Heulend streicht der Nordwest um die roten Sandsteinfelsen Helgolands, schmettert die zu schweren Brechern aufgewühlte See gegen die Molen, jagt sie an den Wänden hoch, daß sie gischtend über die Quadern hinweglecken, um dann krachend zusammenzubrechen. Um den Leuchtturm wirbelt er, jauchzt in den Drähten der Funkenstation und rüttelt an den schiefergedeckten Häuschen, deren Bewohner seit Jahren schon drüben auf dem Festlande weilen. Selten nur tönt der hallende Schritt eines Menschen durch die schmalen Gäßchen. Den Kragen hochgeschlagen, das Sturmband unter dem Kinn, kämpft er gegen den Sturm an, der an jeder Ecke neu gegen ihn heranspringt.
Im Schutz der Molen läuft »U 95« aus. Kaum steckt es die Nase am Molenkopf vorbei, als es auch schon von der See gefaßt wird. Ein wildes Stampfen und Schlingern beginnt, als wollten die anlaufenden Brecher dem Boote das Auslaufen verwehren. Mit Kurs Südwest zu West quält es sich vorwärts. Der Sturm reißt den weißen Ölqualm in Fetzen aus demSchornstein. Ein Zittern geht jedesmal beim Einsetzen durch das Fahrzeug, es dröhnt und klingt in das Stampfen und Knattern der Motoren, daß jeder Befehl gebrüllt werden muß, soll er verstanden werden.
Nach Stunden erst flaut der Sturm ab, die See aber läuft noch tiefaufgewühlt heran. Eine weite und gefährliche Fahrt steht »U 95« bevor. Durch den Kanal, die Biscaya, durch die Straße von Gibraltar soll das Boot nach der Adria fahren, um von dort aus im Mittelmeer Handelskrieg zu führen. Voll aufreibender Fährnisse jeder Art ist der Weg. Minen, Netze, U-Boot-Jäger und Untiefen lauern an vielen Stellen. Den schwierigsten Teil bringen schon die Tage, wo es gilt, durch den Kanal in Sicht der französischen und englischen Küste durchzubrechen. Stunden stehen bevor, in denen jeder Einzelne alles hergeben muß, was überhaupt nur ein Mensch – und was noch mehr ist, ein U-Boots-Mann zu leisten vermag. Es heißt vorläufig mit den Kräften haushalten. Der Kommandant beschließt daher, die Nacht auf dem ruhigen Grunde zuzubringen. Eine Stelle, an der die Seekarte weißen Sand verzeichnet, wird aufgesucht. Das Geknatter der Motoren verstummt, immer weiter läuft der Zeiger des Tiefenmanometers, dann ein leichtes, kaum fühlbares Aufstoßen, und »U 95« ruht still in dreißig Meter Tiefe auf dem Grunde der Nordsee. Bald liegt alles bis auf die Wachen in Maschinenraum und Zentrale in tiefem Schlaf.
Eben dämmert im Osten der Tag, als das Boot seine Fahrt auf den Eingang des Kanals zu aufnimmt.Der Seegang hat bedeutend nachgelassen; einzelne leichte Spritzer jagen noch über Vor- und Achterschiff, aber auch sie werden, je weiter der Tag vorschreitet, seltener. Das Wetter ist klar und sichtig; Nordhinder Feuerschiff wird in weitem Abstand passiert, kein Fahrzeug angetroffen. Hier beginnt die Gefahrzone, die die schärfsten Ansprüche an die Aufmerksamkeit der an Deck befindlichen Mannschaften stellt. Alles steht klar auf Stationen. Das ungeheuere englische Minenfeld liegt voraus. Leicht kann der Sturm einzelne Minen losgerissen haben, die durch die Strömung ostwärts abtreiben. Unentwegt starren die Leute auf die einzelnen ihnen zugewiesenen Abschnitte, ob nicht zwischen den kleinen Wellen die schwarze oder vom Seetang grünlich gefärbte Rundung heranschwimmt.
Das Minenfeld! Nochmals wird der Schiffsort festgestellt, auf der Karte genau der Kurs abgesetzt, dann geht es getaucht weiter. Stundenlang. Nach einer Weile kommt die Meldung aus dem Vorschiff, daß an Steuerbordseite ein Gegenstand entlangschrammt. In der tiefen Stille, die im Innern herrscht, kommt ein deutliches Kratzen und Scheuern näher heran. Jetzt ist es an der Zentrale, um sich Sekunden darauf nach achtern zu verlieren. Ein Minenhaltetau. Na, alle Minen scheinen ja noch nicht losgerissen zu sein.
Mehrere Stunden noch, bis zum Einbruch der Dunkelheit, dauert die Fahrt, dann taucht »U 95« vorsichtig auf. Weit und breit ist die See frei, kein Sperrbewachungsfahrzeug ist zu sehen.Denen ist der Mut zum Verharren wohl durch die von der flandrischen Küste vorstoßenden deutschen Seestreitkräfte, die ihre Erkundungsfahrten durch die Downs bis nach der Themsemündung und weiter noch bis Lowestoft ausdehnen, längst vergangen.
Kein Lichtstrahl schimmert von der in Friedenszeiten so reich befeuerten Küste Kents auf See. Auch die Feuerschiffe, die wegen der zahlreichen, der Themse vorgelagerten Sände sonst ein unumgängliches Hilfsmittel für das Einsteuern in den Strom waren, sind eingezogen. Wie eine dunkle Straße, deren Ende sich unabsehbar anscheinend in der Nacht verliert, liegt voraus der Kanal; nur einzelne Sternbilder zeigen den Weg. Einsam und ruhig zieht »U 95« die gefährliche Straße hinein. Kein Auge schließt sich während der Stunden des Durchbruchs durch die engste Stelle. Mit scharfen Nachtgläsern bewaffnet, suchen die Leute das Dunkel zu durchdringen, ob nicht irgendwo der weiße Kamm der Bugwelle eines herannahenden Feindes auftaucht.
An Backbord voraus scheint ein Gewitter zu stehen. Greller Lichtschein flammt auf, der sekundenlang die tiefdunkle Nacht hell erleuchtet. Dumpfes Murren, wie ferner Donner kommt heran. Unablässig, wie wenn ein schwerbeladener Wagen über schlechtes Pflaster hinwegrollt, klingt es nach. Dann, plötzlich steigt am nachtschwarzen Himmel ein Stern hoch, neigt sich, um mit weitausstrahlendem Schimmer wieder zur Erde zu sinken. Ein zweiter, ein dritter folgt ihm – die flandrische Front. Deutlicher hebt sich auch jetztaus dem fernen Grollen der dumpfe Ton schwerer Geschütze ab, die selbst um diese vorgerückte Stunde nicht schweigen. Der Kampf hier kennt keine Nachtruhe.
Zwei Stunden noch, dann liegt die Front wieder in tiefem Dunkel achteraus. Eine Weile begleitet das ferne Murren und Grollen die Fahrt, bis überall tiefe Stille sich breitet, die nur von dem eintönigen Rauschen des Kielwassers und dem Hämmern der Motoren unterbrochen wird.
Die englische Küste steht in tiefstem Dunkel. Ab und zu nur leuchtet der grelle Lichtstrahl eines Scheinwerfers, der sekundenlang über die See geistert, auf, um jäh mit einem Schlage wieder zu verschwinden. Die Franzosen scheinen dagegen vor einem Angriff von See oder von Luft aus bedeutend weniger Furcht zu haben. Rötlicher Dunst verrät deutlich, wo sich größere menschliche Ansiedlungen befinden. Ein Kinderspiel wäre es, hier heranzulaufen und einige Granaten als Gruß des deutschen U-Bootes abzugeben. Doch andere Aufgaben harren seiner.
»Voraus ein Schiff!« brüllt der Posten des Verdecks zum Turm hinauf, wo im gleichen Augenblick auch schon ein stilliegender schwarzer Gegenstand gesichtet wird. Ein Bewachungsfahrzeug! Hart Steuerbord wird das Ruder herumgewirbelt, alles ist klar zum Tauchen, jeden Augenblick kann die Mannschaft in das Innere springen und die Luks hinter sich schließen. Der Gegner merkt nichts, scheint sanft zu dösen.
Eine halbe Stunde später kommt eine Begegnung, die freilich bedeutend unangenehmer werden kann.Aus dem Dunkel der Nacht huscht plötzlich ein Schatten heran ... keine zweihundert Meter ab .... »Schnelltauchen!« Dumpf schlagen die Luks zu .... Sekunden später schließt sich das Wasser über dem Turm, eben als drüben ein greller Feuerschein aufflammt .... Fünf Meter Wasser stehen über dem Boot, als das brausende Schlagen von Schiffsschrauben, die sich in rasender Eile nähern, heranklingt. Sekunden nur, dann steht der Zerstörer über dem Boot .... Der Herzschlag scheint den Leuten im Innern zu stocken ... wenn nur diesmal noch alles klargeht ... um den Bruchteil einer Sekunde nur kann es sich handeln ... er ist vorbei. Ein trockenes Knacken, ein zweites schwächeres gleich darauf .... Wasserbomben. Für diesmal zu spät.
Zwei Stunden fährt »U 95« getaucht westwärts weiter, als das Boot ganz unvermittelt vorn hochgerissen wird. Gleichzeitig kommt aus dem Vorderschiff die Meldung, daß deutliches Scharren und Scheuern an der Außenhaut zu vernehmen ist. U-Bootnetz! Einen Augenblick stockt der elektrische Antrieb. »Äußerste Kraft zurück!« ... Das Scheuern hält an – anscheinend hat das Bugruder sich im Netz verfangen und wird festgehalten. ... »Äußerste Kraft voraus!« ... Einige Sekunden macht das Boot Fahrt, dann ein kurzer Ruck ... die Stahltaue des Netzes scharren weiter nach dem Turm zu ... wieder ist die Fahrt aus dem Schiff.
Die Stimmung ist zwar nicht besonders rosig, aber keineswegs gedrückt. Nicht zum erstenmal macht derKommandant mit einem englischen Unterwasserzaun Bekanntschaft. Die Hauptsache ist, daß die Maschinen intakt und das Boot heil geblieben ist.
»Alle Tanks fluten!« Der Zeiger des Tiefenmanometers schnellt um fünfzehn Meter vor. »Dreimal äußerste Kraft voraus!« Jetzt heißt es, biegen oder brechen. Ein leichtes Zittern ... einige kurze scharfe Rucke, dann schießt »U 95« mit voller Geschwindigkeit voraus. Einzelne Tampen des zerrissenen Netzes schlagen noch an das Achterschiff, dann ist das Hindernis durchbrochen.
Der Steuermann, der eben zu seiner großen Beruhigung festgestellt hat, daß der Kreiselkompaß seine ungeheuere Geschwindigkeit noch immer ohne Störung beibehalten hat, wischt sich den Schweiß von der feuchten Stirn und meint dann aufatmend zum leitenden Ingenieur, der neben ihm in der Zentrale steht: »Nu fehlt heute nacht bloß noch 'ne U-Bootsfalle, dann haben wir aber auch den ganzen englischen Abwehrzadder erlebt!«
Die Nacht scheint aber den Ahnungen des Steuermanns nicht Recht geben zu wollen. Es ereignet sich nichts weiter. Noch funkeln die Sterne am Himmel, als »U 95« auftaucht. An Steuerbord schimmert das Feuer von Beachy Head minutenlang herüber, erlischt für eine Weile, um abermals aufzublitzen. Es kann sich nur um ein Signal für ein Schiff handeln, das die Fahrt über den Kanal wagen will, ein Leitlicht, nach dem sich der Kapitän des Fahrzeuges richten mag. Das Dringendste wäre zunächst, die durch das Netzvielleicht verursachten geringen Beschädigungen festzustellen, das hat aber schließlich Zeit bis zum Morgen, da das Boot einwandfrei arbeitet. Wichtiger für den Augenblick scheint dem Kommandanten, sich davon zu überzeugen, welchem Fahrzeug eigentlich der ungewohnte Lichtschein von Beachy Head gilt. –
Das Boot stoppt. Aufmerksam spähen die Augen nach allen Seiten, und bald ist das Rätsel gelöst. Fünfzehn Minuten etwa sind vergangen, als die Lichter eines Schiffes an Backbord des Leuchtfeuers auftauchen. Nicht nur die Seiten- und Dampferlaternen des Herankommenden brennen, auch die Promenadendecks sind hell erleuchtet, aus mehr als hundert Seitenfenstern strahlt eine Flut von Licht nach außen. Was mag das bedeuten? Ein hellerleuchtetes Schiff mitten im gefährdetsten Sperrgebiet? Ein Neutraler wird doch nicht so wahnsinnig sein, hier unbekümmert, als gäbe es keine deutschen Tauchboote, spazieren zu fahren. Ein englisches Lazarettschiff, das nach Frankreich will, um dort jedenfalls Verwundete abzuholen! In einigen hundert Metern Entfernung muß es an dem gestoppt liegenden »U 95« vorbeifahren. Schon sind alle Einzelheiten deutlich zu erkennen. Drei riesige Kreuze aus Glühlampen leuchten vorn, mittschiffs und achtern an der Bordwand, ein funkelnder Streifen zieht sich vom Bug nach dem Heck. Alles vollständig vorschriftsmäßig. Näher rauscht das Lazarettschiff heran. Auffallend ist, daß der Dampfer, wie man es bei den leeren Schiffen von solchen Abmessungen doch voraussetzen müßte, nicht hoch aus dem Wasser ragt,und leer muß er sein, da er jetzt doch höchstens Verbandsmaterial, Krankentragen und Ähnliches an Bord haben kann. Die Sache scheint faul! Keine zweitausend Meter ist der Engländer jetzt ab. Im Glanze der zahlreichen Deckslichter enthüllt sich im nächsten Augenblick eine ungeheure englische Niedertracht.
Aus dem Dunkel des Vorschiffs huscht plötzlich eine ganze Menge von feldmarschmäßig gerüsteten englischen Soldaten die unter der Brücke liegende Treppe hoch, auf die Promenadendecks. Eine Täuschung ist unmöglich! Ganz deutlich hebt sich alles genau übereinstimmend in den Gläsern ab. Was da drüben an khakifarbenen Männern zu sehen ist, sind keine Sanitätssoldaten. Gewehrläufe blitzen in den Deckslichtern! Eine Gruppe wird so scharf beleuchtet, daß die ganze Ausrüstung bis in die kleinste Einzelheit festzustellen ist. Ein Irrtum ist gänzlich ausgeschlossen! Da kommt auch schon die Bestätigung. Während die Engländer sich völlig sorglos unterhalten, öffnet sich eine nach den Niedergängen führende Tür. Wütendes Schimpfen klingt durch die Nacht, hastig jagt ein Offizier die unvorsichtigen Leute nach dem Achterschiff in das Dunkel; in größter Eile stürzen sie davon. Warum diese Heimlichkeit bei Sanitätern? Ähnlich scheint es mit der Ladung im Schiffsinnern beschaffen zu sein: Kriegsmaterial für die Front. Die ungeheuren Gewichte schwerer Geschütze und größere Mengen von Munition drücken das Lazarettschiff bis zur Grenze der Schwimmfähigkeit herunter.
Morgen werden die Engländer in hysterisch-ohnmächtigerWut zwar in die Welt hinausbrüllen, ein harmloses Lazarettschiff sei von einem deutschen U-Boot versenkt worden, hier aber gibt es kein Bedenken. Der eine Torpedo, der im Rohre harrt, rettet Tausenden von Kameraden Leben und Gesundheit.
In wenigen Minuten liegt der Engländer im Ziel des schußbereiten Bootes, das einige hundert Meter querab getaucht wartet.
»Steuerbord Bugrohr fertig!« Einen Augenblick später leuchtet die Mattscheibe auf: »Fertig!«
»Los!« Wenige Sekunden nur, dann erschüttert der starke Stoß der Explosion »U 95«. Unmittelbar vor dem achtersten Mast hat der Torpedo aufgetroffen. Eine Minute darauf scheint das Lazarettschiff ein feuerspeiender Vulkan zu sein. Auseinandergerissen sinkt das riesige Fahrzeug unter der hochgehenden Munition mit aufbäumendem Vor- und Achterschiff in die Tiefe und mit ihm die für die Front bestimmten Granaten, Patronen und Geschütze; die Tommys, die sich im Schutze des Genfer Zeichens so sicher wähnten, daß sie sich aus dem Dunkel ins helle Licht hervorgewagt haben.
Tiefschwarze Nacht lagert über dem Kanal. Gleichmäßig rauschen die Wellen. An Steuerbord leuchtet das Feuer von Beachy Head, der Wegweiser, der das englische »Lazarettschiff« sicher nach Frankreich geleiten sollte. –
Während von allen Seiten, durch die riesige Explosion angelockt, Zerstörer und Bewachungsfahrzeuge heranpreschen, ist »U 95« längst schon in sicheren Tiefenwestwärts abgelaufen. Wenn auch nicht viel Lebendes an der Stelle des Unterganges zu bergen ist, werden die Helfer jedenfalls doch zu sehr beschäftigt sein, um an eine, im Dunkeln doch aussichtslose Verfolgung denken zu können. So taucht der Kommandant also eine Stunde vor der Morgendämmerung auf, um vor allem erst die Akkumulatoren wieder aufzuladen. Noch liegen vierundzwanzig Stunden Kanalfahrt vor dem Boot, die alle erdenklichen Zwischenfälle bringen können.
Mit gewöhnlicher Marschgeschwindigkeit zieht »U 95« in den anbrechenden Tag hinein. Kaum ist die Sonne aufgegangen, als es festzustellen gilt, ob durch das Netz irgendwelche Beschädigungen der Außenhaut verursacht wurden. Ein wirres Durcheinander von Drahtenden hat sich wie festgeschmiedet um das Vorschiff gelegt. Einer der vordersten Ölbunker ist eingebeult und leckt. Ein Glück nur, daß der unangenehme Zwischenfall sich nachts ereignete. Das sickernde Öl hätte im Tageslicht an der Oberfläche den Verräter gespielt, bis zur neuen Nacht hätte das Gehetzt- und Gejagtwerden dauern können. Nur zu leicht wäre es gewesen, der Spur an der Oberfläche zu folgen.
Mit allen verfügbaren Leuten wird das Netz beseitigt und das Leck gedichtet, und zwei Stunden später sind alle Schäden beseitigt, nur einige schampfiehlte Stellen am Vorschiff sind als ehrenvolle Narben zurückgeblieben.
Das Wetter ist klar und sichtig. »U 95« hält sichmitten im Kanal. Weder die englische noch die französische Küste sind in der immer breiter werdenden Straße zu sehen. Von Schiffsverkehr ist nicht viel zu bemerken. In weitem Abstande nur kommen die braunen Segel einiger Fischer, die dicht unter der englischen Küste kreuzen, in Sicht, am Spätnachmittag noch Rauchfahne und Masten eines anscheinend mit großer Fahrt laufenden Dampfers, der der französischen Küste zusteuert. Ebenso ruhig wie der Tag verstreicht die Nacht, und am Morgen steht das Boot am Westeingang des Kanals.
Ein Gefühl der Erleichterung bemächtigt sich der Leute. Wenn ihnen auch die zurückgelegte Strecke kein besonderes Heldenstück zu sein scheint, – haben sie doch auf ihren zahlreichen Fahrten oft schon ähnliche Hindernisse und Störungen kennengelernt – so liegt doch von jetzt ab die offene See vor ihnen, die weder Minen noch Netze kennt. Vielleicht zwar hat Herr Edison während seiner sechsunddreißigstündigen Arbeitszeit im Tage, die er auf dem Gipfel seines sagenhaften Berges verbringt, einen neuen amerikanischen Bluff erfunden, um die deutschen U-Bootsleute graulich zu machen. »Man tau«, würde der Obermatrose Tönjes sagen. Der Nachmittag schon bietet Gelegenheit, die Probe auf das Exempel zu machen.
Vom Westen kommend, taucht gegen drei Uhr über der Kimm ein Dampfer auf, dessen Umrisse nach kurzem deutlich auszumachen sind. Ein großer Transatlanter mit einem Schornstein und vier Masten. Tiefbeladen. Drei große weiße Buchstaben leuchten von der schwarzen Bordwand:U. S. A.Ein Amerikaner. Ein seltener Bissen – im Sperrgebiet. Fünf Seemeilen steht er ab, als ihm der erste deutsche Gruß zwischen den Masten dicht über Deck entgegenschlägt.
Ganz unerwartet scheint den Herrschaften drüben diese Begegnung nicht zu kommen. Im gleichen Augenblick fast dreht er hart Backbord auf die Irische Küste zu, während seine HilferufeS. O. S., S. O. S., S. O. S.nicht abreißen wollen. So leicht aber entkommt man nicht, auch wenn man Amerikaner ist. Die deutschen Grüße werden eindringlicher. Zwei Granaten schlagen in das Achterschiff ein. Er stoppt noch immer nicht. Eben hallt der Donner eines neuen Schusses über das Wasser, als drüben mehrere große Kisten über das Heck gestürzt werden.
Ein leichter Dunst scheint aus der See aufzusteigen, dünn, wie ein feiner grauer Schleier hebt er sich über dem Wasser, wird stärker, dichter, wallt in ganzen Schwaden hoch, breitet sich aus, legt sich als schützender Brodem vor das amerikanische Schiff. Es ist verschwunden. Künstlicher Nebel. Schießen hat keinen Zweck mehr, trotzdem aber soll er nicht entwischen.
Mit äußerster Kraft prescht »U 95« seitwärts ab, um die Nebelwand zu umgehen. Eine halbe Stunde verstreicht, da tauchen vorerst die Mastspitzen, dann der Schornstein und schließlich der ganze Schiffsrumpf des Amerikaners wieder auf. Die erste Granate trifft auch gleich diesmal die richtige Stelle. Aus der Mitte des Schiffes dringt weißer Dampf; es stoppt! Vorsichtignähert sich das Tauchboot dem Dampfer und umkreist ihn in sicherer Entfernung. Er ist unbewaffnet. Die Kerle drüben wissen genau, daß es sich hier um keine Komödie handelt, glauben indessen auch weiter noch die Schwerhörigen spielen zu können. Sie tun, obwohl seit zehn Minuten schon das Signal: »Verlassen Sie sofort das Schiff!« ausweht, als machten sie sich an ihren Booten zu schaffen, wollen aber anscheinend nur Zeit gewinnen, um feindlichen Streitkräften rechtzeitiges Heraneilen zu ermöglichen. Erst eine weitere Granate beschleunigt mit sanftem Nachdruck das Aussteigen.
Vier vollbesetzte Boote stoßen ab und kommen heran. Von weitem schon ertönt aus ihnen mörderliches Schimpfen. Das kann die Stimmung an Bord allerdings nur erheitern. Während die Amerikaner sich nähern, reißen Granaten ein Loch nach dem andern in die Wasserlinie ihres Dampfers, durch das die See in hellen Strömen eindringt. Und eben, als das erste Boot mit dem Kapitän anlegt, kentert sein Schiff und sackt weg. Mit ungeheuerer Beredsamkeit protestiert der Amerikaner gegen die »ungewarnte Torpedierung«. Eine barsche Aufforderung unterbricht seinen Redeschwall. »Bringen Sie Ihre Schiffspapiere!« Während der Mann an Deck weiterschimpft und zetert, werden die Papiere durchblättert. Alle erdenklichen schönen Sachen: vom Stacheldraht angefangen bis hinauf zu schweren und schwersten Granaten.
Wieder unterbricht der Kommandant den Zornigen:»Sie wollen gegen die Versenkung Ihres Schiffes protestieren, das bis oben hin mit Kriegsmaterial beladen ist? Na, Sie scheinen ja eine eigenartige Auffassung von unserer Seekriegführung zu haben!«
Etwas kleinlauter geworden, meint der Kapitän des versenkten Fahrzeuges, er wolle ja nur gegen das »ungewarnte Torpedieren« Verwahrung einlegen.
Der Kommandant lacht. »Unser Schuß genügt Ihnen wohl nicht? Und Ihre Nebelbomben? Ihr Auskneifen? ... Sie können an Land rudern!«
Jetzt wird der Amerikaner, der kurz vorher noch so hohe Töne redete, sichtlich verlegen. Er jammert und barmt, weist auf das Gesindel in seinen Booten, mit dem die Fahrt unter Land wohl eine Woche dauern könne. –
Mit den Booten in Schlepp steuert »U 95« nordwärts, um die Leute näher an die Küste heranzubringen. Eine Stunde später aber kommt ein Dampfer in Sicht, von dessen Bordwand die bunten norwegischen Farben leuchten. Wieder so ein Neutraler, dem das Geschäft über alles geht: Kohle von Cardiff nach Genua. Eine Weile darauf landet die schöne Kohle mehrere hundert Meter tief auf dem Grunde des Atlantik, ziemlich weit von ihrem Bestimmungsort, und die norwegischen Boote, die die Amerikaner bald überholen, segeln nach Land zu.
Der nächste Tag trifft das deutsche U-Boot mitten in der Biscaya. Hoffentlich beschert ihm der Zufall noch einige fette Bissen. Lange aufhalten darf es sichhier allerdings nicht, da noch mehr als die Hälfte des Weges zurückzulegen ist. Gegen Abend kommt ein stolzer Viermaster in Sicht. Eben ist er beim Halsen, um über Stag zu gehen, als ihm eine Granate durch die Takelage pfeift. Ein weiteres Segelmanöver tut nicht mehr not. Die Besatzung des Schweden, deren Schiff nach Plymouth bestimmt war, ist bald darauf an Deck des U-Bootes, das sie vorläufig beherbergen will, da der Weg nach Land weit ist. Es sind ruhige, verständige Leute, dankbar für die Aufnahme, die ihnen an Bord zuteil wird. Schnell haben sie in den unteren Räumen ein Plätzchen gefunden, wo sie möglichst wenig stören. Der nächste Tag schon bringt ihnen überdies Befreiung aus dem Bootsinnern.
Siebzig Seemeilen etwa steht »U 95« von Kap Finisterre ab, als ein englischer Erzdampfer ihm in den Weg läuft. Von weitem schon fällt eine ganze Pallisadenreihe von Ladebäumen auf. Mehr als vierundzwanzig stehen sie rund herum an der Reeling. Diese Schiffsart, die für Laden und Löschen der gewichtigen Erzmengen besonders gebaut ist, ist äußerst selten und wertvoll. Glücklicherweise erscheint kurz hinter dem Engländer ein spanischer Fischer, der die Schweden und die Besatzung des Engländers an Bord übernimmt.
Am Abend des dritten Tages kommt an Backbord Kap Trafalgar in Sicht. Die Straße von Gibraltar liegt voraus. Zitternd huschen die Scheinwerfer der Festung über die See nach Ceuta und nach Tanger hinüber, drehen, spüren, suchen, wollen die Straßesperren, als wüßten sie, daß soeben ein deutsches Tauchboot durchzufahren beabsichtigt, und erlöschen wieder. Die afrikanische Küste liegt im Dunkel. Armierte Fischdampfer und zahlreiche kleine Torpedoboote bilden hier die Bewachung. Unbehelligt zieht das Boot an ihnen vorbei in das Mittelländische Meer hinein.
Eine gefährliche Stelle birgt vor dem Ziele nur noch die Straße von Otranto. In tiefer Dunkelheit wird das Kap S. Maria di Leuca gerundet, kurz nach Mitternacht tauchen voraus die Schatten der in der Straße wachehaltenden Patrouillenschiffe auf. Einzelne werden umgangen, dann wird mehrere Stunden getaucht, bis die Gefahrzone passiert ist. Am Mittag wachsen aus den tiefblauen Fluten der Adria die kahlen Karstfelsen der dalmatischen Küste auf, und eine halbe Stunde später weht von Bord eines heranbrausenden Zerstörers die österreich-ungarische Kriegsflagge, gleitet »U 95« durch die Minensperre in den sicheren Hafen.
»Nanu, was schleppt der Kerl denn hinter sich her? Können Sie sehen, mit was für 'nem Trog der dort lossegelt?« Wendet sich der Kommandant von »U 119« fragend an den neben ihm stehenden Wachoffizier, der gleich ihm seit längerer Zeit schon einen Schlepper beobachtet. Schwerfällig stampft er in der Dünung der großen Syrthe durch die See und macht kaum Fahrt. In den nächsten Minuten entpuppt sein Anhängsel sich als großer Leichter. Er muß schwer beladen sein, da er ziemlich tief eintaucht und, vom Winde abgetrieben, seinen Vorspann mehr zu ziehen scheint als dieser ihn.
Am frühen Morgen ist das deutsche Tauchboot an der tripolitanischen Küste angekommen, um dort den Schiffsverkehr zwischen Italien und den spärlichen Resten der Kolonie, die dem ehemaligen Bundesgenossen noch geblieben sind, zu stören. Zu Lande sind die Senussen und Araber erfolgreich bis an die Küste herangekommen und haben längst die glorreichen Eroberer auf schmale Küstenstreifen bei Tripolis undHoms gejagt; nun soll ihnen auch die Verbindung zur See abgeschnitten werden. Den ganzen Tag über hatte sich nicht das geringste Rauchwölkchen gezeigt, das auf irgend welchen Schiffsverkehr hätte schließen lassen. Gegen Mittag war wohl einmal das spitze lateinische Segel eines eingeborenen Küstenfahrers aufgetaucht, der Kerl stand aber so dicht unter Land, daß durch die Verfolgung bald die Anwesenheit eines deutschen U-Bootes verraten worden wäre. Erst jetzt vor der Dämmerung taucht der Schlepper mit seinem Anhängsel auf. Der »edle Römer« scheint sich völlig sicher zu fühlen. Seine Seitenlichter brennen, als herrschte hier tiefster Frieden, als gäbe es kein Sperrgebiet und keine U-Boote, die in ihrem Jagdbereich schon dafür sorgen, daß sich niemand ungestraft sehen lasse.
Im Süden geht der Mond auf. In seinem bläulichweißen Lichte, das über der ruhigen See dahinzittert, heben sich die Umrisse der beiden Fahrzeuge, die ruhig und unbekümmert ihren Weg fortsetzen, scharf ab. Einen Augenblick nur dauert die Ueberlegung auf dem Turm des U-Bootes. Sollte der Bursche, der geradezu zum Abschießen herausfordert, etwas Hinterhältiges im Schilde führen? Er sieht zwar nicht so aus, der Teufel aber kann wissen, welch' neue Art von U-Bootsfalle das Ding dort vorstellen mag. Jedenfalls soll er vorerst von allen Seiten in voller Muße angesehen werden. Gestoppt, jederzeit klar zum Tauchen, liegt »U 119« und läßt die beidenSchiffe in ziemlich naher Entfernung an sich vorüberziehen. Sie sind tatsächlich gänzlich schimmerlos. Ein kleiner Schlepper, der den Leichter anscheinend von Tripolis nach Homs ziehen soll. Mit dem wird nicht viel Federlesens gemacht.
»Stoppen Sie sofort!« schallt der Sprachtrichter durch die dunkle Nacht zum Italiener hinüber. Noch kann er nicht sehen, woher die Stimme kommt, aber er weiß Bescheid! Ein sinnloses Gebrüll antwortet dem Befehl, ein Hasten und Jagen hebt an Deck an. Während die italienische Mannschaft noch planlos umherjagt und »U 119« längsseit des Leichters geht, hat sich der Kapitän des Dampfers endlich zu einem seiner Nationalität würdigen Entschlusse durchgerungen. Klatschend fällt die Schleppleine ins Wasser, mit Hartruder dreht das Fahrzeug auf Land zu und sucht Hals über Kopf das Weite. Wohin er will, ist ihm wohl selbst schleierhaft. Der Kurs führt direkt in die Brandung. Anscheinend aber will er lieber dort zu Grunde gehen, als in die Hände des U-Boots fallen. Den Leichter überläßt er seinem Schicksal.
Kaum Sekunden dauert es, bis die Deutschen bei ihm längsseit sind. Die Sache beginnt ein humoristisches Aussehen anzunehmen. Kaum haben die Kerle begriffen, daß auf ihrem Untersatz ein Entrinnen vor der überlegenen Geschwindigkeit des Verfolgers ausgeschlossen ist, als sie sich Hals über Kopf in ihr eiligst über Bord gesetztes Boot stürzen und mit ihm in der Dunkelheit zu entkommen trachten. Auch das nützt ihnen nichts. Das U-Boot schießt um denSchlepper herum und lädt die Italiener recht nachdrücklich ein, sich doch ein wenig an Deck zu bemühen.
So ganz einfach ist das aber nicht. Entweder haben die Kerle Angst oder sie wollen nicht, kurz, sie hängen an ihren Duchten, als wenn sie festgeklebt seien und brüllen dabei, als stäken sie am Spieße. Nicht einmal der von einem sprachgewandten U-Bootsmann einladend hinübergegebene Ruf »Avanti Savoia« verfängt. Bis endlich ein gut deutsches Wort mit ihnen geredet wird. Sie kriechen an Deck und jetzt erklärt sich allerdings nur zu bald das für Italiener immerhin merkwürdige Beharrungsvermögen. Die ganze Gesellschaft, vom Kapitän bis hinunter zum Heizer, ist – sinnlos betrunken. Schlapp torkeln sie an Deck herum und sind gänzlich haltlos. Mit vieler Mühe wird endlich aus ihnen herausgeholt, daß sie sich bereits an Land, noch vor Antritt der Fahrt, die nötige Seebereitschaft durch Uebernahme größerer Gebinde Alkohols gesichert hatten. Mochten doch dieseMaledetti inglesi e loro amici, dieses verd... Engländerpack mit seinen Freunden, im Sperrgebiet zur See fahren, wenn es ihnen Spaß machte, sie aber, die Italiener, sollte man freundlichst damit verschonen. Und dann wagen es diese Kerle, rührselig werden zu wollen. Stammelnd und lallend versichern sie, daß sie nie etwas gehabt hätten gegen die Germani, das seien immer ihre Freunde gewesen. Ah,come sono buoni e bravi, gute und brave Leute ... bis dem Kommandanten, der eine Zeitlangdieses widerlich jämmerliche Winseln um das – ach so teure – Leben ruhig angehört hat, der Ekel aufsteigt. Ein einziges Wort nur, eine Bewegung nach dem längsseit tanzenden Boote. Runter! Da versteht die Gesellschaft. Bedeutend schneller als sie heraufgekommen, stürzen sie in ihr Boot, rudern, rudern, als gelte jede Sekunde das Leben.
Während der Schlepper sich mit Hilfe einer Sprengpatrone eiligst aus dem Sperrgebiete entfernt, geht »U 95« auf die Suche nach dem Leichter, der in der Zwischenzeit etwas abgetrieben ist. Bald tauchen seine dunklen Umrisse wieder aus der Nacht hervor. Er ist bis obenhin mit Militärgut beladen. Auch er verläßt, ebenso schnell wie der Schlepper vor ihm, die Oberfläche. In der Nacht ereignet sich nichts mehr, und mit östlichem Kurs fährt »U 119« weiter.
Eben rötet sich im Osten der Himmel, als an Steuerbord der weiße Leuchtturm von Homs aus der See auftaucht. Gleich dahinter ragt ein Fabrikschornstein in die klare Luft, das spitze Minare einer Moschee; weiße, glatte Mauern von Araberhäusern und dazwischen an erhöhten Stellen gelbe Regierungsgebäude und Kasernen zeichnen sich ab. Die beiden alten Forts drohen von überragender Stellung hinaus auf See.
Alles scheint drüben in tiefem Schlafe zu liegen. Nichts rührt sich, als »U 119« näher heran kommt. Etwa zwei Seemeilen steht es ab, als vom Turm an die bereits klargemachten Geschütze der Befehl kommt:
»Dreißig Hektometer! Schieber: links, zwozehn! Auf das gelbe Gebäude mit der Funkenstation!«
Im nächsten Augenblick rollt der Donner des Schusses über die fast spiegelglatte See nach Land zu. Bevor sein Dröhnen aber dort vernommen wird, schlagen schon die Granaten mitten in die Kasernen, aus denen gleich darauf in dichten Scharen mehr oder weniger bekleidete Menschen herausstürzen. Und wieder blitzt es auf See auf, dröhnt der Donner, bersten die Granaten. In Fliegerschuppen und Regierungsgebäude fegen sie, schlagen die Marconistation vom Dache und spritzen in die dichten Haufen der planlos in wahnwitziger Angst Umherirrenden. An drei Stellen schon züngeln Flammen empor und wälzt sich schwerer Rauch, als die Italiener sich endlich darauf besinnen, daß in den beiden Forts auch Geschütze stehen. Zwar waren sie bisher gegen die immer näher andrängenden Eingeborenen nach Süden gerichtet, schnell aber werden sie jetzt nach See zu gedreht.
Vierzig Granaten hat »U 119« verfeuert, als drüben der erste Schuß fällt. Was die Italiener an Zeit verloren haben, suchen sie jetzt durch ungeheuerliche Munitionsverschwendung wettzumachen. In unaufhörlicher Folge blitzt es in den Forts auf, heben sich die Wassersäulen der einschlagenden Granaten. Bald haben sie sich eingeschossen. Immer dichter heran, in bedrohliche Nähe des Bootes fegen die Geschosse, bis sich der Kommandant, der seine Aufgabe voll erfüllt sieht, entschließt, zu tauchen und unter Wasser abzulaufen. –
Drei Tage und drei Nächte schon streift »U 119« ostwärts zwischen Kreta und der afrikanischen Küste durch das Mittelländische Meer. Von Tag zu Tag macht sich die Lähmung der feindlichen Schiffahrt fühlbarer. Die in Friedenszeiten und auch noch zu Beginn des Krieges so belebte Handelsstraße, über die Indiens, Chinas und Australiens Güter gingen, liegt öde und vereinsamt. Die Neutralen begannen zuerst mit der zwar bedeutend längeren, dafür aber ungefährlicheren Fahrt um das Kap der guten Hoffnung, die Engländer und Franzosen sind ihnen bald gefolgt. Die reinste Idylle hat sich an Bord entwickelt. Fühlbar heiß brennen die Strahlen der Sonne auf das stählerne Deck. Die Luft im Raum ist, obwohl alle Luken geöffnet sind, tagsüber schon recht unerquicklich, so daß man die kühlere Nacht herbeisehnt. Wenn auch alles ziemlich ungeduldig nach dem Feinde, der sich nicht zeigen will, ausspäht, bietet andererseits wieder die Verödung der Seewege doch manches Gute. Abends hält »U 119« dicht an Land zu, dort, wo es die Tiefenverhältnisse gestatten, und wenige Minuten später tummelt sich fast die ganze Besatzung im Wasser. Bei einigen Leuten, die absolut nicht wieder heraus wollen, bedarf es etwas energischerer Aufforderung von seiten des Kommandanten, nicht loszugondeln, um etwa auf eigene Faust U-Boot-Krieg zu führen. Später dann sitzt alles, nachdem dem Meisterwerk des Schmutje Ehre angetan wurde, an Deck, schmaucht vergnügt seinen Tobak und lauscht andächtig den neuesten Schlagern, über die das Grammophon verfügt.Eine harmlos fröhliche Ausgelassenheit herrscht, als sei nicht Krieg, als könnte nicht im nächsten Augenblick von irgendwoher der Feind auftauchen.
Fast unangenehm glatt liegt am nächsten Tage die See. Wie ein leises, kaum merkbares Atmen geht es über die Oberfläche, die stundenlang noch die Spur des Kielwassers bewahrt. Wundervoll sichtig ist das Wetter, klar und rein die Luft. Nichts zeigt sich. Fern im Süden blinkt wohl hier und da unter den Strahlen der flimmernden Sonne in grellweißem Schimmer die afrikanische Küste mit ihren kahlen Sanddünen auf, sonst aber ist das Bild seit Tagen schon stets das gleiche: das einsame, ruhige, verlassene Mittelmeer.
Wie gestern und vorgestern sonnt sich auch heute wieder alles, was nicht unten im Schiff beschäftigt ist, oben an Deck. Ein Teil der Leute hat mit vieler List ein Plätzchen erobert, das dem Kopf wenigstens einigermaßen Schutz gegen die blendende Lichtflut bietet, andere »kloppen« ihren Skat, spielen eine Partie Sechsundsechzig oder erzählen sich ihre letzten Abenteuer an Land, wobei natürlich die holde Weiblichkeit nicht zu kurz kommt. Aehnlich sieht es auf dem Turm aus. Dort sitzen die Offiziere und besprechen die weiteren Unternehmungen, die »U 119« von Alexandrien nach dem Suezkanal bringen sollen, suchen dann zum hundertsten Male mißmutig und verknurrt die Kimm ab, die immer noch ruhig in ihrem bläulichen Dunste liegt. Und über die Offiziere, die Schlafenden, die Erzählenden und Spielenden hin klingen die lockenden Töne aus dem Zigeunerbaron:»Wer uns getraut, ich sag' es euch, der Dom« ... »Eine Mine!« Schrill gellt der Ruf in den tiefen Frieden hinein, läßt die Schläfer hochfahren, Karten, Bücher und Papiere an Deck fliegen, kein Mensch achtet des Grammophons, das seine Melodien weiterschnurrt, alles hat nur Augen und Sinn für die Mine, die soeben gesichtet ist.
Etwa hundert Meter rechts voraus ragt ein dunkler Buckel vorn über die Oberfläche hinaus. Überall glitzert und flimmert das Wasser, der eine Punkt nur unterbricht die Gleichförmigkeit. Eine Treibmine? Soll sich die etwa von der Nilmündung oder vom Suezkanal losgerissen haben? Vorsichtig nähert sich das Boot dem gefährlichen Gegenstande, der so harmlos aussieht, als berge er nicht hundert Kilogramm Sprengstoff in seinem Innern. Die Gewehre sind an Deck geholt, um die Mine im Ablaufen abzuschießen. Etwa fünfzig Meter noch ist »U 119« ab, als von der Brücke lautes Gelächter und der Ruf ertönt: »Eine Schildkröte!« Eben will alles anlegen, um den ungewohnten Bissen für die Küche zu erobern, als die »Mine« durch das Geräusch der Motoren erwacht und langsam wegsackt.
Gegen Abend verschwinden die tiefen, blauen Farben des Wassers, machen vorerst einer grünlichen, dann hellgelblichen Tönung Platz und gehen schließlich in schmutziges Graubraun über. Die Mündung des Nils macht sich bemerkbar. Ganz in der Ferne, kaumnoch wahrnehmbar, steht in den Strahlen der untergehenden Sonne grauer Landdunst.
Es dunkelt bereits. Von Land her kommt der Schein des Blinkfeuers der Ennostoshuck bei Ras et Tin durch die Nacht herüber, mehrere feste Feuer, und darüber, ganz im Hintergrunde, die rötliche Dunstkuppel des beleuchteten Alexandrien. Vorläufig ist nichts zu machen, als die Einfahrt nach ein- und ausfahrenden Schiffen zu beobachten. Die Aufgabe ist nicht leicht, da bei Nacht auf die große Entfernung hin, in der das Boot wegen der in die See vorgelagerten Sände gehalten werden muß, nur schwer Genaues auszumachen ist. Stundenlang pendelt »U 119« vor der Mündung auf und ab. Kein Schiff zeigt sich. Ganz ferne nur, im Norden tauchen für kurze Zeit die Lichter eines Dampfers auf. Er steht aber weit ab und läuft zu hohe Fahrt, als daß es sich lohnte, mit Aussicht auf Erfolg auf ihn Jagd zu machen.
Kaum graut der Morgen, als das Boot taucht, um nicht etwa durch Schiffe, die bisher im Dunkel verborgen waren, überrascht zu werden. Vorsichtig sucht das Sehrohr die ganze Gegend ab. Nach Land zu sind einige Fahrzeuge zu erkennen, in der Nähe aber scheint die See überall so einsam und verlassen, wie in den letzten Tagen. Erst gegen Mittag kommt von Alexandrien her eine starke Rauchwolke auf. Eine halbe Stunde später leuchtet die Bugwelle eines mächtigen, schwarzen Transporters mit zwei Schornsteinen, der mit hoher Fahrt herangebraust kommt, in der Sonne. Im Kielwasser, eine Seemeileab, folgt sein Geleitschiff, ein Kreuzer der Foxgloveklasse. Er hat wohl etwas später losgeworfen und dampft jetzt zusehends auf. Der Transporter scheint voll beladen mit Menschen. Ueberall, auf den langen Promenadendecks des Dampfers, der anscheinend der Orientlinie angehört, auf Back und Achterdeck wimmelt es von Khakileuten, die wohl dem hoffnungslosen Salonikiunternehmen als neues Kanonenfutter für den Cernabogen dienen sollen.
Vierhundert Meter ist er ab, als die helle Blasenbahn auf ihn zuschießt. Eine Sekunde spiegeln sich im Sehrohr entsetzte Gesichter, deuten ausgestreckte Arme auf das nahende Verderben, stieben graugelbe Gestalten wirr durcheinander und strömt weißer Dampf zum Hilferuf aus der Dampfpfeife am vorderen Schornstein, dann hebt sich an der Vorderkante der Brücke eine mehr als dreißig Meter hohe Sprengwolke. Der eine Schuß genügt. Schwerfällig neigt sich der mehr als achttausend Tonnen große Kasten mit der Nase vorn über und sinkt.
Einige Minuten läuft »U 119« mit eingefahrenem Sehrohr auf den Geleitkreuzer zu, dann wird für den Bruchteil einer Sekunde nur ausgefahren. Eben verläßt der Torpedo das Rohr, als es drüben aufblitzt und das Dröhnen in unmittelbarer Nähe einfallender Granaten erklingt. Mitten hinein der Schlag des am Kreuzer explodierenden Torpedos. Dann tiefe Stille. Eine halbe Stunde später tauchen die Sehrohre schon ziemlich weit ab bis über die Oberfläche heraus. Dort wo der Transporter sank,ist nichts mehr zu sehen als mehrere Schiffsboote, die an der Untergangsstelle liegen und versuchen, aus dem Gewimmel der um sie treibenden Menschen zu retten, was noch lebt. Einige hundert Meter ab liegt bewegungslos der Kreuzer. Die See spült bereits über sein Heck, zusehends sackt er tiefer. Einen Augenblick überlegt der Kommandant, ob er herangehen und dem Engländer einen zweiten Schuß geben soll. Von Alexandrien aber nähern sich in hoher Fahrt mehrere Zerstörer. Bald müssen sie heran sein. Es hieße nur das Boot gefährden, denn für den Kreuzer kommt die Hilfe doch zu spät. An Einbringen ist bei ihm nicht mehr zu denken. –
Ununterbrochen, seit dem frühen Morgen, flammen aus den gelben Dünen, die im Lichte der untergehenden Sonne wie in Blut getaucht scheinen, feurige Blitze auf, spritzen hohe aus Sand und grünlich-giftigen Pulverschwaden gemischte Säulen, rollt der Donner der Geschütze in die Wüste hinein. Seit mehreren Tagen stürmen die Engländer, die vom Kanal aus ihre Bahn längs der Küste bis auf El Arisch vorgetrieben haben, gegen die türkischen Stellungen bei Gaza an. Zweimal und dreimal schon sind sie zurückgeschlagen, ein weites Leichenfeld deckt den Sand, und immer wieder versucht es der Gegner von neuem. Zu Lande und von See aus. Seit Stunden prasselt das Trommelfeuer, heben sich, eine neben der anderen, zur zusammenhängenden Wand anwachsend, die Sand- und Pulverwolken. In letztem,gewaltigstem Ansturm sollen die türkischen Linien durchbrochen und der Weg nach Jerusalem freigemacht werden.
Was an Schiffen in Alexandrien und Port Said verfügbar war, ist herangezogen. Aus sicherer Entfernung, von Land aus nicht erreichbar, heulen die dicken 30,5 Zentimeter-Granaten der schweren Schiffsgeschütze heran, dazwischen die Geschosse der Mittelartillerie. Der letzte Widerstand soll und muß gebrochen werden. Das Trommelfeuer steigert sich zu einem Höllenorkan, der ungeheure Stahlmassen gegen die türkischen Gräben schmettert. Dichte Rauchwolken umlagern die Schiffe, wachsen höher und höher bis an die Mastspitzen hinauf. Noch halten die Verteidiger, wenn auch ihre Gräben halb verschüttet sind, stand. Gegen die Batterien an Land und die Sturmtrupps der Infanterie setzen sie die eigenen Truppen, die immer wieder unter brausendem Allahruf zum Gegenstoß vorstürmen, ein. Gegen die Schiffsgeschütze, die immer größere Lücken reißen, sind sie hilflos.
Hoch über den Schiffen kreist ein Doppeldecker, dessen helle Tragflächen und große Schwimmer sich klar vom dunkelblauen Himmel abheben. Genau verfolgt er die Aufschläge und signalisiert seine Beobachtungen. Eben wendet er sich von Land wieder den Schiffen zu, als er plötzlich über sie hinaus der offenen See zuschießt. In jähem Sturze saust er nach unten, fast bis auf die Oberfläche hinab. Im nächsten Augenblicke tönt das trockene Hämmern und Knattern seinesMaschinengewehrs, spritzen seine Geschosse hageldicht in die See. Dann steigt er wieder, kreist über den Schiffen. Wie auf ein Kommando stellen die das Feuern ein. Sekunden später haben sie Fahrt aufgenommen und streben in wilden Zickzackkursen mit äußerster Kraft nach Westen. Ihre Geschütze feuern gegen einen Feind, der nicht zu sehen ist.
Zur rechten Zeit! Aus den englischen Gräben lösen sich die Sturmtrupps, stürmen über den Sand hinweg gegen den Feind, dem ihre Schiffe soeben noch den letzten Rest geben sollen. Die aber sind im kritischsten Augenblick verstummt ... Aus einem rätselhaften Grunde, ganz gegen die Vereinbarung, brausen sie davon, verschwinden aus Schußweite, wo doch alles von ihnen abhängt ...
Die Engländer stutzen, zögern ... reihenweise mähen die türkischen Geschosse sie nieder, türmen neue Leichenhaufen neben und über die alten ... sie fliehen ... hinter ihnen drein stürmt in wuchtigem Stoß die türkische Infanterie: die erste Stellung wird überrannt, die zweite, erst vor der dritten macht sie halt. Einzelne erst, dann ganze Züge, Verbände, bis sich die ganze Masse des englischen Angreifers planlos in hastigem, überstürztem Rückzuge nach Süden zu retten sucht ... in die Wüste ...
Aus der sonnendurchzitterten Oberfläche der See stoßen zwei dünne Rohre empor, ein grauer Turm hebt sich, leicht spült das Wasser über Vor- und Achterschiff. Dann steigt am vorderen Sehrohr von »U 119« die deutsche Kriegsflagge hoch ...
»Wie denken Herr Kapitänleutnant über die Kanone? Wollen wir die nicht mitnehmen?« ruft der Offizier der Sprenggruppe vom Achterdeck des Leylanddampfers zum Kommandanten von »U 187«, das etwa dreißig Meter ab liegt, hinunter. Zu seinem Bedauern klingt es aber zurück: »Lassen Sie das Ding drüben, das Abbauen der alten Schmeißbüchse hält uns zu lange auf.« Der Offizier scheint sein Herz an das kleine Geschütz, auf dessen blankem Rohre sich die Sonne spiegelt, gehängt zu haben. Das Rohr läßt sich leicht lüften, nur das Losschrauben des Pivots würde zeitraubend sein. Sofort gibt er seine Entdeckung weiter, und diesmal hat er Glück. Das kleine Geschütz darf mitgenommen werden, doch fordert der Kommandant gleichzeitig auch einen geeigneten Unterbau. Das ist nicht einfach. Forschend streift der Offizier über das Oberdeck. In der Kombüse endlich findet sich ein Gegenstand, der mit Bordmitteln ohne weiteres zur Lafette umgebaut werden kann: Ein – leider leeres Weinfaß! »U 187« geht vorsichtig unter das Heck des Dampfers. Das Rohr wird herabgefiert, gleich darauf folgt die Lafette. Zwar macht der Kommandantzuerst über diese eigenartige artilleristische Verstärkung ein recht erstauntes Gesicht, er sagt aber nichts, weil er sich, innerlich schmunzelnd, im Geiste bereits ausmalt, auf welche Art die Besatzung den Einbau der Kanone bewerkstelligen wird. Jedenfalls ist die Geschichte ganz neuartig.
Während die Sprengpatronen den Dampfer in die Tiefe befördern, wird schleunigst eine Kommission von Sachverständigen zusammengerufen, die über den Einbau des neuen Geschützes beschließen soll. Bald ist die wichtige Frage, die mit bitterem Ernst behandelt wird, auch praktisch gelöst. Das Weinfaß wird vor allem mit mehreren Stahldrahttauen an Deck so festgezurrt, daß es sich nicht mehr bewegen kann. Ebenso wird das Rohr befestigt. Zwar kann das so entstandene Ding nicht gerade ein Modell für eine Mittelpivotlafette genannt werden, jedenfalls aber hat »U 187« ein Geschütz mit Munition mehr. Die Nummer Zwei des alten Schiffsgeschützes wird Nummer Eins. Nun fehlt nur noch die Gelegenheit, die neue Kanone auszuprobieren; aber auch die läßt nicht lange auf sich warten.
Am frühen Morgen war der englische Leylanddampfer, der eine Unmenge Gefrierfleisch von Argentinien für die englische Armee an Bord gehabt hatte, versenkt worden. Kurz nach Mittag schon taucht, aus dem Bristolkanal kommend, wieder ein Dampfer auf. Unglaublich dreckig sieht der Bursche aus, als er sich in langsamer Fahrt heranschiebt. Der kommt sicher mit Kohlen von Cardiff. Selbst der dicke Kohlenstaub aber kann den Schmutz nicht verdecken, der in breiterwerdenden Streifen unter den Ausgüssen bis auf die Wasserlinie hinabführt, nicht den vielen Rost, der rötlich überall auf den einzelnen Platten zutage tritt. Die Decksaufbauten, die vor vielen Jahren vielleicht weiß waren, sind in ihrer Farbe, soweit überhaupt solche zu sehen ist, nicht näher zu bezeichnen. Ein schmutziges Grau, dem der Kohlenstaub ein »marmorartiges« Aussehen verleiht. Ein Engländer würde in solchem Zustande nicht zur See fahren. Selbst für einen Franzosen, der, was Reinlichkeit anbelangt, nicht so heikel ist, scheint der Bursche doch zu dreckig. Es kann sich nur um einen Portugiesen oder um einen Italiener handeln. Diese Herrschaften legen auf Äußeres ebenso wenig Wert, wie auf das eigene Innere. Gleichgültig freilich, welche Nation sich um die Ehre der Zugehörigkeit streiten mag, hier ist Sperrgebiet, es wird kein Federlesens gemacht. Noch ist die Granate des ersten Geschosses nicht drüben eingeschlagen, als auch schon die erbeutete Kanone ein ernstes Wörtchen spricht. Ihre Stimme ist zwar nicht eindringlich, der Geschützführer aber legt volle Ehre mit ihr ein. Seine Granate sitzt mittschiffs, eben über der Wasserlinie. Der Erfolg ist zauberhaft. Der Dampfer stoppt sofort. Das Geschoß muß einen Kessel getroffen haben. Weißer Dampf quillt unter dem Aufbau hoch. Ein Boot wird zu Wasser gefiert, kaum ein halbes Dutzend Männer hockt darin, die Mühe haben, das gebrechliche kleine Fahrzeug in der hohen Dünung vor dem gefährlichen Zusammenschlagen mit der Bordwand zu bewahren.
Eine Weile sieht der Kommandant von »U 187« ruhig zu, bis oben an Deck lebhaft gestikulierende Kerle herumtanzen und keine Anstalten machen, das Schiff zu verlassen. Endlich, nachdem seine Geduld erschöpft ist, gibt er Befehl, zwei weitere Granaten herüber zu schicken. Beide schlagen im Vorschiff ein. Ein wenig Erfolg ist bereits zu bemerken. Drei Kerle lassen sich an den Bootsläufern hinunter, und das Boot setzt ab. Immer noch aber ist mehr als die Hälfte der Besatzung an Bord. Bis zu dem in Lee stehenden Boot dringt ihr Gebrüll herüber.
»Herr Kapitänleitnant!« läßt sich plötzlich der Rudergänger, der kopfschüttelnd den Vorgang ansieht, vernehmen. »Ich glaube, die Laite sind wasserschai! Die hob'n Angst vorm Versaufen!«
Es scheint tatsächlich so. »U 187« kreist vorsichtig um den Dampfer herum, um festzustellen, ob kein verborgenes Geschütz an Deck steht. Dann, nachdem Name und Heimatshafen, »Nostra Signora di Torre Marino, Messina« erkannt sind, geht er längsseit.
In recht klarem Fortissimo wird die schlappe Bande aufgefordert, das zweite Boot zu Wasser zu lassen. Ein wüstes Durcheinanderschnattern folgt, aus dem auch nicht ein Wort zu verstehen ist. So viel nur wird klar, daß die Gesellschaft nicht etwa Widerspenstigkeit beabsichtigt; sie haben einfach Angst! Wer weiß, wo der italienische Kapitän diese Mannschaft shanghait hat. Erst als die Leute sehen, daß die Deutschen keinen Spaß verstehen, und die Geschütze abermals geladenwerden, bequemen sie sich, das zweite Boot zu Wasser zu lassen. Freilich dauert es fast eine halbe Stunde, bis es so weit ist, und die Italiener, mehr oder weniger durchnäßt, von ihrem Schiffe abstoßen. Nach zehn Schüssen, die über der Wasserlinie aufschlagen, ist Italien um dreitausend Tonnen Kohle ärmer.
Die beiden nächsten Tage bringen nur einen dicken Dampfer, der aber eine für England gerade jetzt so wertvolle Ladung enthält: Schmalz, Salzfleisch und Cornedbeef von Armour aus Chicago. Ein Bedauern nur herrscht, als sich der Engländer mit der Nase voraus empfiehlt, daß das Schiff nicht als Prise eingebracht werden kann. –
Das Wetter ist ruhiger geworden. Der Nordwestwind, der die letzte Zeit wehte, ist bis auf Stärke zwei abgeflaut und schließlich gegen Abend ganz eingeschlafen. Blutrot setzt die Sonne im Westen auf, wie flüssiges Gold spiegeln sich ihre Strahlen auf der glatten See. Die Nacht bricht an. In voller Klarheit schimmern die Sterne, wie ein leichter bläulichheller Schein liegt es über dem Wasser.
Im Südwesten schiebt sich kurz nach Mitternacht ein dunkler Schatten heran. Ein Schiff! Es fährt abgeblendet, so daß die Umrisse nur eben noch zu erkennen sind. Ein Tankdampfer von mindestens achttausend Tonnen, ein stattlicher Bursche, der mindestens zwölftausend Tonnen Heizöl schleppt. Er ist anscheinend völlig ahnungslos, kann von dem kaum über das Wasser tauchenden kleinen U-Boote in der tiefen Dunkelheit nichts sehen. Er ist sicherlich bewaffnet, bisdie Kanoniere aber das kleine Ziel finden, hat das Schiff mindestens schon zehn Granaten im Leibe.
Zwei grelle Blitze zerreißen die tiefe Dunkelheit, weitere folgen Schlag auf Schlag. An der hohen Bordwand leuchtet Feuerschein auf, dann fegen ein paar Granaten in das Achterdeck, wo das Geschütz stehen muß.
Mitten aus dem Schiff heraus dringt gelblichroter Flammenschein, längs der Bordwand schießt ein Feuerstrom herab, breitet sich aus, fließt achteraus von dem noch in Fahrt befindlichen Dampfer. Mit unheimlicher Schnelligkeit wächst er, wird zum See, zu einem wogenden, rauschenden Flammenmeer. Um das Achterschiff züngelt es, leckt gierig längs des gestoppten Schiffes, nach vorn .... dann steht der ganze Dampfer in flammender Lohe. Das Meer brennt ... Es zischt und saust, das Deck birst in der furchtbaren Glut auseinander, eine schwere, schwarze Wolke treibt nach der französischen Küste zu ....
Fast vier Wochen schon ist »U 187« in See. Alle Torpedos bis auf einen sind verschossen, der Vorrat an Heizöl und Proviant geht zur Neige. Es wird Zeit, an die Heimkehr zu denken. Der Weg um Schottland ist noch weit und nicht ganz einfach. Wenn hier auch weder Netze noch Minen drohen, so sind doch zahlreiche Kriegsschiffe und Bewachungsfahrzeuge auf der Streife, die allerlei unliebsame Zwischenfälle herbeiführen können. Der Morgen graut. Stundenlang noch leuchtete achteraus der Feuerschein des brennenden Tankdampfers, bis er allmählich unter der Kimm verschwand. Mit nördlichem Kurs holt »U 187« um dieSüdwestecke Irlands herum; wie greifende Finger tauchen die in die See vorspringenden Halbinseln des Landes auf, kleine Inseln, zum Teil mit Leuchttürmen, liegen vor ihnen. In weiter Ferne kommt ein mit hoher Fahrt nach Süden laufender Panzerkreuzer der »Cressy«-Klasse in Sicht. Verlockend leuchten seine vier Schornsteine zwischen den Pfahlmasten herüber. Es ist ganz ausgeschlossen, an ihn heranzukommen. Der eine noch übrige Torpedo muß auf günstigere Gelegenheit warten. An Steuerbord taucht nachts noch eben über der Kimm ein Feuer an der Nordwestecke Irlands auf, dann heißt es die Anmarschstraße zum Nordkanal zwischen Irland und Schottland zu durchqueren. So scharf und aufmerksam die Augen auch das Dunkel zu durchdringen suchen, nichts zeigt sich. Weit in der Ferne nur leuchtet es mehreremal in kurzen fahlen Blitzen herüber. Es ist nicht zu erkennen, ob dort ein Kreuzer mit seinen Scheinwerfern die See absucht, oder ob es sich um Wetterleuchten handelt.
Am Mittag des nächsten Tages tauchen voraus die dunklen Felsen von St. Kilda auf. In blendender Weiße schimmert zuhöchst der Leuchtturm herunter, dessen Feuer nachts weit in die See hinausstrahlt. Etwa fünfundzwanzig Seemeilen östlich der Insel stehen drei Fischdampfer ziemlich dicht beieinander. Mit langsamer Fahrt ziehen sie ihre Netze hinter sich her. Ab und zu stößt eine dicke Rauchwolke aus Schornsteinen, Mannschaften eilen über Deck, straffgespannt stehen die Stahlleinen der Schleppnetze seitwärts achteraus ....
Der nächststehende Dampfer stoppt. Der Kapitän steigt aus dem Ruderhaus an Deck. In der klaren sichtigen Luft ist deutlich zu erkennen, wie ein Mann die Dampfwinde anläßt. Das Netz wird längsseit geholt, die Scherbretter an Deck genommen, der Beutel hochgeheißt, bis er mitten über dem Verdeck steht. Dann entleert sich mit einem Schlage der in der Sonne silbernblinkende Fang. Die beiden anderen Fischer ziehen inzwischen gleichmäßig weiter vor ihren Netzen her.
Fünfhundert Meter von dem gestoppt liegenden Fahrzeug taucht »U 187« auf, unverzüglich fährt der erste Schuß hinüber. Die Fischer wissen sofort Bescheid. Kaum zehn Minuten später sitzen sie im Boot und rudern ab. Auch die beiden anderen Schiffe haben sofort gehorsam gestoppt. Sie liegen etwa tausend Meter ab, und anscheinend werden auch dort bereits die Boote zu Wasser gelassen. In den ersten verlassenen Dampfer fegen die Granaten hinein. Nach drei Schüssen sackt er tiefer und beginnt zu sinken. Da ... mit äußerster Fahrt prescht der in der Mitte stehende Fischer plötzlich heran. Die Kerle müssen das hindernde Netz gekappt haben .... auf siebenhundert Meter ist er heran .... die Reeling unter der Back schlägt herunter ... ein Feuerstrahl spritzt hervor .... wieder und wieder, in schneller Folge .... schmetternd kracht es auf den Turm, reißt den Rudergänger über Bord und wirft Kommandant und Wachoffizier zu Boden.
»Rein ins Boot! Schnelltauchen!« Voran läßt sich der Kommandant in den Turm gleiten, an ihm vorbeistürzen die Leute in die Zentrale hinunter .... Die Hälfte des Turms noch ragt aus dem Wasser ... wenige Sekunden nur, und die See nimmt »U 187« schützend auf .... ein harter Schlag auf den Turm, der das ganze Boot erzittern macht .... eine grelle Flamme leuchtet auf .... beißender Pulverqualm dringt heran, legt sich schwer auf Auge und Lunge ... Das Licht erlischt. Durch die Seitenfenster nur noch dringt grünlichfahler Schein .... Wasser rieselt in die Zentrale hinab ... in hellem Strahl schießt es nach ... immer mehr ....
»Turm abschließen!« Die Reservebeleuchtung flammt auf. In der Zentrale sieht es wüst aus. Sprengstücke der im Turm platzenden Granaten haben ihren Weg nach unten gefunden. Ruderleitungen, Kommando-Elemente sind zerrissen, das Heckruder klemmt, der Kreiselkompaß steht. Nach Steuerbord überliegend, sackt das Boot unheimlich schnell, zwanzig Meter ... dreißig ... fünfundvierzig ... und fünfzig Meter überschreitet eben der Tiefenmesser, als es endlich gelingt, das Boot aufzufangen. Die Tiefenruder und die Motoren sind intakt geblieben.
Drei Minuten sind verstrichen, seit »U 187« getaucht ist. Der Turm steht voll Wasser. In ihm ist der Kommandant geblieben. Die Hoffnung, ihn noch lebend bergen zu können, ist verschwindend gering, versucht aber muß es werden. Oben lauert der Feind. Es heißt ihn durch plötzliches Auftauchen zu überraschen und sogleich unter Feuer zu nehmen.
Die Geschützmannschaften halten sich klar, um sofort an Deck springen zu können ....
»Ausblasen!« Kaum dreihundert Meter hinter dem Heck der Falle schießt »U 187« an die Oberfläche ... die Luks schlagen auf, hageldicht sausen die Granaten in den überraschten Engländer hinein, der sein Opfer an anderer Stelle sucht .... Krachend geht das Ruderhaus in Trümmer .... mitten in die Geschützmannschaft unter der Back fegen die deutschen Geschosse .... reißen das Geschützrohr aus seiner Wiege, schmettern die zerfetzte Bedienung über Bord .... Dann schließen sich die Wellen des Atlantik über der Falle. Die wird nie wieder deutsche Seeleute meucheln ....
In wenigen Sekunden ist der Turm entwässert. Hier hat die englische Granate weit mehr Schaden angerichtet als unten. Rohrleitungen, Kommando-Elemente und sonstige Einrichtungen hängen verbogen und zerrissen an den Wänden, die dicken Glasscheiben sind zertrümmert. An Deck des Turms liegt der Kommandant. Ein gnädiges Geschick hat ihn vor dem qualvollen Tode des Ertrinkens bewahrt, das Ende muß durch eine schwere Brustverletzung eingetreten sein, bevor das Boot tauchte.
Noch fehlt der Rudergänger, der vom ersten Treffer über Bord gerissen wurde. Während im Boot hilfreiche Hände um den verletzten Wachoffizier bemüht sind, wird die See nach dem Vermißten abgesucht. Umsonst. Nur Schiffstrümmer und Rettungsringe der beiden versenkten Engländer treiben herum,in weiter Ferne verschwindet eben der dritte Fischdampfer. Eine Stunde spähen besorgte Augen umsonst nach dem Kameraden aus. Nichts .... Deutscher Seemannstod .....
Alles, was nicht an Maschinen und Rudern zu tun hat, wird angestellt, die Störungen zu beseitigen. Hoffentlich gelingt es, das Boot wenigstens einigermaßen tauchklar zu machen und Rudereinrichtung und Kreiselkompaß wiederherzustellen. Bis nach Hause muß es langen. Noch mehrere Sperren sind zu durchbrechen, ohne Glück ist der Versuch, mit dem beschädigten Boot in den Hafen zu kommen, ausgeschlossen.
Am späten Abend sind die gröbsten Störungen notdürftig beseitigt, und mit nordöstlichem Kurs steuert »U 187« auf Fair Island zwischen Shetland- und Orkneyinseln zu.
Die Maschinen stehen, das Geräusch der Dieselmotoren verstummt. Die Besatzung tritt auf dem Achterdeck an. Eine kurze Ansprache des ältesten Wachoffiziers, der die Führung übernommen hat. Wenige Worte nur, schlicht, aber tief empfunden, dem Kameraden vom Kameraden nachgerufen, dem Kommandanten, dessen Leiche soeben in die Tiefe gleitet, und dem Rudergänger, der ihm im Tode voranging. »Vater unser, der du bist« ....
Kaum ist das Amen verklungen, als alles auf Station eilt. Zur Trauer und zum Gedenken der Toten ist später Zeit. Die Waffe fordert ihre Rechte. Sie muß dem Vaterlande erhalten bleiben. Und wiederrattern die Motoren, rauscht das Wasser an den Bordwänden längs.
Drei Tage und zwei Nächte voll gespannter Aufmerksamkeit, voll aufregender Augenblicke mit dem nur bedingt manövrierfähigen Boote folgen, Stunden, in denen kein Auge sich schließen darf, in denen nur der bis zum äußersten angespannte eiserne Wille, das Boot nach Hause zu bringen, den völlig erschöpften Körper aufrecht erhält. Dann tauchen voraus die roten Felsen Helgolands auf.
Eine halbe Stunde später, Meldung von »U 187« an Flotte:
»Habe fünfundvierzigtausend Tonnen versenkt. Kommandant und ein Mann im Gefecht mit U-Bootsfalle getötet, ein Offizier, ein Mann verletzt.«
Abends in der Messe des U-Boot-Wohnschiffes. Harte, energische Züge scheinen für einen Augenblick noch entschlossener, schärfer zu werden. Ein kurzes Gedenken der gefallenen Kameraden, die geblieben sind. Und gleichzeitig ein stilles Gelöbnis: Den Kampf durchzukämpfen bis zum Siege.
Srrrr ... sr ... srrrrr .... knistert es in der Antenne. Bald kurz, bald lang, eine ganze Weile schon. Dann verstummt das Sirren, und nach wenigen Minuten taucht der F. T.-Gast mit seiner Funkspruchkladde in dem Turm hoch, um das soeben abgehörte Gespräch dem Kommandanten vorzulegen: »Herr Kapitänleutnant, Funkspruch von »U 103«: »Stehe fünfzig Seemeilen südlich Kap Clear, haben Sie Appetit auf frischen Schweinebraten? Kommen Sie bald, Filet für Sie aufgehoben.«
»Donnerwetter!« entfährt es dem Kommandanten, »Nu aber fix, Steuermann zeigen Sie mal die Karte her. Wie weit stehen wir ab?« Schnell ist mit dem Zirkel die Entfernung abgegriffen. In zwei Stunden kann »U 145« an der angedeuteten Stelle sein. Drei Wochen schon ist das Boot draußen im Sperrgebiet an der französischen Westküste zwischen Spanien und Irland tätig, über dreißigtausend Tonnen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Zwar herrscht kein Proviantmangel an Bord, der Schmutje stellt sogar als früherer Küchenchef eines Reichspostdampfers ganzleckere Gerichte in reicher Abwechslung auf den Tisch. Was aber will das besagen gegen den zauberhaften Klang: frisches Schweinefleisch! Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die frohe Nachricht durch das ganze Boot, welch leckerer Bissen in nächster Nähe winkt. Nach dem erfolgreichen Wirken der letzten Tage ist die Schiffahrt in dieser Gegend ohnedies für eine Zeitlang vergrämt. Es wird nichts versäumt, wenn »U 145« der freundlichen Einladung folgt.
Die Dieselmotoren arbeiten so glatt und ruhig, als wüßten sie, daß in der Nähe frischer Braten wartet. Kaum zwei Stunden später taucht voraus der graue Turm eines U-Bootes auf, an dessen vorderem Sehrohr das Erkennungssignal flattert. Weit und breit ist sonst nichts Auffälliges auf dem Wasser zu sehen. Die See ist durch die Westbrise, die kaum wahrnehmbar schon seit einigen Tagen stetig weht, nur ganz leicht bewegt. Eine Viertelstunde darauf liegen die beiden Boote nebeneinander. Vorn am Bug von »U 145« steht der Matrose Beckmann aus Vegesack mit der Wurfleine. Geschickt schleudert er sie zum Kameraden hinüber, der sie ebenso auffängt und die dünne Stahlleine nachholt, Gleichzeitig mit der Stahlleine geht aber auch die bescheidene Anfrage hinüber: »Hebt ji die Wust all ferdich?« Der Angerufene grinst bloß vielversprechend und deutet nach dem Achterdeck, wo eben großes Schlachtefest stattfindet. Ein Schwein ist bereits gänzlich zerlegt, während das zweite, für »U 145« bestimmte, sauber und sachkundig geteilt an Deck liegt.
Der Kommandant und einige Leute klettern hinüber. Die Begrüßung ist so herzlich, wie sie unter Kameraden, die draußen in See allein am Feinde stehen, nur sein kann. Die letzten Erfahrungen werden ausgetauscht, jeder berichtet, was es in der letzten Zeit an Interessantem gab. Der Kommandant von »U 103« ist erst vor drei Tagen hier angekommen. Außer zwei kleinen Seglern hat er heute morgen einen Dampfer versenkt, der Hafer für die englische Armee geladen hatte und von Rosario in Argentinien nach Le Havre bestimmt war. Kurz vor dem Anschlagen der Sprengpatronen entdeckte die Sprenggruppe auf dem von der Besatzung bereits verlassenen Fahrzeuge die beiden fröhlich grunzenden Borstentiere, die keinen Sinn für den Ernst der Lage zu haben schienen; und da es zu schade war, die armen Tiere ungegessen in die Tiefe gehen zu lassen, wurden sie an Bord genommen.
Bedeutend mehr weiß der Kommandant von »U 145« zu berichten. Mit einer stummen Bewegung nach drei Leuten, die ruhig und vergnügt auf dem Achterdeck seines Bootes stehen und behaglich ihre Pfeife schmauchen, deutend, sagt er: »Sehen Sie sich mal diese harmlosen drei Burschen dort an, die hätten uns um ein Haar das Lebenslicht ausgeblasen. Vor fünf Tagen stand ich zwanzig Seemeilen östlich Quessant, als ich einen großen Schlepper – der alte Bursche dort, der sich eben die Pfeife anzündet, führte ihn – durch einen Schuß anhielt. Der Kasten sah gänzlich harmlos aus, Geschütze hatte er nicht, undauch sonst war nichts Verdächtiges an ihm zu bemerken. Bis auf fünfzig Meter waren wir herangegangen, als der Kerl plötzlich mit Hartruder auf uns zudreht. Wir mit A. K. rückwärts, auf Strohhalmbreite schrammte er an uns längs. Dann wollte er auskneifen. Na, er kam nicht weit, wie Sie sich denken können. Gleich beim ersten Schuß flog ihm der Schornstein über Bord, der nächste riß ihm ein ganzes Stück aus dem Heck, und der dritte gab ihm den Rest. Zwei von seinen Kerls waren bei der Geschichte draufgegangen. Heizer und Maschinist, die mächtig herumwinselten und über ihren Kapitän mordsmäßig fluchten, habe ich an Land geschickt, den Burschen selbst werde ich zu Hause abliefern.
Die beiden Tommys haben mir auch ordentlich zu schaffen gemacht. Die sind schon seit vierzehn Tagen bei mir und haben sich ganz gut eingelebt. Sie müßten mal sehen, wie die Kerls springen, wenn getaucht werden soll, wie die Wiesel. Nächstens kann ich sie rollenmäßig anstellen. Sie waren auf einem dicken Elder Demster Dampfer, der mit voller Ladung vom Kap kam, und schossen aus ihrem Geschütz, bevor wir noch überhaupt recht aufgetaucht waren. Eine Stunde haben wir uns mit dem Kasten, der natürlich, sobald er einsah, daß er uns unterlegen war, haste was kannste ausbüxte, herumgeschlagen, dann endlich gab er klein bei. Schön sah es beim ihm an Deck ja nicht aus. Den Kapitän wollte ich auch mitnehmen, der hatte aber einen schweren Granattreffer abbekommen. Seine Leute haben ihn mit an Land genommen.In diesem Kriege fährt er sicher nicht mehr zur See. Sonst aber haben wir bis heute Glück gehabt. Na, und jetzt der unverhoffte Schweinebraten!«
Der Koch, der bereits einige Male den Versuch gemacht hat, mit dem F. T. Filet an Deck zu erscheinen, hat wohl nur auf dieses Wort gewartet. Eine Stunde später trennen sich die beiden Boote unter fröhlichem »Auf Wiedersehen!« –
Zwei Tage später steht »U 145« südlich von Belle Ile, um die Loiremündung nach ein- und auslaufenden Schiffen zu beaufsichtigen. Gegen zehn Uhr vormittags tauchen am östlichen Horizont zwei Segler auf, die aber nicht weiter kommen. Sie kreuzen in kurzen Schlägen auf und ab und warten anscheinend auf irgend etwas. U-Bootsfallen? »Na, die können ja lange warten, bis wir ihnen den Gefallen tun«, murmelt der Wachoffizier, der die Fahrzeuge, die sich so eigentümlich benehmen, beobachtet, vor sich hin. Nach einer Weile gleiten aus der Loiremündung zwei weitere Segler heraus. Dicht hinter ihnen taucht eine Rauchwolke auf, die sich den vier dicht beieinander stehenden Schiffen nähert. Als hätten die nur darauf gewartet, so setzen sie sich jetzt unverzüglich mit Westkurs in Bewegung. Das Rätsel ist gelöst: ein Konvoi! Der Dampfer, ein ehemaliger Trawler, hält zuerst weit voraus die Spitze, während die vier Segler, in ungefähr hundert Meter Abstand, voneinander folgen. Es sind die typischen französischen Raschoner, die zu normalen Zeiten bei Island oderNeufundland fischten. Fahrzeuge von drei- bis vierhundert Tonnen, die jetzt bei dem großen Mangel an Schiffsraum dem Frachtverkehr zwischen England und Frankreich dienen müssen. Dem Geleitschiff erscheint die See voraus unverdächtig. Es stoppt, läßt die Segler aufkommen und hält sich an ihrer Leeseite. Der Zug kommt näher heran. Deutlich ist auf der Back des Fischdampfers ein Schnellfeuergeschütz zu sehen, zwei Revolverkanonen stehen am Heck.
Dreitausend Meter vor ihm taucht »U 145« auf und überschüttet ihn mit einem Hagel von Granaten. Bevor die Segler noch begriffen haben, was anliegt und die Franzosen auf dem Trawler die geringsten Anstalten zur Gegenwehr machen können, sinkt ihr Fahrzeug weg. Wie eine Herde von Schafen, in deren Hürde der Wolf einbricht, versuchen jetzt die Segler davonzulaufen. Mit ihnen hat das U-Boot leichtes Spiel. Dem ersten saust eine Granate in die Takelage, daß die Segel des Vordermastes brennend über das Deck hinstürzen, der zweite teilt sein Schicksal. Ihm geht mit einem Stück des Vorschiffes der Klüverbaum davon. Nun ergeben sich auch die beiden anderen in ihr Schicksal und werfen die Segel herunter. Eine Viertelstunde später rudern in drei heilgebliebenen Booten die Besatzungen der vier versenkten Raschoner mit den beiden Überlebenden des Geleitschiffes nach der französischen Küste.
Am Nachmittag und im Laufe des nächsten Tages zeigt sich in dieser Gegend nichts mehr. Die Versenkungder fünf Schiffe ist von Belle Ile aus wohl beobachtet, die Schiffahrt ist gewarnt worden. So geht »U 145« wieder nach dem Westeingang des Kanals. Dort soll versucht werden, feindliche Schiffe, die glauben, ungestraft das Sperrgebiet passieren zu können, eines Besseren zu belehren.
Hundertfünfzig Seemeilen östlich der Scillyinseln kommt ein großer, schwarzer Dampfer, dessen Schornstein kein Reedereiabzeichen trägt, mit hoher Fahrt über die Kimm herauf. Den Umrissen nach kann es sich nur um einen Dampfer der P. u. O. Linie handeln, der dem Verkehr mit Ostasien dient. Er ist schwer geladen und sicher bewaffnet. Ein Artilleriegefecht mit dem schnellaufenden Schiff ist eine zu gewagte Sache. Selbst wenn er einige gutsitzende Treffer abbekommt, kann er noch immer mit seiner überlegenen Geschwindigkeit glatt davonlaufen. Das große Schiff mit seiner wertvollen Ladung, die sicher in die Millionen geht, verlohnt überdies schon einen Torpedo.
Der Engländer scheint sich ziemlich sicher zu fühlen, da er seinen Kurs durchhält und nicht, wie es sonst in dieser Gegend doch üblich ist, Zeit mit Zickzackfahren verlieren will.
Auf Sekunden stößt das Sehrohr des an die Fahrtrichtung anlaufenden Bootes über die Oberfläche, Dann wiederholt sich das wohlbekannte Schauspiel: die hohe Sprengwolke, die einströmende See, das Überlegen des riesigen Kastens, der sicherlich über zehntausend Tonnen hat, und schließlich das Versinken.In kaum einer halben Stunde ist alles vorüber. Die Besatzung ist in ihre Boote geklettert und liegt in der Nähe gestoppt, um die schwerfälligen eisernen Tröge vorerst zum Segeln klarzumachen. Keine leichte Arbeit bei dem unglaublichen Zustande, in dem sich das Inventar der Boote befindet. »U 145« umkreist die Engländer und läßt das Boot, in dem sich der Kapitän mit den Schiffspapieren befindet, herankommen. Ein fetter Bissen! Stückgut, Reis aus Rangoon, Tee aus Colombo, Häute – zweihundertfünfzig chinesische Kulis zur Bestellung der englischen Felder, die seit der plötzlichen Sperrgebietserklärung Deutschlands eine recht wichtige Rolle spielen. Ob die armen gelben Kerle, die wie ein Häufchen Unglück fröstelnd in ihrem Nankingzeug auf den Duchten hocken und allmählich einzusehen scheinen, daß es mit dem glänzenden Angebot doch ein böser Reinfall war, die englische Landwirtschaft auf die Beine bringen werden? Es sieht nicht gerade danach aus.
Während der Kommandant noch in den Schiffspapieren blättert, segelt das erste Boot, ohne um Erlaubnis zu fragen, bereits ab. Ein Schreien und Schimpfen erhebt sich drüben, ein kurzes Handgemenge, dann springt ein Mann der Besatzung über Bord. Die Engländer suchen ihn mit Bootshaken und Riemen heranzuziehen, er will aber nicht. Während das Boot in den Wind schießt, stößt der Schwimmer gewaltig aus, um die Entfernung zwischen sich und dem Fahrzeuge noch zu vergrößern. Ab und zu hebt er sich aus dem Wasser und ruft; was er will, ist nichtzu verstehen, da der Wind den Schall verweht. Jedenfalls aber muß mit dem Kerl dort etwas Besonderes los sein.