Als Ulenspiegel den Landgrafen von Hessen verließ, bestieg er seinen Esel, und da er über den Marktplatz kam, stieß er auf etliche ergrimmte Gesichter von Herren und Damen, aber das kümmerte ihn nicht.
Alsbald gelangte er in das Gebiet des Herzogs von Lüneburg; da traf er eine Schar Schelmenbrüder, lustige Vlamländer aus Sluys, die alle Samstag etliches Geld beiseite legten, um einmal im Jahre nach Deutschland zu reisen.
Sie fuhren singend ihres Weges, in einem ungedeckten Leiterwagen, gezogen von einem starken Pferd von Vuerne-Ambacht, das sie durch die Wege und Sümpfe des Herzogtums Lüneburg führte. Etliche unter ihnen spielten die Flöte, Fiedel und Bratsche oder den Dudelsack mit großem Getöse. Zur Seite des Wagens schritt mannigmal ein Dicksack, der den Rommelpot spielte und zu Fuß wanderte, in der Hoffnung, seinen Wanst zum Schmelzen zu bringen.
Da sie beim letzten Gülden angelangt waren, sahen sie Ulenspiegel auf sich zukommen, der mit klingender Münze belastet war; sie kehrten in eine Herberge ein und zahlten einen Trunk für ihn. Ulenspiegel ließ es sich gern gefallen. Da er jedoch sah, daß die Schelmenbrüder mit den Augen zwinkerten und lächelten, wenn sie ihm einschenkten, bekam er Wind von etwelchem Schabernack, ging hinaus und stellte sich an die Türe, um ihre Reden zu hören. Er hörte den Dicksack von ihm sagen:
„Das ist des Landgrafen Maler, dem er mehr als tausend Gülden für ein Gemälde gegeben hat. Laßt ihn uns festlich bewirten, er wird uns das Doppelte dafür wiedergeben.“
„Amen“, sprachen die andern.
Ulenspiegel ging und band seinen gesattelten Esel tausend Schritte von da bei einem Pächter an, gab einer Magd zwei Pfennig, um ihn zu hüten, trat wieder in die Wirtsstube und setzte sich an den Tisch der Schelmenbrüder, ohne ein Wort zu sagen. Diese schenkten ihm ein und zahlten die Zeche. Ulenspiegel ließ in seinem Mantelsack die Gülden des Landgrafen klingen und erzählte dabei, daß er seinen Esel einem Bauern für siebzehn Silbertaler verkauft hätte.
Sie reisten, aßen und tranken dabei, bliesen Flöte und Dudelsack und spielten den Rommelpot, und unterwegs lasen sie die Weiblein auf, die ihnen artig zu sein bedünkten. Solcherart erzeugten sie Herrgottskinder, sonderlich Ulenspiegel, dessen Gesellin nachmals einen Sohn hatte, den sie Eulenspiegelchen nannte, maßen die Schöne den Sinn des Namens von ihrem Zufallsmanne nicht wohl verstund, und vielleicht auch zum Andenken an die Stunde, darin der Knabe erzeugt ward. Und von diesem Eulenspiegelchen wird fälschlich gesagt, daß er zu Knetlingen im Lande Sachsen geboren ward.
Sie ließen sich von ihrem wackern Gaule ziehen und kamen eine Straße entlang, an deren Rande ein Dorf und ein Wirtshaus lag, das trug ein Schild „Zum Kessel“, und es drang ein lieblicher Duft von Fleischgerichten heraus.
Der Dicksack, der den Rommelpot spielte, ging zum Baas und sagte von Ulenspiegel:
„Das ist des Landgrafen Maler, er wird alles zahlen.“
Der Wirt betrachtete Ulenspiegels Miene, die gut war, und da er den Klang der Gülden und Taler vernahm, trug er zu essen und zu trinken auf. Ulenspiegel ließ sich nichts abgehen. Und immer klingelten die Taler in seiner Geldkatze, und mannigmal hatte er auch auf seinen Hut geschlagen und gesagt, daß darin sein größter Schatz wäre. Da nun das Gelage zwei Tage und zwei Nächte gewährt hatte, sprachen die Schelmenbrüder zu Ulenspiegel:
„Laßt uns aufbrechen und die Zeche zahlen.“
Ulenspiegel antwortete:
„Wenn die Ratte im Käse ist, verlangt es sie, fortzugehen?“
„Nein“, sagten sie.
„Und wenn der Mensch gut ißt und trinkt, sucht er dann den Staub der Straßen und das Wasser der Gräben, die voll von Blutegeln sind?“
„Nein,“ sagten sie.
„Wohlan,“ sprach Ulenspiegel weiter, „so laßt uns bleiben, solange meine Gülden und Taler uns als Trichter dienen, um Getränke in unsere Kehlen zu gießen.“
Und er hieß den Wirt noch mehr Wein und Wurst auftragen.
Während sie tranken und aßen, sprach Ulenspiegel:
„Ich bezahle, ich bin jetzo Landgraf. Was würdet Ihr tun, Kameraden, wenn meine Geldkatze leer wäre? Ihr würdet meinen Hut von weichem Filz nehmen und finden, daß er voll Karolus ist, sowohl im Boden als zwischen der Krempe.“
„Laß ihn uns befühlen“, sprachen sie alle mitsammen. Und seufzend fühlten sie darin zwischen den Fingern große Geldstücke, die den Umfang von Goldkarolus hatten. Einer von ihnen betastete ihn aber mit solcher Vertraulichkeit, daß Ulenspiegel ihn ihm wieder fortnahm und sagte:
„Du ungestümer Melker, man muß die Zeit zum Melken abwarten können.“
„Gib mir den halben Hut“, sprach der Schelmenbruder.
„Nein,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich will nicht, daß Du ein Narrenhirn bekommst, halb im Schatten und halb in der Sonne.“
Dann sprach er, seinen Hut dem Wirt gebend:
„Hebe Du ihn immerhin auf, denn er ist warm. Ich will mich draußen erleichtern.“
Er tat es und der Wirt behielt den Hut.
Alsbald verließ er die Herberge, ging zum Bauern, stieg auf seinen Esel und ritt im Trab auf der Straße, die nach Emden führt.
Da die Schelmenbrüder ihn nicht zurückkommen sahen, sprachen sie untereinander:
„Ist er davongegangen? Wer wird die Zeche zahlen?“
Den Baas packte die Furcht und mit einem Messer schnitt er Ulenspiegels Hut auf. Aber anstatt der Karolus fand er nichts darin zwischen Filz und Futter denn elende, kupferne Rechenpfennige.
Da ergrimmte er wider die Schelmenbrüder und sprach zu ihnen:
„Ihr Lumpenbrüder, Ihr werdet nicht von hinnen ziehen, Ihr lasset mir denn Eure Kleider samt und sonders, allein das Hemd ausgenommen.“
Und sie mußten sich alle entblößen, um ihre Zehrung zu zahlen. Und also zogen sie im Hemd über Berg und Tal, denn ihr Pferd und ihren Wagen hatten sie nicht verkaufen wollen.
Und ein jeglicher, der sie so erbärmlich sah, gab ihnen gern Brot zu essen, Bier und bisweilen auch Fleisch, denn sie erzählten überall, sie wären von Räubern ausgeplündert worden.
Und alle mitsammen hatten sie nur eine Hose.
Und also kamen sie im Hemde nach Sluys zurück, tanzten auf ihrem Wagen und spielten den Rommelpot.
Derweilen ritt Ulenspiegel auf Jefs Rücken durch das Land und die Sümpfe des Herzogs von Lüneburg. Die Vlamländer nennen diesen Herzog den Water-Signorke, dieweil immer feucht Wetter bei ihm ist.
Jef gehorchte Ulenspiegel gleich wie ein Hund, trank Braunbier, tanzte besser denn ein ungarischer Meister in der Kunst der Grazien, stellte sich beim leisesten Wink für tot und legte sich auf den Rücken.
Ulenspiegel wußte, daß der Herzog von Lüneburg gekränkt und erbost war, dieweil Ulenspiegel seiner zu Darmstadt vor dem Landgrafen von Hessen gespottet, und daß er ihm sein Land bei Strafe des Galgens verboten hatte. Plötzlich sah er Seine Herzogliche Hoheit in Persona daherkommen, und da er ihn als heftig kannte, ergriff ihn die Furcht. Er sprach zu seinem Esel:
„Jef, da kommt der hohe Herr von Lüneburg. Am Halse juckt mich ein Strick, wenn nur der Henker mich nicht kratzt. Jef, ich will gern gekratzt, aber nicht gehenkt werden. Gedenke, daß wir Genossen im Elend sind und beide lange Ohren haben; gedenke auch, welch guten Freund Du an mir verlörest.“
Und Ulenspiegel wischte sich die Augen, und der Esel hub an zu schreien.
Dann redete er weiter:
„Wir leben lustig oder traurig mitsammen, wie es der Zufall will; gedenkst Du daran, Jef?“ Der Esel fuhr fort zu schreien, denn er hatte Hunger. „Und Du wirst meiner nimmer vergessen können,“ sagte sein Herr, „denn welche Freundschaft wäre von Dauer, denn allein die, so über die nämlichen Freuden lacht und über die nämlichen Schmerzen weint? Jef, Du mußt Dich auf den Rücken legen.“
Der folgsame Esel gehorchte, und mit den vier Hufen in der Luft ward er vom Herzog erblickt. Ulenspiegel setzte sich hurtig auf seinen Bauch. Der Herzog trat zu ihm:
„Was machst Du da?“ fragte er. „Weißt Du nicht, daß ich durch meine letzte Kundgebung Dir bei Galgen und Strick verbot, Deinen staubigen Fuß in meine Lande zu setzen?“
Ulenspiegel antwortete:
„Gnädiger Herr, habt Erbarmen mit mir!“
Dann wies er auf seinen Esel.
„Ihr wisset wohl, daß nach Gesetz und Recht der allzeit frei ist, der in seinen vier Pfählen wohnt.“
Der Herzog versetzte:
„Geh aus meinen Landen, oder Du sollst sterben.“
„Euer Gnaden,“ erwiderte Ulenspiegel, „ein Gülden oder zwei würden mich schneller von dannen tragen.“
„Taugenichts,“ sprach der Herzog, „ist es an Deinem Ungehorsam nicht genug? Willst Du mich auch noch um Geld bitten?“
„Ich muß wohl, Herr, da ich Euch keins nehmen kann.“
Der Herzog gab ihm einen Gülden.
Darauf sprach Ulenspiegel zu seinem Esel:
„Jef, steh auf und grüße Seine Gnaden.“
Der Esel erhob sich und schrie aufs neue. Dann zogen beide von dannen.
Soetkin und Nele saßen an einem Fenster und blickten auf die Straße.
Soetkin sagte zu Nele:
„Herzchen, siehst Du nicht meinen Sohn Ulenspiegel kommen?“
„Nein,“ sprach Nele, „wir werden den schlimmen Landstreicher nicht wiedersehen.“
„Nele,“ sprach Soetkin, „Du mußt nicht bös auf ihn sein, sondern ihn beklagen, denn er ist fern von Hause der gute Junge.“
„Ich weiß es wohl,“ sprach Nele; „er hat ein andres Heim gar weit von hier, reicher als seins, wo irgend eine schöne Dame ihm sicherlich Obdach gibt.“
„Das wäre ein groß Glück für ihn,“ sagte Soetkin; „vielleicht wird er dort mit Fettammern gespeist.“
„Warum gibt man ihm nicht Steine zu essen: dann wäre er geschwind hier, der Nimmersatt!“ sagte Nele.
Da lachte Soetkin und fragte: „Woher kommt Dir dieser große Zorn, mein Herz?“
Aber Klas, der in tiefem Sinnen in einer Ecke Reisigbündel schnürte, sagte:
„Siehst Du nicht, daß sie in ihn vernarrt ist?“
„Ei, seht doch die durchtriebene Dirne,“ sprach Soetkin, „die mich nichts davon hat merken lassen. Ist es wahr, Liebchen, daß Du ihn möchtest?“
„Glaubet es nicht“, erwiderte Nele.
„Da wirst Du einen wackern Ehemann haben,“ sprach Klas, „mit großem Maul, leerem Bauch und langer Zunge, der die Gülden zu Hellern macht und nimmer einen Sou durch seine Arbeit verdient, der allezeit das Pflaster tritt und die Wege mit der Elle des Vaganten mißt.“
Aber Nele erwiderte, über und über rot und zornig:
„Warum habt Ihr nichts andres aus ihm gemacht?“
„Da haben wir’s, nun weint sie,“ sprach Soetkin; „schweig doch, Mann.“
Eines Tages kam Ulenspiegel gen Nürnberg und gab sich allda für einen großen Arzt und Obsieger aller Krankheiten aus, bewährt im Purgieren, berühmt fürs Bezwingen von Fiebern, vielgepriesen ob seiner Kunst, der Pest den Kehraus zu machen, und unüberwindlich im Geißeln der Krätze.
Im Spital gab es so viel Kranke, daß man nicht wußte, wo sie unterbringen. Da der Spittelmeister Ulenspiegels Ankunft erfuhr, ging er zu ihm und forschte ihn aus, ob es wahr wäre, daß er alle Krankheiten heilen könnte.
„Ausgenommen die letzte,“ erwiderte Ulenspiegel, „aber versprecht mir zweihundert Gülden für die Heilung aller andern, und ich will nicht einen Heller empfangen, so nicht alle Eure Kranken sagen, daß sie geheilt sind und das Spital verlassen.“
Des folgenden Tages ging er ins besagte Spital mit festem Blick und feierlicher Miene, wie ein Doktor. In den Siechenstuben nahm er jeden Kranken besonders und sprach zu ihm:
„Schwöre, keinem anzuvertrauen, was ich Dir ins Ohr sagen will. Was ist Dein Gebresten?“
Der Kranke nannte es ihm und schwur Stein und Bein, zu schweigen.
„Wisse,“ sprach Ulenspiegel, „daß ich einen unter Euch durch Feuer zu Pulver verbrennen muß; von diesem Pulver werd’ ich eine wunderbare Mixtur machen und sie allen Kranken zu trinken geben. Der, welcher nicht gehen kann, wird verbrannt werden. Morgen werde ich hierher kommen, mich mit dem Spittelmeister auf die Straße stellen und Euch alle herbeirufen, indem ich schreie: Wer nicht krank ist, schnüre seine Bündel und komme.“
Am Morgen kam Ulenspiegel und rief, wie er gesagt hatte. Alle Kranken, Lahmen, Hustenden, Fiebernden, mit Schleimflüssen Behafteten, wollten zugleich hinaus. Alle waren auf der Straße, selbst die, so seit zehn Jahren ihr Bett nicht verlassen hatten.
Der Spittelmeister fragte sie, ob sie geheilt wären und gehen könnten.
„Ja“, antworteten sie in dem Glauben, daß einer von ihnen im Hofe verbrannt würde.
Darauf sagte Ulenspiegel zum Spittelmeister:
„Bezahle mich, maßen sie Alle draußen sind und sich für geheilt erklären.“
Der Meister bezahlte ihm zweihundert Gülden und Ulenspiegel zog ab.
Doch am zweiten Tage sah der Meister seine Kranken in einem schlimmeren Zustand als zuvor wiederkommen, einen ausgenommen, den die frische Luft kuriert hatte und den man trunken in den Gassen fand, wie er sang: „Heil dem großen Doktor Ulenspiegel!“
Nachdem die zweihundert Gülden Reißaus genommen hatten, kam Ulenspiegel nach Wien, allwo er sich bei einem Wagner verdingte; der ließ seine Gesellen immer hart an, weil sie den Blasebalg der Schmiede nicht stark genug zogen.
„Holla,“ schrie er beständig, „folgt mit den Bälgen.“
Eines Tages, da der Meister in den Garten ging, macht Ulenspiegel den Blasebalg los, trägt ihn auf den Schultern davon und folgt seinem Meister nach. Da dieser sich verwundert, ihn so seltsam beladen zu sehen, spricht Ulenspiegel zu ihm:
„Meister, Ihr habt befohlen, Euch mit den Bälgen zu folgen. Wo soll ich ihn hintun, dieweil ich gehe, den andern zu holen?“
„Lieber Knecht,“ erwiderte der Meister, „ich meint’ es nicht also; geh und lege den Blasebalg wieder an seinen Ort.“
Indessen gedachte er, ihm diesen Streich heimzuzahlen. Fortan stand er alle Tage um Mitternacht auf, weckte seine Gesellen und hieß sie arbeiten.
Die Gesellen sprachen zu ihm:
„Meister, warum weckst Du uns mitten in der Nacht?“
„Das ist so meine Weise,“ sprach der Meister, „daß ich meinen Knechten die ersten acht Tage nicht erlaube, mehr als die halbe Nacht im Bette zu liegen.“
Die andere Nacht weckte er seine Knechte abermals um Mitternacht. Ulenspiegel, der auf dem Boden schlief, nahm sein Bett auf den Rücken und so beladen stieg er in die Schmiede hinunter.
Der Meister sprach zu ihm:
„Bist Du toll? Was lässest Du Dein Bett nicht an seinem Ort?“
„Das ist so meine Weise,“ antwortete Ulenspiegel, „die ersten acht Tage die halbe Nacht auf meinem Bett und die andere halbe Nacht darunter zu liegen.“
„Wohlan,“ versetzte der Meister, „und ich habe noch eine andere Weise, die ist: meine unverschämten Knechte auf die Straße zu werfen, mit Erlaubnis, die erste Woche auf dem Pflaster und die zweite darunter zu verbringen.“
„In Eurem Keller, Meister, mit Verlaub, bei den Tonnen mit Braunbier“, entgegnete Ulenspiegel.
Da er den Wagner verlassen hatte und sich wiederum nach Flandern begab, mußte er sich als Lehrling bei einem Schuster verdingen, der sich lieber auf der Straße aufhielt, als in der Werkstatt die Ahle zu handhaben. Als Ulenspiegel ihn zum hundertsten Mal zum Ausgehen bereit sah, fragte er ihn, wie er das Oberleder zuschneiden solle.
„Schneide es für große und mittlere Füße, damit alles, was das große und kleine Vieh führt, gemächlich hinein kommen kann.“
„Amen, Meister“, sprach Ulenspiegel.
Als der Schuster gegangen war, schnitt Ulenspiegel das Oberleder zu; es war nur gut, um Stuten, Eselinnen, Kühe, Säue und Schafe zu beschuhen.
Da der Schuster in die Werkstatt zurückkam und sein Leder in Stücken sah, sprach er:
„Was hast Du da gemacht, nichtsnutziger Verderber?“
„Was Ihr mich geheißen habt“, antwortete Ulenspiegel.
„Ich habe Dir befohlen, mir Schuhe zuzuschneiden, die allen Denen passen, so Rindvieh, Schweine und Schafe führen, und Du machst Schuhzeug nach dem Fuß dieser Tiere.“
Ulenspiegel versetzte:
„Meister, wer führt denn den Eber, wenn nicht die Sau, den Esel, wenn nicht die Eselin, den Stier, wenn nicht die Kuh und den Widder wenn es nicht das Schaf ist, zu der Jahreszeit, da alle Tiere brünstig sind?“
Dann ging er hinaus und mußte draußen bleiben.
Man war derzeit im April. Die Luft war milde gewesen, nun kam ein gestrenger Frost, und der Himmel war grau wie am Tag Allerseelen. Das dritte Jahr von Ulenspiegels Verbannung war seit geraumer Zeit verflossen, und Nele erwartete ihren Freund jeden Tag.
„Wehe,“ sprach sie, „es wird auf die Birnbäume schneien, auf den blühenden Jasmin, auf all die armen Pflanzen, die voll Vertrauen auf die laue Wärme eines vorzeitigen Lenzes erblüht sind. Schon fallen kleine Flocken vom Himmel auf die Wege. Und es schneit auch auf mein armes Herz.
„Wo sind die hellen Strahlen, die auf frohen Angesichtern spielten und auf den Dächern, die sie röter, auf den Scheiben, die sie glänzender machten? Wo sind sie, die Erde und Himmel, Vögel und Immen wärmten? Wehe, bei Nacht und bei Tag friert mich jetzo aus Traurigkeit und langem Harren. Wo bist du, mein Freund Ulenspiegel?“
Da Ulenspiegel in die Nähe von Renaix in Flandern kam, hatte er Hunger und Durst, wollte aber nicht jammern und versuchte die Leute zum Lachen zu bringen, auf daß man ihm Brot gäbe. Aber das Lachen gelang ihm schlecht, und die Leute gingen vorüber, ohne etwas zu geben.
Es war kalt: eins ums andre schneite, regnete, hagelte es auf den Rücken des Landstreichers. Zog er durch Dörfer, so lief ihm das Wasser im Munde zusammen, wann er nur in einem Mauerwinkel einen Hund einen Knochen benagen sah. Er hätte gern einen Gülden verdient, doch er wußte nicht, wie er ihm in sein Ränzel fallen könnte.
Er suchte in der Luft und sah Tauben, die vom Dach eines Taubenschlages etwas weißes auf den Weg fallen ließen, aber Gülden waren es nicht. Er suchte auf dem Boden der Landstraße; aber zwischen den Pflastersteinen blühten keine Gülden.
Er suchte zur Rechten und sah eine häßliche Wolke, die am Himmel herankam gleichwie eine große Gießkanne; aber er wußte, daß es kein Platzregen von Gülden sein würde, wenn etwas aus dieser Wolke fiele. Er suchte zur Linken und erblickte eine Roßkastanie, einen großen Faulenzer, der da lebte, ohne etwas zu tun: „Ach, sprach er zu sich, warum gibt es nicht Güldenbäume, das wären gar schöne Bäume.“
Unversehens platzte die große Wolke und die Hagelkörner fielen dicht auf Ulenspiegels Rücken wie Kieselsteine. „Wehe,“ sprach er, „ich fühle es genugsam; nur die herrenlosen Hunde wirft man mit Steinen.“ Dann hub er an zu laufen.
„Es ist nicht meine Schuld, wenn ich keinen Palast, nicht einmal ein Zelt habe, um meinen mageren Leib zu schützen. O, die garstigen Hagelkörner; sie sind hart wie Kugeln! Nein, es ist nicht meine Schuld, wenn ich meine Lumpen durch die Welt schleppe, es ist einzig, weil es mir so beliebt hat. Warum bin ich nicht Kaiser! Diese Hagelkörner wollen mit Gewalt in meine Ohren dringen gleich bösen Worten!“ Und er rannte. „Arme Nase, bald wirst Du durchlöchert sein und kannst den Reichen dieser Welt, auf die es nicht hagelt, bei ihren Schmäusen als Pfefferbüchse dienen.“ Dann wischte er sich die Wangen. „Diese werden den Köchen, denen an ihren Herden warm ist, trefflich als Schaumlöffel dienen. Ach, wie fern ist die Erinnerung an die Brühen von einst! Mich hungert! Leerer Bauch, beklage Dich nicht, ihr jammernden Eingeweide, hört auf zu knurren. Wo verbirgst Du Dich, günstiges Glück? Führe mich an den Ort, wo ich Weide finde.“
Dieweil er so zu sich selbst sprach, erhellte sich der Himmel vom Scheine der Sonne; es hörte auf zu hageln und Ulenspiegel sagte: „Guten Tag, Frau Sonne, meine einzige Freundin, Du kannst mich ja trocknen.“
Aber er lief noch immer, denn ihn fror. Plötzlich sah er von fern einen weiß und schwarzen Hund des Weges kommen, der rannte geradeaus, mit hängender Zunge und vorquellenden Augen.
„Das Tier“, sprach Ulenspiegel, „hat die Wut im Leibe!“ Er hub hastig einen großen Stein auf und kletterte auf einen Baum. Als er den ersten Ast erreichte, kam der Hund vorbei und Ulenspiegel schleuderte ihm den Stein auf den Schädel. Der Hund blieb stehen und wollte steif und kläglich auf den Baum klettern und Ulenspiegel beißen, doch er vermochte es nicht und fiel hin, um zu sterben.
Ulenspiegel war dessen nicht froh, zumal er, vom Baume herabsteigend, wahrnahm, daß des Hundes Maul nicht trocken war, wie es seinesgleichen, von der Tollwut ergriffen, gemeiniglich haben. Dann betrachtete er das Fell, sah, daß es schön und gut zu verkaufen war, zog es ihm ab, wusch es und hängte es an seinen Spieß, ließ es ein weniges an der Sonne trocknen und steckte es in seinen Ranzen. Maßen Hunger und Durst ihn noch mehr peinigten, ging er in mehrere Bauernhöfe, wagte aber nicht, das Fell allda zu verkaufen, aus Furcht, daß es das eines Hundes sei, der dem Bauern gehört hatte. Er bat um Brot, man weigerte es ihm. Die Nacht kam. Seine Beine waren matt. Er ging in eine kleine Herberge. Allda sah er eine alte Wirtin, die streichelte einen alten hustenden Hund, dessen Fell dem des Toten glich.
„Woher kommst Du, Wandersmann?“ fragte die Alte.
Ulenspiegel antwortete:
„Ich komme von Rom, allwo ich den Hund des Papstes von einer Verschleimung geheilt habe, die ihn über die Maßen quälte.“
„Du hast also den Papst gesehen?“ fragte sie und zapfte ihm ein Glas Bier ab.
„Ach,“ sprach Ulenspiegel, „es ist mir nur vergönnt gewesen, seinen heiligen Fuß und seinen geweihten Pantoffel zu küssen.“
Indessen hustete der alte Hund der Wirtin und spie nicht aus.
„Wann tatest Du das?“ fragte die Alte.
„Im vorletzten Mond“, antwortete Ulenspiegel, „kam ich an / ich wurde erwartet / und pochte an die Tür. „Wer ist da?“ fragte der allergroßmächtigste, allergeheimste, alleraußerordentlichste Kämmerer Seiner Allerheiligsten Heiligkeit:/ „Ich bin es,“ antwortete ich, „hochwürdiger Kardinal, ich komme eigens von Flandern her, um dem Papste den Fuß zu küssen und seinen Hund von der Schleimsucht zu heilen.“ / „Ei, Du bist es, Ulenspiegel?“ sagte der Papst, der aus einer kleinen Tür von der andern Seite sprach. „Ich würde mich freun, Dich zu sehen, doch das ist gegenwärtig ein unmöglich Ding. Es ist mir durch die heiligen Dekretalen verboten, Fremden mein Antlitz zu zeigen, wenn das heilige Bartmesser darüber fährt.“ / „Ach,“ sagte ich, „ich bin gar unglücklich, ich komme aus weit entlegenen Landen, um Eurer Heiligkeit den Fuß zu küssen und Euren Hund von der Schleimsucht zu heilen. Muß ich mit unerfüllten Wünschen heimkehren?“ / „Nein“, sprach der Papst. Dann hörte ich ihn ausrufen: „Erzkämmerer, schiebt meinen Sessel bis an die untere Tür und öffnet unten das kleine Schiebefenster.“ Solches geschah. Ich sah ihn einen mit güldenem Pantoffel beschuhten Fuß durch das Schiebefenster strecken, und hörte eine Stimme, die gleichwie Donner rollte, sagen: „Dies ist der furchtbare Fuß des Fürsten aller Fürsten, des Königs der Könige, des Kaisers der Kaiser. Küsse, Christ, küsse den heiligen Pantoffel.“ Und ich küßte den heiligen Pantoffel, und ich hatte die Nase ganz voll Balsam von dem himmlischen Duft, den dieser Fuß ausströmte. Dann ward das Fenster geschlossen, und die nämliche furchtbare Stimme hieß mich warten. Die Klappe öffnete sich abermals und heraus kam, mit Respekt zu vermelden, ein Tier mit räudigem Fell, triefäugig, hustend und aufgeblasen wie ein Schlauch; es mußte ob seines Bauches mit gespreizten Beinen gehen.
Der heilige Vater geruhte zum andern Mal zu mir zu sprechen:
„Ulenspiegel,“ sagte er, „hier siehst Du meinen Hund. Er ward von Schleimsucht und andern Gebresten befallen, als er die Knochen von Ketzern, denen man sie gebrochen hatte, benagte. Heile ihn, mein Sohn, Du wirst Dich gut dabei stehen.“
„Trink“, sagte die Alte.
„Schenk ein“, antwortete Ulenspiegel. Dann redete er weiter. „Ich purgierte den Hund mit Hilfe eines Wundertranks, den ich selber gebraut hatte, und er ward geheilt.“
„Jesus, Gott und Maria!“ sagte die Alte, „laß mich Dich küssen, ruhmreicher Pilger, der den Papst gesehen hat und der auch meinen Hund wird heilen können.“
Aber Ulenspiegel machte sich nichts aus den Küssen der Alten und sagte: „Die, deren Lippen den heiligen Pantoffel berührt haben, dürfen innerhalb zweier Jahre von keiner Frau geküßt werden. Gib mir zuvörderst zum Nachtmahl etliche gute Kalbs-Rippchen, eine Blutwurst oder zwei, und Bier zur Genüge, dann will ich Deinem Hund eine so klare Stimme machen, daß, er im Chor der großen Kirche die Aves in e und a singen kann.“
„Möchtest Du die Wahrheit sagen,“ greinte die Alte, „dann werde ich Dir einen Gülden geben.“
„Ich werde es tun,“ sprach Ulenspiegel, „aber erst nach dem Nachtmahl.“
Sie trug ihm auf, was er verlangt hatte. Er aß und trank nach Herzenslust und hätte zum Dank für die Atzung die Alte schier umhalst, wären nicht seine vorigen Worte gewesen.
Derweil er aß, legte der Hund seine Pfoten auf seine Knie, um einen Knochen zu bekommen. Ulenspiegel gab ihm mehrere; dann sagte er zur Wirtin:
„Wenn einer bei Dir gegessen hätte und Dir nicht zahlte, was würdest Du da tun?“
„Ich würde dem Spitzbuben sein bestes Kleid fortnehmen“, antwortete die Alte.
„Es ist gut“, sprach Ulenspiegel. Dann nahm er den Hund unter den Arm und ging in den Stall. Allda sperrte er ihn mit einem Knochen ein, holte das Fell des Toten aus seinem Ranzen und kam zu der Alten zurück. Er fragte sie, ob sie gesagt hätte, daß sie dem, der ihr seine Mahlzeit nicht bezahlte, sein bestes Gewand fortnehmen würde.
„Ja“, antwortete sie.
„Wohlan, Dein Hund hat mit mir gespeist und hat mich nicht bezahlt, so hab ich ihm nach Deiner Vorschrift sein bestes und einziges Kleid ausgezogen.“
Und er zeigte ihr das Fell des toten Hundes.
„Ach,“ sprach die Alte weinend, „das ist grausam von Dir, Herr Arzt. Armes Hündlein! Es war für mich arme Wittfrau wie mein Kind. Weshalb raubtest Du mir den einzigen Freund, den ich in der Welt hatte? Jetzt will ich gern sterben.“
„Ich werde ihn auferwecken,“ sagte Ulenspiegel.
„Auferwecken!“ sprach sie. „Und er wird mir wieder schmeicheln, mich wiederum ansehen und mich lecken und mit dem armen, alten Schwänzlein wedeln, wenn er mich erblickt? Tut also, Herr Arzt, und Ihr sollt umsonst hier gespeist haben, eine teure Mahlzeit, und ich will Euch noch mehr denn einen Gülden obendrein geben.“ „Ich werde ihn ins Leben zurückrufen, aber dazu bedarf ich heißes Wasser, Sirup, um die Gelenke zu kleben, Nadel und Faden und geschmälzte Fleischbrühe. Und während der Operation will ich allein sein.“
Die Alte gab ihm, was er begehrte; er nahm das Fell des toten Hundes und begab sich in den Stall.
Dort beschmierte er das Maul des alten Hundes mit geschmälzter Brühe, der ließ es mit Behagen geschehen. Dann zog er ihm einen großen Sirupstreifen unter den Bauch und machte ihm Sirup an die Pfoten und Brühe an den Schwanz. Alsdann stieß er dreimal einen lauten Schrei aus und sagte darauf: „Steh auf, stehe auf, ich befehl’s, fauler Hund.“
Hurtig steckte er das Fell des toten Hundes in seinen Ranzen, gab dem lebenden einen gewaltigen Fußtritt und beförderte ihn so in die Herbergsstube.
Als die Alte sah, daß ihr Hund am Leben war und sich leckte, wollte sie ihn voll Freuden umhalsen; aber Ulenspiegel ließ es nicht zu.
„Du kannst diesen Hund“, sprach er, „nicht eher liebkosen, als bis er mit der Zunge allen Sirup abgeleckt hat, mit dem er bestrichen ist; erst dann werden die Nähte im Fell fest sein. Bezahle mir nunmehr meine zehn Gülden.“
„Ich hatte einen gesagt,“ antwortete die Alte.
„Einen für die Operation, neun für die Auferweckung“, erwiderte Ulenspiegel.
Sie zahlte sie ihm. Ulenspiegel machte sich davon, indem er das Fell des toten Hundes in die Wirtsstube warf und dazu sagte: „Da, Frau, behalte sein altes Fell, es kann Dir dienen, das neue auszuflicken, wenn es Löcher bekommt.“
Am nämlichen Sonntag ward in Brügge die Prozession des Heiligen Blutes abgehalten. Klas sagte zu seinem Weib und Nele, sie möchten gehen sie anzusehen, und sie würden vielleicht Ulenspiegel in der Stadt finden. Was ihn anginge, sagte er, so würde er das Haus hüten, in Erwartung, daß der Pilger heimkehrte.
Die beiden Frauen gingen selbander fort. Klas, der in Damm zurückgeblieben war, setzte sich auf seine Türschwelle und fand das Städtlein gar verödet. Er vernahm nichts als den kristallenen Ton einer Dorfglocke, derweil der Wind ihm von Brügge stoßweise die Musik der Glockenspiele und ein großes Getöse von Böllern und Mörsern zutrug, so man zu Ehren des Heiligen Blutes abschoß.
In tiefem Sinnen spähte Klas auf den Wegen nach Ulenspiegel, doch erblickte er nichts denn den klaren, blauen, wolkenlosen Himmel, etliche Hunde, die mit hängender Zunge in der Sonne lagen, kecke Sperlinge, so zwitschernd im Staube sich badeten und eine Katze, die jene belauerte. Die Sonne drang freundlich in alle Häuser und ließ die Kupferkessel und Zinnhumpen auf den Anrichten erglänzen.
Aber Klas war traurig inmitten dieser Freude und spähte nach seinem Sohn. Er versuchte, ihn hinter dem grauen Nebel der Wiesen zu sehen, ihn in dem fröhlichem Rauschen der Blätter und dem lustigen Gesang der Vögel in den Bäumen zu hören. Plötzlich sah er auf dem Wege von Maldeghem einen Mann von hoher Gestalt und erkannte, daß es nicht Ulenspiegel war. Er sah ihn am Rande eines Mohrrübenackers still stehen und begierig von diesem Gemüse essen.
„Das ist ein Mann, der großen Hunger hat“, sprach Klas. Er hatte ihn einen Augenblick aus dem Gesicht verloren, sah ihn an der Ecke der Reiherstraße wieder auftauchen und erkannte in ihm den Boten von Jobst, welcher ihm die siebenhundert Goldkarolus gebracht hatte. Er ging zu ihm auf die Straße und sagte:
„Komm in mein Haus.“
Der Mann antwortete:
„Gesegnet seien, die liebreich gegen die irrenden Wandrer sind.“
Auf dem äußeren Fenstersims der Hütte lagen Brosamen, die Soetkin für die Vögel der Umgegend aufsparte. Sie kamen im Winter dorthin, um sich Nahrung zu holen. Der Mann nahm etliche dieser Brocken und aß sie.
„Dich hungert und dürstet“, sprach Klas.
Der Mann sagte:
„Seit acht Tagen, wo ich von den Dieben ausgeplündert ward, nähre ich mich von den Rüben auf den Äckern und den Wurzeln in den Wäldern.“
„So ist es an der Zeit zu schlemmen. Und hier“, sagte er und öffnete den Wandschrank, „ist eine volle Schüssel Erbsen, Eier, Blutwürste, Schinken, Genter Wurst und Waterzoey: gedämpfter Fisch. Unten im Keller schlummert der Wein von Löwen, nach Art des Burgunder gekeltert und rot und klar wie Rubin; den verlangt es, in den Gläsern zu erwachen. Wohlan, wir wollen Reisig aufs Feuer legen. Hörst Du die Blutwürste auf dem Rost singen? Das ist ein Loblied des guten Essens.“
Klas drehte sie um und um und sprach zu dem Manne:
„Sahst Du meinen Sohn Ulenspiegel nicht?“
„Nein“, antwortete er.
„Bringst Du Nachricht von Jobst, meinem Bruder?“ sagte Klas, dieweil er die gerösteten Blutwürste, einen Eierkuchen mit fettem Schinken und große Humpen auf den Tisch setzte, und der Wein von Löwen schimmerte blaßrot in den Flaschen.
Der Mann antwortete:
„Dein Bruder Jobst ist zu Sippenaken bei Aachen auf dem Rade gestorben. Und das, weil er als Ketzer die Waffen wider den Kaiser getragen hat.“
Klas war wie von Sinnen, und am ganzen Leibe zitternd, denn sein Grimm war groß, sagte er:
„Elende Henker! Jobst, mein armer Bruder!“
Darauf sprach der Mann ohne Weichheit:
„Unsere Freuden und Leiden sind nicht von dieser Welt.“
Und er begann zu essen. Darauf sagte er:
„Ich habe Deinem Bruder in seinem Kerker beigestanden, indem ich mich für einen Bauern von Niesweiler, seinen Verwandten, ausgab. Ich komme hierher, weil er zu mir gesagt hat: Wenn Du nicht gleich mir für den Glauben stirbst, so gehe zu meinem Bruder Klas. Heiß ihn, im Frieden des Herrn leben, indem er die Werke der Barmherzigkeit übt und seinen Sohn insgeheim nach Christi Gebot erzieht. Das Geld, das ich ihm gab, ward dem armen, unwissenden Volk abgenommen; er möge es anwenden, um Tyll in der Erkenntnis Gottes und des Wortes zu erziehen.“
Nachdem er solches gesagt, gab der Bote Klas den Friedenskuß.
Und Klas wehklagte und sprach:
„Auf dem Rade gestorben, mein armer Bruder!“
Und er konnte seines Schmerzes nicht Herr werden.
Jedoch da er sah, daß den Mann dürstete und daß er sein Glas hinhielt, schenkte er ihm Wein ein; aber er aß und trank ohne Lust. Soetkin und Nele waren sieben Tage fern; während der Zeit wohnte der Bote von Jobst unter Klasens Dach.
Jede Nacht hörten sie Katheline in der Hütte heulen:
„Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus!“
Und Klas ging zu ihr und redete ihr gütlich zu und kehrte dann in sein Haus zurück.
Nach Verlauf der sieben Tage ging der Mann von hinnen und wollte von Klas nicht mehr denn zwei Karolus nehmen, um unterwegs Kost und Herberge zu finden.
Als Nele und Soetkin von Brügge heimgekehrt waren, saß Klas in seiner Küche auf dem Boden nach Art der Schneider und nähte Knöpfe an eine alte Hose. Nele war bei ihm und hetzte Titus Bibulus Schnuffius auf den Storch; bald stürzte er sich auf ihn, bald wich er zurück und heulte dabei in den höchsten Tönen. Der Storch, auf einem Bein stehend, blickte ihn ernst und nachdenklich an und zog seinen langen Hals in sein Brustgefieder zurück. Da Titus Bibulus Schnuffius seine Friedfertigkeit sah, heulte er noch schrecklicher. Aber unversehens schoß der Vogel, den diese Musik verdroß, seinen Schnabel wie einen Pfeil in den Rücken des Hundes, welcher entfloh und um Hilfe heulte. Klas lachte, Nele desgleichen; Soetkin schaute immerwährend auf die Straße und spähte, ob sie Ulenspiegel nicht kommen sähe. Plötzlich sprach sie:
„Da ist der Profos und vier Büttel. Ohne Zweifel haben sie es nicht auf uns abgesehen. Ihrer zwei gehen rund um die Hütte.“
Klas hob die Nase von der Arbeit auf.
„Und zwei bleiben vorne stehen“, redete Soetkin weiter.
Klas stund auf.
„Wen werden sie in dieser Straße gefangen nehmen?“ sagte sie.
„Herr Jesus, Mann, sie kommen herein.“
Klas sprang aus der Küche in den Garten, Nele ihm nach. Er sagte zu ihr:
„Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“
Nele verstand ihn und da sie sah, daß er über die Hecke sprang und als die Büttel ihn beim Kragen packten, daß er sie schlug, um sie los zu werden, da schrie und weinte sie:
„Er ist unschuldig, er ist unschuldig! Tut meinem Vater Klas kein Leids an! Ulenspiegel, wo bist Du? Du würdest sie alle beide töten!“
Und sie warf sich auf einen der Büttel und zerfleischte ihm das Gesicht mit ihren Nägeln. Dann schrie sie: „Sie werden ihn umbringen“, warf sich in das Gras im Garten und wälzte sich darin wie von Sinnen.
Katheline war auf den Lärm herbeigekommen, sie stand aufrecht und unbeweglich, sah dem Schauspiel zu und schüttelte den Kopf: „Das Feuer, das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will heraus!“ Soetkin sah nichts und sprach zu den Bütteln, die in die Hütte getreten waren:
„Ihr Herren, was suchet Ihr in unserer armen Behausung? Wenn es mein Sohn ist, der ist fern. Da müsset Ihr lange Beine machen.“
Solches sagend war sie frohen Mutes.
Indem schrie Nele um Hilfe. Soetkin lief in den Garten, sah, wie ihr Mann auf dem Weg bei der Hecke festgehalten ward und sich sträubte.
„Schlag zu, töte sie“, rief sie. „Ulenspiegel, wo weilst Du?“
Sie wollte ihrem Manne zu Hilfe kommen, doch einer der Büttel packte sie um den Leib, nicht ohne Fährnis für sie.
Klas wehrte sich und schlug so heftig, daß er wohl hätte entkommen mögen, wären nicht die beiden Büttel, mit denen Soetkin gesprochen hatte, denen, so ihn hielten, zu Hilfe kommen.
Mit gebundenen Händen führten sie ihn in die Küche, allwo Soetkin und Nele weinten und schluchzten.
„Herr Profos,“ sagte Soetkin, „was hat mein armer Mann getan, daß Ihr ihn also mit diesen Stricken bindet?“
„Ketzer“, sprach einer der Büttel.
„Ketzer,“ sprach Soetkin dagegen, „Du bist ein Ketzer, Du! Diese Teufel haben gelogen.“
Klas antwortete:
„Ich befehle mich in Gottes Hut.“
Er ging fort. Nele und Soetkin folgten ihm weinend und vermeinend, daß man sie auch vor den Richter bringen würde. Freunde und Gevatterinnen kamen zu ihnen, aber da sie vernahmen, daß Klas also gebunden ging, weil er der Ketzerei verdächtig war, hatten sie so große Furcht, daß sie eilends wieder in ihre Häuser gingen und alle Türen hinter sich zuschlossen. Nur etliche Mägdlein wagten zu Klas zu kommen und zu ihm zu sagen:
„Wohin gehst Du also gebunden, Kohlenträger?“
„Wohin Gott will, Ihr Mägdlein“, sprach er.
Sie brachten ihn in den Gemeindekerker, und Soetkin und Nele setzten sich auf die Schwelle. Da es Abend ward, sagte Soetkin zu Nele, sie solle sie lassen und sehen, ob Ulenspiegel nicht heimkehrte.
Die Kunde verbreitete sich alsbald in den benachbarten Dörfern, daß man einen Mann um der Ketzerei willen eingekerkert hätte, und daß der Inquisitor Titelman, Dechant von Renaix, mit dem Beinamen der Herzlose, das Verhör leiten sollte. Zur selbigen Zeit lebte Ulenspiegel in Koolkerke und stand in Gunst und Gnaden bei einer artigen Bäuerin, einer gefälligen Wittib, die ihm nichts abschlug, was ihr zu eigen war. Ulenspiegel war dort guter Dinge, ward gehätschelt und geliebkost bis an den Tag, wo ein falscher Nebenbuhler, ein Schöffe der Gemeine, ihm beim Verlassen der Schenke auflauerte, um ihn durchzubläuen. Doch Ulenspiegel warf ihn in den Sumpf, damit er seinen Zorn abkühle, und der Schöffe kroch heraus, so gut er’s vermochte, grün wie eine Kröte und durchweicht wie ein Schwamm.
Für diese Heldentat mußte Ulenspiegel Koolkerke verlassen. Er rannte, so schnell seine Beine ihn trugen, nach Damm, denn er fürchtete die Rache des Schöffen.
Der Abend sank kühl herab. Ulenspiegel lief schnell, es verlangte ihn, daheim zu sein. Im Geiste sah er Nele nähen, Soetkin das Nachtmahl bereiten und Klas Reisigbündel schnüren, Schnuffius einen Knochen benagen und den Storch der Hausmutter auf den Bauch klopfen, um einige Brocken vom Essen abzubekommen.
Ein wandernder Hausierer sprach im Vorbeigehen zu ihm:
„Wohin so eilends?“
„Nach Damm, nach Haus“, antwortete Ulenspiegel.
Der Hausierer erwiderte:
„Die Stadt ist nicht mehr sicher wegen der Reformierten, die man da verhaftet.“
Und er ging weiter.
Als Ulenspiegel am Wirtshaus „zum roten Schild“ anlangte, kehrte er ein, um ein Glas Doppelbier zu trinken. Der Wirt sprach zu ihm:
„Bist Du nicht des Klas Sohn?“
„Der bin ich“, antwortete Ulenspiegel.
„Spute Dich,“ sprach der Wirt, „denn die schlimme Stunde hat für Deinen Vater geschlagen.“
Ulenspiegel fragte, was er damit meinte.
Der Wirt antwortete, er würde es nur allzubald erfahren.
Und Ulenspiegel rannte weiter.
Als er bei den ersten Häusern von Damm anlangte, sprangen ihm die Hunde, so auf den Türschwellen standen, an die Beine und kläfften und bellten. Die alten Weiber kamen auf den Lärm heraus und riefen ihm alle miteinander zu:
„Woher kommst Du? Hast Du Kunde von Deinem Vater? Wo ist Deine Mutter? Ist sie auch im Kerker mit ihm? Wehe! Gnade Gott, daß man ihn nicht verbrenne!“
Ulenspiegel lief noch rascher.
Er begegnete Nele, die sprach zu ihm:
„Tyll, geh nicht in Dein Haus. Die aus der Stadt haben im Namen Seiner Majestät einen Wächter dort angestellt.“
Ulenspiegel blieb stehen:
„Nele,“ sprach er, „ist es wahr, daß mein Vater Klas im Gefängnis ist?“
„Ja,“ antwortete Nele, „und Soetkin weint auf der Schwelle.“ Da schwoll das Herz des verlorenen Sohnes vor Leid und er sprach zu Nele:
„Ich will sie besuchen.“
„Nicht das sollst Du tun, sondern vielmehr Klas gehorchen, der mir, ehe sie ihn ergriffen, gesagt hat: „Rette die Karolus, sie sind hinter der Rückwand des Rauchfangs.“ Die müssen zuerst gerettet werden, denn sie sind Soetkins, des armen Weibes Erbe.“
Ulenspiegel hörte nichts und eilte zum Gefängnis. Allda sah er Soetkin auf der Schwelle sitzen; sie umfing ihn mit Tränen und sie weinten mitsammen.
Und da das Volk sich ihretwegen in Haufen um das Gefängnis scharte, kamen Büttel und geboten Ulenspiegel und Soetkin, daß sie sich ehestens fortscheren sollten.
Mutter und Sohn gingen in Neles Hütte, die ihrem Hause benachbart war. Vor diesem sahen sie einen der Landsknechte, die von Brügge entboten waren, aus Furcht vor Unruhen, die während des Gerichts und der Hinrichtung entstehen mochten. Denn die Leute von Damm liebten Klas von Herzen.
Der Soldat saß auf dem Pflaster vor der Tür und war geschäftig, den letzten Tropfen Branntwein aus einer Flasche zu saugen. Da er nichts mehr darin fand, warf er sie einige Schritte weit, zog sein kurzes Schwert und ergötzte sich damit, die Pflastersteine auszugraben.
Soetkin trat bitterlich weinend bei Katheline ein. Und Katheline schüttelte den Kopf: „Das Feuer! Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus“, sprach sie.
Die Sturmglocke rief die Richter zum Tribunal und sie vereinigten sich um vier Uhr in der „Vierschare“ um die Gerichtslinde.
Klas ward vor sie gebracht und sah den Amtmann von Damm feierlich unter einem Baldachin sitzen und ihm zur Seiten und gegenüber den Bürgermeister, die Schöffen und den Gerichtsschreiber.
Das Volk kam beim Klange der Glocke in Haufen herbei und sprach:
„Viele unter den Richtern sind nicht da, um ein Werk der Gerechtigkeit, sondern der kaiserlichen Knechtschaft zu üben.“
Der Gerichtsschreiber machte bekannt, daß, nachdem der Gerichtshof sich zuvor in der Vierschare um die Linde versammelt, selbiger Anlaß gefunden habe, in Ansehung und Kenntnis der Anzeigen und Aussagen, Klas den Kohlenträger, aus Damm gebürtig, Ehemann von Soetkin, Jobstens Tochter, gefänglich einzuziehen. Nunmehr würden sie zum Verhör der Zeugen schreiten.
Hans Barbier, des Klas Nachbar, ward zuerst vernommen. Nachdem er den Eid geleistet hatte, sagte er aus:
„Beim Heil meiner Seele versichere und bezeuge ich, daß gegenwärtiger Klas mir seit nahezu siebenzehn Jahren bekannt ist, daß er allezeit rechtschaffen und nach den Gesetzen unserer heiligen Mutter Kirche gelebt, niemals schimpflich von ihr geredet hat. Noch hat er meines Wissens irgend einen Ketzer beherbergt, noch das Buch Luthers verborgen, noch von besagtem Buche geredet, oder irgend etwas getan, das ihn verdächtigen könnte, gegen die Gesetze und Verordnungen des Reiches gefehlt zu haben. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“
Alsdann wurde Jan van Roosebeke verhört. Er sagte aus, daß er bei Abwesenheit von Soetkin, Klasens Weib, oftmals die Stimme zweier Männer im Hause des Beklagten zu vernehmen vermeint habe. Oftmals am Abend nach der Feierabendglocke habe er in einer kleinen Stube unterm Dach ein Licht und zwei Männer, deren einer Klas war, vertraulich mitsammen reden sehen. Wenn er sagen sollte, ob der andere Mann ein Ketzer war oder nicht, so vermöchte er das nicht, denn er hätte ihn nur von ferne gesehen. „Was Klas angeht,“ fügte er hinzu, „so sage ich aus und spreche die volle Wahrheit, daß er, so lange ich ihn kenne, um die Osterzeit nach der Regel beichtete, an den hohen Festen kommunizierte, alle Sonntag zur Messe ging, ausgenommen den Sonntag des heiligen Blutes und die folgenden. Und mehr weiß ich nicht. So wahr mir Gott und alle seine Heiligen helfen.“
Befragt, ob er nicht gesehen hätte, wie Klas in der Schenke „zum blauen Turm“ Ablaß verkauft und über das Fegefeuer gespottet hätte, erwiderte Jan van Roosebeke, daß Klas allerdings Ablaß verkauft hätte; doch ohne Verachtung oder Spott. Er, Jan van Roosebeke hätte davon gekauft, und also habe auch Jobst Griepenstüver, der Älteste der Fischergilde tun wollen, der dort in der Menge sei.
Darauf sagte der Amtmann, er wolle die Taten und Handlungen, um derentwillen Klas vor den Gerichtshof der Vierschare geführt sei, bekannt geben.
„Der Angeber“, sagte er, „war von ohngefähr in Damm geblieben, um nicht in Brügge sein Geld für Schlemmerei und Prasserei auszugeben, wie das allzu oft bei diesen heiligen Gelegenheiten geübt wird; er saß auf seiner Türschwelle und schöpfte Luft. Da erblickte er einen Mann, der in der Reiherstraße ging. Da Klas diesen Mann bemerkte, ging er auf ihn zu und begrüßte ihn. Der Mann war in schwarzes Linnen gekleidet. Er trat bei Klas ein, und die Tür der Hütte blieb halb geöffnet. Begierig zu wissen, wer dieser Mann wäre, trat der Angeber in den Hausflur; er hörte Klas in der Küche mit dem Fremden von einem gewissen Jobst, seinem Bruder, sprechen, der unter den Truppen der Reformierten zum Gefangenen gemacht und für diese Tat unweit von Aachen lebendig gerädert worden. Der Fremde sagte zu Klas, daß er das Geld, so er von seinem Bruder empfahen, anwenden solle, seinen Sohn in der reformierten Religion zu erziehen, maßen es der Unwissenheit armer Leute abgewonnen sei. Desgleichen hat er Klas aufgefordert, den Schoß Unserer Heiligen Mutter Kirche zu verlassen, und andere gottlose Worte ausgesprochen, auf welche Klas nur mit den Worten erwiderte: „Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Und also lästerte der Angeklagte Unsern Heiligen Vater, den Papst, und Seine Königliche Majestät, indem er sie der Grausamkeit beschuldigte, weil sie die Ketzerei zu Recht als göttliches und menschliches Majestätsverbrechen bestraften. Als der Mann mit Essen fertig war, hörte der Angeber Klas ausrufen: „Armer Jobst, den Gott in seine Herrlichkeit aufnehme, sie waren grausam gegen Dich!“ Und so klagte er Gott selber der Gottlosigkeit an durch den Glauben, daß er Ketzer in seinem Himmel aufnehmen könne. Und Klas ließ nicht nach zu sagen: „Mein armer Bruder.“ Darob geriet der Fremde in Wut wie ein Ketzerlehrer bei seiner Predigt und schrie: „Sie wird stürzen, die große Babel, die römische Hure, und sie wird die Behausung von Teufeln und der Schlupfwinkel jedes Galgenvogels werden!“ Klas sagte: „Grausame Henker! Mein armer Bruder!“ Der Fremde redete ein Mehreres und sagte: „Denn der Engel wird den Stein nehmen, groß wie ein Mühlstein. Und der Stein wird ins Meer geschleudert werden, und der Engel wird sagen: „Also wird die große Babel verworfen und nicht mehr gefunden werden.“ „Herr,“ sprach Klas, „Euer Mund ist voll Zornes; aber saget mir, wann wird das Reich kommen, wo die, so sanftmütigen Herzens sind, in Frieden auf Erden leben können?“ „Nimmer!“ antwortete der Fremde, „solange der Antichrist herrschen wird, welcher ist der Papst und Widersacher aller Wahrheit!“ / „Ach,“ sprach Klas, „Ihr redet ohne Ehrfurcht von Unserm Heiligen Vater. Gewißlich weiß er nichts von den grausamen Todesstrafen, mit denen man die armen Reformierten strafet.“ Der Fremde erwiderte: „Er kennt sie nur zu wohl, denn er ist es, der die Urteile schleudert und sie durch den Kaiser und jetzo den König ausführen läßt. Der hat den Nutzen von den Gütereinziehungen; er beerbt die Verstorbenen und macht den Reichen gern den Prozeß wegen Ketzerei.“ Klas antwortete: „Man redet von solchen Dingen im Lande Flandern, ich muß sie glauben. Das Fleisch des Menschen ist schwach, selbst wenn es königlich Fleisch ist. Mein armer Jobst.“ Und also gab Klas zu verstehen, daß Seine Majestät aus niedriger Gewinnsucht die Anstifter der Ketzerei strafte. Da der Fremde ihn beschwatzen wollte, erwiderte Klas: „Herr, wollet mir nicht mehr solche Reden halten, die, wenn sie gehört würden, mir einen schlimmen Prozeß zuziehen könnten.“ Klas erhob sich, um in den Keller zu gehen, und kam mit einem Maß Bier wieder herauf. „Ich will die Tür schließen“, sagte er alsdann, und der Angeber hörte nichts mehr, denn er mußte eilends aus dem Hause gehen. Die Tür, so zuvor verschlossen war, ward jedoch bei sinkender Nacht wieder geöffnet. Der Fremde kam heraus, kehrte aber alsbald zurück, pochte und sagte dabei: „Klas, mich friert, ich weiß nicht, wo ich einkehren soll. Gib mir Obdach, niemand hat mich hereinkommen sehen, die Stadt ist menschenleer.“
Klas nahm ihn bei sich auf, entzündete eine Laterne, und man sah ihn, dem Ketzer vorangehend, die Stiege hinaufsteigen und den Fremden in ein Kämmerlein unter dem Dach führen, dessen Fenster aufs Feld ging.“
„Wer anders“, schrie Klas, „kann alles dies berichtet haben, wenn nicht Du, schändlicher Fischhändler, den ich am Sonntag aufrecht wie einen Pfahl auf seiner Schwelle sah, wie Du heuchlerisch nach den Schwalben in der Luft blicktest.“
Und er wies mit dem Finger auf Jobst Griepenstüver, den Ältesten der Fischhändler, der seine häßliche Fratze unter dem Volk zeigte. Der Fischhändler lächelte hämisch, da er sah, daß Klas sich solchergestalt verriet. Alles Volk, Männer, Frauen und Kinder sprachen untereinander:
„Armer, guter Mann, seine Worte werden ihm den Tod bringen.“
Aber der Gerichtsschreiber fuhr in seiner Verlesung fort:
„Der Ketzer und Klas sprachen jene Nacht lange zusammen, desgleichen während sechs anderer, in welchen man den Fremdling mancherlei dräuende oder segnende Gebärden machen sah, auch wahrnehmen konnte, wie er die Arme gen Himmel hob; wie Ketzer zu tun pflegen. Und dem Anschein nach hieß Klas seine Reden gut. Gewißlich sprachen sie während jener Tage, Abende und Nächte schändlich über Messe und Beichte, über den Ablaß und über Seine Königliche Majestät.“
„Keiner hat es gehört,“ sagte Klas, „und man kann mich nicht solchergestalt ohne Beweise anklagen.“
Der Gerichtsschreiber versetzte:
„Man hat anderes gehört. Als der Fremde den siebenten Tag um die zehnte Stunde aus Deinem Hause ging und es schon Abend war, da gabst Du ihm bis zur Grenze von Kathelines Feld das Geleite. Allda erkundigte er sich, was Du mit den schändlichen Götzenbildern / und der Amtmann bekreuzte sich / der erhabenen Frau Maria und der hohen Heiligen Nikolas und Martin gemacht hättest. Du gabst zur Antwort, daß Du sie zerbrochen und in den Brunnen geworfen hättest. Und wirklich wurden sie verwichene Nacht in Deinem Brunnen gefunden, und die Stücke sind auf der Folterkammer.“
Bei diesen Worten schien Klas niedergeschinettert. Der Amtmann fragte, ob er etwas zu erwidern hätte, doch Klas schüttelte verneinend den Kopf.
Der Amtmann fragte ihn, ob er nicht den verruchten Gedanken, die Bilder zu zerbrechen, desgleichen die gottlose Verirrung, kraft deren er schändende Worte wider seine göttliche und Seine Königliche Majestät gesprochen, widerrufen wolle.
Klas erwiderte, daß sein Leib Seiner Königlichen Majestät, sein Gewissen aber Christo gehörte, dessen Gebot er folgen wolle. Der Amtmann fragte ihn, ob dieses Gebot das Unserer Heiligen Mutter Kirche wäre. Klas antwortete:
„Es ist im Heiligen Evangelio.“
Aufgefordert, auf die Frage zu antworten, ob der Papst der Statthalter Gottes auf Erden sei, sprach er:
„Nein.“
Verhört, ob er es für unerlaubt hielte, die Bilder der erhabenen Frau Maria und der hohen Heiligen anzubeten, antwortete er, daß solches Götzendienst wäre. Im Punkte der Ohrenbeichte befragt, ob selbe eine gute und heilsame Sache sei, sprach er:
„Christus hat gesagt: Beichtet einer dem andern.“
Seine Antworten waren tapfer, wiewohl er im Grunde seines Herzens betrübt und erschrocken schien.
Da es acht Uhr geschlagen hatte und die Nacht herabsank, zog sich der hohe Gerichtshof zurück und verschob das endgültige Urteil auf den nächsten Tag.
In Kathelines Hütte weinte Soetkin vor irrem Schmerz. Ohne Unterlaß sagte sie:
„Mein Mann, mein armer Mann!“
Ulenspiegel und Nele umarmten sie mit inniger Zärtlichkeit. Dann drückte sie sie in die Arme und weinte still. Hierauf machte sie ihnen ein Zeichen, sie allein zu lassen. Nele sprach zu Ulenspiegel: „Wir wollen sie verlassen, sie will es; laß uns die Karolus retten.“
Sie gingen beide hinaus. Katheline ging um Soetkin herum und sprach:
„Bohrt ein Loch, die Seele will hinaus.“
Und Soetkin blickte sie starren Auges an, ohne sie zu sehen.
Die Hütten von Klas und Katheline stießen aneinander, die von Klas trat zurück und hatte ein Gärtlein vor dem Haus; die von Katheline hatte ein Stück Land, mit Saubohnen bepflanzt, nach der Straße zu. Das Land war mit einer grünen Hecke eingefriedigt, darein Ulenspiegel, um zu Nele zu gehen, und Nele um zu Ulenspiegel zu gehen, in ihren Kinderjahren ein großes Loch gemacht hatten.
Ulenspiegel und Nele kamen in den Gemüsegarten, sahen von dort den wachthabenden Soldaten, der mit dem Kopf wackelte und in die Luft spuckte, aber der Speichel fiel auf sein Wams zurück. Eine Flasche, die mit Weiden umflochten war, lag neben ihm.
„Nele,“ sagte Ulenspiegel ganz leise, „dieser trunkne Soldat hat noch nicht genug für seinen Durst; er muß noch mehr trinken. So werden wir die Herren sein. Laß uns die Flasche nehmen.“
Beim Ton ihrer Stimmen wandte der Landsknecht seinen schweren Kopf nach ihrer Seite, suchte seine Flasche und da er sie nicht fand, fuhr er fort in die Luft zu spucken und versuchte, beim Mondschein seinen Speichel fallen zu sehen.
„Der Branntwein geht ihm bis an die Zähne,“ sprach Ulenspiegel. „hörst Du, wie er mit Mühe spuckt?“
Indessen streckte der Soldat, nachdem er oftmals gespuckt und in die Luft gesehen, wiederum den Arm aus, um die Hand auf die Flasche zu legen. Er fand sie, hielt den Mund an die Öffnung, bog den Kopf nach hinten, kippte die Flasche um und schlug ein wenig darauf, auf daß sie ihm ihren ganzen Saft gäbe; und er sog daran, wie ein Kind an der Brust seiner Mutter. Da er nichts darinnen fand, ließ er es dabei bewenden, legte die Flasche neben sich, fluchte etliches auf hochdeutsch, spuckte wiederum, schüttelte den Kopf von rechts nach links und schlief mit unverständlichem Geplapper ein.
Aber Ulenspiegel, wissend, daß dieser Schlaf nicht andauern würde, und daß man ihn noch tiefer machen müßte, glitt durch das Loch in der Hecke, nahm die Flasche des Soldaten und gab sie Nele, welche sie mit Branntwein füllte.
Der Soldat hörte nicht auf zu schnarchen: Ulenspiegel schlüpfte wieder durch das Loch in der Hecke, legte ihm die volle Flasche zwischen die Beine, kehrte in Kathelines Gärtlein zurück und wartete mit Nele hinter der Hecke.
Die Kühle der frischgezapften Flüssigkeit machte den Soldaten etwas wach und mit der ersten Bewegung suchte er nach dem kalten Ding unter seinem Wamse.
Mit dem rechten Gefühl eines Trunkenbolds erwog er, daß dies wohl eine volle Flasche sein könnte, und legte die Hand darauf. Ulenspiegel und Nele sahen, wie er beim Schein des Mondes die Flasche schüttelte, um das Glucksen der Flüssigkeit zu hören; dann kostete er davon, lachte, war baß erstaunt, daß sie so voll war, trank einen Schluck, tat einen Zug, setzte sie zu Boden, nahm sie abermals und trank von neuem.
Dann hub er an zu singen: