Indessen eilte der Profoß Spelle, der Rothaarige, mit seinem roten Stock bewaffnet, auf seinem dürren Klepper von Stadt zu Stadt. Allerorten errichtete er Schafotte, entzündete Scheiterhaufen und schaufelte Gruben, um die armen Frauen und Mädchen darin lebendig zu begraben. Und der König erbte.
Ulenspiegel saß mit Lamm in Meulestee unter einem Baum und war voller Mißmut. Ohngeachtet man sich im Juni befand, war es kalt. Vom Himmel, der mit grauen Wetterwolken bedeckt war, fiel ein feiner Hagel.
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „ohne Scham treibst Du Dich seit vier Nächten umher und läufst den Dirnen nach. Du gehst inde Zoeten Inval, in den „süßen Fall“ schlafen, und Du wirst es machen wie der Mann auf dem Schild, der mit dem Kopf zuerst in einen Bienenstock fiel. Vergebens harr’ ich Deiner „Im Schwanen“, und Dein unzüchtig Leben verheißt mir nichts Gutes. Was nimmst Du nicht tugendlicher Weise ein Weib?“
„Lamm“ sagte Ulenspiegel, „der, dem Eine für Alle gilt und dem Alle Eine sind, darf seine Wahl nicht leichtfertig überstürzen.“
„Und Nele, denkst Du ihrer nicht?“
„Nele ist in Damm, gar weit fort,“ sagte Ulenspiegel.
Dieweil er so saß und der Hagel dicht fiel, lief ein artiges Weiblein vorüber, das sich den Kopf mit seinem Rock bedeckte.
„Heda,“ sprach es, „Hans der Träumer, was machst Du unter diesem Baum?“
„Ich träume von einer Frau, die mir aus ihrem Rock ein Dach wider den Hagel macht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Du hast sie gefunden,“ sprach die Frau, „steh auf!“
Ulenspiegel erhob sich und ging auf sie zu.
„Willst Du mich abermals allein lassen?“ fragte Lamm.
„Ja,“ sagte Ulenspiegel; „aber geh in „den Schwanen,“ iß eine Hammelkeule oder zwei und trink zwölf Humpen Bier, dann wirst Du schlafen und keine Langeweile haben.“
„So werde ich tun,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel trat zu dem Frauenzimmer.
„Heb meinen Rock an einer Seite auf,“ sprach sie. „Ich tu es auf der andern, und jetzt laß uns laufen.“
„Warum laufen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weil ich von Meulestee fliehen will,“ sagte sie. „Der Profoß Spelle ist mit zwei Häschern dort und hat geschworen, alle Dirnen, die ihm nicht fünf Gülden zahlen wollten, peitschen zu lassen. Darum laufe ich; laufe auch Du und bleibe bei mir, um mich zu verteidigen.“
„Lamm,“ rief Ulenspiegel, „Spelle ist in Meulestee. Geh nach Destelbergh in den „Stern der Weisen.“
Und Lamm stand voller Schrecken auf, faßte seinen Bauch mit Händen und begann zu rennen.
„Wohin geht dieser dicke Hase?“ sagte das Mädchen.
„In einen Bau, wo ich ihn wiedertreffen werde,“ antwortete Ulenspiegel.
„Laß uns laufen,“ sprach sie und stampfte mit dem Fuße die Erde gleich einer ungeduldigen Stute.
„Ich möchte tugendlich sein, ohne zu laufen,“ sagte Ulenspiegel.
„Was bedeutet das?“ fragte sie.
Ulenspiegel antwortete: „Der dicke Hase will, daß ich dem guten Wein, dem Würzbier und der frischen Haut der Frauen entsage.“
Das Mädchen sah ihn mit bösem Blick an.
„Du bist kurzatmig, mußt Dich ausruhen,“ sagte sie.
„Mich ausruhen,“ antwortete Ulenspiegel. „Ich sehe kein Obdach.“
„Deine Tugend,“ sagte das Mädchen, „wird Dir als Decke dienen.“
„Dein Rock ist mir lieber,“ sagte er.
„Mein Rock,“ sagte das Mädchen, „wäre unwürdig, einen Heiligen, wie Du es sein willst, zu bedecken. Hebe Dich fort, daß ich allein laufe.“
„Weißt Du nicht,“ antwortete Ulenspiegel, „daß ein Hund auf vier Beinen rascher läuft als ein Mensch auf zweien? Darum laufen wir besser, da wir vier haben.“
„Du führst kecke Reden für einen tugendlichen Mann.“
„Jawohl,“ sagte er.
„Aber,“ sagte sie, „ich habe immer gesehen, daß die Tugend eine ruhige, schläfrige, dicke und frostige Eigenschaft ist. ’s ist eine Larve, die mürrischen Gesichter zu verbergen, ein Sammetmantel für einen Mann von Stein. Ich liebe die, so in der Brust eine Kohlenglut haben, die am Feuer der Mannheit entzündet, zu kühnen und lustigen Abenteuern reizt.“
„Also sprach die schöne Teufelin zum glorreichen Sankt Antonius,“ erwiderte Ulenspiegel.
Eine Herberge war zwanzig Schritt entfernt auf der Landstraße.
„Du hast gut geredet,“ sagte Ulenspiegel, „jetzt heißt es gut trinken.“
„Meine Zunge ist noch frisch,“ sagte das Mädchen.
Sie kehrten ein. Auf einer Anrichte schlummerte ein großer Krug, ob seines dicken Wanstes Bauch genannt.
Ulenspiegel sprach zum Wirt:
„Siehst Du diesen Gülden?“
„Ich sehe ihn,“ sagte der Baas.
„Wieviel Stüver würdest Du herausziehen, um den Bauch da mitdobbele clauwaertzu füllen?“
„Mitnegen mannekens(neun Groschenmännlein) wärest Du quitt.“
„Das sind sechs flandrische Scherflein und zwei zuviel. Aber fülle ihn immerhin.“
Ulenspiegel goß dem Mädchen einen Becher voll ein, dann erhob er sich stolz, und den Schnabel des Bauches an seinen Mund legend, leerte er ihn ganz in seine Kehle. Und es war ein Geräusch wie von einem Wasserfall.
Das Mädchen sagte verdutzt:
„Wie hast Du es gemacht, einen so großen Bauch in Deinen mageren Leib zu bringen?“
Ulenspiegel sprach, ohne zu antworten, zum Wirt:
„Bring einen kleinen Schinken und Brot herbei und noch einen vollen Bauch, auf daß wir essen und trinken.“
Solches taten sie.
Dieweil das Mädchen ein Stück Speckschwarte knabberte, umfaßte er sie so zart, daß sie davon zugleich gerührt, entzückt und fügsam ward.
Alsdann fragte sie ihn und sprach:
„Von wannen sind Eurer Tugend dieser Durst eines Schwammes, dieser Wolfshunger und diese verliebten Keckheiten gekommen?“
Ulenspiegel antwortete:
„Sintemalen ich auf hundert Arten gesündigt hatte, schwur ich, wie Du weißt, Buße zu tun. Das währte wohl eine gute Stunde. Indem ich während dieser Stunde über mein künftiges Leben nachsann, sättigte ich mich kärglich mit Brot; Wasser war mein schaler Trunk; traurig floh ich die Liebe und getraute mich nicht, mich zu rühren noch zu niesen, aus Furcht Böses zu tun. Von allen war ich geachtet, von jedermann gefürchtet, allein wie ein Aussätziger, traurig wie ein Hund, dem sein Herr gestorben ist, und nach fünfzig Jahren des Martyriums verendete ich trübselig auf einer elenden Pritsche. Die Buße war lang genug. Drum küsse mich, Liebchen, und laß uns zu zweit das Fegefeuer verlassen.“
„Ei,“ sagte sie, gern gehorchend, „welch schönes Aushängeschild ist die Tugend, auf die Spitze einer Stange gehängt.“
Die Zeit verging bei diesen verliebten Ergötzungen; schließlich aber mußten sie aufstehn, um fortzugehn, denn das Mädchen besorgte, mitten in ihrem Vergnügen den Profoß Spelle und seine Häscher auftauchen zu sehen.
„So schürze Deinen Rock,“ sprach Ulenspiegel.
Und sie liefen wie die Hirsche nach Destelbergh; allda fanden sie Lamm im „Stern der drei Weisen“ schmausend.
Ulenspiegel sah in Gent oftmals Jakob Scoelap, Lieven Smet und Jan de Wulfschager, die ihm Kunde vom guten und bösen Geschick des Schweigers gaben.
Und allemal, wenn Ulenspiegel nach Destelbergh zurückkehrte, sagte Lamm zu ihm:
„Was bringst Du, Glück oder Unglück?“
„Ach,“ sagte Ulenspiegel, „der Schweiger, sein Bruder Ludwig, die andern Führer und die Franzosen waren entschlossen, in Frankreich weiter vorzurücken und sich mit dem Prinzen von Condé zu vereinigen. Also hätten sie das arme, belgische Vaterland und das freie Gewissen gerettet. Gott hat es anders gewollt. Die deutschen Reiter und Landsknechte weigerten sich, weiter zu ziehen, und sagten, daß ihr Eid sie verpflichte, wider den Herzog von Alba zu fechten, nicht aber wider Frankreich. Nachdem er sie vergeblich angefleht hatte, ihre Pflicht zu tun, mußte der Schweiger sie notgedrungen durch die Champagne und Lothringen bis nach Straßburg führen, von wo sie nach Deutschland zurückkehrten. Infolge dieses plötzlichen und hartnäckigen Abzugs mißglückt alles. Der König von Frankreich, ohngeachtet seines Vertrages mit dem Prinzen, weigert sich, das Geld zu zahlen, das er versprochen. Die Königin von England hatte ihm welches schicken wollen, um die Stadt Calais und Umgegend wieder in Besitz zu bekommen; doch ihre Briefe wurden aufgefangen und dem Cardinal von Lothringen überliefert, der eine ablehnende Antwort fälschte. Also sehen wir dies schöne Heer, unsere Hoffnung, wie Gespenster beim Hahnenschrei vergehen. Aber Gott ist mit uns, und so das Land versagt, wird das Wasser seine Schuldigkeit tun. Es lebe der Geuse!“
Bitterlich weinend, kam das Mädchen eines Tages, und erzählte Lamm und Ulenspiegel:
„Spelle läßt für Geld Mörder und Diebe in Meulestee entwischen und die Unschuldigen bringt er um. Mein Bruder Michielkin ist unter ihnen. Wehe, lasset es mich Euch sagen, Ihr, die Ihr Männer seid, werdet ihn rächen. Ein schmutziger und schändlicher Wüstling, Pieter de Roose, ein gewohnter Verführer von Kindern und Mägdlein, war Ursach des ganzen Leids. Ach, mein armer Bruder Michielkin und Pieter de Roose waren eines Abends, ob zwar nicht am nämlichen Tisch, in der Schenke zum Falken, allwo Pieter de Roose von jedermann wie die Pest geflohen ward. Mein Bruder, der ihn nicht in der gleichen Stube mit sich sehen wollte, schalt ihn einen wollüstigen Schurken und hieß ihn reine Luft machen. Pieter de Roose entgegnete, der Bruder einer öffentlichen Dirne sollte den Kopf nicht so hoch tragen. Er log; ich bin nicht öffentlich und gebe mich nur dem, der mir gefällt. Michielkin drauf warf ihm sein Maß Würzbier ins Gesicht und erklärte ihm, daß er gelogen habe wie ein schmutziger Wüstling, der er wäre, und bedrohte ihn, so er sich nicht hinausschere, sollte er seine Faust bis an den Ellenbogen fressen. Der andere wollte noch reden, aber Michielkin tat, was er gesagt hatte. Er gab ihm zwei gewaltige Schläge ins Gebiß und schleppte ihn an den Zähnen, mit denen er biß, auf die Landstraße; allda ließ er ihn ohne Erbarmen verwundet liegen.
„Da Pieter de Roose geheilt war und nicht einsam leben mochte, kehrte erin’t Vagevuurein, wahrlich ein Fegefeuer und eine elende Schänke, allwo nur arme Leute sind. Auch da ward er allein gelassen, sogar von diesen Lumpen. Und keiner redete zu ihm, ohne einige Bauern, welchen er unbekannt war, oder etliche fahrende Bettler und entlaufene Söldner. Er ward dort sogar unterschiedliche Male geprügelt, denn er war ein Zänker.
„Da der Profoß Spelle mit zwei Häschern nach Meulestee gekommen war, folgte Pieter de Roose ihnen allerwege wie ein Hund. Auf seine Kosten ließ er sie sich, soviel sie nur konnten, an Wein, Fleisch und andern Freuden, so mit Geld bezahlt werden, ergötzen. Also ward er ihr Geselle und Kamerad und begann, wie es seine Bosheit ihm eingab, Die, so er verabscheute, zu peinigen: nämlich alle Einwohner von Meulestee, insonderheit aber meinen armen Bruder. Er fing mit Michielkin an. Falsche Zeugen, nach Gülden lüsterne Galgenvögel, sagten aus, daß Michielkin ein Ketzer wäre, unflätige Reden über Unsere liebe Frau gehalten und manchesmal den Namen Gottes und der Heiligen in der Schenke „zum Falken“ gelästert hatte. Und überdies hätte er dreihundert Gülden in einer Truhe.
„Ohngeachtet die Zeugen nicht von gutem Wandel und Sitten waren, wurde Michielkin gefangen gesetzt. Da die Beweise von Spelle und seinen Häschern für ausreichend erklärt wurden, um den Angeschuldigten zu foltern, so ward Michielkin mit den Armen an einer Rolle aufgehängt, die an der Decke befestigt war. An jeden Fuß hängte man ihm ein Gewicht von fünfzig Pfund. Er leugnete seine Schuld und sagte, wenn es in Meulestee einen Lumpen, Schurken, Lästerer und Wüstling gäbe, so wäre das Pieter de Roose und nicht er. Aber Spelle wollte nichts hören und hieß seine Henkersknechte Michielkin bis an die Decke emporziehen und mit den Gewichten an den Füßen gewaltsam wieder herabfallen. Solches taten sie und so grausam, daß dem Gefolterten Haut und Muskeln der Knöchel zerrissen und der Fuß kaum am Beine festsaß.
„Da Michielkin bei Behauptung seiner Unschuld beharrte, ließ Spelle ihn abermals foltern und gab ihm dabei zu verstehen, daß er ihn los und ledig lassen würde, so er ihm hundert Gülden zahlte.
„Michielkin sagte, daß er lieber sterben würde.
„Da die von Damme die Kunde der Verhaftung und Tortur vernahmen, wollten sie als Massenzeugen auftreten, welches das Zeugnis aller guten Einwohner einer Gemeine ist. Einstimmig sagten sie aus, daß Michielkin keinesweges ein Ketzer wäre, jeden Sonntag zur Messe und zum Tisch des Herrn ginge, daß er niemals andere Gespräche über Unsere liebe Frau geführt hätte, als in bedrängten Umständen ihre Hülfe anzurufen. Dieweil er nimmer von einer irdischen Frau schlecht gesprochen hätte, würde er es mit viel mehr Grund nicht bei der himmlischen Mutter Gottes gewagt haben. Was die Gotteslästerungen anginge, so die falschen Zeugen in der Schenke zum Falken von ihm gehört haben wollten, so wäre das in jedem Punkt falsch und eitel Lug.
„Nachdem Michielkin freigelassen war, wurden die falschen Zeugen bestraft und Spelle forderte Pieter de Roose vor sein Tribunal, aber er entließ ihn wieder ohne Verhör noch Tortur für einmalige Zahlung von hundert Gülden. Aus Angst, das Geld, das ihm verblieb, möchte Spelles Aufmerksamkeit zum andern Mal auf ihn lenken, entfloh Pieter de Roose von Meulestee, indes Michielkin, mein armer Bruder, am Brand starb, der seine Füße ergriffen hatte.
„Er wollte mich nicht mehr sehen, ließ mich gleichwohl rufen, um mir zu sagen, ich sollte mich vor dem Feuer meines Leibes hüten; es würde mich zum Feuer der Höllen führen. Und ich konnte nur weinen, denn das Feuer ist in mir. Und er gab seine Seele in meinen Armen auf.“
„Ha,“ sagte sie, „wer den Tod meines geliebten, sanften Michielkin an Spelle rächen würde, der sollte auf immer mein Herr sein, und ich würde ihm gleich einer Hündin gehorchen.“
Dieweil sie so sprach, brannte Klasens Asche auf Ulenspiegels Brust. Und er beschloß, daß Spelle, der Mörder, gehenket werden sollte.
Boelkin, das war des Mädchens Name, kehrte nach Meulestee zurück. Sie war in ihrer Behausung sicher vor Pieter de Roose’s Rache, denn ein Ochsentreiber, der durch Destelbergh kam, brachte ihr Nachricht, daß der Pfarrer und die Bürger erklärt hätten, sie würden Spelle vor den Herzog bringen, so er Michielkins Schwester anrührte.
Ulenspiegel war ihr nach Meulestee gefolgt und trat in ein niederes Gemach in Michielkins Haus. Allda sah er ein Bildnis eines Zuckerbäckermeisters, das er für das des armen Toten hielt.
Und Boelkin sagte zu ihm:
„Es ist meines Bruders Bild.“
Ulenspiegel nahm das Bild und sagte im Fortgehen:
„Spelle wird gehenket werden.“
„Wie wirst Du es anstellen?“
„Wenn Du es wüßtest,“ sagte er, „so würde es Dich nicht ergötzen, es tun zu sehen.“
Boelkin schüttelte den Kopf und sagte mit klagender Stimme: „Du traust mir nicht“.
„Heißt es nicht, Dir aufs Höchste vertrauen, wenn ich Dir sage, Spelle wird gehenkt werden? Denn mit diesem einzigen Worte kannst Du mich von ihm henken lassen.“
„Fürwahr,“ sagte sie.
„Geh also,“ versetzte Ulenspiegel, „und hole mir gute Tonerde, ein doppelt Maß Braunbier, klares Wasser und etliche Schnitten Ochsenfleisch. Jedes besonders. Der Ochs soll für mich sein, das Braunbier für den Ochsen, das Wasser für den Ton und der Ton für das Bildnis.“
Derweil Ulenspiegel aß und trank, knetete er den Ton und verschluckte dann und wann ein Stücklein davon; doch das kümmerte ihn wenig, und er betrachtete aufmerksam Michielkins Bildnis. Da der Ton geknetet war, machte er daraus eine Maske mit Nase, Mund, Augen, Ohren, die dem Bildnis des Toten so gleich waren, daß Boelkin sich baß verwunderte.
Nach diesem legte er die Maske in den Backofen und als sie trocken war, bemalte er sie mit der Farbe der Leichen, schuf ihr verstörte Augen, ein ernstes Antlitz und die unterschiedlichen Verzerrungen eines Verscheidenden. Da hörte das Mädchen auf sich zu verwundern; sie sah die Maske an und konnte ihre Augen nicht abwenden, erblaßte und ward totenbleich, verhüllte ihr Antlitz und sagte schaudernd:
„Das ist er, mein armer Michielkin!“
Er machte auch zwei blutende Füße.
Dann, nachdem sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte, sprach sie: „Der wird gesegnet sein, der den Mörder morden wird.“
Ulenspiegel nahm die Maske und die Füße und sprach:
„Ich bedarf eines Helfers.“
Boelkin antwortete:
„Geh in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem von Ypern, der diese Schenke führt. Er war meines Bruders bester Kamerad und Freund. Sag ihm, Boelkin schickte Dich.“
Ulenspiegel tat, wie sie ihm geheißen.
Nachdem der Profoß Spelle für den Tod gearbeitet hatte, ging er in „den Falken“, um eine heiße Mischung von Dobbele Clauwaert, Zimmet und Madeirazucker zu trinken. Aus Furcht vor dem Strang wagte man ihm in diesem Gasthause nichts zu verweigern.
Pieter de Roose, der wieder Mut gefaßt hatte, war nach Meulestee zurückgekehrt. Er ging Spelle und seinen Schergen allenthalben nach, damit sie ihn schützten. Spelle bezahlte bisweilen die Zeche. Und sie vertranken mitsammen wohlgemut das Geld der Opfer.
Die Herberge zum Falken war nicht mehr voll wie in den guten Zeiten, wo das Dorf fröhlich lebte, wo die Leute Gott als gute Katholiken dienten und nicht um der Religion willen gepeinigt wurden. Jetzt war das Dorf gleichsam in Trauer, wie man es an den zahlreichen leeren oder geschlossenen Häusern und an seinen verödeten Gassen sah, in welchen nur etliche magere Hunde irrten, so auf den Kehrichthaufen ihre verfaulte Nahrung suchten.
In Meulestee war nur noch Platz für die beiden Bösen. Die furchtsamen Dorfbewohner sahen die Frechen des Tages die Häuser der künftigen Opfer bezeichnen und die Totenlisten aufstellen und am Abend vom Falken zurückkehren und unflätige Gassenhauer singen, geleitet von zwei Schergen, trunken wie sie und bis an die Zähne bewaffnet.
Ulenspiegel ging in die ‚Blaue Gans‘ zu Joos Lansaem, der in seiner Schreibstube saß.
Ulenspiegel zog ein Fläschlein Branntwein aus dem Hosensack und sprach zu ihm:
„Boelkin hat zwei Tonnen davon zu verkaufen.“
„Komm in meine Küche,“ sagte der Wirt.
Dann schloß er die Türe und sah ihn fest an.
„Du bist kein Branntweinhändler; was bedeutet Dein Augenzwinkern? Wer bist Du?“
„Ich bin des Klas Sohn, der zu Damm verbrannt ist; die Asche des Toten brennt auf meiner Brust. Ich will Spelle, den Mörder töten.“
„Ist es Boelkin, die Dich sendet?“
„Boelkin sendet mich,“ erwiderte Ulenspiegel. „Ich werde Spelle töten und Du sollst mir dabei helfen.“
„Das will ich“, sagte der Wirt. „Was muß ich tun?“
Ulenspiegel antwortete:
„Geh zum Pfarrer, dem guten Seelenhirten und Feind von Spelle, hole Deine Freunde zusammen und finde Dich morgen nach Feierabend mit ihnen auf der Straße nach Ewerghem, jenseit Spelles Haus, zwischen dem Falken und besagtem Hause ein. Stellet Euch alle ins Dunkle und legt keine weißen Kleider an. Schlag zehn Uhr wirst Du Spelle aus der Schenke kommen sehen und ein Fuhrwerk von der andern Seite. Sage Deinen Freunden heute Abend nichts; sie schlafen dem Ohr ihrer Weiber zu nahe. Suche sie morgen auf. Kommet, horchet gut auf alles, und behaltet es wohl im Gedächtnis.“
„Wir werden es im Gedächtnis behalten,“ sagte Joos. Und seinen Becher erhebend: „Ich trinke auf den Strang für Spelle.“
„Auf den Strang,“ sprach Ulenspiegel. Dann kehrte er mit dem Wirt in die Schenkstube zurück, allwo etliche gentische Trödler zechten. Sie kamen vom Brügger Samstagsmarkt heim, wo sie Wämse und Koller von Gold- und Silberstoff teuer verkauft hatten, die sie zuvor für wenige Sous von verarmten Adligen, so es durch ihren Aufwand den Spaniern gleich tun gewollt, erhandelt hatten.
Wegen des großen Verdienstes hielten sie Schmaus und Gelage.
Ulenspiegel und Joos setzten sich in eine Ecke und verabredeten beim Trinken, ohne daß jemand sie hörte, daß Joos zum Pfarrer der Kirche, dem guten Pastor gehen solle, der wider Spelle, den Mörder Unschuldiger, erzürnt war. Danach sollte er zu seinen Freunden gehen.
Am folgenden Tage nach Feierabend verließen Joos und Michielkins Freunde, die benachrichtigt waren, die ‚Blaue Gans,‘ wo sie zu zechen pflegten, auf verschiedenen Wegen, damit man ihre Absicht nicht merke und gingen zur Landstraße nach Everghem. Es waren ihrer siebenzehn.
Um zehn Uhr kam Spelle aus ‚dem Falken,‘ und seine beiden Schergen und Pieter de Roose gingen hinter ihm. Lansaem und die Seinen hatten sich in der Scheuer von Samson Boene, einem Freund Michielkins, versteckt. Das Tor der Scheuer war offen. Spelle sah sie nicht. Sie hörten ihn vorübergehen, vom vielen Trinken schwankend, desgleichen Pieter de Roose und seine beiden Häscher, und er sagte mit breiiger Stimme und vielem Schlucken:
„Profoße, Profoße! Sie haben ein gutes Leben auf Erden. Stützt mich, Ihr Galgenvögel, die Ihr von meinem Abhub lebt.“
Plötzlich vernahm man auf der Landstraße von den Feldern her das Schreien eines Esels und das Knallen einer Peitsche.
„Da ist ein gar halsstarriger Esel“, sprach Spelle, „der trotz dieser schönen Mahnung nicht vorwärts will.“
Plötzlich hörte man lautes Rädergerassel und ein Karren kam in Sätzen die Landstraße heruntergefahren.
„Haltet ihn an,“ sagte Spelle.
Als der Wagen an ihnen vorbeikam, stürzten Spelle und seine beiden Knechte sich auf den Kopf des Esels.
„Dieser Wagen ist leer,“ sagte einer der Häscher.
„Tölpel,“ sprach Spelle, „laufen die leeren Wagen in der Nacht allein herum? In diesem Wagen ist einer, der sich versteckt. Zündet die Laternen an und haltet sie hoch, ich werde hineinsehen.“
Die Laternen wurden angezündet, und Spelle stieg auf den Wagen, die seine hochhaltend; aber kaum hatte er hingeblickt, als er einen lauten Schrei tat, zurücksank und rief:
„Michielkin, Michielkin! Jesus, erbarme Dich meiner.“
Alsbald erhob sich vom Boden des Wagens ein Mann, nach Art der Zuckerbäcker weiß gekleidet, und in seinen beiden Händen blutige Füße haltend.
Da Pieter de Roose diesen Mann im Schein der Laternen sich erheben sah, schrie er samt seinen beiden Bluthunden:
„Michielkin, Michielkin, der Tote! Herr, erbarme Dich unser!“
Die Siebenzehn kamen bei dem Lärm herzu und wollten das Schauspiel mit ansehen. Sie waren schier erschrocken, da sie beim hellen Mondschein gewahrten, wie ähnlich das Abbild Michielkins dem armem Verstorbenen war.
Und das Gespenst schwenkte seine blutigen Füße.
Es war sein Antlitz, voll und rund wie sonst, aber im Tode verblaßt, dräuend, fahl und unterm Kinn von Würmern zerfressen.
Das Gespenst schüttelte immer noch seine blutigen Füße und sprach zu Spelle, der ächzend auf dem Rücken lag:
„Spelle, Profoß Spelle, erwache!“
Aber Spelle rührte sich nicht.
„Spelle“, sprach das Gespenst zum andern Male, „Profoß Spelle, erwache, oder ich werde Dich mit mir in den gähnenden Rachen der Hölle schleppen.“
Spelle stand auf, seine Haare sträubten sich vor Furcht und er schrie jammervoll:
„Michielkin, Michielkin, hab Erbarmen!“
Indessen waren die Bürger näher gekommen, aber Spelle sah nichts als die Laternen, die er für Augen von Teufeln hielt, wie er später bekannte.
„Spelle,“ sprach Michielkins Geist, „bist Du zu sterben bereit?“
„Nein,“ antwortete der Profoß, „nein, Herr Michielkin, ich bin mit nichten dazu bereit und will nicht vor Gott erscheinen mit einer Seele, die ganz schwarz ist von Sünden.“
„Erkennest Du mich?“ fragte das Gespenst.
„Gott steh mir bei,“ sagte Spelle, „ja, ich erkenne Euch. Ihr seid der Geist Michielkins, des Zuckerbäckers, der unschuldig an den Folgen der Folter in seinem Bette starb. Und die zwei blutigen Füße sind die nämlichen, an deren jeden ich fünfzig Pfund hängen ließ. Ach, Michielkin, verzeiht mir, Pieter de Roose verführte mich; er bot mir fünfzig Gulden, die ich annahm, um Euren Namen auf die Liste zu setzen.“
„Willst Du beichten?“ fragte das Gespenst.
„Ja, Herr, ich will beichten, alles sagen und Buße tun. Aber geruhet, diese Teufel dort zu entfernen, die bereit sind, mich zu verschlingen. Ich werde alles sagen. Schafft diese feurigen Augen fort! Ich habe in Tournay ebenso an fünf Bürgern gehandelt, ebenso in Brügge an vieren. Ich weiß ihre Namen nicht mehr, aber ich werde sie Euch sagen, so Ihr es verlangt. Auch anderswo habe ich gesündigt, und durch mein Tun sind neunundsechzig Unschuldige in der Grube. Michielkin, der König brauchte Geld. Man hatte es mir eingeschärft; aber ich brauchte es gleichermaßen. Es ist in Gent, im Keller unter den Pflastersteinen bei der alten Grovels, meiner rechten Mutter. Ich habe alles gesagt, alles. Gnade und Erbarmen! Schafft die Teufel fort. Herr Gott, Jungfrau Maria, Jesus, bittet für mich! Entfernt die höllischen Feuer, ich werde alles verkaufen, alles den Armen geben und Buße tun.“
Da Ulenspiegel sah, daß die Menge der Bürger bereit war, ihm beizustehen, sprang er aus dem Wagen und Spelle an die Kehle, um ihn zu erdrosseln.
Aber der Pfarrer kam.
„Lasset ihn leben,“ sprach er. „Es ist besser, daß er durch den Strick des Henkers sterbe, denn durch die Hände eines Gespenstes.“
„Was wollt Ihr mit ihm machen?“ fragte Ulenspiegel.
„Ihn beim Herzog verklagen und ihn henken lassen,“ antwortete der Pfarrer. „Wer aber bist Du?“ fragte er.
Ulenspiegel antwortete: „Ich bin Michielkins Conterfei und die Person eines armen vlämisches Fuchses, der sich wieder in seinen Bau verkriechen wird, aus Furcht vor den hispanischen Jägern.“
Inzwischen entfloh Pieter de Roose so schnell er konnte.
Nachdem Spelle gehenkt war, wurden seine Güter eingezogen.
Und der König erbte.
Am folgenden Tage marschierte Ulenspiegel an der Leye, dem klaren Fluß entlang auf Kortrijck.
Lamm wanderte kläglichen Mutes.
Ulenspiegel sprach zu ihm:
„Du stöhnst, Mattherziger, und sehnst Dich nach deinem Weibe, das Dir die gehörnte Krone des Hahnreis aufsetzte.“
„Mein Sohn,“ sprach Lamm, „sie war mir allzeit getreu und liebte mich genug, wie ich sie allzu sehr liebte, mein süßer Jesus. Eines Tages, da sie nach Brügge gegangen war, kam sie schier verwandelt zurück. Von jener Zeit an sagte sie zu mir, wenn ich sie um Liebe bat:
„Ich muß als Freundin mit Dir leben, nicht anders.“
Darauf entgegnete ich mit Trauer im Herzen:
„Liebes Herz, wir wurden vor Gott getraut. Habe ich nicht alles für Dich getan, was Du wolltest? Hab ich nicht manches Mal ein Wams aus schwarzem Linnen und einen Mantel aus Barchent angelegt, um Dich trotz der königlichen Verordnungen in Seide und Brokat gekleidet zu sehen? Liebchen, liebst Du mich nicht mehr?“
„Ich liebe Dich, wie Gott und seine Gebote, wie die heilige Disziplin und Pönitenz es vorschreiben. Ich werde Dir gleichwohl eine tugendsame Gefährtin sein.“
„Was schiert mich Deine Tugend,“ antwortete ich. „Dich will ich, Dich, mein Weib.“
Sie schüttelte den Kopf:
„Ich weiß, daß Du gut bist. Bis heute warst Du der Koch im Haus, um mir die Mühe der Kochkunst zu ersparen. Du bügeltest unsere Leintücher, Krausen und Hemden, dieweil die Bügeleisen zu schwer für mich waren. Du wuschest unsre Wäsche, Du kehrtest das Haus und die Gasse vor der Tür, um mir jegliche Beschwer zu ersparen. Jetzo will ich statt Deiner schaffen, aber nichts weiter, lieber Mann.“
„Das ist mir einerlei,“ antwortete ich. „Ich werde wie zuvor Deine Kammerfrau, Deine Büglerin, Köchin und Wäscherin sein, Dein leibeigner, unterwürfiger Sklave; aber, Frau, trenne nicht diese beiden Herzen und Leiber, die eins waren, zerreiße nicht dies holde Band der Liebe, das uns so zart verknüpfte.“
„Es muß sein,“ antwortete sie.
„Wehe,“ sprach ich, „hast Du in Brügge diesen harten Entschluß gefaßt?“
Sie antwortete:
„Ich habe vor Gott und seinen Heiligen geschworen.“
„Wer hat Dich denn zum Schwur gezwungen,“ schrie ich, „Deine Pflichten als Frau nicht zu erfüllen?“
„Der, so den Geist Gottes in sich hat und mich unter die Zahl seiner Büßerinnen aufnimmt,“ sagte sie.
„Von Stund’ an hörte sie auf, mein zu sein, gleich als wäre sie die getreue Frau eines Andern gewesen. Ich flehete sie an, quälte, drohte, weinte, bat. Aber umsonst. Eines Abends, bei der Heimkehr von Blankenberghe, wohin ich gegangen war, um den Zins einer meiner Pachtungen einzunehmen, fand ich das Haus leer. Ohne Zweifel meines Flehens müde, böse und trübselig über meinen Kummer, war mein Weib entflohen. Wo weilt sie nun?“
Und Lamm setzte sich ans Ufer der Leye, senkte den Kopf und schaute das Wasser an.
„Ach,“ sprach er, „Liebchen, wie fett, zart und reizend warst Du! Werde ich jemals ein Hühnchen wie Dich wiederfinden? Werde ich nie mehr von Dir, Hausmannskost der Liebe, essen? Wo sind Deine Küsse, balsamisch wie Thymian? Dein lieblicher Mund, von dem ich Freude pflückte wie die Biene den Honig von der Rose; Deine weißen Arme, die mich kosend umschlangen? Wo ist Dein klopfendes Herz, deine runde Brust und der reizende Schauer Deines Feenleibes, der nach Liebe girrte? Ja wo sind Deine alten Wellen, Du kühler Fluß, der Du Deine neuen so lustig in der Sonne rollst?“
Als sie am Walde von Peteghem vorbeikamen, sprach Lamm zu Ulenspiegel:
„Ich brate, laß uns Schatten suchen.“
„Sei es,“ antwortete Ulenspiegel.
Sie setzten sich im Walde aufs Gras und sahen ein Rudel Hirsche an sich vorbeiziehen.
„Sieh genau hin, Lamm,“ sprach Ulenspiegel, indem er seine deutsche Büchse lud, „hier sind die Kapitalhirsche, so noch ihr Hirschgeschrötte haben und stolz ihr neunendiges Geweih tragen; zierliche Spießer, ihre Schildknappen, traben ihnen zur Seite, bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn zu Hilfe zu kommen. Sie gehen nach ihrem Lager. Drehe das Radschloß der Büchse, wie ich es mache. Feure! Der Kapitalhirsch ist krank geschossen. Ein Spießer ist aufs Blatt getroffen; er flieht. Ihm nach, bis er stürzt. Mach’s wie ich; laufe, springe und fliege.“
„Das ist ein Stücklein meines närrischen Freundes,“ sagte Lamm, „den Hirschen im vollen Lauf zu folgen. Flieg nicht ohne Flügel, das ist verlorne Müh. Du wirst sie nicht einholen. O, über den grausamen Gefährten! Glaubst Du, daß ich so behende sei, wie Du? Ich schwitze, mein Sohn, ich schwitze und werde fallen. Wenn der Förster Dich abfaßt, wirst Du gehenkt werden. Der Hirsch ist des Königs Wild. Laß sie laufen, mein Sohn, Du wirst sie nicht fangen.“
„Komm,“ sprach Ulenspiegel. „Hörst Du das Krachen seines Geweihs im Gebüsch, gleichwie ein dahinziehender Wirbelwind? Siehst Du die jungen, abgebrochenen Zweige, die Blätter, die den Boden bedecken? Diesmal hat er noch eine Kugel aufs Blatt gekriegt. Wir werden ihn verspeisen.“
„Er ist noch nicht gekocht,“ sprach Lamm. „Laß die armen Tiere laufen. Ach, wie heiß ist es! Ich werde hier gewißlich fallen und nicht wieder aufstehen.“
Plötzlich erfüllten zerlumpte, gewaffnete Männer von allen Seiten den Wald. Hunde bellten und stürzten sich auf die Fährte der Hirsche.
Vier wilde Männer umringten Lamm und Ulenspiegel und führten sie auf eine Lichtung inmitten eines Dickichts. Dort sahen sie unter Weibern und Kindern, die da lagerten, Männer in großer Zahl, mit Degen, Armbrüsten, Büchsen, Lanzen, Spießen und Reiterpistolen auf mancherlei Weise bewaffnet.
Da Ulenspiegel sie erblickte, sagte er:
„Seid Ihr Buschklepper oder Waldbrüder, da Ihr hier in Gemeinschaft zu leben scheint, um die Verfolgung zu fliehen?“
„Wir sind Waldbrüder,“ antwortete ein Greis, der neben dem Feuer saß und etliche Vögel in einem irdenen Tiegel schmorte. „Aber wer bist Du?“
„Ich bin aus dem schönen Lande Flandern,“ antwortete Ulenspiegel, „Maler, Bauer, Edelmann, Bildschnitzer, alles miteinander. Und solchergestalt lustwandle ich durch die Welt, lobe schöne und gute Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel.“
„Wenn Du so viele Länder gesehen hast,“ sagte der alte Mann, kannst Du „Schild ende Vriendt,“ Schild und Freund, auf Genter Art aussprechen; wenn nicht, so bist Du ein falscher Vläme und mußt sterben.“
Ulenspiegel sprach:Schild ende Vriendt.
„Und Du, Dickwanst,“ fragte der alte Mann, zu Lamm redend, „was ist Dein Gewerbe?“
Lamm antwortete:
„Meine Ländereien, Pachthöfe, Meiereien und Güter aufzuessen und zu vertrinken, mein Weib zu suchen und meinem Freund Ulenspiegel allerorten zu folgen.“
„Wenn Du soviel gereist bist,“ sagte der alte Mann, „so mußt Du wissen, wie man die Leute aus Weert in Limburg heißt.“
„Das weiß ich nicht,“ antwortete Lamm; „aber wisset Ihr mir nicht den Namen des schändlichen Schuftes, der meine Frau aus dem Hause trieb? Fangt ihn mir, ich werde ihn stracks umbringen.“
Der Alte erwiderte: „Zwei Dinge gibt’s in dieser Welt, die einmal entflohen, nimmer zurückkehren: das ist ausgegebenes Geld und ein Weib, das seines Mannes überdrüssig davonfliegt.“
Dann redete er zu Ulenspiegel:
„Weißt Du, wie man die Leute von Weert in Limburg heißt?“
„Raekstekers, Rochenbeschwörer,“ antwortete Ulenspiegel, „maßen einstmals ein lebendiger Roche von einem Fischerkarren gefallen war und die alten Weiber ihn für den Teufel hielten, da sie ihn springen sahen. „Lasset uns den Pfarrer holen, um den Rochen zu exorzieren,“ sprachen sie. Der Pfarrer trieb den Teufel aus, nahm den Rochen mit nach Hause und machte ein leckeres Gericht davon, den Weertern zu Ehren. So tue Gott mit dem Blutkönig.“
Indes widerhallte der Wald vom Gebell der Hunde. Bewaffnete, die im Gehölz umherliefen, schrieen, um das Wild aufzuscheuchen.
„Das ist der Hirsch und der Spießer, die ich angeschossen habe,“ sagte Ulenspiegel.
„Wir werden ihn essen,“ sagte der Alte. „Aber wie nennt man die Leute aus Eindhoven in Limburg?“
„Pinnenmakers, Riegelmacher,“ antwortete Ulenspiegel. „Einst, da der Feind vor dem Stadttor war, verriegelten sie es mit einer Mohrrübe. Und die Gänse kamen und fraßen die Rübe mit heftigen Bissen ihrer gierigen Schnäbel und die Feinde drangen in Eindhoven ein. Aber es werden eiserne Schnäbel sein, die die Riegel der Kerker verzehren, darinnen man das freie Gewissen einsperren will.“
„So Gott für uns ist, wer kann wider uns sein!“ sagte der Alte.
Ulenspiegel sprach: „Hundegebell, Menschengeheul und krachende Zweige: es ist ein Sturm im Walde.“
„Ist Hirschfleisch gutes Fleisch?“ fragte Lamm, die Gerichte betrachtend.
„Das Geschrei der Treiber kommt näher,“ sprach Ulenspiegel zu Lamm; „die Hunde sind ganz nahe. Welch ein Donnern! Der Hirsch! Der Hirsch! Achtung, mein Sohn! Pfui, das garstige Tier! Es hat meinen dicken Freund mitten unter Pfannen, Tiegel, Töpfe, Feldkessel und Schmorfleisch auf die Erde geworfen. Siehe, die Frauen und Mädchen entfliehen, von Schrecken betört. Blutest Du, mein Sohn?“
„Du lachst, Taugenichts,“ sagte Lamm. „Ja, ich blute, er hat mir sein Geweih ins Gesäß gerannt. Da sieh, wie meine Hose zerrissen ist und mein Fleisch desgleichen. Und all die schönen Gerichte liegen am Boden. Sieh, ich verliere all mein Blut durch den Strumpf.“
„Dieser Hirsch ist ein fürsorglicher Wundarzt. Er bewahrt Dich vor dem Schlagfluß,“ antwortete Ulenspiegel.
„Pfui über Dich herzlosen Taugenichts,“ sagte Lamm. „Aber ich werde Dir nicht mehr folgen. Ich werde hier unter diesen guten Männern und Frauen bleiben. Wie kannst Du sonder Scham gegen meine Schmerzen so hart sein, wenn ich Dir wie ein Hund durch Schnee, Frost, Regen, Hagel und Wind auf den Fersen folge und in der Hitze mir die Seele aus der Haut schwitze!“
„Deine Wunde hat nichts auf sich; leg einen Ölkuchen darauf, das wird ein leckeres Pflaster sein,“ entgegnete Ulenspiegel. „Aber weißt Du, wie die Leute aus Löwen heißen? Du weißt es nicht, armer Freund. Wohlan, ich will es Dir sagen, um Dich am Stöhnen zu hindern. Sie heißenkoeye-schieters, Kuhschützen, denn sie waren einstmals so dumm, auf Kühe zu zielen, die sie für feindliche Soldaten hielten. Wir aber, wir zielen auf die hispanischen Böcke; ihr Fleisch ist stinkend, aber die Haut ist gut, Trommeln daraus zu machen. Und die von Tirlemont? Weißt Du das? Ebensowenig. Sie tragen den ruhmvollen Beinamenkirekers. Denn bei ihnen fliegt am Pfingsttage im Dom eine Ente vom Chor auf den Altar, und das ist das Abbild ihres Heiligen Geistes. Leg einen Krapfen auf Deine Wunde. Du hebst die Töpfe und Gerichte, die der Hirsch umstieß, schweigend auf. Das ist Eifer für die Kochkunst. Du zündest das Feuer wieder an, setzest den Suppenkessel wieder auf seinen Dreifuß und befassest Dich gar sorglich mit dem Kochen. Weißt Du, warum es in Löwen vier Wunder gibt? Nein. Ich will es Dir sagen. Erstlich, weil die Lebenden dort unter den Toten gehn, denn die Kirche Sankt Michael ist neben das Stadttor gebaut. Es folgt daraus, daß der Kirchhof darüber ist. Zweitens weil die Glocken dort außer den Türmen sind, wie an der Sankt-Jakobs-Kirche zu sehen ist. Dort ist eine große und eine kleine Glocke; dieweil die kleine im Glockenturm keinen Platz fand, hat man sie nach außen gehängt. Drittens wegen des Altars außerhalb der Kirche; denn die Vorderseite von Sankt-Jakob gleicht einem Altar. Viertens wegen des Turms ohne Nägel, sintemalen die Turmspitze von Sankt-Gertrudis aus Stein anstatt aus Holz gebaut ist und man die Steine nicht nagelt, ausgenommen das Herz des Blutkönigs, das ich über das große Tor von Brüssel nageln möchte. Doch Du hörst mir nicht zu. Ist kein Salz in der Brühe? Weißt Du, warum die von Termonde die Bettwärmer,de vierpannengenannt werden? Es sollte ein junger Prinz im Winter in der Herberge zum „Wappen von Flandern“ nächtigen, und der Wirt wußte nicht, wie er die Leintücher wärmen sollte, denn es fehlte an einem Bettwärmer. Er ließ das Bett durch sein junges Töchterlein erwärmen, das eilends davonlief, da es den Prinzen kommen hörte; und der Prinz fragte, warum man den Bettwärmer nicht darinnen gelassen habe. Gott gebe, daß Philipp, in einen Kasten von glühendem Eisen gesperrt, im Bett der Frau Astarte als Bettwärmer diene.“
„Laß mich in Ruhe,“ sagte Lamm; „ich lache über Dich, Deinevierpannen, den Turm ohne Nägel und die andern Possen. Laß mich bei meiner Brühe.“
„Hüte Dich,“ sprach Ulenspiegel. „Das Gebell ertönt ohn Unterlaß; es wird stärker, die Hunde heulen, das Jagdhorn erklingt. Nimm Dich vor dem Hirsch in Acht. Du fliehst. Das Jagdhorn tönt.“
„Das ist das Halali,“ sagte der Alte. „Kehre zu Deinen Gerichten zurück, Lamm, der Hirsch ist zur Strecke gebracht.“
„Das soll uns eine gute Mahlzeit sein,“ sprach Lamm. „Ihr müsset mich zum Schmaus laden, um der Mühe willen, die ich mir für Euch gebe. Die Tunke der Vögel wird gut sein, nur knirscht sie etwas: das macht der Sand, auf den sie gefallen sind, da dieser große Teufel von Hirsch mir beides, Wams und Fleisch zerriß. Aber fürchtet Ihr nicht die Förster?“
„Wir sind unsrer zu viele,“ entgegnete der Alte; sie haben Furcht und stören uns nicht. Desgleichen die Häscher und Richter. Die Städter lieben uns, denn wir tun nichts Böses. Wir werden noch etliche Zeit in Frieden leben, es sei denn, daß das hispanische Heer uns einschließt. So das geschieht, werden wir, alte und junge Männer, Frauen, Mädchen, Büblein und Dirnlein, unser Leben teuer verkaufen und uns lieber untereinander töten, denn unter der Hand des Blutherzogs tausendfache Marter leiden.“
Ulenspiegel sagte:
„Es ist nicht mehr an der Zeit, den Henker zu Land zu bekämpfen. Auf dem Meer müssen wir seine Macht vernichten. Gehet nach den Inseln von Zeeland über Brügge, Heyst und Knocke.“
„Wir haben kein Geld,“ sprachen sie.
Ulenspiegel versetzte:
„Hier sind tausend Karolus im Auftrag des Prinzen. Gehet längs der Wasserläufe, Kanäle, Ströme und Flüsse. So Ihr Schiffe erblickt, die das ZeichenJ-H-Stragen, soll einer unter Euch gleich einer Lerche singen. Hahnenschrei wird ihm antworten. Und Ihr werdet in Freundesland sein.“
„So werden wir tun,“ sagten sie.
Bald erschienen die Jäger, die den erlegten Hirsch an Stricken schleppten, die Hunde hinterdrein.
Alsbald setzten sich alle im Kreise ums Feuer. Es waren ihrer wohl sechzig, Männer, Frauen und Kinder. Das Brot ward aus den Ranzen und die Messer aus den Scheiden gezogen, der Hirsch abgedeckt, zerlegt und ausgenommen und mit kleinerem Wildpret an den Spieß gesteckt. Und am Ende der Mahlzeit sah man Lamm schnarchend, den Kopf auf die Brust gesenkt und an einen Baum lehnend.
Bei sinkender Nacht krochen die Waldbrüder in unterirdische Hütten, um zu schlafen; und Lamm und Ulenspiegel taten desgleichen.
Bewaffnete hielten Wacht und beschützten das Lager. Und Ulenspiegel hörte die dürren Blätter unter ihren Füßen rascheln.
Am andern Tage ging er mit Lamm von dannen, indes die aus dem Lager zu ihm sagten:
„Gesegnet seiest Du; wir werden nach dem Meere gehen.“
In Harlebeke schaffte Lamm neuen Vorrat von Ölkuchen an, aß deren siebenundzwanzig und tat dreißig in seinen Korb. Ulenspiegel trug seine Käfige in der Hand. Gegen Abend kamen sie nach Kortrijck und stiegen in der Herberge ‚zur Biene‘ ab, bei Gillis van den Ende, der sogleich an die Tür kam, als er den Lerchensang hörte.
Da war alles eitel Zucker und Honig für sie. Nachdem der Wirt des Prinzen Briefe gesehen, übergab er Ulenspiegel fünfzig Karolus für den Prinzen und wollte weder für die Truthenne, die er ihnen vorsetzte, noch für den Doppel Klauwaert, mit dem er sie tränkte, bezahlt sein. Auch warnte er ihn vor den Spionen des Bluttribunals, die in Kortrijck wären, derhalben er seine und seines Gefährten Zunge wohl im Zaum halten solle.
„Wir werden darauf achten“, sprachen Ulenspiegel und Lamm.
Und sie verließen die Herberge.
Die untergehende Sonne vergüldete die Giebel der Häuser. Die Vögel sangen unter den Linden, die Gevatterinnen schwätzten vor ihren Türschwellen, und die Kinder wälzten sich im Staube. Ulenspiegel und Lamm streiften aufs Geratewohl durch die Gassen.
Plötzlich sagte Lamm:
„Martin van den Ende sagte mir auf meine Frage, ob er eine Frau ähnlich der meinen gesehen habe / ich machte ihm ein Bild meiner Liebsten / daß bei der Stevenyne auf der Brügger Landstraße vor der Stadt im „Regenbogen“ eine große Zahl Frauen seien. Sie vereinigten sich dort alle Abende. Ich gehe flugs dorthin.“
„Ich werde sogleich nachkommen,“ sprach Ulenspiegel. „Ich will mir die Stadt anschauen; so ich Deiner Frau begegne, werde ich sie Dir alsbald schicken. Du weißt, daß der Wirt Dich ermahnt hat, zu schweigen, wenn anders Dir Deine Haut lieb ist.“
„Ich werde schweigen,“ sprach Lamm.
Ulenspiegel strich nach Belieben herum. Die Sonne ging unter, und der Tag ging schnell zur Rüste. Ulenspiegel kam in diePierpot Straetje, das Steintopfgäßchen. Allda hörte er melodisch die Laute spielen. Näher tretend, erblickte er eine weiße Gestalt, die ihn lockte, ihn floh und auf der Laute spielte. Und wie ein Seraph sang sie ein sanftes, langsames Lied, indem sie stehen blieb, ihn lockte und wiederum floh.
Aber Ulenspiegel rannte hurtig; er holte sie ein und wollte zu ihr reden; da legte sie ihm ihre nach Benzoe duftende Hand auf den Mund.
„Bist Du ein Bauer oder ein Edelmann?“ fragte sie.
„Ich bin Ulenspiegel.“
„Bist Du reich?“
„Genug, um ein groß Vergnügen zu bezahlen, aber nicht genug, um meine Seele loszukaufen.“
„Hast Du keine Rosse, daß Du zu Fuße gehst?“
„Ich hatte einen Esel, aber ich hab’ ihn im Stall gelassen.“
„Wie kommt es, daß Du allein bist, ohne Freund, in einer fremden Stadt?“
„Dieweil mein Freund seinerseits herumstreicht, wie ich für mich, Du neugierig Schätzlein.“
„Ich bin nicht neugierig,“ sagte sie. „Ist Dein Freund reich?“
„An Fett,“ sagte Ulenspiegel. „Bist Du bald fertig mit Fragen?“
„Ich bin fertig,“ sagte sie, „laß mich nun.“
„Dich lassen?“ sagte er. „Ebenso gut könntest Du Lamm, wenn ihn hungert, heißen, ein Gericht Fettammern stehen zu lassen. Ich will Dich kosten.“
„Du hast mich ja gar nicht gesehen,“ sprach sie. Und sie öffnete eine Laterne, die plötzlich einen Schein warf und ihr Antlitz erleuchtete.
„Du bist schön,“ sprach Ulenspiegel. „Hei, die goldige Haut, die sanften Augen, der rote Mund und der reizende Leib. Alles wird mein sein.“
„Alles,“ sagte sie.
Sie führte ihn zur Stevenyne in den „Regenbogen“ an der Landstraße nach Brügge. Ulenspiegel sah allda eine große Zahl Dirnen, die am Arm Rädlein von anderer Farbe als ihre Barchentkleider trugen. Diese trug ein Rädlein von Silberstoff auf einem Kleid von Goldstoff. Und alle Dirnen blickten sie eifersüchtig an. Beim Eintreten machte sie der Wirtin ein Zeichen, aber Ulenspiegel sah es nicht. Sie setzten sich zueinander und tranken.
„Weißt Du,“ sagte sie, „daß wer mich geliebt hat, für allezeit mein ist.“
„Schönes, duftendes Weiblein,“ sagte Ulenspiegel, „es wäre mir ein köstlicher Schmaus, allzeit von Deinem Fleisch zu zehren.“
Auf einmal erblickte er Lamm in einer Ecke; der hatte ein Tischlein mit Talglicht, einen Schinken und einen Krug Bier vor sich und wußte nicht, wie er sein Bier und Schinken zwei Dirnen streitig machen sollte, die mit aller Gewalt mit ihm essen und trinken wollten.
Da Lamm Ulenspiegel gewahrte, stand er auf, sprang drei Schuh hoch in die Luft und rief:
„Gelobt sei Gott, der mir meinen Freund Ulenspiegel wiedergibt! Zu trinken, Wirtin!“
Ulenspiegel zog seine Börse und sagte:
„Zu trinken, bis dies alle ist.“
Und er ließ seine Karolus klingen.
„So wahr Gott lebt“, rief Lamm und riß ihm behend die Börse aus den Händen. „Ich zahle, und nicht Du. Diese Börse ist mein.“
Ulenspiegel wollte ihm seine Börse mit Gewalt wieder abnehmen, aber Lamm hielt sie gut fest. Wie sie so mit einander rangen, der Eine, um sie zu behalten, der Andere, um sie zu entreißen, raunte Lamm ganz leise, in abgerissenen Worten:
„Horch. Schergen drinnen ... vier ... kleines Gemach mit drei Dirnen ... Zwei draußen ... für Dich, für mich ... Wollte rausgehen ... gehindert ... Frauenzimmer in Brokat ... Spionin ... Stevenyne Spionin!“
Derweil sie sich schlugen, hörte Ulenspiegel wohl zu und schrie:
„Gib mir meine Börse, Taugenichts.“
„Du wirst sie nicht bekommen,“ sprach Lamm.
Und sie packten sich beim Hals und bei den Schultern und wälzten sich auf dem Boden, dieweil Lamm Ulenspiegel seinen guten Rat gab.
Plötzlich trat der Wirt „zur Biene“ herein und hinter ihm sieben Männer, die er nicht zu kennen schien. Er krähte wie ein Hahn, und Ulenspiegel trillerte wie eine Lerche. Da er Ulenspiegel und Lamm sich prügeln sah, sprach der Wirt zur Stevenyne:
„Wer sind diese beiden?“
Die Stevenyne antwortete:
„Taugenichtse, so man lieber trennen sollte, anstatt sie hier so großen Lärm aufführen zu lassen, ehe sie zum Galgen gehen.“
„Er soll nur wagen, uns zu trennen,“ sagte Ulenspiegel, „o so werden wir ihn das Pflaster fressen lassen.“
„Ja, wir werden ihn das Pflaster fressen lassen,“ sagte Lamm.
„Der Wirt, unser Retter,“ sagte Ulenspiegel Lamm ins Ohr.
Ein Geheimnis ahnend, stürzte sich der Wirt mit gesenktem Kopf in den Kampf.
Lamm warf ihm diese Worte ins Ohr:
„Du unser Retter? Wie?“
Der Wirt gab sich den Anschein, Ulenspiegel an den Ohren zu schütteln, und sagte ganz leise zu ihm:
„Sieben für Dich ... starke Männer, Metzger ... muß gehen ... zu bekannt in der Stadt. Wenn ich fort bin,’t is van te beven de klinkaert... Alles zerbrechen ...“
„Ja“, sprach Ulenspiegel, erhob sich und gab ihm einen Fußtritt.
Der Wirt schlug ihn seinerseits, und Ulenspiegel sprach zu ihm: „Deine Schläge fallen dicht, Dickwanst.“
„Wie Hagel“, sagte der Wirt, indem er Lamm behend die Börse fortriß und sie Ulenspiegel zurückgab.
„Spitzbube, zahle jetzt einen Trunk für mich, da du wieder im Besitz Deines Vermögens bist.“
„Du sollst trinken, schändlicher Taugenichts,“ entgegnete Ulenspiegel.
„Sehet, wie frech er ist,“ sagte die Stevenyne.
„So sehr wie Du schön bist, Herzchen,“ sagte Ulenspiegel.
Nun war die Stevenyne gut sechzig Jahre alt und hatte ein Gesicht wie eine Mispel, doch ganz gelb von galligem Zorn. In der Mitte saß eine Nase gleich einem Eulenschnabel. Ihre Augen waren voller Habgier und ohne Liebe. Zwei lange Hauer stachen aus ihrem fleischlosen Munde und auf ihrer linken Backe hatte sie einen großen, dunkelroten Fleck.
Die Dirnen lachten, indem sie sich über sie lustig machten, und sagten:
„Schätzchen, Schätzchen, gib ihm zu trinken. / Er wird Dich umarmen. / Ist es lange, daß Du Deine erste Hochzeit hieltest? / Hüte Dich, Ulenspiegel, sie will Dich fressen. / Sieh ihre Augen, sie glänzen nicht von Haß, sondern von Liebe. / Man könnte meinen, daß sie Dich totbeißen will. / Sei ohne Furcht. / So machen’s alle verliebten Frauen. / Sie will nur Dein Bestes. / Sieh, wie sie zum Lachen wohl aufgelegt ist.“
Und wahrlich, die Stevenyne lachte und zwinkerte der Gilline, dem Frauenzimmer im Brokatkleide zu.
Der Wirt trank, zahlte und ging fort. Die sieben Metzger schnitten den Häschern und der Stevenyne Fratzen zum Zeichen des Einverständnisses. Einer unter ihnen deutete durch eine Gebärde an, daß er Ulenspiegel für einen Dummkopf hielte und ihn trefflich vexieren würde. Und dieweil er der Stevenyne, die lachend ihre Hauer fletschte, spöttisch die Zunge heraussteckte, sagte er Ulenspiegel ins Ohr:
„’t is van te beven de klinkaert“. (Es ist Zeit mit den Gläsern zu klirren.)
Dann ganz laut und auf die Häscher zeigend:
„Hochedler Reformierter, wir halten alle zu Dir; zahle uns Essen und Trinken.“
Und die Stevenyne lachte vor Vergnügen und streckte auch Ulenspiegel die Zunge heraus, da dieser ihr den Rücken wandte. Und die Gilline im Brokatkleid streckte desgleichen die Zunge heraus.
Und die Dirnen sprachen ganz leise: „Sehet die Spionin, die durch ihre Schönheit mehr denn siebenundzwanzig Reformierte zu grausamer Tortur und noch grausamerem Tode geführt hat. Gilline schwelgt in dem Gedanken an den Lohn ihrer Angeberei: die ersten hundert Karolusgülden vom Nachlaß der Opfer. Aber sie lacht nicht, gedenkend, daß sie sie mit der Stevenyne wird teilen müssen.“
Und alle, Häscher, Metzger und Dirnen streckten die Zunge heraus, um Ulenspiegel zu höhnen. Und Lamm schwitzte große Tropfen; er war rot vor Zorn wie ein Hahnenkamm, doch er wollte nicht reden.
„Traktiere uns mit Essen und Trinken,“ sagten die Metzger und Häscher.
„Wohlan,“ sagte Ulenspiegel und ließ von neuem seine Karolus klingen, „gib uns zu essen und zu trinken, o reizende Stevenyne, aus Gläsern zu trinken, die klingen.“
Darob lachen die Dirnen abermals, und die Stevenyne fletschte ihre Hauer.
Gleichwohl ging sie in Keller und Küche und trug Schinken, Würste und Eierkuchen mit Blutwürsten auf, nebst Klingegläsern, also genannt, weil sie mit einem Fuß versehen waren und wie ein Glockenspiel klangen, wenn man sie anstieß.
Darauf sprach Ulenspiegel:
„Wer Hunger hat, der esse; wer Durst hat, der trinke.“
Bei dieser Rede schlugen Häscher, Dirnen, Metzger, Gilline und Stevenyne mit Händen und Füßen Beifall. Dann suchte sich jeglicher einen guten Platz; Ulenspiegel und Lamm und die sieben Metzger am großen Ehrentisch, die Häscher und Dirnen an zwei kleinen Tischen. Und sie aßen und tranken mit lautem Krachen der Kinnbacken, selbst die beiden Schergen, so draußen waren und von ihren Kameraden hereingeholt worden, um an dem Schmause teil zu haben. Und aus ihrem Ranzen sah man Stricke oder Handfesseln herausgucken.
Da streckte die Stevenyne die Zunge heraus und sprach hohnlachend:
„Keiner wird hinaus gehen, der nicht bezahlt.“
Und sie ließ alle Türen verschließen und steckte die Schlüssel in ihre Taschen.
Gilline erhob ihr Glas und sagte:
„Der Vogel ist im Käfig, laßt uns trinken.“
Drauf sagten zwei Mädchen, Gena und Margot, zu ihr:
„Ist wieder einer da, den Du umbringen lassen willst, schlechtes Weib?“
„Ich weiß nicht“, sprach Gilline. „Laßt uns trinken.“
Aber die drei Mädchen wollten mit ihr nicht trinken.
Und Gilline nahm ihre Laute und sang auf Französisch: