Drittes Buch
Er geht, der Schweiger, Gott führt ihn.
Die beiden Grafen sind schon gefangen; Alba verspricht dem Schweiger Milde und Verzeihung, wenn er vor ihm erscheint.
Bei dieser Kunde sagt Ulenspiegel zu Lamm: „Beim Mantel meines Liebchens! Der Herzog läßt auf Dubois, des Generalprokurators Drängen, den Prinzen von Oranien, Ludwig, seinen Bruder, von Hoogstraten, van den Bergh, Kuilenburg, von Brederode und andre Freunde des Prinzen entbieten, in dreimal vierzehn Tagen vor ihm zu erscheinen, und verspricht ihnen gerechtes Urteil und Begnadigung. Höre, Lamm: Eines Tages forderte ein Amsterdamer Jude einen seiner Feinde auf, in die Gasse herunterzukommen; er stund in der Gasse, der andere an einem Fenster. „Steig doch herunter“, sagte er, „und ich werde Dir einen solchen Faustschlag auf den Kopf geben, daß er Dir in die Brust rutscht und daß Du durch Deine Rippen siehst, wie ein Dieb durch das Gitter seines Gefängnisses.“ Der Aufgeforderte erwiderte: „Wenn Du mir auch hundert Mal mehr versprächest, so würde ich doch nicht herunterkommen.“ Also mögen Oranien und die Andern antworten.“
Und sie taten es, indem sie sich weigerten zu erscheinen. Von Egmont und von Hoorn folgten ihrem Beispiel nicht. Und Schwachheit in der Pflicht ruft das Schicksal herbei.
Zur selbigen Zeit wurden auf dem Roßmarkt zu Brüssel die Herren von Andelot, die Kinder Battenburgs und andere erlauchte und tapfere Ritter enthauptet, welche sich der Stadt Amsterdam durch einen Überfall hatten bemächtigen wollen. Und dieweil sie zum Richtplatze gingen und Psalmen sangen / es waren ihrer achtzehn / erdröhnten die Trommeln vor und hinter ihnen, den ganzen Weg entlang.
Und die hispanischen Söldner, die sie begleiteten und brennende Fackeln trugen, verbrannten ihnen damit den Körper an allen Stellen. Und wenn sie des Schmerzes halber zuckten, sagten die Söldner:
„Wie, Ihr Lutheraner, tut es Euch denn wehe, so bald verbrannt zu werden?“
Und der sie verraten hatte, war einer namens Dierick Slosse; der hatte sie zu dem noch katholischen Enkhuyse geführt, um sie des Herzogs Bluthunden zu überliefern.
Und sie starben tapfer.
Und der König erbte.
„Sahest Du sie vorbeigehen?“ fragte Ulenspiegel, welcher als Holzhacker gekleidet war, den gleich ausstaffierten Lamm. „Sahest Du den schlimmen Herzog mit seiner Stirn, die oben so flach ist wie die des Adlers, und seinem langen Bart, der dem Ende eines Strickes gleicht, der von einem Galgen herunterhängt? Daß Gott ihn daran erdrossele! Sahest Du diese Spinne mit ihren langen, haarigen Beinen, die Satan beim Erbrechen auf diese Lande spie? Komm, Lamm, komm, wir wollen ihr Steine ins Netz werfen ...“
„Wehe,“ sagte Lamm, „wir werden lebendig verbrannt werden.“
„Komm nach Groenendal, viellieber Freund; komm nach Groenendal. Da ist ein schönes Kloster, allwo Seine Herzogliche Gnaden, die Spinne, Gott um Frieden bitten wird, auf daß er ihn sein Werk vollenden lasse, welches ist: seine unsauberen Geister an Aas zu ergötzen. Wir sind in der Fastenzeit, und nur des Blutes will Seine Gnaden sich nicht enthalten. Komm, Lamm, es sind dreihundert gewappnete Reiter um das Stadthaus von Ohain, dreihundert Mann Fußvolk sind in kleinen Trupps aufgebrochen und dringen in den Wald von Soignes ein.
„Alsbald, wenn Alba seine Andacht halten wird, gehen wir auf ihn los, und wenn wir ihn gefangen haben, setzen wir ihn in einen schönen, eisernen Käfig und schicken ihn dem Prinzen.“
Doch Lamm sprach, vor Angst schaudernd, zu Ulenspiegel:
„Große Gefahr, mein Sohn! Ich würde Dir bei diesem Unternehmen folgen, wenn meine Beine nicht so schwach wären, und mein Bauch von dem sauern Bier, so sie in dieser Stadt Brüssel trinken, nicht so aufgebläht wäre.“
Diese Reden wurden in einem Loche geführt, das im Walde mitten im Dickicht in die Erde gegraben war. Plötzlich, da sie wie das Auge eines Dachshundes durch die Blätter spähten, sahen sie die gelben und roten Röcke der herzoglichen Söldner, die zu Fuß durch den Wald gingen. Ihr Gewaffen blitzte im Sonnenschein.
„Wir sind verraten,“ sagte Ulenspiegel.
Als er die Söldner nicht mehr sah, rannte er im schnellsten Lauf bis nach Ohain. Die Söldner ließen ihn ob seiner Holzhackertracht und der Holzlast, so er auf dem Rücken trug, unbeachtet passieren. Da fand er die Reiter wartend; er verbreitete die Kunde, und alle stoben auseinander und entkamen, außer dem Herrn von Bausart d’Armentières, der gefangen ward. Von den Fußsoldaten aber, die aus Brüssel kamen, konnte man keinen fassen. Herr von Bausart zahlte grausam für die andern. Und es war ein feiger Verräter vom Regiment des Herrn von Likes, der sie allesamt verriet.
Ulenspiegel, dem das Herz vor Angst klopfte, ging nach dem Viehmarkt zu Brüssel, um seine grausame Hinrichtung anzusehen.
Und der arme Armentières ward auf das Rad geflochten und empfing siebenunddreißig Schläge mit der Eisenstange auf die Beine, Arme, Füße und Hände, die eines um das andere zerbrochen wurden, denn die Henker wollten ihn grausam leiden sehen. Und den siebenunddreißigsten empfing er auf die Brust und starb daran.
An einem hellen, linden Junitage ward zu Brüssel auf dem Markte vor dem Rathaus ein mit schwarzem Tuch bedecktes Schaffot aufgerichtet und daneben zween hohe Pfähle mit Eisenspitzen. Auf dem Blutgerüst waren zwei schwarze Kissen und ein Tischlein, darauf ein silbern Kreuz stand.
Und auf diesem Schaffot wurden die edlen Grafen von Egmont und von Hoorn mit dem Schwerte enthauptet. Und der König erbte.
Und der Gesandte von Franz, dem ersten dieses Namens, sagte von Egmont:
„Ich sah soeben dem, der zweimal Frankreich erzittern machte, das Haupt abschlagen.“
Und die Köpfe der Grafen wurden auf die Eisenspitzen gesteckt.
Und Ulenspiegel sprach zu Lamm:
„Die Leiber und das Blut sind mit schwarzem Tuche verdeckt. Gesegnet seien, so in den schwarzen Tagen, die da kommen werden, Mut hoch und den Degen aufrecht halten.“
Um dieselbige Zeit brachte der Schweiger ein Heer zusammen und ließ es von drei Seiten in die Niederlande einfallen.
Und Ulenspiegel sprach in einer Versammlung wilder Geusen von Marenhout:
„Auf den Rat der Inquisitionsmänner hat Philipp der König alle Einwohner der Niederlande des Majestätsverbrechens schuldig erklärt durch die Tat der Ketzerei, sowohl wer ihr angehangen, als wer ihr kein Hindernis in den Weg gelegt hat. In Ansehung dieses abscheulichen Verbrechens verdammt er sie alle, ohne Rücksicht auf Geschlecht oder Alter, mit Ausnahme der namentlich Bezeichneten, zu den Strafen, die auf solche Frevel stehen; und solches ohne alle Hoffnung auf Gnade. Der König erbt. Der Tod mäht in dem reichen, weiten Lande, das die Nordsee, die Grafschaft Emden, die Ems, die Länder Westphalen, Cleve, Jülich, Lüttich, die Bistümer Cöln und Trier, die Länder Lothringen und Frankreich begrenzen. Der Tod mäht auf einer Fläche von dreihundertundvierzig Meilen in zweihundert mit Mauern umgebenen Städten, in hundertundfünfzig Dörfern mit Städterecht, in den Flecken, auf den Feldern und Ebenen. Der König erbt.
„Elftausend Henker sind nicht zuviel, um die Arbeit zu tun. Alba nennt sie Soldaten. Und das Land der Väter ist ein Beinhaus geworden, woraus die Künste fliehen, das Handwerk entweicht und welches die Gewerbe verlassen, um den Fremden zu bereichern, der ihnen erlaubt, bei ihm den Gott des freien Gewissens anzubeten. Tod und Verderben mähen. Der König erbt.
„Die Lande hatten ihre Privilegien erworben durch viel Geld, das sie bedürftigen Fürsten gaben; diese Privilegien sind eingezogen. Sie hatten gehofft, den Verträgen gemäß, die zwischen ihnen und den Herrschern geschlossen waren, den Reichtum, die Frucht ihrer Arbeit, zu genießen. Sie täuschen sich: der Maurer baut für die Feuersbrunst, der Handarbeiter arbeitet für den Dieb. Und der König erbt.
„Blut und Tränen! Der Tod mäht auf den Scheiterhaufen, an den Bäumen, die längs der Heerstraße als Galgen dienen, in den offenen Gruben, in welche die armen Mägdlein lebendig geworfen werden. Andre werden in den Gefängnissen ertränkt, inmitten von angezündeten Reisigbündeln bei langsamem Feuer gebraten oder kommen in brennenden Strohhütten in Flamme und Rauch um. Der König erbt.
„Also hat der römische Papst es gewollt.
„Die Städte sind übervoll von Spionen, so ihren Anteil vom Vermögen der Opfer erwarten. Je reicher, desto schuldiger ist man. Der König erbt.
„Doch die tapferen Männer des Landes werden sich nicht gleich Lämmern erwürgen lassen. Unter den Flüchtigen sind Bewaffnete, die in die Wälder flüchten. Die Mönche hatten sie angezeigt, auf daß man sie töte und ihnen ihr Vermögen nähme. Darum stürzen sie sich bei Nacht und Tag wie die wilden Tiere auf die Klöster und nehmen dort das Geld wieder, das dem armen Volke in Gestalt von Leuchtern, güldenen und silbernen Reliquienschreinen, Speisekelchen, Hostientellern und kostbaren Gefäßen gestohlen ist. Nicht so, Ihr guten Leute? Und sie trinken dort den Wein, den die Mönche für sich bewahrten. Die geschmolzenen oder verpfändeten Gefäße werden zum heiligen Kriege dienen. Es lebe der Geuse!
„Sie beunruhigen des Königs Soldaten, töten und berauben sie und fliehen dann in ihre Schlupfwinkel. Bei Tag und Nacht sieht man in den Wäldern nächtliche Feuer brennen und verlöschen und immerwährend den Platz verändern. Das ist das Feuer unserer Gelage. Unser ist das Wild mit Fell und Feder. Wir sind die Herren; die Bauern geben uns Speck und Brot, wann wir wollen. Lamm, betrachte sie. Zerlumpt, wild, entschlossen, mit stolzem Blick, irren sie mit ihren Äxten, Hellebarden, langen Degen, kurzen Schwertern, Piken, Lanzen, Armbrüsten und Hakenbüchsen in den Wäldern umher. Alle Waffen sind ihnen recht, und sie wollen nicht unter Fahnen marschieren. Es lebe der Geuse!“
Und Ulenspiegel sang:
„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.Schlaget die Trommel des Krieges.Dem Herzog reißt die Eingeweide ausUnd peitscht damit sein Angesicht!Schlaget die Trommel des Krieges,Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!Hängt an der Zunge ihn auf,An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,Und am Arm, der es unterschreibt!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!Auf daß in dem eklen DunstEr an der Leichenpest sterbe!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.Dem Feuer und Strick bieten sie TrutzUnd dem Schwert um Deines Worts willen.Sie wollen Befreiung des Vaterlands.Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.Schlaget die Trommel des Krieges.Dem Herzog reißt die Eingeweide ausUnd peitscht damit sein Angesicht!Schlaget die Trommel des Krieges,Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!Hängt an der Zunge ihn auf,An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,Und am Arm, der es unterschreibt!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!Auf daß in dem eklen DunstEr an der Leichenpest sterbe!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.Dem Feuer und Strick bieten sie TrutzUnd dem Schwert um Deines Worts willen.Sie wollen Befreiung des Vaterlands.Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.Schlaget die Trommel des Krieges.
„Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
Slaet op den trommele, van dirre dum, dum.
Schlaget die Trommel, van dirre dom deyne.
Schlaget die Trommel des Krieges.
Dem Herzog reißt die Eingeweide ausUnd peitscht damit sein Angesicht!Schlaget die Trommel des Krieges,Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!
Dem Herzog reißt die Eingeweide aus
Und peitscht damit sein Angesicht!
Schlaget die Trommel des Krieges,
Verflucht sei der Herzog! Zum Tod mit dem Mörder!
Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!
Werft ihn den Hunden hin! Zum Tod mit dem Henker! Es lebe der Geuse!
Hängt an der Zunge ihn auf,An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,Und am Arm, der es unterschreibt!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Hängt an der Zunge ihn auf,
An der Zunge, die das Todesurteil befiehlt,
Und am Arm, der es unterschreibt!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!Auf daß in dem eklen DunstEr an der Leichenpest sterbe!Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Kerkert den Herzog lebendig ein mit den Leichen seiner Opfer!
Auf daß in dem eklen Dunst
Er an der Leichenpest sterbe!
Schlaget die Trommel des Krieges! Es lebe der Geuse!
Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.Dem Feuer und Strick bieten sie TrutzUnd dem Schwert um Deines Worts willen.Sie wollen Befreiung des Vaterlands.Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
Christe, blick nieder auf Deine Soldaten.
Dem Feuer und Strick bieten sie Trutz
Und dem Schwert um Deines Worts willen.
Sie wollen Befreiung des Vaterlands.
Slaet op den trommele, van dirre dom deyne,
Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“
Und alle tranken und schrieen:
„Es lebe der Geuse!“
Und Ulenspiegel trank aus dem vergüldeten Humpen eines Mönches und betrachtete voller Stolz der wilden Geusen kühne Gesichter.
„Ihr wilden Männer,“ sagte er, „Ihr seid Wölfe, Leuen und Tiger, fresset die Hunde des Blutkönigs.“
Sie sangen und sagten: „Es lebe der Geuse!
Slaet op den trommele van dirre dom deyne,Slaet op den trommele van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
Slaet op den trommele van dirre dom deyne,Slaet op den trommele van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
Slaet op den trommele van dirre dom deyne,Slaet op den trommele van dirre dum, dum.Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
Slaet op den trommele van dirre dom deyne,
Slaet op den trommele van dirre dum, dum.
Schlaget die Trommel des Krieges. Es lebe der Geuse!“
Da Ulenspiegel zu Ypern war, warb er Soldaten für den Prinzen. Von des Herzogs Bluthunden verfolgt, bot er sich dem Propst von Sankt Martin als Küster an. Er hatte allda einen Glöckner namens Pompilius Numa zum Gefährten, eine ausgemachte Memme, der nachts seinen Schatten für den Teufel und sein Hemd für ein Gespenst hielt.
Der Propst war fett und feist wie ein Masthuhn, das für den Spieß reif ist. Ulenspiegel sah alsbald, von welchem Kraut er weidete, um soviel Speck anzusetzen. Wie er es von dem Glöckner erfuhr und mit eigenen Augen ersah, speiste der Propst um neun Uhr zu Mittag und um vier zu Abend. Bis acht ein halb Uhr blieb er im Bette, alsdann ging er vor dem Mittagessen in seiner Kirche spazieren, um zu sehen, ob die Opferstöcke wohl gefüllt seien. Und die Hälfte davon tat er in seinen Säckel. Um neun verspeiste er eine Satte Milch, eine halbe Hammelkeule, eine kleine Reiherpastete und leerte fünf Humpen Brüsseler Wein. Um zehn Uhr lutschte er etliche Backpflaumen, begoß sie mit Wein aus Orleans und bat dabei Gott, ihn nimmer in die Versuchung der Völlerei zu führen. Um Mittag knabberte er zum Zeitvertreib einen Flügel und Hinterteil von Geflügel. Um ein Uhr leerte er einen großen Becher hispanischen Weines und gedachte an sein Nachtmahl. Alsdann streckte er sich auf sein Bett hin und erfrischte sich durch einen kleinen Schlummer.
Erwachend, genoß er ein wenig gesalzenen Lachs, um den Appetit zu reizen, und leerte einen großen Humpen Antwerpenerdobbelknol. Dann ging er in die Küche hinunter und setzte sich vor den Kamin an das schöne Holzfeuer, das darinnen flammte. Er sah zu, wie ein großes Stück Kalbfleisch oder ein wohl abgebrühtes Spanferkel für die Mönche der Abtei darin briet und sich bräunte; das hätte er lieber gegessen, denn einen Laib weißen Brotes. Doch es gebrach ihm ein wenig an Hunger. Und er betrachtete den Spieß, der sich wie durch ein Wunder ganz von allein drehte. Das war das Werk Pieters van Steenkiste, eines Schmiedes, der in der Kastellanei von Kortrijck wohnte. Der Propst bezahlte ihm für einen dieser Spieße fünfzehn Pariser Franken.
Dann ging er wieder hinauf in sein Bett und schlummerte vor Ermüdung ein; er erwachte gegen zwei Uhr und verschluckte ein wenig Schweinsgallert nebst Wein aus der Romagna, zu zweihundertvierzig Gülden das Stückfaß. Um drei Uhr aß er ein Vögelchen in Madeirazucker und leerte zwei Gläser Malvasier zu siebzehn Gülden das Fäßchen. Um dreieinhalb Uhr genoß er einen halben Topf Eingemachtes und trank Meth dazu. Alsdann war er recht wach, nahm einen seiner Füße in die Hände und ruhte sinnend aus.
Wenn der Augenblick des Nachtessens kam, so erschien oftmals der Pfarrer von St. Johanni, ihm zu dieser saftigen Stunde seine Aufwartung zu machen. Manches Mal wetteiferten sie, wer am meisten Fisch, Geflügel, Wildbret und Fleisch essen würde. Der am schnellsten satt war, mußte dem andern ein Gericht Kalbsrippen liefern, das mit drei Weinen, vier Würzen und siebenerlei Gemüse zubereitet war.
Also essend und trinkend, schwatzten sie mitsammen von den Ketzern und waren übrigens der Meinung, daß man ihrer nicht genug vernichten könne. Derhalben fingen sie niemals Händel an, ohngerechnet den Fall, wo sie über die neununddreißig Arten, gute Biersuppe zu machen, diskutierten.
Dann neigeten sie ihre ehrwürdigen Häupter auf ihre priesterlichen Bäuche und schnarchten. Manches Mal, wenn einer von ihnen halb erwachte, sagte er, daß das Leben ein gar lieblich Ding in dieser Welt sei und daß die armen Leute Unrecht hätten, sich zu beklagen.
Dieses heiligen Mannes Küster ward Ulenspiegel. Er bediente ihn trefflich bei der Messe, nicht ohne zu dreien Malen die Meßkännchen zu füllen, zweimal für sich und einmal für den Propst. Der Glöckner Numa Pompilius half ihm bei Gelegenheit dabei.
Ulenspiegel, der Pompilius so blühend, dickbäuchig und pausbäckig sah, fragte ihn, ob er im Dienste des Propstes den Schatz dieser neidenswerten Gesundheit gesammelt habe.
„Ja, mein Sohn,“ antwortete Pompilius, „aber schließe die Türe gut, auf daß uns keiner höre.“
Dann sagte er ganz leise:
„Du weißt, daß unser Meister Propst alle Weine und Biere, alle Arten Fleisch und Geflügel mit zärtlicher Liebe liebt. Derhalben schließt er das Fleisch in einen Kasten und die Weine in einen Keller, und die Schlüssel dazu trägt er immerdar in seinem Säckel. Und beim Einschlafen hat er die Hände darauf. Nachts, wenn er schläft, gehe ich und nehme ihm die Schlüssel vom Wanst und lege sie nicht ohne Zittern wieder dahin, mein Sohn; denn wenn er um meine Missetat wüßte, so würde er mich bei lebendigem Leibe kochen lassen.“
„Pompilius,“ sagte Ulenspiegel, „Du mußt Dir nicht soviel Mühe machen, sondern mir nur einmal die Schlüssel geben; ich werde nach diesem Muster welche anfertigen, und wir lassen die andern auf dem Bauche des guten Propstes.“
„Mache sie, mein Sohn,“ sagte Pompilius.
Ulenspiegel machte die Schlüssel. Sobald er und Pompilius um acht Uhr Abends vermuteten, daß der gute Propst eingeschlafen sei, stiegen sie hinunter, um sich Fleisch und Flaschen auszusuchen. Ulenspiegel trug die Flaschen und Pompilius das Fleisch, maßen er allzeit wie Espenlaub zitterte und Schinken und Hammelkeulen nicht zerbrechen, so sie hinfallen. Etliche Male bemächtigten sie sich des Geflügels, ehe es gebraten war, dieserhalb wurden mehrere Katzen der Nachbarschaft angeklagt und wegen solcher Tat umgebracht.
Alsdann gingen sie in die Ketelstraet, das ist die Straße der Dirnen. Da sparten sie nichts und gaben ihren Schönen mit vollen Händen geräuchertes Ochsenfleisch und Schinken, Hirnwurst und Geflügel, und gaben ihnen Wein aus Orleans und der Romagna zu trinken und von dem „Ingelschen Bier“, das die jenseits des Meeres Ale nennen. Und sie gossen es in Strömen in die jungen Kehlen der Schönen. Und sie wurden mit Liebkosungen bezahlt. Eines Morgens jedoch nach der Mahlzeit ließ der Propst alle beide zu sich bescheiden. Er hatte eine furchtbare Miene und lutschte grimmig an einem Markknochen aus der Suppe.
Pompilius zitterte in seinen Hosen und sein Bauch ward von Furcht geschüttelt. Ulenspiegel verhielt sich ruhig und befühlte vergnüglich die Kellerschlüssel in seiner Tasche.
Der Propst sprach zu ihm und sagte:
„Man trinkt meinen Wein und man ißt mein Geflügel; tust Du das mein Sohn?“
„Nein,“ antwortete Ulenspiegel.
„Und hat nicht dieser Glöckner“, sagte der Probst, auf Pompilius zeigend, „seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt? Denn er ist bleich wie ein Verscheidender; gewißlich aus Ursach des gestohlenen Weins, der bei ihm als Gift wirkt.“
„Ach, Herr,“ entgegnete Ulenspiegel, „Ihr beschuldigt Euren Glöckner zu Unrecht, denn wenn er bleich ist, so ist es nicht, weil er Wein getrunken hat, sondern weil er nicht genug zu schlürfen bekam. Wovon er so entkräftet ist, daß, wenn man seine Seele nicht aufhält, sie sich in Strömen in seine Hosen ergießen wird.“
„Ja, es gibt arme Leute in dieser Welt,“ sagte der Propst und trank einen großen Schluck Wein aus seinem Humpen. „Aber sag mir, mein Sohn, ob Du, der Du Luchsaugen hast, nicht die Spitzbuben sahest?“
„Ich werde gut Acht geben, Herr Propst,“ sprach Ulenspiegel.
„Gott erhalte Euch alle beide fröhlich, Kinder,“ sagte der Propst, „und lebet mäßig. Denn von der Unmäßigkeit kommen uns viele Leiden in diesem Jammertal. Gehet hin in Frieden.“
Und er segnete sie.
Und er lutschte noch einen Markknochen aus der Brühe und trank noch einen großen Schluck Wein.
Ulenspiegel und Pompilius gingen hinaus.
„Dieser garstige Filz hätte Dir nicht einen einzigen Tropfen seines Weines zu trinken gegeben. Ihm noch mehr zu stehlen ist so gut wie geweihtes Brot. Doch was ist Dir, daß Du so zitterst?“
„Meine Hosen sind ganz naß,“ sagte Pompilius.
„Wasser trocknet rasch, mein Sohn,“ erwiderte Ulenspiegel. „Doch sei guter Dinge. Heut abend in der Ketelstraet werden die Flaschen klingen. Und wir wollen die drei Nachtwächter trunken machen, also daß sie schnarchend die Stadt bewachen.“
Solches geschah.
Indessen kam Sankt Märten heran, und die Kirche ward für das Fest geschmückt. Ulenspiegel und Pompilius gingen des Nachts hinein, schlossen sorgsam die Türen, zündeten alle Kerzen an, nahmen eine Bratsche und einen Dudelsack und huben an, auf diesen Instrumenten zu spielen, so gut sie konnten. Und die Kerzen strahlten wie Sonnen. Aber das war nicht alles. Da ihre Arbeit getan war, gingen sie zum Propst, den sie ohngeachtet der vorgerückten Stunde noch auf fanden, wie er einen Krammetsvogel knusperte, Rheinwein trank und die Augen aufsperrte, da er die Fenster der Kirche erleuchtet sah.
„Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel zu ihm, „wollet Ihr wissen, wer Euer Fleisch isset und Euern Wein trinket?“
„Und diese Beleuchtung,“ sagte der Propst, auf die Fenster der Kirche weisend. „O, Herr Gott, erlaubst Du dem heiligen Märten, also nächtlicher Weile die Kerzen der Armen unbezahlt zu verbrennen?“
„Er tut noch ganz andere Dinge, Herr Propst,“ sagte Ulenspiegel, „aber kommt.“
Der Propst nahm sein Kruzifix und folgte ihnen. Sie traten in die Kirche.
Allda sah er inmitten des Hauptschiffes alle Heiligen aus ihren Nischen herabgestiegen und im Kreise aufgestellt und von Sankt Märten, der sie alle um Haupteslänge überragte, schier kommandiert. An seinem zum Segen ausgestreckten Zeigefinger hielt er einen gebratenen Truthahn. Die andern hielten Stücke von Hühnern oder Gänsen, Würste, Schinken, rohen und gesottenen Fisch in der Hand oder führten sie zum Munde, unter anderm einen Hecht, der gut seine vierzehn Pfund wog. Und ein jeder hatte eine Flasche Wein zu seinen Füßen.
Bei diesem Anblick konnte der Propst sich vor Zorn nicht halten. Er ward so rot und sein Antlitz so geschwollen, daß Ulenspiegel und Pompilius vermeinten, er werde platzen. Aber der Propst ging, ohne ihrer zu achten, gerade auf den heiligen Märten zu, indem er ihn bedräuete, gleich als wollte er ihm die Missetat der andern zur Last legen. Er riß ihm den Truthahn vom Finger und bläute ihn so wacker durch, daß er ihm Arm, Nase, Kreuz und Mitra zerbrach.
Was die andern angeht, so sparte er ihnen keine Püffe, und mehr als einer verlor unter seinen Schlägen Arme, Hände, Mitra, Kreuz, Beil, Rost, Säge und andere Sinnbilder der Würde und des Martertodes. Alsdann machte der Propst sich mit wackelndem Bauche selbsteigen daran, die Kerzen hurtig und wütend auszulöschen. An Schinken, Geflügel und Würsten raffte er an sich, soviel er vermochte, und unter der Last schier erliegend, ging er wieder in sein Schlafgemach, dermaßen betrübt und ergrimmt, daß er Zug auf Zug drei große Flaschen Wein trank.
Nachdem Ulenspiegel sich versichert hatte, daß er schlief, trug er alles, was der Propst gerettet zu haben vermeinte, in die Ketelstraet, desgleichen alles, was in der Kirche blieb, aber nicht, ohne zuvor die besten Bissen dortselbst verspeist zu haben. Und den Abfall legten sie zu Füßen der Heiligen.
Am anderen Morgen läutete Pompilius die Glocke zur Frühmette, und Ulenspiegel stieg zum Schlafgemach des Propstes hinan, mit der Bitte, in die Kirche hinunterzukommen.
Allda wies er ihm die Reste der Heiligen und des Geflügels und sprach zu ihm:
„Herr Propst, es hat Euch nichts genutzt, sie haben trotz allem gegessen.“
„Ja,“ erwiderte der Propst, „sie sind wie Diebe bis ins Schlafgemach gedrungen, um zu nehmen, was ich in Sicherheit gebracht hatte. O, Ihr hohen Heiligen, ich werde mich beim Papst darüber beschweren.“
„Ja,“ versetzte Ulenspiegel, „aber übermorgen ist die Prozession. Die Arbeiter werden bald in die Kirche kommen. Fürchtet Ihr nicht, der Bilderzerstörung angeklagt zu werden, wenn sie hier all die armen Heiligen verstümmelt sehen?“
„Ach, Heiliger Märten“, sagte der Propst, „erspare mir das Feuer, ich wußte nicht, was ich tat.“
Dann wandte er sich an Ulenspiegel, derweil der furchtsame Glöckner sich an den Glocken schaukelte.
„Man wird den Heiligen Martin nimmermehr von jetzt bis auf den Sonntag ausbessern können,“ sagte er. „Was soll ich tun, und was wird das Volk sagen?“
„Herr“, antwortete Ulenspiegel, „man muß zu einer unschuldigen Ausflucht greifen. Wir kleben Pompilius einen Bart aufs Gesicht, das gar ehrwürdig ist, maßen es allzeit melancholisch ist, vermummen ihn mit Mitra, Meßgewand und Chormütze und dem großen Mantel des Heiligen und empfehlen ihm an, gut auf seinem Sockel zu stehen; so wird das Volk ihn für den Heiligen Martin aus Holz halten.“
Der Propst ging zu Pompilius, der sich an den Stricken schaukelte.
„Hör auf zu läuten,“ sagte er, „und hör mich an. Willst Du fünfzehn Dukaten verdienen? Am Sonntag, dem Tage der Prozession, sollst Du der Heilige Martin sein. Ulenspiegel wird Dich ausstaffieren, wie es sich gehört, und sofern Du, während Deine vier Männer Dich tragen, eine Bewegung machst oder ein Wort sagst, laß ich Dich bei lebendigem Leib in dem Öl des großen Kessels sieden, den der Henker just auf dem Hallenplatz aufgemauert hat.“
„Ich werde gehorchen, Euer Gnaden,“ sprach Pompilius gar kläglich.
Des andern Tages ging die Prozession bei hellem Sonnenschein aus der Kirche. Ulenspiegel hatte, so gut er konnte, die zwölf Heiligen zusammengeflickt, die auf ihren Sockeln zwischen den Bannern der Zünfte hin und her schwankten. Dann kam die Statue Unsrer lieben Frau, alsdann die Marienkinder, schneeweiß gekleidet und Hymnen singend; dann die Bogen- und Armbrustschützen. Dem Baldachin zunächst kam Pompilius, der mehr schwankte als die andern und sich unter den schweren Gewändern des Heiligen Martin bog.
Ulenspiegel hatte sich mit Juckpulver versorgt und Pompilius eigenhändig mit dem bischöflichen Ornat bekleidet, ihn mit Handschuhen und Kreuz versehen und ihn die lateinische Weise, das Volk zu segnen, gelehrt. Er hatte auch den Priestern beim Ankleiden geholfen. Den einen legte er die Stola, den andern die Chormütze und den Meßnern das Chorhemd an. Er lief in der Kirche hierin, dorthin, um ein Wams oder eine Hose in die richtigen Falten zu legen. Und jedwedem streute er auf die Halskrause, den Rücken oder das Handgelenk eine Fingerspitze voll Juckpulver.
Aber der Dechant und die vier Träger des Heiligen Martin bekamen das Meiste ab. Was die Marienkinder betraf, so verschonte Ulenspiegel ihrer, in Ansehung ihrer kindlichen Anmut.
Die Prozession zog mit fliegenden Bannern und entfalteten Fahnen in schöner Ordnung daher. Männer und Frauen bekreuzten sich, wenn sie sie vorbeiziehen sahen. Und die Sonne schien heiß.
Der Dechant war der erste, der des Pulvers Wirkung verspürte und sich ein wenig hinter dem Ohr kratzte. Priester, Bogen- und Armbrustschützen, alle kratzten sich insgeheim an Hals, Beinen und Handgelenken. Die vier Träger kratzten sich gleicherweise, aber der Glöckner, den es mehr juckte als die andern, denn er war der glühenden Sonne mehr ausgesetzt, wagte nicht einmal sich zu rühren, aus Furcht, lebendig gesotten zu werden. Er kniff die Nase zusammen, machte eine häßliche Fratze und zitterte auf seinen schlotternden Beinen, denn allemal, wenn die Träger sich kratzten, war er nahe daran, zu fallen.
Die Priester sangen eine Hymne auf Unsere liebe Frau:
„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderesO sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“
„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderesO sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“
„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderesO sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“
„Si de coe ... coe ... coe ... lo descenderes
O sanc ... ta ... ta ... ta ... Ma ... ma ... ria.“
Denn ihre Stimmen zitterten des Juckens halber, das maßlos wurde; doch sie kratzten sich bescheidentlich. Dem Dechanten jedoch und den vier Trägern des Heiligen Martin waren Hals und Handgelenke ganz zerfressen. Pompilius stand schlotternd auf seinen armen Beinen, die am meisten juckten.
Doch siehe, auf einmal standen alle, Armbrust- und Bogenschützen, Domherren, Priester, Dechant und Träger des Heiligen Martin still, um sich zu kratzen. Das Pulver juckte Pompilius an den Fußsohlen, doch er wagte nicht sich zu rühren, aus Furcht zu fallen.
Er bewunderte und lobte die blinkenden Waffen der Armbruster und die furchtbaren Bogen der Bruderschaft der Bogenschützen.
Und die Fürwitzigen sagten, daß der Heilige Martin die Augen gar wild rolle und dem armen Volk eine dräuende Miene mache. Dann hieß der Dechant die Prozession weiterziehen. Die heiße Sonne, die senkrecht auf all die Rücken und Bäuche in der Prozession fiel, machte alsbald die Wirkung des Pulvers unerträglich. Und nun sah man Priester und Schützen, Domherren und Dechant wie eine Schar von Affen stillhalten und sich ohne Scham überall kratzen, wo es sie juckte.
Die Marienkinder sangen ihre Hymne und alle diese frischen, gen Himmel steigenden Stimmen waren wie Engelchöre.
Übrigens machten sich alle davon, wohin sie konnten. Der Dechant brachte, sich kratzend, das Heilige Sakrament in Sicherheit; das fromme Volk trug die Reliquien in die Kirche. Die vier Träger des Heiligen Martin warfen Pompilius derb auf die Erde. Der arme Glöckner, der nicht wagte, sich zu kratzen, zu bewegen, noch zu sprechen, schloß fromm die Augen.
Zwei junge Bürschlein wollten ihn fortschaffen, doch da sie ihn zu schwer befanden, stellten sie ihn aufrecht an eine Mauer, und da weinte Pompilius dicke Tränen.
Das Volk versammelte sich um ihn. Die Frauen hatten Sacktüchlein von feinem, weißen Linnen geholt und wischten ihm das Antlitz, um seine Zähren wie Reliquien zu bewahren. Sie sprachen zu ihm: „Euer Gnaden, wie schwitzt Ihr.“
Der Glöckner blickte sie jämmerlich an und schnitt wider Willen Grimassen.
Doch da die Zähren in Strömen aus seinen Augen flossen, sprachen die Frauen:
„Großer Sankt Martin, weinet Ihr über die Sünden der Stadt Ypern? Rührt sich nicht Eure edle Nase? Wir haben trotzdem die Ratschläge von Louis Vivès befolgt, und die Armen von Ypern haben zu arbeiten und zu essen. O, die großen Tränen! Das sind Perlen. Hier ist unser Heil.“
Die Männer sagten:
„Großer Sankt Martin, muß die Ketelstraet Eurer Stadt niedergerissen werden? Aber belehret uns vor allem über die Mittel, die armen Mägdlein zu hindern, abends auszugehen und sich also tausend Abenteuern auszusetzen.“
Plötzlich schrie das Volk: „Da ist der Küster.“
Da erschien Ulenspiegel, faßte Pompilius um den Leib und trug ihn auf den Schultern fort, und die andächtige Menge folgte ihm nach.
„Wehe,“ sagte der arme Glöckner ihm ganz leise ins Ohr, „ich sterbe vor Jucken.“
„Halte Dich steif,“ versetzte Ulenspiegel, „vergissest Du, daß Du ein hölzerner Heiliger bist?“
Er lief hurtig und setzte Pompilius vor dem Propst nieder, der sich mit den Nägeln bis aufs Blut kratzte.
„Glöckner,“ sagte der Propst, „hast Du Dich so wie wir gekratzt?“
„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.
„Hast Du gesprochen oder eine Gebärde gemacht?“
„Nein, Herr,“ antwortete Pompilius.
„Dann sollst Du Deine fünfzehn Gulden haben,“ sagte der Propst. „Geh jetzt und kratze Dich.“
Des andern Tages, nachdem die Leute durch Ulenspiegel die Sache erfahren hatten, sagten sie, daß es ein schlechter Spaß sei, sie einen Greiner als Heiligen anbeten zu lassen. Und viele wurden Ketzer. Sie zogen mit ihrem Hab und Gut fort und eilten, das Heer des Prinzen zu vergrößern.
Ulenspiegel kehrte nach Lüttich zurück.
Da er allein im Walde war, setzte er sich nieder und sann. Er schaute den klaren Himmel an und sprach:
„Krieg und immer Krieg, auf daß der hispanische Feind das arme Volk töte, unser Hab und Gut raube, unsere Frauen und Töchter schände. Indessen geht unser schönes Geld dahin, und unser Blut fließet in Strömen ohne Nutzen für irgend jemand, ausgenommen diesen königlichen Wicht, der sich noch ein Sinnbild der Macht mehr an seine Krone heften will. Einen Zierat, den er für ruhmvoll hält, aus Blut und aus Rauch. Ei, wenn ich Dich zieraten könnte, wie ich wollte! Nur die Fliegen würden Dir Gesellschaft leisten wollen!“
Da er diesen Dingen nachsann, siehe da zog ein ganzes Rudel Hirsche an ihm vorbei. Es waren alte und große darunter, so noch ihr Hirschgeschrötte hatten und stolz ihr neunendiges Geweih trugen. Zierliche Spießer, ihre Schildknappen, trabten ihnen zur Seite und schienen bereit, ihnen mit ihrem spitzen Gehörn Beistand zu leisten. Ulenspiegel wußte nicht, wohin sie gingen, aber er vermutete, daß sie nach ihrem Lager wollten.
„Ach“, sagte er, „Ihr alten Hirsche und zierlichen Spießer, Ihr gehet lustig und stolz in die Tiefe des Waldes nach Eurem Bette; Ihr äset die jungen Sprossen und wittert balsamische Gerüche; Ihr seid glücklich, bis der Jäger als Henker naht. Also ergeht es auch uns alten Hirschen und Spießern.“
Und Klasens Asche brannte auf Ulenspiegels Brust.
Im September, wenn die Mücken zu stechen aufhören, ging der Schweiger mit sechs Feldstücken und vier großen Kanonen, die für ihn das Wort führten, nebst vierzehntausend Vlämen, Wallonen und Deutschen bei Sankt Veit über den Rhein.
Unter den gelb und roten Fahnen des Burgunder Knotenstockes, der unsere Lande geraume Zeit schlug und in Albas Hand der Stock der beginnenden Knechtschaft war, marschierten sechsundzwanzigtausend und fünfhundert Mann und rollten siebenzehn Feldstücke und neun schwere Kanonen.
Doch der Schweiger sollte in diesem Kriege keinen Erfolg haben, denn Alba nahm keine Schlacht an. Und sein Bruder Ludwig, der Bastard Flanderns, verlor bei Gemmingen in Friesland, nachdem er viele Städte eingenommen und viele Schiffe auf dem Rheine gekapert, an den Sohn des Herzogs sechzehn Kanonen, fünfzehnhundert Pferde und zwanzig Fähnlein, um der feigen Söldlinge willen, die Geld verlangten, da sie kämpfen sollten.
Und in Trümmern, Blut und Tränen suchte Ulenspiegel umsonst das Heil des Vaterlands.
Und allerorten henkten, köpften und verbrannten die Henker die armen, unschuldigen Opfer.
Und der König erbte.
Da Ulenspiegel durch das wallonische Land wanderte, sah er, daß der Prinz hier keine Hülfe zu erhoffen hatte, und also kam er vor die Stadt Bouillon.
Nach und nach sah er auf dem Wege Bucklige jedes Alters, Geschlechts und Standes ankommen. Sie trugen Rosenkränze und beteten sie andächtig ab. Und ihre Gebete waren wie das Quaken der Frösche im Teich an einem warmen Abend.
Da gab es bucklige Mütter, so bucklige Kinder trugen; andere Kinder aus der nämlichen Brut klammerten sich an ihre Röcke. Und allerwegen sah Ulenspiegel ihre mageren Umrisse sich gegen den hellen Himmel abzeichnen.
Er ging zu einem von ihnen und fragte ihn:
„Wohin ziehen all diese arme Männer, Weiber und Kinder?“
Der Mann antwortete:
„Wir ziehen zum Grabe des heiligen Remaclius, um ihn zu bitten, daß er uns gebe, was unser Herz begehrt, und die Demütigung, die er uns auferlegte, von unserm Rücken nehme.“
Ulenspiegel versetzte:
„Könnte doch der heilige Remaclius auch mir geben, was mein Herz begehrt, und von dem Rücken der armen Gemeinden den Blutherzog fortnehmen, der gleich einen bleiernen Buckel darauf lastet.“
„Es ist nicht seines Amtes, zur Buße auferlegte Buckel fortzunehmen,“ antwortete der Pilger.
„Hat er etliche andere fortgenommen?“ fragte Ulenspiegel.
„Ja, wenn die Buckel jung sind. Wenn alsdann das Wunder der Heilung geschieht, halten wir in der ganzen Stadt Gelage und Schmausereien. Und jeglicher Pilger gibt dem glücklich Geheilten, der durch dieses Geschehnis heilig geworden ist und mit Erfolg für die andern beten kann, ein Geldstück und oftmals einen Goldgülden.“
Ulenspiegel sagte:
„Weshalb läßt der reiche Sankt Remaclius sich die Heilungen wie ein lumpiger Apotheker bezahlen?“
„Gottloser Wanderer, er straft die Lästerer!“ entgegnete der Pilger und schüttelte wütend seinen Höcker.
„Wehe!“ ächzte Ulenspiegel.
Und er fiel zusammengekrümmt am Fuß eines Baumes nieder.
Der Pilger sagte, ihn betrachtend:
„Wen Sankt Remaclius schlägt, den trifft er gut!“
Ulenspiegel krümmte den Rücken, kratzte sich daran und ächzte:
„Ruhmreicher Heiliger, habt Erbarmen. Das ist die Züchtigung. Ich fühle einen brennenden Schmerz zwischen den Schultern. Wehe! Au! Vergebung, heiliger Remaclius! Geh, Pilger, laß mich hier allein, auf daß ich gleich einem Vatermörder weine und bereue.“
Doch der Pilger war bis zum Marktplatz von Bouillon entflohen, allwo sich alle Buckligen zusammen fanden.
Dort sagte er zu ihnen, vor Furcht bebend, in stoßweiser Sprache:
„Habe Pilger getroffen, grade wie eine Pappel .... Pilger Gotteslästerer .... Buckel auf dem Rücken .... entzündeten Buckel!“
Da die Pilger solches vernahmen, stießen sie ein tausendfaches Freudengeschrei aus und riefen:
„Heiliger Remaclius, wenn Du Buckel gibst, kannst Du sie auch fortnehmen. Nimm uns die Buckel ab, heiliger Remaclius!“
Derweilen verließ Ulenspiegel seinen Baum. Als er durch die menschenleere Vorstadt kam, sah er an der niedern Türe einer Schenke zwei Blasen an einem Stock schaukeln, Schweinsblasen, so zum Zeichen der Blutwurst-Kirmes,panch kermis, wie man im Lande Brabant sagt, angehängt waren.
Ulenspiegel nahm eine der beiden Blasen, las die Rückengräte einer Scholle vom Boden auf, ließ sich zur Ader, ließ von seinem Blut in die Blase fließen, blies sie auf, schloß sie und legte sie auf seinen Rücken und oben drauf die Rückengräte der Scholle. Also ausstaffiert, kam er mit gewölbten Rücken, wackelndem Kopf und schlotternden Beinen wie ein alter Buckliger auf den Platz. Der Pilger, der Zeuge seines Falles gewesen, erblickte ihn und schrie:
„Da ist der Gotteslästerer!“
Und er wies mit dem Finger auf ihn. Und alle kamen herbei, um den Gestraften zu sehen.
Ulenspiegel schüttelte kläglich den Kopf.
„Ach,“ sprach er, „ich verdiene nicht Gnade noch Erbarmen; tötet mich wie einen tollen Hund.“
Und die Buckligen sprachen, sich die Hände reibend:
„Einer mehr in unsrer Brüderschaft.“
Zwischen den Zähnen murmelnd: „Das sollt Ihr mir büßen, Ihr Bösen,“ schien er alles geduldig zu ertragen und sprach:
„Ich werde nicht essen und nicht einmal trinken, um meinen Buckel nicht festzumachen, bis daß Sankt Remaclius die Gnade gehabt hat, mich zu heilen, wie er mich geschlagen hat.“
Auf das Gerücht von dem Wunder kam der Dechant aus der Kirche. Es war ein großer majestätischer Mann mit einem Schmerbauch. Mit erhobner Nase zerteilte er die Flut der Buckligen gleich einem Schiffe.
Man zeigte ihm Ulenspiegel und er sprach zu ihm:
„Bist Du es, armer Tropf, den Sankt Remaclius Geißel geschlagen hat?“
„Ja, Herr Dechant,“ antwortete Ulenspiegel, „ich bin’s wahrlich, sein untertäniger Verehrer, der sich von seinem neuen Buckel heilen lassen will, so es ihm gefällt.“
Der Dechant, der hinter dieser Rede eine Bosheit witterte, sprach:
„Laß mich diesen Buckel befühlen.“
„Befühlt ihn, Herr,“ versetzte Ulenspiegel.
Nachdem er es getan, sprach der Dechant:
„Er ist neuen Ursprungs und feucht. Indessen hoffe ich, daß Sankt Remaclius geruhen wird, Barmherzigkeit zu üben. Folge mir.“
Ulenspiegel folgte dem Dechanten und trat in die Kirche. Die Buckligen schritten hinter ihm her und schrieen: „Sehet den Verfluchten! Sehet den Lästerer! Wie viel wiegt Dein neuer Buckel? Wirst Du einen Sack draus machen, um Deine Taler hinein zu tun? Du hast Dein Lebelang unser gespottet, dieweil Du grade warst, jetzt ist die Reihe an uns. Ehre sei dem heiligen Herrn Remaclius!“
Ulenspiegel sprach kein Wort, beugte den Kopf und trat, dem Dechanten folgend, in eine kleine Kapelle. Daselbst befand sich ein Grabmal ganz aus Marmelstein, bedeckt mit einer großen Tafel, die gleicherweise aus Marmelstein war. Zwischen dem Grabmal und der Wand der Kapelle war nicht die Weite einer großen, gespreizten Hand. Eine Menge buckliger Pilger gingen einer nach dem andern zwischen der Wand und der Grabtafel durch, an welcher sie stillschweigend ihre Buckel rieben. Und dergestalt hofften sie, ihrer ledig zu werden. Und die, so ihren Buckel rieben, wollten denen, die ihn noch nicht gerieben hatten, nicht Platz machen, und sie schlugen einander, doch ohne Lärm, denn der Heiligkeit des Ortes halber gaben sie sich nur heimliche Püffe nach Art der Buckligen.
Der Dechant hieß Ulenspiegel auf die Grabplatte steigen, auf daß alle Pilger ihn gut sehen könnten. Ulenspiegel erwiderte:
„Ich vermag es nicht allein.“
Der Dechant half ihm hinauf, stellte sich neben ihn und gebot ihm, niederzuknien. Ulenspiegel tat also und blieb gesenkten Hauptes in dieser Stellung.
Und alsobald, nachdem der Dechant sich gesammelt hatte, predigte er und sprach mit weit schallender Stimme:
„Söhne und Brüder in Jesu Christo! Ihr sehet zu meinen Füßen den größten Gottlosen, Taugenichts und Lästerer, den Sankt Remaclius je mit seinem Zorn geschlagen hat.“
Und Ulenspiegel schlug sich an die Brust und sagte: „Confiteor.“
„Ehedem,“ redete der Dechant weiter, „war er grade wie der Schaft einer Hellebarde und rühmt sich dessen. Sehet ihn jetzo bucklig und unter der Wucht des himmlischen Fluches gebeugt.“
„Confiteor, nimm mir den Buckel,“ sprach Ulenspiegel.
„Wohl,“ fuhr der Dechant fort, „wohl, großer Heiliger, heiliger Herr Remaclius, der Du seit Deinem glorreichen Tode neununddreißig Wunder vollbrachtest, nimm von seinen Schultern die Bürde, die darauf lastet. Und möchten wir um dessentwillen in Jahrhunderten von Jahrhunderten, insaecula saeculorum, Dein Loblied singen. Und Friede auf Erden für die guten Buckligen.“
Und die Buckligen sprachen im Chor:
„Wohl, wohl! Friede auf Erden für die guten Buckligen. Gib Frieden den Buckligen, Frieden den Mißgestalteten und Erlaß der Demütigungen. Nimm hinweg, unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“
Der Dechant gebot Ulenspiegel, vom Grabe herunterzusteigen und seinen Buckel am Rande der Platte zu reiben. Ulenspiegel tat also, indem er immerfort „mea culpa confiteor, nimm mir den Buckel,“ sprach. Und er rieb ihn gar trefflich mit Sehen und Wissen der Umstehenden.
Und jene schrien:
„Sehet den Buckel, er senkt sich! Sehet! Er gibt nach! Er wird nach rechts auseinanderfließen. / Nein, er wird in die Brust zurücktreten; Buckel schmelzen nicht, sie gehen in das Gedärm hinunter, von wo sie gekommen sind. / Nein, sie kehren in den Magen zurück, allwo sie achtzig Tage lang als Nahrung dienen. Das ist des Heiligen Gabe für die erlösten Buckligen. / Wohin gehen die alten Buckel?“
Plötzlich stießen die Buckligen allesamt einen lauten Schrei aus, denn Ulenspiegel hatte soeben seinen Buckel zum Platzen gebracht, indem er sich schwer gegen den Rand der Grabplatte stemmte. Alles Blut, so darinnen war, floß in großen Tropfen aus seinem Wams auf die Steinfliesen. Und indem er sich aufrichtete und die Arme ausstreckte, rief er aus:
„Ich bin befreit!“
Und alle Buckligen riefen mitsammen:
„Der heilge Herr Remaclius segnet ihn; das ist für ihn süß und für Euch hart. Herr, nehmet uns unsere Buckel. / Ich bringe Euch ein Kalb dar. / Ich sieben Hammel. / Ich die Jagdbeute des Jahres. / Ich sechs Schinken. / Ich gebe der Kirche meine Hütte. / Nehmet unsere Buckel, heiliger Herr Remaclius!“
Und sie betrachteten Ulenspiegel voller Neid und Scheu. Einer unter ihnen wollte unter sein Wams tasten, doch der Dechant wehrte es ihm.
„Da ist eine Wunde, die nicht ans Licht darf.“
„Ich werde für Euch beten,“ sprach Ulenspiegel.
„Ja, Pilger,“ sagten die Buckligen alle zumal, „ja Herr, der Ihr wieder grade geworden seid; wir haben Eurer gespottet, verzeihet uns, wir wußten nicht, was wir taten. Christus, der Herr, hat am Kreuze verziehen, gewähret auch uns Verzeihung.“
„Ich verzeihe Euch,“ sagte Ulenspiegel wohlwollend.
„So nehmet denn diesen Stüver, genehmigt diesen Gülden, lasset uns Eurer Gradheit diesen Real geben, Euch diesen Crusado anbieten, in Eure Hände diese Karolus legen ...“
„Verberget Eure Karolus wohl,“ sagte Ulenspiegel ganz leise zu ihnen, „auf daß Eure linke Hand nicht wisse, was die rechte tut.“
Also redete er wegen des Dechanten, der die Münzen der Buckligen mit den Augen verschlang, ohne zu sehen, ob es güldene oder silberne waren.
„Euch sei Dank, Geweihter des Herrn,“ sagten die Buckligen zu Ulenspiegel.
Und er nahm stolz ihre Gaben an, wie einer, an dem ein Wunder geschehen.
Aber die Geizigen rieben ihre Buckel am Grabstein, ohne etwas zu sagen.
Am Abend ging Ulenspiegel in eine Schenke, allwo er schwelgte und zechte.
Ehe er sich ins Bett legte, gedachte er, daß der Dechant gewiß seinen Anteil an der Beute heischen würde, wenn nicht alles. Er zählte seinen Gewinst und fand mehr Gold als Silber, sintemalen es gut dreihundert Karolus waren. Er erspähete einen dürren Lorbeerbaum in einem Topf, packte ihn beim Schopf, zog Pflanze und Erde heraus und legte das Gold darunter. Alle halben Gülden, Stüver und Taler aber breitete er auf dem Tisch aus.
Der Dechant trat in die Schenke und stieg zu Ulenspiegel hinauf. Da dieser ihn erblickte, sagte er:
„Herr Dechant, was wollet Ihr von meiner armseligen Person?“
„Ich will nur Dein Bestes, mein Sohn,“ antwortete jener.
„Wehe,“ ächzte Ulenspiegel, „ist es das, was Ihr auf dem Tisch sehet?“
„Das ist es,“ versetzte der Dechant.
Alsdann streckte er die Hand aus und säuberte den Tisch von allem Gelde, das darauf war, und ließ es in einen dazu bestimmten Sack fallen.
Und er gab Ulenspiegel, der zum Schein stöhnte, einen Gülden.
Und er fragte ihn nach den Werkzeugen des Wunders.
Ulenspiegel zeigte ihm die Schollengräte und die Blase.
Der Dechant nahm sie, indes Ulenspiegel jammerte und ihn anflehte, ihm gnädigst mehr zu geben. Der Weg von Bouillon nach Damm, sprach er, sei für ihn armen Wanderer weit, und er würde gewißlich Hungers sterben.
Der Dechant ging von dannen, ohne ein Wort zu sagen.
Als Ulenspiegel allein war, entschlief er mit dem Blick auf den Lorbeerbaum. Am andern Morgen bei Tagesanbruch raffte er seine Beute zusammen, verließ Bouillon und begab sich nach dem Lager des Schweigers. Er überantwortete ihm das Geld und erzählte die Tat mit dem Bemerken, daß dies die wahre Art sei, vom Feinde Kriegskontribution einzutreiben.
Und der Prinz gab ihm zehn Gülden.
Die Schollengräte aber ward in einen kristallenen Reliquienschrein gelegt und zwischen die Arme des Kreuzes am Hauptaltar von Bouillon eingelassen. Und jedermann in der Stadt weiß, daß das, was das Kreuz umschließt, der Buckel des geheilten Lästerers ist.
Da der Schweiger in der Umgegend von Lüttich war, machte er, bevor er die Maas überschritt, Märsche und Gegenmärsche, um den Herzog in seiner Wachsamkeit irre zu führen.
Ulenspiegel tat seine Soldatenpflicht, handhabte trefflich die Radschloßbüchse oder hielt Augen und Ohren offen.
Um jene Zeit kamen vlämische und brabanter Edelleute ins Lager, so mit den Rittern, Obristen und Hauptleuten vom Gefolge des Schweigers lustig lebten.
Bald bildeten sich zwei Parteien im Lager, die unaufhörlich miteinander haderten. Die einen sagten: „Der Prinz ist ein Verräter“; die andern erwiderten, die Ankläger hätten gelogen und sie würden sie ihre Lüge hinunterschlucken lassen. Das Mißtrauen nahm zu wie ein Ölfleck. In Rotten von sechs, acht, zwölf Mann wurden sie handgemein; im Zweikampf fochten sie mit jeder Art von Waffen, selbst mit Hakenbüchsen.
Eines Tages kam der Prinz auf den Lärm hinzu und trat zwischen die beiden Parteien. Eine Kugel riß ihm den Degen von der Seite. Er gebot dem Kampf Einhalt und zeigte sich im ganzen Lager, damit man nicht sagen sollte: „Der Schweiger ist tot, tot ist der Krieg.“
Am folgenden Tag um Mitternacht bei Nebelwetter wollte Ulenspiegel just ein Haus verlassen, darinnen er einem wallonischen Mägdlein vlämische Minnelieder gesungen hatte. Da hörte er an der Tür einer Hütte, neben dem Hause, zu dreien Malen, Rabengekrächz. Anderes Gekrächz antwortete von ferne, dreifach und dreimal nacheinander. Ein Bauer trat auf die Schwelle der Hütte. Ulenspiegel hörte Schritte auf dem Wege.
Zwei Männer, so hispanisch sprachen, kamen zu dem Bauern, der in der nämlichen Sprache zu ihnen sagte:
„Was habet Ihr getan?“
„Gutes Werk,“ sagten sie, „indem wir für den König logen. Dank uns sprechen die mißtrauischen Hauptleute und Soldaten untereinander:
„Aus schnödem Ehrgeiz widersteht der Prinz dem König. Solchergestalt rechnet er, ihm Furcht einzuflößen und Städte und Herrschaften als Friedenspfand zu empfangen. Um fünfhunderttausend Gülden wird er die tapferen Ritter, so für die Lande kämpfen, verlassen. Der Herzog hat ihm völlige Amnestie anbieten lassen mit Versprechen und Eid, ihm und allen hohen Heerführern ihr Vermögen zu erstatten, wenn sie sich unter die Botmäßigkeit des Königs zurückbegeben. Oranien wird allein mit ihnen verhandeln.“
Die Getreuen des Schweigers antworteten uns:
„Anerbieten des Herzogs, hinterlistige Falle, er wird der Herren von Egmont und von Hoorn gedenken und nicht hineingehen. Sie wissen es wohl.“ Kardinal Granvella hat, da er in Rom war, gesagt, als die Grafen gefangen gesetzt wurden:
„Die beiden Gründlinge fängt man, aber den Hecht läßt man leben; man hat nichts gefangen, dieweil der Schweiger noch zu fangen bleibt.“
„Ist die Uneinigkeit im Lager groß?“ fragte der Bauer.
„Die Uneinigkeit ist groß, sie wird mit jedem Tage größer“, sagten sie. „Wo sind die Briefe?“
Sie traten in die Hütte, allwo eine Laterne entzündet wurde. Da sah Ulenspiegel durch eine kleine Luke, wie sie die Siegel von zwei Sendschreiben erbrachen, sich am Lesen ergötzten, Meth tranken und endlich hinausgingen, wobei sie in hispanischer Sprache zu dem Bauern sagten:
„Das Lager gespalten, Orange genommen. Das wird eine gute Limonade sein.“
„Diese dürfen nicht am Leben bleiben,“ sagte Ulenspiegel zu sich. Sie gingen durch den dichten Nebel fort. Ulenspiegel sah, daß der Bauer ihnen eine Laterne brachte, welche sie nahmen.
Da der Schein der Laterne oftmals durch eine schwarze Gestalt verdunkelt ward, so mutmaßte er, daß sie hintereinander schritten.
Er spannte seine Büchse und schoß auf die schwarze Gestalt. Alsbald sah er, daß die Laterne unterschiedliche Male gesenkt und erhoben ward, und hielt dafür, daß einer von beiden gefallen war und der andere zu sehen suchte, welcher Art seine Wunde sei. Er spannte abermals seine Büchse. Sobald die Laterne allein, schnell und schaukelnd in der Richtung auf das Lager zu ging, schoß er zum andern Mal. Die Laterne schwankte, fiel hin, erlosch, und es ward finster.
Er lief zum Lager und sah den Profos mit einer Menge Soldaten, so durch die Schüsse alarmiert waren, herauskommen. Ulenspiegel trat auf sie zu und sprach:
„Ich bin der Jäger; gehet, das Wild aufzuheben.“
„Lustiger Vläme,“ sagte der Profos, „Du redest noch anders als mit der Zunge.“
„Worte der Zunge sind Wind,“ erwiderte Ulenspiegel; „Worte aus Blei bleiben im Körper der Verräter. Aber folget mir.“
Er führte sie mit ihren Laternen an den Ort, wo die Beiden gefallen waren. In der Tat sahen sie sie auf der Erde liegen, der eine war tot, der andre röchelte und hielt die Hand auf der Brust, allwo sich ein Brief fand, den er mit der letzten Lebenskraft zerknüllt hatte.
Sie trugen die Leichname fort, die sie an der Tracht für solche von Edelleuten erkannten. Also gelangten sie mit ihren Laternen zum Prinzen, der just mit Friedrich von Hollenhausen, dem Markgrafen von Hessen und andern Herren ratschlagte.
Von Landsknechten und Reitern in grünen und roten Mänteln gefolgt, kamen sie vor das Zelt des Prinzen und verlangten mit Geschrei, daß er sie vorließe.
Er kam heraus. Alsbald schnitt Ulenspiegel dem Profossen, der sich räusperte und sich anschickte, ihn anzuklagen, das Wort ab.
„Euer Gnaden“, sprach er, „ich habe statt Raben zwei adlige Verräter Eures Gefolges getötet.“
Dann berichtete er, was er gesehen, gehört und getan hätte.
Der Schweiger blieb stumm. Die beiden Leichname wurden durchsucht. Dabei waren zugegen Wilhelm von Oranien, der Schweiger, Friedrich von Hollenhausen, der Markgraf von Hessen, Dieterich von Schoonenbergh, der Graf Albert von Nassau, der Graf von Hoogstraten, Antoine de Lalaing, Gouverneur von Mecheln; desgleichen die Soldaten und Lamm Goedzak, dem sein Bauch innerlich zitterte. Bei den Edelleuten wurden gesiegelte Schreiben von Granvella und Noircarmes gefunden, so sie aufforderten, im Gefolge des Prinzen Zwietracht zu säen, um seine Kriegsmacht um ein Bedeutendes zu verringern, ihn zur Übergabe zu zwingen und ihn dem Herzog auszuliefern, auf daß er seinem Verdienste gemäß enthauptet werde. Die Briefe besagten, daß es nötig sei, fürsichtig und mit versteckten Worten vorzugehen, damit die vom Heer glaubten, daß der Prinz zu seinem alleinigen Vorteil schon einen Vertrag mit dem Herzog gemacht habe. Voller Zorn würden seine Hauptleute und Söldner ihn gefangen nehmen. Als Belohnung war einem jeden von ihnen ein Gutschein für fünfhundert Dukaten auf die Fugger in Antwerpen geschickt. Sie sollten tausend haben, sobald die vierhunderttausend, die man aus Hispanien erwartete, in Seeland angekommen wären.
Nachdem diese Verschwörung aufgedeckt war, wandte sich der Prinz stumm zu den Edelleuten, Rittern und Söldnern um, unter denen viele waren, die ihn beargwöhnten. Er deutete schweigend auf die beiden Leichen und wollte ihnen durch diese Gebärde ihr Mißtrauen vorwerfen. Alle riefen stürmisch:
„Lang lebe Oranien! Oranien ist den Landen treu!“
Sie wollten die Leichname voll Verachtung den Hunden vorwerfen; doch der Schweiger sprach:
„Nicht die Leichname sollt Ihr den Hunden vorwerfen, sondern die Schwachheit des Geistes, die an reinen Absichten zweifeln heißt.“
Und die Ritter und Söldner riefen:
„Es lebe der Prinz! Es lebe Oranien, der Freund der Lande!“
Und ihre Stimmen waren gleich wie ein Donner, der die Ungerechtigkeit bedräuet.
Und der Prinz sagte, auf die Leichname deutend:
„Begrabt sie christlich.“
„Und ich,“ fragte Ulenspiegel, „was wird man mit meinem getreuen Gerippe tun? Habe ich Übles getan, so gebe man mir Schläge; habe ich gut gehandelt, so gebe man mir eine Belohnung.“
Darauf redete der Schweiger und sprach:
„Dieser Scharfschütze soll in meiner Gegenwart fünfzig mit grünem Holz aufgezählt bekommen, maßen er ohne Befehl zwei Edelleute getötet hat, mit dreister Hintansetzung jeglicher Mannszucht. Desgleichen soll er dreißig Gülden haben, weil er gut gesehen und gehört hat.“
„Euer Gnaden,“ versetzte Ulenspiegel, „so man mir erstlich die dreißig Gülden gäbe, würde ich die Schläge mit grünem Holz mit Geduld ertragen.“
„Ja, ja,“ stöhnte Lamm Goedzak, „gebet ihm zuvor die dreißig Gülden, das Übrige wird er mit Geduld ertragen.“
„Und dann,“ sagte Ulenspiegel, „da meine Seele rein ist, habe ich nicht nötig, mit ungebrannter Asche gelaugt und mit Kirschholz gebläut zu werden.“
„Ja,“ stöhnte Lamm Goedzak wiederum, „Ulenspiegel hat nicht nötig, gelaugt und gebläut zu werden. Seine Seele ist rein. Wascht ihn nicht, Ihr Herren, wascht ihn nicht.“
Da Ulenspiegel die dreißig Gülden empfangen hatte, ward dem Stockmeister vom Profos befohlen, sich seiner zu bemächtigen.
„Sehet, Ihr Herren,“ sprach Lamm, „wie kläglich seine Miene ist. Er liebt das Holz mit nichten, mein Freund Ulenspiegel.“
„Ich liebe eine schöne dichtbelaubte Esche zu sehen,“ entgegnete Ulenspiegel, „die in ursprünglicher Jugendkraft in der Sonne wächst. Aber auf den Tod hasse ich diese üblen Holzknüttel, die noch ihren Saft ausbluten, die ohne Äste, Blätter und Zweige sind. Sie sind von wildem Aussehen und rauhen Sitten.“
„Bist Du bereit?“ fragte der Profos.
„Bereit“, wiederholte Ulenspiegel, „bereit wozu? Geschlagen zu werden? Nein, das bin ich nicht und will es nicht sein, Herr Stockmeister. Euer Bart ist rot, und Eure Miene furchtbar; doch ich bin gewiß, Ihr habt ein weiches Herz und liebt es nicht, einen armen Menschen, wie mich, lendenlahm zu machen. Ich muß es Euch sagen, ich mag es nicht sehen noch tun; denn eines Christen Rücken ist ein geweihter Tempel, der, gleich wie die Brust, die Lungen einschließt, durch die wir die liebe Gottesluft einatmen. Von wie nagenden Gewissensbissen würdet Ihr verzehrt werden, dafern ein roher Stockhieb sie mir in Stücke risse.“
„Spute Dich,“ sagte der Stockmeister.
„Euer Gnaden,“ sagte Ulenspiegel zum Prinzen, „es eilt nicht, glaubet mir. Man müßte zuerst diesen Knüttel trocknen lassen, denn man sagt, daß das grüne Holz beim Eindringen in das lebendige Fleisch ihm ein tödliches Gift zuführt. Möchte Eure Hoheit mich dieses häßlichen Todes sterben sehen? Euer Gnaden, ich halte meinen getreuen Rücken zu Eurer Hoheit Diensten; lasset ihn mit Ruten schlagen, mit der Peitsche geißeln. Aber so Ihr mich nicht tot sehen wollt, ersparet mir das grüne Holz, wenn es Euch beliebt.“
„Prinz, begnadigt ihn,“ sagten Herr von Hoogstraten und Dietrich von Schoonenbergh. Die andern lächelten voll Mitleids.
Auch Lamm sagte: „Hoher Herr, begnadigt ihn; das grüne Holz ist reines Gift.“
Darauf sprach der Prinz: „Ich begnadige ihn.“
Ulenspiegel sprang unterschiedliche Male in die Luft, schlug Lamm auf den Bauch, und indem er ihn zu tanzen zwang, sagte er:
„Preise Seine Gnaden mit mir, der mich vom grünen Holz errettet hat.“
Und Lamm versuchte zu tanzen, doch er vermochte es nicht, seines Bauches halber.
Und Ulenspiegel traktierte ihn mit Essen und Trinken.
Dieweil der Herzog keine Schlacht liefern wollte, beunruhigte er ohne Unterlaß den Schweiger, der zwischen Jülich und der Maas durch das platte Land streifte. Er ließ den Fluß allerorten, bei Hondt, Mecheln, Elsen, Meersen ergründen und fand ihn allerorten voll von Fußangeln, um Menschen und Pferde, so ihn durchwaten wollten, zu verwunden.
Bei Stockem fanden die Suchenden keine. Der Prinz befahl hindurchzugehen. Reiter durchritten die Maas und stellten sich in Schlachtordnung am andern Ufer auf, um den Durchgang nach dem Bistum Lüttich zu verteidigen. Dann pflanzten sich zehn Reihen Bogen- und Scharfschützen von einem Ufer zum andern auf, um solchergestalt den Lauf des Flusses zu hemmen. Unter ihnen befand sich auch Ulenspiegel.
Das Wasser reichte bis an die Schenkel und oftmals hob ihn eine tückische Welle in die Höhe, ihn und sein Pferd.
Er sah die Fußsoldaten vorbeiziehen, die ein Säcklein mit Pulver auf dem Hut und ihre Büchsen in der Luft trugen. Dann kamen die Karren, die Hakenbüchsen, die Feuerwerker, die Zündstöcke, Feldschlangen, doppelte Feldschlangen, Falkonetts, Quartierschlangen, halbe Quartierschlangen, doppelte Quartierschlangen, Bombarden, doppelte Bombarden, Kanonen, Mörser, Kammerschlangen, kleine Feldstücke, so auf Protzwagen gelegt und von zwei Pferden gezogen, im Galopp sich bewegen konnten. Sie glichen auf ein Haar denen, die Pistolen des Kaisers genannt wurden. Hinter ihnen kamen die Landsknechte und flandrischen Reiter zum Schutze der Nachhut.
Ulenspiegel suchte einen erwärmenden Trunk. Der Schütze Riesenkraft, ein Hochdeutscher, ein magerer, grausamer Hüne, schnarchte neben ihm auf seinem Schlachtroß und atmete Branntweingeruch aus. Ulenspiegel suchte ein Fläschlein auf der Kruppe seines Pferdes und fand es, mittels einer Schnur wie ein Wehrgehenk umgehängt. Er durchschnitt die Schnur, nahm das Fläschchen und schlürfte wohlgemut daraus. Seine Kameraden, die Schützen, sagten zu ihm:
„Gib uns davon.“
Das tat er. Nachdem der Branntwein ausgetrunken war, knotete er die Schnur des Fläschchens und wollte es wieder auf die Brust des Söldners hängen. Als er den Arm erhob, um solches zu tun, erwachte Riesenkraft. Er nahm das Fläschlein und wollte seine gewohnte Kuh melken. Da er fand, daß sie keine Milch mehr gab, geriet er in großen Zorn.
„Spitzbube, was hast Du mit meinem Branntwein gemacht?“ sprach er.
Ulenspiegel antwortete:
„Ich habe ihn getrunken. Unter durchnäßten Reitern ist der Branntwein eines Einzigen der Branntwein aller. Ein Geizhals ist kläglich.“
„Morgen werde ich Dir im Zweikampf das Fleisch zerstückeln,“ erwiderte Riesenkraft.
„Wir werden uns Köpfe, Beine, Arme und alles zerstückeln. Aber bist Du nicht verstopft, daß Du ein so saures Gesicht machst?“
„Das bin ich,“ erwiderte Riesenkraft.
„Dann mußt Du Dich purgieren und nicht Dich schlagen,“ versetzte Ulenspiegel.
Es ward ausgemacht, daß sie sich am folgendem Tage treffen sollten, jeder nach seinem Belieben beritten und gerüstet, und daß sie einander den Speck mit kurzem, starrem Stoßdegen zerstückeln sollten. Ulenspiegel verlangte für sich, den Stoßdegen durch einen Stock zu ersetzen, welches ihm gestattet ward.
Inzwischen hatten alle Soldaten den Fluß durchschritten und stellten sich auf Kommando der Obristen und Hauptleute in guter Ordnung auf. Alsdann gingen die zehn Reihen Bogenschützen gleichfalls hindurch.
Und der Schweiger sprach:
„Wir wollen auf Lüttich marschieren.“
Ulenspiegel war des froh und rief mit allen Vlamländern:
„Lang lebe Oranien! Auf nach Lüttich!“
Aber die Fremden, sonderlich die Hochdeutschen, sagten, daß sie zu sehr durchnäßt und eingeweicht seien, um zu marschieren. Vergeblich versicherte der Prinz ihnen, daß sie zu einem sicheren Sieg in eine befreundete Stadt gingen. Sie wollten nichts hören, zündeten große Feuer an und wärmten sich samt ihren abgesattelten Pferden.
Der Angriff auf die Stadt ward auf den kommenden Tag verschoben, wo Alba, über den kühnen Durchgang gewaltig erstaunt, durch seine Spione erfuhr, daß die Söldner des Schweigers noch nicht zum Angriff bereit seien.
Daraufhin ließ er Lüttich und das ganze umliegende Land bedrohen, daß er sie mit Feuer und Schwert vertilgen wolle, wenn des Prinzen Freunde dort irgend welchen Aufruhr machten. Gerard von Groesbeke, der bischöfliche Bluthund, ließ seine Söldner gegen den Prinzen rüsten; und er kam durch die Schuld der Hochdeutschen, die Furcht vor etwas nassen Hosen gehabt hatten, zu spät.