Allemal, wenn Ulenspiegel Geld bedurfte, um bei Katheline ihren gemeinsamen Unterhalt zu bezahlen, hob er nachts den Stein von dem Loch, das er beim Brunnen gegraben, und entnahm daraus einen Karolus.
Eines Abends waren die drei Frauen beim Spinnen; Ulenspiegel schnitzte mit dem Messer ein Kästlein, welches der Amtmann bei ihm bestellt hatte. Er schnitzte geschickt eine schöne Jagd hinein, mit einer Meute von Hennegauer Hunden, von Molossi von Kandia, welches sehr wilde Tiere sind, von Brabanter Hunden, die paarweis gehen und Ohrenschnapper genannt werden, und andere Hunde ringsherum, Möpse, Rüden und Windhunde.
Da Katheline zugegen war, fragte Nele Soetkin, ob sie ihren Schatz wohl verborgen habe. Die Witwe antwortete ihr ohne Mißtrauen, daß er nirgend besser sein könne als neben der Brunnenmauer.
Um Mitternacht des Donnerstags ward Soetkin von Bibulus Schnuffius aufgeweckt, der scharf, doch nicht lange bellte. Vermeinend, daß es nur ein blinder Lärm sei, schlief sie wieder ein.
Am Freitag morgen, da Soetkin und Ulenspiegel bei Tagesgrauen aufgestanden waren, sahen sie nicht wie üblich Katheline in der Küche, noch das Feuer angezündet, noch die Milch auf dem Feuer kochen. Das nahm sie wunder, und sie sahen nach, ob sie etwan im Garten wäre. Dort erblickten sie sie, ohngeachtet ein feiner Regen fiel, im Hemde, durchnäßt und erstarrt; aber sie wagte nicht hereinzukommen.
Ulenspiegel ging zu ihr und sagte:
„Was tust Du da fast nackend, derweil es regnet?“
„Ach,“ sprach sie, „ja, ja, großes Wunder!“
Und sie wies auf den Hund, der erdrosselt und ganz steif war.
Ulenspiegel gedachte alsogleich des Schatzes und lief hin. Das Loch war leer und die Erde weithin zerstreut.
Er sprang auf Katheline los und schlug sie.
„Wo sind die Karolus?“ fragte er.
„Ja, ja, großes Wunder!“ antwortete Katheline.
Nele beschützte ihre Mutter und rief:
„Gnade und Erbarmen, Ulenspiegel.“
Da hörte er auf, sie zu schlagen. Soetkin kam herbei und fragte, was geschehen sei.
Ulenspiegel zeigte ihr den erwürgten Hund und das leere Loch. Soetkin erblich und sprach:
„Deine Hand trifft mich schwer, Herr Gott! Meine armen Füße!“ Solches aber sagte sie wegen des Schmerzes, den sie daran hatte, und der Tortur, so sie unnütz für die Goldkarolus erduldet.
Da Nele Soetkin so sanft sah, verzweifelte sie und weinte.
Katheline schwenkte ein Stück Pergament und sagte:
„Ja, großes Wunder. Diese Nacht kam er, freundlich und schön. Er hatte in seinem Antlitz nicht mehr den bleichen Schimmer, der mich so bange machte, und sprach mit großer Zärtlichkeit zu mir. Ich war verzückt, mein Herz schmolz. Er sprach zu mir: Ich bin jetzo reich und werde Dir in Bälde tausend Goldgülden bringen.“
„Wohl,“ sagte ich, „aber des bin ich froh mehr deinet- als meinethalben, Hanske, mein Liebster.“
„Aber hast Du nicht daheim“, fragte er, „Etliche, die Du lieb hast, und die ich reich machen könnte?“ / „Nein, die so hier sind, bedürfen Deiner nicht.“ / „Du bist stolz,“ sagte er, „Soetkin und Ulenspiegel sind also reich?“ / „Sie leben ohne Beistand ihrer Nächsten.“ / „Ohngeachtet der Gütereinziehung?“ Auf solches antwortete ich, daß Ihr lieber hättet die Tortur erduldet, denn Euch Euer Vermögen nehmen lassen. / „Ich wußte es wohl“, sagte er. Und er hub an, mit verstohlenem, leisen Lachen des Amtmanns und der Schöffen zu spotten, daß sie nicht einmal vermocht hätten, Euch zum Geständnis zu bringen. Darauf lachte ich desgleichen. „Sie sind doch nicht etwan so einfältig gewesen, ihren Schatz im Hause zu verbergen?“ Ich lachte. „Noch im Keller drinnen?“ / „Mit nichten,“ sagte ich. / „Noch im Garten?“ Ich antwortete nicht. „O,“ sagte er, „das wäre große Torheit.“
„Kleine,“ sagte ich, „sintemalen weder das Wasser noch seine Mauer reden werden.“ Und er lachte immer. Diese Nacht ging er früher fort, als seine Gewohnheit ist, nachdem er mir ein Pulver gegeben hatte, mit dem ich, wie er sagte, zum schönsten Sabbat fliegen würde. Ich gab ihm im Hemde das Geleit bis an die Gartenpforte und war ganz schlaftrunken. Wie er gesagt hatte, ging ich zum Sabbat und kam erst um Tagesanbruch zurück. Da fand ich mich allhier und erblickte den erwürgten Hund und das leere Loch. Das ist ein gar schwerer Schlag für mich, die ihn so zärtlich liebte und ihm meine Seele gab. Aber Ihr sollt alles haben, was ich habe, und ich werde mit Füßen und Händen Euch Lebensunterhalt schaffen.“
„Ich bin das Korn unter dem Mühlstein, Gott und ein schurkischer Teufel suchen mich zur nämlichen Zeit heim,“ sagte Soetkin.
„Ein Schurke / sprechet nicht also von ihm,“ versetzte Katheline, „er ist ein Teufel, ein Teufel. Und zum Beweis werde ich Euch das Pergament zeigen, das er im Hof gelassen hat; hier stehet geschrieben: „Vergiß nimmer, mir zu dienen. In dreimal zween Wochen und fünf Tagen werde ich Dir den Schatz zwiefach zurückgeben; habe Du keinen Zweifel, sonst wirst Du sterben.“ Und er wird Wort halten, des bin ich sicher.“
„Arme Irre“, sprach Soetkin.
Und das war ihr letzter Vorwurf.
Drei Wochen waren zweimal vergangen und die fünf Tage desgleichen, aber der teuflische Freund kehrte nicht zurück. Gleichwohl ließ Katheline die Hoffnung nicht sinken.
Soetkin, die nicht mehr arbeitete, saß immerdar hustend und gebückt am Feuer. Nele gab ihr die besten und duftigsten Kräuter; aber kein Heilmittel half ihr. Ulenspiegel ging nicht aus dem Haus, aus Furcht, daß Soetkin stürbe, dieweil er draußen wäre. Es geschah aber, daß die Witwe nicht mehr essen noch trinken konnte, ohne es zu erbrechen. Der Bader kam und ließ sie zur Ader; nachdem ward sie so schwach, daß sie ihre Bank nicht mehr verlassen konnte.
Von Schmerz verzehrt, sagte sie endlich eines Abends:
„Klas, mein Mann! Tyll, mein Sohn! Dank sei Dir, Gott, daß Du mich hinweg nimmst.“
Und sie starb mit einem Seufzer.
Da Katheline sich nicht traute, bei ihr zu wachen, taten Nele und Ulenspiegel es mitsammen, und sie beteten die ganze Nacht für die Verstorbene.
Bei Tagesanbruch flog eine Schwalbe durchs offene Fenster.
Nele sagte:
„Der Vogel der Seelen, das ist ein gutes Zeichen: Soetkin ist im Himmel!“
Die Schwalbe kreiste dreimal um das Gemach und flog dann hinaus, einen Schrei ausstoßend.
Dann kam eine zweite Schwalbe, größer und schwärzer als die erste. Sie umkreiste Ulenspiegel, und er sagte:
„Vater und Mutter, die Asche brennt auf meiner Brust; ich werde tun, was ihr begehrt!“
Und die zweite Schwalbe flog zwitschernd davon gleich wie die erste. Es wurde heller. Ulenspiegel sah Tausende von Schwalben über die Wiesen streichen und die Sonne ging auf.
Und Soetkin ward auf dem Totenacker der Armen begraben.
Seit Soetkin tot war, ging Ulenspiegel sinnend, betrübt oder zornig in der Küche umher, hörte auf nichts und nahm ohne Wahl an Speise und Trank, was man ihm gab. Und oftmals stand er des Nachts auf.
Umsonst mahnte Nele ihn mit ihrer sanften Stimme zur Hoffnung. Vergeblich sagte Katheline zu ihm, sie wisse, daß Soetkin mit Klas im Paradiese sei. Ulenspiegel antwortete auf alles:
„Die Asche brennt.“
Und er war wie von Sinnen, und Nele weinte, da sie ihn also sah.
Indessen blieb der Fischhändler in seinem Haus allein wie ein Vatermörder und wagte sich nur Abends herfür; denn Männer und Frauen höhnten ihn und hießen ihn Mörder, wenn sie an ihm vorbeigingen. Die kleinen Kinder flüchteten vor ihm, denn man hatte ihnen gesagt, daß er der Henker wäre. Er irrte allein umher und wagte nicht, in einer der drei Schenken von Damm einzukehren; denn man wies dort mit dem Finger auf ihn, und so er nur eine Minute darin stehen blieb, gingen die Trinker hinaus.
So geschah es, daß die Wirte ihn nicht mehr bei sich sehen wollten, und wenn er sich einfand, schlugen sie ihm die Tür vor der Nase zu. Alsdann machte der Fischhändler ihnen demütige Vorstellungen, doch sie erwiderten, daß es ihr Recht sei, Getränk zu verkaufen, nicht ihre Pflicht.
Der Fehde müde, ging der Fischhändler zum TrinkenIn ’t Roode Valck(in den roten Falken), eine kleine Schänke fern von der Stadt an den Ufern des Kanals von Sluys. Da bediente man ihn, denn es waren dürftige Leute, die jegliches Geld gerne nahmen. Aber der Baas vom Roten Falken sprach nicht mit ihm, noch seine Frau. Es waren aber zwei Kinder und ein Hund da; wenn der Fischhändler die Kinder liebkosen wollte, so liefen sie davon; und wenn er den Hund rief, wollte dieser ihn beißen.
Ulenspiegel setzte sich eines Abends auf die Türschwelle; als Mathyssen, der Faßbinder, ihn so in Gedanken versunken sah, sprach er zu ihm:
„Du mußt Deinen Händen Arbeit geben und diesen Schicksalsschlag vergessen.“
Ulenspiegel antwortete:
„Klasens Asche brennt auf meiner Brust.“
„Ach,“ sagte Mathyssen, „er führt ein trauriger Leben als Du, der elende Fischhändler. Keiner spricht mit ihm und jeder flieht ihn, also daß er genötigt ist, bei den armen Lumpen im Roten Falken seine Kanne Braunbier einsam zu trinken. Das ist eine große Strafe.“
„Die Asche brennt“, sagte Ulenspiegel zum andern Mal.
Am nämlichen Abend, da die Glocke der Frauenkirche die neunte Stunde läutete, schritt Ulenspiegel nach dem Roten Falken. Sehend, daß der Fischhändler nicht dort war, streifte er unter den Bäumen, so den Kanal einfassen, umher. Der Mond schien hell.
Er sah den Mörder kommen.
Da er an ihm vorüber ging, konnte er ihn ganz nahe sehen und hörte ihn sagen, denn er redete laut, wie Leute, die allein leben: „Wo haben sie die Karolus versteckt?“
„Wo der Teufel sie gefunden hat“, antwortete Ulenspiegel und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.
„Wehe,“ sagte der Fischhändler, „ich erkenne Dich, Du bist der Sohn. Habe Mitleid, ich bin alt und kraftlos. Was ich tat, geschah nicht aus Haß, sondern um Seiner Majestät zu dienen. Verzeihe mir gnädigst. Ich will Dir Deinen Hausrat wiedergeben, den ich erstanden, Du sollst mir keinen Groschen dafür bezahlen. Ist das nicht genug? Ich habe ihn für sieben Goldgülden gekauft. Du sollst alles haben und noch einen halben Gülden dazu, denn ich bin nicht reich, das mußt Du nicht wähnen.“
Und er wollte sich vor ihm auf die Knie werfen.
Da Ulenspiegel ihn so häßlich, zitternd und feige sahe, warf er ihn in den Kanal.
Und er machte sich davon.
Auf den Scheiterhaufen schwelte das Fett der Opfer. Ulenspiegel gedachte an Klas und Soetkin und weinte einsam. Eines Abends suchte er Katheline auf, um sie um Beistand und um Rache zu bitten. Sie saß mit Nele allein bei der Lampe und nähte. Da sie ihn eintreten hörte, hob Katheline schwerfällig den Kopf, gleichwie eine Frau, die aus tiefem Schlaf erwacht.
Er sagte zu ihr:
„Klasens Asche brennt auf meiner Brust, ich will das Land Flandern retten. Ich bat den großen Gott Himmels und der Erden darum, aber er antwortete mir nicht.“
Katheline sagte:
„Der große Gott konnte Dich nicht hören. Du mußtest zuvor zu den Geistern der Elemente sprechen, welche, da sie himmlischer und irdischer Natur sind, die Klagen der armen Menschen annehmen und sie den Engeln zutragen, die sie hernach zum Throne bringen.“
„Hilf mir bei meinem Vorhaben,“ sagte er, „ich will Dich mit Blut bezahlen, wenn es sein muß.“
Katheline antwortete:
„Ich will Dir helfen, wann ein Mädchen, so Dich liebt, Dich mitnimmt zum Sabbat der Frühlingsgeister, welche die Ostern des Saftes sind.“
„Ich will ihn mitnehmen“, sagte Nele.
Katheline goß ein graulich Gebräu in einen Kristallkelch, davon sie beiden zu trinken gab. Sie rieb ihnen mit dieser Mixtur die Schläfen, Nasenlöcher, Handflächen und Gelenke ein, ließ sie eine Fingerspitze weißen Pulvers nehmen und hieß sie sich einander ansehen, damit ihre Seelen eins würden.
Ulenspiegel sah Nele an und die sanften Augen des Mägdleins entzündeten eine große Glut in ihm; dann fühlte er ob der Mixtur ein Zwicken wie von tausend Krabben.
Danach entkleideten sie sich und solcherart von der Lampe beleuchtet, waren sie schön; er in seiner stolzen Kraft, sie in ihrer liebreizenden Anmut. Aber sie konnten einander nicht sehen, dieweil sie schon gleichsam entschlafen waren. Sodann legte Katheline Neles Hals auf Ulenspiegels Arm und nahm seine Hand und legte sie auf des Mägdleins Herz.
Und also lagen sie nackt nebeneinander. Es deuchte ihnen beiden, daß ihre Körper, die sich berührten, von sanfter Glut wären wie die Sonne im Rosenmond.
Sie erhoben sich / also erzählten sie später / stiegen auf die Fensterbrüstung, schwangen sich ins Leere und fühlten, wie die Luft sie trug, wie das Wasser bei den Schiffen tut. Dann nahmen sie nichts mehr wahr, weder von der Erde, wo die armen Menschen schliefen, noch vom Himmel, wo bald die Wolken zu ihren Füßen wogten. Und sie setzten den Fuß auf Sirius, den kalten Stern. Dann wurden sie auf den Pol geschleudert.
Allda erblickten sie, nicht ohne Bangen, einen nackten Riesen, den Giganten Winter, mit falbem Haar, so auf Eisblöcken an einer Eiswand saß. In Wasserlachen tummelten sich Bären und Robben um ihn her, eine heulende Herde. Mit heiserer Stimme rief er den Schnee, den Hagel, die kalten Regenschauer, die grauen Wetterwolken und die schädlichen, stinkenden Nebel herbei. Desgleichen die Winde, von denen der rauhe Nordwind am stärksten bläst! Und alle tobten zumal an diesem heillosen Orte. Lächelnd über dieses Unheil, legte sich der Riese auf Blumen, so durch die Berührung seiner Hand verwelkt waren, auf Blätter, die sein Odem verdorrt hatte. Dann bückte er sich und den Boden mit seinen Nägeln aufscharrend und mit seinen Zähnen aufwühlend, grub er ein Loch hinein, um das Herz der Erde zu suchen und es zu verschlingen. Auch wollte er schattige Wälder zu Kohle, Getreide zu Stroh und die fruchtbare Erde zu Sand machen. Doch da das Herz der Erde von Feuer war, so wagte er es nicht anzurühren und wich scheusam zurück.
Er thronte als König und leerte seinen Becher voll Tran inmitten seiner Bären und Robben und der Gerippe all derer, so er zu Wasser und Land und in den Hütten der Armen getötet hatte.
Wohlgemut hörte er die Bären brummen, die Robben schreien, das Totengebein von Mensch und Tier unter den Krallen von Geiern und Raben klappern, so daran nach einem letzten Bissen Fleisch suchten, und hörte die Eisschollen krachen, die im trüben Wasser widereinander stießen.
Und die Stimme des Riesen war gleichwie das Brüllen der Orkane, das Tosen der Winterstürme und wie der Wind, der in den Kaminen heult.
„Mich friert und ängstet“, sprach Ulenspiegel.
„Er vermag nichts wider die Geister“, antwortete Nele.
Plötzlich entstand ein Aufruhr unter den Robben, die eilends ins Wasser zurückkehrten; die Bären ließen vor Furcht die Ohren hängen und brummten kläglich; und die Raben, vor Angst krächzend, verschwanden in den Wetterwolken.
Und siehe! Nele und Ulenspiegel vernahmen die dumpfen Stöße eines Sturmbocks wider die Eismauer, so dem Riesen Winter als Stütze diente. Und die Mauer spaltete sich und erbebte in ihren Grundvesten.
Aber der Riese Winter hörte nichts und heulte und bellte lustig, füllte und leerte seinen Tranbecher und suchte nach dem Herzen der Erde, um es zu erstarren, und wagte doch nicht, es zu fassen.
Indessen erdröhnten die Stöße stärker und die Mauer barst noch mehr, und der Regen von Eisstücken, so in Splittern abflogen, prasselte ohn Unterlaß um ihn her. Und die Bären brummten allezeit kläglich und die Robben winselten in den trüben Wassern.
Die Mauer stürzte zusammen und der Himmel ward hell. Ein Mann, nackend und schön, eine Hand auf eine güldene Axt stützend, entstieg ihm. Derselbige Mann war Luzifer, der König Lenz. Da der Riese ihn sahe, warf er seinen Tranbecher weit fort und flehete ihn an, ihn nicht zu töten.
Und da König Lenz seinen lauen Odem hauchte, verlor der Riese Winter jegliche Kraft. Da nahm der König demantne Ketten und band ihn damit und fesselte ihn an den Pol.
Sodann hielt er inne und rief, aber inniglich und brünstig. Und vom Himmel kam ein blondhaarig Weib herab, nackend und schön. Sie saß neben dem König nieder und sprach zu ihm:
„Du bist mein Sieger, starker Mann.“
Er antwortete:
„So Du Hunger hast, iß; so Du Durst hast, trinke, und so Du Furcht hast, komm nahe zu mir: ich bin Dein Geselle.“
„Mich hungert und dürstet nur nach Dir“, sprach sie.
Und aber rief der König sieben Mal schrecklich.
Und es ward ein großes Getöse von Donnern und Blitzen, und hinter ihm entstund ein Baldachin von Sonnen und Sternen. Und sie setzten sich auf Throne.
Darauf riefen der König und sein Gemahl; aber ihr edles Angesicht bewegte sich nicht, noch machten sie eine Gebärde, so ihrer Kraft und ruhigen Majestät entgegen war. Und bei diesem Rufen entstand eine wallende Bewegung in der Erde, dem harten Gestein und den Eisblöcken. Und Nele und Ulenspiegel vernahmen ein Geräusch, gleich als ob riesige Vögel die Schale ungeheurer Eier mit Schnabelhieben zerbrächen.
Und in dieser gewaltigen Bewegung des Bodens, der gleich Meereswogen stieg und sank, waren Formen wie die eines Eies. Plötzlich kamen von allen Seiten Bäume heraus, die ihre dürren Zweige durcheinander wirrten, dieweil ihre Stämme wie trunkene Männer schwankten. Dann wichen sie auseinander und ließen einen weiten leeren Raum zwischen sich. Aus dem wallenden Boden kamen die Geister der Erde, aus der Tiefe des Waldes die Waldgeister, aus dem nahen Meere die Wassergeister.
Ulenspiegel und Nele erblickten da schatzhütende Zwerge, bucklig, plattfüßig und zottig, häßlich und fratzenhaft, Fürsten des Gesteins, Waldmänner, so wie Bäume lebten und an Stelle von Mund und Magen ein Bündel Wurzeln am Gesicht trugen, um dergestalt ihre Nahrung aus der Brust der Erde zu saugen; desgleichen die Herrscher der Bergwerke, welche stumm sind, weder Herz noch Eingeweide haben und sich gleich glänzenden Maschinen bewegen. Da waren Zwerge von Fleisch und Bein, so Eidechsenschwänze und Krötenköpfe hatten und auf dem Kopf eine Leuchte trugen. Sie springen zur Nacht dem trunkenen Wanderer oder furchtsamen Reisenden auf die Schultern, springen wieder hinunter, schwenken ihr Lichtlein und führen sie in Sümpfe oder Gräben, denn die armen Wandrer wähnen, daß dieses die Leuchte sei, so in ihrer Behausung brennt.
Da waren auch Blumenmädchen, Blumen von weiblicher Kraft und Gesundheit, nackend und nicht errötend, sondern stolz auf ihre Schönheit und nur in den Mantel ihrer Haare gehüllt. Ihre Augen erglänzten feucht gleichwie Perlmutter im Wasser. Die Haut ihres Körpers war fest, weiß und vom Lichte vergüldet. Aus ihrem roten, offenen Munde ging ein Odem, balsamischer als Jasmin. Sie sind es, die am Abend in Mauern und Gärten, noch lieber in der Tiefe der Wälder auf schattigen Steinen umherstreifen und verliebt nach irgend einer Mannesseele sahen, um sie zu besitzen. So ein junger Knabe und ein Mägdlein an ihnen vorbeigeht, versuchen sie das Mägdlein zu töten, doch da sie es nicht vermögen, hauchen sie der Lieblichen, die noch widerstrebt, Liebessehnsucht ein, auf daß sie sich dem Geliebten hingebe. Denn alsdann hat die Blumenmaid die Hälfte der Küsse.
Ulenspiegel und Nele sahen auch die Schutzgeister der Sterne, die Geister der kalten und warmen Winde und des Regens vom hohen Himmel herabsteigen; es waren geflügelte Jünglinge, so die Erde befruchten.
Alsdann erschienen an allen Punkten des Himmels die Vögel der Seelen, die zierlichen Schwalben. Als sie da waren, schien das Licht heller. Blumenmädchen, Steinfürsten, Herrscher der Bergwerke, Waldmänner, Wasser-, Feuer- und Erdgeister riefen zumal: „Licht, Saft! Ruhm dem König Lenz!“
Ob ihr einstimmig Geschrei zwar mächtiger war, denn das tosende Meer, der krachende Donner und der entfesselte Sturm, so klang es doch Nele und Ulenspiegel gleichwie sanfte Musik in die Ohren. Sie aber saßen reglos und schweigend zusammengekauert hinter dem knorrigen Stamm einer Eiche.
Aber sie fürchteten sich noch mehr, da die Geister sich zu Tausenden wie auf Sessel niederließen auf riesige Spinnen, auf Kröten mit Elefantenrüsseln, auf Schlangenknäule und Krokodile, so auf dem Schwanze stunden und eine Schar Geister im Rachen hielten. Schlangen trugen mehr denn dreißig Zwerge und Zwerginnen, so rittlings auf ihrem schlängelnden Körper saßen, und schier hunderttausend Insekten, größer denn Goliath, mit Degen, Lanzen, gezähnten Sicheln, siebenzinkigen Heugabeln und jeglicher Art von schrecklichen Mordwerkzeuge bewaffnet. Die schlugen auf einander los mit großem Getöse; der Starke fraß den Schwachen, mästete sich an ihm und zeigte also, daß der Tod aus dem Leben und das Leben aus dem Tode entsteht.
Und aus dieser ganzen wimmelnden, drängenden und wirren Menge von Geistern drang ein Geräusch gleichwie dumpfer Donner und der Lärm von hundert Webstühlen, Walkmühlen und Schlosserwerkstätten, die mitsammen arbeiten.
Plötzlich erschienen die Geister des Saftes, kurz und stämmig, mit Lenden, breit wie das große Faß zu Heidelberg und Schenkeln, so gewaltig wie ein Ohm Wein. Und ihre Muskeln waren so seltsam stark und mächtig, daß man hätte sagen mögen, sie seien aus großen und kleinen Eiern gemacht, die aneinandergefügt und mit einer Haut bedeckt waren, welche so rot, fett und glänzend war, wie ihr spärlicher Bart und das rote Haupthaar; und sie trugen ungeheure Humpen voll einer seltsamen Flüssigkeit.
Da die Geister sie kommen sahen, machten sie einen großen Aufstand vor Freuden; die Bäume und Pflanzen schüttelten sich und die Erde barst, um zu trinken.
Und die Geister des Saftes gossen Wein aus, und alsobald knospete, grünte und blühte alles. Der Rasen war voll summender Käfer und der Himmel mit Vögeln und Faltern erfüllt. Die Geister gossen immerdar Wein und die unten empfingen ihn, so gut sie konnten. Die Blumenmädchen öffneten den Mund oder sprangen auf ihre rothaarigen Mundschenken zu und küßten sie, um noch mehr zu bekommen. Etliche falteten die Hände zum Beten; andere ließen es glückselig auf sich herabregnen. Aber alle, ob lüstern oder durstig, fliegend, stehend, laufend oder unbeweglich, trachteten nach dem Wein und wurden nach jedem Tröpflein, so sie auffangen konnten, lebendiger. Und waren keine Greise da, sondern alle, ob häßlich oder schön, waren voll frischer Kraft und lebendiger Jugend.
Und sie lachten, schrien, sangen und verfolgten sich auf den Bäumen gleich Eichkätzchen und in der Luft gleich Vögeln. Jedes Männchen suchte sein Weibchen und übte unter Gottes Himmel das heilige Werk der Natur.
Und die Geister des Saftes brachten dem König und der Königin den großen Becher voll ihres Weines; und der König und die Königin tranken und umarmten sich. Alsdann schüttete der König, sein Gemahl umschlungen haltend, den Rest seines Bechers über die Bäume, die Blumen und Geister und rief: „Ehre sei dem Leben! Ehre der freien Luft! Ehre der Kraft!“
Und alle riefen:
„Ehre sei der Natur! Ehre der Kraft!“
Und Ulenspiegel nahm Nele in seine Arme. Da sie so umschlungen waren, begann ein Tanz. Ein wirbelnder Tanz wie von Blättern, so ein Wirbelwind zusammenraft, wo alles im Schwung war: Bäume, Pflanzen, Käfer, Falter, Himmel und Erde, König und Königin, Blumenmädchen, Bergwerksherrscher, Wassergeister, bucklige Zwerge, auch Steinfürsten, Waldmänner, Leuchtenträger und Schutzgeister der Sterne. Die hunderttausend greulichen Insekten verwirrten ihre Lanzen, gezähnten Sicheln und siebenzinkigen Heugabeln. Es war ein schwindelnder Tanz, der sich in den Weltraum wälzte und ihn erfüllte, und Sonne, Mond, Planeten, Sterne, Wind und Wetterwolken nahmen daran teil.
Und die Eiche, daran Nele und Ulenspiegel sich geklammert hatten, rollte mit im Wirbel, und Ulenspiegel sprach zu Nele:
„Liebchen, wir werden sterben.“
Und ein Geist hörte sie und sahe, daß sie Sterbliche waren.
„Menschen,“ schrie er, „Menschen an diesem Ort!“
Und er riß sie vom Baume los und schleuderte sie in die Menge.
Und Ulenspiegel und Nele fielen weich auf den Rücken der Geister, die sie sich einander zuwarfen und dabei sagten:
„Heil den Menschen! Willkommen Ihr Erdenwürmer! Wer will ein Knäblein und ein Mägdlein haben? Sie machen uns einen Besuch, die Schwächlinge!“
Und Ulenspiegel und Nele flogen von einem zum andern und riefen: „Gnade!“
Aber die Geister hörten sie nicht und alle beide flogen und wirbelten wie Federn im Winterwind, die Beine in der Luft und den Kopf nach unten, derweil die Geister sagten:
„Ehre den Männlein und Weiblein, mögen sie tanzen gleichwie wir.“
Die Blumenmädchen waren willens, Nele von Ulenspiegel zu trennen, schlugen sie und hätten sie getötet, hätte nicht der König Lenz mit einer Gebärde dem Tanz Einhalt geboten und gerufen:
„Man führe diese beiden Flöhe vor meinen Thron!“
Und sie wurden voneinander getrennt, und jegliche Blumenmaid trachtete Ulenspiegel ihren Nebenbuhlerinnen zu entreißen und sprach:
„Tyll, möchtest Du nicht für mich sterben?“
„Ich werde es in Bälde tun“, antwortete Ulenspiegel.
Und die zwergischen Waldgeister, so Nele trugen, sagten:
„Was bist Du nicht Seele wie wir, auf daß wir Dich zu eigen nehmen könnten!“
Nele antwortete:
„Geduldet Euch.“
Und also kamen sie vor des Königs Thron, und sie zitterten schier, da sie seine güldene Axt und seine eiserne Krone ersahen.
Und er sprach zu ihnen:
„Warum seid Ihr hier gekommen, Ihr Schwächlinge?“
Sie antworteten nicht.
„Ich kenne Dich, Du Hexenknospe,“ fügte der König bei, „und auch Dich, Sprößling des Kohlenträgers. Aber da es Euch durch Hexenkunst gelang, in diese Werkstätte der Natur einzudringen, warum habt Ihr jetzo den Schnabel zu wie Kapaune, so mit Brotkrumen gestopft sind?“
Nele erbebte beim Anblick des schrecklichen Teufels. Ulenspiegel aber gewann seine mannhafte Festigkeit wieder und antwortete:
„Klasens Asche brennt mir auf dem Herzen. Göttliche Hoheit, der Schnitter Tod geht durch das Land Flandern und in des Papstes Namen mähet er die stärksten Männer und die holdesten Frauen. Flanderns Privilegien sind zerbrochen, seine Urkunden vernichtet, die Hungersnot nagt an ihm. Seine Weber und Tuchwirker verlassen es, um in der Fremde freie Arbeit zu suchen. Bald wird es sterben, sofern man ihm nicht zu Hilfe kommt. Ihr Hoheiten, ich bin nur ein armer, geringer Bursche, zur Welt gekommen wie ein Jeder; habe gelebt wie ich konnte, unvollkommen, beschränkt, unwissend, nicht tugendhaft noch keusch, und keiner menschlichen noch göttlichen Gnade würdig. Aber Soetkin starb an den Folgen der Tortur und ihres Kummers und Klas verbrannte in einem schrecklichen Feuer, und ich wollte sie rächen und tat es schon einmal. Ich wollte auch diesen armen Boden, in den ihr Gebein gesäet ist, glücklicher sehen, und ich bat Gott um den Tod der Verfolger, aber er erhörte mich nicht. Der Klagen müde, hab’ ich Euch durch Kathelines Zauber beschworen, und ich und meine zage Gesellin kommen zu Euren Füßen, Ihr göttlichen Hoheiten, und bitten Euch um Rettung dieses armen Landes.“
Der König und seine Gefährtin antworteten zumal:
„Durch Krieg und Feuer,Durch Tod und SchwertSuche die Sieben.In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.Häßlich, grausam, ungestalt,Wahre Geißeln dieses Landes,Brenne die Sieben.Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
„Durch Krieg und Feuer,Durch Tod und SchwertSuche die Sieben.In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.Häßlich, grausam, ungestalt,Wahre Geißeln dieses Landes,Brenne die Sieben.Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
„Durch Krieg und Feuer,Durch Tod und SchwertSuche die Sieben.
„Durch Krieg und Feuer,
Durch Tod und Schwert
Suche die Sieben.
In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.
In Tod und Blut,
In Trümmern und Tränen
Finde die Sieben.
Häßlich, grausam, ungestalt,Wahre Geißeln dieses Landes,Brenne die Sieben.
Häßlich, grausam, ungestalt,
Wahre Geißeln dieses Landes,
Brenne die Sieben.
Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
Harre, horch und schaue,
Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
Finde die Sieben.“
Und alle Geister sangen zumal:
„In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
„In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
„In Tod und Blut,In Trümmern und TränenFinde die Sieben.
„In Tod und Blut,
In Trümmern und Tränen
Finde die Sieben.
Harre, horch und schaue,Schwächling, sag, bist Du nicht froh?Finde die Sieben.“
Harre, horch und schaue,
Schwächling, sag, bist Du nicht froh?
Finde die Sieben.“
„Jedoch,“ sprach Ulenspiegel, „Hoheit und Ihr Herren Geister, ich verstehe nichts von Eurer Rede. Ohne Zweifel spottet Ihr meiner.“
Die aber sagten, ohne ihn anzuhören:
„Wann der NordenWird den Süden küssen,Ist das Ende des Verderbens nah.Finde die SiebenUnd den Gürtel.“
„Wann der NordenWird den Süden küssen,Ist das Ende des Verderbens nah.Finde die SiebenUnd den Gürtel.“
„Wann der NordenWird den Süden küssen,Ist das Ende des Verderbens nah.Finde die SiebenUnd den Gürtel.“
„Wann der Norden
Wird den Süden küssen,
Ist das Ende des Verderbens nah.
Finde die Sieben
Und den Gürtel.“
Und das mit so gewaltigem Einklang und so erschrecklicher Kraft des Schalles, daß die Erde erbebte und die Himmel erzitterten. Und die Falken pfiffen, die Eulen schrien, die Sperlinge piepsten vor Furcht, die Fischadler klagten und alle flatterten ängstlich.
Und die Tiere der Erde: Löwen, Schlangen, Bären, Hirsche, Rehe, Wölfe, Hunde und Katzen brüllten, zischten, schrien, heulten, bellten und miauten erschrecklich.
Und die Geister sangen:
„Harre, horch und schaue,Liebe die SiebenUnd den Gürtel.“
„Harre, horch und schaue,Liebe die SiebenUnd den Gürtel.“
„Harre, horch und schaue,Liebe die SiebenUnd den Gürtel.“
„Harre, horch und schaue,
Liebe die Sieben
Und den Gürtel.“
Und die Hähne krähten und alle Geister entwichen, ungerechnet einen bösen Bergwerkskönig, welcher Nele und Ulenspiegel je mit einem Arm packte und sie unsänftiglich ins Leere schleuderte.
Sie fanden sich nebeneinander liegend, wie um zu schlafen, und fröstelten bei dem kalten Morgenwind.
Und Ulenspiegel sah Neles holden Leib ganz gülden in der aufgehenden Sonne.