Viertes Buch

Viertes Buch

Von den Dünen von Heyst aus sahen Ulenspiegel und Lamm viele Fischerboote von Ostende, Blankenberghe und Knokke kommen, die voll Bewaffneter waren und den Geusen von Zeeland folgten, welche am Hut den silbernen Halbmond mit der Inschrift tragen: „Lieber dem Türken denn dem Papst dienen.“

Ulenspiegel ist frohgemut und trillert wie eine Lerche; von allen Seiten antwortet der kriegerische Trompetenton des Hahnes.

Die Bootsleute rudern oder fischen und verkaufen ihre Fische, und ein Boot nach dem andern legt in Emden an. Dort weilt Guillaume de Bois, welcher im Auftrage des Prinzen von Oranien ein Schiff ausrüstet.

Ulenspiegel und Lamm kommen nach Emden, dieweil die Geusenschiffe auf Très-Long’s Befehl wieder das offene Meer gewinnen.

Très-Long, der seit elf Wochen in Emden lag, ward von Ungeduld verzehrt. Er ging vom Schiff an Land und vom Land aufs Schiff, gleich einem Bären an der Kette.

Ulenspiegel und Lamm spazieren am Hafendamm umher und erblicken allda einen fürnehmen Herrn mit biedrem Gesicht, der ein wenig Trübsal bläst und geschäftig ist, mit einem Spieß einen Pflasterstein des Hafendammes herauszubohren. Es gelang nicht, aber er versuchte dennoch, das Unternehmen zu gutem Ende zu führen, dieweil hinter ihm ein Hund einen Knochen benagte.

Ulenspiegel nähert sich dem Hund und tut, als wolle er ihm den Knochen rauben. Der Hund knurrt. Ulenspiegel läßt nicht nach und der Hund vollführt ein heftiges Gebell.

Der Herr dreht sich bei dem Lärm um und spricht zu Ulenspiegel:

„Was hast Du davon, dieses Tier zu quälen?“

„Was habt Ihr davon, Herr, dieses Pflaster zu quälen?“

„Das ist nicht das gleiche,“ sagt der Herr.

„Der Unterschied ist nicht groß,“ entgegnet Ulenspiegel. „Dieser Hund hält an seinem Knochen fest und will ihn behalten; dieser Pflasterstein hält an seinem Damm fest und will dort bleiben, und es ist das Mindeste, daß unsereins sich mit einem Hund abgibt, wenn Leute wie Ihr sich mit einem Pflasterstein beschäftigen.“

Lamm stand hinter Ulenspiegel und wagte nicht zu reden.

„Wer bist Du?“ fragte der Herr.

„Ich bin Tyll Ulenspiegel, des Klas Sohn, der für den Glauben in den Flammen starb.“

Und er sang wie eine Lerche, und der Herr krähte wie ein Hahn.

„Ich bin der Admiral Très-Long,“ sprach er; „was willst Du von mir?“

Ulenspiegel erzählte ihm seine Abenteuer und gab ihm fünfhundert Karolus.

„Wer ist dieser Dicke?“ fragte Très-Long und deutete mit dem Finger auf Lamm.

„Mein Geselle und Freund,“ antwortete Ulenspiegel. „Er will gleich mir seine Büchse, die eine gar liebliche Stimme hat, auf Deinem Schiffe das Lied von der Befreiung des Vaterlandes singen lassen.“

„Ihr seid beide wackre Leute,“ sagte Très-Long, „und sollt auf meinem Schiffe hinaus fahren.“

Es war im Februar: scharf war der Wind, stark der Frost. Nach drei Wochen verdrießlichen Wartens verläßt Très-Long Emden wider Willen. Mit der Absicht, in den Hafen Texel einzulaufen, segelt er von Vlinland ab, ist aber gezwungen, Wieringen anzulaufen, wo sein Schiff vom Eis eingeschlossen wird.

Bald gab es ringsum ein lustiges Schauspiel: Schlitten und Schlittschuhläufer, in Sammet gekleidet, Schlittschuhläuferinnen, in Jacken und Röcken, so mit Gold, Perlen und scharlachroter und himmelblauer Seide bestickt waren: Knaben und Mägdlein kamen und gingen, glitschten, lachten, liefen in langer Reihe hintereinander, oder paarweise und sangen das Lied der Liebe auf dem Eise. Oder sie gingen in die mit Fahnen geschmückten Buden und aßen und tranken Branntwein, Orangen, Feigen, Pfefferkuchen, Schollen, Eier, warme Gemüse und Schmalzkuchen oderEetekoeken, das sind Krapfen, und Gemüse in Essig, dieweil ringsum Schlitten und Segelschlitten mit ihren Schnäbeln knirschend über das Eis hinfuhren.

Lamm suchte seine Frau und lief auf Schlittschuhen umher wie die lustigen Männlein und Weiblein; aber er fiel oftmals hin. Inzwischen ging Ulenspiegel in eine kleine Herberge am Hafen, um Speise und Trank zu sich zu nehmen; dort brauchte er seine Portion nicht teuer zu bezahlen, und er schwatzte gern mit der alten Wirtin.

Eines Sonntags gegen neun Uhr kehrte er dort ein und begehrte sein Mittagessen.

„Ei,“ sagte er zu einem artigen Frauenzimmer, das herbeikam, um ihn zu bedienen, „was hast Du mit Deinen früheren Runzeln gemacht? Dein Mund hat all seine weißen, jungen Zähne und Deine Lippen sind rot wie Kirschen. Ist dies sanfte, schalkhafte Lächeln für mich?“

„Nicht doch,“ sprach sie; „aber was soll ich dir geben?“

„Dich,“ sagte er.

Die Frau versetzte:

„Das wäre für einen mageren Hering, wie Du bist, zuviel. Willst Du kein anderes Fleisch?“

Ulenspiegel schwieg.

„Was hast Du mit dem schönen, wohlgestalteten und behäbigen Mann angefangen, den ich oftmals in Deiner Gesellschaft sah?“ fragte sie.

„Lamm?“ sagte er.

„Was hast Du mit ihm gemacht?“ fragte sie.

„Er ißt in den Buden harte Eier, geräucherte Aale, gepökelte Fische, saures Gemüse und alles, was er zwischen die Zähne bekommen kann, und das alles, um seine Frau zu suchen. Warum bist Du nicht mein, Schätzchen? Willst Du fünfzig Gülden? Willst Du ein güldnes Halsband?“

Doch sie bekreuzte sich:

„Ich bin weder zu kaufen noch zu haben,“ sprach sie.

„Liebst Du nichts?“ fragte er.

„Ich liebe Dich als meinen Nächsten; aber vor allem liebe ich den Herrn Christum und die heilige Jungfrau, die mir gebieten, ein züchtig Leben zu führen. Hart und beschwerlich sind unsere Pflichten, aber Gott hilft uns armen Frauen. Doch es sind ihrer etliche, die unterliegen. Ist Dein dicker Freund fröhlich?“

Ulenspiegel antwortete:

„Beim Essen ist er lustig, mit nüchternem Magen traurig und immerdar nachdenklich. Aber Du, bist Du fröhlich oder betrübt?“

„Wir Frauen,“ sprach sie, „sind Sklavinnen dessen, der uns beherrscht!“

„Der Mond,“ fragte er.

„Ja,“ sprach sie.

„Ich werde Lamm sagen, daß er dich besucht.“

„Tu das nicht,“ sagte sie; „er würde weinen und ich desgleichen.“

„Hast Du jemals seine Frau gesehen?“ fragte Ulenspiegel.

Seufzend antwortete sie:

„Sie sündigte mit ihm und ward zu einer grausamen Buße verdammt. Sie weiß, daß er für den Sieg des Ketzertums aufs Meer geht, das ist hart zu denken für ein christliches Herz. Verteidige ihn, wenn er angegriffen wird, pflege ihn, wenn er verwundet wird; seine Frau trug mir auf, diese Bitte an Dich auszurichten.“

„Lamm ist mein Freund und Bruder,“ antwortete Ulenspiegel.

„Ach,“ sprach sie, „warum kehret Ihr nicht in den Schoß unsrer heiligen Mutter Kirche zurück!“

„Sie frißt ihre Kinder,“ antwortete Ulenspiegel.

Und er ging.

An einem Märzmorgen, als ein scharfer Wind blies und wehte und das Eis immer dicker machte, also daß Très-Longs Schiff nicht absegeln konnte, trieben die Matrosen und Soldaten des Schiffes in Schlitten und auf Schlittschuhen allerhand Kurzweil und Lustbarkeiten.

Ulenspiegel war in der Herberge, und die hübsche Frau sprach tiefbetrübt und wie von Sinnen zu ihm:

„Armer Lamm! Armer Ulenspiegel!“

„Warum jammerst Du?“ fragte er.

„Wehe, wehe!“ sagte sie, „warum glaubt Ihr nicht an die Messe? Ihr würdet gewißlich ins Paradies eingehen, und ich könnte Euch in diesem Leben retten.“

Da Ulenspiegel sie an die Tür gehen und aufmerksam horchen sah, sagte er: „Du horchst nicht nach dem fallenden Schnee?“

„Nein,“ sagte sie.

„Du leihst nicht dem seufzenden Winde das Ohr?“

„Nein,“ sagte sie wiederum.

„Noch dem frohem Lärm, den unsere wackeren Matrosen in der Schenke hier nebenan machen?“

„Der Tod kommt wie ein Dieb,“ sprach sie.

„Der Tod!“ sagte Ulenspiegel. „Ich verstehe dich nicht. Komm hierher und rede.“

„Sie sind da,“ sprach sie.

„Wer?“

„Wer?“ erwiderte sie. „Die Soldaten von Simonen-Bol, die in des Herzogs Namen über Euch alle herfallen werden. Wenn man Euch hier so gut behandelt, so geht’s Euch wie den Ochsen, die man schlachten will. Ach,“ sagte sie, in Tränen zerfließend, „warum erfahre ich es erst jetzt?“

„Weine und schreie nicht,“ sagte Ulenspiegel, „und bleibe.“

„Verrate mich nicht,“ sagte sie.

Ulenspiegel verließ das Haus, eilte in alle Buden und Schenken und flüsterte den Seeleuten und Soldaten diese Worte ins Ohr: „Der Spanier kommt.“

Alle eilten zum Schiffe, bereiteten in großer Hast alles, was zur Schlacht nötig war, und erwarteten den Feind. Ulenspiegel sagte zu Lamm:

„Siehst Du das hübsche Weib in dem schwarzen, mit Scharlach bestickten Kleid, so am Ufer steht und sein Gesicht unter der weißen Kapuze versteckt?“

„Das ist mir ganz gleich,“ antwortete Lamm. „Mich friert, ich will schlafen.“

Und er wickelte sich den Mantel um seinen Kopf und war also wie ein Tauber.

Da erkannte Ulenspiegel die Frau und rief ihr vom Schiff zu:

„Willst Du uns folgen?“

„Bis ins Grab, aber ich kann nicht ... “

„Du tätest wohl daran,“ sagte Ulenspiegel. „Bedenke indessen: wenn die Nachtigall im Walde bleibt, ist sie glücklich und singt; aber so sie ihn verläßt und ihre schwachen Flügel dem starken Seewind aussetzt, zerbrechen sie, und sie stirbt.“

„Ich habe daheim gesungen und ich würde draußen singen, wenn ich könnte,“ sprach sie. Dann näherte sie sich dem Schiffe. „Nimm diesen Balsam,“ sprach sie, „für Dich und Deinen Freund, der schläft, wenn er wachen sollte.“

Und sie entfernte sich und sagte: „Lamm, Lamm! Gott bewahre Dich vor allem Übel, komm gesund zurück.“

Und sie enthüllte ihr Antlitz.

„Mein Weib, mein Weib!“ schrie Lamm.

Und er wollte aufs Eis springen.

„Dein getreues Weib,“ sagte sie und lief behend von dannen.

Lamm wollte vom Deck aufs Eis springen, aber daran hinderte ihn ein Soldat, der ihn am Mantel festhielt. Er schrie, weinte und flehte, ihn gehen zu lassen.

Aber der Profoß sprach zu ihm:

„So du das Schiff verlässest, wirst Du gehenkt.“

Lamm wollte sich aufs Eis stürzen, aber ein alter Geuse hielt ihn fest und sagte:

„Der Boden ist feucht, Du könntest nasse Füße bekommen.“

Lamm fiel aufs Gesäß, weinte und sprach unaufhörlich:

„Mein Weib, mein Weib, laßt mich zu meinem Weibe gehen!“

„Du wirst sie wiedersehen,“ sprach Ulenspiegel. „Sie liebt Dich, aber sie liebt Gott mehr als Dich.“

„Die tolle Teufelin,“ schrie Lamm. „Wenn sie Gott mehr liebt als ihren Mann, warum zeigt sie sich mir so hübsch und begehrenswert! Und wenn sie mich liebt, warum verläßt sie mich?“

„Kannst Du in tiefe Brunnen sehen?“ fragte Ulenspiegel.

„Wehe,“ sprach Lamm, „ich werde bald sterben.“

Und bleich und betört blieb er auf Deck.

Inzwischen kamen die Leute von Simonen-Bol mit starkem Geschütz.

Sie schossen auf das Schiff, das ihr Feuer erwiderte. Und ihre Kugeln zerbrachen das Eis rings umher. Gegen Abend fiel ein lauer Regen.

Da der Wind aus Westen wehte, ward das Meer unter dem Eise erregt und hob es in ungeheuren Blöcken empor, die sich aufbäumten und wieder zurückfielen, gegen einander prallten und sich übereinander schoben, nicht ohne Gefahr für das Schiff, das, als die Morgenröte die nächtlichen Wolken zerriß, seine linnenen Flügel entfaltete und wie ein Vogel der Freiheit aufs hohe Meer segelte.

Da stießen sie zu der Flotte des Herrn de Lumey de la Marche, Admirals von Holland und Zeeland und Höchstkommandierenden, der als solcher eine Laterne oben am Maste trug.

„Sieh ihn Dir recht an, mein Sohn,“ sagte Ulenspiegel. „Der wird Deiner nicht schonen, wenn Du mit Gewalt das Schiff verlassen willst. Hörst Du seine Stimme wie Donner rollen? Sieh, wie breit und stark er bei seiner hohen Gestalt ist. Schau seine langen Hände mit den gebogenen Nägeln. Sieh seine runden Augen an, kalte Adleraugen, und seinen langen, spitzen Bart, den er wachsen läßt, bis er alle Mönche und Priester gehenkt hat, um den Tod der beiden Grafen zu rächen. Sieh, wie furchtbar und grausam er ist; er wird Dich hoch und kurz aufhenken lassen, wenn Du immerdar fortfährst, zu stöhnen und zu schreien: „Mein Weib!“

„Mein Sohn,“ versetzte Lamm, „der spricht vom Strick für den Nächsten, der selbst schon die hanfene Krause um den Hals hat.“

„Du sollst sie zuerst tragen. Das ist mein freundschaftlicher Wunsch,“ sagte Ulenspiegel.

„Ich werde Dich am Galgen sehen, wie Dir die giftige Zunge eine Klafter lang aus dem Maul wächst,“ erwiderte Lamm.

Und alle beide hätten fast gelacht.

An jenem Tage kaperte das Kriegsschiff einen Kauffahrer aus Biskaya, so mit Quecksilber, Goldstaub, Wein und Gewürzen befrachtet war. Und dem Schiffe ward sein Mark, Menschen und Beute, ausgenommen, wie einem Rindsknochen zwischen den Zähnen eines Löwen.

Zur selbigen Zeit legte der Herzog den Niederlanden grausame und schändliche Steuern auf, laut denen alle Einwohner, so bewegliche und unbewegliche Habe verkauften, tausend Gülden von zehntausend zahlen mußten. Und dieser Schoß war dauernd. Alle Kaufleute und Händler jeder Art mußten dem König den Zehnten vom Kaufpreis zahlen, und im Volk ging die Rede, daß der König von den zehnmal in einer Woche verkauften Waren das Ganze bekäme.

Und so gingen Handel und Gewerbfleiß den Weg des Verfalls und des Todes.

Und die Geusen nahmen Briel, eine starke Seefeste, die der Garten der Freiheit genannt ward.

In den ersten Tagen des Maimonds, als das Schiff unter blauem Himmel stolz über die Flut fuhr, sang Ulenspiegel:

„Die Asche brennt auf meinem Herzen.Die Henker kamen her und tötetenMit Dolch und Feuer, Kraft und SchwertUnd lohnten die schändlichen Spione.Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,Säten sie Mißtraun und Verrat.Zum Tod mit den Schergen,Schlaget die Trommel des Krieges.Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!Briel ist genommen.Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.Wo waren Zeelands Geschütze?Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,Geschmiedete und gegossene Kugeln.Gott ist mit uns, wer ist wider uns?Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,Meineidigem König rebellisches Volk!Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen.Die Henker kamen her und tötetenMit Dolch und Feuer, Kraft und SchwertUnd lohnten die schändlichen Spione.Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,Säten sie Mißtraun und Verrat.Zum Tod mit den Schergen,Schlaget die Trommel des Krieges.Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!Briel ist genommen.Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.Wo waren Zeelands Geschütze?Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,Geschmiedete und gegossene Kugeln.Gott ist mit uns, wer ist wider uns?Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,Meineidigem König rebellisches Volk!Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“

„Die Asche brennt auf meinem Herzen.Die Henker kamen her und tötetenMit Dolch und Feuer, Kraft und SchwertUnd lohnten die schändlichen Spione.Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,Säten sie Mißtraun und Verrat.Zum Tod mit den Schergen,Schlaget die Trommel des Krieges.

„Die Asche brennt auf meinem Herzen.

Die Henker kamen her und töteten

Mit Dolch und Feuer, Kraft und Schwert

Und lohnten die schändlichen Spione.

Wo Lieb’ und Treue war, die holden Tugenden,

Säten sie Mißtraun und Verrat.

Zum Tod mit den Schergen,

Schlaget die Trommel des Krieges.

Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!Briel ist genommen.Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.Wo waren Zeelands Geschütze?Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,Geschmiedete und gegossene Kugeln.Gott ist mit uns, wer ist wider uns?

Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!

Briel ist genommen.

Und Vlissingen auch, der Schlüssel der Schelde;

Gott ist gut, Camp Veere ist genommen.

Wo waren Zeelands Geschütze?

Wir haben Kugeln, Pulver und Blei,

Geschmiedete und gegossene Kugeln.

Gott ist mit uns, wer ist wider uns?

Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!

Schlaget die Trommel des Krieges und Ruhmes!

Es lebe der Geuse! Schlaget die Trommel!

Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,Meineidigem König rebellisches Volk!Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!

Das Schwert ist gezückt. Seid mutigen Herzens!

Fest sei der Arm. Das Schwert ist gezückt.

Fluch sei dem Zehnten, der uns verarmt,

Tod dem Henker, der Strang für den Räuber,

Meineidigem König rebellisches Volk!

Gezückt ist das Schwert für unsere Rechte,

Für unsere Häuser, die Weiber und Kinder.

Gezückt ist das Schwert, die Trommel schlagt!

Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“

Seid mutigen Herzens; fest sei der Arm!

Fluch sei dem Zehnten, der falschen Vergebung!

Schlaget die Trommel des Kriegs, die Trommel schlagt!“

„Ja, Gevattern und Freunde,“ sprach Ulenspiegel, „sie haben in Antwerpen vor dem Rathaus ein glänzend Gerüst errichtet, mit rotem Tuch überzogen. Darauf sitzt der Herzog inmitten der Lakeien und Söldlinge wie ein König auf seinem Throne. Wenn er wohlwollend lächeln will, macht er eine saure Fratze. Schlaget die Trommel des Krieges!

„Er hat Vergebung gewährt: Still da ... Sein vergüldeter Harnisch gleißt in der Sonne, der Generalprofoß hält zu Pferde neben dem Baldachin. Siehe da kommt der Herold mit den Paukenschlägern. Er liest: es ist die Vergebung für alle, so nicht gesündigt haben, die andern sollen grausam gestraft werden.

„Höret, Gevattern. Er verliest das Edikt, welches bei Strafe der Rebellion die Bezahlung des zehnten und zwanzigsten Pfennigs vorschreibt.“

Und Ulenspiegel sang:

„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,Das starke Raunen? So schwillt das Meer,Wenn die große Springflut sich naht.Genug des Geldes, genug des Blutes,Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!Das ist die Kralle in blutiger Wunde,Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser GoldZu unserem Blute mischen, um es zu trinken?Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreuDes Königs Majestät. Meineidig ist er,Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!Herzog von Alba, Blutherzog,Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nichtHaß und Verachtung Dich umwittern?Das schöne Land Flandern,Das frohe Land BrabantSind traurig wie Totenhöfe.Und da, wo einst in der Zeit der FreiheitDie Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,Herrscht Schweigen und Tod.Schlaget die Trommel des Krieges.Wo frohe Gesichter lachtenVon Zechern und singenden Liebespaaren,Starren jetzt die bleichen GesichterDerer, die in Ergebung wartenAuf den Schwerthieb der Ungerechten.Schlaget die Trommel des Krieges.Keiner hört mehr in den SchenkenDas fröhliche Klinken der GläserNoch der Mädchen helle Stimmen,Die mit Gesang die Stadt durchzogen.Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,Wurden Länder der Tränen.Schlaget die Trommel der Trauer.Erde der Väter, geliebte Dulderin,Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.Fleißige Bienen, stürzt Euch in SchwärmenAuf die hispanischen Drohnen.Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,Schreiet zum Himmel nach Rache.Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir ausUnd peitschen damit Dein Gesicht,Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“

„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,Das starke Raunen? So schwillt das Meer,Wenn die große Springflut sich naht.Genug des Geldes, genug des Blutes,Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!Das ist die Kralle in blutiger Wunde,Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser GoldZu unserem Blute mischen, um es zu trinken?Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreuDes Königs Majestät. Meineidig ist er,Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!Herzog von Alba, Blutherzog,Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nichtHaß und Verachtung Dich umwittern?Das schöne Land Flandern,Das frohe Land BrabantSind traurig wie Totenhöfe.Und da, wo einst in der Zeit der FreiheitDie Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,Herrscht Schweigen und Tod.Schlaget die Trommel des Krieges.Wo frohe Gesichter lachtenVon Zechern und singenden Liebespaaren,Starren jetzt die bleichen GesichterDerer, die in Ergebung wartenAuf den Schwerthieb der Ungerechten.Schlaget die Trommel des Krieges.Keiner hört mehr in den SchenkenDas fröhliche Klinken der GläserNoch der Mädchen helle Stimmen,Die mit Gesang die Stadt durchzogen.Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,Wurden Länder der Tränen.Schlaget die Trommel der Trauer.Erde der Väter, geliebte Dulderin,Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.Fleißige Bienen, stürzt Euch in SchwärmenAuf die hispanischen Drohnen.Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,Schreiet zum Himmel nach Rache.Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir ausUnd peitschen damit Dein Gesicht,Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“

„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,Das starke Raunen? So schwillt das Meer,Wenn die große Springflut sich naht.Genug des Geldes, genug des Blutes,Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!

„O Herzog, hörst Du des Volkes Stimme,

Das starke Raunen? So schwillt das Meer,

Wenn die große Springflut sich naht.

Genug des Geldes, genug des Blutes,

Genug der Trümmer! Schlaget die Trommel.

Gezückt ist das Schwert. Schlaget die Trommel der Trauer!

Das ist die Kralle in blutiger Wunde,Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser GoldZu unserem Blute mischen, um es zu trinken?Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreuDes Königs Majestät. Meineidig ist er,Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!

Das ist die Kralle in blutiger Wunde,

Der Raubmord. Was mußt Du denn all unser Gold

Zu unserem Blute mischen, um es zu trinken?

Wir gingen den Pfad der Pflicht, getreu

Des Königs Majestät. Meineidig ist er,

Des Eides sind wir ledig. Schlaget die Trommel des Krieges!

Herzog von Alba, Blutherzog,Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nichtHaß und Verachtung Dich umwittern?

Herzog von Alba, Blutherzog,

Werkstatt und Kaufladen siehe geschlossen,

Siehe die Brauer, Bäcker und Krämer,

Die ob der Steuer nicht wollen verkaufen.

Wenn Du vorübergehst, grüßet Dich wer?

Nicht einer. Fühlst Du wie Pesthauch nicht

Haß und Verachtung Dich umwittern?

Das schöne Land Flandern,Das frohe Land BrabantSind traurig wie Totenhöfe.Und da, wo einst in der Zeit der FreiheitDie Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,Herrscht Schweigen und Tod.Schlaget die Trommel des Krieges.

Das schöne Land Flandern,

Das frohe Land Brabant

Sind traurig wie Totenhöfe.

Und da, wo einst in der Zeit der Freiheit

Die Bratschen sangen, die Pfeifen schrillten,

Herrscht Schweigen und Tod.

Schlaget die Trommel des Krieges.

Wo frohe Gesichter lachtenVon Zechern und singenden Liebespaaren,Starren jetzt die bleichen GesichterDerer, die in Ergebung wartenAuf den Schwerthieb der Ungerechten.Schlaget die Trommel des Krieges.

Wo frohe Gesichter lachten

Von Zechern und singenden Liebespaaren,

Starren jetzt die bleichen Gesichter

Derer, die in Ergebung warten

Auf den Schwerthieb der Ungerechten.

Schlaget die Trommel des Krieges.

Keiner hört mehr in den SchenkenDas fröhliche Klinken der GläserNoch der Mädchen helle Stimmen,Die mit Gesang die Stadt durchzogen.Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,Wurden Länder der Tränen.Schlaget die Trommel der Trauer.

Keiner hört mehr in den Schenken

Das fröhliche Klinken der Gläser

Noch der Mädchen helle Stimmen,

Die mit Gesang die Stadt durchzogen.

Und Brabant und Flandern, Länder des Frohsinns,

Wurden Länder der Tränen.

Schlaget die Trommel der Trauer.

Erde der Väter, geliebte Dulderin,Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.Fleißige Bienen, stürzt Euch in SchwärmenAuf die hispanischen Drohnen.Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,Schreiet zum Himmel nach Rache.

Erde der Väter, geliebte Dulderin,

Unter des Mörders Fuß nicht beuge die Stirn.

Fleißige Bienen, stürzt Euch in Schwärmen

Auf die hispanischen Drohnen.

Reihen lebendig begrabner Frauen und Mädchen,

Schreiet zum Himmel nach Rache.

Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir ausUnd peitschen damit Dein Gesicht,Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“

Irret nachts auf den Fluren, Ihr armen Seelen,

Und schreiet zum Himmel. Es zittert der Arm, um zu schlagen.

Das Schwert ist gezückt! Herzog, wir reißen die Därme Dir aus

Und peitschen damit Dein Gesicht,

Schlaget die Trommel. Das Schwert ist gezückt.

Schlaget die Trommel! Es lebe der Geuse!“

Und alle Seeleute und Soldaten von Ulenspiegels Schiff und auch die von den andern Schiffen sangen desgleichen:

„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“

„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“

„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“

„Das Schwert ist gezückt, es lebe der Geuse!“

Und ihre Stimmen grollten wie Donner der Freiheit.

Es war im Januar, dem grausamen Monat, da das Kalb im Leibe der Kuh gefriert. Es hatte geschneit und obendrein gefroren. Die Knaben fingen mit Vogelleim die Sperlinge, so auf dem hartgefrorenen Schnee ihre kümmerliche Nahrung suchten, und brachten dieses Wild in ihre Hütten. Vom grauen, hellen Himmel hoben sich regungslos die Gerippe der Bäume ab. Ihre Zweige waren mit schneeigen Kissen bedeckt, welche gleichfalls die Hütten und Mauerfirsten bedeckten, auf denen man Spuren von Katzenpfoten erblickte, die gleichfalls im Schnee auf die Sperlinge Jagd machten. Die Wiesen waren weithin unter diesem wundersamen Vließe verborgen, das die Erde in der scharfen Winterkälte warm hielt. Der Rauch der Häuser und Hütten stieg schwarz gen Himmel, und man vernahm keinen Laut.

Und Katheline und Nele waren allein in ihrer Behausung, und Katheline sagte kopfschüttelnd:

„Hans, mein Herz zieht mich zu Dir. Du mußt Ulenspiegel, Soetkins Sohn, die siebenhundert Karolus wiedergeben. Wenn du arm bist, komm wenigstens, daß ich Dein leuchtendes Antlitz schaue. Nimm das Feuer fort, mein Kopf brennt. Wehe, wo sind Deine schneekalten Küsse, wo ist Dein Körper aus Eis? Hans, mein Geliebter.“

Sie stand am Fenster. Plötzlich kam im schnellsten Trab ein Läufer vorbei, der Schellen am Gürtel trug, und rief:

„Es kommt der Amtmann, der Amthauptmann von Damm!“

Und derart lief er bis zum Rathause, um Bürgermeister und Schöffen dorthin zu berufen.

Alsdann hörte Nele zwei Hörner durch die dumpfe Stille. Alle aus Damm traten vor die Türen, vermeinend, daß Seine Königliche Majestät sich durch solche Fanfaren ankündigte.

Und Katheline trat auch an die Tür mit Nele. Von fern sahen sie glänzende Reiter, die zu Hauf ritten, und vor ihnen ritt ein Mann in schwarzem, mit Marderfell verbrämtem Sammetrock; sein Wams war mit echten Goldborten besetzt und die Stiefel von falbem Kalbsleder, mit Marderfell verbrämt. Und sie erkannten den Amthauptmann.

Hinter ihm ritten junge Ritter, die ohngeachtet der Verordnung Seiner hochseligen Kaiserlichen Majestät, an ihren Sammetgewändern Stickereien, Borten, Streifen und Einfassungen von Gold, Silber und Seide trugen. Und ihre Röcke, die sie unter ihren Mänteln trugen, waren gleich denen des Amtmanns mit Pelz verbrämt. Sie ritten munter daher, und die langen Straußenfedern, die ihre mit Knöpfen und güldenen Borten verzierten Baretts schmückten, wallten im Winde.

Und sie schienen alle gute Freunde und Kumpane des Amthauptmannes, in Sonderheit ein Ritter mit finsterer Miene, in grünen Sammet gekleidet und in einen Mantel mit goldverbrämtem schwarzem Sammet, desgleichen das mit langen Federn geschmückte Barett. Seine Nase hatte die Form eines Geierschnabels, die Lippen waren schmal; er hatte rote Haare, ein bleiches Gesicht und stolze Haltung.

Dieweil das Häuflein der Ritter vor Kathelines Haus vorbeiritt, fiel diese plötzlich dem Pferde des bleichen Ritters in den Zügel und rief närrisch vor Freude:

„Hans, mein Geliebter, ich wußte es, Du kehrst wieder. Wie schön Du bist, so ganz in Sammet und Gold, wie eine Sonne auf dem Schnee! Bringst du mir die siebenhundert Karolus? Wirst Du wiederum schreien wie der Fischadler?“

Der Amthauptmann hieß das Häuflein der Edelleute still halten, und der bleiche Ritter sagte:

„Was will diese Geusin von mir?“

Doch Katheline hielt immer noch das Pferd am Zügel.

„Gehe nicht wieder fort,“ sprach sie, „ich habe soviel um Dich geweint. Holde Nächte, mein Liebster, mit Küssen von Schnee und Körpern von Eis. Das Kind ist hier!“

Und sie zeigte auf Nele, die ihn zornig anblickte, denn er hatte seine Peitsche gegen Katheline erhoben. Aber Katheline sprach weinend:

„Ach, gedenkst Du dessen nicht mehr? Habe Mitleid mit Deiner Magd. Führe sie mit Dir, wohin Du willst. Nimm das Feuer fort, Hans, Erbarmen!“

„Hinweg!“ sagte er.

Und er drängte sein Pferd so stark vorwärts, daß Katheline den Zügel losließ und zu Boden fiel, und das Pferd trat auf sie und schlug ihr eine blutende Wunde an der Stirn.

Darauf sagte der Amtmann zu dem bleichen Ritter:

„Herr, kennet Ihr diese Frau?“

„Ich kenne sie nicht,“ sagte er; „es ist ohne Zweifel etwelche Verrückte.“

Aber Nele, die Katheline aufgehoben hatte, sprach:

„Wenn diese Frau verrückt ist, so bin ich es nicht, Euer Gnaden, und ich will von diesem Schnee, den ich esse, sterben“ / und sie nahm mit den Fingern etwas Schnee / „wenn dieser Mann nicht meine Mutter gekannt hat, wenn er ihr nicht all ihr Geld genommen und nicht des Klas Hund getötet hat, um siebenhundert Karolus, so dem armen Toten gehörten, von der Brunnenmauer unseres Hauses zu nehmen.“

„Hans, mein Herzliebster,“ weinte Katheline, die blutend vor ihm auf den Knien lag, „Hans, mein Geliebter, gib mir den Friedenskuß. Sieh, mein Blut fließt. Die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben, verlaß mich nicht.“ Dann sagte sie ganz leise: „Damals tötetest Du Deinen Gefährten aus Eifersucht am Deiche.“ Und sie streckte den Finger in der Richtung nach Dudzeele. „Zu jener Zeit liebtest Du mich sehr.“

Und sie faßte und umschlang des Edelmanns Knie und nahm seinen Stiefel und küßte ihn.

„Wer ist dieser Getötete?“ fragte der Amthauptmann.

„Ich weiß es nicht, Euer Gnaden,“ sagte er. „Was kümmern uns die Reden dieser Geusin? Vorwärts.“

Das Volk rottete sich um sie zusammen; reiche und geringe Bürger, Handwerker und Bauern nahmen Kathelines Partei und riefen:

„Gerechtigkeit, Herr Amtmann, Gerechtigkeit!“

Und der Amtmann sagte zu Nele:

„Was ist es mit diesem Getöteten? Sprich wie Gott und die Wahrheit es verlangt.“

Nele redete und sprach, auf den bleichen Edelmann deutend:

„Der da ist alle Samstag in die Keet gekommen, um meine Mutter zu besuchen und ihr Geld zu nehmen; er hat seinen Freund, Hilbert genannt, auf dem Acker von Servaes van der Vichte umgebracht. Nicht aus Liebe, wie diese arme Närrin wähnt, sondern um die siebenhundert Karolus für sich allein zu haben.“

Und Nele erzählte von Kathelines Liebschaft und was diese gehört, als sie in der Nacht hinter dem Deich, der den Acker des Servaes van der Vichte durchschneidet, versteckt war.

„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „sie spricht hart von Hans, ihrem Vater.“

„Ich schwöre, daß er wie ein Fischadler schrie, um sich anzumelden,“ sprach Nele.

„Du lügst,“ sagte der Edelmann.

„O nein!“ sagte Nele, „und Ihr, Herr Amtmann und alle hohen Herren, so zugegen sind, sehen es wohl: Du bist nicht vor Kälte, sondern vor Furcht so bleich. Woher kommt es, daß Dein Antlitz nicht mehr glänzt? Du hast also die Zaubersalbe verloren, mit der Du es einriebest, damit es hell erschiene wie die Wogen im Sommer, wenn es donnert. Aber Du wirst vor den Gitterfenstern des Rathauses verbrannt werden, verfluchtet Zauberer. Du warst die Ursache von Soetkins Tode, Du hast ihren vaterlosen Sohn ins Elend getrieben. Du bist gewiß ein Edelmann und kamst zu uns Bürgern, um meiner Mutter ein einzig Mal Geld zu bringen und es ihr alle andern Male zu nehmen.“

„Hans,“ sprach Katheline, „Du wirst mich wiederum zum Sabbat führen und mich wiederum mit Balsam einreiben. Hör nicht auf Nele, sie ist boshaft. Du siehst das Blut; die Seele hat sich ein Loch gemacht und will hinaus. Ich werde bald sterben und in die Vorhölle kommen, wo es nicht brennt.“

„Schweig, verrückte Hexe, ich kenne Dich nicht,“ sprach der Edelmann, „und ich weiß nicht, was Du meinst.“

„Und doch bist Du es, der mit einem Gefährten kam und ihn mir zum Manne geben wollte; Du weißt, daß ich ihn nicht wollte. Was hat Dein Freund Hilbert mit seinen Augen gemacht, als ich meine Nägel hineingekrallt hatte?“

„Nele ist boshaft,“ sagte Katheline, „glaub ihr nicht, Hans, mein Herzliebster. Sie ist auf Hilbert zornig, weil er ihr Gewalt antun wollte; aber jetzt kann er es nicht mehr, denn die Würmer haben ihn gefressen. Und Hilbert war häßlich, mein süßer Hans, Du allein bist schön. Nele ist boshaft.“

Nunmehr sprach der Amtmann:

„Ihr Frauen, gehet in Frieden.“

Aber Katheline wollte die Stätte nicht verlassen, wo ihr Freund war. Sie mußte mit Gewalt in ihre Behausung gebracht werden.

Und das ganze versammelte Volk schrie:

„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit!“

Da die Gemeindebüttel auf den Lärm herzugekommen waren, befahl der Amtmann ihnen, zu bleiben, und sagte zu den Rittern und Edelleuten:

„Edle Herren, ohngeachtet aller Privilegien, so den erlauchten Adelsstand im Lande Flandern schützen, muß ich Euren Joos Damman auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen, in Sonderheit die der Zauberei, verhaften lassen, bis er gemäß den Gesetzen und Verordnungen des Reiches gerichtet ist. Liefert Euren Degen aus, Herr Josse.“

„Herr Amtmann,“ sagte Joos Damman mit großem Hochmut und Adelsstolz, „indem Ihr mich verhaftet, vergeht Ihr Euch gegen das flandrische Gesetz, denn Ihr seid nicht selbst Richter. Nun wisset Ihr, daß es nicht erlaubt ist, ohne richterlichen Auftrag zu verhaften, ausgenommen die Falschmünzer, Straßenräuber und Wegelagerer, Brandstifter und Frauenschänder; desgleichen die Soldaten, so ihren Hauptmann verlassen, die Zauberer, die Gift anwenden, um die Gewässer zu vergiften, die entlaufenen Mönche oder Beghinen und die Verbannten. Wohlan, Ihr edlen Herren, verteidigt mich!“

Da Etliche gehorchen wollten, sprach der Amtmann zu ihnen:

„Edle Herren, da ich allhier unsern König, Grafen und Herrn vertrete, welchem die Entscheidung der schwierigen Fälle vorbehalten ist, so gebiete und befehle ich Euch bei Strafe, für Rebellen erklärt zu werden, Eure Degen wieder in die Scheide zu stecken.“

Die Edelleute gehorchten, doch Herr Joos Damman zauderte immer noch. Das Volk schrie:

„Gerechtigkeit, Euer Gnaden, Gerechtigkeit! Er soll seinen Degen ausliefern!“

Darauf tat er es sehr wider Willen, stieg vom Pferde und ward von zwei Schergen nach dem Gemeindekerker geführt. Er ward jedoch nicht in die Verließe gesperrt, sondern vielmehr in ein vergittertes Gemach, wo er für sein Geld gutes Feuer, gutes Bett und gute Nahrung erhielt; davon nahm sich der Kerkermeister die Hälfte.

Am andern Tage gingen der Amtmann, die beiden Kriminalschreiber, zwei Schöffen und ein Wundarzt gen Dudzeele, um zu sehen, ob sie auf Servaes van der Vichtes Acker längs des Deiches, der das Feld durchschnitt, den Leichnam eines Mannes fänden.

Nele hatte zu Katheline gesagt: „Hans, dein Liebster, verlangt Hilberts abgeschnittene Hand. Heute Abend wird er wie ein Fischadler schreien, in unsere Hütte kommen und Dir die siebenhundert Goldkarolus bringen.“

Katheline hatte geantwortet:

„Ich werde sie abschneiden.“ Und wirklich nahm sie ein Messer und machte sich in Neles Begleitung auf; die Gerichtsbeamten folgten ihr. Sie ging rasch und stolz mit Nele, der die frische Luft das hübsche Gesicht rötete. Die alten, hüstelnden Gerichtsbeamten folgten ihr schier erfroren; sie waren alle wie schwarze Schatten auf der weißen Ebene, und Nele trug ein Grabscheit. Als sie auf Servaes van der Vichtes Acker und auf dem Deiche anlangten, ging Katheline bis zur Mitte und sprach, zur Rechten auf die Wiese deutend: „Hans, Du wußtest nicht, daß ich da verborgen war und beim Klirren der Degen erbebte. Und Hilbert schrie: Dies Eisen ist kalt. Hilbert war häßlich, Hans ist schön. Du sollst seine Hand haben, laß mich allein.“ Dann stieg sie zur Linken hinab, kniete auf dem Schnee nieder und rief dreimal in die Luft, um den Geist herbeizurufen.

Dann gab Nele ihr das Grabscheit, über das Katheline dreimal das Zeichen des Kreuzes machte. Alsdann zeichnete sie auf dem Eise die Form eines Sarges und drei umgekehrte Kreuze, eins nach Osten, eins nach Westen, eins nach Norden und sprach: „Drei, das ist Mars nahe bei Saturn, und drei ist Entdeckung unter Venus, dem hellen Stern.“ Darauf zog sie einen großen Kreis um den Sarg und sagte: „Hebe Dich hinweg, böser Geist, der den Leichnam bewacht.“ Dann fiel sie betend auf die Kniee: „Teufelsfreund, Hilbert,“ sagte sie, „Hans, mein Herr und Meister, befiehlt mir, hierherzukommen, um Dir die Hand abzuschneiden und sie ihm zu bringen. Ich schulde ihm Gehorsam. Laß nicht das Feuer der Erde gegen mich los, weil ich die Ruhe Deines edlen Grabes störe, und vergib mir um Gott und der Heiligen willen.“

Dann zerbrach sie das Eis in der Linie des Sarges und erreichte den feuchten Rasen, dann den Sand. Und der Amtmann und seine Beamten, Nele und Katheline erblickten den Körper eines jungen Mannes, der vom Sande weiß wie Kalk war. Er trug ein Wams von grauem Tuch, desgleichen den Mantel; sein Degen war ihm zur Seite gelegt. Er hatte eine Tasche von Eisenmaschen am Gürtel, und ein breiter Dolch steckte unter seinem Herzen. Auf dem Tuche des Wamses war Blut, und dies Blut war unter seinen Rücken geflossen. Und der Mann war jung.

Katheline schnitt ihm die Hand ab und tat sie in ihren Beutel. Und der Amtmann ließ es geschehen; dann befahl er ihr, den Leichnam aller seiner Waffen und Gewandung zu entblößen. Katheline fragte, ob Hans es also befohlen habe. Der Amtmann antwortete, daß er nur nach seinen Befehlen handle, und alsbald tat Katheline, was er wollte.

Als der Leichnam entblößt war, sah man, daß er trocken wie Holz, aber nicht verwest war; und der Amtmann und seine Beamten gingen von dannen, nachdem sie ihn wieder mit Sand hatten bedecken lassen, und die Büttel trugen die Sachen des Toten. Da sie vor dem Gemeindekerker vorbeikamen, sagte der Amtmann zu Katheline, daß Hans sie dort erwarte; sie ging freudig hinein.

Nele wollte sie daran hindern, und Katheline erwiderte immerfort: „Ich will Hans, meinen Herrn sehen.“

Und Nele weinte auf der Schwelle, denn sie wußte, daß Katheline als Zauberin verhaftet war, um der Beschwörungen und Zeichen willen, so sie auf den Schnee gemacht hatte.

Und in Damm ging die Rede, daß es keine Gnade für sie gäbe. Und Katheline wurde in den westlichen Kerker des Gefängnisses gebracht.

Am folgenden Tag, da der Wind aus Brabant wehte, schmolz der Schnee, und die Wiesen wurden überschwemmt.

Und die Sturmglocke rief die Richter zum Gericht der „Vierschare,“ das wegen der Feuchtigkeit der Rasenbänke unter einem Schirmdache stattfand. Und das Volk stand im Kreise um die Richter.

Joos Damman wurde aller Fesseln ledig in seiner fürnehmen Tracht vorgeführt. Auch Katheline wurde herbeigeführt, mit vorn zusammengebundenen Händen, in einem Kleide von grauer Leinwand, der Gefängnistracht.

Joos Damman bekannte im Verhör, daß er seinen Freund Hilbert im Zweikampf auf Degen getötet habe. Als man ihm sagte: Er ist von einem Dolchstoß getroffen, antwortete Joos Damman: „Ich habe ihn niedergestochen, weil er nicht rasch genug starb. Da ich unter dem Schutz der flandrischen Gesetze stehe, die verbieten, den Mörder nach Ablauf von zehn Jahren zu verfolgen, so bekenne ich den Mord willig.“

Der Amtmann sprach zu ihm:

„Bist Du kein Zauberer?“

„Nein,“ antwortete Damman.

„Beweise es,“ sagte der Amtmann.

„Ich werde es zu gelegener Zeit und am rechten Orte tun, aber es beliebt mir nicht, es jetzt zu tun.“

Der Amtmann befragte alsdann Katheline; sie hörte ihn nicht und schaute Hans an:

„Du bist mein grüner Ritter, schön wie die Sonne. Nimm das Feuer fort, Herzliebster.“

Darauf sprach Nele an ihrer Stelle:

„Sie kann nichts bekennen, als was Ihr schon wisset, Euer Gnaden und Ihr Herren. Sie ist keine Hexe, sondern nur irre.“

Nunmehr redete der Amtmann und sprach:

„Zauberer ist der, welcher durch teuflische Mittel, wissentlich angewendet, sich bemüht, irgend etwas zu erreichen. Nun sind diese beiden, Mann und Weib, Zauberer nach Absicht und Tat, er, weil er ihr die Salbe für den Hexensabbat gegeben und sich das Gesicht hell wie Luzifer gemacht hat, um Geld und Befriedigung seiner Wollust zu erhalten; sie, weil sie sich ihm unterworfen hat, da sie ihn für einen Teufel hielt, und sich seinen Begierden hingegeben hat. Er hat sich mit Zauberei abgegeben, sie ist seine offenbare Mitschuldige. Derhalben dürfen wir kein Mitleid haben, und ich muß es sagen, denn ich sehe die Schöffen und das Volk der Frau allzu wohl gesinnt. Sie hat zwar nicht gemordet noch gestohlen, noch Vieh und Menschen behext, noch irgend einen Kranken durch außergewöhnliche Mittel geheilt, sondern nur durch Hausmittel, so der ehrbaren, christlichen Arzeneikunde bekannt sind. Aber sie wollte ihre Tochter dem Teufel ausliefern, und wenn diese nicht trotz ihrer Jugend mit so redlichem, wackeren Mute widerstanden hätte, so hätte sie Hilbert nachgegeben und wäre wie jene eine Hexe geworden. Darum so frage ich die Herren vom Gericht, ob sie nicht der Meinung sind, daß die Beiden auf die Folter gespannt werden müssen!“

Die Schöffen antworteten nicht und zeigten dadurch genugsam, daß solches nicht ihr Wunsch sei, soweit es Katheline betraf.

Darauf redete der Amtmann weiter:

„Ich bin gleich Euch von Mitleid und Erbarmen für sie bewegt. Aber konnte diese irrsinnige Hexe, die dem Teufel so trefflich gehorchte, nicht mit einer Sichel ihrer Tochter den Kopf abschneiden, wenn ihr mitangeklagter Buhle es ihr befohlen hätte, gleichwie es Katharine Daru im Lande Frankreich auf Geheiß des Teufels bei ihren beiden Töchtern getan hat? Konnte sie nicht, wenn ihr schwarzer Gemahl es ihr geboten hätte, Tiere töten, die Butter im Butterfaß gerinnen machen, indem sie Zucker hinein warf? Konnte sie nicht in Person allem Teufeldienst, Hexentanz, Greueln und Buhlschaft der Zauberer beiwohnen? Konnte sie nicht Menschenfleisch essen und die Kinder schlachten, Pasteten daraus machen und sie verkaufen, wie ein Pastetenbäcker in Paris es getan hat? Konnte sie nicht die Lenden der Gehenkten abschneiden und forttragen, um hineinzubeißen und solchergestalt schändlichen Diebstahl und Entweihung zu begehen? Und ich fordere vom Gerichtshof, daß alle beide, Katheline und Joos Damman, auf die Folter gebracht werden, um zu erfahren, ob sie kein anderes Verbrechen als die schon bekannten und erforschten begangen haben. Da Joos Damman sich weigert, irgend etwas außer dem Mord zu gestehen, und Katheline gar nichts ausgesagt hat, so erheischen die Reichsgesetze das Verfahren, das ich bezeichnet habe.“

Und der Spruch der Schöffen lautete auf Tortur am Freitag, welcher übermorgen war.

Und Nele rief: „Gnade, Ihr Herren,“ und das Volk rief mit ihr. Aber es war vergeblich.

Und Katheline blickte Joos Damman an und sprach:

„Ich habe Hilberts Hand, hole sie diese Nacht, mein Geliebter!“ Und sie wurden wieder ins Gefängnis geführt.

Dort ward dem Kerkermeister auf Geheiß des Gerichtshofes anbefohlen, jedem zwei Wärter zu geben, die sie allemal, wenn sie einschlafen wollten, schlagen sollten, aber die zwei Wächter Kathelines ließen sie die Nacht durch schlafen, und die von Joos Damman schlugen ihn unbarmherzig, so oft er die Augen schloß oder nur den Kopf neigte.

Sie hungerten den ganzen Tag und die Nacht des Mittwoch und den ganzen Donnerstag bis zum Abend; dann gab man ihnen zu essen und zu trinken: Fleisch mit Salz und Salpeter, und Wasser mit Salz und Salpeter. Das war der Anfang ihrer Tortur. Und am Morgen, als sie vor Durst schrien, führten die Büttel sie in die Folterkammer.

Dort wurden sie einander gegenüber gelegt und jeder auf eine Bank gebunden, die mit verknoteten Stricken bedeckt war, was ihnen große Pein verursachte. Und sie mußten jeder ein Glas Wasser mit Salz und Salpeter trinken.

Da Joos Damman auf der Bank einschlafen wollte, schlugen ihn die Büttel.

Und Katheline sprach:

„Schlagt ihn nicht, Ihr Herren, Ihr zerbrechet seinen armen Körper. Er hat nur ein einziges Verbrechen begangen, und das aus Liebe, als er Hilbert umbrachte. Mich dürstet und dich auch, mein geliebter Hans. Gebt ihm zuerst zu trinken. Wasser! Wasser! Mein Körper brennt. Schonet seiner, ich werde bald für ihn sterben. Zu trinken!“

Hans sprach zu ihr:

„Garstige Hexe, stirb und verrecke wie eine Hündin. Werft sie ins Feuer, Ihr Herren Richter. Mich dürstet!“

Die Schreiber schrieben alle seine Worte nieder.

Darauf sprach der Amtmann zu ihm:

„Hast Du nichts zu gestehen?“

„Ich habe nichts mehr zu sagen“, antwortete Damman. „Ihr wisset alles.“

„Da er beim Leugnen beharrt,“ sagte der Amtmann, „soll er, bis auf neues und vollständiges Geständnis, auf der Marterbank und auf diesen Stricken bleiben: er soll Durst leiden und am Schlafen verhindert werden.“

„Ich werde bleiben,“ sagte Joos Damman, „und mich damit ergötzen, diese Hexe auf jener Bank leiden zu sehen. Wie findest Du das Hochzeitsbett, mein Schätzchen?“

Und Katheline antwortete ächzend:

„Kalte Hände und heißes Herz. Hans, mein Liebster. Mich dürstet, mein Kopf brennt!“

„Und Du, Weib,“ sprach der Amtmann, „hast Du nichts mehr zu sagen?“

„Ich höre den Karren des Todes und das Klappern der Gebeine,“ sprach sie. „Mich dürstet! Er führt mich an einen großen Fluß, in dem Wasser, frisches, klares Wasser ist; aber dies Wasser ist Feuer. Hans, mein Freund, befreie mich von diesen Stricken. Ja, ich bin im Fegefeuer, und ich sehe oben den Herrn Jesus in seinem Paradies und die gnadenreiche Jungfrau. Oh, unsere liebe Frau, gib mir einen Tropfen Wassers, beiße nicht allein in diese schönen Früchte.“

„Dies Weib wird von grausamem Wahnsinn geplagt,“ sagte einer der Schöffen. „Sie muß von der Folterbank genommen werden.“

„Sie ist so wenig wahnsinnig wie ich,“ sagte Joos Damman, „das ist eitel Spiel und Verstellung.“ Und mit drohender Stimme sagte er zu Katheline: „Ich werde Dich, die so trefflich die Irre spielt, im Feuer sehen.“ Und er knirschte mit den Zähnen und lachte ob seiner grausamen Lüge.

„Mich dürstet, erbarmt Euch, mich dürstet,“ sagte Katheline. „Hans, mein Liebster, gib mir zu trinken. Wie weiß Dein Gesicht ist! Lasset mich zu ihm, Ihr Herren Richter.“ Und den Mund weit öffnend: „Ja, ja, jetzo legen sie mir das Feuer in die Brust, und die Teufel binden mich auf dies grausame Bett. Hans, Du bist so mächtig, nimm deinen Degen und töte sie! Wasser! zu trinken, zu trinken!“

„Verrecke, Hexe,“ sagte Joos Damman. „Man sollte ihr eine Angstbirne ins Maul stecken, damit sie, die Bäuerin, sich nichts gegen mich, den Edelmann, herausnehmen kann.“

Auf diese Rede erwiderte ein Schöffe, der dem Adel feind war: „Herr Amtmann, es ist den Rechten und Bräuchen des Reiches zuwider, denen, so peinlich befragt werden, Angstbirnen in den Mund zu stecken. Denn sie sind hier, um die Wahrheit zu bekennen, und damit wir sie nach ihren Aussagen richten. Das ist nur verstattet, wenn der verurteilte Angeklagte auf dem Blutgerüst zum Volke sprechen, es dergestalt rühren und einen öffentlichen Aufruhr erregen könnte.“

„Mich dürstet,“ sagte Katheline. „Gib mir zu trinken, Hans, mein Herzliebster.“

„Ha, du leidest, verfluchte Hexe,“ sprach er, „Du, die einzige Ursache aller Qualen, die ich erdulde. Aber Du wirst in dieser Folterkammer die Marter der Kerzen, den Wippgalgen und die Holzstückchen zwischen den Nägeln der Füße und Hände erleiden. Man wird dich rittlings auf einen Sarg setzen, dessen Rücken so scharf ist wie eine Messerklinge, und Du wirst bekennen, daß Du keine Wahnsinnige, sondern eine schlimme Hexe bist, der Satan befohlen hat, den Edelleuten etwas anzutun. Zu trinken!“

„Hans, mein Lieber,“ sprach Katheline, „zürne Deiner Magd nicht. Ich leide tausend Schmerzen für Dich, mein Gebieter. Schonet seiner, Ihr Herren Richter; gebet ihm einen vollen Becher zu trinken und hebt mir nur einen Tropfen auf. Hans, ist die Stunde des Fischadlers noch nicht da?“

Jetzo sagte der Amtmann zu Joos Damman:

„Da Du Hilbert umbrachtest, was war der Anlaß des Zweikampfes?“

„Es war wegen einer Dirne aus Heyst, die wir alle beide haben wollten.“

„Eine Dirne aus Heyst,“ schrie Katheline und wollte mit Gewalt von der Bank aufstehen. „Du betrügst mich mit einer Andern, du falscher Teufel. Wußtest du, daß ich hinter dem Deich horchte, als Du sagtest, Du wolltest alles Geld haben, das Klas gehörte? Du wolltest es gewißlich in Leckereien und Schlemmereien mit ihr ausgeben! Ach, und ich, die ihm ihr Blut gegeben hätte, wenn er Gold daraus hätte machen können! Und alles wegen einer Andern. Sei verflucht!“

Aber plötzlich weinte sie und versuchte, sich auf ihrer Folterbank umzudrehen:

„Nein, Hans, sage, daß Du Deine arme Magd noch lieb haben willst, und ich will mit meinen Fingern die Erde aufscharren und einen Schatz finden. Ja, es ist einer da, und ich werde mit der Wünschelrute gehen, die sich nach der Seite neigt, wo die Metalle sind; und ich werde ihn finden und ihn Dir bringen. Küsse mich, Liebster, und Du sollst reich werden; und wir werden Fleisch essen und alle Tage Bier trinken. Ja, ja, die da trinken auch Bier, frisches, schäumendes Bier. O, Ihr Herren, gebt mir nur einen Tropfen davon, ich bin im Feuer. Hans, ich weiß es wohl, wo Haselruten sind, aber wir müssen bis zum Frühjahr warten.“

„Schweig, Hexe,“ sagte Joos Damman, „ich kenne Dich nicht. Du hast Hilbert für mich gehalten. Er war’s, der Dich besuchte. Und in Deinem boshaften Gemüt nanntest Du ihn Hans. Wisse, daß ich nicht Hans heiße, sondern Joos. Wir waren von gleichem Wuchs, Hilbert und ich. Ich kenne Dich nicht. Ohne Zweifel war es Hilbert, der die siebenhundert Karolusgülden stahl. Gebt mir zu trinken. Mein Vater wird einen Becher Wassers mit hundert Gülden bezahlen; aber dieses Weib kenne ich nicht.“

„Gnädiger Herr,“ rief Katheline aus, „er sagt, daß er mich nicht kennt; aber ich, ich kenne ihn wohl und weiß, daß er auf dem Rücken ein braunes, behaartes Mal so groß wie eine Bohne hat. Ha, Du liebtest eine Dirne aus Heyst. Schämt sich ein wahrer Liebhaber seines Liebchens? Hans, bin ich nicht noch schön?“

„Schön!“ sagte er. „Du hast ein Gesicht wie eine Mispel und einen Leib wie ein Reisigbündel. Sehet das Bettelweib, das von fürnehmen Herren geliebt sein will. Zu trinken!“

„Du sprachst nicht also, Hans, mein süßer Herr,“ sagte sie, „da ich sechzehn Jahre jünger war denn jetzt.“ Dann schlug sie sich vor Kopf und Stirn. „Die Glut darinnen dörrt mir Herz und Gesicht; schelte mich nicht darum. Weißt Du noch, wenn wir Gesalzenes aßen, um mehr zu trinken, wie Du sagtest? Jetzt ist das Salz in uns, mein Liebster, und der Herr Amtmann trinkt Wein aus der Romagna. Wir wollen keinen Wein, gebt uns Wasser. Es rieselt im Grase, das Wässerlein, das die klare Quelle macht; das gute Wasser, es ist kalt. Nein, es brennt, es ist höllisches Wasser.“ Und Katheline weinte und sagte: „Ich habe Niemandem Übles getan, und jedermann wirft mich ins Feuer. Zu trinken! Man gibt den herrenlosen Hunden Wasser. Ich bin eine Christin, gebt mir zu trinken. Ich habe Niemandem Übles getan. Zu trinken!“

Darauf redete ein Schöffe und sagte:

„Diese Hexe ist nur in so weit toll, als sie vom Feuer behauptet, daß es ihr den Kopf verbrenne. In andern Dingen ist sie es nicht, maßen sie uns klaren Geistes half, die sterblichen Reste des Toten zu entdecken. Wenn das behaarte Mal sich auf Joos Dammans Körper findet, so genügt dies, um festzustellen, daß er und der Teufel Hans, von dem Katheline betört ward, derselbe ist. Henker, laß uns das Mal sehen.“

Der Henker entblößte Hals und Schulter und zeigte das braune behaarte Mal.

„Ach,“ sagte Katheline, „wie weiß Deine Haut ist! Beinahe wie die Schultern eines Mägdleins. Du bist schön, Hans, mein Geliebter. Zu trinken!“

Der Henker stach mit einer langen Nadel in das Mal; aber es blutete nicht.

Und die Schöffen sprachen untereinander:

„Er ist ein Teufel, und er wird Joos Damman umgebracht und sein Gesicht angenommen haben, um die arme Welt desto sichrer zu täuschen.“

Und der Amtmann und die Schöffen erschraken und sprachen:

„Er ist ein Teufel, und es ist Zauberei im Spiel.“

Und Joos Damman sagte:

„Ihr wisset, daß keine Zauberei im Spiel ist, und daß es solche fleischigen Auswüchse gibt, die man stechen kann, ohne daß sie bluten. Wenn Hilbert von dieser Hexe Geld genommen hat, denn sie ist ja eine, die bekennt, mit dem Teufel gebuhlt zu haben, so durfte er es mit ausdrücklicher Zustimmung dieser Bäuerin und ward also als Edelmann für seine Zärtlichkeiten bezahlt, wie es die Dirnen alle Tage tun. Gibt es in dieser Welt nicht gleich den Dirnen leichtfertige Burschen, so sich von den Weibern ihre Kraft und Schönheit bezahlen lassen?“

Die Schöffen sagten untereinander:

„Sehet die teuflische Dreistigkeit! Seine behaarte Warze hat nicht geblutet; er ist ein Mörder, Teufel und Zauberer und will sich schlechtweg für einen Duellanten ausgeben, indem er seine andern Verbrechen auf den teuflischen Freund wälzt, dem er den Leib, aber nicht den Geist getötet hat ... Und sehet, wie bleich sein Gesicht ist. / So erscheinen alle Teufel, rot in der Hölle, bleich auf Erden, denn sie haben nicht das Lebensfeuer, das dem Gesicht seine rote Farbe gibt, und inwendig sind sie Asche. Er muß ins Feuer zurückgebracht werden, damit er rot wird und brennt.“

Darauf sagte Katheline:

„Ja, er ist ein Teufel, aber ein guter, freundlicher Teufel. Und der heilige Jakobus, sein Schutzpatron, hat ihm erlaubt, die Hölle zu verlassen. Er bittet den Herrn Jesum alle Tage für ihn. Er wird nur siebentausend Jahre im Fegefeuer sein müssen: die Jungfrau will es, aber Herr Satan ist dagegen. Aber die hohe Frau tut, was sie will. Werdet Ihr wider sie sein? Wenn Ihr ihn recht betrachtet, werdet Ihr sehen, daß er von seiner teuflischen Natur nichts behalten hat, denn den kalten Körper und das leuchtende Antlitz, wie es die See im August hat, wenn es donnern will.“

Und Joos Damman sagte:

„Schweig, Hexe, Du bringst mich ins Feuer.“ Dann sprach er zum Amtmann und zu den Schöffen: „Seht mich an, ich bin kein Teufel. Ich bin aus Fleisch und Bein, Blut und Wasser. Ich trinke und esse, verdaue und scheide aus gleich Euch; meine Haut ist gleich der Euren und mein Fuß desgleichen. Henker, zieh mir die Stiefel aus, denn ich kann mich mit den gefesselten Füßen nicht rühren.“

Der Henker tat es, nicht ohne Furcht.

„Sehet,“ sprach Joos und zeigte seine weißen Füße. „Sind das Klauen, Teufelsfüße? Was meine Blässe angeht, / ist keiner unter Euch so blaß wie ich? Ich sehe mehr als drei, die so sind. Aber nicht ich bin’s, der gesündigt hat, sondern diese garstige Hexe und ihre Tochter, die boshafte Anklägerin. Woher hat sie das Geld, das sie Hilbert gegeben hat? Woher stammten die Gülden, die sie ihm lieh? War es nicht der Teufel, der sie bezahlte, um fürnehme, unschuldige Männer anzuklagen und dem Tode auszuliefern? Diese beiden müssen gefragt werden, wer den Hund im Hof erwürgte, wer das Loch grub und davon ging, nachdem er alles herausgenommen, ohne Zweifel, um den Schatz an einem andern Ort zu verbergen. Soetkin, die Witwe, hatte kein Vertrauen zu mir, da sie mich nicht kannte, wohl aber zu ihnen, die sie alle Tage sah. Die beiden sind’s, die des Kaisers Habe gestohlen haben.“

Der Gerichtsschreiber schrieb, und der Amtmann sprach zu Katheline:

„Weib, hast Du nichts zu Deiner Verteidigung zu sagen?“

Katheline schaute Joos Damman an und sagte gar verliebt:

„Es ist die Stunde des Fischadlers. Ich habe Hilberts Hand, mein lieber Hans. Sie sagen, daß Du mir die siebenhundert Karolus wiedergeben wirst. Nehmt das Feuer fort, nehmt das Feuer fort!“ schrie sie sodann. „Zu trinken, zu trinken, mein Kopf brennt. Gott und die Engel essen im Himmel Äpfel.“

Und sie verlor das Bewußtsein.

„Bindet sie von der Folterbank los,“ sprach der Amtmann. Der Henker und seine Knechte gehorchten. Und sie taumelte und hatte geschwollene Füße, maßen der Henker die Stricke zu fest geschnürt hatte.

„Gebt ihr zu trinken,“ sprach der Amtmann.

Es ward ihr frisches Wasser gegeben; sie goß es begierig hinunter, indem sie den Becher zwischen den Zähnen festhielt und nicht loslassen wollte, wie ein Hund mit einem Knochen tut. Dann gab man ihr noch mehr Wasser, und sie wollte Joos Damman davon bringen, aber der Henker riß ihr den Becher aus den Händen. Und sie fiel wie ein Bleiklumpen zu Boden und schlief.

Darauf schrie Joos Damman wütend:

„Auch ich bin durstig und schläfrig! Warum gebet Ihr ihr zu trinken? Warum lasset Ihr sie schlafen?“

„Sie ist schwach, ein Weib und irre,“ sprach der Amtmann.

„Ihr Irrsinn ist ein Spiel,“ sagte Joos Damman; „sie ist eine Hexe; ich will trinken, ich will schlafen!“

Und er schloß die Augen, doch die Knechte des Henkers schlugen ihn ins Angesicht.

„Gebt mir ein Messer,“ schrie er, „daß ich diese Tölpel in Stücke schneide. Ich bin ein Edelmann und ward noch nie ins Gesicht geschlagen! Wasser! Laßt mich schlafen, ich bin unschuldig. Nicht ich habe die siebenhundert Karolus genommen, sondern Hilbert. Zu trinken! Ich habe nie Zauberei und Beschwörung getrieben. Ich bin unschuldig, laßt mich. Zu trinken!“

Darauf fragte der Amtmann:

„Womit verbrachtest Du die Zeit, seit Du Katheline verlassen?“

„Ich kenne Katheline nicht; ich habe sie nicht verlassen,“ erwiderte er. „Ihr befragt mich über Dinge, die mit der Sache nichts zu tun haben. Ich brauche Euch nicht zu antworten. Zu trinken, laßt mich schlafen. Ich sage Euch, Hilbert war’s, der alles verübt hat.“

„Bindet ihn los,“ sagte der Amtmann. „Führt ihn in sein Gefängnis zurück. Aber er soll Durst leiden und nicht schlafen, bis daß er alle seine Zaubereien und Beschwörungen bekannt hat.“

Und es war eine grausame Folter für Damman. So laut schrie er in seinem Gefängnis: Zu trinken, zu trinken! daß das Volk ihn hörte, aber ohne jedwedes Mitleid. Und da er vor Müdigkeit umfiel und ihn seine Wächter ins Gesicht schlugen, war er wie ein Tiger und schrie:

„Ich bin ein Edelmann und werde Euch Bauern umbringen. Ich werde zum König, unserm Herrn, gehen. Zu trinken!“

Aber er bekannte nichts, und man ließ ihn allein.

Es war zur Maienzeit; die Gerichtslinde war grün, grün waren auch die Rasenbänke, auf denen die Richter saßen. Nele war als Zeugin vorgeladen. An diesem Tage sollte das Urteil gesprochen werden.

Und das Volk, Männer, Weiber, Bürger und Arbeiter, stunden rings um die Dingstätte, und die Sonne schien hell.

Katheline und Joos Damman wurden vorgeführt, und Damman schien noch bleicher wegen der Marter des Durstes und der schlaflos verbrachten Nächte.

Katheline, die nicht auf ihren zitternden Beinen stehen konnte, wies auf die Sonne und sprach:

„Nehmt das Feuer fort, mein Kopf brennt!“

Und sie blickte Joos Damman voll zärtlicher Liebe an.

Und er blickte sie voller Haß und Verachtung an.

Und die Ritter und Edelleute, seine Freunde, die nach Damm berufen waren, standen männiglich als Zeugen vor dem Gerichtshof.

Darauf redete der Amtmann und sprach:

„Nele, das Mägdlein, die ihre Mutter Katheline mit so großer Liebe verteidigt, hat in der Tasche, die an den Rock, den Feiertagsrock derselbigen angenäht ist, ein Brieflein gefunden, Joos Damman unterzeichnet. Unter den Überbleibseln von Hilbert Ryvisch fand ich in der Gürteltasche des Toten einen andern Brief von besagtem Joos Damman, dem hier vor Euch gegenwärtigen Angeklagten. Ich habe alle beide bei mir bewahrt, damit Ihr im rechten Augenblick, der jetzt gekommen ist, über die Hartnäckigkeit dieses Mannes urteilen und ihn nach Recht und Gerechtigkeit freisprechen oder verdammen könnt. Hier ist das in der Gürteltasche gefundene Pergament. Ich habe es nicht berührt und weiß nicht, ob es lesbar ist oder nicht.“

Die Richter waren darob in großer Bestürzung.

Der Amtmann versuchte die Pergamentkugel auseinander zu wickeln, aber es war vergeblich, und Joos Damman lachte.

Darauf sagte ein Schöffe:

„Legt die Kugel ins Wasser und hernach vors Feuer; wenn sie durch ein Geheimnis zusammengeklebt ist, werden Feuer und Wasser es auflösen.“

Das Wasser ward herbeigebracht; der Henker entzündete auf dem Felde ein großes Holzfeuer. Der Rauch stieg durch die grünenden Zweige der Gerichtslinde blau in den hellen Himmel empor.

„Leget den Brief nicht in das Becken,“ sagte ein Schöffe, „denn wenn er mit in Wasser gelöstem Ammoniak geschrieben ist, werdet Ihr die Schriftzeichen auslöschen.“

„Nein,“ sagte der anwesende Wundarzt, „die Schriftzüge werden nicht verlöschen; das Wasser wird nur die Tünche aufweichen, die das Öffnen dieser magischen Kugel verhindert.“

Das Pergament ward ins Wasser getaucht, erweicht und entfaltet.

Der Wundarzt sagte: „Haltet es nunmehr vors Feuer.“

„Ja, ja,“ sprach Nele, „haltet das Papier vors Feuer; der Herr Wundarzt ist auf der rechten Fährte, denn der Mörder erblaßt, und seine Beine schlottern.“

Hierauf erwiderte Herr Joos Damman:

„Ich erblasse nicht, noch zittere ich, Du kleine Harpye aus dem Volke, die den Tod eines adligen Mannes will. Es wird Dir nicht gelingen, dies Pergament muß verfault sein, nachdem es sechzehn Jahre in der Erde gelegen hat.“

„Das Pergament ist nicht verfault,“ sagte der Schöffe, „die Gürteltasche war mit Seide gefüttert. Die Seide zerfällt in der Erde nicht und die Würmer haben das Pergament nicht zerfressen.“

Das Pergament ward vors Feuer gelegt.

„Euer Gnaden! Herr Amtmann,“ sprach Nele, „sehet, die Tinte wird vor dem Feuer sichtbar. Befehlt, daß man das Geschriebene lese.“

Da der Wundarzt sich anschickte zu lesen, wollte Herr Joos Damman die Arme ausstrecken, um das Pergament an sich zu reißen, aber schnell wie der Wind stürzte Nele sich auf seinen Arm und sagte:

„Du sollst es nicht anrühren, denn da stehet Dein Tod oder Kathelines Tod geschrieben. Wenn Dir jetzt das Herz blutet, Mörder, so blutet das unsre seit fünfzehn Jahren; fünfzehn Jahre sind es, daß Katheline leidet, fünfzehn Jahre, daß ihr deinetwegen das Hirn im Kopf verbrannt ward, fünfzehn Jahre, daß Soetkin an den Folgen der Tortur starb, fünfzehn Jahre, daß wir bedürftig und zerlumpt sind und im Elend leben, wenn auch stolzen Sinnes. Lest das Papier, lest das Papier! Die Richter sind Gott auf Erden, denn sie sind die Gerechtigkeit; leset das Papier!“

„Leset das Papier,“ schrien Männer und Weiber weinend. „Nele ist tapfer! Lest das Papier! Katheline ist keine Hexe!“

Und der Gerichtsschreiber las:

„An Hilbert, Sohn von Willem Ryvisch, Ritter, Joos Damman, Ritter, Gruß.

„Viellieber Freund, verliere nicht fürder Dein Geld in Karten-, Würfelspiel und anderm großen Elend. Ich will Dir sagen, wie man es mit sicherem Wurf gewinnt. Wir wollen uns in Teufel verwandeln, hübsche Teufel, die von Frauen und Mädchen geliebt werden. Die Schönen und Reichen nehmen wir, die Häßlichen und Armen lassen wir beiseite; sie mögen ihr Vergnügen bezahlen. Bei diesem Handwerk verdiente ich in sechs Monaten im Lande Deutschland fünftausend Reichstaler. Die Frauen geben ihrem Buhlen, so sie ihn lieben, ihre Röcke und Hemden. Flieh die Geizigen mit spitzer Nase, die sich besinnen, ihr Vergnügen zu bezahlen. Für Deine Person und um als schöner und echter Incubus zu erscheinen, verkünde Dein Kommen, wenn sie Dich für die Nacht aufnehmen, indem Du wie ein Nachtvogel schreist. Und um Dir eine wahre Teufelslarve zu machen, wie ein erschrecklicher Teufel, reibe Dir das Gesicht mit Phosphor ein, welcher glänzt, wenn er feucht wird. Der Geruch ist übel, aber sie werden glauben, daß es Höllenduft ist. Töte, was Dir in den Weg kommt, Mann, Weib oder Tier.

„Wir werden bald zusammen zu Katheline gehn, einem schönen, gutherzigen Weibsbild. Ihre Tochter Nele, eins von meinen Kindern, wenn Katheline mir treu war, ist artig und hübsch. Du wirst sie ohne Mühe besitzen. Ich gebe sie Dir, denn ich schere mich nicht um diese Bastarde, die man nicht mit Gewißheit als seine Sprößlinge erkennen kann. Ihre Mutter gab ihr schon dreiundzwanzig Karolus, ihre ganze Habe. Aber sie verbirgt einen Schatz, welcher, wenn ich kein Dummkopf bin, die Erbschaft des zu Damm verbrannten Ketzers Klas ist: siebenhundert Karolusgülden, die der Konfiskation verfallen. Aber der gute König Philipp, der so viele seiner Untertanen verbrennen ließ, um sie zu beerben, konnte seine Klaue nicht auf diesen lieblichen Schatz legen. Er wird in meiner Geldkatze schwerer wiegen als in seiner. Katheline wird mir sagen, wo er ist, und wir wollen ihn teilen. Du mußt mir nur für die Entdeckung den größten Teil lassen.

„Die Weiber, unsre holden Leibeigenen und verliebten Sklavinnen, werden wir ins Land Deutschland bringen. Dort werden wir sie lehren, weibliche Teufel und Succubi zu werden, die alle reichen Bürger und Edelleute verliebt machen. Allda werden sie und wir von Liebe leben, die mit schönen Reichstalern, Samt, Seide, Gold, Perlen oder Kleinodien bezahlt wird, und also ohne Anstrengung reich werden. Und ohne Wissen der Succubi werden wir von den Schönsten geliebt werden und uns übrigens immer bezahlen lassen. Alle Frauen sind dumm und albern gegen den Mann, welcher das Liebesfeuer entzünden kann, das Gott unter ihren Gürtel legte. Katheline und Nele werden es noch mehr sein als andre und in allen Stücken gehorchen, sintemal sie uns für Teufel halten. Behalte du deinen Vornamen, aber gib niemals deinen Vaternamen Ryvisch an. Wenn der Richter die Weiber abfaßt, reisen wir ab, ohne daß sie uns kennen und uns angeben können. Vorwärts, mein Getreuer. Fortuna lächelt der Jugend, wie Seine Hochselige, heilige Majestät Karl der Fünfte sagte, der ein geprüfter Meister in Sachen der Liebe und des Krieges war.“

Und der Gerichtsschreiber hörte auf zu lesen und sagte:

„Dies ist der Brief. Er ist unterzeichnet. Joos Damman, Ritter.“

Und das Volk schrie:

„Zum Tode mit dem Mörder! Zum Tode mit dem Zauberer! Ins Feuer mit dem Weiberbetörer! An den Galgen mit dem Dieb!“

Darauf sprach der Amtmann!

„Haltet Ruhe, Leute, damit wir in aller Freiheit diesen Menschen richten können.“

Und zu den Schöffen redend, sprach er:

„Ich will euch jetzo den zweiten Brief vorlesen, den Nele in der Tasche von Kathelines Festtagsrock gefunden hat; er ist also abgefaßt:

„Reizende Hexe, hier ist das Rezept einer Mixtur, die mir Luzifers Weib selbst geschickt hat. Mit Hülfe dieser Mixtur kannst du dich in die Sonne, den Mond und die Gestirne versetzen; mit den Elementargeistern, die die Gebete der Menschen zu Gott tragen, Zwiesprache halten und alle Städte, Marktflecken, Flüsse und Wiesen der ganzen Welt durcheilen. Du zerreibst zu gleichen Teilen: Stechapfel, betäubenden Nachtschatten, Bilsenkraut, Opium, die frischen Spitzen des Hanfes und Tollkirsche.

„Wenn Du willst, gehen wir heute zum Sabbat der Geister; aber Du mußt mich mehr lieben und nicht so knauserig sein wie jüngst abends, da Du mir zehn Gülden weigertest und sagtest, daß Du sie nicht hättest. Ich weiß, daß Du einen Schatz verborgen hältst und es mir nicht sagen willst. Liebst du mich nicht mehr, mein süßes Herz?

Dein kalter Teufel

Hanske“

„Der Zauberer muß sterben!“ schrie das Volk.

Der Amtmann sagte:

„Die beiden Schriftstücke müssen verglichen werden.“

Nachdem solches geschehen, wurden sie für gleich erklärt.

Darauf sagte der Amtmann zu den anwesenden Rittern und Herren: „Erkennet ihr diesen da als Herrn Joos Damman, den Sohn des Schöffen der Küre zu Gent?“

„Ja,“ sprachen sie.

„Habt Ihr Junker Hilbert, den Sohn des hochwohlgebornen Willem Ryvisch gekannt?“ fragte er.

Einer der Edelleute, der van der Zinkelen hieß, nahm das Wort und sagte:

„Ich bin aus Gent, mein Steen ist an der Place Saint-Michel; ich kenne den Ritter Willem Ryvisch, den Schöffen der Küre zu Gent. Es sind nunmehr fünfzehn Jahre, daß er einen Sohn im Alter von dreiundzwanzig Jahren verlor. Er war ausschweifend, ein Spieler und Müssiggänger; aber männiglich verzieh ihm seiner Jugend halber. Seit jener Zeit hat keiner Kunde von ihm gehabt. Ich begehre Degen, Dolch und Gürteltasche des Toten zu sehen.“

Als er sie vor sich hatte, sagte er:

„Degen und Dolch tragen am Kopfe des Griffes das Wappen der Ryvisch, das drei silberne Fische auf azurnem Felde hat. Ich sehe das nämliche Wappen auf einem güldenen Schilde zwischen den Eisenmaschen der Tasche. Wes ist dieser andere Dolch?“

Es ist derselbe, den man in der Leiche von Hilbert Ryvisch, dem Sohne Willems, stecken fand,“ sprach der Amtmann.


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