37

Da Ulenspiegel sich am folgenden Tage auf einer Landstraße inmitten viel Volkes befand, folgte er ihm und erfuhr alsbald, daß dies der Tag der Wallfahrt nach Alsenberg wäre.

Er sah arme alte Weiblein, die für einen Gulden barfuß rückwärts gingen, um die Sünden etlicher fürnehmer Damen abzubüßen. Am Wegraine hielten etliche Wallfahrer beim Klange von Geigen, Bratschen und Sackpfeifen Schmausereien von gebackenen Fischen und Zechereien von Braunbier. Und der Dampf der leckeren Fleischgerichte stieg wie ein lieblicher Opferduft gen Himmel.

Aber es waren da andere Pilger, Bauern, Bettler und Hungerleider, welche, von der Kirche bezahlt, für sechs Sous rückwärts gingen.

Ein kleines, ganz kahlköpfiges Männlein mit weit aufgerissenen Augen und scheuer Miene sprang rückwärts hinter ihnen, indeß es seine Vaterunser abbetete. Ulenspiegel wollte wissen, um was der Mann solcherart die Krebse nachäffte, trat vor ihn und sprang lächelnd in gleicher Art. Die Geigen, Pfeifen, Bratschen und Dudelsäcke und das Ächzen der Pilger machten die Tanzmusik.

„Jan van den Duivel,“ sprach Ulenspiegel, „läufst Du auf solche Weise, um sicherer zu fallen?“

Der Mann antwortete nicht und fuhr fort, seine Paternoster zu murmeln.

„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „willst Du wissen, wieviel Bäume auf dem Wege sind? Aber zählst Du nicht auch die Blätter daran?“

Der Mann, der ein Kredo betete, winkte Ulenspiegel zu schweigen.

„Vielleicht“, sagte dieser und hüpfte immer vor ihm her, dieweil er ihm nachahmte, „gehst Du um eines plötzlichen Wahnsinns willen anders denn alle Welt. Doch wer will einem Narren eine weise Antwort entlocken, der ist selbst nicht weise. Ist es nicht also, mein Herr mit dem kahlen Fell?“

Da der Mann noch immer nicht antwortete, fuhr Ulenspiegel fort zu hüpfen; doch er vollführte dabei einen solchen Lärm mit seinen Sohlen, daß der Weg widerhallte gleich wie eine hölzerne Kiste.

„Vielleicht“, sprach Ulenspiegel, „seid Ihr stumm, mein Herr?“

„Ave Maria,“ sprach der Mann, „gratia plena et benedictus fructus ventris tui Jesus.“

„Oder vielleicht seid ihr auch taub?“ fragte Ulenspiegel. „Das werden wir sehen: Man sagt, daß die Tauben weder Lobsprüche noch Schimpfwörter hören. Laß sehen, ob das Trommelfell Deiner Ohren von Haut oder von Erz ist. Du Laterne ohne Licht, Du Trugbild eines Fußgängers, glaubst Du einem Manne zu gleichen? Das wird geschehen, wenn sie aus Lumpen gemacht werden. Wo sah man je solche gelbliche Fratze, solchen kahlen Schädel, wenn nicht auf dem Galgenacker? Bist Du nicht vor Zeiten gehenkt worden?“

Und Ulenspiegel tanzte und der Mann ward zornig, sprang grollend rückwärts und murmelte seine Paternoster mit geheimem Verdruß.

„Vielleicht“, sagte Ulenspiegel, „verstehst Du nur Hochvlämisch, ich werde Platt zu Dir sprechen. Wenn Du nicht ein Vielfraß bist, so bist Du ein Trunkenbold. Bist Du aber kein Trunkenbold, sondern ein Wassertrinker, so bist du ein Schalk, der irgendwo verstopft ist, und bist Du nicht verstopft, so hast Du Durchfall. Bist Du nicht ein Wüstling, so bist Du ein Kapaun. Wenn es Mäßigkeit gibt, so erfüllt sie nicht die Tonne Deines Bauches, und wenn es auf tausend Millionen Menschen, so die Erde bevölkern, nur einen Hahnrei gäbe, so wärest Du es“.

Bei dieser Rede fiel Ulenspiegel auf sein Gesäß und streckte die Beine in die Luft, denn der Mann hatte ihm einen solchen Faustschlag unter die Nase versetzt, daß er mehr denn hundert Lichter blitzen sah. Dann fiel er behende über ihn her, trotz der Last seines Bauches, und schlug ihn überall, und die Schläge regneten gleich wie Hagel auf Ulenspiegels mageren Körper. Und sein Knüppel fiel zu Boden.

„Lerne aus dieser Lehre,“ sprach der Mann zu ihm, „daß du die rechtschaffenen Leute, die auf die Wallfahrt gehen, nicht hänselst. Denn wisse wohl, ich gehe auch nach Alsenberg, wie es Brauch ist, um die heilige Frau Maria zu bitten, daß sie ein Kind, das meine Frau empfangen, da ich auf Reisen war, eine Fehlgeburt werden lasse. Um eine so große Wohltat zu erlangen, muß man vom zwanzigsten Schritt nach der Wohnung bis zu den untersten Kirchenstufen rückwärts gehen und tanzen, ohne zu sprechen. Ach, jetzt muß ich von vorn anfangen.“

Ulenspiegel hatte seinen Stock aufgehoben und sagte:

„Ich will Dir helfen, Du Taugenichts, dem die Mutter Gottes dienen soll, die Kinder im Mutterleibe zu töten.“

Und er hub an, den boshaften Hahnrei so grausam zu prügeln, daß er ihn für tot auf dem Wege liegen ließ.

Dieweilen stieg das Gestöhn der Wallfahrer, die Töne der Pfeifen, Bratschen, Geigen und Dudelsäcke immerwährend gen Himmel und gleich wie ein reiner Weihrauch der Dampf der gebackenen Fische.

Klas, Soetkin und Nele schwätzten am Kaminfeuer und unterhielten sich über den wallenden Pilger.

„Mädchen,“ sagte Soetkin, „warum kannst Du ihn nicht durch die Macht des Jugendzaubers immer bei uns halten!“

„Ach,“ sprach Nele, „ich kann es nicht.“

„Das kommt,“ erwiderte Klas, „weil er einen entgegengesetzten Zauber hat, der ihn treibt zu laufen, ohne sich je auszuruhen, es sei denn, wenn er sein Maulwerk arbeiten läßt.“

„Der häßliche Schalk“, seufzte Nele.

„Ein Schalk,“ sprach Soetkin, „das gebe ich zu, aber häßlich, nein. Wenn mein Sohn Ulenspiegel kein griechisches oder römisches Antlitz hat, um so besser; denn aus Flandern sind seine flinken Füße, vom Franken aus Brügge seine klugen, braunen Augen, und seine Nase und Mund sind von zwei Füchsen gemacht, die Meister in den Wissenschaften der Schalkheit und der Bildschneiderei sind.“

„Wer machte ihm denn die Arme eines Faullenzers, und Beine, die allzu behend sind, dem Vergnügen nachzulaufen?“ fragte Klas.

„Sein allzu junges Herz“, erwiderte Soetkin.

Zu jener Zeit kurierte Katheline durch Heilkräuter einen Ochsen, drei Hämmel und ein Schwein, die Speelman gehörten; eine Kuh aber, die Jan Beloen hatte, konnte sie nicht heilen. Dieser klagte sie der Zauberei an. Er erklärte, daß sie das Tier behext hätte, in Ansehung dessen, daß sie es streichelte und zu ihm sprach, dieweil sie ihm die Heilkräuter gab, sonder Zweifel in einer teuflischen Sprache, denn eine rechtschaffene Christin soll nicht zu einem Tiere reden.

Besagter Jan Beloen fügte hinzu, daß er Speelmanns Nachbar sei, welchem sie den Ochsen, die Hämmel und das Schwein kuriert habe. Wenn sie seine Kuh umgebracht habe, so sei das sonder Zweifel auf Anstiften Speelmanns geschehen, welcher mit Neid sähe, daß seine, Beloens Äcker, besser bestellt wären und mehr Frucht trügen denn seine, Speelmanns Äcker. Auf das Zeugnis von Pieter Meulemeester, einem Manne von gutem Wandel und Sitten, sowie von Jan Beloen, welche bezeugten, daß Katheline in Damm als Hexe verrufen sei und sonder Zweifel die Kuh umgebracht habe, ward Katheline gefänglich eingezogen und verurteilt, gefoltert zu werden, bis sie ihre Verbrechen und Missetaten bekannt hätte.

Sie ward durch einen Schöffen verhört, der beständig wütend war, denn er trank den ganzen Tag Branntwein.

Vor ihm und den Männern der Vierschare ward Katheline auf die erste Folterbank gelegt. Der Henker zog sie ganz nackt aus, dann schor er ihr die Haare am ganzen Körper und sah überall nach, ob sie irgend einen Zauber verberge. Da er nichts gefunden hatte, band er sie mit Stricken auf die Folterbank fest.

Da sprach sie:

„Ich schäme mich, also nackt vor diesen Männern zu sein, heilige Frau Maria macht, daß ich sterbe.“

Alsobald legte ihr der Henker nasse Lappen auf die Brust, den Leib und die Beine, hob die Bank in die Höhe und goß ihr heißes Wasser in so großer Menge in den Magen, also daß sie ganz aufgeblasen schien. Dann ließ er die Bank zurückfallen.

Der Schöffe fragte Katheline, ob sie ihr Verbrechen bekennen wollte. Sie machte ein Zeichen der Verneinung. Der Henker goß ihr noch mehr heißes Wasser ein, aber Katheline brach alles aus. Da ward sie auf Anraten des Arztes losgebunden. Sie sprach nicht, aber sie schlug sich auf die Brust, zum Zeichen, daß das heiße Wasser sie verbrannt hätte. Als der Schöffe sah, daß sie sich von dieser ersten Folter erholt hatte, sagte er zu ihr:

„Bekenne, daß Du eine Hexe bist und daß Du die Kuh verzaubert hast“.

„Ich werde nicht bekennen“, sagte sie. „Ich liebe alle Tiere, so sehr mein armes Herz vermag, und lieber würde ich mir ein Leides tun als ihnen, so sie sich nicht verteidigen können. Um die Kuh zu heilen, habe ich die Mittel angewandt, die von Nöten sind“.

Doch der Schöffe erwiderte:

„Du hast ihr Gift gegeben, denn die Kuh ist tot“.

„Herr Schöffe,“ sprach Katheline, „ich bin hier vor Eurem Richterstuhl und in Eurer Gewalt. Dennoch wage ich Euch zu sagen, daß ein Tier an einer Krankheit sterben kann wie ein Mensch, trotz des Beistandes der Chirurgen und Ärzte. Und ich schwöre beim allerhöchsten Herrn Christus, der gern bereit war, für unsere Sünden am Kreuze zu sterben, daß ich dieser Kuh nichts antun wollte, sondern vielmehr sie durch einfache Mittel heilen.“

Da sagte der Schöffe wütend:

„Diese Teufelsdirne soll nicht unaufhörlich leugnen. Bringt sie auf eine andere Folterbank!“

Und er trank ein großes Glas Branntwein.

Der Henker setzte Katheline auf den Deckel eines Sarges von Eichenholz, welcher auf Holzböcken ruhte. Besagter Deckel in Form eines Daches war scharf wie eine Klinge. Im Kamin brannte ein großes Feuer, denn es war im Monat November. Da Katheline auf dem Sarge und auf einem Spieß von spitzem Holze saß, ward sie mit zu engen Schuhen aus frischem Leder bekleidet und vor das Feuer geschoben. Als sie fühlte, wie das schneidende Holz des Sarges und der spitze Spieß in ihr Fleisch drang und die Glut das Leder ihrer Schuhe erhitzte und zusammenzog, schrie sie:

„Ich leide tausend Schmerzen! Wer gibt mir schwarzes Gift?“

„Rückt sie näher ans Feuer“, gebot der Schöffe.

Dann befragte er Katheline:

„Wie oft bist Du auf einem Besen zum Hexensabbat geritten? Wie oft hast Du das Korn in der Ähre, die Frucht auf dem Baum, das Ungeborne im Mutterleibe zu Grunde gerichtet? Wie oft hast du aus zwei Brüdern geschworne Feinde und aus zwei Schwestern Nebenbuhlerinnen voll Haß gemacht?“

Katheline wollte sprechen, doch sie vermochte es nicht, und bewegte die Arme, wie um nein zu sagen. Der Schöffe sagte darauf:

„Sie wird nicht eher sprechen, als bis sie am Feuer all ihr Hexenfett schmelzen fühlt. Rückt sie näher heran“.

Katheline schrie. Der Schöffe sprach zu ihr:

„Bitte Satan, daß er Dich kühle“.

Sie machte eine Bewegung, als sei sie willens, ihre Schuhe auszuziehen, die bei der Feuersglut rauchten.

„Bitte Satan, daß er Dir die Schuhe auszieht“, sprach der Schöffe.

Es schlug zehn Uhr, die Mittagszeit des Wüterichs; er ging mit dem Henker und dem Schreiber hinaus und ließ Katheline allein vor dem Feuer in der Folterkammer.

Um eilf Uhr kamen sie zurück und fanden Katheline steif und unbeweglich sitzend. Der Schreiber sprach:

„Mich deucht, sie ist tot.“

Der Schöffe befahl dem Henker, Katheline vom Sarge zu nehmen und ihr die Schuhe auszuziehen. Der Henker konnte sie nicht ausziehen und schnitt sie los. Kathelinens Füße kamen rot und blutend zum Vorschein.

Und der Schöffe, seiner Mahlzeit gedenkend, blickte sie an, ohne ein Wort zu sagen. Aber alsbald kam sie wieder zu sich und stürzte zu Boden, von wo sie sich aller Anstrengung zum Trotz nicht wieder erheben konnte.

Sie sprach zum Schöffen:

„Ehedem hast Du mich zum Weibe gewollt, nun aber sollst Du mich nicht mehr bekommen. Viermal drei, das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte ist der Ehemann“.

Und da der Schöffe sprechen wollte, sagte sie zu ihm:

„Sei still, er hört schärfer denn der Erzengel, der im Himmel die Herzschläge der Gerechten zählt. Warum kommst Du so spät? Viermal drei, das ist die heilige Zahl; er tötet, die mich begehren“.

Der Schöffe sagte:

„Sie empfängt den Teufel in ihrem Bette“.

„Sie redet irr wegen der Folterqualen“, sagte der Schreiber.

Katheline ward ins Gefängnis zurückgebracht. Drei Tage hernach, da das Schöffengericht sich in der „Vierschare“ versammelt hatte, ward Katheline nach Beratung zur Feuerstrafe verurteilt.

Der Henker und seine Büttel führten sie auf den großen Markt von Damm. Daselbst war ein Gerüst, auf welches sie stieg. Auf dem Platze standen der Profoß, der Herold und die Richter.

Die Trompeten des Stadtherolds erschallten dreimal, und dieser sagte zum Volke:

„Dieweil der Magistrat von Damm mit Jungfer Katheline Mitleid gehabt hat, so hat er nicht gemäß der äußersten Strenge des städtischen Gesetzes sie bestrafen wollen. Um aber bekannt zu geben, daß sie eine Hexe ist, sollen ihre Haare verbrannt werden; auch soll sie zwanzig Goldkarolus Buße zahlen und auf drei Jahre aus dem Weichbild von Damm verbannt werden, bei Gefahr, ein Glied ihres Körpers zu verlieren.“

Und das Volk begrüßte diese rauhe Milde mit Beifall. Danach band der Henker Katheline am Pfahle fest, setzte eine Perücke von Werg auf ihren geschorenen Kopf und steckte sie an. Das Werg brannte lange und Katheline schrie und weinte.

Dann wurde sie losgebunden und auf einem Karren aus dem Weichbild von Damm gefahren; denn ihre Füße waren verbrannt.

Zur selbigen Zeit war Ulenspiegel in Herzogenbusch in Brabant, und etliche Herren der Stadt begehrten ihn zu ihrem Narren. Er aber schlug diese Würde aus und sprach: „Ein wallender Pilger kann nicht an einem Orte Narretei treiben, sondern nur in Herbergen und auf Straßen.

Zur selbigen Zeit kam Philipp, welcher König von Engelland war, seine künftigen Erblande Flandern, Brabant, Hennegau, Holland und Seeland zu besuchen. Er war dazumal im neunundzwanzigsten Jahre seines Alters. In seinen graugrünen Augen wohnte bittere Melancholie, scheue Verstecktheit und grausame Entschlossenheit. Kalt war sein Antlitz, starr sein mit falben Haaren bedeckter Kopf, und steif war auch sein magerer Leib und seine gebrechlichen Beine; seine Sprache war langsam und schwerfällig, wie wenn er Wolle im Munde gehabt hätte.

Inmitten von Turnieren, Lanzenstechen und Festen besuchte er das frohgemute Herzogtum Brabant, die reiche Grafschaft Flandern und seine andern Herrschaften. Allerorten schwur er die Privilegien zu bewahren; doch da er zu Brüssel einen Schwur auf das Evangelium tat, die güldene Bulle von Brabant zu achten, krampfte sich seine Hand so heftig zusammen, daß er sie von dem heiligen Buch zurückziehen mußte.

Er begab sich nach Antwerpen, allwo man zu seinem Empfange dreiundzwanzig Triumphbögen machte. Die Stadt gab zweihundert siebenundachtzig tausend Gülden aus, um diese Bögen zu bezahlen, desgleichen die Anzüge von achtzehnhundert und neunundsiebzig Kaufleuten, alle in karmoisinroten Sammet gekleidet. Desgleichen für die reiche Livrei von vierhundert und sechzehn Lakaien und den prächtigen seidenen Aufputz von viertausend gleichgekleideten Bürgern. Manches Festspiel ward von den Schülern aller Städte der Niederlande oder nahezu aller aufgeführt.

Allda sah man mit ihren Narren und Närrinnen den Fürsten der Liebe von Tournay auf einer Sau mit Namen Astarte reitend; den König der Toren von Lille, so ein Pferd am Schwanz führte und hinterdrein ging; den Fürsten der Lust von Valenciennes, so zu seiner Kurzweil die Fürze seines Esels zählte, den Abt des Frohsinns von Arras, welcher Brüsseler Wein aus einer Flasche in Gestalt eines Breviers trank, und das war ein fröhlich Lesen. Desgleichen den Abt der wohlversorgten Töpfe aus Ath, welcher nur mit einem durchlöcherten Hemde und niedergetretenen Schuhen versorgt war; aber er hatte eine Wurst, damit er sich trefflich den Bauch versorgte. Desgleichen den Propst der Leichtfertigen Brüder, einen jungen Fant, so auf einer furchtsamen Ziege ritt und ihretwegen manche Püffe erhielt, wenn er in die Menge trabte. Auch erblickte man allda den Abt von der Silberschüssel von Le Quesnoy, so auf einem Pferde ritt und tat, als ob er in einer Schüssel säße, und dabei sagte: „Es ist kein Tier so groß, daß Feuer es nicht braten könnte.“

Und sie trieben allerhand unschuldige Narretei, aber der König blieb traurig und düster.

Desselbigen Abends versammelten sich der Markgraf von Antwerpen, die Bürgermeister, Hauptleute und Ältesten, um irgend ein Spiel zu ersinnen, das König Philipp zum Lachen brächte.

Der Markgraf sprach:

„Habet Ihr nicht von einem gewissen Pierkin Jakobsen reden hören, dem Narren der Stadt Herzogenbusch, gar berühmt für seine Schwänke?“

„Freilich“, sagten sie.

„Wohlan,“ sprach der Markgraf, „entbieten wir ihn hierher, auf daß er etwelchen geschickten Streich verübe, sintemalen unser Narr Blei in den Schuhen hat.“

„Entbieten wir ihn hierher“, meinten sie.

Da der Bote von Antwerpen nach Herzogenbusch kam, ward ihm gesagt, daß der Narr Pierkin am zuvielen Lachen verendet wäre, daß aber ein andrer durchreisender Narr in der Stadt wäre, namens Ulenspiegel. Der Bote suchte ihn in einer Schenke auf, wo er ein Gericht von Muscheln aß und einem Mägdlein von den Schalen einen Panzer machte.

Ulenspiegel war entzückt, da er erfuhr, daß um seinetwillen der Gemeindekurier von Antwerpen auf einem so schönen Ambachter Rosse geritten sei und noch ein anderes am Zügel führte.

Ohne abzusteigen, fragte ihn der Kurier, ob er einen neuen Schelmenstreich zu erfinden wisse, um König Philipp zum Lachen zu bringen.

„Ich habe einen Anschlag unter meinen Haaren“, erwiderte Ulenspiegel.

Sie ritten von dannen. Die beiden Pferde liefen mit verhängtem Zügel und trugen Ulenspiegel und den Kurier nach Antwerpen.

Ulenspiegel trat vor den Markgrafen, die beiden Bürgermeister und die von der Gemeine.

„Was gedenkst du zu tun?“ fragte ihn der Markgraf.

„In die Luft zu fliegen“, erwiderte Ulenspiegel.

„Wie wirst du das anstellen?“ fragte der Markgraf.

„Wißt ihr, was noch weniger wert ist als eine geplatzte Blase?“ fragte Ulenspiegel.

„Das weiß ich nicht“, sprach der Markgraf.

„Es ist ein verratenes Geheimnis.“

Indessen ritten die Herolde der Spiele auf ihren schönen Rossen, so mit karmoisinrotem Sammet aufgezäumt waren, durch alle großen Straßen, Plätze, Kreuzwege und bliesen die Trompete und schlugen die Trommel. Solchergestalt verkündeten sie den „Signorkes“ und „Signorkinnes“, daß Ulenspiegel, der Narr von Damm, am Ufer der Schelde in die Luft fliegen würde und daß König Philipp und seine hohe, erlauchte und ansehnliche Gesellschaft auf einer Estrade gegenwärtig sein würden.

Der Estrade gegenüber stand ein Haus in italienischer Bauart; längs des Daches lief eine Wasserrinne. Ein Bodenfenster öffnete sich nach der Dachrinne. An diesem Tage ritt Ulenspiegel auf einem Esel durch die Stadt, und ein Diener zu Fuß lief ihm zur Seite. Ulenspiegel hatte das schöne Kleid von karmoisinroter Seide angelegt, welches ihm der hochwohllöbliche Gemeinderat gegeben hatte. Seine Kopfbedeckung war eine karmoisinrote Kapuze, an der zwei Eselsohren mit einer Schelle an jedem Ende zu sehen waren. Er trug eine Halskette von kupfernen Medaillen, darauf in getriebener Arbeit das Wappen von Antwerpen zu sehen war. An den Ärmeln des Wamses klingelte eine vergüldete Schelle an den Spitzen der Ellenbogen. Er trug Schuhe mit vergüldeten Stelzen und oben an den Stelzen eine Schelle. Sein Esel hatte eine Schabracke von karmoisinroter Seide, und auf jedem Schenkel das Wappen von Antwerpen in echtem Golde gestickt.

Der Knecht schwenkte in einer Hand einen Eselskopf und in der andern einen Zweig, an dessen Spitze eine Kuhglocke klingelte.

Ulenspiegel ließ seinen Knecht und sein Reittier auf der Straße und stieg in die Dachrinne. Allda schüttelte er seine Schellen und öffnete die Arme ganz weit, als ob er fliegen wollte. Dann, sich vor König Philipp verneigend, sprach er:

„Ich meinte, es sei kein Narr in Antwerpen denn ich. Nun seh ich, daß schier die ganze Stadt voll Toren ist. Und wenn Ihr mir alle sagtet, daß Ihr fliegen wolltet, ich glaubt’ es nicht, und Ihr glaubt mir als einem Toren. Wie sollt’ ich fliegen können; ich bin doch kein Vogel.“

Die einen lachten, die andern fluchten, aber alle sagten:

„Der Narr spricht gleichwohl war.“

Aber König Philipp blieb unbeweglich wie ein König von Stein. Und die vom Gemeinderat sagten ganz leise unter sich:

„War nicht von Nöten, so große Feste für solch einen Sauertopf zu bereiten.“

Und sie gaben Ulenspiegel drei Gülden, und er ging von hinnen, nachdem er ihnen wohl oder übel das Kleid von karmoisinroter Seide zurückgegeben hatte.

„Was sind drei Gülden in der Tasche eines jungen Gesellen denn ein Schneeball vor dem Feuer, oder eine volle Flasche, die vor Euch steht, Ihr weitschlündigen Trinker? Drei Gülden! Die Blätter fallen von den Bäumen und schlagen wieder aus, aber die Gülden wandern aus der Tasche und kehren nimmer zurück. Die Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die Gülden gleichermaßen, ob sie gleich zwei Esterling und neun As wiegen.“

Solches sagend betrachtete Ulenspiegel seine drei Gülden.

„Welch stolzer Anblick“, sprach er für sich. „Auf der Vorderseite Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert in der einen Hand und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, in der andern! Welch stolze Miene hat er! Er ist von Gottes Gnaden römischer Kaiser, König von Spanien usw. Er ist gar gnädig gegen unsre Lande, der gepanzerte Kaiser. Und hier auf der Rückseite ist ein Schild, darauf die Herzogs- und Grafenwappen all seiner Besitzungen eingestochen sind, mit der schönen Umschrift:Da mihi virtutem contra hostes tuos.Gib mir Tapferkeit gegen deine Feinde. / Wahrlich, er war tapfer gegen die Reformirten, die Vermögen haben, das eingezogen werden kann. Und er beerbt sie. Ach, wenn ich Kaiser Karl wäre, ich würde Gülden für jedermann prägen lassen, und wenn ein jeglicher reich wäre, so würde keiner mehr arbeiten.“

Aber Ulenspiegel hatte das Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war dahingegangen beim Klirren der Humpen und Flaschen.

Dieweil Ulenspiegel sich in karmoisinroter Seide auf der Dachrinne sehen ließ, hatte er nicht gemerkt, daß Nele unter dem Volke stand und ihn lächelnd anblickte. Sie wohnte dermalen in Borgerhout bei Antwerpen und dachte, wenn irgend ein Narr vor König Philipp fliegen wollte, so müßte es ihr Freund Ulenspiegel sein.

Da er sinnend auf der Straße wanderte, hörte er nicht das Geräusch rascher Schritte hinter sich, aber er fühlte zwei Hände, die sich flach auf seine Augen legten; und Nele witternd, sagte er:

„Du bist es?“

„Ja,“ sprach sie, „ich laufe hinter dir her, seit du aus der Stadt gegangen bist. Komm mit mir.“

„Aber“, fragte er, „wo ist Katheline?“

„Du weißt nicht, daß sie ungerecht als Hexe gefoltert und dann auf drei Jahre aus Damm verbannt ist, und daß sie ihr die Füße verbrannt und ihr Werg auf dem Kopfe entzündet haben. Solches sage ich Dir, auf daß Du nicht vor ihr erschrickst, denn sie ist durch das große Leiden irre geworden. Oft bringt sie ganze Stunden damit zu, ihre Füße anzusehen und zu sagen: „Hanske, mein süßer Teufel, sieh, was sie Deiner Liebsten getan haben.“ Und ihre armen Füße sind wie zwei Wunden. Dann weint sie und sagt: „Die andern Frauen haben einen Mann oder einen Liebsten, ich aber lebe wie eine Wittib in dieser Welt.“ Alsdann sage ich ihr, daß ihr Hanske Haß gegen sie fassen wird, wenn sie zu andern als zu mir von ihm spricht. Und sie gehorcht mir wie ein Kind, ausgenommen, wenn sie eine Kuh oder einen Ochsen, die Ursache ihrer Folter sieht. Dann entflieht sie in schnellem Lauf, und nichts hält sie auf, nicht Zäune, Flüsse noch Wasserläufe, bis sie an einem Wegeknick oder an der Mauer eines Gutshofes vor Erschöpfung umfällt. Ich gehe ihr nach, sie aufzuheben und ihr die Füße zu verbinden, die dann bluten. Und ich glaube, da man das Bündel Werg auf ihrem Kopfe verbrannte, hat man ihr auch das Hirn im Kopf verbrannt.“

Und beide waren betrübt, da sie Kathelines gedachten.

Sie kamen zu ihr und sahen sie auf einer Bank in der Sonne sitzen, an die Wand ihres Hauses gelehnt. Ulenspiegel sagte zu ihr:

„Erkennst du mich?“

„Viermal drei,“ sagte sie, „das ist die heilige Zahl, und der dreizehnte, das ist Therab. Wer bist Du, Kind dieser schlechten Welt?“

„Ich bin Ulenspiegel, der Sohn von Soetkin und Klas“, sprach er.

Sie erhob den Kopf und erkannte ihn; dann winkte sie ihm mit dem Finger und beugte sich zu seinem Ohre:

„So Du ihn siehst, dessen Küsse wie Schnee sind, sag ihm, daß er wiederkomme, Ulenspiegel.“

Dann zeigte sie auf ihre verbrannten Haare:

„Ich habe Schmerzen,“ sprach sie, „sie haben mir meinen Verstand genommen; aber wenn er kommen wird, so wird er mir den Kopf wieder füllen, der jetzo ganz leer ist. Hörst Du? Er tönt wie eine Glocke. Das ist meine Seele, die an die Tür pocht, um fortzugehen, weil es brennt. Wenn Hanske kommt und mir den Kopf nicht ausfüllen will, so werde ich ihm sagen, daß er mit einem Messer ein Loch hineinmache. Die Seele, die darinnen ist und immer pocht, um fortzugehen, die zerreißt mir grausam das Herz und ich werde sterben, ja. Und ich schlafe nie mehr und erwarte ihn immer, und er muß mir den Kopf ausfüllen, ja.“

Und sie sank in sich zusammen und ächzte.

Und die Bauern, die von den Feldern heimkehrten, um ihr Mittagmahl zu halten, dieweil sie die Glocke dazu rief, die gingen an Katheline vorüber und sagten:

„Seht, die Irre.“

Und sie bekreuzten sich.

Und Nele und Ulenspiegel weinten, und Ulenspiegel mußte seine Wallfahrt fortsetzen.

Zur Zeit seiner Pilgerfahrt nahm er Dienste bei einem gewissen Jobst mit dem Beinamen der Kwaebakker, der böse Bäcker, wegen seiner mürrischen Miene. Der Kwaebakker gab ihm als Nahrung drei altbackene Brote in der Woche und als Wohnung einen Verschlag unter dem Dache, allwo es trefflich regnete und wehte.

Da Ulenspiegel sah, daß er so schlecht behandelt ward, spielte er ihm unterschiedliche Streiche, darunter auch diesen. Wenn man in aller Frühe backt, muß das Mehl nachts gebeutelt werden. Eines Nachts nun, da der Mond schien, verlangte Ulenspiegel eine Kerze, damit er sehen könnte, und sein Meister gab ihm zur Antwort:

„Beutle das Mehl im Mondschein.“

Gehorsam beutelte Ulenspiegel das Mehl auf der Erde, da wo der Mond schien.

Um die Morgenstunde, da der Kwaebakker sehen wollte, welche Arbeit Ulenspiegel getan hätte, fand er ihn noch beutelnd und sagte zu ihm:

„Kostet das Mehl nichts mehr, daß man es jetzo auf der Erde beutelt?“

„Ich habe das Mehl im Mondschein gebeutelt, wie Ihr mich geheißen habt“, erwiderte Ulenspiegel.

Der Bäcker entgegnete:

„Du Esel, in einem Sieb mußtest Du das tun.“

„Ich glaubte, der Mond wäre ein Sieb, nach neuer Erfindung“, erwiderte Ulenspiegel. „Aber der Schade wird nicht groß sein, ich werde das Mehl aufheben.“

„Es ist zu spät, den Teig anzurühren und zu backen,“ erwiderte der Kwaebakker.

Ulenspiegel antwortete:

„Baas, der Teig des Nachbars in der Mühle ist fertig. Soll ich ihn holen gehen?“

„Geh zum Galgen und suche, was dort zu finden ist“, antwortete der Kwaebakker.

„Ich werde hingehen, Baas.“

Er lief zum Galgenfeld und fand dort eine verdorrte Diebeshand, die trug er zum Kwaebakker und sprach:

„Hier ist eine glorreiche Hand, welche alle unsichtbar macht, die sie tragen. Willst Du nunmehr Deine schlechte Gemütsart verbergen?“

„Das will ich dem Bürgermeister klagen,“ erwiderte der Kwaebakker, „und Du sollst sehen, daß Du meines Herren Gericht bestohlen hast.“

Da sie nun zu zweit vor den Bürgermeister traten und der Bäcker den Rosenkranz von Ulenspiegels Missetaten herbeten wollte, sah er, daß dieser die Augen weit aufriß. Darob ward er so zornig, daß er vergaß, was er klagen wollte, und zu ihm sprach:

„Was willst Du?“

Ulenspiegel erwiderte:

„Du hast mir gesagt, Du wolltest mich solcherart anklagen, daß ich sehen sollte. Ich suche zu sehen, und deshalb schaue ich so.“

„Geh mir aus den Augen“, schrie der Bäcker.

„Säß’ ich Euch in den Augen,“ erwiderte Ulenspiegel, „so müßt’ ich Euch aus den Nasenlöchern kriechen, wenn Ihr die Augen zutätet.“

Da der Bürgermeister sah, daß heute Hirngespinnste feil seien, wollte er sie nicht anhören. Ulenspiegel und der Kwaebakker gingen mitsammen hinaus; der Bäcker erhub seinen Stock wider ihn, aber Ulenspiegel wich ihm aus und sagte:

„Baas, da mein Mehl mit Schlägen gebeutelt wird, nimm Du die Kleie davon: das ist Dein Zorn. Ich behalte das feinste Mehl zurück, das ist mein fröhlicher Sinn.“

Dann zeigte er ihm die Kehrseite:

„Und dies“, fügte er hinzu, „ist das Loch des Backofens, wenn Du backen willst.“

Der wallfahrende Ulenspiegel wäre gern Straßenräuber geworden, aber er fand die Steine zum Tragen zu schwer.

Er wanderte auf gut Glück auf der Straße nach Audenaerde, wo sich dermalen eine Garnison flämischer Reiter befand; die hatten Befehl, die Stadt wider die französischen Streifscharen zu verteidigen, die das Land gleich Heuschrecken verheerten.

Der Hauptmann der Reiter war ein Friese von Geburt, des Namens Kornhuin. Auch diese durchstreiften das platte Land und plünderten das Volk, also daß es, wie bräuchlich, von beiden Seiten aufgefressen ward.

Alles war ihnen recht, Hühner, Küken, Enten, Tauben, Kälber und Schweine. Eines Tages, da sie mit Beute beladen zurückkehrten, gewahrten Kornhuin und sein Leutnant am Fuß eines Baumes Ulenspiegel schlafend und von Fleischgerichten träumend.

„Was tust Du, um zu leben?“ fragte Kornhuin.

„Ich sterbe vor Hunger“, antwortete Ulenspiegel.

„Was ist Dein Handwerk?“

„Wegen meiner Sünden wallfahrten, die anderen arbeiten sehen, auf dem Seil tanzen, die hübschen Gesichter abkonterfeien, Messergriffe schnitzen, den Rommelpot spielen und die Trompete blasen.“

Wenn Ulenspiegel so kecklich vom Trompeten sprach, so war es, weil er erfahren hatte, daß die Stelle des Wächters vom Schlosse Audenaerde erledigt sei durch den Tod eines alten Mannes, welcher dieses Amt bekleidet hatte.

Kornhuin sagte zu ihm:

„Du sollst Turmbläser sein.“

Ulenspiegel folgte ihm und ward auf dem höchsten Turme der Wälle in eine Warte einquartiert, die von allen vier Winden wohl durchlüftet war, ausgenommen vom Südwind, der dort nur mit einem Flügel wehte. Es ward ihm anbefohlen, die Trompete zu blasen, sobald er den Feind anrücken sähe und dieserhalb den Kopf frei zu halten und immer klare Augen zu haben. Zu dem Ende würde man ihm nicht zuviel zu essen noch zu trinken geben.

Der Hauptmann und sein Kriegsvolk blieben im Turm und hielten den ganzen Tag Gelage auf Kosten des Landes. Da ward mehr als ein Kapaun geschlachtet und aufgefressen, dessen einziges Verbrechen sein Fett war. Ulenspiegel, der allzeit vergessen ward und sich an seiner mageren Suppe genügen lassen mußte, ergötzte sich nicht am Dufte der Saucen. Die Franzosen kamen und raubten viel Vieh, Ulenspiegel blies die Trompete nicht.

Kornhuin stieg zu ihm hinauf und fragte ihn:

„Warum hast Du nicht geblasen?“

„Ich spreche nicht das Gratias bei Eurem Essen“, sprach Ulenspiegel.

Am folgenden Tage befahl der Hauptmann ein großes Mahl für sich und seine Soldaten, aber Ulenspiegel ward wieder vergessen.

Sie wollten just zu schmausen anheben; Ulenspiegel blies die Trompete. Kornhuin und seine Soldaten wähnten, daß die Franzosen kämen, ließen Wein und Braten stehen, stiegen zu Pferde und ritten eilends zur Stadt hinaus; aber sie fanden auf dem Felde nichts als einen Ochsen, der stund in der Sonne und käute wieder. Sie führten ihn mit sich. Derweilen hatte Ulenspiegel sich mit Wein und Fleischspeisen angefüllt. Beim Eintreten sah ihn der Hauptmann, wie er lächelnd und mit schlotternden Beinen an der Tür der Festhalle stand, und sagte zu ihm:

„Das heißt den Verräter spielen, Alarm zu blasen, wann Du keinen Feind siehst, und nicht zu blasen, wann Du ihn siehst.“

„Herr Hauptmann,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich werde in meinem Turm solchermaßen von den vier Winden aufgebläht, daß ich oben schwimmen müßte wie eine Blase, hätte ich mich nicht durch Trompetenblasen erleichtert. Laßt mich jetzo henken oder ein ander Mal, wenn Ihr einer Eselshaut für Eure Trommeln bedürfet.“

Kornhuin ging, ohne ein Wort zu sagen.

Indessen kam nach Audenaerde die Kunde, daß der gnädige Kaiser Karl in fürnehmer Begleitung in diese Stadt einziehen wollte. Bei diesem Anlaß gaben die Schöffen Ulenspiegel eine Brille, auf daß er besser sehen könnte, wann Seine Heilige Majestät ankäme. Ulenspiegel sollte dreimal ins Horn stoßen, sobald er den Kaiser auf Luppeghem zukommen sähe, welches einer viertel Meile vom Burgtor ist.

Also würden die in der Stadt Zeit haben, die Glocken zu läuten, die Böllerschüsse zu lösen, die Braten in den Backofen zu schieben und die Zapfen in die Fässer zu stoßen.

Eines Tages um Mittag, da der Wind von Brabant kam und der Himmel klar war, sah Ulenspiegel auf der Straße, die nach Luppeghem führt, eine große Schar Reiter auf stolzen Rossen; die Federn ihrer Barette wallen im Winde. Etliche trugen Banner. Der, welcher stolz an der Spitze ritt, trug eine Mütze von Goldbrokat mit großen Federn. Er war in braunen Sammet gekleidet, die mit Brokatell besetzt war.

Ulenspiegel setzte seine Brille auf und sah, daß dies Kaiser Karl der Fünfte war, der denen von Audenaerde gestattete, ihm ihre besten Weine und ihre besten Braten vorzusetzen.

Die ganze Schar ritt sonder Eile und sog die frische Luft ein, welche den Hunger anreizt. Aber Ulenspiegel gedachte, daß sie gemeiniglich fetten Schmaus hielten und wohl einen Tag fasten könnten, ohne zu verscheiden. Also sah er sie kommen und stieß nicht ins Horn.

Lachend und schwätzend kamen sie näher, dieweil Seine Heilige Majestät in seinem Magen nachschaute, ob er Platz genug für das Gastmahl derer von Audenaerde hätte. Er schien erstaunt und ungnädig, daß keine Glocke läutete, seine Ankunft zu verkünden.

Indem kam ein Bauer eiligst angelaufen, um zu verkünden, daß er in der Umgegend eine französische Streifschar gesehen habe, welche auf die Stadt zu ritte, um darinnen alles zu verzehren und zu rauben. Bei dieser Rede schloß der Torwart das Tor und sandte einen Stadtknecht, damit er es den andern Torwächtern ansagte. Aber die Reiter zechten, ohne etwas zu wissen.

Seine Majestät kam immer näher, erzürnt, nicht Glocken, Kanonen und Büchsenschüsse läuten, donnern und knattern zu hören. Vergebens hielt er das Ohr hin. Er vernahm nichts als das Glockenspiel, das die halbe Stunde läutete. Er kam vor das Tor, fand es verschlossen und schlug mit der Faust dagegen, auf daß es geöffnet werde. Und die Herren seines Gefolges wurden zornig wie er und murrten scharfe Worte. Der Torwart, der droben auf den Wällen war, schrie ihnen zu, wenn sie nicht mit diesem Lärm aufhörten, so würde er sie mit einer Kartätschen begrüßen, auf daß sie ihre Ungeduld abkühlten.

Aber seine Majestät sprach voll Grimm:

„Du blindes Schwein, erkennst Du Deinen Kaiser nicht?“

Der Torwart erwiderte, daß die, so am mindesten den Schweinen gleichen, nicht immer am meisten vergüldet sein. Auch wisse er, daß die Franzosen ihrer Natur nach arge Spötter seien, sintemalen Kaiser Karl zur Stunde in Italien Krieg führte und nicht vor den Toren von Audenaerde stehen könne.

Darob schrieen Karl und die Ritter noch mehr und sagten:

„Wenn Du nicht öffnest, so werden wir Dich, auf eine Lanze gespießt, braten lassen. Und zuvor sollst Du Deine Schlüssel verschlucken.“

Bei dem Lärm, den sie vollführten, kam ein alter Kriegsmann aus dem Zeughaus und steckte die Nase über die Mauer.

„Torwart,“ sprach er, „Du täuschest Dich; „der da ist unser Kaiser. Ich erkenne ihn wohl, obwohl er gealtert ist, seit er Maria von der Gheynst von hier nach dem Schlosse Ballaing brachte.“

Der Torwart fiel vor Schreck mausetot um, der Soldat nahm ihm die Schlüssel ab und ging, die Tür zu öffnen.

Der Kaiser fragte, warum man ihn so lange hätte warten lassen. Da der Soldat es ihm vermeldet hatte, befahl Seine Majestät ihm, das Tor wieder zu schließen und die Reiter von Kornjuin vor ihn zu bringen. Denen gebot er, vor ihm her zu reiten, die Trommeln zu rühren und die Pfeifen zu blasen.

Bald erwachten die Glocken, eine nach der andern, um mit allen Kräften zu läuten. So eingeführt, kam Seine Majestät mit kaiserlichem Getöse auf den Großen Markt. Die Bürgermeister und Schöffen waren allda versammelt; der Schöffe Jan Guigelaer trat bei dem Lärm hinaus, kehrte in den Sitzungssaal zurück und sagte:

„Keyser Karel is alhier.“

Voll Schreckens ob dieser Kunde traten Bürgermeister, Schöffen und Räte aus dem Rathaus, umin corporeden Kaiser zu begrüßen, dieweil ihre Diener durch die ganze Stadt liefen, um die Böllerschüsse anzusagen, das Geflügel ins Feuer und die Bratspieße in die Oefen zu schieben. Männer, Frauen und Kinder liefen herum und schrieen: „Keyser Karel is op’t groot marckt.“

Alsbald war viel Volks auf dem Platze. Der Kaiser, höchst ergrimmt, fragte die beiden Bürgermeister, ob sie nicht gehenkt zu werden verdienten, maßen sie solcherart an Ehrfurcht vor ihrem Herrscher ermangelt hätten.

Die Bürgermeister antworteten, daß sie es wahrlich verdienten, aber daß Ulenspiegel, der Turmbläser, es noch mehr verdiente, sintemalen man ihn auf die Kunde von der Ankunft seiner Majestät mit einer guten Brille versehen und dort angestellt habe, mit ausdrücklichem Befehl, dreimal ins Horn zu stoßen, sobald er den kaiserlichen Zug kommen sähe. Er aber hätte nichts dergleichen getan.

Der Kaiser, immer noch zornig, verlangte, daß man Ulenspiegel vor ihn führte.

„Weshalb,“ sprach er zu ihm, „hast Du bei meiner Ankunft nicht die Trompete geblasen, da Du doch eine so scharfe Brille hast?“

So sprechend, hielt er der Sonne wegen die Hand über die Augen und blickte Ulenspiegel an.

Dieser hielt gleichermaßen die Hand über die Augen und sagte, er habe sich der Brille nicht mehr bedienen wollen, seit er bemerkt habe, wie seine Majestät durch die Finger sähe.

Der Kaiser sagte ihm, daß er gehenkt werden solle; der erste Stadtwächter sagte, das sei wohlgetan, und die Bürgermeister waren über dies Urteil so in Schrecken versetzt, daß sie kein Wort erwiderten, weder um es zu billigen, noch um Einspruch zu tun.

Der Henker und seine Büttel wurden entboten. Sie kamen mit einer Leiter und einem neuen Strick und packten Ulenspiegel am Kragen. Der schritt vor den hundert Reitern von Kornjuin einher, hielt sich ruhig und sagte seine Gebete. Aber jene verhöhnten ihn aufs bitterste.

Das Volk, welches hinterher ging, sagte:

„Es ist eine gar große Grausamkeit, einen armen Jungen um eines so leichten Fehls willen umzubringen.“

Und die Weber waren bewaffnet und in großer Zahl und sagten:

„Wir werden nicht zulassen, daß Ulenspiegel gehenkt wird; das ist gegen das Gesetz von Audenaerde.“

Derweilen kam man auf den Galgenacker. Ulenspiegel ward die Leiter hinaufgeführt und der Henker legte ihm den Strick um den Hals. Die Weiber drängten sich um den Galgen. Der Profoß war zu Roß und stützte die Rute der Gerechtigkeit, womit er auf des Kaisers Befehl das Zeichen zur Hinrichtung geben sollte, auf den Bug seines Pferdes.

Das ganze versammelte Volk schrie:

„Gnade, Gnade für Ulenspiegel!“

Ulenspiegel sagte auf seiner Leiter:

„Erbarmen, gnädiger Kaiser!“

Der Kaiser hob die Hand und sagte:

„Wenn dieser Taugenichts mich um etwas bittet, das ich nicht tun kann, so soll er mit dem Leben davonkommen.“

„Rede, Ulenspiegel“, schrie das Volk.

Und die Frauen weinten und sagten:

„Er wird um nichts bitten können, der arme Junge, denn der Kaiser vermag alles.“

Und alle riefen zumal:

„Rede, Ulenspiegel!“

„Heilige Majestät,“ sagte Ulenspiegel, „ich bitte Euch nicht um Geld noch Gut, noch um mein Leben, sondern allein um etwas, um das, wenn ich es zu sagen wage, Ihr mich nicht peitschen, noch rädern lasset, ehe ich ins Land der Seelen gehe.“

„Ich verspreche es Dir“, sagte der Kaiser.

„Majestät,“ sprach Ulenspiegel, „ich bitte, daß Ihr kommt, den Mund zu küssen, mit dem ich nicht vlämisch spreche, ehe ich gehenkt werde.“

Der Kaiser lachte wie alles Volk und sagte:

„Ich kann nicht tun, um was Du bittest, und Du sollst nicht gehenkt werden, Ulenspiegel.“

Aber er verurteilte die Bürgermeister und Schöffen, sechs Monde lang Brillen hinten am Kopf zu tragen.

„Auf daß die von Audenaerde,“ sagte er, „wenn sie vorn nicht sehen können, wenigstens hinten sehen mögen.“

Und nach Kaiserlicher Verordnung ist diese Brille noch heute im Wappen der Stadt zu sehen.

Und Ulenspiegel ging bescheiden von dannen, mit einem kleinen Beutel voll Geld; den hatten ihm die Frauen gegeben.

Da Ulenspiegel in Lüttich auf den Fischmarkt kam, folgte er einem dicken Burschen, der unter einem Arme ein Netz mit aller Art von Geflügel trug und ein anderes mit Schellfisch, Forellen, Aalen und Hechten anfüllte.

Ulenspiegel erkannte Lamm Goedzak.

„Was tust Du hier, Lamm?“ fragte er.

„Du weißt, wie sehr die Vlämen in diesem freundlichen Lande Lüttich willkommen sind. Ich gehe hier meiner Liebe nach. Und du?“

„Ich suche einen Herrn, dem ich um Brot dienen könnte“, erwiderte Ulenspiegel.

„Das ist eine gar trockene Nahrung. Besser wärs, Du ließest einen Rosenkranz von Fettammern, mit einem Krammetsvogel als Kredo daran, von der Schüssel in den Mund gleiten.“

„Bist Du reich?“ fragte Ulenspiegel.

Lamm Goedzak erwiderte:

„Ich habe Vater, Mutter und meine junge Schwester verloren, welche mich so heftig schlug; ich werde ihr Hab und Gut erben. Ich lebe mit einer einäugigen Magd, welche eine große Meisterin in Frikassees ist.“

„Soll ich Dir Deine Fische und Dein Geflügel tragen?“ fragte Ulenspiegel.

„Ja,“ sagte Lamm Goedzak.

Sie schlenderten selbander über den Markt.

Plötzlich sagte Lamm:

„Weißt Du, warum Du ein Narr bist?“

„Nein“, gab Ulenspiegel zurück.

„Weil Du Fisch und Geflügel in der Hand trägst, anstatt sie im Magen zu tragen.“

„Du hast es getroffen, Lamm,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber seit ich kein Brot mehr habe, wollen die Fettammern mich nicht mehr ansehen.“

„Du wirst deren essen, Ulenspiegel,“ sagte Lamm, „und mir dienen, wenn meine Köchin Dich haben will.“

Dieweil sie gingen, zeigte Lamm dem Ulenspiegel ein schönes, artiges, zierliches Mägdlein, in Seide gekleidet, das über den Markt trippelte und Lamm mit sanften Augen anblickte. Ein alter Mann, ihr Vater, ging hinter drein mit zwei Netzen, einem mit Fischen und einem andern mit Wildbret.

„Die da“, sagte Lamm, auf sie weisend, „mache ich zu meiner Frau.“

„Ja,“ sagte Ulenspiegel, „ich kenne sie. Es ist eine Vlamländerin aus Zotteghem, sie wohnt Rue Vinave d’Isle, und die Nachbarn sagen, daß ihre Mutter an ihrer Statt vor dem Hause die Straße kehrt und daß ihr Vater ihre Hemden bügelt.“

Doch Lamm antwortete und sagte gar erfreut:

„Sie hat mich angeblickt.“

Sie kamen beide zu Lamms Haus bei der Bogenbrücke und klopften an die Tür. Eine einäugige Magd kam, ihnen zu öffnen. Ulenspiegel sah, daß sie alt, lang, hager und mürrisch war.

„La Sanginne,“ sagte Lamm zu ihr, „magst Du diesen, um Dir bei der Arbeit zu helfen?“

„Ich werde ihn auf Probe nehmen“, sagte sie.

„So nimm ihn,“ sagte er, „und laß ihn die Freuden Deiner Kochkunst kosten.“

La Sanginne setzte alsbald drei Blutwürste, eine Kanne Kräuterbier und einen großen Laib Brot auf den Tisch.

Dieweil Ulenspiegel aß, knabberte Lamm auch an einer Wurst.

„Weißt Du,“ fragte er, „wo unsre Seele wohnt?“

„Nein, Lamm“, sagte Ulenspiegel.

„Sie ist in unserm Magen,“ versetzte Lamm, „um ihn unablässig auszuhöhlen und in unserm Körper immerdar die Lebenskraft zu erneuern. Und welches sind die besten Gesellschafter? Das sind alle guten und feinen Gerichte, und Wein von der Maas obendrein.“

„Ja“, sagte Ulenspiegel, „Würste sind eine angenehme Gesellschaft für die einsame Seele.“

„Er will noch mehr, gib ihm noch mehr, la Sanginne“, gebot Lamm.

Sie gab Ulenspiegel diesmal Weißwürste.

Während er sich vollstopfte, ward Lamm nachdenklich und sprach:

„Wenn ich sterbe, wird mein Bauch mit mir sterben, und da unten im Fegefeuer wird man mich fasten und meinen schlaffen, leeren Bauch herumtragen lassen.“

„Die schwarzen schienen mir besser“, sprach Ulenspiegel.

„Du hast ihrer sechse gegessen,“ versetzte la Sanginne, „und mehr bekommst Du nicht.“

„Du weißt,“ sagte Lamm, „daß Du hier einen guten Dienst haben und so gut essen wirst wie ich.“

„Das Wort werde ich mir merken“, entgegnete Ulenspiegel.

Da Ulenspiegel sah, daß er dasselbe Essen bekam, war er glücklich. Die verschluckten Würste gaben ihm solchen Mut, daß er an diesem Tage alle Kessel, Pfannen und Töpfe putzte, also daß sie wie Sonnen glänzten.

Da sichs in diesem Hause gut lebte, so ging er beständig in Keller und Küche; den Boden aber ließ er den Katzen. Eines Tages hatte la Sanginne zwei Hühner zu braten und hieß Ulenspiegel den Bratspieß drehen, dieweil sie zu Markte ging, um allerlei Kräuter zur Würze zu holen.

Da die beiden Hühner gebraten waren, verzehrte Ulenspiegel das eine.

Wie nun la Sanginne zurückkam, sagte sie:

„Der Hühner waren doch zwei; ich sehe nur noch eins.“

„Frau, tut Euer anderes Auge auf, so sehet Ihr sie alle beide“, versetzte Ulenspiegel.

Ganz erbost ging sie zu Lamm Goedzak und meldete ihm das Vorgefallene.

Lamm ging in die Küche hinunter und sprach zu Ulenspiegel:

„Was hast Du meiner Magd zu spotten? Es waren zwei Hühner da.“

„Freilich, Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „aber da ich hier in Dienst trat, sagtest Du mir zu, daß ich so gut essen und trinken sollte wie Du. Zwei Hühner waren da, eins habe ich gegessen und Du wirst das andere essen. Meine Freude ist vorüber, die Deine wird erst kommen, bist Du nicht glücklicher als ich?“

„Ja,“ erwiderte Lamm lächelnd, „aber tue ganz, wie la Sanginne Dich heißen wird, dann wirst Du nur halbe Arbeit haben.“

„Ich werde darauf achten,“ sprach Ulenspiegel.

Und allemal, wenn la Sanginne ihn etwas tun hieß, tat er es nur halb. Wenn sie ihm befahl, zwei Eimer Wassers zu holen, so brachte er nur einen. Trug sie ihm auf, einen Krug Kräuterbier aus dem Faß zu füllen, so goß er die Hälfte unterwegs in seine Kehle, und so mit allem.

Endlich war la Sanginne dieser Ränke überdrüssig und sagte zu Lamm, wenn dieser Taugenichts noch länger im Hause bliebe, so liefe sie fort.

Lamm ging zu Ulenspiegel hinunter und sprach zu ihm:

„Du mußt abziehen, mein Sohn, ungeachtet Du in diesem Hause ein gesundes Aussehen bekommen hast. Hör den Hahn krähen! Es ist zwei Uhr nachmittags: das bedeutet Regen. Lieber wäre mir, Dich bei dem kommenden Unwetter nicht vor die Tür zu setzen. Aber bedenke mein Sohn, daß la Sanginne durch ihre Frikassees mir das Leben erhält; ich kann nicht zugeben, daß sie mich verläßt, ohne einen nahen Tod zu gewärtigen. Darum geh, mein Junge, mit Gottes Segen und nimm, Deinen Weg zu erheitern, diese drei Gülden und diesen Rosenkranz von Schlackwürsten mit.“

Ulenspiegel ging betrübt von dannen, voller Sehnsucht nach Lamm und nach seiner Küche.

Der Reifmond kam nach Damm und andern Orten; aber der Winter zauderte. Nicht Schnee, noch Regen, noch kalte Luft; die Sonne schien vom Morgen bis zum Abend und ward nicht blasser. Die Kinder wälzten sich im Staub auf den Gassen und Wegen. Zur Feierstunde nach dem Abendbrot traten die Kaufleute, Krämer, Goldschmiede, Wagner, und Handwerker vor ihre Türen, schauten nach dem allzeit blauen Himmel, den Bäumen, deren Blätter nicht abfielen, den Störchen, die auf dem Dachfirst standen, und den Schwalben, die nicht fortzogen. Die Rosen hatten dreimal geblüht und trugen zum vierten Mal Knospen. Die Nächte waren lau, und die Nachtigallen sangen ohn Unterlaß.

Die von Damm sprachen:

„Der Winter ist tot, laßt uns den Winter verbrennen.“ Und sie fertigten eine riesengroße Puppe, die eine Bärenschnauze, einen langen Bart von Hobelspähnen und einen dicken Scheitel von Flachs hatte, legten ihr weiße Kleider an und verbrannten sie mit großer Feierlichkeit.

Klas blies Trübsal und segnete weder den immer blauen Himmel noch die Schwalben, die nicht fortziehen wollten; denn keiner in Damm brannte Kohlen mehr, es sei denn zum Kochen, und da ein jeder genug hatte, ging er nicht zu Klas, welche zu kaufen. Klas aber hatte all seine Spargroschen ausgegeben, um seinen Vorrat zu bezahlen. Darum sagte der Kohlenträger, wenn er auf seiner Türschwelle stand und fühlte, wie seine Nasenspitze von einem herben Windhauch erfrischt ward: „Ah, da kommt mein Brot.“

Aber der frische Wind blies nicht stetig und der Himmel blieb immerdar blau, und die Blätter wollten nicht abfallen. Und Klas weigerte sich, seinen Wintervorrat dem geizigen Griepenstüver, dem Ältesten der Fischergilde, zum halben Preis zu verkaufen. Und bald mangelte es in der Hütte an Brot.

Aber König Philipp hatte keinen Hunger und verspeiste Leckereien bei seiner Gemahlin Maria der Häßlichen aus dem königlichen Hause der Tudor. Er liebte sie nicht von Herzen, hoffte aber dem engelländischen Volk einen spanischen Monarchen zu geben, indem er die Schwächliche befruchtete.

Ihn widerte vor dieser Verbindung, welche die eines Steines mit einer glühenden Kohle war. Jedoch vereinigten sie sich genugsam, um die armen Reformierten zu Hunderten ertränken und verbrennen zu lassen.

Wenn Philipp nicht von London entfernt noch verkleidet ausgegangen war, um sich in irgend einem verrufenen Haus zu ergötzen, vereinigte die Nachtstunde die beiden Gatten. Alsdann reckte sich die Königin Maria, mit schöner Leinwand von Tournay und irländischen Spitzen angetan, im Ehebett, dieweil Philipp steif wie ein Pfahl vor ihr stund und zusah, ob er an seinem Weibe nicht irgend ein Zeichen von Mutterschaft erblickte. Aber da er nichts sah, ward er zornig, blieb stumm und betrachtete seine Nägel.

Dann sprach die unfruchtbare Harpye zärtliche Worte und versuchte zu liebäugeln und den eisigen Philipp um Liebe zu bitten. Tränen, Geschrei und inständiges Flehen, nichts sparte sie, um eine lauwarme Liebkosung von ihm, der sie nicht liebte, zu erhalten. Vergebens warf sie sich mit gefalteten Händen ihm zu Füßen, vergebens lachte und weinte sie zugleich wie eine Verrückte, um ihn zu rühren. Nicht Lachen noch Tränen erweichten dies steinharte Herz. Vergebens umschlang sie ihn mit ihren mageren Armen wie eine verliebte Schlange und drückte den engen Käfig, darin die verkümmerte Seele des blutigen Königs wohnte, an ihre flache Brust; er rührte sich nicht mehr denn ein Prellstein.

Die arme Häßliche versuchte, anmutig zu sein, und nannte ihn mit allen süßen Namen, die Liebestolle dem erwählten Geliebten geben. Philipp betrachtete seine Nägel.

Manchmal antwortete er:

„Wirst Du keine Kinder bekommen?“

Bei dieser Rede sank Marias Haupt auf ihre Brust.

„Ist es meine Schuld, wenn ich unfruchtbar bin? Habe Mitleid mit mir, ich lebe wie eine Wittib.“

„Warum hast Du keine Kinder?“ fragte Philipp.

Da fiel die Königin wie zu Tode getroffen auf den Teppich. Sie hatte nur Tränen in den Augen, aber sie hätte Blut geweint, wenn sie gekonnt hätte, die Arme. Und also rächte Gott an den Henkern die Opfer, mit denen sie den Boden Engellands besäet hatten.

Es ging das Gerücht unter den Leuten, daß Kaiser Karl den Mönchen das freie Recht nehmen wollte, die, welche in ihrem Kloster starben, zu beerben. Solches mißfiel dem Pabst gar sehr. Ulenspiegel, der damals an den Ufern der Maaß war, gedachte, daß der Kaiser derart überall seinen Nutzen finden würde; denn er erbte, wenn die Familie nicht erbte. Er setzte sich an den Rand des Flusses und warf seine Angelschnur mit gutem Köder hinein. Dann knabberte er ein altes Stück Schwarzbrot, und es war ihm leid, daß er keinen Wein aus der Romagna hatte, um es anzufeuchten. Aber er gedachte, daß man nicht immer sein Vergnügen haben kann.

Indem warf er von seinem Brote ins Wasser und sagte bei sich: „Wer ißt und teilt sein Mahl mit dem Nächsten nicht, der ist des Essens nicht wert.“

Kam ein Gründling herbei, witterte einen Bissen, beleckte ihn mit seinen Lefzen und tat sein unschuldig Maul auf, denn er wähnte ohne Zweifel, daß das Brot von selbst hineinfallen würde. Dieweil er also in die Luft sah, ward er urplötzlich von einem heimtückischen Hecht verschlungen, der sich wie ein Pfeil auf ihn gestürzt hatte. Desgleichen tat der Hecht bei einem Karpfen, der Fliegen im Fluge fing, unbekümmert um die Gefahr. So wohl gesättigt, hielt er sich unbeweglich unter Wasser, das kleine Fischvolk verschmähend, welches überdies so schnell wie möglich von ihm fortschwamm. Während er sich so breit machte, siehe da kam unversehens mit gähnendem Rachen gar gefräßig ein hungriger Hecht herbei, der sich mit einem Satz auf ihn stürzte. Ein wütender Kampf entspann sich zwischen beiden und sie hieben mit den Mäulern aufeinander los wie unsterbliche Helden. Das Wasser ward rot von ihrem Blute. Der Hecht, der gespeist hatte, verteidigte sich schlecht gegen den, welcher nüchtern war. Der aber zog sich zurück, nahm einen Anlauf und schoß wie eine Kugel auf seinen Gegner, der ihn mit aufgesperrtem Rachen erwartete und seinen Kopf mehr denn halb verschlang. Er wollte ihn wieder los werden, konnte es aber nicht wegen seiner umgebogenen Zähne. Und alle beide zappelten jämmerlich.

So festgehakt, sahen sie die starke Angel nicht, die an einer seidenen Schnur befestigt, unten aus dem Wasser stieg und sich unter die Flosse des Hechtes, der gespeist hatte, bohrte. Sie zog ihn samt seinem Feind aus dem Wasser und warf alle beide kurzerhand auf den Rasen.

Indem er sie schlachtete, sagte Ulenspiegel:

„Ihr allerliebsten Hechte, seid Ihr nicht vielleicht Papst und Kaiser, die einander fressen, und bin ich nicht das Volk, welches in der Stunde, die Gott gibt, Euch alle beide in Euren Schlachten mit dem Haken erschnappt?“

Derweilen schweifte Katheline, welche Borgerhout nicht verlassen hatte, ohne Unterlaß in der Gegend umher und sagte immerdar:

„Hanske, mein Mann, sie haben mir Feuer auf dem Kopf angezündet; mach ein Loch hinein, daß die Seele hinaus kann. Ach, sie pocht alleweil und jeglicher Schlag ist stechender Schmerz.“

Und Nele pflegte sie in ihrem Wahnsinn und gedachte an ihrer Seite voller Harm ihres Freundes Ulenspiegel.

Und in Damm schnürte Klas seine Reisigbündel, verkaufte seine Kohle und gedachte manchesmal schwermütig, daß es noch lange währen möchte, bis Ulenspiegel, der Verbannte, in seine Hütte heimkehrte.

Soetkin stand den ganzen Tag am Fenster und schaute hinaus, ob sie ihren Sohn Ulenspiegel nicht kommen sähe.

Der aber war in der Gegend von Köln angelangt und fand, daß er zur Stunde Lust zum Gartenbau hatte. Et erbot sich, dem Jan von Zuursmoel als Knecht zu dienen, welcher Landsknechtshauptmann war. Der wäre auf ein Haar gehenkt worden aus Mangel an Lösegeld und hatte einen großen Graus vor dem Hanf, so auf vlämisch Hennep geheißen wird.

Eines Tages wollte Jan von Zuursmoel dem Ulenspiegel seine Arbeit weisen und führte ihn an das Ende seines Gartens; allda sahen sie einen Morgen Ackers, dem Garten benachbart, der ganz mit grünem Hanfe bepflanzt war.

Jan von Zuursmoel sprach zu Ulenspiegel:

„Jedes Mal, so Du dies häßliche Kraut siehest, mußt Du darauf sch....., denn es dient zu Rad und Galgen.“

„Ich werde es tun“, sprach Ulenspiegel.

Eines Tages saß Jan von Zuursmoel bei Tafel mit etlichen gefräßigen Freunden, da sprach der Koch zu Ulenspiegel.

„Geh in den Keller und holeSennep“, welches Senf ist.

Ulenspiegel hörte volle Tücke Hennep statt Sennep, sch... in den Senftopf im Keller und trug ihn zur Tafel auf, nicht ohne Lachen.

„Warum lachst Du?“ fragte Jan von Zuursmoel. „Meinst Du, unsere Nasen seien von Erz? Iß diesen Sennep selber, dieweil Du ihn angerichtet hast.“

„Ich esse lieber Rostbraten mit Zimmet“, antwortete Ulenspiegel.

Jan von Zuursmoel stand auf, um ihn zu schlagen.

„In diesen Senftopf“, sprach er, „ist gesch... worden.“

„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „gedenkt Ihr nicht mehr des Tages, da ich Euch bis ans Ende Eures Gartens gefolgt bin? Da sprachet Ihr, auf den Sennep weisend: ‚Überall, wo Du dies Kraut findest, sch.... darauf, denn es dient zu Galgen und Rad‘. Also tat ich, Herr, ich sch... darauf mit großer Verachtung. Züchtigt mich nicht für meinen Gehorsam.“

„Ich sagte Hennep, nicht Sennep“, schrie Jan von Zuursmoel gar wütend.

„Herr,“ antwortete Ulenspiegel, „Ihr sagtet Sennep, nicht Hennep.“

Also stritten sie sich lange Zeit. Ulenspiegel sprach demütiglich; Jan von Zuursmoel schrie wie ein Adler und warf Sennep, Hennep und ähnliche Worte durcheinander gleich einem verwirrten Seidengesträhne. Und die Gäste lachten wie Teufel und aßen Dominikanerkoteletten und Inquisitorennieren.

Ulenspiegel aber ward von Jan von Zuursmoel fortgejagt.

Ulenspiegel verdingte sich bei einem Schneider, der sagte zu ihm: „Wenn Du nähst, nähe so eng, daß ich die Stiche nicht sehe.“

Ulenspiegel kroch unter ein Faß und hub an, allda zu nähen.

„Das meinte ich nicht“, schrie der Schneider.

„Ich dränge mich in ein Faß; wie soll man die Stiche da sehen können?“ versetzte Ulenspiegel.

„Komm,“ sagte der Schneider, „setz Dich wieder auf den Tisch und näh die Stiche eng zusammen einen neben den andern und mach das Gewand wie diesen Wolf.“ Wolf aber war der Name für ein Bauernwamms.

Ulenspiegel nahm das Wamms, schnitt es in Stücke und nähte sie dergestalt zusammen, daß sie die Gestalt eines Wolfes hatten.

Da der Schneider dies sah, schrie er:

„Was zum Teufel hast Du gemacht?“

„Einen Wolf“, erwiderte Ulenspiegel.

„Du arger Schalk,“ erwiderte der Schneider, „ich hatte Dir freilich gesagt, einen Wolf, aber Du weißt, daß man ein Bauernwamms Wolf heißt.“

Nach einer Weile sagte er zu ihm:

„Gesell, wirf die Ärmel an diesen Rock, ehe Du schlafen gehst.“ Ulenspiegel hing den Rock an den Haken und brachte die ganze Nacht damit hin, die Ärmel daran zu werfen.

Der Schneider kam bei dem Lärm herzu:

„Taugenichts,“ sprach er zu ihm, „was für einen schlechten Streich spielst Du mir da wieder?“

„Ist das ein schlechter Streich?“ versetzte Ulenspiegel. „Sehet, ich habe diese Ärmel die ganze Nacht an den Rock geworfen, und sie sitzen noch nicht fest.“

„Das versteht sich,“ sprach der Schneider, „darum werf ich Dich auf die Straße; sieh zu, ob Du da besser festsitzest.“


Back to IndexNext