Erstes Buch
Zu Damm in Flandern, da der Maimond des Hagedorns Blüten erschloß, ward Ulenspiegel, des Klas Sohn, geboren.
Eine Wehemutter, Katheline genannt, wickelte ihn in Windeln, und da sie seinen Kopf beschaute, wies sie auf ein Häutlein daran. „Glückshäutlein, unter gutem Stern geboren“, sprach sie fröhlich. Doch alsbald jammerte sie und deutete auf ein schwarzes Pünktlein an des Kindes Schulter.
„Wehe,“ weinte sie, „das ist das schwarze Mal vom Teufelsfinger“.
„Meister Satan“, erwiderte Klas, „muß gar früh aufgestanden sein, wenn er schon Zeit hatte, meinen Sohn zu zeichnen“.
„Er hat garnicht geschlafen,“ antwortete Katheline, „denn horch! da weckt erst Kreyant die Hennen“.
Sie legte das Kind in Klasens Hände und ging hinaus.
Da zerriß die Morgenröte das Nachtgewölk; die Schwalben strichen zwitschernd über die Wiesen und die Sonne zeigte ihr blendendes Antlitz purpurn am Himmel.
Klas öffnete das Fenster und sprach zu Ulenspiegel:
„Du Glückskind, schau, da kommt Ihro Gnaden, die Frau Sonne, das Land Flandern zu grüßen. Betrachte Sie, wenn immer Du kannst, und so Du dermaleinst in Zweifel verstrickt bist und nicht weißt, was Du tun sollst, um recht zu handeln, so frage sie um Rat. Sie ist licht und warm. Sei aufrichtig wie sie licht ist, und gut wie sie warm ist“.
„Klas, Mann,“ sagte Soetkin, „Du predigst einem Tauben. Komm und trinke, mein Sohn“.
Und die Mutter bot dem Neugeborenen ihre schönen Naturflaschen.
Dieweil Ulenspiegel mit Lust daran trank, erwachten alle Vöglein auf der Flur. Klas band Reisigbündel zusammen und sah zu, wie sein Gespons Ulenspiegel die Brust gab.
„Weib,“ fragte er, „hast Du Vorrat von dieser guten Milch angeschafft?“
„Die Krüge sind voll,“ sagte sie, „doch das ist nicht genug, mich froh zu machen“.
„Gar kläglich sprichst Du von einem so großen Glück“.
„Ich gedenke,“ sprach sie, „daß sich auch nicht ein elender Heller in der Geldkatze findet, die dort an der Wand hängt“.
Klas nahm den Beutel zur Hand; doch er mochte ihn schütteln, wie er wollte, er hörte kein Geld darin klingen. Da ward er betrübt. Doch er wollte sein Weib trösten und sprach:
„Was sorgst Du Dich? Haben wir nicht den Kuchen im Kasten, den Katheline uns gestern geschenkt hat? Sehe ich nicht ein großes Stück Rindfleisch, welches zum mindesten drei Tage gute Milch für das Kind machen wird? Prophezeit der Sack mit Bohnen, der dorten so hübsch in der Ecke hockt, eine Hungersnot? Ist dies Fäßlein mit Butter ein Hirngespinnst? Sind die Fähnlein und Kompanien von Äpfeln, die in kriegerischen Reihen zu Elfen auf dem Boden aufmarschiert sind, Gespenster? Und hält nicht das brave dicke Fäßlein mit Brügger Kuytbier in seinem Wanst unsere Labung und kündet uns frischen Trunk?“
„Wenn das Kind zur Taufe getragen wird,“ sagte Soetkin, „so müssen wir dem Priester zwei Heller und für den Schmaus einen Gulden geben“.
Indessen trat Katheline mit einem großen Strauß Pflanzen ein.
„Ich bringe dem Glückskind Engelwurz, der bewahrt den Menschen vor Wollust, und Fenchel, der vertreibt den Teufel“.
„Hast Du nicht auch das Kraut, das die Gülden herbeizieht?“ fragte Klas.
„Nein“, sagte sie.
„So will ich sehen, ob es im Kanal keine gibt“.
Er ging mit Netz und Angel von dannen und war sicher, daß er niemanden begegnete, denn es war noch eine Stunde vor Oosterzon: so heißt in Flandern die Sonne um sechs Uhr früh.
Klas ging nach dem Kanal von Brügge, nicht weit vom Meere. Da tat er den Köder an die Angel, warf sie aus und ließ das Netz hinab. Ein wohlgekleideter Bursche saß am anderen Ufer und schlief wie ein Klotz auf einem Haufen Muscheln.
Bei dem Lärm, welchen Klas machte, erwachte er und wollte davonlaufen, denn er fürchtete, es möchte ein Gemeinbüttel sein, der ihn von seinem Lager forttreiben und zum Steen bringen wollte, wegen unerlaubten Vagierens.
Doch seine Furcht schwand, da er Klas erblickte und dieser ihm zuschrie:
„Willst Du sechs Deut verdienen, so treibe den Fisch hierher.“
Der Bursche, der schon ein aufgeblähtes Bäuchlein hatte, ging ins Wasser, nahm einen Büschel großen Schilfrohrs und trieb die Fische zu Klas.
Nach vollbrachtem Fischfang zog Klas Netze und Angelschnur heraus, ging über die Schleuse und kam zu dem Buben.
„Du bist der,“ sprach er, „welcher Lamm getauft ist und ob seiner Sanftmut Goedzak genannt wird, und wohnst in der Reiherstraße hinter der Frauenkirche. Wie geschah es, daß Du so jung und so wohlgekleidet bei Mutter Grün Obdach suchest?“
„Ach, Herr Kohlenträger“, antwortete das Büblein, „ich habe daheim eine Schwester, die ist ein Jahr jünger denn ich und prügelt mich weidlich beim kleinsten Anlaß. Ich aber wage nicht, es ihr auf dem Rücken heimzuzahlen, denn ich würde ihr wehe tun, Herr. Gestern beim Nachtmahl war ich sehr hungrig und wischte mit den Fingern den Boden einer Schüssel aus, darin Rindfleisch mit Bohnen gewesen. Sie aber wollte auch ihr Teil haben, und es war doch nicht mal genug für mich, Herr. Da sie nun sah, wie ich mir den Mund leckte, weil die Tunke so wohl schmeckte, ward sie schier rasend und gab mir aus Leibeskräften so gewaltige Maulschellen, daß ich ganz zerschlagen von dannen lief.“
Klas fragte ihn, was seine Eltern während der Prügelei getan hätten. Da antwortete Lamm Goedzak:
„Mein Vater schlug mich auf die eine Schulter und die Mutter auf die andere und sagten dabei: Räche Dich, Du Memme! Doch ich mochte kein Mägdlein schlagen und lief davon“.
Plötzlich ward Lamm bleich und erbebte am ganzen Leibe. Und Klas sah eine große Frau des Weges kommen, und ihr zur Seite ging ein mageres Dirnlein von bösem Aussehen.
„Ach!“ sagte Lamm und hielt Klas bei den Hosen fest, „da kommt meine Mutter und meine Schwester, mich zu holen. Beschirme mich, Meister Kohlenträger!“
„Warte“, sprach Klas. „Nimm zuvor diese sieben Heller zum Lohn und laß uns sonder Furcht zu ihnen gehen“.
Da die beiden Weiber Lamm sahen, liefen sie auf ihn zu und wollten ihn beide schlagen, die Mutter, weil sie sich geängstigt hatte, und die Schwester, weil sie es gewohnt war.
Lamm verbarg sich hinter Klas und schrie:
„Ich habe sieben Heller verdient, schlagt mich nicht!“
Doch die Mutter umhalste ihn schon, dieweil das Mägdlein mit Gewalt Lamms Hände öffnen wollte, sein Geld zu bekommen. Er aber schrie:
„Es ist mein, Du sollst es nicht haben!“
Und er hielt die Fäuste fest zu.
Klas aber schüttelte das Mägdlein derb bei den Ohren und sprach zu ihr:
„Wenn es noch einmal geschieht, daß Du Händel mit Deinem Bruder suchst, welcher gut und sanft ist wie ein Lamm, so werde ich Dich in ein schwarzes Kohlenloch stecken, und da werde nicht ich Dich bei den Ohren zupfen, sondern der rote Teufel aus der Höllen, der wird Dich mit seinen großen Klauen und seinen Zähnen wie Heugabeln in Stücke reißen“.
Bei dieser Rede wagte das Mägdlein Klas nicht mehr anzublicken noch Lamm zu nahen, und suchte Schutz hinter dem Rücken der Mutter. Als sie aber in die Stadt kamen, schrie sie allerorten:
„Der Kohlenträger hat mich geschlagen; er hat den Teufel in seinem Keller“.
Fortan schlug sie Lamm nicht mehr; doch als sie groß war, ließ sie ihn ihre Arbeit verrichten und der gute Tropf tat es gern.
Klas hatte seinen Fang unterwegs an einen Pächter verkauft, der ihn ihm abzunehmen pflegte. Als er heimkehrte, sprach er zu Soetkin:
„Dieses fand ich im Bauche von vier Hechten, neun Karpfen und einen Korb voll Aale“. Und er warf zwei Gulden und einen Heller auf den Tisch.
„Was gehst du nicht täglich auf den Fischzug, Mann?“ fragte Soetkin.
Klas gab zur Antwort: „Damit ich nicht selber zum Fisch werde für die Netze des Gemeinbüttels“.
Ulenspiegels Vater ward in Damm Klas der Kohlenträger genannt. Er hatte schwarzes Haar, feurige Augen, und seine Haut war von der Farbe seiner Ware, außer an Sonn- und Feiertagen, allwo es reichlich Seife in der Hütte gab. Er war klein, vierschrötig und stark und hatte ein lustiges Antlitz. Wenn er nach dem Tagewerk bei sinkender Nacht in einer Schänke am Wege nach Brügge einkehrte, um sich die schwarze Kohle mit Kuyt aus der Kehle zu spülen, riefen alle Frauen, die auf den Türschwellen frische Luft schöpften, ihm freundwillig zu:
„Guten Abend und klares Bier, Kohlenträger“.
„Guten Abend und einen wachsamen Mann“, gab Klas zum Bescheid.
Die Mägdlein, die zuhauf von den Feldern heimkehrten, stellten sich alle vor ihn hin und sprachen zu ihm:
„Was zahlst Du als Wegzoll: ein scharlachnes Band, einen Goldring, Sammetschuhe oder einen Gülden in die Gürteltasche?“
Doch Klas faßte sie um die Hüften und küßte sie auf Wangen und Hals, oder was sonst seinem Munde am nächsten war. Dann sprach er:
„Den Rest, ihr Schätzchen, den Rest fordert von Eurem Liebsten“.
Und sie gingen laut lachend von dannen.
Die Kinder kannten Klas an seiner derben Stimme und am Klappern seiner Schuhe. Sie liefen ihm entgegen und sprachen:
„Guten Abend, Kohlenträger!“
„Gott gebe Euch ein gleiches, Ihr Engelein“, sprach Klas. „Doch kommt mir nicht nahe, auf daß ich Euch nicht zu Mohrenkindern mache“.
Doch die Kleinen waren keck und kamen heran. Da griff er eines am Wams, rieb das rosige Mäulchen mit seinen Händen ein und ließ das Kind, welches trotzdem lachte, zur großen Freude aller andern entlaufen.
Soetkin, Klasens Frau, war ein braves Weib, früh auf wie das Morgenrot und emsig wie eine Ameise.
Klas und sie bestellten zu zweit ihre Felder und spannten sich gleich Ochsen vor den Pflug. Gar mühevoll war das Ziehen, doch noch schwerer die Egge, wenn das ländliche Werkzeug mit seinen hölzernen Zähnen die harten Schollen zerreißen sollte. Sie taten es gleichwohl fröhlichen Mutes und sangen ein altes Liedchen dabei.
Und es half der Erde nichts hart zu sein; umsonst warf die Sonne ihre heißesten Strahlen auf sie. Und ob sie auch ihre Lenden grausam anstrengen mußten, wenn sie mit gebogenen Knien die Egge schleppten: sobald sie stillhielten und Soetkin ihr sanftes Antlitz zu Klas wandte, und Klas küßte diesen Spiegel einer zärtlichen Seele, so vergaßen sie der großen Mühsal.
Tags zuvor war an den Fenstergittern des Stadthauses ausgerufen, es solle gebetet werden für Ihre Majestät, Kaiser Karls Gemahlin, die schwanger war, daß sie bald niederkäme.
Am ganzen Leibe zitternd, trat Katheline bei Klas ein.
„Was ficht Dich an, Gevatterin?“ fragte der Biedermann.
„Wehe!“ antwortete sie in abgerissenen Worten. „Diese Nacht / Geister, die Menschen mähten wie Schnitter das Gras / Mägdlein lebendig begraben; auf ihrem Leib tanzte der Henker! Der Stein, der seit neun Monden Blut geschwitzt hat, diese Nacht geborsten.“
„Erbarm Dich unser! Erbarm Dich unser, Herr Gott!“ stöhnte Soetkin, „das ist eine üble Vorbedeutung für das Land Flandern.“
„Sahest Du das mit Deinen Augen oder im Traume?“ fragte Klas.
„Mit meinen Augen“, erwiderte Katheline.
Bleich wie der Tod und mit Thränen hub sie wieder an:
„Zwei Kindlein sind geboren, eins in Hispanien, das ist das Kind Philipp, das andre im Lande Flandern, das ist des Klas Sohn, so dereinst Ulenspiegel genannt wird. Philipp wird ein Henker werden, denn er ist erzeugt von Kaiser Karl, dem Mörder unsres Landes. Ulenspiegel wird ein großer Meister in lustigen Reden und Bubenstreichen sein, aber er wird ein gutes Herz haben, denn er hat Klas zum Vater gehabt, einen wackeren Arbeitsmann, der in Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Leutseligkeit sein Brot zu verdienen weiß. Karl der Kaiser und Philipp der König werden hoch zu Roß durchs Leben reiten und mit Schlachten, Erpressungen und andrem Verbrechen Unheil stiften. Klas, der die ganze Woche arbeitet, nach Recht und Gesetz lebt und lacht, statt bei seiner harten Arbeit zu weinen, wird das Vorbild der guten Flandrischen Arbeiter sein.
„Ulenspiegel wird den Tod nicht sehen und allzeit jung sein; er wird die Welt durchwandern und an keinem Orte sich festsetzen. Er wird Bauer, Edelmann, Maler und Bildhauer sein / alles mit einander. Und also wird er die Welt durchwandern, gute und schöne Dinge loben, und der Dummheit aus voller Kehle spotten. Klas ist Dein Mut, edles flämisches Volk, Soetkin Deine tapfre Mutter, Ulenspiegel Dein Witz, ein artig und lieblich Mägdlein, des Ulenspiegel Genossin und gleich ihm unsterblich, wird Dein Herz sein, und ein dicker Bauch, Lamm Goedzak, Dein Magen. Oben werden die Menschenvertilger sein, unten die Opfer; oben diebische Drohnen, unten emsige Bienen, und im Himmel werden Christi Wunden bluten.“
Nach solchen Worten entschlief Katheline, die gute Zauberin.
Ulenspiegel ward zur Taufe getragen; plötzlich fiel ein Platzregen, der ihn schier durchnäßte. Also ward er zum ersten Male getauft.
Da er in die Kirche kam, hieß der Küster und Schulmeister Eltern und Paten sich um das Taufbecken stellen, welches geschah.
Doch im Gewölbe über dem Taufbecken hatte ein Maurer ein Loch gemacht, um allda eine Lampe an einem Stern von vergüldetem Holz aufzuhängen. Da er von oben die Paten stocksteif um das Taufbecken stehen sah, auf welchem der Deckel noch ruhte, goß er durch das Loch in der Wölbung voller Tücke einen Kübel Wassers, also daß dieses auf den Deckel stürzte und ein gewaltig Spritzen geschah. Ulenspiegel bekam das größte Teil davon. Und also ward er zum andern Male getauft.
Der Dechant kam und sie führten Klage bei ihm; er aber sagte, sie sollten sich sputen und es wäre ein Zufall. Ulenspiegel zappelte wegen des Wassers, das auf ihn gefallen war. Der Dechant gab ihm Salz und Wasser und nannte ihn Thylbert, das heißt „reich an Bewegungen.“ So ward er zum dritten Male getauft.
Da sie die Frauenkirche verlassen, gingen sie in die Lange Gasse und kehrten gegenüber der Kirche in den „Rosenkranz der Flaschen“ ein, an welchem ein Krug das Credo bildete. Dort tranken sie siebzehn Kannen Doppelbier und noch mehr. Denn solches ist der rechte Brauch in Flandern, daß man im Bauche ein Feuer anzündet, um durchnäßte Leute zu trocknen. So ward Ulenspiegel zum vierten Male getauft.
Da sie nun heim taumelten und ihr Kopf schwerer war denn ihr Körper, kamen sie an einen Steg, der über ein Wasser gelegt war. Katheline, die Pathin war und das Kind trug, tat einen Fehltritt und fiel mit Ulenspiegel in die Lache. Also ward er zum fünften Male getauft.
Doch man zog ihn aus dem Pfuhle, um ihn in Klasens Hause mit warmem Wasser zu waschen; und das war seine sechste Taufe.
Am selbigen Tage beschloß seine Heilige Majestät, Kaiser Karl, glänzende Feste zu geben, um die Geburt seines Sohnes fürstlich zu feiern. Er beschloß gleich Klas auf den Fischzug zu gehen, doch nicht in einem Kanal, sondern in den Gürteltaschen und Geldkatzen seiner Völker. Denn daraus ziehen die fürstlichen Angelruten Crusados, Silberdaelders und Löwentaler, und alle diese wundersamen Fische wandeln sich nach Belieben des Fischers in Sammet, Kleider, kostbare Juwelen, erlesene Weine und feine Speisen. Denn die fischreichsten Flüsse sind nicht die, so das meiste Wasser führen.
Da er nun seine Räte um sich versammelt hatte, bestimmte seine Heilige Majestät, daß der Fischzug wie folgt ausgeführt würde: Seine Hoheit der Infant sollte in der neunten oder zehnten Stunde zur Taufe getragen werden. Um ihre große Freude darzutun, sollten die Einwohner von Valladolid die ganze Nacht durch Schmausereien und Gelage halten, alles auf ihre Kosten, und auf dem Marktplatz Geld für die Armen streuen.
An fünf Straßenecken sollte ein großer Springbrunnen sein und bis Tagesanbruch gewöhnlichen Wein in Strömen hervorsprudeln, welchen die Stadt bezahlte. An fünf anderen Ecken sollten an hölzernen Gerüsten kleine Würste, ferner Schlack-, Leber- und Knackwürste, Ochsenzungen und andre Fleischarten aufgehängt werden, desgleichen zu Lasten der Stadt.
Die Bürger von Valladolid sollten da, wo der Zug vorbeikommen mußte, auf ihre Unkosten eine große Zahl von Triumphbögen errichten, welche den Frieden, das Glück, den Überfluß und das günstige Geschick darstellten, sowie jegliche Himmelsgabe, womit sie unter der Herrschaft seiner Kaiserlichen Majestät überschüttet worden.
Endlich sollten außer diesen Friedensbögen etliche andere aufgerichtet werden, an welchen in lebhaften Farben weniger milde Sinnbilder zu sehen waren, als das sind: Adler, Löwen, Lanzen, Hellebarden, Spieße mit glänzender Zunge, Hakenbüchsen, Kanonen, Feldschlangen mit großem Rachen und andre Maschinen, so die kriegerische Macht und Stärke seiner heiligen Majestät versinnbildlichen sollten.
Was die Lichter zum Erleuchten der Kirche betraf, so sollte es der Gilde der Wachszieher verstattet sein, zwanzigtausend Kerzen ohne Entgelt herzustellen, und was davon nicht verbrannt ward, das sollte dem Domkapitel zufallen.
Was aber die anderen Ausgaben betraf, so wollte der Kaiser sie gerne bestreiten und solchergestalt seinen guten Willen zeigen, seinen Völkern nicht allzugroße Lasten aufzulegen.
Als die Gemeine dies Gebot auszuführen trachtete, traf von Rom her klägliche Kunde ein. Oranien, Alençon und Frundsberg, des Kaisers Hauptleute, waren in die heilige Stadt gedrungen und hatten allda Kirchen, Kapellen und Häuser eingeäschert und ausgeplündert und niemand geschont, nicht die Priester und Klosterfrauen noch die Weiber und Kinder. Der heilige Vater war gefangen worden. Seit einer Woche währte das Plündern, und Reiter wie Lanzknechte durchstreiften die Stadt, übersättigt von Speise und berauscht vom Trinken. Sie schwangen ihre Waffen, suchten die Kardinäle und drohten, sie würden ihnen genug ins Fell schneiden, daß sie nie Päpste würden. Andre, so diese Drohung bereits ausgeführt hatten, stolzierten in der Stadt umher und trugen Rosenkränze auf der Brust, mit achtundzwanzig und mehr Kugeln, groß wie Nüsse und ganz blutig. Manche Straßen waren gleich roten Bächen, darinnen die nackten Leiber der Toten lagen.
Etliche sagten, der Kaiser, dieweil er Geld brauchte, hätte solches im geistlichen Blut fischen wollen; und da er von dem Vertrage, den seine Hauptleute dem gefangenen Papst auferlegt hatten, Kenntnis erhalten, so zwang er ihn, die festen Plätze seiner Staaten zu übergeben, 400 000 Dukaten zu bezahlen und solange im Gefängnis zu bleiben, bis alles vollführt sei.
Jedoch der Schmerz seiner Majestät war groß, und er sagte alle Vorbereitungen zu Freude, Festen und Lustbarkeiten ab und gebot den Herren und Damen seines Hofes, Trauer anzulegen. Und der Infant ward in seinen weißen Windeln getauft, welches die Windeln königlicher Trauer sind. Solches legten die Herren und Damen als üble Vorbedeutung aus.
Dem ohngeachtet stellte die Frau Amme den edlen Herren und Damen des Palastes den Infanten dar, auf daß sie ihm nach dem Brauche Wünsche und Gaben darbrächten.
Madonna de la Coena hing ihm einen schwarzen Stein wider das Gift um den Hals, von der Form und Größe einer Nuß, mit güldener Schale. Madame de Chauffade knüpfte ihm an einen seidenen Faden, der bis auf den Magen hing, eine Haselnuß an, welche die gute Verdauung der Speisen befördert. Messire van der Steen aus Flandern brachte ihm eine Genter Wurst dar, fünf Ellen lang und eine halbe dick, und wünschte seiner Hoheit ehrerbietigst, daß sie bei dem bloßen Geruche gut gentischen Durst nach Clauwaert verspürte; denn er sagte, wer das Bier einer Stadt gern trinkt, der kann dessen Brauer nicht hassen. Der Herr Stallmeister Jakob Christoph von Castilien ersuchte seine Hoheit den Infanten, an seinen Füßlein grünen Jaspis zu tragen, damit er gut laufen könnte. Jan de Paepe, der Narr, der dabei war, sprach: „Messire, gebt ihm lieber die Posaune Jerichos, bei deren Schall alle Städte eilends vor ihm davonlaufen, mitsamt ihren Einwohnern, Männern, Weibern und Kindern, um sich andernorts niederzulassen. Denn Seine Hoheit soll nicht selbst laufen lernen, sondern andre laufen lassen.“
Die trauernde Wittib des Floris van Borsele, welcher Herr von Veere und Seeland gewesen, gab Herrn Philipp einen Stein, welcher, so sprach sie, die Männer verliebt und die Frauen untröstlich machte.
Doch der Infant blökte wie ein Kalb.
Indessen steckte Klas seinem Sohn eine Klapper von Weidengeflecht mit Schellen daran in die Hände, und dieweil er Ulenspiegel auf seiner Hand tanzen ließ, sprach er: „Glöcklein, Glöcklein, Klinglingling. Möchtest Du deren immerdar an Deinem Barett haben, kleiner Mann, denn den Narren gehört die Welt.“
Und Ulenspiegel lachte.
Klas hatte einen großen Lachs gefangen; der ward eines Sonntags von ihm, Soetkin, Katheline und dem kleinen Ulenspiegel verspeist. Aber Katheline aß nicht mehr denn ein Vogel.
„Gevatterin,“ sprach Klas zu ihr, „ist die Luft in Flandern dermalen so kräftig, daß Du sie nur einzuatmen brauchst, um satt zu werden wie von einem Fleischgericht? Wann wird man so leben? Wenn die Regengüsse gute Suppen wären, wenn es Bohnen hagelte und der Schnee, in himmlisches Hackfleisch verwandelt, die armen Wanderer labte.“
Katheline schüttelte den Kopf und sprach kein Wort.
„Seh einer das betrübte Weib! Was macht ihr Kummer?“
Da sagte Katheline mit einer Stimme, die gleich einem Hauch war:
„Der Böse / wenn Nacht schwarz herabsinkt / Ich höre, wie er sein Kommen ankündigt / schreiend wie ein Fischadler. / Schaudernd bet' ich zur Heiligen Jungfrau / vergebens. / Für ihn nicht Mauern noch Zäune, nicht Türen noch Fenster; dringt überall hin wie ein Geist. / Die Leiter kracht. / Er ist bei mir auf dem Boden, wo ich schlafe, / faßt mich mit seinen kalten Armen, hart wie Marmelstein. / Eisiges Gesicht, Küsse feucht wie Schnee, / Die Erde wankt und die Hütte schwankt, wie ein Nachen auf stürmischer See.“
„Mußt jeden Morgen zur Messe gehen,“ riet Klas, „damit der Herr Jesus Dir die Kraft gibt, den Spuk, der von da unten gekommen ist, zu vertreiben.“
„Er ist so schön,“ sagte sie.
Da Ulenspiegel entwöhnt war, wuchs er wie eine junge Pappel. Nun küßte Klas ihn nicht mehr so oft, sondern liebte ihn in derber Weise, auf daß er nicht weichlich würde.
Wenn Ulenspiegel heimkehrte und Klage führte, daß sie ihn bei einem Streit durchgebläut hätten, schlug Klas ihn aufs Neue, weil er die andren nicht geschlagen; und also erzogen, ward Ulenspiegel kühn wie ein junger Leu.
Wenn Klas nicht daheim war, bat Ulenspiegel die Mutter um einen Heller, um spielen zu gehen. Soetkin ward bös und sprach: „Was brauchst Du zu spielen! Du tätest besser, daheimzubleiben und Reisig zu schnüren.“
Wenn Ulenspiegel sah, daß er nichts kriegte, schrie er wie ein Adler; doch Soetkin vollführte mit Kesseln und Töpfen, die sie in einer Holzbütte wusch, einen großen Lärm und tat, als hörte sie nichts. Alsdann weinte Ulenspiegel, und die schwache Mutter ließ die gespielte Härte fallen, kam zu ihm, liebkoste ihn und sprach: „Hast Du an einem Heller genug?“ Nun aber wißt Ihr, daß der Heller sechs Deut galt.
Solchermaßen liebte sie ihn zu sehr, und wenn Klas nicht daheim war, so war Ulenspiegel König im Hause.
Eines Morgens sah Soetkin, wie Klas in der Küche gesenkten Hauptes umherlief, gleich einem in Gedanken verlorenen Menschen. „Was plagt Dich, Mann?“ fragte sie. „Du bist blaß, zornmütig und zerstreut.“
Da antwortete er mit leiser Stimme wie ein knurrender Hund:
„Sie wollen die grausamen Anschläge des Kaisers erneuern. Der Tod wird aufs Neue über dem Lande Flandern schweben. Den Angebern wird die Hälfte von der Habe der Opfer versprochen, wenn das Vermögen nicht mehr ist als hundert Karolustaler.“
„Wir sind arm,“ sagte sie.
„Arm“, sprach er, „doch nicht genug. Es gibt schlechte Menschen, Geier und Raben, die leben von Leichen und würden uns ebenso gern anzeigen, um mit Seiner Heiligen Majestät einen Korb Kohlen wie einen Sack Karolustaler zu teilen. Was besaß die arme Tannecker, die Wittib des Schneiders Sis, die zu Heyst lebendig verbrannt ward? Eine lateinische Bibel, drei Goldgülden und etlichen Hausrat von englischem Zinn, wonach es ihre Nachbarin gelüstete. Johanna Martens ward als Hexe verbrannt und zuvor ins Wasser geworfen, denn ihr Körper schwamm obenauf und das galt für ein Zeichen von Zauberei. Sie hatte ein paar armselige Stücke Hausrat und sieben Goldkarolus in der Geldkatze, und der Angeber wollte die Hälfte davon haben. Ach, so könnte ich bis morgen noch mit Dir sprechen. Aber gestehe es, Weib, das Leben in Flandern ist nicht mehr lebenswert wegen der Anschläge. Bald wird jegliche Nacht der Karren des Todes durch die Stadt fahren, und wir werden hier hören, wie das Gerippe darin mit den Knochen klappert.“
Soetkin sprach: „Du mußt mich nicht bange machen, Mann. Der Kaiser ist der Vater von Flandern und Brabant und als solcher voll Langmut, Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit“.
„Er würde zuviel dabei verlieren, denn er lebt von den eingezogenen Gütern“.
Plötzlich erscholl die Trompete, und die Zimbeln des Stadtherolds dröhnten. Klas und Soetkin nahmen Ulenspiegel abwechselnd auf den Arm und liefen mit dem Volkshaufen dem Lärm nach. Sie kamen vor das Stadthaus. Daselbst hielten zu Pferde die Herolde, so die Trompete bliesen und die Becken schlugen. Der Profoß hatte die Rute der Gerechtigkeit und der Amtmann hielt im Sattel mit beiden Händen eine kaiserliche Verordnung und schickte sich an, sie dem versammelten Volke vorzulesen.
Klas verstand wohl, daß es fortan verboten sei, für Alle im Allgemeinen und im Besonderen, zu drucken, zu lesen, zu haben oder zu unterstützen die Schriften, Bücher und Lehre von Martin Luther, Johann Wykliff, Johannes Huß, Marcilius von Padua, Öcolampadius, Ulrich Zwingli, Philippus Melanchthon, Franciscus Lambertus, Johannes Bugenhagen, Johannes Pomeranus, Otto Brunselsius, Justus Jonas, Johannes Puperis und Gorcianus, desgleichen die neuen Testamente gedruckt von Adrian de Berghe, Christoph von Remonda und Johannes Zel, die voll lutherischer und anderer Ketzereien, auch von der theologischen Fakultät der Universität Löwen verworfen und verdammt waren. „Noch gleichermaßen zu malen und abzukonterfeien, noch malen oder abkonterfeien zu lassen schändliche Schildereien oder Bildnisse von Gott und der Heiligen Jungfrau Maria, oder zu zerreißen, zu zerbrechen und auszulöschen die Bilder oder Malereien, die zur Ehre, zur Erinnerung oder zum Gedächtnis Gottes und der Jungfrau Maria oder der von der Kirche anerkannten Heiligen gemacht sind“.
„Des weiteren,“ sagte die Verordnung, „daß niemand, welches Standes er sei, sich unterfange, die heilige Schrift mitzuteilen noch darüber zu disputieren, selbst in zweifelhafter Sache, wenn anders er nicht ein wohl beleumdeter und von einer berühmten Universität anerkannter Theologe ist“.
Seine Heilige Majestät setzte unter anderen Strafen fest, daß die Verdächtigen niemals ein Ehrenamt ausüben dürften. Was die Rückfälligen oder in ihrem Irrtum Beharrenden beträfe, so sollten sie verurteilt werden, bei langsamem oder raschem Feuer verbrannt zu werden, nach Ermessen des Richters in einer Strohhütte oder an einen Pfahl gebunden. Die anderen, so sie adlich oder gute Bürger wären, sollten durch das Schwert hingerichtet werden, die Bauern am Galgen, die Frauen in der Grube. Ihre Köpfe sollten zur Warnung auf Pfähle gespießt werden. Zu Gunsten des Kaisers sollten die Güter aller dieser Personen eingezogen werden, sofern sie sich an den der Einziehung unterworfenen Orten befanden.
Seine Heilige Majestät gewährte den Angebern die Hälfte aller Habe der Gerichteten, wenn sich ihr Besitz nicht auf hundert Goldgülden in Flandrischer Währung beliefe. Was des Kaisers Anteil beträfe, so behielte er sich vor, ihn für fromme und barmherzige Werke zu verwenden, wie er es bei der Plünderung Roms getan.
Klas ging mit Soetkin und Ulenspiegel von dannen.
Dieweil das Jahr gut gewesen, kaufte Klas für sieben Gülden einen Esel und neun Scheffel Erbsen und bestieg eines Morgens sein Reittier. Ulenspiegel saß hinten auf. In diesem Aufzuge wollten sie ihren Oheim und älteren Bruder Jobst Klas besuchen, der nicht fern von Meyborg in Deutschland wohnte.
Jobst war in jungen Jahren schlichten und sanften Sinnes gewesen, doch wunderlich geworden, nachdem er unterschiedliche Unbill erduldet. Sein Blut wandelte sich in schwarze Galle; er faßte einen Haß gegen die Menschen und lebte wie ein Einsiedel. Es war ihm jetzt eine Lust, zwei sogenannte getreue Freunde sich prügeln zu lassen, und er gab Dem drei Heller, der den andern am heftigsten durchgewalkt hatte. Auch liebte er es, die ältesten und zänkischesten Weiber in einem wohlgeheizten Saale in großer Zahl zu versammeln, und gab ihnen geröstetes Brot und Würzwein zu trinken. Solchen, die über sechzig alt waren, gab er Wolle in irgend einer Ecke zu stricken und empfahl ihnen überdies, ihre Nägel nur immer wachsen zu lassen. Und es war wundersam, das Gurgeln und Schnalzen der Zungen, das boshafte Geklätsch, das Husten und rauhe Ausspeien dieser alten Vogelscheuchen zu hören, welche, die Strickscheide unter der Achsel, gemeinsam die Ehre des Nächsten zerpflückten.
Wenn Jobst nun sah, daß sie recht im Zuge waren, warf er eine Bürste ins Feuer, und wenn sie brannte, war die Luft plötzlich voll Gestank. Alsbald schrieen die Weiblein alle mitsamt und ziehen einander, die Ursache des Gestankes zu sein. Da aber alle die Tatsache leugneten, packten sie sich bald bei den Haaren, und Jobst warf noch mehr Bürsten ins Feuer und geschnittene Roßhaare auf den Boden. Wenn er nichts mehr zu sehen vermochte, dieweil das Handgemenge so wütend, der Rauch so dicht war und den Staub aufwirbelte, so holte er zwei seiner Knechte, als Gemeinbüttel verkleidet; die trieben die Alten mit starken Gertenhieben aus dem Saale, gleich einer Herde wütender Gänse. Und Jobst, der das Schlachtfeld besichtigte, fand darauf Fetzen von Röcken, Schuhen und Hemden, auch alte Zähne. Und gar schwermütig sprach er zu sich: „Mein Tag ist verloren; keine unter ihnen hat im Handgemenge ihre Zunge eingebüßt“.
Als Klas das Weichbild von Meyborg erreichte, ritt er durch ein kleines Holz; der Esel fraß unterwegs Disteln und Ulenspiegel warf eine Kappe nach den Schmetterlingen und fing sie wieder auf, ohne den Rücken des Grautiers zu verlassen. Klas verspeiste eine Schnitte Brot und gedachte sie in der nächsten Schänke anzufeuchten. Da hörte er von fern ein Glöcklein erklingen und den Lärm vieler Menschen, die mit einander sprachen. „Das ist irgend eine Wallfahrt,“ sprach er, „und die Herren Pilger sind ohne Zweifel reich an Zahl. Halte Dich fest auf dem Langohr, auf daß sie Dich nicht herunterreißen. Wir wollen es uns besehen. Holla, Grauer, spüre meine Fersen!“
Und der Esel lief hurtig.
Er ließ das Gehölz hinter sich und kam in eine weite Ebene hinab, die gen Westen ein Fluß begrenzte. Gen Osten war eine kleine Kapelle erbaut; auf ihrem Giebel ragte ein Bild unserer lieben Frauen; zu ihren Füßen aber stunden zwei kleine Figuren, die beide eines Stieres Bild nachahmten. Auf den Stufen der Kapelle standen lachend ein Eremit, der die Glocke läutete, fünfzig Burschen, die jeder eine brennende Kerze trugen, sowie Spieler, Bläser und Schläger von Trommeln, Trompeten und Pfeifen, Schalmeyen und Dudelsäcken und ein Häuflein lustiger Gesellen, die mit beiden Händen eiserne Kästen voll alten Eisens hielten; doch alle waren in jenem Augenblicke still.
Fünftausend Pilger und mehr kamen zu sieben in engen Reihen des Weges; sie hatten Helme auf dem Kopf und trugen Stöcke von grünem Holz. Wenn neue hinzukamen, desgleichen bewehrt und behelmt, so reihten sie sich mit großem Lärm hinter die andern. Dann schritten sie, sieben Mann hoch, an der Kapelle vorbei, ließen ihre Knüppel segnen, empfingen männiglich aus den Händen der Burschen eine Kerze und entrichteten dafür dem Einsiedel einen halben Gulden. Und der Zug war so lang, daß die Kerzen der ersten schon am Ende des Dochtes waren, dieweil die der letzten schier in allzuviel Talg erloschen.
Dermaßen sahen Klas, Ulenspiegel und der Esel ganz verblüfft eine große Mannigfaltigkeit von Bäuchen an sich vorbeiziehen, dicke, hohe, lange, spitze, stolze, feste oder solche, die schlaff auf ihre natürlichen Stützen hinabfielen.
Und alle Pilger waren behelmt. Die einen trugen Helme, die aus Troja kamen und phrygischen Mützen glichen; andre waren mit roten Haarbüschen geziert; etliche, ob sie gleich pausbäckig oder dickbäuchig waren, trugen Helme mit ausgespannten Flügeln, dachten aber nicht ans Fliegen. Dann kamen solche, die mit Lattichköpfen geschmückt waren, welche die Schnecken ob der wenigen Blätter verschmäht hatten. Aber die Mehrzahl trug so alte und rostige Helme, daß sie aus den Tagen Gambrini, des Königs des Biers und von Flandern, zu stammen schienen, welcher König neunhundert Jahre vor unserem Herrn lebte und ein Schoppenmaß auf dem Haupte trug, auf daß er aus Mangel an einem Becher nicht zum Dürsten gezwungen würde.
Plötzlich klangen, ächzten, donnerten, schlugen, kreischten, lärmten und klirrten Glocken, Dudelsäcke, Schalmeyen, Trommeln und Eisenstücke. Dieser heidnische Lärm war ein Zeichen für die Pilger; sie drehten sich um, stellten sich in Rotten von sieben gegeneinander und warfen sich die brennende Kerze zur Herausforderung ins Gesicht, welches großes Niesen verursachte. Dann regnete es grünes Holz. Und sie schlugen aufeinander mit Füßen, Köpfen, Fersen und allem. Etliche stürzten sich nach der Weise von Widdern auf ihr Widerpart, mit dem Helme voran, also daß sie bis an die Schulter darinnen saßen und geblendet auf eine Rotte wütender Pilger fielen, welche sie unsanft empfingen.
Andere, die Greiner und Feiglinge waren, jammerten ob der Schläge; doch dieweil sie ihre erbärmlichen Paternoster murmelten, stürzten zweimal sieben sich prügelnde Pilger schnell wie der Blitz über sie her, warfen die armen Jämmerlinge zu Boden und trampelten sonder Erbarmen darüber hin.
Und der Einsiedel lachte.
Andere Rotten, so aneinander hingen wie Beeren an der Traube, rollten von der Hochebene hinab in den Fluß, allwo sie sich mit starken Schlägen weiter durchbläuten, ohne daß ihre Wut sich abkühlte.
Und der Eremit lachte.
Die, so auf der Hochebene verblieben waren, schlugen sich die Augen blau, zerbrachen einander die Zähne, rauften sich die Haare aus und zerrissen Wams und Hose.
Und der Einsiedel lachte und sprach:
„Mut, Freunde, wer gut trifft, der ist bewährt in der Liebe. Denen, so sich am besten schlagen, lacht die Zärtlichkeit ihrer Schönen! Bei unsrer lieben Frauen von Rindbisbels, hier sieht man wahre Männer.“
Und die Pilger schlugen nach Herzenslust auf einander los.
Derweil hatte Klas sich dem Einsiedel genähert, indeß Ulenspiegel den Schlägen mit Lachen und Schreien Beifall zollte.
„Frommer Vater,“ sprach er, „was haben diese armen Schelme verbrochen, daß sie sich so grauslich durchprügeln müssen?“
Der Eremit aber achtete sein nicht und rief:
„Faullenzer! habt Ihr keinen Mut mehr. Wenn die Fäuste ermüden, bleiben Euch nicht die Füße? / So wahr Gott lebt! Es sind etliche unter Euch, die haben ihre Beine, um gleichwie Hasen von dannen zu laufen. Was holt den Funken aus dem Stein? Das Eisen, das ihn schlägt. Was belebt die Mannhaftigkeit der alten Leute, wo nicht eine gute Schüssel voll Prügel, mit männlicher Wut gewürzet?“
Bei dieser Rede fuhren die biederen Pilger fort, sich mit Helmen, Händen und Füßen anzufallen. Es war ein wütendes Handgemenge, dabei der hundertäugige Argus nichts gesehen hätte, denn aufgewirbelten Staub und etliche Helmspitzen.
Plötzlich läutete der Einsiedel die Glocke. Pfeifen, Trommeln, Trompeten, Dudelsäcke, Schalmeyen und Eisengerümpel hielten inne mit Lärmen. Und dies war das Zeichen zum Frieden.
Die Pilgrime lasen ihre Verwundeten auf. Etlichen Kämpen sah man vor Zorn die geschwollenen Zungen aus den Mäulern hangen; doch sie gingen von selbst in den gewohnten Gaumen. Das schwerste war, denen die Helme abzunehmen, die bis an den Hals darinnen saßen und den Kopf schüttelten und sie doch nicht besser abschütteln konnten denn unreife Pflaumen.
Indessen gebot ihnen der Einsiedel:
„Sprecht ein Ave und kehrt heim zu Euren Weibern. In neun Monden werden so viel mehr Kinder im Weichbild sein, als es heute wackre Streiter in der Schlacht gab.“
Und der Einsiedel sang das Ave und alle sangen mit ihm. Und das Glöcklein bimmelte.
Dann segnete der Einsiedel sie im Namen unsrer lieben Frauen von Rindbisbels und sprach: „Ziehet hin in Frieden!“
Und sie zogen mit Schreien, Drängen und Singen nach Meyborg. Und alle Weiber, alt und jung, harrten ihrer auf der Schwelle der Häuser, in welche sie eindrangen wie Krieger in eine erstürmte Stadt.
Die Glocken von Meyborg läuteten mit aller Macht, und die Knaben schrieen, pfiffen und spielten den Rommelpot. Die Kannen, Humpen, Becher, Gläser, Flaschen und Schoppen klangen wundersam an. Und der Wein floß in Strömen in die Kehlen.
Dieweil dieses Klingen erscholl und der Wind den Gesang der Männer, Weiber und Kinder in Stößen herbeitrug, sprach Klas aufs neue zu dem Einsiedel und fragte ihn, welche Gnade des Himmels diese braven Leute durch solch saures Werk zu erlangen gedächten.
Der Einsiedel aber antwortete lachend.
„Du siehst auf dieser Kapelle zwei gemeißelte Bilder, so zwei Stiere darstellen. Sie sind dort zum Gedächtnis an das Wunder errichtet, das der heilige Martin tat, da er zwei Rinder in Stiere verwandelte, dadurch, daß er sie mit den Hörnern auf einander stoßen ließ und ihnen das Maul mit Talg und grünem Holz einrieb, wohl über eine Stunde.
„Da ich nun das Wunder wußte und mit einem gut bezahlten Breve Seiner Heiligkeit versehen war, so ließ ich mich hier nieder. Ich beredete alle alten Huster und Schmerbäuche von Meyborg und Umgegend, und fortan waren sie sicher, daß sie sich unsre liebe Frau geneigt machten, wenn sie sich weidlich durchbläuten mit der Kerze, welche die Salbung darstellt, und dem Stock, welcher die Kraft bedeutet. Die Weiber schicken ihre alten Männer hierher. Die Kinder, so kraft dieser Wallfahrt zur Welt kommen, sind gewalttätig, kühn, wild, gewandt und werden vollkommene Kriegsleute.“
Plötzlich sagte der Einsiedel zu Klas:
„Erkennest Du mich?“
„Ja,“ erwiderte Klas, „Du bist mein Bruder Jobst.“
„Der bin ich“, sprach der Einsiedel. „Welcher ist aber dieser kleine Mann, der mir Fratzen schneidet?“
„Das ist Dein Brudersohn“, gab Klas zur Antwort.
„Welchen Unterschied machst Du zwischen mir und Kaiser Karl?“
„Einen großen“, entgegnete Klas.
„Einen kleinen,“ sprach Jobst, „denn er läßt die Menschen einander umbringen und ich lasse sie einander sich schlagen, und das tun wir beide zu unserem Nutzen und Kurzweil.“
Dann führte er sie in die Einsiedelei, allwo sie eilf Tage ohne Ausruhen Schmaus und Gelage hielten.
Als Klas seinen Bruder verließ, stieg er wieder auf seinen Esel und nahm Ulenspiegel hinten auf. Er ritt über den Marktplatz von Meyborg und sah dort eine große Zahl Pilger zuhauf stehen. Wie diese die Beiden erschauten, wurden sie ergrimmt, schwangen ihre Stöcke und schrieen plötzlich alle mitsammen: „Schalksnarr!“ Das geschah wegen Ulenspiegel, welcher seine Hosenklappe aufgemacht, sein Hemd hochgezogen hatte und ihnen die Kehrseite wies. Da nun Klas sah, daß es sein Sohn war, welchen sie bedräuten, fragte er ihn:
„Was hast Du getan, daß sie so böse auf Dich sind?“
„Lieber Vater,“ sagte Ulenspiegel, „Du siehst wohl, daß ich stillschweige und niemand nichts tue, da sagen die Leute, ich sei ein Schalk!“
Da setzte Klas ihn vor sich hin.
So sitzend, streckte Ulenspiegel den Pilgern die Zunge heraus, und diese schrieen voll Zorn, drohten mit der Faust und erhoben den Knüppel, um Klas und den Esel zu schlagen.
Aber Klas gab dem Esel die Fersen, daß er ihrem Grimm entränne, und dieweil sie ihn verfolgten, sprach er atemlos zu seinem Sohne:
„Du bist freilich in einer unglückseligen Stunde geboren. Du sitzest still und schweigst und tust niemand nichts, und doch wollen sie Dich totschlagen.“ Ulenspiegel lachte.
Da sie durch Lüttich kamen, erfuhr Klas, daß die armen Leute an der Küste großen Hunger litten und daß man sie der Rechtsprechung des geistlichen Gerichts unterstellt hätte. Sie empörten sich, um Brot und weltliche Richter zu kriegen. Etliche wurden enthauptet oder gehenkt, und die andren des Landes verwiesen. So groß war dazumal die Milde des Hochwürdigen Herrn von der Marck, des sanften Erzbischofs.
Auf dem Wege sah Klas die Verbannten, die das liebliche Tal von Lüttich flohen, und an den Bäumen vor der Stadt hingen die Leichen derer, so um ihres Hungers willen gehenkt waren. Und er weinte über sie.
So ritt er auf dem Esel nach Hause, mit einem Sack voll Heller versehen; den hatte ihm sein Bruder Jobst geschenkt samt einem schönen Humpen von englischem Zinn. Da gab es in der Hütte des Sonntags Schlemmereien und werktäglich Feste, denn sie aßen alle Tage Fleisch und Bohnen. Klas füllte den großen Humpen aus englischem Zinn mit Doppelbier und leerte ihn oftmals. Ulenspiegel aß für drei und fuhr in der Schüssel herum wie ein Sperling in einem Haufen Körner.
„Jetzt frißt er gar das Salzfaß auf“, sagte Klas.
Ulenspiegel erwiderte:
„Ist das Salzfaß aus einem Stück ausgehölten Brotes gemacht wie bei uns, so muß man es zuweilen verspeisen, auf daß nicht die Würmer hineinkommen, wann es alt wird.“
„Weshalb wischest Du Deine fettigen Hände an Deinen Hosen ab?“ fragte Soetkin.
„Damit niemals die Schenkel naß werden“, sprach Ulenspiegel.
Darob tat Klas einen tiefen Trunk aus seinem Humpen.
Ulenspiegel sagte zu ihm:
„Warum hast Du einen so großen Krug und ich nur einen kläglichen Becher?“
Klas antwortete: „Weil ich Dein Vater bin und Herr im Hause.“
Ulenspiegel entgegnete:
„Du trinkst seit vierzig Jahren und ich nur seit neun. Deine Zeit ist vorüber und meine Zeit zum Trinken ist gekommen; es ist also an mir, den Humpen zu haben, und an Dir, den kleinen Becher zu nehmen.“
„Sohn,“ sprach Klas, „das hieße Bier in den Fluß schütten, wenn man das Maß einer Tonne in ein Fäßlein gießen wollte.“
„Du wirst also klug tun, wenn Du Dein Fäßlein in meine Tonne gießest, denn ich bin größer als Dein Humpen,“ erwiderte Ulenspiegel.
Und Klas gab ihm mit Freuden seinen Humpen zu leeren. Und so lernte Ulenspiegel seine Worte setzen, um zu trinken.
Soetkin trug ein Zeichen neuer Mutterschaft unter dem Gürtel. Katheline war ebenfalls schwanger, wagte aber aus Furcht nicht, das Haus zu verlassen.
Da Soetkin sie heimsuchen kam, sprach die betrübte Schwangere: „Was soll ich tun mit der armen Frucht meines Leibes? Soll ich sie ersticken? Lieber will ich sterben. Doch wenn mich die Häscher ergreifen, dieweil ich ein Kind habe und bin nicht verheiratet, so werden sie mich wie eine Dirne zwanzig Gulden zahlen lassen und ich werde auf dem Markte gestäupt werden.“
Soetkin sprach ihr gütlich zu, um sie zu trösten, und verließ sie und kehrte nachdenklich heim. Also sprach sie eines Tages zu Klas: „Wenn ich anstatt eines Kindes deren zwei hätte, würdest Du mich schlagen, Mann?“
„Ich weiß nicht“, sagte Klas.
„Wenn aber das zweite nicht aus meinem Schoß wäre, und ein Unbekannter, wohl gar der Teufel, hätte es gezeugt?“
„Die Teufel erzeugen Feuer, Tod und Rauch, aber Kinder, nein. Ich würde Kathelines Kind wie das meine halten.“
„Das würdest Du tun?“
„So sagte ich.“
Soetkin ging und brachte Katheline die Kunde. Da sie solches vernahm, wußte sie sich vor Freuden nicht zu lassen und rief voller Entzücken:
„Der gute Mann, er hat für das Heil meines armen Leibes gesprochen. Gott wird ihn segnen, und der Teufel — wenn anders es ein Teufel war,“ sprach sie mit Zittern, „der Dich armes Kleines, so sich in meinem Schoße regt, schuf.“
Soetkin und Katheline brachten die eine ein Knäblein, die andere ein Mägdlein zur Welt, und alle beide trug Klas als Sohn und Tochter zur Taufe. Soetkins Sohn ward Hans benannt und blieb nicht am Leben. Kathelines Tochter aber hieß Nele und gedieh wohl.
Sie trank den Lebenssaft aus vier Flaschen, den beiden von Katheline und den beiden von Soetkin. Und die beiden Frauen machten sich in Güte streitig, wer dem Kinde zu trinken gäbe. Doch trotz ihres Wunsches mußte Katheline ihre Milch versiegen lassen, damit man sie nicht fragte, woher sie käme, ohne das sie Mutter war.
Da die kleine Nele, ihre Tochter, entwöhnt war, nahm sie sie zu sich und ließ sie nicht eher zu Soetkin gehen, als bis sie sie Mutter genannt hatte. Die Nachbarn aber sagten, es sei gut von Katheline, die begütert war, daß sie das Kind von Klasens ernährte, welche ihr mühselig Leben in Armut hinbrachten.
Ulenspiegel war eines Morgens allein zu Hause, und da die Zeit ihm lang ward, so schnitt er an einem Schuh seines Vaters herum, auf daß er ein Schifflein daraus machte. Schon hatte er den Hauptmast in der Sohle aufgerichtet und das Oberleder durchbohrt, um das Bugspriet darin einzulassen, da sah er durch die Tür, deren obere Hälfte geöffnet war, den Leib eines Reiters und einen Roßkopf vorbeiziehen.
„Ist wer drinnen?“ fragte der Reiter.
„Anderthalb Mann und ein Pferdekopf.“
„Wie das?“ fragte der Reiter.
Ulenspiegel beschied ihn:
„Weil ich hier einen ganzen Mann sehe, das bin ich, einen halben Mann, das ist Dein Oberkörper, und einen Pferdekopf, das ist der Deiner Mähre.“
„Wo ist Dein Vater und Mutter?“ fragte der Mann.
Ulenspiegel antwortete:
„Mein Vater ist gegangen, das Böse böser zu machen, und meine Mutter ist dabei, uns Schande oder Schaden zu machen.“
„Erkläre das!“ sprach der Reiter.
„Mein Vater gräbt zur Stunde die Löcher in seinem Felde tiefer, auf daß die Jäger, die das Getreide zerstampfen, darinnen zu Falle und Schaden kommen. Die Mutter ist gegangen, Geld zu leihen. Gibt sie zu wenig wieder, so ist es eine Schande für uns, und gibt sie zu viel, so wird es unser Schade sein.“
Dann fragte der Mann ihn, wohin er reiten müßte.
„Da, wo die Gänse sind“, erwiderte Ulenspiegel.
Der Mann ritt seines Weges und kam in der Weile zurück, da Ulenspiegel von Klasens zweitem Schuh eine Rudergaleere machte.
„Du hast mich gefoppt,“ sprach er, „da, wo die Gänse sind, ist nur Schlamm und Sumpf, darinnen sie herumpatschen.“
„Ich habe Dir nicht gesagt, daß du hingehen sollst, wo die Gänse patschen, sondern wo sie gehen“.
„Zeige mir wenigstens einen Weg, der nach Heyst geht“, sprach der Mann.
„In Flandern gehen die Fußgänger und nicht die Wege“, erwiderte Ulenspiegel.
Eines Tages sprach Soetkin zu Klas:
„Mann, mir blutet das Herz. Nun sind es drei Tage, daß Thyl das Haus verlassen hat; weißt Du nicht, wo er ist?“
„Wo die herrenlosen Hunde sind, auf irgend einer Landstraße mit etlichen Taugenichtsen seiner Art. Gott war grausam, daß er uns einen solchen Sohn gab. Da er geboren ward, sah ich in ihm die Freude unserer alten Tage, ein Werkzeug mehr im Hause. Ich gedachte einen Handwerker aus ihm zu machen, und das böse Schicksal macht ihn zum Schelm und zum Tagedieb“.
„Sei nicht so hart, Mann“, sprach Soetkin. „Unser Sohn ist erst neun Jahre alt und in der Blüte der Jugendtorheit. Muß er nicht gleich wie die Bäume seine Blatthülsen auf den Weg streuen, ehe er sich mit den Blättern schmückt, die bei Gewächsen aus dem Volke Rechtschaffenheit und Tugend heißen? Er ist ein Schalk, aber seine Schalkheit wird ihm dereinst zum Nutzen gedeihen, wenn er sie nicht zu schlimmen Streichen, sondern zu einem nützlichen Handwerk gebraucht. Er macht sich gern über seinen Nächsten lustig, doch ebenso wird er dereinst seinen Platz in einer lustigen Bruderschaft behaupten. Er lacht immerdar, aber die Gesichter, so mürrisch dreinschauen, sind eine üble Vorbedeutung für die künftigen Mienen. Wenn er läuft, so tut er es, weil er wachsen muß, maßen er noch nicht in dem Alter ist, wo man fühlt, daß die Arbeit Pflicht ist. Und wenn er zuweilen eine halbe Woche lang Tag und Nacht ausbleibt, so weiß er nicht, welchen Harm er uns zufügt, denn er hat ein gutes Herz und liebt uns.“
Klas schüttelte den Kopf und antwortete nichts, und da er schlief, weinte Soetkin für sich allein. Und am Morgen gedachte sie, daß ihr Sohn etwa an irgend einer Straßenecke krank läge, und trat auf die Türschwelle, um zu sehen, ob er nicht heimkehrte; aber sie sah nichts und setzte sich ans Fenster und schaute von da auf die Straße. Und manch liebes Mal hüpfte ihr das Herz in der Brust, wann sie den leichten Schritt eines Knaben hörte. Doch wenn er vorüberging, sah sie, daß es nicht Ulenspiegel war, und dann weinte sie, die betrübte Mutter.
Derweilen war Ulenspiegel mit seinen nichtsnutzigen Gefährten in Brügge auf dem Samstagsmarkt.
Da sah man Schuster und Schuhflicker in besonderen Buden, Kleiderhändler, Meisenfänger von Antwerpen, die nachts mit Hilfe einer Eule die Meisen fangen, Geflügelhändler, spitzbübische Hundefänger, Verkäufer von Katzenfellen für Handschuhe, Koller und Wämse, und Verkäufer jeglicher Art, Bürger und Bürgerfrauen, Knechte und Mägde, Brotbäcker, Kellermeister, Köche und Köchinnen. Und alle, Verkäufer und Kunden, priesen je nach ihrem Stande die Ware an oder setzten sie herab, lobten oder schalten sie.
In einer Ecke des Marktes war ein schönes Leinenzelt mit vier Pfosten aufgerichtet. Am Eingang stand ein Bauer aus der Ebene von Alost neben zwei Mönchen, die das Geld einnahmen; der wies dem neugierigen Frommen um einen Heller ein Stück vom Schulterknochen der heiligen Marie von Ägypten. Er grölte mit heiserer Stimme die Verdienste der Heiligen und ließ in seiner Ballade nicht aus, wie jene aus Mangel an Geld einen jungen Fergen in schöner Naturmünze zahlte, auf daß sie nicht wider den heiligen Geist sündigte, wenn sie jenem seinen Lohn vorenthielte.
Und die Mönche nickten mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß der Bauer wahr redete. Neben ihnen stand ein dickes rotes Weib, wollüstig wie Astarte, die blies mit Gewalt einen gräulichen Dudelsack, dieweil ein anmutig Mägdlein neben ihr wie eine Grasmücke sang. Über dem Eingang des Zeltes aber schaukelte an zwei Stangen, an den Henkeln von Stricken gehalten, ein Kübel mit Wasser, welches zu Rom geweiht war. So nämlich sang es die dicke Frau, indeß die beiden Mönche mit dem Kopfe wackelten, ihre Rede bekräftigend. Ulenspiegel betrachtete den Kübel und ward nachdenklich.
An einem der Zeltpfosten war ein Esel angebunden; der war mehr mit Heu denn mit Hafer gefüttert und schaute gesenkten Hauptes zu Boden, ohne Hoffnung, daß Disteln daraus emporwüchsen.
„Gefährten,“ sprach Ulenspiegel und wies mit dem Finger auf das dicke Weib, die beiden Mönche und den Trübsal blasenden Esel, „da die Herren so schön singen, muß man auch den Esel zum Tanzen bringen“.
So gesagt, ging er zur nächsten Bude, kaufte sich um einen Heller Pfeffer, hub dem Esel den Schwanz auf und rieb den Pfeffer darunter.
Da der Esel den Pfeffer verspürte, blickte er unter seinen Schwanz, woher ihm solche ungewohnte Wärme käme. Vermeinend, der feurige Teufel sei da, wollte er laufen, um ihm zu entrinnen, und hub an zu schreien und auszuschlagen und schüttelte den Pfosten aus allen Kräften. Der Kübel, der zwischen den Stangen hing, ergoß beim ersten Ruck all sein Weihwasser über das Zelt und die, so darinnen waren. Das Zelt aber sank alsbald zusammen und begrub die Leute, welche die Geschichte der ägyptischen Marie anhörten, mit einem feuchten Mantel.
Und Ulenspiegel und seine Genossen hörten lautes Geschrei und Klagen unter der Leinewand, denn die Frommen, so darunter waren, ziehen einander, daß sie den Kübel umgeschüttet hätten, ärgerten sich grün und gelb und schlugen sich mit grimmigen Faustschlägen. Die Leinewand hob sich unter der Anstrengung der Kämpfenden. Allemal, wenn Ulenspiegel eine runde Form sich darauf abzeichnen sah, stach er mit einer Nadel hinein. Dann gab es noch lauteres Geschrei unter der Leinewand und ward das Puffen noch grimmer.
Und er war sehr lustig und ward es noch mehr, als er sah, daß der Esel davonrannte und Leinewand, Kübel und Pfosten hinterdrein schleppte, dieweil der Besitzer des Zeltes mit Weib und Kind sich an das Gerümpel anklammerte. Der Esel konnte nicht mehr laufen, er hob das Maul in die Luft, und wenn er mit Schreien innehielt, war es, um unter seinem Schwanz nachzusehen, ob das Feuer darunter nicht bald erlosch.
Inzwischen setzten die Frommen ihre Schlacht fort. Die Mönche aber, ohne an sie zu denken, rafften das Geld auf, das aus dem Sammelkasten gefallen war, und Ulenspiegel half ihnen andächtig dabei und nicht ohne Nutzen.
Dieweil des Kohlenträgers nichtsnutziger Sohn an lustiger Bosheit zunahm, verkümmerte des erhabenen Kaisers kläglicher Sproß in dürrer Melancholie. Herren und Damen sahen den Schwächling, wie er durch die Gemächer und Wandelgänge zu Valladolid seinen gebrechlichen Leib und seine schlotternden Beine schleppte, welche nur mühsam die Last des dicken Kopfes mit den blonden Haarborsten trugen.
Immer suchte er die dunklen Gänge auf und saß stundenlang da mit gespreizten Beinen. Trat ihm irgend ein Diener aus Versehen darauf, so ließ er ihn peitschen und fand seine Lust daran, ihn bei den Schlägen schreien zu hören. Doch er lachte nicht.
Den nächsten Tag stellte er die nämliche Falle wo anders. Er setzte sich mit ausgestreckten Beinen in irgend einen Korridor, und die Damen, Herren oder Pagen, die mehr oder minder eilends dort vorbeikamen, stolperten über ihn, fielen und taten sich weh. Auch daran erlabte er sich, doch er lachte nicht.
Wenn einer von ihnen ihn anrannte und nicht fiel, so schrie er, als hätte man ihn geschlagen, und es war ihm eine Lust, ihren Schrecken zu sehen; doch er lachte nicht.
Seiner heiligen Majestät ward von diesen Anschlägen gemeldet, doch sie befahl, daß man des Infanten nicht achten solle; denn sie sagte, wenn er nicht wolle, daß man ihm auf die Beine träte, so solle er sich nicht da aufhalten, wo die Füße gingen. Solches mißfiel Philipp, doch er sagte nichts, und man sah ihn nicht mehr, es sei denn, daß er an einem hellen Sommertag in den Hof ging, um seinen fröstelnden Leib in der Sonne zu wärmen.
Eines Tages, da Karl aus dem Kriege heimkehrte, sah er ihn so, wie er Schwermut brütete.
„Mein Sohn,“ sprach er zu ihm, „wie verschieden bist Du doch von mir! In Deinen jungen Jahren war meine Kurzweil, auf Bäume zu klettern und den Eichkatzen nachzustellen. Ich ließ mich an einem Seil von einer Felsspitze herunter, um die jungen Adler aus ihrem Horste zu nehmen. Ich konnte bei diesem Spiel meine Knochen einbüßen, doch sie wurden um so fester. Auf der Jagd flüchteten die wilden Tiere ins Dickicht, wenn sie mich mit meinem guten Feuerrohr nahen sahen.“
„Ach,“ seufzte der Infant, „ich habe Bauchgrimmen, Herr Vater.“
„Der Wein von Paxaret“, sprach Karl, „ist ein treffliches Mittel dagegen.“
„Ich mag keinen Wein, ich habe Kopfweh, Herr Vater.“
„Mein Sohn,“ sprach Karl, „Du mußt laufen, springen und Dich tummeln, wie es die Kinder Deines Alters tun.“
„Meine Beine sind steif, Herr Vater.“
„Wie könnte es anders sein,“ sprach Karl, „da Du sie ja nicht mehr brauchst, als wenn sie von Holz wären. Ich werde Dich auf ein recht mutiges Pferd binden lassen.“
Der Infant weinte.
„Bindet mich nicht fest, Herr Vater,“ sprach er, „ich habe Kreuzschmerzen.“
„So hast Du denn überall Schmerzen?“ fragte Karl.
„Ich würde kein Leid spüren, wenn man mich in Ruhe ließe,“ entgegnete der Infant.
„Gedenkst Du,“ versetzte der Kaiser ungnädig, „Dein königliches Leben mit Grübelei zu verbringen wie die Schreiber? Mögen sie, um ihre Pergamente mit Tinte zu beschmieren, Ruhe, Einsamkeit und Sammlung haben. Du, Sohn des Schwertes, mußt heißes Blut, des Luchses Auge, die List des Fuchses und die Kraft des Herkules haben. Weshalb bekreuzigst Du Dich? Beim Blute Christi, es steht einem jungen Leuen nicht zu, die Paternoster plappernden Weiber nachzuäffen!“
„Der Angelus, Herr Vater,“ sprach der Infant.
Die Monde Mai und Junius waren im heurigen Jahre wahre Blütenmonde. Nie noch ward in Flandern so balsamischer Weißdorn, nie in den Gärten eine solche Fülle von Rosen, Jasmin und Gaisblatt erschaut. Wann der Wind, der von Engelland wehte, die Düfte dieses blühenden Landes gen Osten trieb, hub jedermann, sonderlich in Antwerpen, die Nase frohgemut in die Luft und sprach:
„Riechet Ihr den guten Wind, der aus Flandern weht?“
Derhalben sogen die emsigen Bienen den Honig aus den Blüten, machten Wachs und legten ihre Eier in die Bienenstöcke, welche nicht genügten, ihre Schwärme zu fassen. Ihr emsiges Summen tönte gleich wie Musik unter dem blauen Himmelszelt, das die Erde strahlend überspannte. Man machte Bienenkörbe aus Binsen, Stroh, Weiden, geflochtenem Heu, und die Korbmacher, Küper und Faßbinder machten ihre Werkzeuge dabei schartig. Was die Schreiner betraf, so konnten sie schon lange den Bedarf nicht mehr decken. Es gab Schwärme von dreißigtausend Immen und zweitausend siebenhundert Drohnen. Die Honigwaben waren so erlesen, daß der Dechant von Damm ob ihres seltenen Wohlgeschmacks eilf davon dem Kaiser Karl schickte, zum Danke dafür, daß er durch seine neuen Edikte die Heilige Inquisition wieder bekräftigt habe. Philipp verspeiste sie, doch sie taten ihm nicht gut.
Bettler, fahrendes Volk, Vaganten und all das Gesindel müßiger Taugenichtse, die ihre Faulheit allerwegen herumschleppen und sich lieber hängen lassen, denn arbeiten, kamen, vom Wohlgeschmack des Honigs angelockt, um ihr Teil davon zu haben. Nachts streiften sie zu Haufen umher.
Klas hatte Bienenkörbe gefertigt, um Schwärme herbeizulocken. Etliche waren voll, andre leer und harrten der Bienen. Er hielt die ganze Nacht Wache, um dies süße Gut zu hüten. Wenn er müde war, hieß er Ulenspiegel ihn ablösen. Der tat es gerne.
Nun hatte Ulenspiegel eines Nachts sich vor der Kühle in einen Bienenstock geflüchtet und blickte zusammengekauert durch die Löcher, deren zwei oben auf waren. Als er just einschlafen wollte, hörte er ein Knacken in den Büschen der Hecke und vernahm die Stimme zweier Männer, die er für Diebsleute hielt. Er schaute durch eine der Öffnungen und sah, daß alle beide langes Haar und einen langen Bart trugen, wiewohl der Bart das Abzeichen des Adels war.
Sie gingen von Korb zu Korb und kamen schließlich an den seinen. Ihn aufhebend, sprachen sie:
„Diesen wollen wir nehmen, denn es ist der schwerste.“
Und sie trugen ihn auf ihren Knütteln davon.
Ulenspiegel fand keine Freude daran, daß er im Bienenkorb fortgeschafft ward. Die Nacht war klar und die Diebe gingen, ohne ein Wörtlein zu sagen. Alle fünfzig Schritte hielten sie atemlos an, dann schritten sie weiter. Der Vordere brummte voll Wut, daß er eine so schwere Last tragen müsse. Der hinten ging, ächzte schwermütig. Denn es gibt in dieser Welt zwei Arten feiger Tagediebe, die einen, so auf die Arbeit schelten, und die andren, die stöhnen, wann es schaffen heißt.
Ulenspiegel, der nichts zu tun hatte, zog den vordersten Dieb an den Haaren, und den hintersten am Barte, und so kräftig, daß der Wütende des Spiels müde ward und zu dem Greiner sprach:
„Hör auf, mich an den Haaren zu raufen, oder ich gebe Dir eins mit der Faust auf den Kopf, also daß er Dir in die Brust fährt und Du durch Deine Rippen schaust wie ein Dieb durch sein Kerkergitter.“
„Ich würde es gar nicht wagen, Freund,“ sprach der Andre, „vielmehr bist Du es, der mich am Barte zupft.“
Der Wütende erwiderte:
„Ich mache nicht Jagd auf das Ungeziefer im Bart eines Aussätzigen.“
„Herr,“ sprach der Greiner, „laßt den Bienenkorb nicht so stark schwanken; meine unseligen Arme tragen ihn nimmer.“
„Ich werde sie Dir ganz und gar ausreißen“, entgegnete der Wüterich.
Da entledigte er sich seines Lederriemens, setzte den Korb nieder und sprang auf seinen Gefährten zu. Und sie prügelten sich, der eine fluchend, der andre um Gnade schreiend.
Ulenspiegel hörte die Püffe regnen, kroch hervor aus dem Korb, schleppte ihn bis zum nächsten Gehölz, um ihn allda wieder zu finden, und kehrte zu Klas heim.
Solchermaßen finden die Duckmäuser bei Zwistigkeiten ihren Nutzen.