Wenn der Meister Mond erscheint,Die Frau See zu grüßen,Trägt sie ihm wohl aufEinen Humpen Glühwein;Wenn der Meister Mond erscheint.Speist mit ihm zur Nacht,Küßt ihn manchesmal,Gibt nach gutem SchmausIhm ihr Bett zum Lager;Wenn der Meister Mond erscheint.Also tu auch Du, mein Liebchen,Leckern Schmaus und guten Glühwein,Also tu auch Du, mein Liebchen,Wenn der Meister Mond erscheint.
Wenn der Meister Mond erscheint,Die Frau See zu grüßen,Trägt sie ihm wohl aufEinen Humpen Glühwein;Wenn der Meister Mond erscheint.Speist mit ihm zur Nacht,Küßt ihn manchesmal,Gibt nach gutem SchmausIhm ihr Bett zum Lager;Wenn der Meister Mond erscheint.Also tu auch Du, mein Liebchen,Leckern Schmaus und guten Glühwein,Also tu auch Du, mein Liebchen,Wenn der Meister Mond erscheint.
Wenn der Meister Mond erscheint,Die Frau See zu grüßen,Trägt sie ihm wohl aufEinen Humpen Glühwein;Wenn der Meister Mond erscheint.
Wenn der Meister Mond erscheint,
Die Frau See zu grüßen,
Trägt sie ihm wohl auf
Einen Humpen Glühwein;
Wenn der Meister Mond erscheint.
Speist mit ihm zur Nacht,Küßt ihn manchesmal,Gibt nach gutem SchmausIhm ihr Bett zum Lager;Wenn der Meister Mond erscheint.
Speist mit ihm zur Nacht,
Küßt ihn manchesmal,
Gibt nach gutem Schmaus
Ihm ihr Bett zum Lager;
Wenn der Meister Mond erscheint.
Also tu auch Du, mein Liebchen,Leckern Schmaus und guten Glühwein,Also tu auch Du, mein Liebchen,Wenn der Meister Mond erscheint.
Also tu auch Du, mein Liebchen,
Leckern Schmaus und guten Glühwein,
Also tu auch Du, mein Liebchen,
Wenn der Meister Mond erscheint.
Um und um trinkend und einen Vers singend, schlief er ein. Und er konnte nicht hören, daß Nele sagte: „Sie sind in einem Topf hinter der Rückwand des Rauchfangs“; noch sah er, wie Ulenspiegel durch den Stall in Klasens Küche trat, den Stein von der Rückwand abhob, den Topf und die Karolus fand, auf Kathelines Anwesen zurückkehrte und die Karolus an der Seite der Brunnenmauer vergrub, wohl wissend, daß man sie darinnen und nicht außerhalb suchen würde.
Dann gingen beide wieder zu Soetkin und fanden die schmerzensreiche Frau in Tränen. Sie sprach:
„Mein Mann, mein armer Mann!“
Nele und Ulenspiegel wachten bei ihr bis zum Morgen.
Am folgenden Tag rief die Sturmglocke die Richter mit lauten Schlägen zum Gericht der Vierschare.
Da sie sich auf den vier Bänken um den Baum der Gerechtigkeit niedergesetzt, verhörten sie Klas abermals und fragten ihn, ob er seine Irrtümer aufgeben wollte.
Klas hob die Hand gen Himmel:
„Christus, mein Herr, blickt auf mich herab“, sagte er. „Ich schaute in seine Sonne, als mein Sohn Ulenspiegel geboren ward. Wo ist er zur Stunde, der Landstreicher? Soetkin, mein sanftes Weib, wirst Du im Unglück tapfer sein?“
Dann sah er die Linde an und verfluchte sie.
„Sturm und Dürre! Macht, daß die Bäume auf unserer Väter Erde lieber alle bis auf den Stamm zugrunde gehen, denn daß unter ihrem Schatten das freie Gewissen zum Tode verdammt wird. Wo bist Du, mein Sohn Ulenspiegel? Ich war hart gegen Dich. Ihr Herren, habt Mitleid mit mir und richtet mich, wie unser barmherziger Heiland es täte.“
Alle, die ihn hörten, weinten, nur die Richter nicht.
Dann fragte er, ob es keine Begnadigung für ihn gäbe, und sprach:
„Ich habe immer gearbeitet und wenig verdient, ich war gut zu den Armen und freundlich gegen jedermann. Die römische Kirche habe ich verlassen, um dem Geist Gottes zu gehorchen, der zu mir sprach. Ich flehe um keine Gnade, denn daß die Feuerstrafe in ewige, lebenslängliche Landesverweisung verwandelt werde, welche Strafe wahrlich schon groß ist.“
Alle, die gegenwärtig waren, schrien:
„Gnade, Ihr Herren! Erbarmen!“
Aber Jobst Griepenstüver rief nicht.
Der Amtmann winkte den Umstehenden zu schweigen und sagte, daß die Edikte das ausdrückliche Verbot enthielten, für die Ketzer um Gnade zu bitten. So aber Klas seinen Irrtum abschwören wolle, solle er durch den Strang anstatt durchs Feuer hingerichtet werden.
Und das Volk sprach:
„Ob Feuer oder Strang, es ist der Tod.“
Und die Frauen weinten, und die Männer murrten dumpf.
Darauf sprach Klas:
„Ich werde mitnichten abschwören. Tut mit meinem Leib, was Eurer Barmherzigkeit gefallen wird.“
Der Dechant von Renaix, Titelman, schrie:
„Es ist unerträglich zu sehen, wie solches Ketzergeschmeiß das Haupt vor seinen Richtern erhebt. Ihre Körper zu verbrennen ist eine Strafe von kurzer Dauer; man muß ihre Seelen retten und sie durch die Folter zwingen, ihre Irrtümer abzuschwören, auf daß sie dem Volk nicht das gefährliche Schauspiel von Ketzern geben, die eines unbußfertigen Todes sterben.“
Bei solcher Rede weinten die Frauen noch mehr, und die Männer sagten:
„Nach einem Geständnis folgt Strafe, nicht Folter!“
Der Gerichtshof entschied, dieweil die Folter in den Verordnungen nicht vorgeschrieben, so sei es nicht statthaft, sie Klas erleiden zu lassen. Abermals aufgefordert zu widerrufen, antwortete er:
„Ich kann es nicht.“
Kraft der Edikte ward er der Simonie für schuldig erklärt, wegen Verkaufes von Ablaß, desgleichen als Ketzer und Helfershelfer von Ketzern befunden und als solcher verurteilt, vor dem Gitter des Rathauses lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte.
Sein Körper sollte während zweier Tage am Pfahl befestigt bleiben, um zum Exempel zu dienen, und alsdann an der Stätte begraben werden, wo die Körper der Hingerichteten verscharrt werden.
Der Gerichtshof bewilligte dem Ankläger Jobst Griepenstüver, des Name nicht genannt ward, fünfzig Gülden auf die ersten hundert Karolusgülden der Erbschaft und den zehnten Teil von dem übrigen.
Da Klas diesen Richterspruch vernommen, sprach er zum Ältesten der Fischhändler:
„Du wirst eines elenden Todes sterben, Du schlechter Mensch, der für einen armseligen Groschen aus einem glücklichen Eheweib eine Wittib und aus einem fröhlichen Sohn eine bekümmerte Waise machst.“
Die Richter hatten Klas sprechen lassen, denn auch sie, ausgenommen Titelman, fühlten große Verachtung für die Angeberei des Obmanns der Fischergilde.
Dieser schien bleich vor Schmach und Zorn.
Und Klas ward in sein Gefängnis zurückgeführt.
Am folgenden Tage, welcher der Vorabend von Klasens Hinrichtung war, wußten Nele, Ulenspiegel und Soetkin das Urteil.
Sie baten die Richter um Einlaß ins Gefängnis, welches ihnen gewährt ward, aber nicht Nele.
Da sie hineingingen, sahen sie Klas mit einer langen Kette an die Mauer gefesselt. Ein kleines Holzfeuer brannte im Kamin wegen der Feuchtigkeit. Denn nach Recht und Gesetz ist es in Flandern befohlen, gegen die, so sterben sollen, milde zu sein und ihnen Brot, Fleisch oder Käse und Wein zu geben. Aber die habgierigen Kerkermeister handeln oftmals dem Gesetz zuwider, und ihrer sind viele, die den größten Teil und die besten Stücke der Nahrung der armen Gefangenen essen.
Weinend umarmte Klas Ulenspiegel und Soetkin, aber er war der erste, der trockne Augen hatte, wie es ihm als Mann und Familienhaupt geziemte.
Soetkin weinte und Ulenspiegel sprach:
„Ich will diese abscheulichen Ketten zerbrechen.“
Soetkin sagte unter Tränen:
„Ich werde zum König Philipp gehen, er wird Dich begnadigen.“
Klas antwortete:
„Der König erbt die Vermögen der Märtyrer.“ Dann fügte er bei:
„Weib und geliebter Sohn, ich gehe traurig und voller Harm aus dieser Welt. Wenn ich etwelche Furcht vor dem Leiden für meinen Körper habe, so bin ich gleicherweise recht betrübt zu denken, daß, wenn ich nicht mehr bin, Ihr alle beide arm und elend sein werdet, denn der König wird Euch Eure Habe nehmen.“
Mit leiser Stimme antwortete Ulenspiegel:
„Nele hat gestern alles mit mir in Sicherheit gebracht.“
„Des bin ich froh,“ antwortete Klas, „der Angeber wird nicht über meinen Nachlaß lachen.“
„Möge er vielmehr sterben,“ sprach Soetkin, das Auge voll Haß, ohne zu weinen.
Aber Klas sprach, der Karolus gedenkend: „Du warst schlau, Tyll, mein Söhnchen. Dann wird meine Wittib Soetkin in ihren alten Tagen nicht Hunger leiden.“
Und Klas küßte sie und drückte sie fest an seine Brust und sie weinte noch mehr, denn sie gedachte, daß sie bald seinen liebenden Schutz verlieren würde.
Klas sah Ulenspiegel an und sprach:
„Sohn, Du hast oft gesündigt, wenn Du Dich auf den Landstraßen herumtriebst, wie die bösen Buben tun. Du mußt es nicht mehr tun, mein Kind, noch die betrübte Witwe allein im Haus lassen; Du, der Mann, schuldest ihr Schutz und Schirm.“
„Vater, ich werde es tun“, sagte Ulenspiegel.
„Wehe, mein armer Mann“, sprach Soetkin und umarmte ihn. „Welch großes Verbrechen haben wir begangen? Wir lebten friedlich zu zweit ein ehrlich und bescheiden Leben und liebten uns innig, Herr Gott, Du weißt es. Wir standen frühe auf, um zu arbeiten, und am Abend, wenn wir das Dankgebet sprachen, aßen wir das Brot, so wir tags verdient hatten. Ich will zum König gehen und ihn mit meinen Nägeln zerfleischen. Herr Gott, wir waren nicht schuldig.“
Aber der Kerkermeister trat herein und sagte, daß sie gehen müßten. Soetkin verlangte zu bleiben. Klas fühlte, wie ihr armes Gesicht an dem seinen glühte, wie Soetkins Zähren in Strömen flossen und seine Wangen netzten, und wie ihr ganzer armer Körper in seinen Armen bebte und zitterte. Er bat, daß sie bei ihm bleiben möge.
Der Kerkermeister sagte nochmals, daß sie fort müßten, und zog Soetkin aus Klasens Armen.
Klas sprach zu Ulenspiegel:
„Wache über sie.“
Der antwortete, er würde es tun. Und Ulenspiegel und Soetkin gingen selbander fort und der Sohn stützte die Mutter.
Am folgenden Morgen, dem Tage der Hinrichtung, kamen die Nachbarn und schlossen Ulenspiegel, Soetkin und Nele zusammen in Kathelines Hause ein. Aber sie hatten nicht bedacht, daß sie von fern das Geschrei des armen Sünders hören und durch die Fenster die Flamme des Holzstoßes sehen könnten.
Katheline irrte durch die Stadt, schüttelte den Kopf und sprach: „Macht ein Loch, die Seele will hinaus.“
Um die neunte Stunde ward Klas im Hemde, die Hände auf den Rücken gebunden, aus dem Gefängnis geführt. Dem Urteil gemäß war der Scheiterhaufen in der Straße der Frauenkirche aufgeschichtet, rings um einen Pfahl, der vor den Fenstergittern des Rathauses eingerammt war. Der Henker und seine Büttel waren noch nicht mit dem Aufschichten des Holzes fertig.
Klas wartete inmitten dieser Bluthunde geduldig, bis ihre Arbeit getan war, dieweil der Profos zu Pferde und die Schergen des Amtskreises und die neun Landsknechte, so von Brüssel herbeigerufen waren, nur mit großer Mühe das murrende Volk im Zaum halten konnten.
Alle sagten, daß es Grausamkeit wäre, also in seinen alten Tagen ungerechterweise einen armen, braven Mann zu morden, der so freundlich und barmherzig und so wacker bei der Arbeit gewesen.
Plötzlich knieten sie nieder und beteten; die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.
Katheline stund auch in der Volksmenge in der ersten Reihe und war ganz irre. Sie blickte Klas und den Scheiterhaufen an und sagte kopfschüttelnd:
„Das Feuer, das Feuer! macht ein Loch, die Seele will hinaus!“
Da Soetkin und Nele den Klang der Glocken hörten, bekreuzten sie sich alle beide. Aber Ulenspiegel tat nicht mit, denn er sagte, daß er Gott nicht nach Art der Henker anbeten wolle. Und er rannte in der Hütte hin und her und versuchte die Türen einzuschlagen und durch die Fenster zu springen; aber alle waren bewacht.
Plötzlich schrie Soetkin, das Gesicht in der Schürze bergend:
„Der Rauch!“
Und in Wahrheit sahen die drei Leidtragenden eine große, gar schwarze Rauchwolke am Himmel. Sie kam vom Scheiterhaufen, auf welchem Klas an den Pfahl gekettet stand, und der Henker hatte ihn jetzt an drei Stellen entzündet, im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Klas schaute um sich, und da er Soetkin und Ulenspiegel nicht in der Menge gewahrte, ward ihm leichter zumute in dem Gedanken, daß sie ihn nicht leiden sähen.
Kein ander Geräusch war vernehmbar als Klasens Stimme, der betete, das prasselnde Holz, die murrenden Männer, die weinenden Frauen und Katheline, welche schrie: „Nehmt das Feuer fort, macht ein Loch, die Seele will hinaus.“ Und die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.
Plötzlich ward Soetkin weiß wie Schnee, bebte am ganzen Leibe, ohne zu weinen, und wies mit dem Finger gen Himmel. Eine lange, schmale Flamme war aus dem Scheiterhaufen geschossen und erhob sich zuweilen über die Dächer der niedern Häuser. Sie war für Klas grausam schmerzhaft, denn je nach der Laune des Windes zernagte sie seine Beine, streifte seinen Bart und sengte ihn, beleckte seine Haare und verbrannte sie.
Ulenspiegel hielt Soetkin in seinen Armen und wollte sie vom Fenster fortreißen. Sie hörten einen gellenden Schrei, welchen Klas ausstieß, dieweil sein Körper nur an einer Seite brannte. Aber er schwieg und weinte, und seine Brust war ganz benetzt von seinen Zähren.
Dann hörten Soetkin und Ulenspiegel ein großes Getöse von Stimmen. Es waren Bürger, Frauen und Kinder, die schrien:
„Klas ist nicht verurteilt, langsam zu brennen, sondern bei starkem Feuer. Henker, schüre den Holzstoß.“
Der Henker tat also, aber das Feuer flammte nicht schnell genug auf.
„Erdroßle ihn“, schrien sie.
Und sie warfen mit Steinen nach dem Profos.
„Die Flamme! die große Flamme!“ schrie Soetkin.
Und wahrlich, eine rote Flamme stieg inmitten des Rauches zum Himmel.
„Er stirbt“, sagte die Wittib. „Herr Gott, erbarm Dich der Seele des Unschuldigen. Wo ist der König, daß ich ihm mit meinen Nägeln das Herz ausreiße?“
Die Sterbeglocken der Frauenkirche läuteten.
Soetkin hörte Klas noch einen lauten Schrei tun, aber sie sah nicht, wie sein Körper sich krümmte und ächzte, um der Qualen des Feuers willen, noch wie sein Gesicht sich verzerrte, noch sah sie seinen Kopf, den er nach allen Seiten drehte und gegen das Holz des Pfahls schmetterte. Das Volk fuhr fort zu rufen und zu zischen, die Frauen und die Knaben warfen Steine, als plötzlich der Scheiterhaufen ganz und gar aufloderte und alle vernahmen, wie Klas mitten in Flammen und Rauch sprach:
„Soetkin! Tyll!“
Und das Haupt sank ihm auf die Brust wie eine Bleikugel.
Ein durchdringender Weheruf drang aus Kathelines Hütte. Dann hörte man nichts mehr, nur die arme Wahnsinnige schüttelte den Kopf und sagte: „Die Seele will hinaus.“
Klas war verschieden. Der ausgebrannte Scheiterhaufen sank am Fuße des Pfahles in sich zusammen, und der arme, ganz schwarze Körper blieb am Halse aufgehängt daran stehen.
Und die Totenglocken der Frauenkirche läuteten.
Soetkin stand bei Katheline gegen die Mauer gelehnt mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen. Sie hielt Ulenspiegel umfangen, ohne zu reden, noch zu weinen.
Ulenspiegel war auch stumm; er fühlte mit Schrecken die Fieberglut, so den Körper seiner Mutter verbrannte.
Die Nachbarn, die vom Richtplatz zurückkamen, sagten, daß Klas ausgelitten habe.
„Er ist in die Herrlichkeit eingegangen“, sprach die Wittib.
„Bete“, sagte Nele zu Ulenspiegel; und sie gab ihm seinen Rosenkranz, aber er wollte ihn nicht gebrauchen, weil die Kugeln vom Papst geweiht wären.
Da die Nacht herabsank, sagte Ulenspiegel zur Wittib:
„Mutter, DumußtDich schlafen legen; ich werde bei Dir wachen.“
Aber Soetkin antwortete: „Es tut nicht not, daß Du bei mir wachst: der Schlaf ist gut für die Jugend.“
Nele bereitete jedem ein Lager in der Küche und ging fort.
Sie blieben beieinander, dieweil die Reste eines Feuers von Baumwurzeln im Kamin verbrannten.
Soetkin legte sich nieder und Ulenspiegel tat wie sie und hörte sie unter ihren Decken weinen.
Draußen in der nächtlichen Stille ließ der Wind die Bäume des Kanals rauschen wie das Meer und als Vorbote des Herbstes schleuderte er den Staub in Wirbeln gegen die Fenster.
Ulenspiegel sah etwas wie einen Mann, der kam und ging; er hörte ein Geräusch von Schritten in der Küche; da er hinhorchte, hörte er nichts mehr als den Wind, der im Kamin heulte, und Soetkin, die unter ihren Decken weinte.
Dann hörte er wiederum gehen und hinter sich am Kopfende seufzen. „Wer ist da?“ fragte er.
Niemand gab Antwort; aber es ward zu drei Malen auf den Tisch geklopft. Ulenspiegel ward von Furcht ergriffen und zitternd fragte er abermals: „Wer ist da?“ Er bekam keine Antwort, aber drei Schläge fielen auf den Tisch, und er fühlte, wie zwei Arme ihn umschlangen und über sein Gesicht ein Körper sich neigte, dessen Haut war gerunzelt, auch hatte er ein großes Loch in der Brust und einen Brandgeruch um sich.
„Vater,“ sprach Ulenspiegel, „ist es Dein armer Leichnam, der also auf mir lastet?“
Er erhielt keine Antwort, und ohngeachtet der Schatten nahe bei ihm stand, hörte er draußen „Tyll, Tyll!“ rufen. Plötzlich erhob Soetkin sich und trat an Ulenspiegels Lager: „Hörst Du nichts?“ fragte sie.
„Wohl,“ sprach er, „der Vater ruft mich.“
„Ich,“ sprach Soetkin, „ich habe einen kalten Leichnam an meiner Seite in meinem Bette gefühlt, und die Pfühle haben sich gerührt und die Vorhänge sich bewegt, und ich habe eine Stimme sagen hören: „Soetkin“. Eine Stimme, leise wie ein Hauch, und einen Schritt, leicht wie das Summen einer Mücke!“ Und sie sprach also zu dem Geist ihres Klas:
„Mein Mann, so Du im Himmel, allwo Gott Dich in seine Herrlichkeit aufgenommen hat, irgend etwas begehrst, mußt Du es uns sagen, auf daß wir Deinen Willen vollstrecken.“
Plötzlich stieß ein Windstoß die Tür mit Ungestüm auf und erfüllte den Raum mit Staub, und Ulenspiegel und Soetkin hörten fernes Gekrächz von Raben.
Sie gingen selbander hinaus und kamen zum Scheiterhaufen.
Die Nacht war schwarz, ausgenommen, wenn die Wolken, so von dem scharfen Nordwind gejagt gleich Hirschen über den Himmel liefen, dem Antlitz des Gestirns seinen Glanz ließen.
Ein Gemeinbüttel schritt auf und ab und hielt Wache am Scheiterhaufen. Ulenspiegel und Soetkin hörten den Schall seiner Schritte auf dem hartgestampften Boden und die Stimme eines Raben, der ohne Zweifel andere herbeirief, denn aus der Ferne antwortete ihm Gekrächz.
Da Ulenspiegel und Soetkin an den Scheiterhaufen traten, ließ der Rabe sich auf Klasens Schultern nieder und sie hörten ihn an dem Körper picken, und alsobald kamen andere Raben herbei.
Ulenspiegel wollte sich auf den Scheiterhaufen stürzen und die Raben niederschlagen; der Büttel aber sagte zu ihm:
„Du Zauberer, suchst Du Teufelsklauen? Wisse, daß die Hände von Verbrannten nicht unsichtbar machen, sondern allein die Hände eines Gehenkten, wie Du dereinst einer sein wirst.“
„Herr Weibel,“ erwiderte Ulenspiegel, „ich bin kein Zauberer, sondern der verwaiste Sohn dessen, der dort hängt, und dies Weib ist seine Wittib. Wir wollen ihn nur noch einmal küssen und ein Weniges von seiner Asche zum Gedächtnis an ihn nehmen. Erlaubt es uns, Herr, der Ihr kein fremder Söldling, sondern vielmehr ein Sohn dieses Landes seid.“
„Es geschehe, wie Du willst“, antwortete der Büttel.
Waise und Witwe schritten über das verbrannte Holz und kamen an den Leichnam. Beide küßten Klasens Antlitz mit Tränen.
Ulenspiegel nahm da, wo das Herz saß und wo die Flamme ein großes Loch ausgehöhlt hatte, ein wenig von der Asche des Toten. Dann knieten Soetkin und er nieder und beteten. Da die Morgenröte fahl am Himmel erschien, waren sie beide noch da; aber der Büttel trieb sie fort, aus Furcht, seiner Gutwilligkeit halber gestraft zu werden.
Daheim nahm Soetkin ein Stück roter Seide und ein Stück schwarzer Seide; sie machte ein Säcklein daraus; in das tat sie die Asche; und an das Säcklein nähte sie zwei Bänder, auf daß Ulenspiegel es allezeit um den Hals tragen könnte. Sie hing ihm das Säcklein um und sprach zu ihm:
„Möge diese Asche, so das Herz meines Mannes, dieses Rot, das sein Blut, dieses Schwarz, das unsere Trauer ist, immerwährend auf Deiner Brust sein wie das Feuer der Rache wider die Henker.“ „So sei es“, sprach Ulenspiegel.
Und die Wittib umarmte die Waise und die Sonne ging auf.
Des anderen Tages drangen die Büttel und Ausrufer der Gemeinde in Klas Behausung, setzten allen Hausrat daraus auf die Gasse und schritten zur öffentlichen Vergantung.
Von Kathelines Haus aus sah Soetkin die Wiege aus Eisen und Kupfer hinaustragen, die vom Vater auf den Sohn im Hause der Klas vererbt worden, darinnen der arme Tote und auch Ulenspiegel geboren war. Dann trugen sie das Bett hinaus, in dem Soetkin ihr Kind empfangen, und in dem sie so trauliche Nächte, an ihren Mann geschmiegt, verbracht hatte. Dann kam der Kasten, in dem sie das Brot verwahrte, die Lade, in der zur Zeit des Wohllebens die Fleischstücke waren, Pfannen, Kessel und Töpfe, nicht mehr glänzend wie in der guten Zeit des Glücks, sondern vom Staub der Verwahrlosung bedeckt. Und sie gedachte bei ihnen der häuslichen Feste, wo die Nachbarn, vom Duft angelockt, herbeigekommen waren.
Dann kam auch eine Tonne und ein Tönnlein, mit einfachem und Doppelbier, und ein Korb mit Weinflaschen, deren zumindest dreißig waren; und alles ward auf die Straße gesetzt bis auf den letzten Nagel, den die arme Witfrau mit großem Lärm herausreißen hörte.
Ohne zu schmähen noch sich zu beklagen, saß sie da und sah blutenden Herzens ihren bescheidenen Wohlstand davon tragen. Nachdem der öffentliche Verkäufer ein Talglicht angezündet hatte, ward der Hausrat vergantet. Da das Licht beinahe ausgebrannt war, hatte der Älteste der Fischergilde alles um ein Spottgeld erstanden, um es wieder zu verkaufen, und er schien sich zu ergötzen wie ein Wiesel, das einem Huhne das Hirn aussaugt.
Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht lange lachen, Mörder.“
Indessen ging der Verkauf zu Ende und die Büttel, so alles durchwühlten, fanden die Karolus nicht. Der Fischhändler rief aus: „Ihr suchet schlecht; ich weiß, daß Klas vor sechs Monaten siebenhundert hatte.“
Ulenspiegel sprach in seinem Herzen: „Du wirst nicht erben, Mörder.“
Plötzlich wandte sich Soetkin um und sprach, auf den Fischhändler weisend: „Der Angeber!“
„Ich weiß es“, sagte er.
„Soll er vom Blut Deines Vaters erben?“
„Lieber wollt ich einen ganzen Tag auf der Folterbank leiden“, antwortete Ulenspiegel.
„Auch ich, aber bekenne nichts um meinetwillen, welche Qual Du mich auch erdulden siehst.“
„Ach, Du bist ein Weib“, sagte Ulenspiegel.
„Armer Schelm,“ sprach sie, „ich habe Dich zur Welt gebracht und weiß zu leiden. Aber Du, wenn ich Dich sähe.“ Da erbleichte sie. „Ich werde zur heiligen Jungfrau beten, die ihren Sohn am Kreuze sah.“
Und sie weinte, dieweil sie Ulenspiegel liebkoste. Und also machten sie miteinander einen Pakt des Hasses und der Kraft.
Der Fischhändler brauchte nur die Hälfte des Kaufpreises zu entrichten, da die andere Hälfte dazu dienen sollte, seine Angeberei zu belohnen, bis daß die siebenhundert Karolus gefunden wären, die ihn zur Schurkerei getrieben hatten.
Soetkin verbrachte die Nächte mit Weinen und die Tage mit Hausarbeit. Oft hörte Ulenspiegel sie ganz allein sprechen und sagen: „Wenn er erbt, töte ich mich.“
Wissend, daß sie ausführen würde, was sie sagte, taten Nele und er ihr Bestes, Soetkin zu bereden, nach Walcheren zu ziehen, allwo sie Verwandte hatte. Soetkin wollte nicht und sagte, es täte ihr nicht not, den Würmern aus dem Wege zu gehen, die in Bälde ihre Witwenknochen verzehren würden.
Derweilen war der Fischhändler wiederum zum Amtmann gegangen und hatte ihm gesagt, daß der Verstorbene erst vor etlichen Monaten an siebenhundert Karolus geerbt habe; daß er ein haushälterischer Mann gewesen, der mit wenigem auskam und also nicht diese große Summe ausgegeben habe, welche ohne Zweifel in einem Winkel verborgen sei.
Der Amtmann fragte, was Ulenspiegel und Soetkin ihm Böses angetan hätten, da er noch darauf sinne, sie grausam zu verfolgen, nachdem er ihnen Vater und Mann genommen?
Der Fischhändler erwiderte, daß er als angesehener Bürger von Damm den Gesetzen des Reichs Achtung verschaffen und also die Gnade Seiner Majestät verdienen wolle.
Nachdem er solches gesagt, gab er dem Amtmann eine Anklageschrift zu Händen und führte Zeugen auf, die der Wahrheit gemäß wider Willen bezeugten, daß der Fischhändler nicht löge.
Nachdem die Wohllöbliche Schöffenkammer die Zeugnisse vernommen, erklärte sie die Indizien der Schuld ausreichend zur Folter. Somit schickten sie zum andern Mal Büttel, um das Haus zu durchwühlen; diese hatten Vollmacht, Mutter und Sohn in das Stadtgefängnis zu bringen, allwo sie gehalten werden sollten, bis der Henker von Brügge, welcher ohne Verzug bestellt ward, anlangte.
Da Soetkin und Ulenspiegel durch die Straße gingen, die Hände auf den Rücken gebunden, stund der Fischhändler auf der Schwelle seines Hauses und sah sie an.
Und die Bürger und Bürgersfrauen von Damm standen auch auf der Schwelle ihrer Häuser. Matthyssen, der nächste Nachbar des Fischhändlers, hörte Ulenspiegel zum Ankläger sagen:
„Gott wird Dir fluchen, Du Henker der Witwen!“
Und Soetkin sprach zu ihm:
„Du wirst eines jämmerlichen Todes sterben, Du Verfolger der Waisen.“
Da die Leute von Damm solchermaßen erfahren hatten, daß die Witwe und die Waise also auf eine zweite Anzeige Griepenstüvers ins Gefängnis gebracht wurden, schmähten sie den Fischhändler und warfen ihm abends Steine in die Fenster und seine Tür ward mit Unrat bedeckt.
Und er wagte nicht mehr aus dem Hause zu gehen.
Gegen die zehnte Stunde des Vormittags wurden Ulenspiegel und Soetkin in die Folterkammer geführt.
Allda befanden sich der Amtmann, der Gerichtsschreiber und die Schöffen, der Henker von Brügge, sein Knecht und ein Wundarzt.
Der Amtmann fragte Soetkin, ob sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthalte. Sie antwortete: daß sie nichts vorenthalten könne, da sie nichts habe.
„Und Du?“ fragte der Amtmann Ulenspiegel.
„Vor sieben Monaten“, versetzte er, „erbten wir siebenhundert Karolus, etliche davon haben wir verzehrt. Was die andern angeht, so weiß ich nicht, wo sie sind; ich vermeine jedoch, daß der Wanderer, der zu unserm Unglück bei uns wohnte, den Rest mitgenommen hat; denn ich habe seither nichts mehr gesehen.“
Der Amtmann fragte wiederum, ob alle beide darin beharrten, sich für unschuldig zu erklären.
Sie antworteten, daß sie kein dem Kaiser gehöriges Gut vorenthielten.
Darauf sagte der Amtmann ernst und traurig:
„Da die Aussagen Euch schwer belasten und die Anklage begründet ist, müßt Ihr, so Ihr nicht bekennt, die hochnotpeinliche Frage erleiden.“
„Schonet der Witwe,“ sprach Ulenspiegel, „der Fischhändler hat alles gekauft.“
„Armer Schelm,“ sagte Soetkin, „die Männer vermögen den Schmerz nicht so zu ertragen, wie die Frauen.“
Da sie sahe, daß Ulenspiegel um ihretwillen bleich wie ein Toter ward, sagte sie noch:
„Ich habe Haß und Kraft.“
„Schonet der Witwe“, sprach Ulenspiegel.
„Nehmt mich statt seiner“, sprach Soetkin.
Der Amtmann fragte den Henker, ob er die Werkzeuge bereit halte, die zur Erkenntnis der Wahrheit erforderlich seien.
Der Henker antwortete:
„Sie sind alle hier.“
Nachdem die Richter Rat gehalten hatten, bestimmten sie, daß mit der Frau begonnen werden müsse, um die Wahrheit zu erfahren.
„Denn“, sagte einer der Schöffen, „es ist kein Sohn, der grausam genug wäre, seine Mutter leiden zu sehen, ohne das Verbrechen zu bekennen und sie solchergestalt zu erlösen. Desgleichen wird jede Mutter für die Frucht ihres Leibes tun, hätte sie gleich das Herz einer Tigerin.“
Zum Henker sprechend, sagte der Amtmann:
„Setze die Frau auf den Stuhl und lege ihr die Schraubstöcke an Hände und Füße.“
Der Henker gehorchte.
„O, tut nicht also, Ihr Herren Richter!“ schrie Ulenspiegel. „Bindet mich an ihrer Statt, zerbrecht mir die Finger und die Zehen, aber schont der Witwe!“
„Der Fischhändler“, sagte Soetkin. „In mir ist Haß und Kraft.“
Ulenspiegel ward noch bleicher. Er zitterte verstört und schwieg.
Die Schraubstöcke waren Stäblein von Buchsbaumholz, welche mit Schnüren verbunden waren und zwischen die Finger gesteckt die Knochen berührten. Durch eine Vorrichtung von so scharfsinniger Erfindung konnte der Henker nach Belieben des Richters die Finger zusammenpressen, die Knochen von ihrem Fleisch entblößen, sie zermalmen, oder dem Delinquenten nur einen geringen Schmerz verursachen.
Er legte die Schraubstöcke an Soetkins Hände und Füße.
„Schnürt“, befahl ihm der Amtmann.
Er tat es grausam.
Drauf sprach der Amtmann zu Soetkin:
„Bezeichne mir den Ort, wo die Karolus verborgen sind.“
„Ich kenne ihn nicht“, antwortete sie ächzend.
„Schnürt stärker“, sagte er.
Ulenspiegel versuchte seine Arme, die auf dem Rücken gebunden waren, vom Strick loszureißen, um Soetkin zu Hilfe zu kommen.
„Schnürt nicht, Ihr Herren Richter,“ sagte er, „es sind zarte, zerbrechliche Frauenknochen. Ein Vogel vermöchte sie mit seinem Schnabel zu zerbrechen. Schnürt nicht, Herr Scharfrichter, ich rede nicht zu Euch, dieweil Ihr den Befehlen der Herren gehorsam sein müßt. Schnürt nicht, habt Erbarmen!“
„Der Fischhändler“, sprach Soetkin.
Und Ulenspiegel schwieg.
Da er aber sahe, daß der Henker die Schraubstöcke noch stärker anzog, schrie er von neuem:
„Erbarmen, Ihr Herren, Ihr zerbrecht der Witwe die Finger, deren sie zur Arbeit bedarf. Wehe, ihre Füße! Wird sie nicht mehr gehen können? Erbarmen, Ihr Herren!“
„Du wirst eines elendigen Todes sterben, Fischhändler“, schrie Soetkin.
Und ihre Knochen krachten und das Blut troff von ihren Füßen.
Ulenspiegel nahm alles wahr und vor Schmerz und Zorn zitternd, sagte er:
„Zerbrecht sie nicht, die Knochen eines Weibes, Ihr Herren Richter!“
„Der Fischhändler“, ächzte Soetkin.
Und ihre Stimme war leise und erstickt wie die eines Geistes.
Ulenspiegel zitterte und rief:
„Ihr Herren Richter, die Hände bluten und die Füße auch. Man hat der Witwe die Knochen gebrochen.“
Der Wundarzt berührte sie mit dem Finger, und Soetkin stieß einen lauten Schrei aus.
„Bekenne für sie“, sprach der Amtmann zu Ulenspiegel.
Aber Soetkin blickte ihn mit weit offnen Augen an, die denen einer Dahingeschiedenen glichen. Und er merkte, daß er nicht sprechen dürfe, und weinte, ohne ein Wort zu sagen.
Aber der Amtmann sagte darauf:
„Da dieses Weib mit der Festigkeit eines Mannes begabt ist, so muß ihr Mut vor der Tortur ihres Sohnes auf die Probe gestellt werden.“
Soetkin hörte nicht, denn sie war ohnmächtig ob des großen Schmerzes, den sie erlitten.
Mit viel Essig ward sie wieder zu sich gebracht. Dann ward Ulenspiegel entkleidet und nackend vor die Augen der Witwe gestellt. Der Henker schor ihm das Haupthaar und alles Haar ab, um zu sehen, ob er nicht ein Teufelsmal habe. Dabei ward er des schwarzen Pünktleins auf dem Rücken gewahr, so Ulenspiegel seit der Geburt an sich trug. Er stach zu unterschiedlichen Malen eine lange Nadel hinein; aber da Blut herauskam, erkannte er, daß in diesem Pünktlein keinerlei Zauberei sei. Auf Befehl des Amtmanns wurden Ulenspiegels Hände an zwei Stricke gebunden, so über eine an der Decke befestigte Rolle liefen, also daß der Henker ihn nach Belieben der Richter hochziehen und herunterlassen konnte, indem er ihn heftig schüttelte. Solches tat er an die neun Male, nachdem er ihm an jedes Bein ein Gewicht von fünfundzwanzig Pfund gehängt hatte.
Beim neunten Stoß zerriß die Haut der Handgelenke und Fußknöchel, und die Knochen der Beine traten aus ihren Gelenken.
„Bekenne“, sagte der Amtmann.
„Nein“, antwortete Ulenspiegel.
Soetkin blickte ihren Sohn an und fand nicht Kraft zu schreien noch zu sprechen; sie streckte nur die Arme aus und bewegte ihre blutenden Hände und bezeigte durch diese Gebärde, daß man dieser Marter ein Ende machen solle.
Der Henker zog Ulenspiegel abermals hinauf und hinunter. Und die Haut der Fußknöchel und Handgelenke zerriß stärker und die Knochen der Beine traten noch weiter aus ihren Gelenken; aber er schrie nicht.
Soetkin weinte und schüttelte ihre blutenden Hände.
„Bekenne die Unterschlagung,“ sprach der Amtmann, „und Dir soll verziehen sein.“
„Der Fischhändler braucht Verzeihung“, antwortete Ulenspiegel.
„Du willst der Richter spotten?“ sagte einer der Schöffen.
„Ich spotten? Ach,“ antwortete Ulenspiegel, „ich stelle mich nur so, glaubet mir.“
Soetkin sah nun, daß der Henker auf Befehl des Amtmanns ein Becken mit glühenden Kohlen anfachte und daß ein Knecht zwei Unschlittkerzen entzündete.
Sie wollte sich auf ihren zerquetschten Füßen erheben, doch sie fiel in den Sitz zurück und rief aus:
„Schafft das Feuer fort! Ach, ihr Herren Richter, schont seiner armen Jugend. Schafft das Feuer fort.“
„Der Fischhändler!“ rief Ulenspiegel, da er sie schwach werden sah.
„Ziehet Ulenspiegel einen Schuh hoch vom Boden“, sagte der Amtmann; „stellet ihm das Kohlenbecken unter die Füße und haltet eine Kerze unter jede Achsel.“
Der Henker gehorsamte. Was an Haar unter den Achseln übrig war, knisterte und rauchte in der Flamme.
Ulenspiegel schrie und Soetkin sagte weinend:
„Schafft das Feuer hinweg!“
Der Amtmann sprach:
„Bekenne die Hehlerei und du sollst erlöst sein. Gestehe für ihn, Weib.“
Und Ulenspiegel sagte:
„Wer will den Fischhändler in das ewig brennende Feuer werfen?“
Soetkin schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen hätte. Ulenspiegel knirschte mit den Zähnen und Soetkin schaute auf ihn mit verstörten Augen, in Tränen aufgelöst.
Indessen, nachdem der Henker die Kerzen ausgelöscht und das Becken mit glühenden Kohlen unter Ulenspiegels Füße gestellt hatte, schrie sie:
„Ihr Herren Richter, habt Erbarmen mit ihm, er weiß nicht, was er sagt.“
„Warum weiß er nicht, was er sagt?“ fragte der Amtmann voll Arglist.
„Fraget sie nicht, Ihr Herren Richter; Ihr seht wohl, daß sie vor Schmerz von Sinnen ist. Der Fischhändler hat gelogen“, sprach Ulenspiegel.
„Wirst Du so wie er aussagen, Weib?“ fragte der Amtmann.
Soetkin nickte mit dem Kopf.
„Verbrennt den Fischhändler!“ schrie Ulenspiegel.
Soetkin schwieg, aber sie hielt die geballte Faust hoch, als wollte sie ihn verfluchen.
Da sie jedoch die Kohlen in hellerer Glut unter den Füßen ihres Sohnes aufflammen sah, schrie sie:
„Herr Gott! heilige Jungfrau, die Ihr im Himmel seid, macht dieser Marter ein Ende. Habt Erbarmen! Nehmt das Kohlenbecken fort!“
„Der Fischhändler!“ ächzte Ulenspiegel.
Und er brach das Blut in Strömen durch Nase und Mund aus, neigte den Kopf und blieb über den Kohlen hängen.
Da schrie Soetkin:
„Mein armes Kind ist tot! Sie haben ihn gemordet! Wehe, auch ihn! Nehmt die Kohlen fort, Ihr Herren Richter. Lasset mich ihn in die Arme nehmen, um bei ihm zu sterben. Ihr wisset, daß ich auf meinen gebrochenen Füßen nicht entfliehen kann.“
„Gebet der Wittib ihren Sohn“, sprach der Amtmann.
Dann ratschlagten die Richter untereinander.
Der Henker band Ulenspiegel los und legte ihn nackend und blutüberströmt auf Soetkins Knie, derweil der Wundarzt ihm die Knochen wieder einrenkte.
Indessen umarmte Soetkin Ulenspiegel und sagte weinend:
„Mein Sohn, Du armer Märtyrer! Wenn die Herren Richter es gestatten, werde ich Dich heilen; aber wach auf, Tyll, mein Sohn! Ihr Herren Richter, wenn Ihr ihn mir umgebracht habt, so werde ich zu Seiner Majestät gehen, denn Ihr habt gegen jedes Recht und Gerechtigkeit gehandelt und Ihr sollt sehen, was eine arme Frau wider die Bösen vermag. Aber Ihr Herren, lasset uns mitsammen frei. Wir haben nur einander in Welt, wir armen Leute, auf die Gottes Hand schwer herabfällt.“
Nachdem die Richter Rat gepflogen hatten, sprachen sie das Urteil wie folgt:
„In Ansehung dessen, daß Ihr, Soetkin, eheliche Witwe von Klas, und Ihr Tyll, Sohn von Klas, mit dem Beinamen Ulenspiegel, trotz grausamer Tortur und genugsamer Proben nichts bekannt habt auf die Anschuldigung, das Vermögen unterschlagen zu haben, so kraft Konfiskation und ohngeachtet aller dem zuwiderlaufenden Privilegien, Seiner Königlichen Majestät gehörte; Erklärt der Gerichtshof Euch für frei; Mangels ausreichender Beweise und bei Dir, Frau, des jammervollen Zustandes Eurer Glieder, und bei Dir, Mann, der peinlichen Folter wegen, so Ihr erlitten habt. Er erlaubt Euch, bei dem Manne oder der Frau aus der Stadt, denen es genehm sein wird, Euch unangesehen Eurer Armut zu beherbergen und niederzulassen.“
„So gegeben zu Damm, den dreiundzwanzigsten Tag des Weinmonats Anno Domini 1558.“
„Seid bedankt, Ihr Herren Richter“, sagte Soetkin.
„Der Fischhändler“, ächzte Ulenspiegel.
Und Mutter und Sohn wurden in einem Karren zu Katheline gebracht.
Im selbigen Jahre, dem achtundzwanzigsten des Jahrhunderts, trat Katheline zu Soetkin ins Gemach und sprach:
„Verwichene Nacht, da ich mich mit Balsam gesalbt hatte, ward ich auf den Turm der Frauenkirche versetzt. Ich sah die Geister der Elemente, die Gebete der Menschen den Engeln zutragen, welche sie hinwiederum nach dem hohen Himmel zum Throne emportrugen. Und der Himmel war ganz übersät mit strahlenden Sternen. Plötzlich erhob sich von einem Scheiterhaufen eine Gestalt, die mich schwarz dünkte, und schwebte hinauf und setzte sich neben mich auf den Turm. Ich erkannte Klas, so wie er im Leben war, mit seinem Kohlenträgerkittel angetan. „Was machst Du auf dem Turme der Frauenkirche?“ sagte er zu mir. „Aber wohin gehst Du, der Du wie ein Vogel in den Lüften fliegst?“ fragte ich dagegen. „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. „Hörst Du nicht die Posaune des Gerichts?“ Ich stand ganz nahe bei ihm und fühlte, daß seine Geistergestalt nicht hart war wie der Körper der Lebendigen, sondern so zart, daß ich in ihn eindrang wie in heißen Dampf, da ich ihm nahe rückte. Zu meinen Füßen durch das ganze Land Flandern erglänzten etliche Lichter, und ich sagte zu mir selbst: Die da frühe aufstehen und spät schaffen, sind die Gesegneten des Herrn.
Und immerda hörte ich in der Nacht die Posaune des Engels ertönen. Und alsbald sah ich einen andern Schatten aufsteigen, so aus Spanien kam; selbiger war alt und abgelebt, hatte ein Kinn wie ein Holzschuh und Quittenmus an den Lippen.
Er trug einen karmesinroten Sammetmantel, mit Hermelin gefüttert, eine Kaiserkrone und in der einen Hand eine Anschovis, die er knabberte, in der andern einen vollen Bierhumpen.
Er kam und setzte sich auf den Turm der Frauenkirche, ohne Zweifel aus Müdigkeit. Niederknieend sprach ich zu ihm: „Gekrönte Majestät, ich verehre Euch, aber ich kenne Euch nicht. Von wannen kommt Ihr und was tut Ihr in der Welt?“ / „Ich komme aus Sankt-Just in Estremadura,“ sagte er, „und war der Kaiser Karl der Fünfte.“ „Aber,“ sprach ich, „wohin gehet Ihr jetzo in dieser kalten Nacht, durch die hagelschweren Wolken?“ / „Ich gehe zum Gericht“, sagte er. Da der Kaiser seine Anschovis aufessen und das Bier aus seinem Kruge austrinken wollte, ertönte die Posaune des Engels, und er erhob sich in die Luft und murrte, weil er also in seiner Mahlzeit gestört ward. Ich folgte Seiner Heiligen Majestät. Er ging durch den Weltraum, indem er vor Müdigkeit schluckste, vor Asthma keuchte und sich zu Zeiten erbrach, denn der Tod hatte ihn mit verdorbenem Magen ereilt. Wir stiegen unaufhörlich, wie Pfeile, aus einem Bogen von Kirschbaumholz geschnellt. Die Sterne flogen an uns vorüber und zogen feurige Streifen in den Himmel. Wir sahen, wie sie sich loslösten und fielen. Die Posaune des Engels ertönte. Welch schmetternder, mächtiger Schall! Bei jeder Fanfare, so die Dünste der Luft erschütterte, zerrissen sie, wie wenn ein Orkan ganz dicht auf sie dreingeblasen hätte. Und so war uns der Weg vorgezeichnet. Da wir nun tausend Meilen und mehr emporgestiegen waren, sahen wir Christum in seiner Herrlichkeit auf einem Sternenthron sitzen. Zu seiner Rechten stund der Engel, der die Taten der Menschen auf eine eherne Tafel schreibt, und zu seiner Linken Maria, seine Mutter, die ihn unablässig für die Sünder um Gnade bittet.
Klas und Kaiser Karl knieten vor dem Throne nieder.
Der Engel warf ihm die Krone vom Haupt. „Hier ist nur ein Kaiser,“ sprach er, „das ist Christus.“
Seine Heilige Majestät schien erzürnt, jedoch sagte sie, demütig sprechend: „Könnte ich nicht diese Anschovis und diesen Humpen Bier behalten? Denn die lange Reise hat mich hungrig gemacht.“
„Wie Du es Dein Lebenlang warest“, versetzte der Engel. „Aber iß und trink immerhin.“
Der Kaiser leerte den Humpen und knabberte die Anschovis.
Darauf redete Christus und sprach:
„Stellst Du Dich mit reiner Seele zum Gericht?“
„Ich hoffe es, mein gütiger Herr, denn ich habe gebeichtet,“ antwortete Kaiser Karl.
„Und Du, Klas?“ fragte der Engel. „Denn Du zitterst nicht wie dieser Kaiser.“
„Mein Herr Jesus,“ antwortete Klas, „es ist keine Seele, die rein sei, darum habe ich keine Furcht vor Euch, der Ihr die höchste Güte und die höchste Gerechtigkeit seid; aber ich fürchte dennoch für meine Sünden, die zahlreich waren.“
„Rede, Kadaver“, sprach der Engel, sich an den Kaiser wendend.
„Ich,“ antwortete Karl mit unklarer Stimme, „ich ward durch den Finger Eurer Priester gesalbet und zum König von Castilien, Kaiser von Deutschland und König der Römer geweiht. Unablässig lag mir die Erhaltung der Macht am Herzen, so von Euch kommt, und darum wirkte ich mit Strang, Schwert, Grube und Feuer wider alle Reformierten.“
Aber der Engel sprach:
„Du Lügner und Völler,“ sagte er, „Du willst uns betrügen. In Deutschland hast Du die Reformierten geduldet, denn Du hattest Furcht vor ihnen; und in den Niederlanden, wo Du nur Das fürchtetest, nicht genug von diesen fleißigen, honigreichen Bienen zu erben, hast Du sie enthaupten, verbrennen, hängen und lebendig begraben lassen. Hunderttausend Seelen sind durch Dich zugrunde gegangen, nicht weil Du Christum, meinen Herrn liebtest, sondern weil Du ein Despot, Tyrann und Länderverschlinger warst. Du liebtest nur Dich selbst und nach Dir Fleisch, Fisch, Wein und Bier, denn Du warst gierig wie ein Hund und durstig wie ein Schwamm.“
„Und Du, Klas, sprich“, sagte Christus.
Aber der Engel erhob sich.
„Dieser hat nichts zu sagen. Er war gut, arbeitsam wie das arme flandrische Volk, das da gerne arbeitet und gerne lacht, und seinen Fürsten die schuldige Treue hält und glaubt, daß die Fürsten ihm die Treue hielten, die sie ihm schuldeten. Er hatte Geld, ward angeklagt und da er einen Reformierten beherbergt hatte, ward er lebendig verbrannt.“
„Ach,“ sprach Maria, „armer Märtyrer! Aber im Himmel sind kühle Bronnen, Springbrunnen von Milch und köstlichem Wein, die werden Dich erfrischen, und ich selbst will Dich dort hinführen, Kohlenträger.“
Die Posaune des Engels erscholl abermals, und aus der Tiefe der Abgründe sah ich einen Mann aufsteigen, nackt und schön, mit Eisen gekrönt. Und auf dem Reifen der Krone waren diese Worte geschrieben: „Traurig bis an den Tag des Gerichts.“
Er nahete dem Thron und sprach zu Christo:
„Ich bin Dein Sklave, bis daß ich Dein Herr sein werde.“
„Satan,“ sagte Maria, „ein Tag wird kommen, wo es weder Sklaven noch Herren gibt und wo Christus, welcher die Liebe, und Satan, welcher der Stolz ist, bedeuten werden: Kraft und Wissen.“
„Weib, Du bist gut und schön“, sprach Satan.
Dann zu Christo redend und auf den Kaiser deutend, sprach er: „Was soll mit diesem hier geschehen?“
Christus antwortete:
„Du sollst das gekrönte Gewürm in ein Gemach bringen, darinnen Du alle Folterwerkzeuge, so unter seiner Regierung im Gebrauch waren, zusammenträgst. Jedesmal, wenn ein unschuldiger Unglücklicher die Wasserfolter erleidet, welche die Menschen aufbläht wie Blasen, die Kerzenfolter, welche die Fußsohlen und Achselhöhlen verbrennt, den Wippgalgen, welcher die Glieder zerbricht, das Zerreißen durch vier Pferde; jedesmal, wenn eine freie Seele auf dem Scheiterhaufen ihren letzten Atem aushaucht, soll er eins nach dem andren diese Tode und Foltern erdulden. Er soll innewerden, wieviel Böses ein Ungerechter, der über Millionen gebeut, tun kann. Möge er in den Gefängnissen verfaulen, auf den Schafotten sterben, in der Verbannung, fern vom Vaterland, stöhnen; möge er beschimpft, verunglimpft, gestäupet werden. Er möge reich sein und der Fiskus von ihm zehren; der Angeber soll ihn verklagen und die Konfiskation soll ihn zugrunde richten. Du sollst ihn in einen Esel verwandeln, auf daß er sanftmütig, mißhandelt und schlecht genährt sei; in einen Armen, auf daß er um Almosen bitte und mit Schimpfworten begrüßt werde; in einen Arbeiter, auf daß er zuviel arbeite und nicht genug esse. Wenn er alsdann an Leib und Seele genugsam gelitten hat, so sollst Du ihn zum Hunde machen, auf daß er gut sei und Prügel empfahe; zu einem Sklaven in Indien, der öffentlich versteigert wird; zu einem Soldaten, damit er sich für einen andern schlage und sich töten lasse, ohne zu wissen warum. Und wenn er nach Verlauf von dreihundert Jahren alle Leiden, alles Elend erschöpft haben wird, sollst Du ihn zum freien Menschen machen. Wenn er in diesem Stande gut wie Klas ist, sollst Du seinen Leichnam in einem Erdenwinkel, der um Mittag schattig ist und am Morgen von der Sonne beschienen wird, unter einem schönen Baum mit frischem Rasen bedecken und ihm die ewige Ruhe geben. Und seine Freunde werden kommen und auf seinem Grabe bittere Tränen vergießen und Veilchen säen, die Blumen der Erinnerung.“
„Gnade, mein Sohn,“ sprach Maria, „er wußte nicht, was er tat, denn Macht verhärtet das Herz.“
„Hier ist keine Gnade“, sagte Christus.
„Ach,“ sprach Seine Heilige Majestät, „wenn ich nur ein Glas andalusischen Weines hätte!“
„Komm,“ sprach Satan, „die Zeit des Weines, der Fleischspeisen und Geflügel ist vorbei.“
Und in die tiefste Hölle schleppte er die Seele des armen Kaisers, der noch an seiner Anschovis kaute.
Satan ließ es aus Mitleid geschehen. Dann sah ich Mutter Maria den Klas in den höchsten Himmel führen, dorthin, wo nichts war, denn Sterne, die in Trauben am Gewölbe befestigt sind. Und allda wuschen ihn die Engel und er ward schön und jung. Alsdann gaben sie ihm Reisbrei mit silbernen Löffeln zu essen. Und der Himmel schloß sich.“
„Er ist in der Herrlichkeit“, sagte die Wittib.
„Die Asche brennt auf meinem Herzen“, sprach Ulenspiegel.
Während der folgenden dreiundzwanzig Tage ward Katheline weiß und mager und dörrte aus, als würde sie von einem innern Fieber verzehrt, glühender als das des Wahnsinns.
Sie sagte nicht mehr: „Das Feuer, grabt ein Loch, die Seele will hinaus“, sondern sie war allezeit verzückt und sagte zu Nele:
„Ehefrau bin ich, und Ehefrau sollst auch Du sein. Schön, starkes Haar, heiße Liebe, kalte Kniee und kalte Arme!“
Und Soetkin blickte sie traurig an und glaubte an einen neuen Wahnsinn.
Katheline redete weiter:
„Dreimal drei sind neun, heilige Zahl. Dem in der Nacht die Augen glänzen wie Katzenaugen, der allein sieht das Geheimnis.“
Eines Abends machte Soetkin eine Gebärde des Zweifels. Aber Katheline sagte:
„Vier und drei bedeutet Unglück unter Saturn; unter Venus die Zahl der Heirat. Kalte Arme, kalte Knie, feuriges Herz!“
Soetkin versetzte:
„Man muß nicht von bösen, heidnischen Götzen sprechen.“
Da Katheline solches vernahm, machte sie das Zeichen des Kreuzes und sagte:
„Gesegnet sei der graue Ritter. Nele muß einen Mann haben, schöner Mann, der den Degen trägt, schwarzer Mann mit glänzendem Gesicht.“
„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „ein Hackfleisch von Männern, und dazu werde ich mit meinem Messer die Brühe machen.“
Nele blickte ihren Freund mit Augen an, die vor Freude feucht waren, da sie ihn so eifersüchtig sah.
„Ich will keinen“, sprach sie.
Katheline entgegnete:
„Wenn der kommen wird, der grau gekleidet und immer auf andre Art gestiefelt und gespornt ist.“
Soetkin sprach:
„Bittet Gott für die arme Närrin.“
„Ulenspiegel,“ sagte Katheline, „geh und hol uns vier Schoppen Doppelbier, dieweil ich Schmalzkuchen backe.“
Soetkin fragte, warum sie den Samstag wie die Juden feire.
Katheline antwortete:
„Weil der Teig fertig ist.“
Ulenspiegel stand vor ihr und hielt den großen Krug von englischem Zinn in der Hand, der just ein Maß faßte.
„Mutter, was soll ich tun?“ fragte er.
„Geh,“ sagte Katheline.
Soetkin wollte nicht antworten, da sie nicht Herrin im Hause war; sie sprach zu Ulenspiegel: „Geh, mein Sohn.“
Ulenspiegel lief zum „Scaeck“ und brachte die vier Schoppen Doppelbier zurück.
Alsbald verbreitete sich der Duft der Schmalzkuchen in der Küche, und alle hatten Hunger, selbst die arme Leidtragende.
Ulenspiegel aß wacker. Katheline hatte ihm einen großen Humpen gegeben und sagte dabei, daß er, als der einzige Mann und das Haupt des Hauses, mehr denn die andern trinken und hernach singen sollte.
Ihre Miene war arglistig, als sie so sprach. Aber Ulenspiegel trank, doch sang er nicht. Nele weinte, da sie Soetkin so bleich und zusammengesunken sah. Allein Katheline war lustig.
Nach der Mahlzeit stiegen Soetkin und Ulenspiegel zum Boden hinauf, um sich schlafen zu legen; Katheline und Nele blieben in der Küche, allwo ihre Betten aufgeschlagen waren.
Um die zweite Morgenstunde war Ulenspiegel ob des schweren Getränkes längst entschlafen; mit offenen Augen bat Soetkin wie jedwede Nacht Unsere liebe Frau, ihr Schlaf zu geben, aber Unsere Frau erhörte sie nicht.
Plötzlich hörte sie den Schrei eines Fischadlers und aus der Küche einen ähnlichen Schrei, der ihm antwortete; dann ertönten von fern aus den Feldern andere Rufe, und immer wollte es sie bedünken, daß von der Küche aus darauf geantwortet würde.
Gedenkend, daß es Nachtvögel seien, hatte sie des nicht Acht. Sie hörte Pferdegewieher und Klappern von Hufeisen auf der Straße, öffnete das Bodenfenster und sah leibhaftig zwei gesattelte Pferde, so den Boden stampften und das Gras des Wegrains abweideten. Alsdann vernahm sie die schreiende Stimme einer Frau und eine drohende Männerstimme; es fielen Schläge, neues Geschrei; eine Tür ward mit Getöse geschlossen und angstvolle Schritte kamen die Stufen der Stiege herauf.
Ulenspiegel schnarchte und hörte nichts. Die Bodentür öffnete sich und Nele trat ein, fast nackend, atemlos und schluchzend. Hastig stellte sie einen Tisch, Stühle, ein altes Kohlenbecken, alles was sie an Hausrat finden konnte, gegen die Tür. Die letzten Sterne waren am Erlöschen, die Hähne krähten.
Ulenspiegel hatte sich beim Geräusch, das Nele machte, im Bett umgedreht, aber er schlief weiter.
Da warf sich Nele an Soetkins Hals. „Soetkin,“ sagte sie, „ich habe Furcht, zünde das Licht an.“
Soetkin tat es und immer noch stöhnte Nele.
Als das Licht angezündet war und Soetkin Nele anschaute, sah sie, daß des Mägdleins Hemd an der Schulter zerrissen war, und auf Stirn, Wangen und Hals erblickte sie blutige Schrammen gleich Kratzwunden.
„Nele,“ sprach Soetkin und umschlang sie, „woher kommst Du also verwundet?“
Das Mädchen zitterte und stöhnte beständig und sagte: „Bring uns nicht auf den Scheiterhaufen, Soetkin.“
Indessen erwachte Ulenspiegel und zwinkerte mit den Augen im Lichtschein. Soetkin sagte: „Wer ist unten?“ Nele antwortete:
„Schweig, es ist der Mann, den sie mir geben will.“
Soetkin und Nele hörten plötzlich Katheline schreien, und die Knie zitterten den beiden. „Er schlägt sie, er schlägt sie um meinetwillen,“ sagte Nele.
„Wer ist im Hause?“ schrie Ulenspiegel und sprang aus dem Bett. Dann rieb er sich die Augen und lief im Zimmer hin und her, bis er einen schweren Schürhaken in die Hand kriegte, der in einer Ecke lag.
„Niemand,“ sagte Nele, „niemand, geh nicht hin, Ulenspiegel.“ Aber er hörte nicht, lief zur Tür, warf Stühle, Tische und Kohlenbecken beiseite. Katheline schrie unten immerfort. Nele und Soetkin hielten Ulenspiegel auf dem Treppenabsatz fest, die eine um den Leib, die andere an den Beinen, und sagten dabei: „Geh nicht hin, Ulenspiegel, es sind Teufel.“
„Ja,“ antwortete er, „ein Teufelsmann für Nele, ich werde ihn mit meinem Schürhaken ehelich zusammentun. Ein Verlöbnis von Eisen und Fleisch! Laßt mich hinunter!“
Aber sie ließen ihn nicht los, denn sie waren stark, maßen sie sich ans Geländer klammerten. Er riß sie mit auf die Stufen der Stiege hinab, und sie hatten Furcht, so den Teufeln nahe zu kommen. Aber sie vermochten nichts wider ihn. Er flog in Sprüngen und Sätzen hinunter wie ein Schneeball vom Gipfel eines Berges, kam in die Küche und sah Katheline fahl und verstört bei Schein der Morgenröte und hörte sie sagen:
„Hanske, weshalb lässest Du mich allein? Es ist nicht meine Schuld, wenn Nele bös ist.“
Ulenspiegel öffnete die Stalltür, ohne auf sie zu hören. Da er dort niemanden fand, stürzte er nach dem Garten und von da auf die Straße. Von fern sah er zwei trabende Pferde, die sich im Nebel verloren. Er rannte, um sie einzuholen, aber er konnte es nicht, denn sie jagten wie der Sturm, der die dürren Blätter vor sich hertreibt.
Von Zorn und Verzweiflung gepeinigt, kehrte er um und sagte zwischen den Zähnen: „Sie haben sie mißbraucht! Sie haben sie mißbraucht!“ Mit Augen, worinnen eine böse Flamme glühte, betrachtete er Nele, die am ganzen Leibe zitternd vor der Witwe und Katheline stand und sagte:
„Nein, Tyll, mein Geliebter, nein.“
Solches sagend, sah sie ihm so traurig und aufrichtig in die Augen, daß er wohl sah, daß sie wahr redete.
Dann befragte er sie und sprach:
„Woher kommen diese Rufe, und wohin gingen diese Männer? Warum ist Dein Hemd auf der Schulter und im Rücken zerrissen? Warum trägst Du an Stirn und Wangen Kratzwunden?“
„Hör mich an,“ sagte sie, „aber bring uns nicht auf den Scheiterhaufen. Katheline, die Gott vor der Hölle bewahren möge, hat seit dreiundzwanzig Tagen einen Teufel in schwarzen Kleidern, gestiefelt und gespornt, zum Freunde. Sein Antlitz gleißt wie das Feuer, das man des Sommers, wann es heiß ist, auf den Meereswellen sieht.“
„Warum bist Du fortgegangen, Hanske, mein Liebster?“ sprach Katheline. „Nele ist bös.“
Aber Nele redete weiter und sprach:
„Er schreit wie ein Fischadler, um anzukündigen, daß er da ist. Meine Mutter empfängt ihn jeden Samstag in der Küche. Sie erzählt, daß seine Küsse kalt und sein Körper wie Schnee sei. Und so sie nicht alles tut, was er will, schlägt er sie. Einmal brachte er ihr etliche Gülden, aber er nahm ihr dafür alle andern fort.“
Während dieser Rede faltete Soetkin die Hände und betete für Katheline. Katheline sagte fröhlich:
„Mein Körper ist nicht mehr mein, mein Geist ist nicht mehr mein, sondern sein. Hanske, mein Herzallerliebster, führe mich wiederum zum Sabbat. Nur Nele will nimmer mitgehen, Nele ist ungehorsam.“
„Bei Tagesanbruch ging er davon,“ sprach das Mägdlein weiter: „Am nächsten Tage erzählte meine Mutter mir hundert schier seltsame Dinge ... Aber Du mußt mich nicht mit so bösen Augen anschauen, Ulenspiegel. Gestern hat sie mir gesagt, daß ein schöner Herr, grau gekleidet und Hilbert geheißen, mich zur Ehe begehre und herkommen wollte, sich mir zu zeigen. Ich gab zur Antwort, daß ich keinen Mann wolle, weder einen schönen noch häßlichen. Aber kraft ihrer mütterlichen Gewalt zwang sie mich aufzubleiben, um seiner zu harren; denn wenn es sich um ihre Buhlschaften handelt, verliert sie mitnichten den Verstand. Wir waren halb entkleidet und bereit, uns schlafen zu legen; ich schlief auf dem Stuhl dort. Da sie eintraten, wachte ich nicht auf. Plötzlich fühlte ich, daß mich einer umfing und mich auf den Hals küßte. Und beim Scheine des strahlenden Mondes sah ich ein Antlitz, gleißend wie die Schaumkämme der Meereswogen im Heumond, wenn es donnern will; und ich hörte ihn mit leiser Stimme zu mir sagen: „Ich bin Hilbert, Dein Ehemann, sei mein, ich werde Dich reich machen.“ Das Angesicht dessen, der sprach, hatte einen Fischgeruch. Ich stieß ihn zurück; er wollte mich mit Gewalt packen, aber ich hatte die Kraft von zehn Männern gleich ihm. Jedoch er zerriß mir das Hemde, verwundete mich im Gesicht und sagte immerfort: „Sei mein, ich werde Dich reich machen.“ / „Ja,“ sagte ich, „gleichwie meine Mutter, der Du ihren letzten Heller nehmen wirst.“ Da verdoppelte er seine Gewalt, aber er vermochte nichts gegen mich. Und da er häßlicher war denn ein Toter, fuhr ich ihm so heftig mit meinen Nägeln in die Augen, daß er vor Schmerz schrie, und ich entschlüpfte und kam hierher zu Soetkin.“
Katheline sprach beständig:
„Nele ist ungehorsam. Warum bist Du so schnell fortgegangen, Hanske, mein Buhle?“
„Wo warst Du, schlechte Mutter,“ fragte Soetkin, „dieweil man Deinem Kinde die Ehre nehmen wollte?“
„Nele ist ungehorsam“, sagte Katheline. „Ich war bei meinem schwarzen Herrn, da kam der graue Teufel zu uns mit blutendem Antlitz und sprach: Komm fort, Gesell, das ist ein schlimmes Haus. Die Männer darinnen gelüstet es nach Totschlag und die Weiber haben Messer an den Fingerspitzen. Da liefen sie zu ihren Rossen und verschwanden im Nebel. Nele ist ungehorsam!“
Am nächsten Tage, da sie warme Milch tranken, sprach Soetkin zu Katheline:
„Du siehest, daß das Leid mich schon aus dieser Welt jagt. Willst Du mich noch durch Deine verfluchten Zaubereien daraus vertreiben?“
Aber Katheline sagte immerfort:
„Nele ist ungehorsam. Kehr zurück, Hanske, mein Buhle.“
Den folgenden Mittwoch kamen die Teufel zu zweien wieder.
Nele nächtigte seit dem Samstag bei der Witwe van den Houte, unter dem Vorgeben, sie könne bei Katheline nicht bleiben wegen Ulenspiegels, des jungen Gesellen, der dort weilte.
Katheline empfing ihren schwarzen Ritter und dessen Freund in der Keet, einem Anbau am Haus, welcher die Waschküche und den Backofen enthält. Da hielten sie Schmaus und Gelage von altem Wein und geräucherter Ochsenzunge, so stets ihrer warteten. Der schwarze Teufel sagte zu Katheline:
„Wir haben eine ansehnliche Summe Geldes vonnöten, um ein großes Werk zu tun. Gib uns soviel Du kannst.“
Da Katheline ihnen nicht mehr als einen Gülden geben wollte, drohten sie ihr, sie zu töten. Aber sie ließen sie für zwei Goldkarolus und sieben Groschen frei.
„Kommet nicht mehr des Samstags“, sprach sie zu ihnen. „Ulenspiegel ist dieser Tag bekannt und er wird Euch gewaffnet erwarten, um Euch totzuschlagen; und ich würde Euch nicht überleben.“
„Wir werden den folgenden Dienstag kommen“, sagten sie.
An jenem Tag schliefen Ulenspiegel und Nele, ohne die Teufel zu fürchten, denn sie waren des Glaubens, daß sie des Samstags kämen.
Katheline stand auf und ging in die „Keet“ nachzusehen, ob ihre Freunde nicht gekommen wären.
Sie war schier ungeduldig, denn seit sie Hanske wiedergesehen, hatte ihr Wahnsinn um ein Merkliches nachgelassen, maßen es Liebestollheit war, wie man sagte.
Da sie sie nicht erblickte, war sie voller Harm; da hörte sie von der Seite von Sluys her auf freiem Felde den Fischadler schreien und ging dem Ruf nach. Auf der Wiese am Fuß eines Deiches auf Buhnen und Rasen wandelnd, hörte sie von der anderen Seite des Deiches die beiden Teufel mitsammen reden. Der eine sagte:
„Ich will die Hälfte davon haben.“
Der andere antwortete:
„Du sollst nichts haben; was Kathelines ist, ist mein.“
Darauf lästerten sie wütend und stritten miteinander, wer allein das Vermögen und die Liebe von Katheline und Nele zugleich haben sollte. Von Furcht erstarrt, getraute Katheline sich nicht zu sprechen, noch sich zu rühren. Sie hörte alsbald, wie sie auf einander einhieben; dann sagte der eine: „Dies Schwert ist kalt.“ Drauf ein Röcheln und den Fall eines schweren Körpers.
Voller Furcht schritt sie bis zu ihrer Hütte. In der zweiten Nachtstunde vernahm sie abermal, jedoch auf ihrem Anwesen, den Schrei des Fischadlers. Sie ging öffnen und sah ihren teuflischen Freund allein vor der Tür. Sie fragte ihn:
„Was hast Du mit dem andern gemacht?“
„Er wird nicht mehr kommen“, antwortete er.
Dann umarmte und liebkoste er sie. Er deuchte ihr kälter als sonst. Kathelines Geist aber war trefflich wach. Da er von dannen ging, begehrte er von ihr zwanzig Gülden, alles was sie hatte; sie gab ihm deren siebenzehn.
Voller Neugier ging sie am andern Tage am Deich entlang; aber sie sah nichts.
Nur an einer Stelle, so groß wie der Sarg eines Mannes, war Blut auf dem Rasen, darin der Fuß versank. Aber am Abend wusch der Regen das Blut fort.
Am nächsten Mittwoch hörte sie abermals in ihrem Garten den Schrei des Fischadlers.