7

„Ich erkenne das Wappen der Damman daran: den Turm mit den Rachen auf silbernem Feld. So helfe mir Gott und alle seine Heiligen.“

Die andern Edelleute sprachen desgleichen:

„Wir erkennen besagte Wappen als die der Ryvisch und Damman. So helfe uns Gott und alle seine Heiligen.“

Der Amtmann sprach:

„Nach den, vom Schöffengericht gehörten und gelesenen Beweisen ist Herr Joos Damman ein Zauberer, Mörder, Weiberbetörer und Dieb am königlichen Gute und als solcher des Verbrechens an göttlicher und menschlicher Majestät schuldig.“

„Ihr sagt es, Herr Amtmann,“ entgegnete Joos, „aber Ihr werdet mich nicht verurteilen, aus Mangel an Beweisen. Ich bin kein Zauberer und war es nie, ich spielte nur die Rolle des Teufels. Was mein helles Gesicht betrifft, so habt Ihr das Rezept dafür, desgleichen für die Salbe, welches, ob schon es Bilsenkraut, eine giftige Pflanze, enthält, doch nur ein Schlafmittel ist. Wenn dieses Weib, das eine richtige Hexe ist, davon einnahm, versank sie in Schlaf und vermeinte zum Sabbat zu fahren, dort mit nach außen gedrehtem Gesicht in der Runde zu gehen und einen Teufel mit Bocksgesicht, der auf einem Altar stand, anzubeten. Wenn der Umgang beendet war, wähnte sie, daß sie ihn unter den Schwanz küßte, wie die Zauberer tun: nachher überließ sie sich mir, ihrem Freunde, zu seltsamen Paarungen, die ihrem ausschweifenden Sinne gefielen. Wenn ich, wie sie sagte, kalte Arme und kühlen Leib hatte, so war das ein Zeichen der Jugend, nicht der Zauberei. Aber Katheline wollte glauben, was sie wünschte, und mich für einen Teufel halten, ob ich gleich ein Mensch von Fleisch und Bein bin, ganz wie Ihr, die Ihr mich anseht. Sie allein ist schuldig. Indem sie mich für einen Teufel hielt und mich in ihr Bett nahm, sündigte sie mit Absicht und Tat gegen Gott und den Heiligen Geist. Demnach ist sie es, und nicht ich, die das Verbrechen der Zauberei beging; sie ist des Feuers würdig als rasende, boshafte Hexe, die sich für eine Irre ausgeben will, um ihre Bosheit zu verbergen.“

Doch Nele sprach:

„Hört Ihr ihn, den Mörder? Wie eine feile Dirne, die das Rädlein am Arm trägt, hat er das Gewerbe und Handwerk der Liebe getrieben. Hört Ihr ihn? Um sich zu retten, will er die verbrennen lassen, die ihm alles gab.“

„Nele ist boshaft,“ sprach Katheline, „höre nicht auf sie, Hans, mein Geliebter.“

„Nein,“ sagte Nele, „Du bist kein Mensch, Du bist ein feiger, grausamer Teufel.“ Sie umschlang Katheline mit ihren Armen und rief aus: „Ihr Herren Richter, hört nicht auf diesen bleichen Bösewicht. Er hat nur einen Wunsch: meine Mutter verbrannt zu sehen, so sie kein andres Verbrechen beging, als daß Gott sie mit Wahnsinn heimsuchte und sie die Hirngespinste ihrer Träume für Wirklichkeit hielt. Sie hat an Leib und Seele schon gar sehr gelitten. Laßt sie nicht sterben, Ihr Herren Richter. Lasset die Unschuldige in Frieden ihr traurig Dasein leben.“

Und Katheline sagte: „Nele ist boshaft, Du mußt ihr nicht glauben, Hans, mein Gebieter.“

Und unter dem Volk weinten die Frauen, und die Männer sagten: „Gnade für Katheline.“

Auf ein Geständnis, das Joos Damman nach erneuter Folter machte, sprachen der Amtmann und die Schöffen das Urteil. Er wurde verurteilt, aus dem Adel ausgestoßen und bei langsamen Feuer lebendig verbrannt zu werden, bis der Tod einträte. Er erlitt die Strafe am folgenden Morgen vor den Gitterfenstern des Rathauses und sagte immerfort: „Laßt die Hexe sterben, sie allein ist schuldig! Gott sei verflucht! Mein Vater wird die Richter töten.“ Und er gab den Geist auf.

Und das Volk sagte: „Sehet, wie er flucht und lästert; er verendet wie ein Hund.“

Am andern Tage fällten der Amtmann und die Schöffen ihren Spruch über Katheline. Sie ward verurteilt, im Brügger Kanal die Wasserprobe zu bestehen. Bliebe sie oben schwimmen, so sollte sie als Hexe verbrannt werden; ginge sie aber unter und verlöre dabei das Leben, so sollte sie als christlich gestorben angesehen und als solche auf dem Kirchhof begraben werden.

Am nächsten Tage wurde Katheline, die eine Wachskerze trug, barfuß und mit einem schwarzlinnenen Hemde bekleidet, in großer Prozession an den Bäumen entlang bis an das Ufer des Kanals geführt. Vor ihr her schritten der Dechant der Frauenkirche und seine Vikare, die Sterbegebete sangen, und der Meßner, der das Kreuz trug; hinter ihr der Amtmann von Damm, Schöffen, Gerichtsschreiber, Gemeindebüttel, der Profoß, der Henker und seine beiden Knechte. Am Ufer stand eine große Menge weinender Frauen und murrender Männer, beide voll Mitleids für Katheline, die wie ein Lamm dahinschritt, das sich führen läßt, ohne zu wissen wohin, und immer sagte:

„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt! Hans, wo bist Du?“ Nele, die unter den Frauen stand, schrie: „Ich will mit ihr hineingeworfen werden!“ Aber die Frauen wehrten ihr, daß sie Katheline nahte.

Vom Meere wehte ein scharfer Wind; vom grauen Himmel fiel ein feiner Hagel in das Wasser des Kanals. Der Henker und seine Knechte bemächtigten sich im Namen seiner königlichen Majestät eines Kahnes, der da war. Auf ihr Geheiß stieg Katheline hinein; der Henker stand darinnen, ergriff sie, und als der Profoß mit der Rute der Gerechtigkeit winkte, warf er Katheline in den Kanal. Sie kämpfte mit der Flut, aber nicht lange; dann sank sie unter, nachdem sie: „Hans, Hans, zu Hilfe,“ gerufen hatte.

Und das Volk sagte: „Dies Weib ist keine Hexe.“

Männer sprangen in den Kanal und zogen Katheline heraus. Sie war von Sinnen und starr wie eine Leiche. Dann ward sie in eine Schenke gebracht und vor ein starkes Feuer gelegt. Nele zog ihr die nassen Kleider und die Wäsche aus, um ihr andere anzulegen. Als sie wieder zu sich kam, sagte sie zitternd und zähneklappernd: „Hans, gib mir einen wollenen Mantel.“

Und Katheline konnte nicht wieder warm werden und starb am dritten Tage. Und sie ward auf dem Kirchhof begraben.

Und die verwaiste Nele begab sich ins Land Holland zu Rosa van Auweghem.

Auf den zeeländischen Huckern, auf den Bujern und den Galeassen fährt Tyll Klas Ulenspiegel davon. Das offne Meer trägt die wackeren Freibeuter darauf acht, zehn oder zwanzig eiserne Feldstücke sind; sie speien Tod und Verderben auf die spanischen Verräter.

Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, ist ein trefflicher Kanonier.

Man muß ihn sehen, wie er das Stück richtet, scharf visiert und die Schiffsrümpfe der Henker wie eine Mauer aus Butter durchlöchert. Er trägt am Filzhut den silbernen Halbmond mit der Inschrift: „Liever den Turk als den Paus.“ Lieber dem Türken als dem Papst dienen.

Die Matrosen, die ihn flink wie eine Katze und behend wie ein Eichhörnchen auf ihre Schiffe klettern sahen, dabei ein Liedchen singend oder lustige Reden führend, fragten ihn neugierig:

„Wie geht es zu, kleiner Kerl, daß Du ein so jugendlich Aussehen hast, denn die Rede geht, daß es lange her ist, daß du in Damm geboren wurdest?“

„Ich bin nicht Körper, sondern Geist,“ sagte er, „und Nele, mein Liebchen, gleicht mir. Vlämischer Geist, vlämische Liebe, wir werden nicht sterben.“

„Gleichwohl blutest Du, wenn man Dich schneidet,“ sagten sie.

„Das scheint nur so; es ist Wein und nicht Blut.“

„Wir werden Dir einen Zapfen in den Bauch stecken.“

„Ich werde mich allein leeren.“

„Du spottest unser.“

„Wer das Kalbfell schlägt, wird die Trommel hören,“ antwortete Ulenspiegel.

Und die gestickten Banner der römischen Prozessionen flatterten an den Schiffsmasten. In Sammet, Brokat, Seide, Gold- und Silberstoff gekleidet, wie es die Äbte beim Hochamt tun, mit Mitra und Kreuz in den Händen und der Mönche Wein trinkend, so hielten die Geusen auf den Schiffen Wacht.

Und es war ein seltsames Schauspiel, aus diesen reichen Gewändern diese rauhen Hände herausgucken zu sehen, die Hakenbüchse oder Armbrust, Hellebarde oder Picke trugen, lauter Männer mit hartem Gesicht und überdies mit Pistolen und Hirschfängern umgürtet, die in der Sonne glänzten. Sie tranken aus güldenen Kelchen den Klosterwein, welcher zum Weine der Freiheit geworden war.

Und sie sangen und riefen: „Es lebe der Geuse!“ Und also segelten sie auf dem Meer und der Schelde.

Um dieselbige Zeit nahmen die Geusen, unter denen Lamm und Ulenspiegel waren, Gorkum ein. Sie wurden vom Kapitän Marin befehligt. Dieser Marin, der ehemals Deicharbeiter war, spreizte sich in großem Hochmut und Dünkel und unterzeichnete mit Gaspard Turc, dem Verteidiger von Gorkum, eine Kapitulation, laut welcher Turc, die Mönche, Bürger und Soldaten, so in der Zitadelle eingeschlossen waren, frei abziehen sollten mit der Kugel im Munde, der Muskete auf der Schulter mit allem, was sie tragen konnten. Nur die Kirchengüter sollten den Belagerern verbleiben. Doch der Kapitän Marin hielt auf Befehl von Messire de Lumey die dreizehn Mönche als Gefangene zurück und ließ die Soldaten und Bürger ziehen.

Und Ulenspiegel sagte: „Soldatenwort soll gülden Wort sein. Warum hält er seines nicht?“

Ein alter Geuse antwortete Ulenspiegel:

„Die Mönche sind Satans Kinder, der Aussatz der Völker, die Schande der Länder. Seit dem Einmarsch des Herzog Alba tragen sie in Gorkum die Nase hoch. Einer unter ihnen, der Priester Nikolas, ist hoffärtiger als ein Pfau und wilder als ein Tiger. Allemal, wenn er mit seinem Heiligen Sakrament, darinnen seine aus Hundefett gemachte Hostie war, durch die Straße ging, sah er mit wütenden Blicken nach den Häusern, aus denen die Frauen nicht heraus kamen, um niederzuknieen. Er zeigte alle dem Richter an, die nicht vor seinem Götzenbild aus Teig und vergüldetem Kupfer das Knie beugten. Die andern Mönche taten des gleichen. Das war der Anlaß zu mehrfachem großen Jammer, Verbrennungen und grausamer Strafen in der Stadt Gorkum. Der Kapitän Marin tut wohl daran, die Mönche als Gefangene festzuhalten; wenn nicht, würden sie mit ihres Gleichen in die Dörfer, Marktflecken, Städte und Weiler gehen, gegen uns predigen, das Volk aufwiegeln und die armen Reformierten verbrennen lassen. Man legt die Bullenbeißer an die Kette, bis sie verenden; an die Kette mit den Mönchen, an die Kette mit den Bluthunden des Herzogs, in den Käfig mit den Henkern! Es lebe der Geuse!“

„Aber Seine Gnaden von Oranien, unser Freiheitsprinz, will, daß man bei denen, die sich ergeben, die persönliche Habe und das freie Gewissen achte,“ sprach Ulenspiegel.

Die alten Geusen erwiderten:

„Der Admiral will es nicht für die Mönche. Er ist Herr, er hat Briel erobert. In den Käfig mit den Mönchen!“

„Soldatenwort, gülden Wort! Warum bricht er es?“ entgegnete Ulenspiegel. „Die Mönche, die im Gefängnis sind, erdulden da tausend Mißhandlungen.“

„Die Asche brennt nicht mehr auf deinem Herzen,“ sagten sie. „Kraft der Edikte haben hunderttausend Familien die Handwerke, den Gewerbefleiß, den Reichtum unserer Länder nach dem Nordwesten, nach Engelland getragen; beklage denn die, so unser Verderben verschuldeten! Seit Kaiser Karl dem Fünften, dem ersten Henker, und unter dem gegenwärtigen, dem Blutkönig und zweiten Henker, sind hundertundachtzehntausend Personen hingerichtet worden. Wer trug die Totenkerze bei Mord und Tränen? Mönche und hispanische Söldner. Hörst du nicht die Seelen der Toten klagen?“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel. „Soldatenwort, ein gülden Wort.“

„Wer wollte denn,“ so sprachen sie, „das Land durch die Exkommunikation bei allen Völkern in Acht und Bann tun? Wer hätte, wenn er es vermocht hätte, Erde und Himmel, Gott und Teufel und die Scharen der Heiligen gegen uns gewappnet? Wer schmierte die Hostien mit Ochsenblut ein und ließ die hölzernen Statuen weinen? Wer ließ auf unserm heimatlichen Boden den Sterbegesang erschallen, wenn nicht die verfluchte Klerisei, diese Horden faulenzender Mönche, um ihren Reichtum, ihren Einfluß über die Götzenanbeter zu behalten und durch Verderben, Blut und Feuer über das arme Land zu herrschen? In den Käfig mit den Wölfen, die sich auf die am Boden Liegenden stürzen; in den Käfig mit den Hyänen! Es lebe der Geuse!“

„Soldatenwort, gülden Wort,“ entgegnete Ulenspiegel.

Des andern Tages kam ein Bote von Messire de Lumey mit dem Befehl, die neunzehn gefangenen Mönche von Gorkum nach Briel, allwo der Admiral war, bringen zu lassen.

„Sie werden gehenkt werden,“ sagte der Kapitän Marin zu Ulenspiegel.

„Nicht, so lange ich am Leben bin,“ versetzte er.

„Mein Sohn,“ sagte Lamm, „sprich nicht also zu Messire de Lumey. Er ist grimmig und wird dich ohne Gnade mit ihnen henken lassen.“

„Ich werde der Wahrheit gemäß reden,“ erwiderte Ulenspiegel. „Soldatenwort, gülden Wort.“

„Wenn Du sie retten kannst,“ sagte Marin, „so führe ihre Barke bis Briel. Nimm Rochus, den Lotsen, und Deinen Freund Lamm mit, wenn Du willst.“

„Ja, ich will,“ antwortete Ulenspiegel.

Die Barke legte am Quai Vert an, und die neunzehn Mönche stiegen hinein. Der furchtsame Rochus wurde ans Steuerruder gesetzt, und Ulenspiegel und Lamm nahmen wohlbewaffnet im Vorderteil des Fahrzeuges Platz. Verlotterte Söldner, die sich des Plünderns halber zu den Geusen geschlagen hatten, waren bei den hungernden Mönchen. Ulenspiegel gab ihnen zu trinken und zu essen. „Dieser wird Verrat üben,“ sprachen die verlotterten Söldner. Die neunzehn Mönche saßen blöd und schlotternd in der Mitte, ohngeachtet man im Juli war, die Sonne hell und warm schien und ein sanfter Wind die Segel der Barke schwellte, die schwer und rundbäuchig über die grünen Wogen glitt.

Darauf redete Pater Nikolas und sprach zum Steuermann:

„Rochus, führt man uns aufs Galgenfeld?“ Dann wandte er sich nach Gorkum, stand auf und reckte die Hand aus. „O, Stadt Gorkum! welch großes Wehe hast Du zu erleiden! Verflucht wirst Du sein unter den Städten, denn Du hast in Deinen Mauern den Samen der Ketzerei großgezogen! O Stadt Gorkum! Und der Engel des Herrn wird nicht mehr an Deinen Toren Wacht halten. Er wird nicht mehr für die Keuschheit Deiner Jungfrauen, den Mut Deiner Männer und den Reichtum Deiner Kaufleute sorgen! O Stadt Gorkum, verflucht bist Du, Unselige!“

„Verflucht, verflucht,“ erwiderte Ulenspiegel, „verflucht wie der Kamm, der durchgefahren ist und die hispanischen Läuse mitgenommen hat. Verflucht wie der Hund, der die Kette zerbricht, wie das edle Roß, das einen grausamen Reiter von sich abschüttelt. Verflucht Du selbst, einfältiger Pfaff, der es schlecht findet, daß man die Rute, und wäre sie von Eisen, auf dem Rücken der Tyrannen zerbricht.“

Der Mönch schwieg, schlug die Augen nieder und schien in frommen Haß versenkt.

Die Söldner, so Plünderns halber zu den Geusen gekommen waren, saßen bei den Mönchen, die bald Hunger hatten. Ulenspiegel forderte Schiffsbrot und Hering für sie. Der Schiffsmeister antwortete:

„Werfet sie in die Maas, da können sie den Hering ungesalzen fressen.“

Darauf gab Ulenspiegel den Mönchen alles, was er an Brot und Wurst für sich und Lamm bei sich hatte. Der Schiffsmeister und die Söldner sprachen untereinander:

„Das ist ein Verräter, er füttert die Mönche; er muß angezeigt werden.“

In Dordrecht legte die Barke im Hafen am Bloemen-Key an. Männer, Frauen, Knaben und Mädchen kamen in Menge herbeigelaufen, die Mönche zu sehen, wiesen mit dem Finger auf sie oder drohten mit der Faust und sagten zueinander:

„Sehet diese Wichte und Gottmacher, die die Leiber zum Scheiterhaufen und die Seelen ins ewige Feuer bringen; sehet die fetten Tiger und dickbäuchigen Hyänen.“

Die Mönche senkten den Kopf und wagten nicht mehr zu sprechen, und Ulenspiegel sah sie abermals zittern.

„Wir haben noch Hunger, mitleidiger Soldat,“ sagten sie.

Aber der Schiffspatron sprach:

„Wer trinkt allezeit? Der dürre Sand. Wer ißt allezeit? Der Mönch.“

Ulenspiegel ging in die Stadt, um Brot, Schinken und einen großen Krug Bier für sie zu holen.

„Esset und trinket,“ sprach er. „Ihr seid unsere Gefangenen, aber ich werde Euch retten, wenn ich kann. Soldatenwort, gülden Wort.“

„Weshalb gibst Du ihnen das? Sie werden Dir’s nicht lohnen,“ sagten die Söldner und sie sprachen leise miteinander und flüsterten sich diese Worte ins Ohr: „Er hat versprochen, sie zu retten; laßt uns ihn wohl bewachen.“

Bei Tagesanbruch gelangten sie nach Briel. Nachdem ihnen die Tore geöffnet waren, ging ein Eilbote voraus, um Herrn de Lumey ihre Ankunft zu melden.

Kaum hatte er die Kunde empfangen, so kam er, notdürftig bekleidet und von etlichen bewaffneten Reitern und Fußgängern gefolgt, angeritten.

Und Ulenspiegel konnte zum andern Mal den grimmen Admiral sehen, gekleidet wie ein stolzer Herr, der im Überfluß lebt.

„Seid gegrüßt, Ihr Herren Mönche,“ sprach er. „Hebt die Hände auf. Wo ist das Blut der Herren von Egmont und van Hoorn? Ihr zeigt mir eine weiße Pfote, das ist hübsch von Euch.“

Ein Mönch, namens Leonard, sagte:

„Mach mit uns, was Du willst. Wir sind Mönche, keiner wird Anspruch auf uns erheben.“

„Er hat recht geredet,“ sprach Ulenspiegel. „Denn da der Mönch mit der Welt gebrochen hat, die Vater und Mutter, Bruder und Schwester, Gattin und Liebste ist, so wird er in seinem letzten Stündlein keinen finden, der Anspruch an ihn erhebt. Ich aber, Excellenz, ich will es tun. Da der Kapitän Marin die Kapitulation von Gorkum unterzeichnete, machte er aus, daß diese Mönche frei sein sollten, wie alle, die in der Zitadelle gefangen wurden und aus der Stadt abzogen. Sie wurden jedoch ohne Grund als Gefangene zurückgehalten. Ich höre, daß sie gehenkt werden sollen. Euer Gnaden, ich wende mich in aller Demut an Euch und lege Fürsprache für sie ein; denn ich weiß: Soldatenwort ist gülden Wort.“

„Wer bist Du?“ fragte Messire de Lumey.

„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin ein Vläme aus dem schönen Land Flandern; ein Bauer und Edelmann, alles zumal. Also lustwandle ich durch die Welt, lobe die guten und schönen Dinge und spotte der Dummheit mit keckem Schnabel. Und ich will Euch preisen, so Ihr das Versprechen haltet, das der Kapitän gegeben hat: Soldatenwort ist gülden Wort.“

Aber die Söldner, so auf dem Schiff waren, sagten:

„Euer Gnaden, dieser Mensch ist ein Verräter. Er hat versprochen, sie zu retten; er hat ihnen Brot, Schinken, Wurst, Bier gegeben, und uns nichts.“

Drauf sagte Messire de Lumey zu Ulenspiegel:

„Lustwandelnder Vläme und Ernährer von Mönchen, Du wirst mit ihnen gehenkt werden.“

„Ich habe keine Furcht,“ erwiderte Ulenspiegel, „Soldatenwort ist gülden Wort.“

„Dir ist der Kamm trefflich geschwollen,“ sprach de Lumey.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sprach Ulenspiegel.

Die Mönche wurden in eine Scheune gebracht und Ulenspiegel mit ihnen; dort wollten sie ihn durch theologische Argumente bekehren, aber beim Zuhören schlief er ein.

Dieweil Herr de Lumey bei Tafel war und sich an Wein und Fleisch gütlich tat, kam ein Bot von Gorkum vom Kapitän Marin mit der Abschrift der Briefe des Schweigers, Prinzen von Oranien: „Befehl an alle Gouverneure der Städte und andrer Orte, daß sie den Geistlichen gleichen Schutz, gleiche Sicherheit und Vorrechte wie dem übrigen Volk angedeihen lassen.“

Der Bote verlangte bei de Lumey vorgelassen zu werden, um ihm die Abschrift der Briefe zu eignen Händen auszuantworten.

„Wo ist das Original?“ fragte ihn de Lumey.

„Bei meinem Gebieter Marin,“ sagte der Bote.

„Und der Tölpel schickt mir die Abschrift!“ sagte de Lumey. „Wo ist Dein Paß?“

„Hier, Euer Gnaden,“ sagte der Bote.

Herr de Lumey las laut vor:

„Der gnädige Herr und Hauptmann Marin Brandt befiehlt allen Beamten, Gouverneuren und Offizieren der Republik ungefährdet passieren zu lassen“ usw.

De Lumey schlug mit der Faust auf den Tisch und zerriß den Paß. „Blut Gottes,“ schrie er, „was untersteht sich dieser Marin, dieser Lump, der vor der Einnahme von Briel nicht eine Heringsgräte zu beißen hatte! Er betitelt sich gnädiger Herr und Hauptmann und schickt mir Befehle, mir! Er verordnet und befiehlt! Sag Deinem gnädigen Herrn, daß er so sehr Hauptmann und gnädig ist, und so trefflich befehlen und verordnen kann, daß die Mönche alsogleich kurz und hoch sollen aufgehenkt werden, und Du mit ihnen, wenn Du Dich nicht packst.“

Und mit einem Fußtritt stieß er ihn aus dem Saale.

„Zu trinken!“ schrie er. „Habt Ihr die Anmaßung dieses Marin gesehen? Ich werde mein Essen wieder ausspeien, so wütend bin ich. Die Mönche sollen straks in ihrer Scheune gehenkt werden und der lustwandelnde Vläme soll hierher gebracht werden, nachdem er ihrer Hinrichtung beigewohnt hat. Wir wollen doch sehen, ob er es wagen wird, mir zu sagen, daß ich schlecht getan habe. Blut Gottes! Wozu braucht es hier noch Krüge und Gläser?“ Und mit lautem Krachen zerbrach er die Becher und das Geschirr, und niemand traute sich, mit ihm zu sprechen. Die Diener wollten die Scherben auflesen, er duldete es nicht, und indem er ohne Maß die Flaschen austrank, geriet er noch mehr in Wut, rannte mit großen Schritten umher und trampelte und stampfte wütend auf die Scherben. Ulenspiegel ward vor ihn geführt.

„Nun,“ sagte er zu ihm, „bringst Du Kunde von Deinen Freunden, den Mönchen?“

„Sie sind gehenkt,“ sagte Ulenspiegel, „und ein feiger Henker, der aus Habgier schlachtet, hat dem einen, nachdem er tot war, Bauch und Seiten aufgeschlitzt, wie bei einem Schwein, das man ausnimmt, um sein Fett einem Apotheker zu verkaufen. Soldatenwort ist nicht mehr gülden Wort.“

De Lumey zerstampfte die Trümmer des Geschirrs.

„Du trotzest mir, Du vier Schuh hoher Taugenichts, doch Du sollst auch gehenkt werden, nicht in einer Scheune, sondern auf offenem Markt, mit Schimpf und Schande vor allen Leuten.“

„Schande über Euch,“ sagte Ulenspiegel. „Schande über uns. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“

„Wirst Du schweigen, Eisenkopf!“ sagte Messire Lumey.

„Schande über Dich,“ sprach Ulenspiegel, „Soldatenwort kein gülden Wort mehr. Bestrafe lieber die schändlichen Händler mit Menschenfett.“

Darauf stürzte sich Herr de Lumey auf ihn, um ihn zu schlagen.

„Schlag zu,“ sagte Ulenspiegel, „ich bin Dein Gefangener, aber ich habe keine Furcht vor Dir. Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“

Da zog Herr von Lumey seinen Degen und hätte Ulenspiegel gewißlich getötet, dafern nicht Herr von Très-Long seinen Arm festgehalten und zu ihm gesagt hätte:

„Erbarme Dich! Er ist ehrlich und tapfer und hat kein Verbrechen begangen.“

Da besann sich de Lumey und sprach:

„Er möge um Pardon bitten“.

Doch Ulenspiegel blieb stehen und sagte:

„Das werde ich nicht tun.“

„Dann soll er zum wenigsten sagen, daß ich nicht Unrecht gehabt habe,“ schrie de Lumey, in Wut geratend.

Ulenspiegel entgegnete:

„Ich bin kein Speichellecker großer Herren; Soldatenwort kein gülden Wort mehr.“

„Der Galgen soll aufgerichtet werden,“ sagte de Lumey. „Führt ihn hin; so wird es ein hanfenes Wort sein.“

„Ja,“ sprach Ulenspiegel, „und vor allem Volk werde ich Dir zurufen: Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr!“

Der Galgen ward auf dem großen Markt errichtet, und die Kunde durchlief alsbald die Stadt, daß Ulenspiegel, der tapfere Geuse, gehenkt werden sollte. Und das Volk ward von Mitleid und Teilnahme ergriffen. In hellen Haufen kam es zum Großen Markt, und Herr de Lumey kam auch angeritten, da er selber das Zeichen zur Hinrichtung geben wollte.

Ohne Erbarmen sah er Ulenspiegel mit dem Totenhemd angetan, auf der Leiter stehen, die Arme am Körper festgebunden, die Hände gefaltet, den Strick um den Hals, und den Henker bereit, seines Amtes zu walten.

Très-Long sagte:

„Euer Gnaden, verzeihet ihm, er ist kein Verräter, und niemand hat je einen Menschen henken sehen, weil er aufrichtig und mitleidig war.“

Und als die Männer und Weiber aus dem Volk Très-Long reden hörten, schrien sie: „Erbarmen, Euer Gnaden, Erbarmen und Gnade für Ulenspiegel!“

„Dieser Eisenkopf hat mir getrotzt,“ sprach de Lumey, „er möge bereuen und sagen, daß ich recht getan habe.“

„Willst Du bereuen und sagen, daß er recht getan habe?“ sagte Très-Long zu Ulenspiegel.

„Soldatenwort ist kein gülden Wort mehr,“ gab Ulenspiegel zur Antwort.

„Zieht den Strick zu,“ sagte de Lumey.

Der Henker wollte gehorchen; da sprang ein junges Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, mit einem Blumenkränzlein im Haar, wie rasend die Stufen des Blutgerüsts hinauf, warf sich an Ulenspiegels Brust und sagte:

„Dieser Mann ist mein; ich nehme ihn zum Gatten.“

Und das Volk klatschte in die Hände und die Weiber schrieen:

„Es lebe das Dirnlein, Ulenspiegels Retterin!“

„Was bedeutet das?“ fragte Herr de Lumey.

Très-Long antwortete:

„Nach Sitte und Brauch der Stadt ist es Recht und Gesetz, daß ein junges Weib, Jungfrau oder ledig, einen Mann vom Strang errettet, wenn sie ihn am Fuße des Galgens zum Gatten nimmt.“

„Gott ist mit ihm,“ sprach de Lumey, „bindet ihn los.“

Darauf ritt er an das Gerüst heran und sah das Mägdlein geschäftig, Ulenspiegels Stricke zu zerschneiden, und der Henker wollte sich ihrem Vorhaben widersetzen und sagte:

„So Ihr sie zerschneidet, wer wird sie bezahlen?“

Aber das Mägdlein hörte ihn gar nicht.

Da er sah, daß sie so behend, verliebt und klug war, ward er gerührt.

„Wer bist Du?“ fragte er.

„Ich bin Nele, seine Braut, und komme aus Flandern, ihn zu suchen.“

„Du tatest recht,“ sagte de Lumey in rauhem Ton.

Und er ritt von dannen.

Drauf kam Très-Long heran.

„Kleiner Vläme,“ sagte er, „wirst Du als Ehemann noch Soldat auf unsern Schiffen bleiben?“

„Ja, Herr,“ antwortete Ulenspiegel.

„Und Du, Mägdlein, was wirst Du ohne Deinen Mann anfangen?“

Nele antwortete:

„Wenn Ihr erlaubt, Herr, werde ich auf seinem Schiff Pfeifer werden.“

„Ich erlaube es,“ sagte Très-Long.

Und er gab ihr zwei Gülden für die Hochzeit.

Und Lamm sagte, vor Freude weinend und lachend:

„Hier sind noch drei Gülden: wir wollen alles aufessen, ich bezahle. Laßt uns zum „Güldenen Kamm“ gehen. Mein Freund ist nicht tot. Es lebe der Geuse!“

Und das Volk klatschte Beifall, und sie gingen zum „Güldenen Kamm“, allwo ein großer Schmaus bestellt ward, und Lamm warf Heller zum Fenster hinaus für das Volk.

Und Ulenspiegel sagte zu Nele:

„Herzallerliebste, da bist Du also bei mir! O, Jubel! Sie ist hier, mit Leib, Herz und Seele, mein süßes Liebchen. O, die sanften Augen und die schönen roten Lippen, von welchen immer nur gute Worte kamen. Auf unsern Schiffen wirst Du die Pfeife der Freiheit blasen. Entsinnst Du Dich ... Doch nein ... Unser ist die gegenwärtige Stunde voller Wonne, und mein ist Dein Antlitz hold wie Blüten des Rosenmonds. Ich bin im Paradiese. Doch Du weinst ...?“

„Sie haben sie umgebracht,“ sprach sie.

Und sie erzählte ihm die Leidensgeschichte.

Und sich einander anschauend, weinten sie vor Liebe und Schmerz. Und beim Festmahl aßen und tranken sie, und Lamm blickte sie betrübt an und sagte:

„Ach, mein Weib, wo bist Du?“

Und der Priester kam und traute Nele und Ulenspiegel.

Und die Morgensonne fand sie nebeneinander auf ihrem Hochzeitslager.

Und Neles Haupt ruhte auf Ulenspiegels Schulter. Und als sie beim Sonnenschein erwachte, sagte er:

„Blühendes Antlitz und sanftes Herz, wir werden Flanderns Rächer sein.“

Und sie küßte ihn auf den Mund und sagte: „Närrischer Sinn und starker Arm, Gott wird Pfeife und Degen segnen.“

„Ich werde Dir ein Soldatenkleid machen.“

„Sogleich?“ fragte sie.

„Sogleich,“ antwortete Ulenspiegel. „Aber wer sagt doch, daß morgens die Erdbeeren gut sind? Dein Mund ist weit besser.“

Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten, gleich ihren Freunden und Gefährten, den Klöstern die Habe wieder abgenommen, so diese dem Volke durch Prozessionen, falsche Wunder und andere römische Gaukeleien aus der Tasche gezogen hatten.

Dies war gegen den Befehl des Schweigers, des Freiheitsprinzen, aber das Geld diente zur Bezahlung der Kriegskosten.

Lamm Goedzak, nicht zufrieden, sich mit Geld zu versorgen, raubte Schinken, Würste, Flaschen, Wein und Bier aus den Klöstern und kehrte frohgemut zurück, ein Wehrgehenk mit Geflügel, Truthennen, Kapaunen, Hühnern und Kücken auf der Brust tragend und etliche mönchische Kälber und Schweine an einem Strick hinterdreinschleifend. Und das gemäß dem Kriegsrecht, wie er sagte.

Hocherfreut über jede Beute, trug er sie aufs Schiff, damit man damit Schmausereien und Gelage veranstaltete; gleichwohl beklagte er sich, daß der Schiffskoch in der Wissenschaft der Brühen und Fleischgerichte so unbewandert sei.

Eines Tages, da die Geusen siegesfroh ihren Wein schlürften, sprachen sie zu Ulenspiegel:

„Du hast immer die Nase nach dem Winde, um Zeitung vom Festland zu wittern; Du kennst alle Kriegsabenteuer: sing sie uns vor. Indes wird Lamm die Trommel schlagen und der hübsche Pfeifer wird nach dem Takt Deines Liedes blasen.“

Und Ulenspiegel sagte:

„An einem hellen, kühlen Maitage findet Ludwig von Nassau, der in Mons einzurücken gedenkt, nicht Fußsoldaten noch Reiterei. Etliche heimliche Anhänger hielten ein Tor offen und eine Brücke war herabgelassen, auf daß er in Besitz der Stadt käme. Aber die Bürger bemächtigten sich der Stadt und des Tores. Wo sind des Grafen Ludwig Soldaten? Die Bürger wollen die Brücke aufziehen. Graf Ludwig stößt ins Horn.“

Und Ulenspiegel sang:

„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,So dürres Reis wie zarte Maienblumen.Die liebe Sonne lässet ihre rotenUnd kriegerischen Angesichter glänzenUnd ihrer Renner blanke Kruppen.Graf Ludwig stößt ins Horn.Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,Fliegen die schweren Reiter heran!Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!Die Brücke hebt sich ... GesporntDer Schlachtrosse blutende Flanken!Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!Sie sind davor. Ist es zu spät?In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.Die Stadt gewonnen! Höret IhrAuf dem Pflaster von Mons,Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?Heil Chaumont und dem spanischen HengstSchmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;Die Lerche steigt singend gen Himmel.Heil dem Vogel der Freiheit!Rühret die Siegestrommel!Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“

„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,So dürres Reis wie zarte Maienblumen.Die liebe Sonne lässet ihre rotenUnd kriegerischen Angesichter glänzenUnd ihrer Renner blanke Kruppen.Graf Ludwig stößt ins Horn.Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,Fliegen die schweren Reiter heran!Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!Die Brücke hebt sich ... GesporntDer Schlachtrosse blutende Flanken!Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!Sie sind davor. Ist es zu spät?In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.Die Stadt gewonnen! Höret IhrAuf dem Pflaster von Mons,Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?Heil Chaumont und dem spanischen HengstSchmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;Die Lerche steigt singend gen Himmel.Heil dem Vogel der Freiheit!Rühret die Siegestrommel!Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“

„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,So dürres Reis wie zarte Maienblumen.Die liebe Sonne lässet ihre rotenUnd kriegerischen Angesichter glänzenUnd ihrer Renner blanke Kruppen.Graf Ludwig stößt ins Horn.Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.

„Wo ist Dein Fußvolk, Deine Reiterei?

Sie sind im Wald verirrt, zerstampfen alles,

So dürres Reis wie zarte Maienblumen.

Die liebe Sonne lässet ihre roten

Und kriegerischen Angesichter glänzen

Und ihrer Renner blanke Kruppen.

Graf Ludwig stößt ins Horn.

Sie hören ihn. Rühret die Trommel leise.

Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,Fliegen die schweren Reiter heran!Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!Die Brücke hebt sich ... GesporntDer Schlachtrosse blutende Flanken!Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!

Im scharfen Trab, die Zügel verhängt,

Schnell wie der Blitz, wie Wolkenzug,

Ein Wirbelwind von klirrendem Stahl,

Fliegen die schweren Reiter heran!

Im Sturm, im Sturm! vorwärts, drauf los!

Die Brücke hebt sich ... Gespornt

Der Schlachtrosse blutende Flanken!

Die Brücke hebt sich ... Die Stadt ist verloren!

Sie sind davor. Ist es zu spät?In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.Die Stadt gewonnen! Höret IhrAuf dem Pflaster von Mons,Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?

Sie sind davor. Ist es zu spät?

In gestrecktem Galopp, die Zügel verhängt,

Sprengt auf die Brücke, die wieder sinkt,

Guitoy de Chaumont auf spanischem Hengst.

Die Stadt gewonnen! Höret Ihr

Auf dem Pflaster von Mons,

Schnell wie der Blitz, wie der Wolkenzug,

Den Wirbelwind von klirrendem Stahl?

Heil Chaumont und dem spanischen HengstSchmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;Die Lerche steigt singend gen Himmel.Heil dem Vogel der Freiheit!Rühret die Siegestrommel!Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“

Heil Chaumont und dem spanischen Hengst

Schmettert, Trompeten! Schlaget die Freudentrommel!

Im Neumond ist’s, da die Wiesen duften;

Die Lerche steigt singend gen Himmel.

Heil dem Vogel der Freiheit!

Rühret die Siegestrommel!

Heil Chaumont und dem Hengst! Wohlauf, getrunken!

Die Stadt ist gewonnen! ... Es lebe der Geuse!“

Und die Geusen sangen auf den Schiffen: „Christe, schau nieder auf Deine Soldaten. Schärfe unsere Waffen, Herr. Es lebe der Geuse!“

Und Nele ließ lächelnd die schrillen Töne der Pfeife erklingen, und Lamm schlug die Trommel, und die güldenen Kelche und die Freiheitslieder erhoben sich zum Himmel, dem Tempel Gottes. Und gleich Meerjungfrauen murmelten die klaren, kühlen Wogen melodisch um das Schiff.

An einem Tag im Augustmond, einem schwülen, heißen Tage blies Lamm Trübsal. Seine lustige Trommel war still und schlief, und die Trommelstöcke sahen aus seiner Kriegstasche hervor.

Ulenspiegel und Nele lächelten vor verliebten Wohlbehagen und wärmten sich in der Sonne; die Marswachen pfiffen oder sangen, dieweil sie über das weite Meer Ausschau hielten, ob sie am Horizont nicht etwelche Beute erspähten. Wenn Très-Long sie fragte: sagten sie immer: „Niets, nichts.“

Und Lamm, bleich und niedergedrückt, seufzte erbärmlich. Und Nele sagte:

„Woher kommt es, Lamm, daß Du so bekümmert bist?“

Und Ulenspiegel sprach zu ihm:

„Du wirst mager, mein Sohn.“

„Ja,“ sagte Lamm, „ich bin betrübt und mager. Mein Herz büßt seine Heiterkeit und mein Vollmondsgesicht seine Frische ein. Ja, lacht nur über mich, Ihr, die Ihr Euch durch tausend Gefahren wiederfandet. Spottet des armen Lamm, der, wiewohl verheiratet, wie ein Witwer lebt, indes die da“, sprach er, auf Nele deutend, „ihren Mann der Umarmung des Strickes entriß, der sein letztes Liebchen sein wird. Sie tat wohl daran, Gott sei gelobt, aber sie muß nicht über mich lachen. Jawohl, Du mußt nicht über den armen Lamm lachen, Nele, mein Herzchen! Mein Weib lacht für zehn. Ach, Ihr Weiber seid grausam gegen die Schmerzen Andrer. Ja, mein Herz ist betrübt, vom Schmerze der Trennung verwundet, und nichts kann es trösten, denn sie allein.“

„Oder irgend ein Fleischgericht,“ sagte Ulenspiegel.

„Wohl,“ sprach Lamm, „wo ist auf diesem elenden Schiff das Fleisch? Auf den Schiffen des Königs kriegen sie es viermal in der Woche, dafern nicht Fasttag ist, und dreimal Fisch. Was die Fische angeht, Gott verdamme mich, wenn dies Faserzeug / ich meine ihr Fleisch / etwas anderes tut als mir unnütz das Blut zu erhitzen, mein armes Blut, das sich bald in Wasser verwandeln wird. Sie haben Bier, Käse, Suppe und gutes Getränk. Ja, sie haben alles für des Magens Behagen: Schiffszwieback, Roggenbrot, Bier, Butter, Rauchfleisch; ja, alles: gedörrten Fisch, Käse, Senfsamen, Salz, Bohnen, Erbsen, Grütze, Essig, Öl, Talg, Holz und Kohlen. Uns aber hat man verboten, Vieh zu rauben, wessen es auch sei, eines Bürgers, Abtes oder Edelmannes. Wir essen Hering und trinken Dünnbier. Wehe, ich habe nichts mehr; nicht Frauenliebe, noch guten Wein, nicht Doppel-Braunbier, noch gute Nahrung. Wo sind hier unsere Freuden?“

„Das will ich Dir sagen, Lamm,“ antwortete Ulenspiegel. „Auge um Auge, Zahn um Zahn. In der Bartholomäusnacht zu Paris haben sie zehntausend freie Seelen allein in der Stadt Paris getötet, der König hat selbst auf sein Volk geschossen. Erwache, Vläme, ergreife das Beil ohne Erbarmen: Das sind unsere Freuden. Triff den feindlichen, römischen Spanier, wo immer Du ihn findest. Laß Deine Esserei beiseite. Sie haben die Opfer, tot oder lebendig, an ihren Fluß geschafft und sie zu ganzen Wagenladungen ins Wasser geworfen. Tot oder lebendig, hörst Du, Lamm? Die Seine war neun Tage lang rot, und die Raben ließen sich in Scharen auf die Stadt nieder. In La Charité, Rouen, Toulouse, Lyon, Bordeaux, Bourges und Meaux war das Blutbad entsetzlich. Siehst Du die Scharen vollgefressener Hunde, die sich bei den Kadavern niederlegen? Ihre Zähne sind müde von der Arbeit; der Flug der Raben ist schwerfällig, so sehr haben sie sich den Magen mit dem Fleische der Opfer angefüllt. Hörst Du die Stimmen der Seelen, Lamm, die um Rache und Mitleid gen Himmel schreien? Erwache, Vläme. Du sprichst von Deiner Frau. Ich glaube nicht, daß sie untreu ist, aber betört, und sie liebt Dich noch, armer Freund. Sie war nicht unter den Damen vom Hofe, die in der Nacht des Blutbades die Leichen entblößten, um zu sehen, ob ihre Männlichkeit groß oder klein war. Und sie lachten, diese großen Damen, groß in Unzucht. Freue Dich, mein Sohn, trotz Deines Fisches und Dünnbiers. Wenn der Nachgeschmack des Herings widerlich ist, so ist es der Geruch dieser Geilheit noch mehr. Die geschlachtet haben, halten Festmahle, und mit schlecht gewaschenen Mörderhänden zerlegen sie die fetten Gänse, um den artigen Pariser Edelfräulein die Flügel, Füße und das Hinterteil anzubieten. Die aber hatten zuvor anderes Fleisch, kaltes Fleisch berührt.“

„Ich werde nicht mehr klagen, mein Sohn,“ sagte Lamm und stand auf. „Für die freien Seelen ist der Hering eine Fettammer und das Dünnbier gleicht Malvasier.“

Und Ulenspiegel sprach:

„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.In Trümmern und BlutErblüht die Rose der Freiheit.So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?Nach dem Triumph der HyäneKommt die Zeit des Löwen.Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“

„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.In Trümmern und BlutErblüht die Rose der Freiheit.So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?Nach dem Triumph der HyäneKommt die Zeit des Löwen.Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“

„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.In Trümmern und BlutErblüht die Rose der Freiheit.So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

„Es lebe der Geuse! Laßt uns nicht klagen, Brüder.

In Trümmern und Blut

Erblüht die Rose der Freiheit.

So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?

Nach dem Triumph der HyäneKommt die Zeit des Löwen.Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“

Nach dem Triumph der Hyäne

Kommt die Zeit des Löwen.

Ein Tatzenhieb streckt aufgeschlitzt sie zu Boden.

Auge um Auge. Zahn um Zahn. Es lebe der Geuse!“

Und die Geusen auf den Schiffen sangen:

„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.Auge um Auge, Zahn um Zahn,Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“

„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.Auge um Auge, Zahn um Zahn,Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“

„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.Auge um Auge, Zahn um Zahn,Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“

„Das gleiche Los droht uns vom Herzog.

Auge um Auge, Zahn um Zahn,

Wunde um Wunde. Es lebe der Geuse!“

In einer düsteren Nacht, als der Donner in den Tiefen der Wetterwolken grollte, war Ulenspiegel mit Nele auf Deck und sprach:

„All unsere Lichter sind gelöscht. Wir sind Füchse, die nachts auf das spanische Geflügel lauern, das ist auf ihre zweiundzwanzig Kuffs, reiche Schiffe, darauf die Laternen schimmern, die für sie böse Sterne sind. Und wir werden sie verfolgen.“

Nele sprach:

„Diese Nacht ist eine Zaubernacht. Der Himmel ist schwarz wie der Höllenschlund, die Sterne funkeln wie Satans Lächeln, der ferne Donner grollt dumpf, die Möwen fliegen laut kreischend vorüber. Das Meer wälzt seine phosphorschimmernden Wellen wie silberne Schlangen. Tyll, mein Geliebter, komm in die Welt der Geister. Nimm das Zauberpulver“ ...

„Werde ich die Sieben sehen, Liebchen?“

Und sie nahmen das Zauberpulver.

Und Nele drückte Ulenspiegel die Augen zu und Ulenspiegel schloß sie Nele. Und sie erblickten ein grausames Schauspiel.

Himmel, Erde und Meer waren voll von Männern, Weibern und Kindern, die da arbeiteten, ruderten, wanderten oder träumten. Das Meer schaukelte sie, die Erde trug sie und sie wimmelten wie Aale in einem Korbe.

Sieben Männer und Frauen saßen mitten im Himmel auf Thronen, die Stirnen mit einem glänzenden Sterne gekrönt; aber sie waren so verschwommen, daß Nele und Ulenspiegel nur ihre Sterne deutlich erblickten.

Das Meer stieg bis zum Himmel und wälzte in seinem Schaum eine Unzahl von Schiffen, deren Masten und Takelwerk nach der Willkür der stürmisch bewegten Wogen aneinanderstießen, sich verwickelten, zerbrachen und zerspellten. Dann erschien ein Schiff inmitten aller andern. Seine Verschalung war von glühendem Eisen, der stählerne Kiel scharf wie ein Messer. Das Wasser schrie und ächzte, wenn es hindurchfuhr. Der Tod saß hohnlachend auf dem Heck, in der einen Hand seine Hippe, in der andern eine Peitsche, womit er sieben Personen schlug. Die eine war ein trübseliger, magerer, hochmütiger, schweigsamer Mensch. In der einen Hand hielt er ein Zepter, in der andern einen Degen. Neben ihm saß eine rothaarige Dirne auf einer Ziege, ihre Brüste waren bloß, ihr Kleid offen und sie hatte freche Augen. Unzüchtig reckte sie sich zur Seite eines alten Juden, der Nägel aufsammelte, und eines dicken, gedunsenen Mannes, der allemal umfiel, wenn sie ihn aufrichtete. Ein mageres, wütendes Weib prügelte alle beide. Der dicke Mann rächte sich nicht, noch minder seine rothaarige Gefährtin. Ein Mönch in ihrer Mitte aß Würste. Ein Weib, das auf der Erde lag, kroch wie eine Schlange zwischen den andern hindurch, biß den alten Juden wegen seiner alten Nägel, den gedunsenen Mann, weil er zu gemächlich war, die rothaarige Dirne wegen des feuchten Schimmers ihrer Augen, den Mönch wegen der Würste, und den Magern wegen seines Zepters. Und alsbald prügelten sich alle.

Als sie weiterfuhren, ward die Schlacht auf dem Meer, im Himmel und auf Erden entsetzlich. Es regnete Blut. Die Schiffe wurden von Beilhieben, Büchsen- und Kanonenschüssen zerschmettert, ihre Trümmer flogen mitten im Pulverdampf in die Luft. Auf dem Lande prallten die Heere wie eherne Mauern zusammen. Städte, Dörfer und Ernten verbrannten unter Geschrei und Tränen. Die stolzen Schattenrisse der ragenden Glockentürme hoben sich wie steinerne Spitzenzier vom Feuerschein ab; dann stürzten sie gleich gefällten Eichen dröhnend zu Boden. Schwarze Reiter, zahlreich und dicht wie Ameisenhaufen, den Degen in der Hand und die Pistole in der Faust, töteten Männer, Weiber und Kinder. Etliche schlugen Löcher ins Eis und senkten lebende Greise hinein; andere schnitten den Weibern die Brüste ab und streuten Pfeffer darauf, andere henkten Kinder in den Essen auf. Die des Tötens müde waren, taten irgend einem Mädchen oder einer Frau Gewalt an, tranken, spielten Würfel und wühlten mit roten Fingern in Goldhaufen, dem Ertrage der Plünderung.

Die sieben Sterngekrönten riefen: „Erbarmen für die arme Welt!“

Und die Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen von tausend Fischadlern, die zumal schrieen. Und der Tod schwang seine Hippe.

„Hörst Du sie?“ sagte Ulenspiegel; „das sind die Raubvögel der armen Menschen. Sie nähren sich von kleinen Vögeln, nämlich den Schlichten und Guten.“

Die sieben Sterngekrönten riefen: „Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit!“

Und die sieben Gespenster hohnlachten. Und ihre Stimmen glichen denen von tausend Fischadlern, die zumal schreien. Und der Tod peitschte sie.

Und das Schiff fuhr mitten hindurch und schnitt Kriegsschiffe, Boote, Männer, Weiber und Kinder entzwei. Die Klagen der Opfer, die „Erbarmen“ riefen, widerhallten auf dem Meere. Und das rote Schiff segelte über sie alle hinweg, dieweil die lachenden Gespenster gleich Seeadlern schrieen. Und der Tod trank hohnlachend das blutige Wasser.

Da das Schiff im Nebel verschwunden war, hörte die Schlacht auf und die sieben Sterngekrönten vergingen.

Und Ulenspiegel und Nele sahen nichts mehr denn den schwarzen Himmel, die hochgehende See, die düstern Wetterwolken, die auf dem phosphorschimmernden Wasser heranzogen, und ganz nahe rote Sterne. Es waren die Laternen der zweiundzwanzig Kuffs. Das Meer und der Donner grollten dumpf.

Und Ulenspiegel läutete sacht die Alarmglocke und rief: „Der Spanier, der Spanier! Er segelt auf Vlissingen!“ Und der Ruf hallte wider durch die ganze Flotte.

Und Ulenspiegel sagte zu Nele:

„Ein grauer Schimmer breitet sich über Himmel und Meer aus. Die Laternen leuchten nur noch schwach; der Tag bricht an, der Wind frischt auf, die Wogen schleudern ihren Schaum über das Deck der Schiffe, ein starker Regen fällt und hört sogleich wieder auf. Die Sonne geht strahlend auf und vergoldet die Wogenkämme; das ist Dein Lächeln, Nele, frisch wie der Morgen, sanft wie der Sonnenstrahl.“

Die zweiundzwanzig Kuffs segeln vorbei. Auf den Schiffen der Geusen dröhnen die Trommeln und schrillen die Pfeifen; de Lumey ruft: „Auf Befehl des Prinzen: Klar zum Entern!“ Ewont Pietersen Wort, Vizeadmiral, ruft: „Auf Befehl Seiner Gnaden von Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“ Auf allen Schiffen, „Johanna“, „Schwan“, „Anne-Mie“, „Geuse“, „Kompromiß“, „von Egmont“, „von Hoorn“, „Willem de Zwyger“, rufen alle Kapitäne: „Auf Befehl seiner Gnaden von Oranien und des Herrn Admirals: Klar zum Entern!“

„Klar zum Entern! es lebe der Geuse!“ rufen die Soldaten und Matrosen.

Très-Longs Hucker, „Briel“ genannt, auf dem Ulenspiegel und Lamm sind, gefolgt von „Johanna“, „Schwan“ und „Geuse“, erobert vier Kuffs. Die Geusen werfen alles, was spanisch ist, ins Wasser, nehmen die Niederländer gefangen, leeren die Schiffe aus wie Eierschalen und lassen sie ohne Mast noch Segel in die Rhede treiben. Dann machen sie Jagd auf die achtzehn andern. Der Wind weht heftig von Antwerpen, die Längsseiten der schnellen Schiffe neigen sich unter der Wucht der geschwellten Segel ins Wasser des Flusses, wie Mönchswangen beim Winde, der aus den Küchen kommt. Die Kuffs fahren schnell; die Geusen verfolgen sie bis in die Rhede von Middelburg unter dem Feuer der Forts. Da entspinnt sich eine blutige Schlacht. Die Geusen schwingen sich mit Äxten auf die Decks der Schiffe, die alsbald mit abgehauenen Armen und Beinen übersäet sind, also daß sie nach der Schlacht körbeweise in die Fluten geworfen werden müssen. Die Forts feuern auf sie; sie spotten ihrer, und mit dem Ruf: „Es lebe der Geuse!“ nehmen sie Pulver, Bomben, Kugeln und Getreide aus den Kuffs. Nachdem sie sie entleert haben, stecken sie sie in Brand, lassen sie rauchend und brennend in der Rhede zurück und segeln nach Vlissingen.

Von dort werden sie Mannschaft aussenden, um die Deiche von Holland und Zeeland zu durchstechen und beim Bau neuer Schiffe zu helfen, sonderlich der Vliebote von hundertundvierzig Tonnen, welche bis zu zwanzig gußeiserne Feldstücke tragen können.

Es schneit auf die Schiffe. Ganz weiß ist die Luft bis weit in die Ferne und ohn Unterlaß fällt der Schnee und sinkt weich in die schwarze Flut, wo er schmilzt.

Es schneit auf das Land, ganz weiß sind die Wege, ganz weiß die schwarzen Umrisse der entblätterten Bäume. Kein Laut als die fernen Glocken von Haarlem, welche die Stunde läuten, und das fröhliche Glockenspiel, das seine gedämpften Töne in die dicke Luft hinaussendet.

„Ihr Glocken, läutet nicht, Ihr Glocken, spielt nicht Eure schlichten, holden Weisen: Don Federigo naht, der junge Blutherzog. Er marschiert auf Dich los, und ihm folgen fünfunddreißig Fähnlein Spanier, Deine tödlichen Feinde, o Haarlem, Stadt der Freiheit; zweiundzwanzig Fähnlein Wallonen, achtzehn Fähnlein Deutsche, achthundert Pferde und viel Geschütz. Hörst Du das Dröhnen dieses mörderischen Eisenwerks auf den Lafetten? Falkonetts, Feldschlangen, kurze Kanonen mit großem Rachen, all das ist für Dich, Haarlem. Glocken, läutet nicht, Glockenspiel, sende nicht Deine frohen Weisen in die dicke Schneeluft hinauf.“

„Wir Glocken werden läuten; ich, das Glockenspiel, werde meine kühnen Klänge in die dicke Schneeluft hinaufsenden.“ Haarlem ist die Stadt der tapferen Herzen, der mutigen Frauen. Ohne Furcht sieht sie von ihren Glockentürmen die schwarzen Scharen ihrer Henker wie höllische Ameisenhaufen kribbeln. Ulenspiegel, Lamm und hundert Meergeusen sind in ihren Mauern. Ihre Flotte kreuzt auf dem See.“

„Mögen sie kommen!“ sagen die Einwohner. „Wir sind nur Bürger, Fischer, Seeleute und Frauen. Um bei uns einzudringen, braucht Herzog Albas Sohn, so sagt er, keine andren Schlüssel als sein Geschütz. Möge er die schwachen Tore öffnen, wenn er kann; er wird Männer dahinter finden. Läutet, Glocken; sende Deine fröhlichen Weisen, o Glockenspiel, in die schwere Schneeluft hinauf.

„Wir haben nur schwache Mauern und Gräben nach alter Art. Vierzehn Kanonen speien ihre sechsundvierzigpfündigen Kugeln auf dieCruys-poort. Stellt Männer hin, wo Steine fehlen. Die Nacht kommt, ein jeder arbeitet; es ist, als habe das Geschütz nie hindurch geschossen. Auf dieCruys-poorthaben sie sechshundertachtzig Kugeln geschossen, auf die Porte Saint-Jean sechshundertfünfundsiebzig. Diese Schlüssel schließen nicht, denn siehe, dahinter erhebt sich ein neues Bollwerk. Läutet, Glocken, sende, Glockenspiel, Deine fröhlichen Weisen in die schwere Schneeluft hinauf.

„Das Geschütz schießt, schießt immerfort gegen die Mauern; die Steine springen ab, die Mauerecken stürzen ein. Die Bresche ist weit genug, daß eine Kompagnie in Front hindurch könnte. „Sturm! Tod! Tod!“ schreien sie. Sie stürmen an, es sind ihrer zehntausend. Laßt sie mit ihren Laufbrücken und Sturmleitern die Festungsgräben passieren. Unser Geschütz ist bereit. Das ist die Schar der Todgeweihten. Grüßt sie, Kanonen der Freiheit! Sie grüßen: die Kettenkugeln, die brennenden Pechkränze, die zischend fliegen und die Masse der Stürmenden durchbrechen, zerschlagen, in Brand setzen und blenden, also daß sie weichen und in Verwirrung fliehen. Fünfzehnhundert Tote erfüllen den Graben. Läutet, Glocken, und Du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in die schwere Schneeluft hinauf!

„Erneuert den Sturm! Sie wagen es nicht. Sie verlegen sich wieder aufs Schießen und Minenlegen. Wir verstehen uns auch auf diese Kunst. Unter ihnen, unter ihnen zündet die Lunte an; lauft, wir werden ein schönes Schauspiel sehen. Vierhundert Spanier fliegen in die Luft. Das ist nicht der Weg nach dem ewigen Feuer. O, der schöne Tanz beim silbernen Klang unserer Glocken, bei der fröhlichen Musik unseres Glockenspiels!

„Sie ahnen nicht, daß der Prinz über uns wacht, daß alle Tage Schlitten mit Getreide und Pulver durch wohlbewachte Zugänge zu uns gelangen; das Getreide für uns, das Pulver für sie. Wo sind ihre sechshundert Deutschen, die wir im Haarlemer Wald erschlugen und ertränkten? Wo sind die elf Fahnen, die wir ihnen abnahmen, die sechs Geschütze und fünfzig Ochsen? Wir hatten einen Mauergürtel, jetzt haben wir deren zwei. Selbst die Frauen kämpfen, und Kennan führt ihre tapfere Schar. Kommt, Henker, rückt in unsere Gassen ein, die Kinder werden Euch mit ihren kleinen Messern die Kniekehlen zerschneiden. Läutet, Ihr Glocken, und du, Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen in die dicke Luft hinauf!

„Aber das Glück ist nicht mit uns. Die Flotte der Geusen ist auf dem See geschlagen. Geschlagen sind die Truppen, die Oranien uns zu Hilfe geschickt hatte. Es friert, es friert stark. Keine Hilfe! Auch leisten wir, tausend gegen zehntausend, fünf Monate lang Widerstand. Jetzt müssen wir mit unsern Peinigern unterhandeln. Wird der junge Blutherzog, der uns den Untergang schwor, von keinem Vergleich hören wollen? Wir wollen alle Soldaten mit ihren Waffen ausfallen lassen, sie werden die feindlichen Scharen durchbrechen. Aber die Frauen sind an den Toren und fürchten, man werde sie allein die Stadt bewachen lassen. Glocken, läutet nicht mehr; Glockenspiel, sende Deine fröhlichen Weisen nicht mehr in die Luft hinauf!

„Jetzt haben wir Juni, das Heu duftet, das Getreide wird gülden in der Sonne, die Vögel singen; wir haben fünf Monde lang Hunger gelitten, die Stadt ist in Trauer. Wir ziehen alle aus Haarlem heraus, die Schützen voran, um den Weg zu bahnen, die Frauen und die Kinder und der Magistrat hinterdrein, beschützt vor dem Fußvolk, das über die Bresche Wacht hält. Ein Brief, ein Brief des jungen Blutherzogs. Ist’s Tod, was er kündet? Nein, Leben für alles, was in der Stadt ist. O unerwartete Güte — Lüge vielleicht! Wirst Du wiederum singen, fröhliches Glockenspiel? Sie rücken in die Stadt ein.“

Ulenspiegel, Lamm und Nele hatten die Tracht der deutschen Söldner angelegt, die, sechshundert an der Zahl, mit ihnen im Kloster der Augustiner eingesperrt waren.

„Wir werden heute sterben,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu Lamm.

Und er preßte Neles reizenden Körper, der vor Furcht bebte, an seine Brust.

„Ach, meine Frau, die werde ich nicht wiedersehen,“ sprach Lamm. „Aber vielleicht wird uns unsere deutsche Soldatentracht das Leben retten?“

Ulenspiegel schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er an keine Gnade glaubte.

„Ich höre den Lärm des Plünderns nicht,“ sagte Lamm.

Ulenspiegel erwiderte:

„Die Bürger haben dem Abkommen gemäß Plünderung und Leben um die Summe von zweihundertvierzigtausend Gülden erkauft. Sie werden binnen zwölf Tagen hunderttausend Gülden bar und den Rest drei Monate später zahlen. Den Frauen ist anbefohlen, sich in die Kirche zurückzuziehen. Ohne Zweifel werden sie jetzt mit dem Morden beginnen. Hörst Du, wie sie Blutgerüste nageln und die Galgen aufrichten.“

„Ach, wir werden sterben,“ sagte Nele; „mich hungert!“

„Ja,“ flüsterte Lamm Ulenspiegel zu, „der junge Blutherzog hat gesagt, daß wir ausgehungert gefügiger sein werden, wenn man uns zum Tode führt.“

„Mich hungert so sehr,“ sagte Nele.

Am Abend kamen Soldaten und verteilten ein Brot für sechs Mann.

„Dreihundert wallonische Soldaten sind auf dem Markt gehenkt worden,“ sagten sie. „Bald werdet Ihr drankommen. Es war von jeher Hochzeit der Geusen mit dem Strick.“

Am nächsten Abend kamen sie wiederum mit ihrem Brot für sechs Mann:

„Vier vornehme Bürger sind enthauptet worden,“ sagten sie. „Zweihundertneunundvierzig Soldaten sind zwei zu zweit zusammen gebunden und ins Meer geworfen. Die Krabben werden dies Jahr fett werden. Ihr anderen habt kein gutes Aussehen seit dem 7. Juli, wo Ihr hier seid. Die Niederländer sind Fresser und Säufer; wir Spanier haben an zwei Feigen zum Nachtmahl genug.“

„Darum also,“ antwortete Ulenspiegel, „muß man Euch überall beim Bürger vier Mahlzeiten von Fleisch, Geflügel, Rahmspeisen, Wein und Eingemachten bereiten; darum braucht Ihr Milch, um die Leiber EurerMustachoszu waschen, und Wein, um die Füße Eurer Pferde zu baden?“

Am 18. Juli sagte Nele:

„Ich habe nasse Füße; was ist das?“

„Blut,“ sagte Ulenspiegel.

Am Abend kamen die Soldaten abermals mit ihrem Brote für sechs.

„Wo der Strick nicht mehr hinreicht, tut das Schwert die Arbeit,“ sagten sie. „Dreihundert Soldaten und siebenundzwanzig Bürger, die aus der Stadt zu entfliehen gedachten, lustwandeln jetzt mit dem Kopf in der Hand in die Hölle.“

Am folgenden Tag drang das Blut wiederum ins Kloster. Die Soldaten kamen, nicht um Brot zu bringen, sondern nur, um die Gefangenen zu betrachten. Sie sagten:

„Die fünfhundert Wallonen, Engländer und Schotten, so gestern geköpft sind, sahen gesünder aus. Diese da haben gewißlich Hunger; aber wer sollte Hungers sterben, wenn nicht der Geuse?“

Und wahrlich, bleich, abgezehrt, kraftlos und in kaltem Fieber erzitternd, waren sie alle Gespenstern gleich.

Am sechzehnten August um fünf Uhr abends traten die Soldaten lachend ein und gaben ihnen Brot, Käse und Bier. Lamm sprach:

„Das ist die Henkersmahlzeit.“

Um zehn Uhr kamen vier Fähnlein; die Kapitäne ließen die Türen des Klosters öffnen und befahlen den Gefangenen, zu viert hinter den Pfeifern und Trommlern zu marschieren, bis an den Ort, wo man ihnen Halt gebieten würde. Manche Straßen waren rot, und sie schritten nach dem Galgenfeld.

Hier und da waren die Wiesen mit Blutlachen befleckt; Blut war rings um die Mauern. Die Raben kamen von allen Seiten in Scharen; die Sonne verbarg sich in einer Nebelschicht. Der Himmel war noch hell, und in seinen Tiefen tauchten zaghaft die Sterne auf. Plötzlich vernahmen sie klägliches Geheul.

Die Soldaten sagten:

„Die da schreien, sind die Geusen aus dem Fort Fuycke, außerhalb der Stadt; man läßt sie Hungers sterben.“

„Auch wir werden sterben,“ sagte Nele.

Und sie weinte.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen,“ sagte Ulenspiegel.

„Ach,“ sprach Lamm auf Vlämisch / die Soldaten des Geleits verstanden diese stolze Sprache nicht / „ach,“ sprach Lamm, „wenn ich diesen Blutherzog halten und ihn zwingen könnte, alle Stricke, Galgen, Folterbänke, hölzerne Pferde, Gewichte und spanische Stiefel zu fressen, bis ihm die Haut platzte; wenn ich ihm das von ihm vergossene Blut eingießen könnte, und daß Holzsplitter und Eisenstücke durch seine zerissene Haut und seine entblößten Eingeweide drängen! Und wenn er noch nicht den Geist aufgäbe, würde ich ihm das Herz aus der Brust reißen und es ihn roh und giftig fressen lassen. Dann würde er sicherlich aus dem Leben abscheiden und in den Schwefelpfuhl fallen, wo der Teufel es ihn für und für essen ließe. Und so während der ganzen langen Ewigkeit.“

„Amen,“ sagten Ulenspiegel und Nele.

„Aber siehst Du nichts?“ fragte sie.

„Nein,“ sagte er.

„Ich sehe im Westen fünf Männer und zwei Frauen im Kreise sitzen,“ sagte sie. „Der eine ist mit Purpur bekleidet und tragt eine güldene Krone. Er scheint das Haupt der andern zu sein, die alle zerlumpt und bettelhaft sind. Von Osten her seh ich eine andere Schar von sieben kommen. Auch ihnen gebeut einer, der in Purpur gekleidet ist, doch er trägt keine Krone. Und sie stoßen auf die aus Westen, und sie kämpfen in der Wolke gegen sie; aber ich sehe nichts mehr.“

„Die Sieben,“ sprach Ulenspiegel.

„Ich höre,“ sagte Nele, „neben uns im Laub eine Stimme gleich einem Hauch sprechen:


Back to IndexNext