten, den Unglücklichen enthauptenZu lassen.—Sprich, ist's nicht so? Nun vollendeDein Märchen, wenn du's kannst vor langer Weile.
Barak. Mein Märchen? Wollte Gott! Der Kaiser zwarEmpört' sich erst dagegen; doch die SchlangeVerstand es, bald mit Schmeichelbitten, baldMit list'ger Redekunst das furchtbareGesetz dem schwachen Alten zu entlocken.Was ist's denn auch? sprach sie mit arger List;Kein Prinz der Erde wird so thöricht sein,In solchem blut'gen Spiel sein Haupt zu wagen!Der Freier Schwarm zieht sich geschreckt zurück,Ich werd' in Frieden leben. Wagt es dennochEin Rasender, so ist's auf seine eigneGefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel,Wenn er ein heiliges Gesetz vollzieht!—Beschworen ward das unnatürlicheGesetz und kund gemacht in allen Landen.
(Da Kalaf den Kopf schüttelt.)
—Ich wünschte, daß ich Märchen nur erzählteUnd sagen dürfte. Alles war ein Traum!
Kalaf. Weil du's erzählst, so glaub' ich das Gesetz.Doch sicher war kein Prinz wahnsinnig gnug,Sein Haupt daran zu setzen.
Barak (zeigt nach dem Stadtthor). Sehet, Prinz!Die Köpfe alle, die dort auf den ThorenZu sehen sind, gehörten Prinzen an,Die toll genug das Abenteuer wagtenUnd kläglich ihren Untergang drin fanden,Weil sie die Räthsel dieser Sphinx zu lösenNicht fähig waren.
Kalaf. Grausenvoller Anblick!Und lebt ein solcher Thor, der seinen KopfWagt, um ein Ungeheuer zu besitzen!
Barak. Nein! Sagt das nicht. Wer nur ihr KonterfeiErblickt, das man sich zeigt in allen Ländern,Fühlt sich bewegt von solcher Zaubermacht,Daß er sich blind dem Tod entgegen stürzt,Das göttergleiche Urbild zu besitzen.
Kalaf. Irgend ein Geck.
Barak. Nein, wahrlich! Auch der Klügste.Heut ist der Zulauf hier, weil man den PrinzenVon Samarcanda, den verständigsten,Den je die Welt gesehn, enthaupten wird.Der Khan beseufzt die fürchterliche Pflicht;Doch ungerührt frohlockt die stolze Schöne.
(Man hört in der Ferne den Schall von gedämpften Trommeln.)
Hört! Hört Ihr! Dieser dumpfe TrommelklangVerkündet, daß der Todesstreich geschieht;Ihn nicht zu sehen, wich ich aus der Stadt.
Kalaf. Barak, du sagst mir unerhörte Dinge.Was? Konnte die Natur ein weiblichesGeschöpf wie diese Turandot erzeugen,So ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?
Barak. Mein Weib hat eine Tochter, die im HaremAls Sklavin dient und uns UnglaublichesVon ihrer schönen Königin berichtet.Ein Tiger ist sie, diese Turandot,Doch gegen Männer nur, die um sie werben.Sonst ist sie gütig gegen alle Welt;Stolz ist das einz'ge Laster, das sie schändet.
Kalaf. Zur Hölle, in den tiefsten Schlund hinabMit diesen Ungeheuern der Natur,Die kalt und herzlos nur sich selber lieben!Wär' ich ihr Vater, Flammen sollten sieVerzehren.
Barak. Hier kommt Ismael, der FreundDes Prinzen, der sein Leben jetzt verloren.Er kommt voll Thränen—Ismael!
Zweiter Auftritt.
Ismael zu den Vorigen.
Ismael (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend). Er hatGelebt—Der Streich des Todes ist gefallen.Ach! Warum fiel er nicht auf dieses Haupt!
Barak. Barmherz'ger Himmel!—Doch warum ließt IhrGeschehn, daß er im Divan der GefahrSich bloßgestellt?
Ismael. Mein Unglück braucht noch Vorwurf.Gewarnt hab' ich, beschworen und gefleht,Wie es mein Herz, wie's meine Pflicht mich lehrte.Umsonst! Des Freundes Stimme wurde nichtGehört; die Macht der Götter riß ihn fort.
Barak. Beruhigt Euch!
Ismael. Beruhigen? Niemals, niemals!Ich hab' ihn sterben sehen. Sein GefährteWar ich in seinem letzten Augenblick,Und seine Abschiedsworte gruben sichWie spitz'ge Dolche mir ins tiefste Herz."Weine nicht!" sprach er. "Gern und freudig sterb' ich,"Da ich die Liebste nicht besitzen kann."Mag es mein theurer Vater mir vergeben,"Daß ich ohn' Abschied von ihm ging. Ach, nie"Hätt' er die Todesreise mir gestattet!"Zeig' ihm dies Bildniß!
(Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Busen.)
"Wenn er diese Schönheit"Erblickt, wird er den Sohn entschuldigen."Und an die Lippen drückt' er jetzt, lautschluchzend,Mit heft'gen Küssen dies verhaßte Bild,Als könnt' er, sterbend selbst, nicht davon scheiden;Drauf kniet' er nieder, und—mit einem Streich—Noch zittert mir das Mark in den Gebeinen—Sah ich Blut spritzen, sah den Rumpf hinfallenUnd hoch in Henkers Hand das theure Haupt;Entsetzt und trostlos riß ich mich von dannen.
(Wirft das Bild in heftigem Unwillen auf den Boden.)
Verhaßtes, ewig fluchenswerthes Bild!Liege du hier, zertreten in dem Staub!Könnt' ich sie selbst, die Tigerherzige,Mit diesem Fußtritt so wie dich zermalmen!Daß ich dich meinem König überbrächte!Nein, mich soll Samarcand nicht wieder sehn.In eine Wüste will ich fliehn und dort,Wo mich kein menschlich Ohr vernimmt, auf ewigUm meinen vielgeliebten Prinzen weinen. (Geht ab.)
Dritter Auftritt.
Kalaf und Barak.
Barak (nach einer Pause).Prinz Kalaf, habt Ihr's nun gehört?
Kalaf. Ich steheGanz voll Verwirrung, Schrecken und Erstaunen.Wie aber mag dies unbeseelte Bild,Das Werk des Malers, solchen Zauber wirken?
(Er will das Bildniß von der Erde nehmen.)
Barak (eilt auf ihn zu und hält ihn zurück).Was macht Ihr!—Große Götter!
Kalaf (lächelnd). Nun! Ein BildnißNehm' ich vom Boden auf. Ich will sie dochBetrachten, diese mörderische Schönheit.
(Greift nach dem Bildniß und hebt es von der Erde auf.)
Barak (ihn haltend). Euch wäre besser, der Medusa HauptAls diese tödtliche Gestalt zu sehn.Weg! Weg damit! Ich kann es nicht gestatten.
Kalaf. Du bist nicht klug. Wenn du so schwach dich fühlst,Ich bin es nicht. Des Weibes Reiz hat nieMein Aug gerührt, auch nur auf Augenblicke,Viel weniger mein Herz besiegt. Und wasLebend'ge Schönheit nie bei mir vermocht,Das sollten todte Pinselstriche wirken?Unnütze Sorgfalt, Barak—Mir liegt AndresAm Herzen, als der Liebe Narrenspiel. (Will das Bildniß anschauen.)
Barak. Dennoch, mein Prinz—Ich warn' Euch—Thut es nicht!
Kalaf (ungeduldig). Zum Henker, Einfalt! Du beleidigst mich.
(Stößt ihn zurück, sieht das Bild an und geräth in Erstaunen.Nach einer Pause.)
Was seh' ich!
Barak (ringt verzweifelnd die Hände).Weh' mir! Welches Unglück!
Kalaf (faßt ihn lebhaft bei der Hand). Barak!
(Will reden, sieht aber wieder auf das Bild und betrachtet es mit Entzücken.)
Barak (für sich). Seid Zeugen, Götter—Ich, ich bin nicht schuld,Ich hab' es nicht verhindern können.
Kalaf. Barak!—In diesen holden Augen, dieser süßenGestalt, in diesen sanften Zügen kannDas harte Herz, wovon du sprichst, nicht wohnen!
Barak. Unglücklicher, was hör' ich? Schöner nochUnendlichmal, als dieses Bildniß zeigt,Ist Turandot, sie selbst! Nie hat die KunstDes Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht;Doch ihres Herzens Stolz und GrausamkeitKann keine Sprache, keine Zunge nennen.O, werft es von Euch, dies unselige,Verwünschte Bildniß! Euer Auge saugeKein tödtlich Gift aus dieser Mordgestalt!
Kalaf. Hinweg! Vergebens suchst du mich zu schrecken!—Himmlische Anmuth! Warme, glühende Lippen!Augen der Liebesgöttin! Welcher Himmel,Die Fülle dieser Reize zu besitzen!
(Er steht in den Anblick des Bildes verloren, plötzlich wendet er sich zu Barak und ergreift seine Hand.)
Barak! Verrath mich nicht—Jetzt oder nie!Dies ist der Augenblick, mein Glück zu wagen.Wozu dies Leben sparen, das ich hasse?—Ich muß auf einen Zug die schönste FrauDer Erde und ein Kaiserthum mit ihrGewinnen oder dies verhaßte LebenAuf einen Zug verlieren—Schönstes Werk!Pfand meines Glücks und meine süße Hoffnung!Ein neues Opfer ist für dich bereitUnd drängt sich wagend zu der furchtbarn Probe.Sei gütig gegen mich—Doch, Barak, sprich!Ich werde doch im Divan, eh' ich sterbe,Das Urbild selbst von diesen Reizen sehn?
(Indem sieht man die fürchterliche Larve eines Nachrichters sich über dem Stadtthor erheben und einen neuen Kopf über demselben aufpflanzen.—Der vorige Schall verstimmter Trommeln begleitet diese Handlung.)
Barak. Ach, sehet, sehet, theurer Prinz, und schaudert!Dies ist das Haupt des unglücksel'gen Jünglings—Wie es Euch anstarrt! Und dieselben Hände,Die es dort aufgepflanzt, erwarten Euch.O, kehret um! Kehrt um! Nicht möglich ist's,Die Räthsel dieser Löwin aufzulösen.Ich seh' im Geist schon Euer theures Haupt,Ein Warnungszeichen allen Jünglingen,In dieser furchtbarn Reihe sich erheben.
Kalaf (hat das aufgesteckte Haupt mit Nachdenken und Rührungbetrachtet).Verlorner Jüngling! Welche dunkle MachtReißt mich geheimnißvoll, unwiderstehlichHinauf in deine tödtliche Gesellschaft?
(Er bleibt nachsinnend stehen; dann wendet er sich zu Barak.)
—Wozu die Thränen, Barak? Hast du michNicht einmal schon für todt beweint? Komm, komm!Entdecke keiner Seele, wer ich bin.Vielleicht—wer weiß, ob nicht der Himmel, satt,Mich zu verfolgen, mein Beginnen segnetUnd meinen armen Eltern Trost verleiht.Wo nicht—Was hat ein Elender zu wagen?Für deine Liebe will ich dankbar sein,Wenn ich die Räthsel löse—Lebe wohl!
(Er will gehen, Barak hält ihn zurück, unterdessen kommt Skirina,Baraks Weib, aus dem Hause.)
Barak. Nein, nimmermehr! Komm mir zu Hilfe, Frau!Laß ihn nicht weg—Er geht, er ist verloren,Der theure Fremdling geht, er will es wagen,Die Räthsel dieser Furie zu lösen.
Vierter Auftritt.
Skirina zu den Vorigen.
Skirina (tritt ihm in den Weg).O weh! Was hör' ich? Seid Ihr nicht mein Gast?Was treibt den zarten Jüngling in den Tod?
Kalaf. Hier, gute Mutter! Dieses GötterbildRuft mich zu meinem Schicksal. (Zeigt ihr das Bildnis.)
Skirina. Wehe mir!Wie kam das höll'sche Bild in seine Hand?
Barak. Durch bloßen Zufall.
Kalaf (tritt zwischen Beide). Hassan! Gute Frau!Zum Dank für Eure Gastfreundschaft behaltetMein Pferd! Auch diese Börse nehmet hin!Sie ist mein ganzer Reichthum—Ich—ich braucheFortan nichts weiter—denn ich komm' entwederReich wie ein Kaiser oder—nie zurück!—Wollt Ihr, so opfert einen Theil davonDen ew'gen Göttern, theilt den Armen aus,Damit sie Glück auf mich herab erflehen;Lebt wohl—Ich muß in mein Verhängniß gehen! (Er eilt in die Stadt.)
Fünfter Auftritt.
Barak und Skirina.
Barak (will ihm folgen)Mein Herr! Mein armer Herr! Umsonst! Er geht!Er hört mich nicht!
Skirina (neugierig). Dein Herr? Du kennst ihn also?O, sprich, wer ist der edelherz'ge Fremdling,Der sich dem Tode weiht?
Barak. Laß diese Neugier!Er ist geboren mit so hohem Geist,Daß ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle.—Komm, Skirina. All dieses Gold laß unsUnd Alles, was wir Eigenes besitzen,Dem Fohi opfern und den Armen spenden!Gebete sollen sie für ihn gen Himmel sendenUnd sollen wund sich knien an den Altären,Bis die erweichten Götter sie erhören!
(Sie gehen nach ihrem Hause.)
Zweiter Aufzug.
Großer Saal des Divans, mit zwei Pforten, davon die eine zu den Zimmern des Kaisers, die andere ins Serail der Prinzessin Turandot führt.
Erster Auftritt.
Truffaldin, als Anführer der Verschnittenen, steht gravitätisch in der Mitte der Scene und befiehlt seinen Schwarzen, welche beschäftigt sind, den Saal in Ordnung zu bringen. Bald darauf Brigella.
Truffaldin. Frisch an das Werk! Rührt euch! Gleich wird der DivanBeisammen sein.—Die Teppiche gelegt,Die Throne aufgerichtet! Hier zur RechtenKommt kaiserliche Majestät, links meineScharmante Hoheit, die Prinzeß, zu sitzen!
Brigella (kommt und sieht sich verwundernd um).Mein! Sagt mir, Truffaldin, was gibt's denn Neues,Daß man den Divan schmückt in solcher Eile?
Truffaldin (ohne auf ihn zu hören—zu den Schwarzen).Acht Sessel dorthin für die Herrn Doktoren!Sie haben hier zwar nicht viel zu dotieren;Doch müssen sie, weil's was Gelehrtes gibt,Mit ihren langen Bärten figurieren.
Brigella. So redet doch! Warum, wozu das alles?
Truffaldin. Warum? Wozu? Weil sich die MajestätUnd meine schöne Königin, mit sammtDen acht Doktoren und den Excellenzen,Sogleich im Divan hier versammeln werden.'s hat sich ein neuer, frischer Prinz gemeldet,Den's juckt, um einen Kopf sich zu verkürzen.
Brigella. Was? Nicht drei Stunden sind's, daß man den letztenHat abgethan—
Truffaldin. Ja, Gott sei Dank! Es gehtVon statten! die Geschäfte gehen gut.
Brigella. Und dabei könnt Ihr scherzen, roher Kerl!Euch freut wohl das barbarische Gemetzel?
Truffaldin. Warum soll mich's nicht freuen? Setzt's doch immerFür meinen Schnabel was, wenn so ein NeuerDie große Reise macht—denn jedesmal,Daß meine Hoheit an der HochzeitklippeVorbeischifft, gibt's im Harem Hochzeitkuchen.Das ist einmal der Brauch, wir thun's nicht anders:So viele Köpfe, so viel Feiertage!
Brigella. Das sind mir heillos niederträchtigeGesinnungen, so schwarz, wie Eure Larve.Man sieht's Euch an, daß Ihr ein Halbmann seid,Ein schmutziger Eunuch!—Ein Mensch, ich meineEiner, der ganz ist, hat ein menschlich HerzIm Leib und fühlt Erbarmen.
Truffaldin. Was! Erbarmen!Es heißt kein Mensch die Prinzen ihren HalsNach Peckin tragen, Niemand ruft sie her.Sind sie freiwillig solche Tollhausnarren,Mögen sie's haben! Auf dem Stadtthor steht'sMit blut'gen Köpfen leserlich geschrieben,Was hier zu holen ist—Wir nehmen KeinemDen Kopf, der einen mitgebracht. Der hatIhn schon verloren, längst, der ihn hier setzt!
Brigella. Ein saubrer Einfall, den galanten Prinzen,Die ihr die Ehr' anthun und um sie werben,Drei Räthsel aufzugeben und, wenn's einerNicht auf der Stelle trifft, ihn abzuschlachten!
Truffaldin. Mit nichten, Freund! Das ist ein prächtiger,Exzellenter Einfall!—Werben kann ein Jeder;Es ist nichts leichter, als aufs Freien reisen.Man lebt auf fremde Kosten, thut sich gütlich,Legt sich dem künft'gen Schwäher in das Haus,Und mancher jüngre Sohn und Krippenreiter,Der alle seine Staaten mit sich führtIm Mantelsack, lebt bloß vom Körbeholen.Es war nicht anders hier, als wie ein großesWirthshaus von Prinzen und von Abenteurern,Die um die reiche Kaisertochter freiten;Denn auch der Schlechtste dünkt sich gut genug,Die Hände nach der Schönsten auszustrecken.Es war wie eine Freikomödie,Wo Alles kommt, bis meine KöniginAuf den scharmanten Einfall kam, das HausIn vier und zwanzig Stunden rein zu machen.—Eine andre hätte ihre LiebeswerberAuf blutig schwere Abenteuer aus-Gesendet, sich mit Riesen 'rum zu schlagen,Dem Schach zu Babel, wenn er Tafel hält,Drei Backenzähne höflich auszuziehen,Das tanzende Wasser und den singenden BaumZu holen und den Vogel, welcher redet—Nichts von dem allem! Räthsel haben ihrBeliebt! Drei zierlich wohlgesetzte Fragen!Man kann dabei bequem und säuberlichIn warmer Stube sitzen, und kein SchuhWird naß! Der Degen kommt nicht aus der Scheide,Der Witz, der Scharfsinn aber muß heraus.—Brigella, die versteht's! Die hat's gefunden,Wie man die Narren sich vom Leibe hält!
Brigella. 's kann Einer ein rechtschaffner KavalierUnd Ehmann sein und doch die spitz'gen Dinger,Die Räthsel, just nicht handzuhaben wissen.
Truffaldin. Da siehst du, Kamerad, wie gut und ehrlichEs die Prinzeß mit ihrem Freier meint,Daß sie die Räthsel vor der Hochzeit aufgibt.Nachher war's noch viel schlimmer. Löst er sieJetzt nicht, ei nun, so kommt er schnell und kurzMit einem frischen Gnadenhieb davon.Doch, wer die stachelichten Räthsel nichtAuflöst, die seine Frau ihm in der Eh'Aufgibt, der ist verlesen und verloren!
Brigella. Ihr seid ein Narr, mit Euch ist nicht zu reden.—So mögen's denn meintwegen Räthsel sein,Wenn sie einmal die Wuth hat, ihren WitzZu zeigen—Aber muß sie denn die PrinzenJust köpfen lassen, die nicht sinnreich gnugFür ihre Räthsel sind—Das ist ja ganzBarbarisch, rasend toll und unvernünftig.Wo hat man je gehört, daß man den LeutenDen Hals abschneidet, weil sie schwer begreifen?
Truffaldin. Und wie, du Schafskopf, will sie sich der NarrenErwehren, die sich klug zu sein bedünken,Wenn weiter nichts dabei zu wagen ist,Als einmal sich im Divan zu beschimpfen?Auf die Gefahr hin, sich zu prostituierenMit heiler Haut, läuft Jeder auf dem Eis.Wer fürchtet sich vor Räthseln? Räthsel sind'sGerad, was man fürs Leben gern mag hören.Das hieß' den Köder statt des Popanz's brauchen.Und wäre man auch wegen der PrinzessinUnd ihres vielen Gelds daheim geblieben,So würde man der Räthsel wegen kommen.Denn Jedem ist sein Scharfsinn und sein WitzAm Ende lieber, als die schönste Frau!
Brigella. Was aber kommt bei diesem ganzen SpielHeraus, als daß sie sitzen bleibt? Kein Mann,Der seine Ruh liebt und bei Sinnen ist,Wird so ein spitz'ges Nadelkissen nehmen.
Truffaldin. Das große Unglück, keinen Mann zu kriegen!
(Man hört einen Marsch in der Ferne.)
Brigella. Der Kaiser kommt.
Truffaldin. Marsch ihr in eure Küche!Ich gehe, meine Hoheit herzuholen. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)
Zweiter Auftritt.
Ein Zug von Soldaten und Spielleuten. Darauf acht Doctoren, pedantisch herausstaffiert; alsdann Pantalon und Tartaglia, beide in Charaktermasken. Zuletzt der Großkhan Altoum in chinesischem Geschmack mit einiger Übertreibung gekleidet. Pantalon und Tartaglia stellen sich dem kaiserlichen Thron gegenüber, die acht Doctoren in den Hintergrund, das übrige Gefolge auf die Seite, wo der kaiserliche Thron ist. Beim Eintritt des Kaisers werfen sich alle mit ihren Stirnen auf die Erde und verharren in dieser Stellung bis er den Thron bestiegen hat. Die Doktoren nehmen auf ihren Stühlen Platz. Auf einen Wink, den Pantalon gibt, schweigt der Marsch.
Altoum. Wann, treue Diener, wird mein Jammer enden?Kaum ist der edle Prinz von SamarcandBegraben, unsre Thränen fließen noch,Und schon ein neues Todesopfer naht,Mein blutend Herz von neuem zu verwunden.Grausame Tochter! Mir zur Qual geboren!Was hilft's, daß ich den Augenblick verfluche,Da ich auf das barbarische GesetzDem furchtbaren Fohi den Schwur gethan.Nicht brechen darf ich meinen Schwur, nicht rührenLäßt sich die Tochter, nicht zu schrecken sindDie Freier! Nirgends Rath in meinem Unglück!
Pantalon. Rath, Majestät? Hat sich da was zu rathen!Bei mir zu Hause, in der Christen Land,In meiner lieben Vaterstadt Venedig,Schwört man auf solche Mordgesetze nicht,Man weiß nichts von so närrischen Mandaten.Da hat man gar kein Beispiel und Exempel,Daß sich die Herrn in Bilderchen vergafftUnd ihren Hals gewagt für ihre Mädchen.Kein Frauensmensch bei uns geboren wird,Wie Dame Kieselstein, die alle MännerVerschworen hätte—Gott soll uns bewahren!Das fiel uns auch im Traum nicht ein. Als ichDaheim noch war, in meinen jungen Jahren,Eh mich die Ehrensache, wie Ihr wißt,Von Hause trieb und meine guten SterneAn meines Kaisers Hof hieher geführt,Wo ich als Kanzler mich jetzt wohl befinde,Da wußt' ich nichts von China, als es seiEin trefflichs Pulver gegen's kalte Fieber.Und jetzt erstaun' ich über alle Maßen,Daß ich so curiöse Bräuche hierVorfinde, so curjose Schwüre und GesetzeUnd so curjose Fraun und Herrn.Erzählt' ich in Europa diese Sachen,Sie würden mir unter die Nase lachen.
Altoum. Tartaglia, habt Ihr den neuen WagehalsBesucht?
Tartaglia. Ja, Majestät. Er hat den FlügelDes Kaiserschlosses inn', den man gewöhnlichDen fremden Prinzen anzuweisen pflegt.Ich bin entzückt von seiner angenehmenGestalt und seinen prinzlichen Manieren.'s ist Jammerschade um das junge Blut,Daß man es auf die Schlachtbank führen soll.'s Herz bricht mir! Ein so angenehmes Prinzchen!Ich bin verliebt in ihn. Weiß Gott! Ich sahIn meinem Leben keinen hübschern Buben!
Altoum. Unseliges Gesetz! Verhaßter Schwur!—Die Opfer sind dem Fohi doch gebracht,Daß er dem Unglückseligen sein LichtVerleihe, diese Räthsel zu ergründen!Ach, nimmer geb' ich dieser Hoffnung Raum!
Pantalon. An Opfern, Majestät, ward nichts gespart.Dreihundert fette Ochsen haben wirDem Tien dargebracht, dreihundert PferdeDer Sonne und dem Mond dreihundert Schweine.
Altoum. So ruft ihn denn vor unser Angesicht!(Ein Theil des Gefolges entfernt sich.)—Man such' ihm seinen Vorsatz auszureden.Und ihr, gelehrte Lichter meines Divans,Kommt mir zu Hilfe—nehmt das Wort für mich,Laßt' s nicht an Gründen fehlen, wenn mir selbstDer Schmerz die Zunge bindet.
Pantalon. Majestät!Wir werden unsern alten Witz nicht sparen,Den wir in langen Jahren eingebracht.Was hilft's? Wir predigen und sprechen unsDie Lungen heiser, und er läßt sich ebenDen Hals abstechen, wie ein wälsches Huhn.
Tartaglia. Mit Eurer Gunst, Herr Kanzler Pantalon!Ich habe Scharfsinn und Verstand bei ihmBemerkt, wer weiß!—Ich will nicht ganz verzagen.
Pantalon. Die Räthsel dieser Schlange sollt' er lösen?Nein, nimmermehr!
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. Kalaf, von einer Wache begleitet. Er kniet vor dem Kaiser nieder, die Hand auf der Stirn.
Altoum (nachdem er ihn eine Zeit lang betrachtet).Steh auf, unkluger Jüngling!
(Kalaf steht auf und stellt sich mit edelm Anstand in dieMitte des Divans.)
—Die reizende Gestalt! Der edle Anstand!Wie mir's ans Herz greift!—Sprich, Unglücklicher!Wer bist du? Welches Land gab dir das Leben?
Kalaf (schweigt einen Augenblick verlegen, dann mit einer edeln Verbeugung). Monarch, vergönne, daß ich meinen Namen Verschweige.
Altoum. Wie? Mit welcher Stirn darfst du,Ein unbekannter Fremdling, namenlos,Um unsre kaiserliche Tochter werben?
Kalaf. Ich bin von königlichem Blut, ein Prinz, geboren.Verhängt der Himmel meinen Tod, so sollMein Name, mein Geschlecht, mein VaterlandKund werden, eh' ich sterbe, daß die WeltErfahre, nicht unwürdig hab' ich michDes Bundes angemaßt mit deiner Tochter.Für jetzt geruhe meines Kaisers GnadeMich unerkannt zu lassen.
Altoum. Welcher AdelIn seinen Worten! Wie beklag' ich ihn!—Doch wie, wenn du die Räthsel nun gelöst,Und nicht von würd'ger Herkunft—
Kalaf. Das Gesetz,Monarch, ist nur für Könige geschrieben.Verleihe mir der Himmel, daß ich siege,Und dann, wenn ich unköniglichen StammsErfunden werde, soll mein fallend HauptDie Schuld der kühnen Anmaßung bezahlen,Und unbeerdigt liege mein Gebein,Der Krähen Beute und der wilden Thiere.Schon eine Seele lebt in dieser Stadt,Die meinen Stand und Namen kann bezeugen.Für jetzt geruhe meines Kaisers GnadeMich unerkannt zu lassen.
Altoum. Wohl! Es sei!Dem Adel deiner Mienen, deiner Worte,Holdsel'ger Jüngling, kann ich Glauben nicht,Gewährung nicht versagen—Mögst auch duGeneigt sein, einem Kaiser zu willfahren,Der hoch von seinem Thron herab dich fleht!Entweiche, o entweiche der Gefahr,Der du verblendet willst entgegen stürzen,Steh ab und fordre meines Reiches Hälfte!So mächtig spricht's für dich in meiner Brust,Daß ich dir gleichen Theil an meinem ThronAuch ohne meiner Tochter Hand verspreche.O, zwinge du mich nicht, Tyrann zu sein!Schon schwer genug drückt mich der Völker Fluch,Das Blut der Prinzen, die ich hingeopfert;Drum, wenn das eigne Unglück dich nicht rührt,Laß meines dich erbarmen! Spare mirDen Jammer, deine Leiche zu beweinen,Die Tochter zu verfluchen und mich selbst,Der die Verderbliche gezeugt, die PlageDer Welt, die bittre Quelle meiner Thränen!
Kalaf. Beruhige dich, Sire! Der Himmel weiß,Wie ich im tiefsten Herzen dich beklage.Nicht, wahrlich, von so mildgesinntem VaterHat Turandot Unmenschlichkeit geerbt.Du hast nicht Schuld, es wäre denn Verbrechen,Sein Kind zu lieben und das Götterbild,Das uns bezaubert und uns selbst entrückt,Der Welt geschenkt zu haben—Deine GroßmuthSpar' einem Glücklicheren auf. Ich binNicht würdig, Sire, dein Reich mit dir zu theilen.Entweder ist's der Götter Schluß und Rath,Durch den Besitz der himmlischen PrinzessinMich zu beglücken—oder enden sollDies Leben, ohne sie mir eine Last!Tod oder Turandot! Es gibt kein Drittes.
Pantalon. Ei, sagt mir, liebe Hoheit! Habt Ihr EuchDie Köpfe überm Stadtthor wohl besehn?Mehr sag' ich nicht. Was, Herr, in aller WeltTreibt Euch, aus fernen Landen herzukommenUnd Euch frisch weg, wie Ihr vom Pferd gestiegen,Mir nichts, dir nichts, wie einen ZiegenbockAbthun zu lassen? Dame Turandot,Das seid gewiß, dreht Euch drei Räthselchen,Daran die sieben Weisen Griechenlands,Mit sammt den siebenzig Dolmetschern sichDie Nägel Jahre lang umsonst zerkauten.Wir selbst, so alte Practici und grauGeworden über Büchern, haben Noth,Das Tiefe dieser Räthsel zu ergründen.Es sind nicht Räthsel aus dem Kinderfreund,Nicht solches Zeug, wie das:"Wer's sieht, für den ist's nicht bestellt,"Wer's braucht, der zahlt dafür kein Geld,"Wer's macht, der will's nicht selbst ausfüllen,"Wer's bewohnt, der thut es nicht mit Willen,"Nein, es sind Räthsel von dem neusten Schnitt,Und sind verfluchte Nüsse aufzuknacken.Und wenn die Antwort nicht zum guten GlückAuf dem Papier, das man den Herrn DoktorenVersiegelt übergibt, geschrieben stünde,Sie möchten's auch mit allem ihrem WitzIn einem Säculum nicht ausstudieren.Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim!Ihr jammert mich, seid ein so junges Blut,Und Schade wär's um Eure schönen Haare.Beharrt Ihr aber drauf, so steht ein RettichDes Gärtners fester, Herr, als Euer Kopf.
Kalaf. Ihr sprecht verlorne Worte, guter Alter.Tod oder Turandot!
Tartaglia (stotternd). Tu—Turandot!Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung!Hier spielt man nicht um wälsche Nüsse, Herr,Noch um Kastanien—'s ist um den KopfZu thun—den Kopf—bedenkt das wohl! Ich willSonst keinen Grund anführen als den einen;Er ist nicht klein—den Kopf! Es gilt den Kopf.Die Majestät höchstselbst, auf ihrem Thron,Läßt sich herab, Euch väterlich zu warnenUnd abzurathen—Dreihundert Pferde sindDer Sonne dargebracht, dreihundert OchsenDem höchsten Himmelsgott, dreihundert KüheDen Sternen und dem Mond dreihundert Schweine.Und Ihr seid störrig gnug und undankbar,Das kaiserliche Herz so zu betrüben?Wär' überall auch keine andre DameMehr in der Welt, als diese Turandot,Blieb's immer doch ein loser Streich von Euch,Nehmt mir's nicht übel, junger Herr. Es ist,Weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß,Die mich so frei läßt von der Leber sprechen.Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt?Es ist nicht möglich—
Kalaf. So in Wind zu reden!Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister!Tod oder Turandot!
Altoum. Nun denn, so hab' es!Verderbe dich, und mich stürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache)Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.)Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.
Kalaf (gegen die Thüre gewendet, in heftiger Bewegung).Sie kommt! Ich soll sie sehen! Ew'ge Mächte,Das ist der große Augenblick! O, stärketMein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre,Des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe!Ich fürchte keine als der Schönheit Macht.Ihr Götter, gebt, daß ich mir selbst nicht fehle!Ihr seht es, meine Seele wankt; ErwartungDurchzittert mein Gebein und schnürt das HerzMir in der Brust zusammen.—Weise RichterDes Divans! Richter über meine Tage!O, zeiht mich nicht strafbaren Übermuths,Daß ich das Schicksal zu versuchen wage!Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen!Ich habe hier kein Wählen und kein Wollen!Unwiderstehlich zwingend reißt es michVon hinnen, es ist mächtiger, als ich.
Vierter Auftritt.
Man hört einen Marsch.
Truffaldin tritt auf, den Säbel an der Schulter, die Schwarzen hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln accompagnieren. Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem Anzug, beide verschleiert. Zelina trägt einen Schüssel mit versiegelten Papieren. Truffaldin und seine Schwarzen werfen sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit der Hand auf der Stirn. Zuletzt erscheint Turandot verschleiert, in reicher chinesischer Kleidung. majestätisch und stolz. Die Räthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die Erde. Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und setzt sich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz, und die letztere den Zuschauern am nächsten. Truffaldin nimmt der Zelima die Schlüssel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entfernt er sich mit denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hört auf.
Turandot (nach einer langen Pause).Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt,Nach so viel kläglich warnender Erfahrung,In meine tiefen Räthsel einzudringen!Der, seines eignen Lebens Feind, die ZahlDer Todesopfer zu vermehren kommt!Altoum (zeigt auf Kalaf. der erstaunt in der Mitte des Divans steht).Der ist es, Tochter—würdig wohl ist er's,Daß du freiwillig zum Gemahl ihn wählest,Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzenUnd neue Trauer diesem Land, dem HerzenDes Vaters neue Stacheln zu bereiten.
Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima).O Himmel! Wie geschieht mir, Zelima!
Zelima. Was ist dir, Königin?
Turandot. Noch Keiner tratIm Divan auf, der dieses Herz zu rührenVerstanden hätte. Dieser weiß die Kunst.
Zelima. Drei leichte Räthsel denn, und Stolz—fahr hin!
Turandot. Was sagst du? Wie, Verwegne? Meine Ehre?
Adelma (hat während dieser Rede den Prinzen mit höchstemErstaunen betrachtet, für sich).Täuscht mich ein Traum? Was seh' ich, große Götter!Er ist's, der schöne Jüngling ist's, den ichAm Hofe meines Vaters KeicobadAls niedern Knecht gesehn!—Er war ein Prinz!Ein Königssohn! Wohl sagte mir's mein Herz;O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!
Turandot. Prinz, noch ist's Zeit. Gebt das verwegeneBeginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan!Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen,Die mich der Härte zeihn und Grausamkeit.—Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben;Bloß keines Andern will ich sein; dies Recht,Das auch dem allerniedrigsten der MenschenIm Leib der Mutter anerschaffen ist,Will ich behaupten, eines Kaisers Tochter.Ich sehe durch ganz Asien das WeibErniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,Und rächen will ich mein beleidigtes GeschlechtAn diesem stolzen Männervolke, demKein andrer Vorzug vor dem zärtern WeibeAls rohe Stärke ward. Zur Waffe gabNatur mir den erfindenden VerstandUnd Scharfsinn, meine Freiheit zu beschützen.—Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen,Ich hass' ihn, ich verachte seinen StolzUnd Übermuth—Nach allem KöstlichenStreckt er begehrlich seine Hände aus;Was seinem Sinn gefällt, will er besitzen.Hat die Natur mit Reizen mich geschmückt,Mit Geist begabt—warum ist's denn das LoosDes Edeln in der Welt, daß es alleinDes Jägers wilde Jagd nur reizt, wenn das GemeineIn seinem Unwerth ruhig sich verbirgt?Muß denn die Schönheit eine Beute seinFür Einen? Sie ist frei, so wie die Sonne,Die allbeglückend herrliche, am Himmel,Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen,Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.
Kalaf. So hoher Sinn, so seltner GeistesadelIn dieser göttlichen Gestalt! Wer darfDen Jüngling schelten, der sein LebenFür solchen Kampfpreis freudig setzt!—Wagt dochDer Kaufmann um geringe Güter SchiffUnd Mannschaft an ein wildes Element;Es jagt der Held dem Schattenbild des RuhmsDurchs blut'ge Feld des Todes nach—Und nurDie Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben,Die aller Güter erstes, höchstes ist?Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit;Doch nennt auch Ihr den Jüngling nicht verwegenUnd haßt ihn nicht, weil er mit glühnder SeeleNach dem Unschätzbaren zu streben wagt!Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt,Womit es zu erkaufen ist—die SchrankenSind offen für den Würdigen—Ich binEin Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen.Kein Leben zwar des Glücks; doch ist's mein Alles,Und hätt' ich's tausendmal, ich gäb' es hin.
Zelima (leise zu Turandot).Hört Ihr, Prinzessin? Um der Götter willen!Drei leichte Räthsel! Er verdient's.
Adelma. Wie edel! Welche Liebenswürdigkeit!O, daß er mein sein könnte! Hätt' ich damalsGewußt, daß er ein Prinz geboren sei,Als ich der süßen Freiheit mich noch freute!—O, welche Liebe flammt in meiner Brust,Seitdem ich ihn mir ebenbürtig weiß!—Muth, Muth, mein Herz! Ich muß ihn noch besitzen.
(Zu Turandot.)Prinzessin! Ihr verwirret Euch! Ihr schweigt!Bedenket Euren Ruhm! Es gilt die Ehre!
Turandot. Und er allein riss' mich zum Mitleid hin?Nein. Turandot, du mußt dich selbst besiegen.—Verwegener, wohlan! Macht Euch bereit!
Altoum. Prinz, Ihr beharrt noch?
Kalaf. Sire! ich wiederhol' es:Tod oder Turandot! (Pantalon und Tartaglia geberden sich ungeduldig.)
Altoum. So lese manDas blutige Mandat. Er hör's und zittre!
(Tartaglia nimmt das Gesetzbuch aus dem Busen, küßt es, legt es sich auf die Brust, hernach auf die Stirn, dann überreicht er's dem Pantalon.)
Pantalon (empfängt das Gesetzbuch, nachdem er sich mit der Stirnauf die Erde geworfen, steht auf und liest dann mit lauter Stimme.)"Es kann sich jeder Prinz um Turandot bewerben,"Doch erst drei Räthsel legt die Königin ihm vor."Löst er sie nicht, muß er vom Beile sterben,"Und schaugetragen wird sein Haupt auf Peckins Thor."Löst er die Räthsel auf hat er die Braut gewonnen."So lautet das Gesetz. Wir schwören's bei der Sonnen."
(Nach geendigter Vorlesung küßt er das Buch, legt es sich auf die Brust und Stirn und überreicht es dem Tartaglia, der sich mit der Stirn auf die Erde wirft, es empfängt und dem Altoum präsentiert.)
Altoum (hebt die rechte Hand empor und legt sie auf das Buch).O Blutgesetz! du meine Qual und Pein!Ich schwör's bei Fohis Haupt, du sollst vollzogen sein.
(Tartaglia steckt das Buch wieder in den Busen, es herrscht eine lange Stille.)
Turandot (in declamatorischem Ton, aufstehend).Der Baum, auf dem die KinderDer Sterblichen verblühn,Steinalt, nichts desto minderStets wieder jung und grün;Er kehrt auf einer SeiteDie Blätter zu dem Licht;Doch kohlschwarz ist die zweiteUnd sieht die Sonne nicht.
Er setzet neue Ringe,So oft er blühet, an.Das Alter aller DingeZeigt er den Menschen an.In seine grüne RindenDrückt sich ein Name leicht,Der nicht mehr ist zu finden,Wenn sie verdorrt und bleicht.So sprich, kannst du's ergründen,Was diesem Baume gleicht? (Sie setzt sich wieder).
Kalaf (nachdem er eine Zeitlang nachdenkend in die Höhe gesehen,verbeug sich gegen die Prinzessin).Zu glücklich, Königin, ist Euer Sklav,Wenn keine dunklern Räthsel auf ihn warten.Dieser alte Baum, der immer sich erneut,Auf dem die Menschen wachsen und verblühen,Und dessen Blätter auf der einen SeiteDie Sonne suchen, auf der andern fliehen,In dessen Rinde sich so mancher Name schreibt,Der nur, so lang sie grün ist, bleibt.—Er ist—das Jahr mit seinen Tagen und Nächten.
Pantalon (freudig).Tartaglia! Getroffen!
Tartaglia. Auf ein Haar!
Doctoren (erbrechen ihre Zettel).Optime! Optime! Optime! das Jahr, dasJahr, das Jahr! Es ist das Jahr. (Musik fällt ein.)
Altoum (freudig). Der Götter Gnade sei mit dir, mein Sohn,Und helfe dir auch durch die andern Räthsel!
Zelima (bei Seite).O Himmel, schütz' ihn!
Adelma (gegen die Zuschauer). Himmel, schütz' ihn nicht!Laß nicht geschehn, daß ihn die GrausameGewinne, und die Liebende verliere!
Turandot (entrüstet, für sich).Er sollte siegen? Mir den Ruhm entreißen?Nein, bei den Göttern! (Zu Kalaf.) Selbstzufriedner Thor!Frohlocke nicht zu früh! Merk' auf und löse!
(Steht wieder auf und fährt in declamatorischem Tone fort.)
Kennst du das Bild auf zartem Grunde?Es gibt sich selber Licht und Glanz.Ein andres ist's zu jeder Stunde,Und immer ist es frisch und ganz.Im engsten Raum ist's ausgeführt,Der kleinste Rahmen faßt es ein;Doch alle Größe, die dich rühret,kennst du durch dieses Bild allein.
Und kannst du den Krystall mir nennen?Ihm gleicht an Werth kein Edelstein;Er leuchtet, ohne je zu brennen,Das ganze Weltall saugt er ein.Der Himmel selbst ist abgemaletIn seinem wundervollen Ring;Und doch ist, was er von sich strahlet,Oft schöner, als was er empfing.
Kalaf (nach einem kurzen Nachdenken, sich gegen diePrinzessin verbeugend).Zürnt nicht, erhabne Schöne, daß ich michErdreiste, Eure Räthsel aufzulösen.—Dies zarte Bild, das, in den kleinsten RahmenGefaßt, das Unermeßliche uns zeigt,Und der Krystall, in dem dies Bild sich maltUnd der noch Schönres von sich strahlt—Er ist das Aug, in das die Welt sich drückt,Dein Auge ist's, wenn es mir Liebe blickt.
Pantalon (springt freudig auf).Tartaglia! Mein' Seel! Ins schwarze FleckGeschossen.
Tartaglia. Mitten hinein, so wahr ich lebe!
Doctoren (haben die Zettel eröffnet).Optime! Optime! Optime! Das Auge, das Auge,Es ist das Auge. (Musik fällt ein.)
Altoum. Welch unverhofftes Glück! Ihr güt'gen Götter!O, laßt ihn auch das letzte Ziel noch treffen!
Zelima (bei Seite). O, wäre dies das letzte!
Adelma (gegen die Zuschauer).Weh mir. Er siegt! Er ist für mich verloren! (Zu Turandot.)Prinzessin, Euer Ruhm ist hin! Könnt Ihr'sErtragen? Eure vor'gen Siege alleVerschlingt ein einz'ger Augenblick.
Turandot (steht auf in heftigem Zorn). Eh sollDie Welt zu Grunde gehn! Verwegner, wisse!Ich hasse dich nur desto mehr, je mehrDu hoffst mich zu besiegen, zu besitzen.Erwarte nicht das letzte Räthsel! Flieh!Weich aus dem Divan! Rette deine Seele!
Kalaf. Nur Euer Haß ist's, angebetetePrinzessin, was mich schreckt und ängstiget.Dies unglücksel'ge Haupt sinkt in den Staub,Wenn es nicht werth war. Euer Herz zu rühren.
Altoum. Steh ab, geliebter Sohn! Versuche nichtDie Götter, die dir zweimal günstig waren.Jetzt kannst du dein gerettet Leben noch,Gekrönt mit Ehre, aus dem Divan tragen.Nichts helfen dir zwei Siege, wenn der dritteDir, der entscheidende, mißlingt—Je näherDem Gipfel, desto schwerer ist der Fall.—Und du—laß es genug sein, meine Tochter,Steh ab, ihm neue Räthsel vorzulegen.Er hat geleistet, was kein andrer PrinzVor ihm. Gib ihm die Hand, er ist sie werth,Und endige die Proben.
(Zelima macht flehende, Adelma drohende Geberden gegen Turandot.)
Turandot. Ihm die Hand?Die Proben ihm erlassen? Nein, drei RäthselSagt das Gesetz. Es habe seinen Lauf.
Kalaf. Es habe seinen Lauf. Mein Schicksal liegtIn Götterhand. Tod oder Turandot!
Turandot. Tod also! Tod! Hörst du's?
(Sie steht auf und fährt auf die vorige Art zu declamieren fort.)
Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen,Doch ziert's des größten Kaisers Hand;Es ist gemacht, um zu verletzen,Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,Niemand beraubt's und macht doch reich,Es hat den Erdkreis überwunden,Es macht das Leben sanft und gleich.Die größten Reiche hat's gegründet,Die ältsten Städte hat's erbaut;Doch niemals hat es Krieg entzündet,Und Heil dem Volk, das ihm vertraut.Fremdling, kannst du das Ding nicht rathen,So weich aus diesen blühenden Staaten!
(Mit den letzten Worten reißt sie sich ihren Schleier ab.)
Sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!Stirb oder nenne mir das Ding!
Kalaf (außer sich, hält die Hand vor die Augen).O Himmelsglanz! O Schönheit, die mich blendet!
Altoum. Gott, er verwirrt sich, er ist außer sich.Faß dich, mein Sohn! O, sammle deine Sinne!
Zelima (für sich).Mir bebt das Herz.
Adelma (gegen die Zuschauer). Mein bist du, theurer Fremdling!Ich rette dich, die Liebe wird mich's lehren.
Pantalon (zu Kalaf).Um Gotteswillen, nicht den Kopf verloren!Nehmt Euch zusammen! Herz gefaßt, mein Prinz!O weh, o weh! Ich fürcht', er ist geliefert.
Tartaglia (gravitätisch für sich).Ließ' es die Würde zu, wir gingen selbst zur KücheNach einem Essigglas.
Turandot (hat den Prinzen, der noch immer außer Fassungda steht, unverwandt betrachtet).Unglücklicher!Du wolltest dein Verderben. Hab' es nun!
Kalaf (hat sich gefaßt und verbeugt sich mit einem ruhigenLächeln gegen Turandot).Nur Eure Schönheit, himmlische Prinzessin,Die mich auf einmal überraschend, blendendUmleuchtete, hat mir auf AugenblickeDen Sinn geraubt. Ich bin nicht überwunden.Dies Ding von Eisen, das nur Wen'ge schätzen,Das Chinas Kaiser selbst in seiner HandZu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs,Dies Werkzeug, das, unschuld'ger als das Schwert,Dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen—Wer träte aus den öden, wüsten SteppenDer Tartarei, wo nur der Jäger schwärmt,Der Hirte weidet, in dies blühende LandUnd sähe rings die Saatgefilde grünenUnd hundert volkbelebte Städte steigen,Von friedlichen Gesetzen still beglückt,Und ehrte nicht das köstliche Geräthe,Das allen diesen Segen schuf—den Pflug?
Pantalon. O, sei gebenedeit! Laß dich umhalsen!Ich halte mich nicht mehr vor Freud' und Jubel.
Tartaglia. Gott segne Eure Majestät! Es istVorbei, und aller Jammer hat ein Ende.
Doctoren (haben die Zettel geöffnet).Der Pflug, der Pflug! Es ist der Pflug!
(Alle Instrumente fallen ein mit großem Geräusch. Turandot ist auf ihrem Thron in Ohnmacht gesunken.)
Zelima (Um Turandot beschäftigt).Blickt auf, Prinzessin! Fasset Euch! Der SiegIst sein; der schöne Prinz hat überwunden.
Adelma (an die Zuschauer).Der Sieg ist sein! Er ist für mich verloren.—Nein, nicht verloren! Hoffe noch, mein Herz!
(Altoum ist voll Freude, bedient von Pantalon und Tartaglia, vom Throne gestiegen. Die Doctoren erheben sich alle von ihren Sitzen und ziehen sich nach dem Hintergrund. Alle Thüren werden geöffnet. Man erblickt Volk. Alles dies geschieht, während die Musik fortdauert.)
Altoum (zu Turandot).Nun hörst du auf, mein Alter zu betrüben,Grausames Kind! Genug ist dem GesetzGeschehen, alles Unglück hat ein Ende.—Kommt an mein Herz. geliebter Prinz, mit FreudenBegrüß' ich Euch als Eidam!
Turandot (ist wieder zu sich gekommen und stürzt in sinnloserWuth von ihrem Throne, zwischen beide sich werfend).Haltet ein!Er hoffe nicht, mein Ehgemahl zu werden!Die Probe war zu leicht. Er muß aufs neu'Im Divan mir drei andre Räthsel lösen.Man überraschte mich. Mir ward nicht ZeitVergönnt, mich zu bereiten, wie ich sollte.
Altoum. Grausame Tochter, deine Frist ist um!Nicht hoffe mehr, uns listig zu beschwatzen.Erfüllt ist die Bedingung des Gesetzes,Mein ganzer Divan soll den Ausspruch thun.
Pantalon. Mit Eurer Gunst, Prinzessin Kieselherz!Es braucht nicht neue Räthsel zuzuspitzenUnd neue Köpfe abzuhacken—Da!Hier steht der Mann! Der hat's errathen! Kurz:Das Gesetz hat seine Endschaft, und das EssenSteht auf dem Tisch—Was sagt der Herr Collega?
Tartaglia. Das Gesetz ist aus, ganz aus, und damit Punctum.Was sagen Ihre Würden, die Doctoren?
Doctoren. Das Gesetz ist aus. Das Köpfen hat ein Ende.Auf Leid folgt Freud. Man gebe sich die Hände.
Altoum. So trete man den Zug zum Tempel an.Der Fremde nenne sich, und auf der StelleVollziehe man die Trauung—
Turandot (wirft sich ihm in den Weg). Aufschub, Vater!Um aller Götter willen!
Altoum. Keinen Aufschub!Ich bin entschlossen. Undankbares Kind!Schon allzulang zu meiner Schmach und PeinWillfahr' ich deinem grausamen Begehren.Dein Urtheil ist gesprochen; mit dem BlutVon zehen Todesopfern ist's geschrieben,Die ich um deinetwillen morden ließ.Mein Wort hab' ich gelöst, nun löse duDas Deine, oder, bei dem furchtbarn HauptDes Fohi sei's geschworen—
Turandot (wirft sich zu seinen Füßen). O mein Vater!Nur einen neuen Tag vergönnt mir—
Altoum. Nichts!Ich will nichts weiter hören. Fort zum Tempel!
Turandot (außer sich).So werde mir der Tempel denn zum Grab!Ich kann und will nicht seine Gattin sein,Ich kann es nicht. Eh tausend Tode sterben,Als diesem stolzen Mann mich unterwerfen,Der bloße Name schon, schon der Gedanke,Ihm unterthan zu sein, vernichtet mich.
Kalaf. Grausame, Unerbittliche, steht auf!Wer könnte Euren Thränen widerstehn? (Zu Altoum.)Laßt Euch erbitten, Sire! Ich flehe selbstDarum. Gönnt Ihr den Aufschub, den sie fordert.Wie könnt' ich glücklich sein, wenn sie mich haßt!Zu zärtlich lieb' ich sie—Ich kann's nicht tragen,Ihr Leiden, ihren Schmerz zu sehn—Fühllose!Wenn dich des treusten Herzens treue LiebeNicht rühren kann, wohlan, so triumphiere!Ich werde nie dein Gatte sein mit Zwang.O, sähest du in dies zerrißne Herz,Gewiß, du fühltest Mitleid—Dich gelüstetNach meinem Blut? Es sei darum. Verstattet,Die Probe zu erneuern, Sire—WillkommenIst mir der Tod. Ich wünsche nicht zu leben.
Altoum.Nichts, nichts! Es ist beschlossen. Fort zum Tempel!Kein anderer Versuch—Unkluger Jüngling!
Turandot (fährt rasend auf).Zum Tempel denn! Doch am Altar wird Eure TochterZu sterben wissen.
(Sie zieht einen Dolch und will gehen.)
Kalaf. Sterben! Große Götter!Nein, eh' es dahin kommt—Hört mich, mein Kaiser!Gönn' Eure Gnade mir die einz'ge Gunst.—Zum zweitenmal will ich ihr im Divan,Ich—ihr ein Räthsel aufzulösen geben.Und dieses ist: Weß Stamms und Namens istDer Prinz, der, um das Leben zu erhalten,Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienenUnd Lasten um geringen Lohn zu tragen;Der endlich auf dem Gipfel seiner HoffnungNoch unglücksel'ger ist, als je zuvor?—Grausame Seele! Morgen früh im DivanNennt mir des Vaters Namen und des Prinzen.Vermögt Ihr's nicht—so laßt mein Leiden endenUnd schenkt mir diese theure Hand! Nennt IhrDie Namen mir, so mag mein Haupt zum Opfer fallen.
Turandot. Ich bin's zufrieden, Prinz! Auf die BedingungBin ich die Eurige.
Zelima (für sich). Ich soll von Neuem zittern!
Adelma (seitwärts).Ich darf von Neuem hoffen!
Altoum. Ich bin's nichtZufrieden. Nichts gestatt' ich. Das GesetzWill ich vollzogen wissen.
Kalaf (fällt ihm zu Füßen). Mächt'ger Kaiser!Wenn Bitten dich bewegen—wenn du mein,Wenn du der Tochter Leben liebst, so duld' es!Bewahren mich die Götter vor der Schuld,Daß sich ihr Geist nicht sättige. Er weideMit Wollust sich an meinem Blut—Sie löseIm Divan, wenn sie Scharfsinn hat, mein Räthsel!
Turandot (für sich).Er spottet meiner noch, wagt's, mir zu trotzen!
Altoum (zu Kalaf).Unsinniger! Ihr wißt nicht, was Ihr fordert,Wißt nicht, welch einen Geist sie in sich hat,Das Tiefste auch versteht sie zu ergründen.—Sei's denn! Die neue Probe sei verstattet!Sie sei des Bandes mit Euch los, kann sieIm Divan morgen uns die Namen nennen.Doch eines neuen Mordes TrauerspielGestatt' ich nicht—Erräth sie, was sie soll,So zieht in Frieden Euren Weg—GenugDes Blutes ist geflossen. Folgt mir, Prinz!—Unkluger Jüngling! Was habt Ihr gethan?
(Der Marsch wird wieder gehört. Altoum geht gravitätisch mit dem Prinzen, Pantalon. Tartaglia, den Doctoren und der Leibwache durch die Pforte ab, durch die er gekommen. Turandot, Adelma, Zelima, Sklavinnen und Truffaldin mit den Verschnittenen entfernen sich durch die andere Pforte, ihren ersten Marsch wiederholend.)