Zweites Buch
An diesem Morgen des Herbstmonds nahm Ulenspiegel seinen Stab, drei Gülden, die ihm Katheline gegeben, ein Stück Schweinsleber, eine Schnitte Brot und zog von Damm nach Antwerpen, um die Sieben zu suchen. Nele schlief.
Beim Wandern folgte ihm ein Hund, der ihn der Leber halber beschnüffelte und ihm an die Beine sprang. Ulenspiegel wollte ihn fortjagen, und da er sah, daß der Hund ihm hartnäckig folgte, hielt er ihm diese Rede:
„Ei Hündlein, mein Schatz, Du bist übel beraten, daß Du das Haus verlässest, wo gute Pasteten, auserlesener Abhub von der Tafel und Knochen voll Mark Deiner harren. Du willst aufs Geratewohl einem Landstreicher folgen, der vielleicht nicht allzeit Wurzeln haben wird, um sie Dir als Nahrung zu bieten. Glaube mir, Du unfürsichtiges Hündlein, kehr zu Deinem Herrn zurück. Meide Regen, Schnee, Hagel, Staubregen, Nebel, Glatteis und andere magere Suppen, so auf den Rücken der Landstreicher fallen. Bleibe im Herdwinkel und wärme Dich, zusammengerollt am lustigen Feuer; laß mich in Schlamm, Staub, Kälte und Hitze marschieren; heute gesotten, morgen zu Eis erstarrt, Freitags vollgestopft, Sonntags ausgehungert. Du wirst etwas Gescheites tun, wenn Du hingehst, wo Du hergekommen bist, Du Hündlein mit wenig Erfahrung.“
Das Tier schien Ulenspiegel schlechterdings nicht zu verstehen. Es wedelte mit dem Schwanz und sprang so gut es konnte und bellte vor Begierde. Ulenspiegel glaubte, daß es Freundschaft sei, aber er gedachte nicht der Leber, die er im Ränzel trug. Er wanderte, der Hund lief ihm nach. Da sie also gegen eine Stunde zurückgelegt hatten, sahen sie auf der Landstraße einen Karren mit einem Esel bespannt, welcher den Kopf senkte. Auf einer Böschung am Wegrande saß zwischen zwei Distelsträuchen ein dicker Mann, der in der einen Hand eine Hammelkeule hielt, die er abnagte, in der andern eine Flasche, deren Saft er aussog. Wenn er nicht aß noch trank, so greinte und weinte er.
Da Ulenspiegel stillstand, blieb der Hund gleichermaßen stehen. Er witterte den Hammel und die Leber und lief die Böschung hinan. Da setzte er sich auf die Hinterpfoten neben den Mann und kratzte ihn am Wams, um auch sein Teil von dem Festmahl zu haben. Aber der Mann stieß ihn mit dem Ellenbogen zurück, hielt seine Hammelkeule in die Luft und greinte erbärmlich. Der Hund tat aus Gier das nämliche. Der Esel ward böse, daß er an den Wagen gespannt war und die Disteln nicht erreichen konnte, und hub an zu schreien.
„Was ficht Dich an, Jan?“ fragte der Mann den Esel.
„Nichts,“ antwortete Ulenspiegel, „dafern er nicht von jenen Disteln Imbiß halten möchte, die Euch zur Seiten blühen wie am hohen Chor von Tessenderloo neben und über dem Herrn Christo. Dieser Hund würde auch nicht bös sein, wenn seine Kinnbacken mit dem Knochen, so Ihr da haltet, Hochzeit machen könnten. Indessen will ich ihm die Leber geben, die ich hier habe.“
Nachdem der Hund die Leber gefressen, betrachtete der Mann seinen Knochen, benagte ihn noch mehr, um alles Fleisch, so daran war, zu kriegen, und gab ihn dermaßen abgenagt dem Hunde. Der legte seine Pfoten darauf und machte sich daran, ihn auf dem Rasen zu zermalmen.
Dann blickte der Mann Ulenspiegel an. Und der erkannte Lamm Goedzak aus Damm. „Lamm,“ sagte er, „was tust Du hier, essend, trinkend und bitterlich weinend? Sollte Dir ein Soldat die Ohren ohne die rechte Ehrfurcht eingerieben haben?“
„Wehe, mein Weib“, sagte Lamm.
Er wollte seine Flasche Wein leeren, aber Ulenspiegel legte ihm die Hand auf den Arm.
„Trink nicht also, denn hastig Trinken kommt nur den Nieren zugute. Es sollte lieber dem zuteil werden, der keine Flasche hat.“
„Du redest gut,“ sagte Lamm, „aber wirst Du besser trinken?“
Und er hielt ihm die Flasche hin.
Ulenspiegel nahm sie, hob den Ellenbogen und gab sie ihm zurück.
„Heiß mich Spanier,“ sagte er, „dafern noch genug darin ist, um einen Sperling trunken zu machen.“
Lamm betrachtete die Flasche und ohne mit Greinen innezuhalten, wühlte er in seiner Weidtasche und zog eine andere Flasche und ein anderes Stück Wurst heraus, die er alsogleich in Stücke schnitt und trübsinnig kaute.
„Issest Du ohn Unterlaß, Lamm?“ fragte Ulenspiegel.
„Oftmals, mein Sohn,“ erwiderte Lamm, „aber es geschieht, meine traurigen Gedanken zu vertreiben. Wo bist Du, Weib?“ sagte er und wischte sich eine Zähre ab.
Und er schnitt sich zehn Scheiben Wurst.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel, „iß nicht so rasch und ohne Mitleid für den armen Wallfahrer.“
Lamm gab ihm weinend vier Schnitten und da Ulenspiegel sie verspeiste, ward er von ihrem guten Geschmack gerührt.
Aber Lamm sagte, immerfort weinend und essend:
„Mein Weib, mein gutes Weib! Wie sanft und wohlgeformt war ihr Leib! Sie war leicht wie ein Falter, rasch wie der Blitz und sang gleich einer Lerche. Sie schmückte sich freilich zu gerne mit schönem Putz. Ach, er kleidete sie so gut. Aber die Blumen haben auch reichen Putz. So Du ihre Händlein gesehen hättest, mein Sohn, die so zierlich liebkosten, hättest Du ihnen nimmer erlaubt, Pfanne noch Tiegel anzurühren. Das Küchenfeuer hätte ihre Haut, die so hell wie der Tag war, geschwärzt. Und welche Augen! Ich zerschmolz in Zärtlichkeit beim bloßen Anschauen. / Trink einen Schluck Wein, ich werde nach Dir trinken. Ach, warum ist sie nicht tot! Thyl, ich behielt mir in unserm Haus jegliche Arbeit vor, um ihr die mindeste Mühe zu ersparen. Ich kehrte die Stuben, ich machte das Ehebett, darinnen sie sich am Abend, vom Wohlleben ermüdet, ausstreckte; ich wusch das Geschirr und auch die Wäsche, die ich selbst bügelte. / Iß, Thyl, diese Wurst ist aus Gent. / Oftmals, wenn sie sich draußen erging, kam sie zu spät zum Mittagmahl; aber es war mir so große Freude, sie zu sehen, daß ich nicht wagte, sie zu schmählen. Ich war schier glücklich, so sie mir nachts nicht schmollend den Rücken kehrte. Ich habe alles verloren. / Trink von diesem Wein, er ist vom Brüsseler Weinberg, nach Art des Burgunders.“
„Warum ist sie fortgegangen?“ fragte Ulenspiegel.
„Weiß ich es?“ versetzte Lamm. „Wo ist die Zeit hin, da ich bei ihr aus und ein ging, mit dem Plan, sie zu freien, und sie mich aus Furcht und Liebe floh. Wenn ihre Arme bloß waren, ihre schönen runden weißen Arme, und sie ward inne, daß ich sie anschaute, ließ sie unversehens ihre Ärmel darüber fallen. Zu andern Malen ließ sie sich mein Kosen gefallen und ich konnte sie auf die holden Äuglein küssen, welche sie schloß, und auf den vollen festen Nacken. Dann schauderte sie und schrie ein wenig, neigte den Kopf zurück, und gab mir solcherart einen Nasenstüber. Und sie lachte, wenn ich Au sagte, und ich gab ihr verliebte Schläge und zwischen uns war nichts denn Spiel und Lachen. / Thyl, ist noch Wein in der Flasche?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
Lamm trank und redete weiter:
„Zu andern Zeiten, wenn sie verliebter war, legte sie mir beide Arme um den Hals und sagte: „Du bist schön!“ Und sie küßte mich wie toll und hundert Mal nacheinander auf Wange und Stirn, aber nimmer auf den Mund, und wenn ich sie fragte, woher ihr diese große Sprödigkeit bei so großer Ungezwungenheit komme, lief sie eilends nach einem Humpen, der auf einem Schrein stand, nahm daraus eine Puppe, mit Seide und Perlen angetan, schüttelte und wiegte sie und sprach: „So etwas will ich nicht.“ Ohne Zweifel hatte ihre Mutter, um sie in Sittsamkeit zu bewahren, gesagt, daß die Kinder mit dem Munde gemacht werden. Ach, süße Augenblicke! Holdes Kosen! / Thyl, sieh zu, ob Du nicht einen kleinen Schinken in der Weidtasche findest.“
„Einen halben“, antwortete Ulenspiegel und gab ihn Lamm, der ihn ganz und gar verspeiste.
Ulenspiegel sah ihm zu und sagte:
„Dieser Schinken tut mir im Magen wohl.“
„Mir desgleichen,“ sagte Lamm und stocherte sich die Zähne mit den Nägeln. „Aber ich werde meine Liebste nicht wiedersehen. Sie ist aus Damm entflohen. Willst Du sie mit mir in meinem Wagen suchen?“
„Das will ich“, sagte Ulenspiegel.
„Aber,“ sprach Lamm, „ist nichts mehr in der Flasche?“
„Nichts“, antwortete Ulenspiegel.
Und sie stiegen in den Wagen und wurden von dem Grautier gezogen, welches zum Zeichen der Abfahrt trübselig schrie.
Der Hund aber war, da er sich satt gefressen, ohne ein Wörtlein, davongelaufen.
Da der Wagen zwischen einem Weiher und einem Kanal auf einen Deich rollte, strich Ulenspiegel in tiefem Sinnen kosend über Klasens Asche auf seiner Brust. Er fragte sich, ob das Gesicht Wahrheit oder Lüge sei, ob die Geister seiner gespottet, oder ob sie ihm in Rätseln gesagt hätten, was er wirklich finden müßte, um das Land seiner Väter zu beglücken.
Umsonst zermarterte er sein Hirn, er konnte nicht finden, was die Sieben und der Gürtel bedeuteten.
Wenn er des toten Kaisers, des lebenden Königs, der Regentin, des römischen Papstes, des Großinquisitors, des Jesuitengenerals gedachte, so fand er da sechs große Landeshenker, so er ohne Verzug lebendig hätte verbrennen mögen. Aber er dachte, daß sie es mitnichten seien, denn sie waren zu leicht zu verbrennen, also mußten sie andern Orts sein.
Und er wiederholte sich immerfort im Geiste:
Wenn der NordenWird den Süden küssen,Endet das Verderben.Liebe die SiebenUnd den Gürtel.
Wenn der NordenWird den Süden küssen,Endet das Verderben.Liebe die SiebenUnd den Gürtel.
Wenn der NordenWird den Süden küssen,Endet das Verderben.Liebe die SiebenUnd den Gürtel.
Wenn der Norden
Wird den Süden küssen,
Endet das Verderben.
Liebe die Sieben
Und den Gürtel.
„Ach,“ sprach er zu sich: „In Tod, Blut und Tränen sieben finden, sieben verbrennen, sieben lieben: Mein armer Verstand sucht vergeblich, denn wer verbrennt, was er liebt?“
Da der Wagen schon ein gut Stück Weges verschlungen, hörten sie Schritte auf dem Sand und eine Stimme, die sang:
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,Den närrischen Freund, der mir entrann?Nach Laun und Zufall tut er gehn;Habt Ihr ihn nicht gesehn?Wie es dem Lamm der Adler tat,Mein Herze nahm er unversehn,Er ist ein Mann, doch ohne Bart;Habt Ihr ihn nicht gesehn?Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,Gar müde ward von vielem Gehn.Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?Habt Ihr ihn nicht gesehn?Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,So ihm der Täuber tat entgehn?So auch ein treues Herze bricht.Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,Den närrischen Freund, der mir entrann?Nach Laun und Zufall tut er gehn;Habt Ihr ihn nicht gesehn?Wie es dem Lamm der Adler tat,Mein Herze nahm er unversehn,Er ist ein Mann, doch ohne Bart;Habt Ihr ihn nicht gesehn?Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,Gar müde ward von vielem Gehn.Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?Habt Ihr ihn nicht gesehn?Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,So ihm der Täuber tat entgehn?So auch ein treues Herze bricht.Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,Den närrischen Freund, der mir entrann?Nach Laun und Zufall tut er gehn;Habt Ihr ihn nicht gesehn?
„Ihr Leute, sahet Ihr, sagt an,
Den närrischen Freund, der mir entrann?
Nach Laun und Zufall tut er gehn;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Wie es dem Lamm der Adler tat,Mein Herze nahm er unversehn,Er ist ein Mann, doch ohne Bart;Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Wie es dem Lamm der Adler tat,
Mein Herze nahm er unversehn,
Er ist ein Mann, doch ohne Bart;
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,Gar müde ward von vielem Gehn.Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Sagt ihm, daß Nele, so Ihr ihn findet,
Gar müde ward von vielem Gehn.
Herzlieber Thyl, wohin der Fahrt?
Habt Ihr ihn nicht gesehn?
Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,So ihm der Täuber tat entgehn?So auch ein treues Herze bricht.Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
Weiß er, daß Täubchen weint und siecht,
So ihm der Täuber tat entgehn?
So auch ein treues Herze bricht.
Habt Ihr ihn nicht gesehn?“
Ulenspiegel schlug Lamm auf den Bauch und sprach zu ihm:
„Halt den Odem an, Fettwanst.“
„Ach,“ sprach Lamm, „das ist gar hart für einen Mann meines Umfangs.“
Aber Ulenspiegel hörte nicht auf ihn und versteckte sich hinter das Plantuch des Wagens und ahmte die Stimme eines hüstelnden Zechers nach, dieweil er sang:
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;Er saß in einem morschen Karren,Bei einem Vielfraß, dick und voll.Ich sah ihn wohl.“
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;Er saß in einem morschen Karren,Bei einem Vielfraß, dick und voll.Ich sah ihn wohl.“
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;Er saß in einem morschen Karren,Bei einem Vielfraß, dick und voll.Ich sah ihn wohl.“
„Wohl sah ich Deinen Freund, den Narren;
Er saß in einem morschen Karren,
Bei einem Vielfraß, dick und voll.
Ich sah ihn wohl.“
„Thyl,“ sprach Lamm, „Du hast heute morgen eine schlimme Zunge.“
Ulenspiegel, ohne auf ihn zu hören, steckte den Kopf aus dem Loch der Plandecke und sprach:
„Nele, erkennst Du mich?“
Sie aber, von Furcht ergriffen und in Einem lachend und weinend, denn sie hatte feuchte Wangen, sprach:
„Ich sehe Dich, schlimmer Verräter!“
„Nele,“ sprach Ulenspiegel, „so Du mich schlagen willst, ich habe da drinnen einen Knüttel. Er ist schwer, um die Hiebe eindringlich zu machen, und knotig, um ein Merkmal davon zu hinterlassen.“
„Thyl,“ sprach Nele, „gehst Du den Sieben nach?“
„Ja,“ antwortete Ulenspiegel.
Nele trug ein Ränzel, das jeden Augenblick platzen wollte, so voll war es.
„Thyl,“ sprach sie, es ihm hinhaltend, „ich meinte, es sei einem Menschen ungesund, zu reisen, ohne eine gute, fette Gans, einen Schinken und Genter Würste mitzunehmen. Und dies mußt Du zu meinem Gedächtnis essen.“
Da Ulenspiegel sie anschaute und mitnichten gewillt war, das Ränzel zu nehmen, steckte Lamm den Kopf aus einem andern Loch der Leinwand und sprach:
„Du vorsorgliches Mägdlein, wenn er’s nicht annimmt, geschieht’s aus Vergeßlichkeit. Aber gib mir diese Gans, gib mir diesen Schinken, und dränge mir diese Würste auf; ich werde sie ihm aufheben.“
„Wer ist dies biedere Vollmondsgesicht?“ fragte Nele.
„Das ist ein Opfer des Ehestandes“, antwortete Ulenspiegel. „Von Schmerz verzehrt, würde er wie ein Apfel im Backofen eintrocknen, dafern er nicht seine Kräfte durch unaufhörliche Nahrung ersetzte.“
„Du sagst es, mein Sohn“, seufzte Lamm.
Die strahlende Sonne brannte Nele auf den Kopf und sie schirmte sich mit ihrer Schürze. Da er mit ihr allein sein wollte, sprach er zu Lamm:
„Siehest Du die Frau dort auf der Weide einhergehn?“
„Ich sehe sie!“ sagte Lamm.
„Erkennest Du sie?“
„Ei!“ sagte Lamm, „sollt’ es die meine sein? Sie trägt sich nicht wie eine Bürgersfrau.“
„Du zweifelst noch, blinder Maulwurf“, sagte Ulenspiegel.
„Wenn sie es nun nicht wäre?“ fragte Lamm.
„Du verlierst nichts dabei; dort zur Linken, gen Norden, ist eine Schenke, allwo Du gutes Braunbier finden wirst. Wir wollen Dich dort treffen. Und hier ist Schinken, den natürlichen Durst zu salzen.“
Lamm stieg aus dem Wagen und lief eilends auf die Frau zu, die auf der Weide stand.
Ulenspiegel sagte zu Nele:
„Was kommst Du nicht zu mir?“
Alsdann half er ihr auf den Wagen, setzte sie neben sich, nahm ihr die Schürze vom Kopf und den Mantel von den Schultern. Dann gab er ihr hundert Küsse und sprach:
„Wohin gingest Du, Geliebte?“
Sie erwiderte nichts, aber sie war vor Wonne schier verzückt.
Und Ulenspiegel, gleich ihr entzückt, sagte:
„Da bist Du also! Die wilden Rosen in den Hecken haben nicht die holde Röte Deiner frischen Haut. Du bist keine Königin, aber ich will Dir eine Krone von Küssen machen. Ihr reizenden Arme, so weich und rosig, die Amor mit Fleiß zum Umarmen gemacht hat. Ach, geliebtes Mägdlein, werden meine rauhen Mannshände nicht dieser Schulter den Schmelz rauben? Der leichte Falter setzt sich auf die purpurne Nelke, aber kann ich Tölpel an Deiner weißen Haut ruhen, ohne sie welk zu machen? Gott sitzt im Himmel, der König auf seinem Thron und die Sonne steht siegreich dort oben; aber bin ich Gott, König oder Licht, daß ich Dir so nahe bin? Ihr Haar, weicher denn Flockseide! Nele, ich schlage, ich zerreiße, ich zerstückele Dich! Aber habe keine Furcht, Liebchen. Welch zierliches Füßlein! Woher kommt’s, daß es so weiß ist? Ist es in Milch gebadet?“
Sie wollte aufstehen.
„Was fürchtest Du?“ sprach Ulenspiegel. „Die Sonne scheint auf uns herab und bemalt Dich mit Gold. Schlage nicht die Augen nieder. Sieh, welch schöne Glut sich in den meinen entzündet. Ach Geliebte, höre, mein Schätzlein, es ist die schweigende Stunde des Mittags. Der Arbeiter ist daheim und ißt seine Brühe; könnten wir nicht von Liebe leben? Könnt’ ich doch tausend Jahre auf Deinen Knien einen Rosenkranz von irdischen Perlen abbeten.“
„Schmeichler“, sagte sie.
Und Frau Sonne leuchtete durch das weiße Linnen des Wagens, und eine Lerche sang über dem Klee, und Nele legte ihr Haupt an Ulenspiegels Schulter.
Derweilen kehrte Lamm zurück, schwitzte große Tropfen und schnaufte wie ein Delphin.
„Wehe,“ sagte er, „ich bin unter einem unglücklichen Sterne geboren. Ich habe gewaltig laufen müssen, um zu dieser Frau zu kommen, und es war nicht die meine und war in Jahren; ich sah’s ihr am Gesicht an, daß sie gut fünfundvierzig Jahre zählte, und an der Haube, daß sie niemals verheiratet gewesen. Sie fragte mich keifend, was ich mit meinem Wanst im Kleefelde wollte. „Ich suche mein Weib, das mich verlassen hat,“ antwortete ich sanftmütig, „und da ich Euch für sie hielt, bin ich Euch nachgelaufen.“
Auf diese Rede sagte mir die bejahrte Jungfer, daß ich nur wieder hingehen solle, von wo ich gekommen sei. So mein Weib mich verlassen hätte, so wär’ es wohl getan, in Ansehung daß alle Männer Spitzbuben, Lumpen, Ketzer, Treulose, Vergifter seien und die Jungfrauen ohngeachtet ihres reifen Alters betrögen. Im übrigen werde sie mich von ihrem Hund fressen lassen, so ich mich nicht flugs davon höbe.
„Solches tat ich, nicht ohne Furcht, denn ich nahm einen großen Schäferhund wahr, der knurrend zu ihren Füßen lag. Als ich die Grenze ihres Feldes überschritten hatte, saß ich nieder, und um mich zu erholen, biß ich in Dein Stück Schinken. Ich befand mich just zwischen zwei Kleeäckern; mit einem Mal hörte ich ein Geräusch hinter mir, und da ich mich umwandte, sah ich den großen Schäferhund der alten Jungfrau, nicht mehr dräuend, sondern lieblich und hungrig mit dem Schwanze wedelnd. Er wollte meinem Schinken zu Leibe. Ich gab ihm also etliche Stücklein, als seine Herrin herbeikam und schrie:
„Faß den Mann! Schnapp zu, mein Sohn!“
Und ich hub an zu laufen und der große Köter hinterdrein, so aus meinen Hosen einen Fetzen herausriß und mit dem Fetzen ein Stück Fleisch. Vor Schmerz ward ich wütend, drehte mich nach ihm um und gab ihm einen so trefflichen Stockhieb über die Vorderpfoten, daß ich ihm zum Wenigsten eine zerbrach. Er stürzte und schrie in seiner Hundesprache: Erbarmen! welches ich ihm bewilligte. Derweil bewarf mich seine Herrin, da es ihr an Steinen mangelte, mit Erde. Und ich lief weiter. / Weh! Ist es nicht grausam und ungerecht, daß, weil eine Jungfer nicht schön genug ist, um einen Freier zu finden, sie sich an armen Unschuldigen wie ich räche?
„Ich begab mich jedoch, Trübsal blasend, zu der Schenke, die Du mir bezeichnet hattest, verhoffend, dort das tröstliche Braunbier zu finden. Aber ich ward betrogen, denn beim Eintreten sah ich einen Mann und ein Weib, die sich prügelten. Ich bat sie: „Geruhet Eure Schlacht zu unterbrechen und mir einen Krug Braunbier zu geben, und wäre es auch nur eine Kanne oder sechs.“ Doch das Weib, ein wahrer Stockfisch, antwortete mir wütend, sie werde mich den Holzschuh, womit sie ihrem Mann auf den Kopf schlug, fressen lassen, so ich mich nicht augenblicks von dannen machte. Und da bin ich, mein Freund, schweißtriefend und gar müde. Hast Du nichts zu essen?“
„Wohl“, antwortete Ulenspiegel.
„Endlich“, sprach Lamm.
Also vereint, reisten sie in Gemeinschaft. Der Esel legte die Ohren an und zog den Wagen.
„Lamm,“ sprach Ulenspiegel; „wir sind unser vier gute Gefährten: der Esel, das Tier, so unsern Herrn trug und auf den Triften die Disteln weidet, die es findet; Du, guter Dickbauch, der die sucht, die Dich flieht; und sie, die holde Liebste mit dem zärtlichen Herzen, die den findet, der dessen nicht würdig, das bin ich, der vierte.
„Wohlan, frischauf, Kinder und guten Mut. Die Blätter vergilben, die Gestirne werden glänzender; bald wird Frau Sonne in herbstlichen Nebeln schlafen gehen. Winter, des Todes Ebenbild, wird kommen und sie mit schneeigen Leintüchern zudecken, die unter unsern Füßen schlummern; ich aber werde wandern für die Wohlfahrt des Landes meiner Väter. Ihr armen Toten, Soetkin, die Du an Herzeleid starbst, und Klas, der Du im Feuer umkamst: Eiche voller Güte und Efeu voller Liebe: ich, Euer Sprößling bin voller Harm und werde Dich rächen, teure Asche, die auf meinem Busen brennt.“
Lamm sagte:
„Man soll nicht beweinen, die um der Gerechtigkeit willen sterben.“
Aber Ulenspiegel verharrte in Gedanken. Plötzlich sagte er:
„Diese Stunde, Nele, ist die Stunde des Scheidens für gar lange Zeit, und vielleicht werde ich nimmer Dein holdes Angesicht wiedersehen.“
Nele blickte ihn an mit ihren Augen, die wie Sterne leuchteten.
„Warum lässest Du nicht diesen Wagen und kommst mit mir in den Wald, wo Du leckere Nahrung fändest; denn ich kenne die Pflanzen und verstehe die Vögel zu locken.“
„Mägdlein,“ sprach Lamm, „es ist bös von Dir, daß Du Ulenspiegel unterwegs aufhalten willst; er soll die Sieben suchen, und mir helfen, mein Weib wiederzufinden.“
„Noch nicht“, erwiderte Nele und weinte und lachte, zärtlich unter Tränen, ihrem Freund Ulenspiegel zu.
Da Ulenspiegel dies sah, antwortete er:
„Dein Weib findest Du immer noch zeitig genug, wenn Dich nach neuem Leide gelüstet.“
„Thyl,“ sagte Lamm, „willst Du mich also in meinem Wagen allein lassen dieses Mägdleins halber? Du antwortest mir nicht und gedenkst an den Wald, worinnen die Sieben nicht sind, noch auch mein Weib. Laß sie uns lieber auf diesem Fahrdamm suchen, auf dem die Wagen so trefflich rollen.“
„Lamm,“ sagte Ulenspiegel, „Du hast eine volle Weidtasche im Wagen, somit wirst Du nicht Hungers sterben, wenn Du ohne mich nach Koelkerke gehst, allwo ich Dich einholen werde. Du mußt dort allein sein, denn da wirst Du erfahren, nach welchem Punkt Du Dich wenden mußt, um Dein Weib wiederzufinden. Vernimm denn und höre. In diesem Schritte wirst Du drei Meilen von hier mit Deinem Wagen nach Koelkerke fahren, der kühlen Kirche, also genannt, weil sie von den vier Winden zumal bestrichen wird, wie viele andere. Auf dem Glockenturm ist eine Wetterfahne in Gestalt eines Hahnes, die dreht sich auf ihren verrosteten Angeln nach allen Seiten. Das Kreischen dieser Angeln zeigt den armen Männern, so ihre Liebste verloren haben, den Weg an, den sie einschlagen müssen, um sie wiederzufinden. Aber zuvor muß jegliche Seite der Mauer siebenmal mit einer Haselrute geschlagen werden. Kreischen die Angeln, wenn der Wind von Norden kommt, so mußt Du nach jener Seite gehen; aber fürsichtig, denn Nordwind ist Kriegswind; wenn von Süden, geh frohgemut dorthin, das ist der Wind der Liebe. Kommt der Wind von Osten, so lauf in Trab, denn der bedeutet Frohsinn und Licht; von Westen / dann geh sacht, das ist der Wind des Regens und der Tränen. Geh, Lamm, geh nach Koelkerke und harre dort mein.“
„Ich gehe hin,“ sagte Lamm.
Und er fuhr im Wagen von dannen.
Dieweil Lamm gen Koelkerke fuhr, jagte der starke, warme Wind die grauen Wolken gleich einer Schafherde über den Himmel hin. Die Bäume rauschten wie die Wogen eines brandenden Meeres. Ulenspiegel und Nele waren seit geraumer Zeit allein im Walde. Ulenspiegel hatte Hunger und Nele suchte wohlschmeckende Wurzeln und fand nur Küsse, die ihr Freund ihr gab, und Eicheln. Nachdem Ulenspiegel Schlingen aufgestellt hatte, pfiff er, um die Vögel zu locken, auf daß er die, welche hineingingen, briete. Eine Nachtigall setzte sich auf die Blätter nahe zu Nele; sie wollte sie singen lassen und fing sie nicht. Eine Grasmücke kam, und sie hatte Mitleid mit ihr, weil sie so stolz war. Alsdann kam eine Lerche, aber Nele sprach zu ihr, daß sie besser täte, in Himmelshöhen der Natur ein Loblied zu singen, denn sich ungeschickt über der mörderischen Spitze eines Spießes abzuzappeln. Und sie redete wahr, maßen Ulenspiegel in der Zwischenzeit ein helles Feuer entzündet und einen Spieß geschnitzt hatte, der seiner Opfer harrte.
Aber die Vögel kamen nicht mehr, es sei denn etliche bösen Raben, die sehr hoch ob ihren Häuptern krächzten.
Und also aß Ulenspiegel nicht.
Indessen mußte Nele fort und zu Katheline heimkehren.
Sie wanderte weinend, und Ulenspiegel sah sie von ferne schreiten. Aber sie kehrte um, fiel ihm um den Hals und sprach:
„Ich gehe von hinnen.“
Alsdann tat sie etliche Schritte, kam wieder zurück und sagte abermals:
„Ich gehe von hinnen.“
Und so zwanzig Mal aufeinander und noch mehr.
Dann ging sie fort, und Ulenspiegel blieb allein. Er machte sich alsbald auf den Weg, um Lamm einzuholen.
Da er zu ihm stieß, fand er ihn unten am Turm sitzen, einen großen Krug Braunbier zwischen den Beinen und trübselig an einer Haselgerte kauend.
„Ulenspiegel,“ sagte er, „ich vermeine, daß Du mich nur hierher geschickt hast, um mit dem Mägdlein allein zu bleiben. Ich habe siebenmal mit der Haselrute an jede Seite des Turmes geschlagen, wie Du mich geheißen, aber ob der Wind gleich wie ein Teufel bläst, haben die Angeln nicht gekreischt.“
„Man wird sie ohne Zweifel geölt haben“, antwortete Ulenspiegel.
Dann machten sie sich auf nach dem Herzogtum Brabant.
König Philipp, der finstere, kritzelte den ganzen Tag lang und selbst die Nacht ohne Rast noch Ruh und beschmierte Papiere und Pergamente. Ihnen vertraute er die Gedanken seines harten Herzens an. Da er sein Lebenlang keinen Menschen geliebt und wohl wußte, daß keiner ihn liebte, auch gewillt war, sein ungeheures Reich allein zu tragen, brach er, ein kläglicher Atlas, unter der Last zusammen. Trägen Blutes und trübsinnig, wie er war, zehrten seine übermäßigen Anstrengungen an seinem schwachen Körper. Voller Abscheu gegen jedes fröhliche Gesicht, haßte er unsere Lande ihres heiteren Sinnes halber, haßte unsere Kaufherren um ihrer Prachtliebe und ihres Reichtums willen, unsern Adel ob seiner freimütigen Reden, seines offenherzigen Gehabens und der strotzenden Kraft seines rechtschaffenen Frohsinns. Er wußte, denn man hatte es ihm gesagt, daß sich in unsern Landen die Empörung gegen den Papst und die römische Kirche in unterschiedlichen Sekten geoffenbart hatte und in allen Köpfen, gleich siedendem Wasser in einem geschlossenen Kessel war. Und dieses lange, ehe der Bischof van Cusa um das Jahr 1380 die Mißbräuche der Kirche angezeigt und die Notwendigkeit der Reformen gepredigt hatte. Gleich einem starrköpfigen Maultier glaubte er, daß sein Wille wie der Wille Gottes auf der ganzen Welt lasten müsse. Er wollte, daß unsere Länder, des Gehorchens entwöhnt, sich unter das alte Joch beugten, ohne irgend eine Reform zu erlangen. Er wollte Seine heilige Mutter Kirche katholisch, apostolisch und römisch haben, einig, ungeteilt und allgemein, ohne Neuerung noch Änderung, und hatte keinen andern Grund es zu wollen, als weil er es wollte. Auch hierin handelte er wie ein unvernünftiges Weib und wälzte sich nachts in seinem Bett wie auf einem Dornenlager, ohn Unterlaß von seinen Gedanken gepeinigt.
„Ja, Sankt Philippus, ja Herr Gott, sollte ich auch aus den Niederlanden eine große Gruft machen und alle Einwohner hineinwerfen, so würden sie zu Euch, mein benedeiter Schutzpatron, und auch zu Euch, heilige Frau Maria, und zu Euch, Ihr heiligen Männer und Frauen des Paradieses, zurückkehren.“ Und er versuchte zu tun, wie er gesagt, und also ward er römischer denn der Papst und katholischer denn die Konzile.
Und Ulenspiegel und Lamm und das Volk Flanderns und der Niederlande glaubten voll Bängnis, in der Ferne, in dem düstern Palast von Eskurial, diese gekrönte Spinne zu sehen, so mit ihren langen Beinen und geöffneten Zangen ihr Netz spannte, um sie darein zu verstricken und ihnen ihr Herzblut auszusaugen.
Ohngeachtet die päpstliche Inquisition unter Karls Regierung hunderttausend Christen durch Scheiterhaufen, Grube und Strang getötet hatte; ohngeachtet die Vermögen der armen Verurteilten in die Truhen des Kaisers und des Königs gelaufen waren, wie Regen in die Dachtraufe, vermeinte Philipp, daß solches nicht genug sei. Er drängte dem Lande neue Bischöfe auf und vermaß sich, die hispanische Inquisition dort einzuführen.
Und die Herolde in den Städten lasen überall beim Schall der Trompeten und Schellentrommeln Edikte vor, so für alle Ketzer, Männer, Frauen und Jungfrauen bestimmten: den Feuerstod für die, so ihren Irrglauben nicht abschworen, den Tod durch den Strang für die, so widerriefen. Frauen und Jungfrauen sollten lebendig begraben werden, und der Henker sollte auf ihren Leibern tanzen.
Und das Feuer des Aufstandes lief durch das ganze Land.
Am fünften April vor Ostern traten die Herren Graf Ludwig von Nassau, von Kuilenburg, von Brederode, der herkulische Zecher, mit dreihundert andern Edelleuten in den Burghof zu Brüsselen zur Frau Herzogin Regentin von Parma. In Reihen zu Vieren stiegen sie die große Treppe des Palastes hinauf. Da sie in die Halle kamen, darin Ihre Hoheit verweilte, überreichten sie ihr eine Bittschrift. In selbiger baten sie sie, von König Philipp die Abschaffung der Verordnungen zu erlangen, so die Sache der Religion, desgleichen die hispanische Inquisition beträfen. Sie erklärten, daß in unseren unzufriedenen Ländern daraus nichts denn Unruhen, Trümmer und allgemeines Elend entstehen können.
Und diese Bittschrift wardder Kompromißgenannt.
Berlaymont, welcher nachmals so verräterisch und grausam gegen das Land seiner Väter war, stund neben Ihrer Hoheit und sagte zu ihr, der Armut von etlichen unter den edlen Verbündeten spottend:
„Edle Herrin, fürchtet nichts, es sind nur Bettler.“
Damit meinte er, daß diese Adligen sich in des Königs Dienst zugrunde gerichtet hätten oder vielmehr, indem sie es durch ihren Aufwand den spanischen Rittern gleichtun wollten.
Um die Worte des Herrn von Berlaymont mit Verachtung zu strafen, erklärten die Ritter nachmals, „daß sie es sich zur Ehre anrechneten, für den Dienst des Königs und dieser Länder als Bettler (Geusen) erachtet und also geheißen zu werden.“
Sie begannen, güldene Schaumünzen um den Hals zu tragen, die auf einer Seite des Königs Bildnis trugen und auf der andern zwei Hände, so sich um einen Bettelsack ineinander schlangen. Dazu die Worte: „Getreu dem König bis zum Bettelsack“. Auch trugen sie an ihren Hüten und Kappen güldne Kleinodien in Gestalt von Eßnäpfen und Bettlerhüten.
Derweilen führte Lamm seinen Bauch durch die ganze Stadt, suchte sein Weib und fand es nicht.
Ulenspiegel sprach eines Morgens zu ihm:
„Folge mir nach. Wir wollen eine hohe, edle, mächtige und gefürchtete Person begrüßen.“
„Wird sie mir sagen, wo mein Weib ist?“ fragte Lamm.
„Wenn sie es weiß“, entgegnete Ulenspiegel.
Und sie begaben sich zu Brederode, dem herkulischen Zecher. Er stand im Hofe seines Palastes.
„Was begehrst Du von mir?“ fragte er Ulenspiegel.
„Mit Euch zu reden, edler Herr,“ antwortete Ulenspiegel.
„So rede“, sprach dagegen Brederode.
„Ihr seid,“ sagte Ulenspiegel, „ein schöner, kühner und starker Ritter. Einstmals erdrücktet ihr einen Franzosen in seinem Panzer wie ein Muscheltier in seiner Schale. Aber wie Ihr stark und kühn seid, so seid Ihr auch klug. Warum tragt Ihr denn diese Schaumünze, auf der ich lese: „Getreu dem König bis zum Bettelsack?“
„Ja,“ sprach Lamm, „warum also, edler Herr?“
Aber Brederode antwortete ihm nicht, sondern schaute Ulenspiegel an. Dieser redete weiter und sprach:
„Warum wollt Ihr edlen Herren dem König bis zum Bettelsack treu sein? Ist es, dieweil er Euch so gar wohl will, oder der schönen Freundschaft halber, die er für Euch hegt? Was schaffet Ihr nicht, daß der Henker, seiner Länder beraubt, allzeit dem Bettelsack getreu sei, anstatt daß Ihr ihm bis zum Bettelsack getreu seid?“
Und Lamm nickte mit dem Kopfe zum Zeichen der Zustimmung.
Brederode schaute Ulenspiegel mit seinem durchdringenden Blick an und lächelte, da er sein gutes Gesicht sah.
„So Du nicht ein Spion des Königs Philipp bist, bist Du ein guter Vlamländer, und ich will Dich für beide Fälle belohnen.“
Er führte ihn in sein Speisezimmer, und Lamm folgte ihnen. Daselbst zerrte er ihn am Ohr bis aufs Blut.
„Das ist“, sagte er, „für den Spion.“
Ulenspiegel schrie nicht.
„Bringe den Kessel mit Zimmetwein“, sprach er zu seinem Kellermeister.
Der Kellermeister brachte den Kessel herbei und einen großen Humpen mit Glühwein, der die Luft mit Wohlgeruch erfüllte.
„Trink,“ sprach Brederode, „dies ist für den guten Vlamländer.“
„Ei,“ sagte Ulenspiegel, „das ist ein guter Vlamländer, der spricht eine zimmetgewürzte Sprache, die Heiligen sprechen keine bessere.“
Nachdem er die Hälfte des Weins getrunken, reichte er Lamm die andere.
„Wer ist dieser dickwanstige Freßsack, der belohnt wird, ohne daß er etwas getan hat?“ fragte Brederode.
„Das ist mein Freund Lamm,“ versetzte Ulenspiegel, „der allemal, wenn er Glühwein trinkt, sich einbildet, daß er sein Weib wiederfinden wird.“
„So ist’s“, sprach Lamm, der mit großer Andacht den Wein aus dem Humpen schlürfte.
„Wohin geht Ihr jetzo?“ fragte Brederode.
„Wir sind auf der Suche nach den Sieben, die das Land Flandern retten werden.“
„Welche Sieben?“ fragte Brederode.
„Wenn ich sie gefunden habe, werde ich Euch sagen, wer sie sind,“ antwortete Ulenspiegel.
Aber Lamm, guter Dinge, dieweil er getrunken hatte, sagte:
„Tyll, wenn wir mein Weib auf dem Mond suchten?“
„Bestell die Leiter“, antwortete Ulenspiegel.
Im Mai, dem grünen Monat, sagte Ulenspiegel zu Lamm:
„Nun haben wir den schönen Maimond. Ei, der klare blaue Himmel, die fröhlichen Schwalben. Siehe, die Zweige sind heiß von Saft, das Land ist voller Liebe, das ist der Augenblick, um des Glaubens willen zu henken und zu brennen. Sie sind da, die guten kleinen Inquisitoren. Welch edle Gesichter! Sie haben jegliche Gewalt, zu züchtigen, zu strafen, abzusetzen und den weltlichen Richtern zu überantworten, auch ihre Gefängnisse zu benutzen. / Ei, der schöne Maimond! / Sie können gefangen nehmen, Prozesse führen, ohne sich der gewöhnlichen Form der Justiz zu bedienen, können brennen, henken, enthaupten und für die armen Frauen und Jungfrauen die Grube des vorzeitigen Todes graben. / Die Finken singen in den Bäumen. Die guten Inquisitoren haben ein Auge auf die Reichen. Und der König wird erben. Auf, ihr Mägdlein, tanzet auf der Wiese beim Schall von Dudelsack und Schalmei. O, der Wonnemond!“
Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
„Laß uns gehen,“ sprach er zu Lamm. „Glücklich, die den Mut aufrecht und den Degen hoch halten in den düstren Tagen, die da kommen werden.“
Eines Tages im Augustmonat ging Ulenspiegel in der flandrischen Straße zu Brüssel vor dem Hause von Jan Potztausend vorbei, welcher also genannt ward, weil sein väterlicher Großvater im Zorn so zu fluchen pflegte, um nicht den allerheiligsten Namen Gottes zu lästern. Besagter Potztausend war seines Zeichens Sticker; aber da er durch unmäßiges Trinken taub und blind geworden, stickte sein Weib, eine alte Gevatterin mit mürrischer Miene, an seiner Statt die Röcke, Wämser, Mäntel und Schuhe der Herren. Ihr hübsches Töchterlein half ihr bei dieser einträglichen Arbeit.
Da Ulenspiegel zur Dämmerstunde vor sotanem Hause vorüberging, sah er das Mägdlein am Fenster und hörte es rufen:
„Erntemond, Erntemond,Sag an, holder Mond,Wer wird mich freien,Sag an, lieber Mond?“
„Erntemond, Erntemond,Sag an, holder Mond,Wer wird mich freien,Sag an, lieber Mond?“
„Erntemond, Erntemond,Sag an, holder Mond,Wer wird mich freien,Sag an, lieber Mond?“
„Erntemond, Erntemond,
Sag an, holder Mond,
Wer wird mich freien,
Sag an, lieber Mond?“
„Ich,“ sprach Ulenspiegel, „so Du willst.“
„Du?“ fragte sie. „Komm näher, daß ich Dich betrachte.“
Aber er:
„Wie kommt’s, daß Du im Augustmond rufst, und daß die Brabanter Mägdlein am Vorabend des März rufen?“
„Die,“ sagte sie, „haben nur einen Monat, ihnen einen Mann zu bescheren, ich habe deren zwölf. Am Vorabend eines jeden / nicht um Mitternacht, sondern in den sechs Stunden vor Mitternacht / springe ich aus meinem Bett, mache drei Schritte rückwärts gegen das Fenster und rufe, was Dir bekannt ist. Dann kehre ich um und mache drei Schritte rückwärts gegen das Bett, und um Mitternacht leg ich mich nieder, schlafe ein und träume von dem Mann, den ich bekommen werde. Aber die Monate, die lieben Monate, sind von Natur schlimme Spötter, und so träume ich nicht mehr von einem Mann, sondern von zwölfen auf einmal: Du wirst der dreizehnte sein, wenn Du willst.“
„Die andern möchten eifersüchtig werden,“ antwortete Ulenspiegel. „Du rufst auch: Erlösung?“
Das Mägdlein errötete und gab zur Antwort:
„Ich rufe Erlösung und weiß, was ich begehre.“
„Ich weiß es gleichfalls und bringe es Dir.“
„Du mußt warten,“ sagte sie lächelnd und zeigte ihre weißen Zähne.
„Warten?“ sagte Ulenspiegel, „nein! Ein Haus kann mir auf den Kopf fallen, ein Windstoß mich in einen Graben werfen, ein toller Köter mich ins Bein beißen; nein, ich werde nicht warten.“
„Ich bin zu jung,“ sprach sie, „und rufe nur, weil es Brauch ist.“
Ulenspiegel ward argwöhnisch, gedenkend, daß die Brabanter Jungfrauen am Vorabend des März und nicht im Erntemond nach einem Manne rufen.
Sie sagte lächelnd:
„Ich bin zu jung und rufe nur, weil es Brauch ist.“
„Willst Du warten, bis Du zu alt bist?“ erwiderte Ulenspiegel. „Das ist eine schlechte Rechenkunst. Ich habe nimmer einen so runden Hals und weiße Brüste gesehen, Brüste einer Vlamländerin, voll der guten Milch, die Männer macht.“
„Voll? noch nicht, voreiliger Wanderer“, sagte sie.
„Warten“, wiederholte Ulenspiegel. „Soll ich etwa keine Zähne mehr haben, um Dich, Holde, ganz roh zu verschlingen? Du antwortest nicht, Du lächelst mit Deinen klaren, braunen Augen und Deinem kirschroten Mündlein.“
Das Mägdlein sah ihn listig an:
„Warum liebst Du mich so schnell? Welch Handwerk treibst Du? Bist Du ein Bettler, bist Du reich?“
„Ich bin ein Bettler und auch reich, so Du mir Deinen reizenden Leib gibst.“
Sie entgegnete:
„Nicht das will ich wissen. Gehest Du zur Messe? Bist Du ein guter Christ? Wo wohnest Du? Würdest Du zu sagen wagen, daß Du ein Bettler, ein Geuse, ein wirklicher Geuse bist, der sich wider die Dekrete und die Inquisition auflehnt?“
Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
„Ich bin ein Geuse,“ sagte er, „und will die Unterdrücker der Niederlande tot und von den Würmern gefressen sehen. Du schaust mich an, Geliebte. Das Feuer der Liebe, das für dich, Holde, brennt, ist das Feuer der Jugend, Gott entzündete es, es flammet, wie die Sonne leuchtet, bis daß es erlischt. Aber das Feuer der Rache, so in meinem Herzen glimmt, hat Gott gleichermaßen entzündet. Es wird Schwert, Feuer, Strang, Feuersbrunst, Verwüstung, Krieg und Untergang der Henker sein.“
„Du bist schön,“ sprach sie traurig und küßte ihn auf beide Wangen; „aber schweige.“
„Warum weinest Du?“ fragte er.
„Du mußt hier und wo immer Du bist, acht geben“, sagte sie.
„Haben diese Wände Ohren?“ fragte er.
„Sie haben nur die meinen“, sprach sie.
„Von Amor gemeißelt, ich schließe sie mit einem Kuß.“
„Törichter Freund, hör mich an, wenn ich spreche.“
„Warum? Was hast Du mir zu sagen?“
„Hör mich an,“ sprach sie voll Ungeduld. „Da kommt meine Mutter ... Schweige, schweige sonderlich vor ihr ...“
Die alte Potztausend kam herein. Ulenspiegel sprach zu sich, indem er sie betrachtete:
„Ein Gesicht, wie ein Schaumlöffel durchlöchert, Augen mit hartem und falschem Blick, ein Mund, der lachen will, und Fratzen, Ihr macht mich neugierig.“
„Gott sei mit Euch, Herr, mit Euch immerdar“, sagte die Alte. „Ich habe Geld empfangen, Töchterlein, schönes Geld vom Herrn van Egmont, da ich ihm seinen Mantel brachte, auf den ich die Narrenkappe gestickt hatte. Ja, Herr, eine Narrenkappe wider den Roten Hund.“
„Den Kardinal von Granvella?“ fragte Ulenspiegel.
„Ja“, sagte sie, „wider den Roten Hund. Man sagt, daß er dem König ihre Anschläge hinterbringt; sie wollen ihn umbringen. Sie haben recht, ist es nicht so?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Ihr sahet sie nicht auf den Straßen mit einem Wams und einem grauen Oberkleid, wie das Volk es trägt, mit langen, hängenden Aermeln und Mönchskapuzen und auf all den grauen Oberkleidern die gestickte Narrenkappe. Ich habe ihrer zum mindesten siebenundzwanzig gemacht und mein Töchterlein fünfzehn. Das erboste den Roten Hund, diese Kappen zu sehen.“
Dann flüsterte sie Ulenspiegel ins Ohr:
„Ich weiß, daß die Herren beschlossen haben, die Kappe durch ein Aehrenbündel zu ersetzen, zum Zeichen der Einigkeit. Ja, ja sie wollen wider König und Inquisition kämpfen. Sie tun wohl daran, nicht so, Herr?“
Ulenspiegel antwortete nicht.
„Der fremde Herr braut Trübsal,“ sagte die Alte. „Sein Schnabel ist mit einem Mal zu.“
Ulenspiegel ließ kein Wort fallen und ging.
Alsbald kehrte er in eine Musikschenke ein, um das Trinken nicht zu vergessen. Die Schenke war voll von Zechern, die sprachen ohne alle Fürsicht vom König, den verhaßten Dekreten, der Inquisition und dem Roten Hund, so gezwungen werden müßte, das Land zu verlassen. Da sah er die Alte ganz zerlumpt und dem Anschein nach schlafend bei einem Schöpplein Branntwein. Also verharrte sie eine lange Weile, dann zog sie einen kleinen Teller aus ihrer Tasche, und er sah sie unter den Zechern betteln, sonderlich bei denen, so am unfürsichtigsten redeten.
Und die guten Tröpfe gaben ihr Gülden, Heller und Pfennige, ohne zu knausern.
Ulenspiegel, verhoffend, daß er von dem Mägdlein erfahren würde, was ihm die alte Potztausend nicht sagte, ging wiederum vor das Haus und erblickte das Mägdlein, das nicht mehr rief, sondern ihm zulächelte und süß verheißend mit den Augen zwinkerte.
Die Alte kehrte unversehens heim.
Ulenspiegel, erbost sie zu sehen, rannte wie ein Hirsch durch die Gasse und schrie: „Es brennt, es brennt“, bis er vor dem Hause des Bäckers Jakob Pietersen angelangt war. Die Fensterscheiben waren nach deutscher Art und flammten rot in der untergehenden Sonne. Ein dicker Rauch von Scheiten, so im Backofen zu Kohle wurden, entstieg der Esse der Bäckerei. Ulenspiegel rannte unaufhörlich und schrie: „Es brennt, es brennt“, und zeigte auf Jakob Pietersens Haus. Die Menge sammelte sich davor, sah die roten Fensterscheiben und den dicken Rauch und schrie gleich wie Ulenspiegel: „Es brennt, es brennt“. Der Wächter Unserer lieben Frau von der Kapellen stieß ins Horn, dieweil der Küster aus Leibeskräften die Feuerglocke, „Wacharm“ genannt, läutete. Und die Büblein und Dirnlein liefen pfeifend und singend in Schwärmen herzu.
Da Glocke und Trompete immerwährend erschallten, schnürte die alte Potztausend ihr Bündel und ging von dannen.
Ulenspiegel erspähte sie. Als sie fern war, trat er ins Haus.
„Du hier,“ sagte das Mägdlein, „so brennt es dorten nicht?“
„Da? nein“, antwortete Ulenspiegel.
„Aber die Glocke, die läutet?“
„Sie weiß nicht, was sie tut“, antwortete Ulenspiegel.
„Und diese klägliche Trompete und all das rennende Volk?“
„Die Zahl der Narren ist unendlich.“
„Was brennt denn?“
„Deine Augen und mein entflammtes Herz“, erwiderte Ulenspiegel.
Und er flog an ihren Mund.
„Du issest mich auf“, sagte sie.
„Ich habe die Kirschen gern“, sagte er.
Sie blickte ihn lächelnd und betrübt an. Plötzlich sagte sie weinend: „Komm nicht mehr hierher. Du bist ein Geuse und Feind des Papstes, komme nicht wieder ...“
„Deine Mutter!“ sagte er.
„Ja,“ sprach sie errötend. „Weißt Du, wo sie zur Stunde ist? Sie horcht da, wo es brennt. Weißt Du, wohin sie alsbald gehen wird? Zum Roten Hund, um alles zu berichten, was sie weiß, und dem Herzog, der da kommen wird, das Werk zu bereiten. Flieh, Ulenspiegel, ich rette Dich, flieh. Noch einen Kuß, aber komm nicht wieder; noch einen, Du bist schön, ich weine / aber geh.“
„Wackeres Mägdlein“, sprach Ulenspiegel und hielt sie umfangen.
„Ich war es nicht allezeit,“ sagte sie. „Ich war wie sie ...“
„Dies Singen,“ sagte er „diese stummen Rufe der Schönheit für verliebte Männer?“ ...
„Ja“, sprach sie. „Meine Mutter wollt’ es so. Dich rette ich, denn ich liebe Dich inniglich. Die andern werde ich Dir zum Andenken retten, mein Geliebter. Wenn du ferne sein wirst, wird dich dein Herz zu dem reuigen Mädchen ziehen? Küß mich, Herzliebster. Es wird nimmermehr um Geld Opfer zum Scheiterhaufen liefern. Geh; nein, verweile noch. Wie weich deine Hand ist. Halt, ich küsse deine Hand, das ist das Zeichen der Knechtschaft. Du bist mein Herr. Horch, komm näher, aber schweige. Diese Nacht sind Männer ins Haus gekommen, Lumpen und Spitzbuben, einer nach dem andern, und unter ihnen ein Italiener. Meine Mutter hieß sie, in das Gemach eintreten, in dem du jetzo bist, befahl mir herauszugehen und schloß die Türe. Ich hörte diese Worte „Steinernes Kruzifix, Tor von Borgerhout, Prozession, Antwerpen, Unsere liebe Frau ...“ ersticktes Gelächter und das Klimpern von Gülden, so auf den Tisch gezählt wurden. ... Flieh, da sind sie; flieh, mein Geliebter. Halt mich in liebem Gedenken; flieh!“ ...
Ulenspiegel lief, wie sie ihn hieß, bis „In den ouden Haen“ und fand allda Lamm, welcher Trübsal braute, eine Wurst knabberte und seine siebente Kanne Löwener Peterman schlürfte.
Und er zwang ihn, gleich ihm zu laufen, ohngeachtet seines Bauches.
Dieweil er so im Schnelltrabe rannte und Lamm hintendrein, fand er in der Eikenstraat ein boshaftes Pasquill gegen Brederode. Er brachte es ihm geradenwegs.
„Euer Gnaden,“ sagte er, „ich bin jener gute Vlämländer und jener Spion des Königs, dem Ihr so trefflich die Ohren riebt und dem Ihr so guten Glühwein zu trinken gabt. Er bringt Euch ein artiges, kleines Pamphlet, in dem man Euch unter anderm beschuldigt, Euch Graf von Holland zu titulieren wie der König. Es kommt frisch aus der Druckerpresse von Jan Lügenbold, der am Damm der Taugenichtse in der Sackgasse der Ehrabschneider wohnt.“
Brederode erwiderte ihm mit Lächeln:
„Ich werde dich während zweier Stunden peitschen lassen, so Du mir nicht den wahren Namen des Skribenten sagst.“
„Euer Gnaden,“ antwortete Ulenspiegel, „lasset mich zwei Jahre lang peitschen, wenn Ihr wollet; aber Ihr könnet meinen Rücken nicht zwingen auszusagen, was mein Mund nicht weiß.“
Und er ging fürbaß, nicht ohne einen Gulden für seine Mühe erhalten zu haben.
Seit Juni, dem Rosenmond, hatten im Lande Flandern die Predigten begonnen.
Und die Apostel der ursprünglichen christlichen Kirche predigten aller Orten, auf Feldern und in Gärten, auf den Hügeln, die zur Zeit der Überschwemmung als Zuflucht für das Vieh dienen, und auf den Flüssen in Barken.
Zu Lande verschanzten sie sich wie in einem Lager, indem sie sich mit ihren Wagen umgaben. Auf den Flüssen oder in den Häfen hielten Kähne mit Gewaffneten Wacht um sie her. Und in den Lagern beschirmten Musketiere und Scharfschützen sie vor den Überfällen des Feindes. Und also ward das Wort der Freiheit aller Orten auf der heimischen Erde vernommen.
Da Ulenspiegel und Lamm mit ihrem Wagen nach Brügge kamen und ihn in einen Nachbarhof einstellten, traten sie nicht in eine Schenke, sondern in die Kirche des Heiligen Erlösers, sintemalen in ihren Säckeln kein lustig Geldklingeln mehr zu hören war.
Pater Cornelis Adriaensen, ein Minoritenbruder, ein schmutziger, schamloser, wütender, keifender Predikant, ereiferte sich an jenem Tage auf der Kanzel der Wahrheit. Junge, schöne andächtige Frauen drängten sich um ihn. Pater Cornelis redete von der Passion. Und als er bei der Stelle des Heiligen Evangelii war, da die Juden, vom Herrn Jesu sprechend, Pilato zuschreien: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn, denn wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben!“ rief Bruder Cornelis aus:
„Ihr habt es gehört, Ihr guten Leute. Wenn unser Herr Jesus Christus einen schrecklichen, schmählichen Tod erlitten hat, so ist das geschehen, weil es allezeit Gesetze gab, um die Ketzer zu strafen. Er wurde zu Recht verurteilt, weil er den Gesetzen nicht gehorcht hatte. Und jetzt wollen sie die Edikte und Dekrete für nichts achten! Ach, Jesus, welchen Fluch willst du auf diese Lande fallen lassen! Hochwürdige Mutter Gottes, wenn Kaiser Karl noch am Leben wäre und das Ärgernis dieser edlen Verbündeten sehen könnte. Sie haben gewagt, der Regentin eine Bittschrift wider die Inquisition zu überreichen, und wider die Dekrete, so zu einem so guten Zweck gemacht sind, so reiflich bedacht und nach so langen und klugen Erwägungen verfaßt, um alle Sekten und Ketzereien zu vernichten! Und wo sie nötiger sind als Brot und Käse, wollen sie sie zunichte machen! In welchen stinkenden, eklen, scheußlichen Abgrund stürzt man uns jetzo? Luther, dieser schmutzige Luther, dieser tolle Ochs, triumphiert in Sachsen, Braunschweig, Lüneburg, Mecklenburg. Brentius, der kotige Brentius, der in Deutschland von Eicheln lebte, so die Schweine nicht mochten, Brentius triumphiert in Württemberg. Der mondsüchtige Servet, der ein Mondviertel im Kopf hatte, der Antitrinitarier Servet regiert in Pommern, Dänemark und Schweden, und allda wagt er die heilige, glorreiche und mächtige Dreieinigkeit zu lästern. Aber man hat mir gesagt, daß er durch Calvin, der nur hierin gut war, lebendig verbrannt worden ist; ja, durch den stinkenden Calvin, der sauer riecht, mit seiner Schnauze, so lang wie ein Schlauch, mit seinen Käsegesicht und Zähnen so groß wie Gartenschaufeln. Ja, diese Wölfe fressen sich untereinander; jawohl, dieser Ochs Luther, dieser tolle Ochs, wappnete die deutschen Fürsten wider den Wiedertäufer Münzer, der ein Biedermann war, wie man sagt, und nach dem Evangelio lebte. Und durch ganz Deutschland hat man das Brüllen dieses Ochsen gehört, ja!
„Und was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Adamiten, so ganz nackend auf den Gassen laufen. Ja, Ihr guten Leute, ganz nackend auf den Gassen, und zeigen den Vorbeigehenden ohne Scham ihr mageres Fleisch. Ihr sagt, es war nur einer. Ja / zugegeben, einer gilt so viel wie hundert, hundert wie einer. Und er wurde verbrannt, sagt ihr, lebendig verbrannt auf die Bitte der Calvinisten und Lutheraner. Diese Wölfe fressen sich untereinander, sage ich Euch!
„Jawohl, was sieht man in Flandern, Geldern, Friesland, Holland, Seeland? Freidenker, die da lehren, daß jede Knechtschaft dem Worte Gottes zuwider sei. Sie lügen, die stinkenden Ketzer, man muß sich der heiligen römischen Mutter Kirche unterwerfen. Und in dieser verfluchten Stadt Antwerpen, dem Stelldichein der ganzen ketzerischen Hundebrut der Welt, haben sie zu predigen gewagt, daß wir die Hostie mit Hundefett backen lassen. Ein andrer sagt / es ist jener Geuse, der dort an der Straßenecke auf dem Nachttopf sitzt / „Es ist kein Gott, noch ewiges Leben, noch Auferstehung des Fleisches, noch ewige Verdammnis.“ / „Man kann ohne Salz, ohne Schweineschmalz, ohne Speichel, ohne Teufelaustreibung und Kerze taufen“, sagt ein anderer da unten mit heuleriger Stimme. / „Es gibt kein Fegefeuer“, sagt ein andrer mit kläglicher Stimme. „Kein Fegefeuer, Ihr guten Leute! Wehe, Euch wäre besser, mit Euren Müttern, Schwestern und Töchtern gesündigt zu haben, denn am Fegefeuer zu zweifeln!“
„Jawohl, sie rümpfen die Nase vor dem Inquisitor, dem heiligen Manne. Sie sind unweit von hier nach Belem gezogen, an viertausend Calvinisten, mit Gewappneten, Bannern und Trommeln. Jawohl, und Ihr riechet von hier den Dunst ihrer Speisen. Sie haben die Kirche Sankt Katholyne in Besitz genommen, um sie zu entehren, zu entweihen, zu entheiligen durch ihr verfluchtes Gepredige.
„Was soll diese gottlose und schändliche Duldsamkeit? Bei den tausend Teufeln der Hölle, warum nehmet Ihr nicht auch die Waffen zur Hand, Ihr katholischen Rüden? Ihr habet gleich den verdammten Calvinisten Kürasse, Lanzen, Hellebarden, Degen, Schwerter, Armbrüste, Messer, Knüttel, Spieße und die Bombarden und Feldschlangen der Stadt.
„Sie sind friedfertig, saget ihr; sie wollen in aller Freiheit und Ruhe das Wort Gottes hören. Das ist mir ganz eins. Hinaus aus Brügge! Jaget, tötet, werfet mir alle diese Calvinisten aus der Kirche. Ihr seid noch nicht fort! Pfui, über Euch! Ihr seid Hühner, die auf ihrem Misthaufen zittern. Ich sehe schon den Augenblick, da diese verdammten Calvinisten auf dem Bauch Eurer Weiber und Töchter die Trommel schlagen, und Ihr lasset sie, Ihr Männer von Werg und Teig. Gehet ja nicht dahin, mitnichten! Ihr würdet in der Schlacht Eure Hosen naß machen. Pfui über Euch Brügger, pfui, Ihr Katholiken! Das heißt gut katholisch sein, Ihr feigen Memmen! Schande über Euch, Ihr Enten und Enteriche, Gänse und Truthähne, die Ihr seid!
„Ei, sind es nicht schöne Prediger, daß Ihr so in Haufen zu Ihnen gehet, die Lügen anzuhören, die sie ausspeien, daß Eure Töchter des Nachts zu ihren Predigten gehen, auf daß in neun Monden die Stadt voll kleiner Geusen und Geusinnen sei? Es waren ihrer vier, vier schändliche Taugenichtse, so auf dem Kirchhof gepredigt haben. Der erste dieser Hallunken, bleich und mager, trug einen schmutzigen Hut auf dem Kopfe. Dank dem Hut sah man seine Ohren nicht. Wer unter Euch hat die Ohren eines der Prediger gesehen? Er war ohne Hemd, denn seine bloßen Arme schauten ohne Linnen aus dem Wams heraus. Ich hab es wohl gesehen, ohngeachtet er sich mit einem schmutzigen Mäntelchen bedecken wollte, und in seinen Hosen von schwarzem Leinen und durchscheinend wie die Turmspitze von Unsrer lieben Frau zu Antwerpen, sah ich seine Naturglocken und seinen Klöppel. Der andere böse Bube predigte im Wams ohne Schuhe. Keiner hat seine Ohren gesehen. Er mußte in seinem Gepredige innehalten, und die Knaben und Mägdlein höhnten ihn und schrien: „Huh, huh, er weiß seine Lektion nicht.“ Der dritte dieser schändlichen Buben trug ein schmutziges Hütlein mit einer winzigen Feder darauf. Seine Ohren waren auch nicht zu sehen. Der vierte Taugenichts, Hermanus, der besser ausstaffiert war als die andern, muß an der Schulter zweimal durch den Henker gebrandmarkt sein, jawohl.
„Sie tragen alle unter ihrem Hut schmierige, seidene Mützen, so ihre Ohren verbergen. Sahet Ihr die Ohren eines der Prediger? Wer von diesen Lumpen wagte seine Ohren zu zeigen? Ohren, ha, ha, seine Ohren zeigen: sie sind ihnen abgeschnitten. Jawohl, der Henker hat ihnen allen die Ohren abgeschnitten. Und doch scharte sich der Pöbel um die schändlichen Schufte, diese Beutelschneider, diese Schuhflicker, die von ihren Schemeln weggelaufen sind, diese predigenden Lumpen, und rief: „Es lebe der Geuse!“ gleich als wären sie allzumal rasend, trunken oder toll gewesen.
„Wehe! Uns armen, römischen Katholiken bleibt nichts denn die Niederlande zu verlassen, sintemalen man hier das Geschrei duldet: „Es lebe der Geuse! Es lebe der Geuse.“ Welch ein verwünschter Mühlstein ist diesem verhexten und dummen Volk auf den Kopf gefallen, oh Jesus! Reich und Arm, Adlig und Unadlig, Jung und Alt, Männer und Frauen schreien: „Es lebe der Geuse“!
„Und was sind diese Herren, all diese schäbigen Lederhosen, so uns von Deutschland gekommen sind? All ihr Hab’ und Gut ist zu den Dirnen gegangen, in Krimpelspiel, Schleckereien, Gelagen, Völlerei, Ausschweifung und mancherlei Schändlichkeit, Götzendienst der Würfel und Triumph der Putzsucht. Sie haben nicht einen verrosteten Nagel, sich zu kratzen, wo es sie juckt. Darum brauchen sie die Güter der Kirchen und Klöster.
„Und auf ihrem Bankett bei dem Schelm von Kuilenburg mit dem andern Schelm von Brederode haben sie aus hölzernen Näpfen getrunken, Herrn von Berlaymont und Ihro Gnaden der Frau Regentin zum Trotz. Jawohl, und haben gerufen: „Es lebe der Geuse!“ Ach, wenn ich der liebe Gott währe, ich hätte, mit Respekt zu vermelden, ihr Getränk, ob Bier oder Wein, in ein schmutziges, abscheuliches Spülicht verwandelt, ja in schmutziges, scheußliches, stinkendes Waschwasser, darin sie ihre kotigen Hemden und Laken gewaschen hätten.
„Ja, schreit, Ihr Esel, die Ihr seid, schreit nur: „Es lebe der Geuse!“ Ich bin ein Prophet. Und alle Verwünschungen, alle Not, Fieber, Pestilenz, Brand, Trümmer, Verwüstung, Krebs, englisches Schweißfieber und schwarzer Tod werden über die Niederlande kommen. Und also wird Gott für Euer ekles Geplärr: „Es lebe der Geuse!“ gerächt werden. Und von Euren Häusern wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben und nicht ein Stück Knochen von Euren verdammten Beinen, die zu dieser verfluchten Calvinisterei und Predigerei laufen. Also geschehe es, geschehe es, geschehe es, Amen.“
„Laß uns gehen, mein Sohn“, sprach Ulenspiegel zu Lamm.
„Sogleich“, sagte Lamm.
Und er suchte seine Frau unter den jungen, schönen, andächtigen Frauen, die der Predigt beiwohnten, aber er fand sie nicht.
Ulenspiegel und Lamm kamen an den Ort, der Minnewater (Liebeswasser) genannt wird; aber die hochgelahrten Doktoren und Wysneusen (Naseweisen) sagen, daß es Minrewater, Wasser der Mindesten heiße[3]. Ulenspiegel und Lamm setzten sich an den Rand des Wassers und sahen unter den Bäumen, deren Laubwerk wie ein niedrig Gewölbe bis auf ihre Köpfe hing, Männer und Frauen, Mägdlein und Knaben vorübergehen. Sie trugen Kränzlein in den Haaren, reichten sich die Hände und wandelten Hüfte an Hüfte, blickten sich zärtlich in die Augen und sahen nichts in dieser Welt denn sich selbst.
Ulenspiegel betrachtete sie und gedachte an Nele. Und bei diesem traurigen Gedanken sprach er: „Laß uns trinken gehen.“
Aber Lamm hörte Ulenspiegel nicht und betrachtete auch die verliebten Pärlein.
„Ehedem gingen wir auch so vorbei, mein Weib und ich, und just solchen, die gleichwie wir sich einsam ohne Weib am Ufer der Gräben ausstrecken, trugen wir unsre Liebe zur Schau.“
„Komm trinken,“ sprach Ulenspiegel, „wir werden die Sieben auf dem Boden eines Maßkruges finden.“
„So redet ein Trinker,“ antwortete Lamm, „Du weißt, daß die Sieben Riesen sind und unter dem großen Gewölbe der Kirche des heiligen Erlösers nicht aufrecht stehen könnten.“
Ulenspiegel gedachte traurig Neles und auch, daß sie etwan in irgend einem Gasthaus gutes Nachtlager, gutes Abendbrot und eine artige Wirtin finden möchten und sagte wiederum:
„Laß uns trinken gehen.“
Aber Lamm hörte ihn nicht und sprach, indem er den Turm der Liebfrauenkirche betrachtete:
„Heilige Frau Maria, Schutzpatronin der erlaubten Liebe, gib, daß ich noch einmal ihren weißen Busen, das weiche Schlummerkissen sehe.“
„Komm trinken“, sagte Ulenspiegel. „Du wirst sie finden, wie sie ihn in einer Schenke den Zechern zeigt.“
„Wagst Du so schlecht von ihr zu denken?“ fragte Lamm.
„Laß uns trinken gehen,“ sagte Ulenspiegel, „sie ist ohne Zweifel irgendwo Wirtin.“
„So redet der Durst“, sagte Lamm.
Ulenspiegel redete weiter:
„Vielleicht hat sie für die armen Wanderer eine Schüssel schönen gedämpften Ochsenfleisches aufgehoben, dessen Gewürze die Luft mit Duft erfüllen, nicht zu fett, zart und saftig wie Rosenblätter, und gleich Fastnachtsfischen zwischen Nelken, Muskat, Hahnenkämmen, Kalbsmilch und andern himmlischen Leckerbissen schwimmend.“
„Du Boshafter“, sagte Lamm, „Du willst mich gewißlich umbringen. Weißt Du nicht, daß wir seit zwei Tagen nur von trocknem Brot und Dünnbier leben?“
„Der Hunger redet aus Dir,“ versetzte Ulenspiegel. „Du weinst vor Begierde, komm essen und trinken. Ich habe da einen hübschen halben Gülden, der wird die Kosten unseres Schmauses decken.“
Lamm lachte. Sie holten ihren Wagen und fuhren also durch die Stadt und suchten nach der besten Herberge. Aber sie erblickten etliche Gesichter von Wirten, die mürrisch, und Wirtinnen, die gar wenig mitleidig aussahen, und fuhren vorbei, denn sie gedachten, daß eine saure Miene ein schlechtes Aushängeschild für gastliche Küche sei.
So gelangten sie zum Samstagsmarkt und kehrten in den Gasthof „Zur Blauen Laterne“ ein. Da war ein Wirt von guter Miene. Sie stellten ihren Wagen ein und ließen den Esel in den Stall bringen, mit einer Metze Hafer zur Gesellschaft. Sie ließen sich zu essen auftragen, aßen nach Herzenslust, schliefen gut und standen auf, um wiederum zu essen. Lamm, der vor Behagen platzte, sprach:
„Ich höre himmlische Musik in meinem Magen.“
Da der Augenblick des Zahlens kam, ging der Wirt zu Lamm und sagte zu ihm:
„Ich kriege zehn Heller.“
„Der hat sie“, sprach Lamm zu ihm und zeigte auf Ulenspiegel. Der aber sagte:
„Ich habe sie nicht.“
„Und der halbe Gülden?“ fragte Lamm.
„Ich habe ihn nicht,“ antwortete Ulenspiegel.
„Das ist eine schöne Rede,“ sagte der Wirt. „Ich werde Euch allen beiden Euer Wams und Hemd fortnehmen.“
Plötzlich rief Lamm in der Trinklaune:
„Und wenn ich essen und trinken will, essen und trinken, ja für siebenundzwanzig Gülden und mehr trinken, so werde ich es tun. Meinst Du, daß in diesem Bauch nicht ein roter Heller sitzt? So wahr Gott lebt! er wurde bis heute nur mit Fettammern gemästet. Du wirst unter Deinem schmierigen Ledergürtel nimmer seinesgleichen tragen. Denn Du hast Dein Fett am Kragen des Wamses, wie ein böser Mensch, und nicht wie ich drei Daumen dicken leckeren Specks auf dem Bauch!“
Der Wirt war vor Wut außer sich. Da er ohnedies stotterte, wollte er schnell sprechen; je hastiger er aber sprach, um so mehr nieste er wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen an die Nase, und Lamm ereiferte sich noch mehr und redete weiter:
„Jawohl, ich habe hier genug, um Deine drei mageren Hühner, Deine vier krätzigen Küchlein und diesen großen Dummkopf von Pfau zu bezahlen, der seinen schmutzigen Schweif in Deinem Hühnerhofe zur Schau trägt. Und wenn Deine Haut nicht trockner wäre denn die eines alten Hahnes, und Deine Knochen nicht in Deiner Brust zu Staub zerfielen, so hätte ich noch genug, um Dich, Deinen rotznasigen Knecht und Deine einäugige Magd zu essen und Deinen Koch dazu, dessen Arme, so er die Krätze hätte, zu kurz wären sich zu kratzen. Ei seht doch“, so redete er weiter, „seht doch den schönen Vogel, der uns eines halben Güldens willen unser Wams und Hemd nehmen will? Was sind denn Deine Kleider wert, Du zerlumptes Großmaul, ich will Dir drei Heller dafür geben.“
Aber der Wirt ward immer zorniger und schnaubte noch mehr.
Und Ulenspiegel warf ihm Brotkügelchen ins Gesicht.
Lamm war wie ein Löwe und sagte:
„Was glaubst Du, magere Fratze, was ein schöner Esel mit feinem Maul, langen Ohren, breiter Brust und Fesseln wie von Eisen wert sei? Achtzehn Gülden zum mindesten, nicht wahr, Du armer Schlucker von einem Wirt? Wieviel alte Nägel hast Du in Deinen Goldtruhen, um ein so schönes Tier zu bezahlen?“
Der Wirt schnaubte noch mehr, aber er wagte nicht zu mucksen.
„Wieviel glaubst Du, ist ein schöner Wagen aus Eschenholz wert, durchweg bemalt und oben mit Linnen von Courtrai gegen Sonne und Platzregen geschirmt? Vierundzwanzig Gülden zum mindesten, he? Und wieviel macht vierundzwanzig Gülden und achtzehn Gülden? Antworte, Du Knicker, der nicht rechnen kann. Und dieweil Markttag ist und Bauern in Deinem kläglichen Gasthofe sind, so will ich ihnen beides flugs verkaufen.“
Und so geschah es, denn alle kannten Lamm. Und wahrlich, er kriegte für Esel und Wagen vierundvierzig Gülden und zehn Heller. Darnach klimperte er dem Wirt mit dem Gold unter der Nase und fragte ihn:
„Witterst Du den Duft der künftigen Schmäuse?“
„Ja,“ antwortete der Wirt.
Und ganz leise sprach er:
„So Du Deine Haut feil bietest, will ich sie für einen Heller kaufen und daraus ein Amulett gegen die Verschwendung machen.“
Derweilen hatte ein hübsches, artiges Weiblein, so im dunklen Hofe stand, Lamm oftmals durchs Fenster angeschaut und allemal wenn er ihr hübsches Lärvchen sehen konnte, zog sie sich zurück. Am Abend, da er schwankend vom Weine, den er getrunken, ohne Licht hinaufging, fühlte er auf der Stiege, wie eine Frau ihn umhalste, ihn begehrlich auf Wange, Mund und gar auf die Nase küßte und sein Antlitz mit verliebten Tränen benetzte; dann ließ sie ihn los.
Schlaftrunken von dem Getränk, legte Lamm sich nieder, schlief und zog des andern Tages mit Ulenspiegel nach Gent.