Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung,Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.
Deutschen selber führ' ich euch zu in die stillere Wohnung,Wo sich nah der Natur menschlich der Mensch noch erzieht.
Auch daß Krieg und Revolution als Hintergrund die einfach rührende Idylle trägt, wird in den folgenden Versen angedeutet; dann sagt der Dichter:
Hab' ich euch Thränen ins Auge gelockt und Lust in die SeeleSingend geflößt, so kommt, drücket mich herzlich ans Herz!
Hab' ich euch Thränen ins Auge gelockt und Lust in die SeeleSingend geflößt, so kommt, drücket mich herzlich ans Herz!
Interessant sind auch die literarischen Anspielungen in dem Gedichte und die Weise, wie der Dichter auch literarische Kritik in die Grazie elegischer Poesie aufzulösen verstand. So freut er sich darüber, daß Friedrich August Wolf den einen Dichter Homer in mehrere Rhapsoden zerlegt hat, denn dereinewar zu groß und schlug allen Mut nieder:
Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen HomerosKühn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn!Denn wer wagte mit Göttern den Kampf und wer mit dem Einen?Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.
Erst die Gesundheit des Mannes, der endlich vom Namen HomerosKühn uns befreiend uns auch ruft in die vollere Bahn!Denn wer wagte mit Göttern den Kampf und wer mit dem Einen?Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.
Später freilich dachte Goethe anders. Auch Voß bekommt wegen seiner Luise ein nur allzu freigebiges Lob:
Uns begleite des Dichters Geist, der seine LuiseRasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.
Uns begleite des Dichters Geist, der seine LuiseRasch dem würdigen Freund, uns zu entzücken, verband.
Beide Dichter, Schiller und Goethe, überschätzten das Vossische Gedicht und liest man Schillers Aeußerungen in seiner naiven und sentimentalischen Dichtung, wo er griechischen und naiven Geist in der Luise findet, so begreift man nicht, wie Schillers sonst so eindringendes Urteil hier sich so bestochen zeigt. Auch in diesem Gedicht ärgert man sich, gleich hinter Homer den Schulmeister von Eutin mit dem Werke seiner etwas groben Finger erwähnt zu sehen. Wie Voß einen Kranz bekommt, so werden andrerseits die Tadler abgewiesen, die Goethe wegen seiner Elegieen und Epigramme, wegen des üppigen und stachlichten Tons Vorwürfe gemacht. Er beruft sich auf seine römischen Vorgänger und meint mit vollem Recht, gerade er habe den Geist des Altertums ergriffen und die Alten aus dem Staube der Schulstube in das Leben geführt:
Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegne, gesellt?Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten,Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt?
Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegne, gesellt?Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten,Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt?
Und mit Bezug auf die neue Art, den Genuß der Liebe auch poetisch auszusprechen:
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht?
So ist das ganze Gedicht warm, persönlich, eine liebenswürdige Beichte: so führt es uns ein in den traulichen Kreis des Goetheschen Hauses, in das Heiligtum seines schönen Gemüths und weiß über alles dies den Glanz der Poesie, eine antike Hoheit und Milde zu verbreiten. Schiller schreibt darüber: Ihre Elegie macht einen eigenen tiefen Eindruck, der keines Lesers Herz, wenn er eins hat, verfehlen kann; ihre nahe Beziehung auf eine bestimmte Existenz gibt ihr noch einen Nachdruck mehr und die hohe schöne Ruhe mischt sich darin so schön mit der leidenschaftlichen Farbe des Augenblicks; es ist mir eine neue trostreiche Erfahrung, wie der poetische Geist alles Gemeine der Wirklichkeit so schnell und so glücklich unter sich bringt und durch einen Schwung, den er sich selbst gibt, aus diesen Bandenheraus ist, so daß die gemeinen Seelen ihm nur mit hoffnungsloser Verzweiflung nachsehen können.
Der Dichter versetzt uns in ein Städtchen am Rhein zur Zeit der Revolutionskriege. Es liegt von der großen Heerstraße seitwärts in einer glücklichen Verborgenheit, denn von den Vertriebenen sagt der Wirt, daß sie
Durch den glücklichen WinkelDieses fruchtbaren Thals und seiner Krümmungen wandern.
Durch den glücklichen WinkelDieses fruchtbaren Thals und seiner Krümmungen wandern.
Und an einer andern Stelle:
Schon ist der neue ChausseebauFest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.
Schon ist der neue ChausseebauFest beschlossen, der uns mit der großen Straße verbindet.
Gerade in dieser stillen Abgelegenheit, die nicht bis zur völligen barbarischen Isolierung geht, konnte sich die häusliche Sittlichkeit guter Menschen entwickeln und erhalten. Unser Städtchen liegt am Mittelrhein gerade da, wo in weintragender, fruchtbarer, vielbevölkerter Gegend die Sitten menschlicher sind und das Blut leichter und fröhlicher ist. Der Vater wünscht einmal, sein Sohn Hermann solle sich etwas in der Welt umthun und
Sehn zum wenigsten Straßburg und FrankfurtUnd das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
Sehn zum wenigsten Straßburg und FrankfurtUnd das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist.
Und in einer Rede des Pfarrers kommt Straßburg nochmals vor:
Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken,Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglichRollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durchStaubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und LindenMitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.
Denn wir waren in Straßburg gewohnt den Wagen zu lenken,Als ich den jungen Baron dahin begleitete; täglichRollte der Wagen, geleitet von mir, das hallende Thor durchStaubige Wege hinaus bis fern zu den Auen und LindenMitten durch Scharen des Volks, das mit Spazieren den Tag lebt.
In jener Gegend hatte der Dichter selbst seine Heimat, dort waren seine Jugendjahre verflossen: in Frankfurt war er geboren, in Straßburg hatte er zwei Jahre zugebracht, die durchsein Liebesverhältnis mit Friederike von Sesenheim, durch die Bekanntschaft mit Herder und die literarische Revolution in seinem Innern zu den inhaltvollsten seines Lebens geworden waren. Dort liegen die Wurzeln seiner Poesie. Wer aus dem Norden Deutschlands den Main überschreitet, der wird an dem vollen Leben und der naiven Fröhlichkeit der Menschen inne, daß er in Goethes Heimat- und Jugendluft atmet: hier wurden seine Lieder empfangen und geboren; hier umklang des Dichters Seele von früh auf in der konkreten und graziösen Volkssprache jener Hans-Sachsische Ton, der in seinen Werken so unendlich heimatlich zu uns spricht und über den wir mit so tiefer Rührung lächeln; hier fand er in der vollen Teilnahme an dem Leben und in der Fülle der Anschauung, die es gewährte, ein Präservativ gegen den blöden und zähen Pedantismus der Schule; hier endlich in dem Element leichterer Sitten an der Grenze des hellen und humanen Frankreich knüpften und lösten sich immer von neuem die Bande der Liebe, wie sie bei dem gröberen niederdeutschen Stamme und den Engländern, die nur die beiden gleich widerwärtigen Pole der Prüderie und der Prostitution kennen, in so unbefangen menschlicher Weise nimmermehr möglich gewesen wäre. Alle Dichtungen Goethes sind nur später aufschlagende Blüten seines Main- und Rheinaufenthalts und wir dürfen behaupten, daß auch Hermann und Dorothea nicht bloß auf jenem Schauplatz spielt, sondern in seiner Essenz von dorther geflossen ist. Kindergefühle und alte Eindrücke belebten des Dichters Darstellung jener Menschen und Gegenden. Er war in dem dortigen Bürgertum geboren und blieb ihm bei aller aristokratischen Vornehmheit innerlich verwandt. Wir müssen uns unser Städtchen in einem der Querthäler des Rheins denken; es ist wahrscheinlich von Fachwerk erbaut und mit einer Mauer und einem trocknen Graben umgeben. Das Städtchen enthält eine fleißige, wohlhabende Bevölkerung voll Lust, Neugier und Thätigkeit; es ist gewerbsam, denn
Mancher Fabriken befliß man sich da und manches Gewerbes
Mancher Fabriken befliß man sich da und manches Gewerbes
und die Einwohner betrieben neben dem städtischen Geschäft auch Weinbau und Ackerbau. Am Markte liegt das neue grüngestrichene Haus des Kaufmanns, des reichen Mannes, mit großgetäfelten Fenstern und weißer Stuckatur in grünen Feldern, denn wer thut es dem Kaufmann nach, der
bei seinem VermögenAuch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?
bei seinem VermögenAuch die Wege noch kennt, auf denen das Beste zu haben?
Woraus zugleich hervorgeht, daß die Fenster der übrigen Häuser aus jenen kleinen sechseckigen, mit Blei verbundenen Scheibchen bestehen. Am Markte liegt auch die Apotheke zum Engel und das Wirtshaus zum goldenen Löwen, dessen Besitzer der Vater unsres Hermann ist; beide waren einst nach dem großen Brande, der das Städtchen vor zwanzig Jahren zerstört hatte, die schönsten am Markte, sind jetzt aber von dem Hause des Kaufmanns verdunkelt. So ist auch der goldene Engel Michael, der die Offizin des Apothekers bezeichnet, von der Zeit ganz gebräunt. An das Wirtshaus zum goldenen Löwen stoßen doppelte Höfe, Scheunen und Ställe; ihnen schließt sich der weite Garten mit Apfel- und Birnbäumen und Kohlpflanzungen an und reicht bis an die Stadtmauer, bis zu einer Laube von Jelängerjelieber. Dort hatte einst der Ahnherr unsres Löwenwirtes, der würdige Bürgermeister, aus besondrer Gunst ein Pförtchen durch die Mauer brechen dürfen, um den weiten Umweg durch das Thor zu vermeiden. Trat man durch das Pförtchen hinaus und überschritt den trocknen Graben, so gelangte man an den aufsteigenden Weinberg, den ein bedeckter Laubgang auf unbehauenen Platten hinanführte; zu beiden Seiten wuchsen große, weiße und rötlichblaue Trauben, nicht zum Keltern, sondern zum Nachtisch, und den übrigen Berg bedeckten Stöcke mit kleineren Trauben, von denen der edle Wein kommt. Rief man auf der Höhe des Weinbergs, so kam ein geschwätziges Echo von den Türmen der Stadt zurück. Eine Thür führte dort auf das weite goldene Kornfeld, das den breiten Rücken des Hügels bedeckte und das man auf einem schmalen Grasrain durchschritt dem Birnbaum zu, der oben die Grenze der Felder bezeichnete, die dem Wirt zum goldenen Löwen gehörten. Man wußte nicht, wer jenen Baum gepflanzt. Er war weit und breit in derGegend zu sehen, seine Früchte waren berühmt; in seinem Schatten freuten sich die Schnitter des Mahles und rasteten die Hirten mit ihrer Herde. Bänke von hohem Rasen und Stein umgaben seinen Stamm. Zwei der lieblichsten und rührendsten Szenen des Gedichts spielen unter diesem Baum und man kann von ihm wohl rühmen, was Cicero von der berühmten Platane des Plato, die am Anfang des Phädrus vorkommt, preisend sagt, daß sie mehr durch die Darstellung des Philosophen als durch den Quell an ihrem Fuße so gediehen. Verfolgte man von dem Baume den Pfad weiter, so erblickte man bald den Turm eines Dorfes und sah die Häuser und umgebenden Gärten in geringer Entfernung. Dort lag ein weiter, grüner, rasenbedeckter Anger, den uralte Linden beschatteten, den Bauern und nahen Städtern ein Lustort. Unter den Bäumen befand sich ein flachgegrabener Brunnen, zu dem man auf Stufen hinabstieg; eine Mauer faßte den immer lebendigen Quell ein und steinerne Bänke zum Ruhen umgaben ihn. Das Wasser stand in hohem Rufe:
Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
Säuerlich war's und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen.
Auch an diesem Brunnen unter diesen Bäumen geht eine der herrlichsten Szenen vor, die Begegnung beider Liebenden, ihr Gespräch und gemeinsames Schöpfen. Ueber die Bedeutung der Linden vor den Dörfern, in deren Schatten sich die Gerichtsstätte der Gemeinde befand, vergleiche man Jakob Grimms deutsche Rechtsaltertümer, wo zwei interessante Stellen aus Hans Sachs angeführt sind. Auch außer der Weihe zur Gemeindestätte ist die Linde auf dem Anger, die Quelle unter der Linde ein altnationaler, ländlicher Lustort und durch die Poesie so verbreitet wie die Platane bei den antiken Dichtern. So heißt es im Parzival:
dâ vor stuont ein linde breitûf einem grüenen anger
dâ vor stuont ein linde breitûf einem grüenen anger
und an einer andern Stelle:
dâ vermûret und geleitet wasdurch den schaten ein linde.
dâ vermûret und geleitet wasdurch den schaten ein linde.
Auch in Tristan und Isolt weiß der Dichter das einsame Paradies, in welches er die Liebenden versetzt, nicht besser zu schmücken als durch einen Anger, drei Linden und in ihrem Schatten eine Quelle:
und einhalp was ein planje,dâ vlôz ein funtanje,ein vrischer küeler brunnedurchlûter als diu sunne;dâ stuonden ouch drî linden obeschône unde ze lobelîchem lobe,die schermeten den brunnenvor regene unde vor sunnen.
und einhalp was ein planje,dâ vlôz ein funtanje,ein vrischer küeler brunnedurchlûter als diu sunne;dâ stuonden ouch drî linden obeschône unde ze lobelîchem lobe,die schermeten den brunnenvor regene unde vor sunnen.
Diese ganze Lokalität ist nicht etwa abgesondert geschildert, nicht ein vorausgeschicktes Gemälde, welches abstrakt, d. h. außer dem lebendigen Zusammenhang mit dem Treiben und den Empfindungen der Menschen vor uns aufgestellt würde, sondern alle Züge sind unbefangen in die Erzählung verwebt, einer nach dem andern tritt in der Entfaltung der Fabel von selbst mit ein, trägt diese und wird von ihr getragen und atmet in demselben heitern Element anschaulicher Gegenwart.
An die Oertlichkeit schließt sich die Jahreszeit, das Wetter, der Himmel. Ein halber Tag genügt dem Gedicht: die am Mittag beginnende Handlung ist am Abend vollendet. Wir befinden uns im Hochsommer, glühend brennt die Sonne, kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen. Unter dem Thorweg des Hauses ist zwar Schatten, aber die Fliegen umsummen die Gläser und, wer behaglich ruhen und trinken will, zieht sich in die inneren Räume zurück, wo die stärkeren Mauern die warme Luft abwehren. Hermann, der ins nahe Dorf eine Fahrt gemacht, läßt die Pferde im Schatten der Bäume halten, und wie sie nach Hause eilen, quillt der Staub wirbelnd unter ihren Hufen. Schon wankt das Korn schwer und golden, die Ernte ist für den nächsten Tag bevorstehend. Nach dem heißen Tage steigt am Abend der klare Vollmond am Himmel auf, mit ihm ein schweres Gewitter. Die Sonne hatte beim Untergehen mit getürmten Wolken gekämpft und bald hier bald dort hervorbrechend eine kurze glühende Beleuchtung über die Gegend geworfen: später, als es völlig Nacht geworden, blickte der Mond mit schwankenden Lichtern durchs Laub, bis ihn die schwarzen Wetterwolken gänzlich umhüllten. Die Nacht bedeckt sich immer breiter mit sinkenden Wolken, der Sturm saust, der Donner grollt und Regengüsse schlagen herab. Auch dieser einfache Witterungsverlauf verwebt sich untrennbar mit dem Thun und Fühlen der geschilderten Menschenwelt; zu rechter Zeit mit kurzen Zügen angedeutet, hebt er anschaulich und ausdrucksvoll deren Momente. Wie herrlich begleitet die Mondnacht und das Gewitter Hermanns und Dorotheas Heimgang durch das Kornfeld und den Weinberg, ihr Ruhen unter dem Birnbaum, ihr schüchtern vertrautes Gespräch und die Umarmung auf den Stufen! Und die letzte Szene im Hause, wo wir der Vollendung des reinsten Liebes- und Familienglücks beiwohnen, wie rührend wird sie gehoben durch das draußen stürmende Unwetter und den Regen, der durch die finstre Nacht niederströmt! Auch daß der Dichter gerade den Sommer wählte, ist der glückliche Griff des Genies. Der Hochsommer ist die Zeit, wo das nordische Leben für einige Wochen an dem Himmel Ioniens teilnimmt, wo die Geschäfte und Zusammenkünfte der Menschen in die freie Natur treten, wo die unförmlichen Hüllen fallen, die farbigen Trachten sich hervorwagen und unter Bäumen, auf Wegen und in Gärten Gestalten und Szenen sich bilden. In dem ganzen Gedicht waltet eine sommerliche, lichtvolle Phantasie, gerade wie umgekehrt auf dem ganzen Hamlet die Nebel Skandinaviens liegen.
Wie die Grammatiker die Geschichte des Herodot nach der Zahl der Musen in neun Bücher teilten, wie manche, z. B. Krates von Mallos, auch den Homer nach neun Gesängen ordneten, so hat auch Goethe sein kleines Epos in neun Gesänge zerlegt und jeden nach einer Muse benannt. Er ließ die Musenabwechselnd singen mit schöner Stimme von der Götter Herrlichkeit und den Schmerzen der Endlichkeit:
ἀμειβόμεναι ὀπί καλῇὑμνεῦσίν ῥα θεῶν δῶρ' ἄμβροτα ἠδ' ἀνθρώπωντλημοσύνας.
ἀμειβόμεναι ὀπί καλῇὑμνεῦσίν ῥα θεῶν δῶρ' ἄμβροτα ἠδ' ἀνθρώπωντλημοσύνας.
Und ganz wie die Grammatiker jedem Gesange des Homer eine Ueberschrift gegeben hatten, die dessen Inhalt andeuten sollte, z. B. τὰ ἐν Πύλῳ, νέκυια, μνεστηροφονία, ὄνειρος, so überschrieb auch Goethe jeden Gesang mit einem ganz allgemein gehaltenen Titel, z. B. Schicksal und Anteil, die Weltbürger, das Zeitalter u. s. w. Alles dies fand man unbescheiden (so z. B. der Rezensent in der Bibliothek der schönen Wissenschaften) zumal im Hinblick auf jenes Epigramm, welches erzählt, daß Herodot die Musen bewirtet und von jeder eines seiner Bücher zum Zeichen der Dankbarkeit erhalten habe. Allein wenn Goethe es in den Gedichten dieser Zeit liebte, den Musen seinen Gesang zu weihen, so hat dieser fromme Dienst keinen andern Sinn, als daß der bescheidene Dichter still zurücktritt und den Gesang sich selbst durch seinen eigenen innewohnenden Trieb, eben durch die Huld der Musen Gestalt und Gesetze geben läßt. Der Rhapsode, sagt Goethe selbst, sollte als ein höheres Wesen in seinem Gedichte nicht selbst erscheinen; er läse hinter einem Vorhange am allerbesten, so daß man von aller Persönlichkeit abstrahierte und nur die Stimme der Musen im allgemeinen zu hören glaubte. Die Abteilung in Gesänge wird übrigens wie die des Dramas in Akte durch das Gesetz des pulsierenden Rhythmus, des Wechsels von Spannung und Ruhe erfordert: jeder Gesang umschließt mehr oder minder ein eigentümliches Bild und der Sänger benutzt jene momentane Unterbrechung, die Phantasie auf einen neuen Schauplatz zu versetzen oder den Sprung zu einer eintretenden weiteren Entwicklung der erzählten Begebenheiten zu erleichtern.
Der Dichter versetzt uns, was auch die Alten vom Homer rühmten, ohne Vorrede mitten in die Dinge. Das alte Ehepaar sitzt unter dem Thorweg des Hauses in behaglicher Ruhe und des Vaters abgerissen hingeworfene Bemerkungen, zwischen denenPausen zu denken sind, lehren uns sogleich, wo wir sind und was heute vorgeht. Die Kriegsnot hat eine Menge Menschen von jenseit des Rheines zur Flucht genötigt, sie ziehen in einiger Entfernung von der Stadt vorbei, alle Einwohner sind trotz dem heißen Mittag hinausgewandert, den Zug zu sehen, und auch Hermann, der Sohn, ist in der neuen Kutsche hingefahren, um die Notleidenden zu erquicken. Allmählich kommen die Neugierigen zurück, die Straßen füllen sich, der reiche Kaufmann von drüben kommt an sein neues Haus gefahren, auch der Pfarrer und der Apotheker sind wieder da und gesellen sich grüßend zu den beiden Sitzenden. Einige allgemeine Betrachtungen, die die beiden hinzugekommenen Hausfreunde über das heutige Ereignis in verschiedenem Sinne anstellen, unterbricht die ungeduldige Hausfrau mit der Frage nach dem, was sie denn gesehen. Der Apotheker, schnell das Wort ergreifend, gibt darauf eine lebendige Schilderung des verworrenen Zuges der Flüchtigen, der ordnungslos unter Unfällen und Bildern mannigfachen Elends dem Dorfe zuging. Dieser Bericht rührt den menschlichen Hauswirt, aber in seiner behaglichen Art will er die Gedanken davon abwenden und lädt die Freunde zu einem erfrischenden Glase Wein in den kühleren Saal. Dort sitzen die drei Männer um den großen braunen Tisch und fröhliche Hoffnung belebt den Wirt. Dies Städtchen, ruft er aus, dessen Wohlstand seit dem großen Brande so sichtlich gedeiht, Gott wird es nicht von neuem untergehen lassen. Ja, fährt er nach einer bestätigenden Zwischenrede des Pfarrers fort, der mächtige Rheinstrom wird uns wie Wall und Graben schützen; die Streiter sind müde, alles deutet auf Frieden. Und wenn dann das Friedensfest gefeiert wird und in der Kirche Orgel, Glocke und Trompete das Tedeum begleiten, wenn doch dann dies hohe Landesfest für mich auch ein häusliches Fest würde und mein Hermann mit der Braut vor den Altar träte. Aber ich fürchte, das wird nicht so sein, denn so thätig zu Hause, so schüchtern ist er nach außen, zeigt sich nicht unter den Leuten und flieht den Tanz und die Gesellschaft junger Mädchen. Indem er so sagte, rollte Hermanns Wagen donnernd unter den Thorweg.
Damit schließt der erste Gesang. Er enthält die Exposition in unmittelbar frischem Gemälde; noch kein Hindernis, kein Knoten, aber deutlich ist die eigentümliche Welt des Gedichts vor uns ausgebreitet, in der wir schon heimisch sind: die Bürgersitten, die Lage des Städtchens, Ort, Tageszeit, die Familie, das Ereignis des Tages, das bald das individuellere unseres Gedichts zur Folge haben wird; auch die Charaktere sind angedeutet; in dem Wunsche des Vaters und seiner Schilderung des Sohnes liegt die kommende Handlung; Aussicht auf fröhliche Entwicklung ist in dem ganzen heiter epischen Tone schon im voraus gegeben. Der Dichter versetzte uns nicht selbst in das Gedränge der Flüchtigen, welches Schauspiel uns zu mächtig in Anspruch genommen hätte; wir sollten vor allen Dingen mit dem behaglichen Bürgerhause und dessen Gliedern vertraut werden und, nachdem auf die Familie hinreichendes Licht gefallen, werden wir später an der Hand des Dichters den hohen Standpunkt ersteigen, wo wir das politische Wetter drohend am Himmel sehen.
Der zweite Gesang führt uns die Personen schon näher, und indem dies geschieht, schürzt sich der Knoten zusehends. Hermann tritt ins Zimmer und des Pfarrers kundiger Blick erkennt an seinem ganzen Wesen eine Veränderung: der Jüngling ist munterer und heiterer. Dies bestätigt unsre Ahnung von etwas Geschehenem, das bald in ruhigem epischem Fortgang sich vor uns aufthun wird. Hermann erzählt, wie er mit seinem Wagen etwas zu spät gekommen und den Zug schon vorüber gefunden; nur ein Wagen mit Ochsen bespannt war zurückgeblieben, den ein Mädchen, zu Fuße schreitend, mit langem Stabe lenkte. Das Mädchen sprach den Jüngling um eine Gabe für die auf dem Wagen im Stroh liegende bleiche Wöchnerin an, und da Hermann gerade deshalb gesandt worden, gibt er rasch und freudig das mitgebrachte wollene und leinene Zeug her. Wie das Mädchen weiter ins Dorf ziehen will, hat Hermann schnell so viel Vertrauen zu ihr gefaßt, daß er ihr auch alle Lebensmittel, die er im Wagen liegen hat, mitgibt mit dem Auftrag, alles im Dorfe unter die Notleidenden zu verteilen.Das Mädchen verspricht dies und beide scheiden. Nachdem Hermann so berichtet, spricht der Apotheker den Gedanken aus, wie doch derjenige glücklich sei, der in so schweren Zeiten nicht für Weib und Kind zu sorgen hat. Diese so einfache, sich von selbst ergebende und mit dem besondern Charakter des Sprechenden übereinstimmende Wendung leitet in unaufhaltsamem Fortschritt die Verwicklung ein. Hermann nämlich tadelt die Gesinnung des Nachbars und erklärt gerade heute lieber als je sich zur Heirat entschließen zu wollen. Beide Eltern stimmen freudig ein und die Mutter erzählt ausführlich, wie auch sie einst unter furchtbarer Not unmittelbar nach dem großen Brande ihre Ehe geschlossen, und lobt Hermann wegen seines Vertrauens, im Krieg und unter Trümmern freien zu wollen. Da fällt aber der Vater lebhaft ein und meint: Besser ist besser. Hermann soll kein unbegütertes Mädchen in ein leeres Haus, in drückende, armselige Verhältnisse führen; es soll die Wirtschaft reichlich besorgt und das häusliche Behagen durch gute Mitgift gleich anfangs verbürgt sein. Ja, Hermann, fügt er hinzu, du würdest mein Alter hoch erfreuen, wenn du mir aus jenem grünen Kaufmannshause dort drüben eine Schwiegertochter brächtest; der Mann ist reich, von seinen drei Töchtern solltest du eine wählen. Hermann erwidert, dies sei auch seine Absicht gewesen, aber die Mädchen seien eitel und lieblos, und dabei erzählt er einen Vorfall, wo sie singend und beim Klaviere sitzend sich über ihn lustig gemacht. Während die Mutter Hermanns Urteil über die Mädchen zu mildern sucht, fährt der Vater zornig auf und wirft ihm Beschränktheit und Mangel an Ehrgefühl vor. Da der Sohn sich schweigend der Thür naht, ruft der Vater immer mehr entrüstet: Denke nicht, mir je eine Bäuerin als Schwiegertochter ins Haus zu bringen; ich verlange von ihr, sie soll sich gefällig zu benehmen wissen, Erziehung haben und meinem Hause zur Ehre gereichen. Da verließ Hermann schweigend das Zimmer.
Meisterhaft dient dieser Gesang dazu die Charaktere in den Wechselreden zu entfalten und in ihrer Verschiedenheit das Hindernis zu begründen, das die beginnende Handlung zugleichaufhält und forttreibt. Vater und Sohn empfinden verschieden im Punkt der Wahl eines Mädchens: der Boden eines Konflikts ist gelegt; wir ahnen, daß Hermann im Herzen schon die Geliebte trägt, daß ihr Stand mit den Wünschen des heftigen Vaters nicht übereinstimmt; wie von selbst fallen unsre Gedanken auf jenes Mädchen, von dem Hermann eben erzählt hat; er, der in der Wirtschaft Erfahrene, konnte das Mädchen und alles, was sie sorgend that, gewiß rasch beurteilen. Vielleicht wären ihm die Gefühle, die ihr Anblick, ihr Gespräch in ihm erregt, nicht einmal deutlich zum Bewußtsein gekommen oder er hätte sie still und ängstlich verborgen, wenn nicht die einfache Bemerkung des Apothekers und das daran sich knüpfende Gespräch seinen inneren Zustand rasch zur Reife gebracht und die Verhältnisse in scharfer Beleuchtung gezeichnet hätte. Hier ist keine Wendung, kein Glied in der Kette wegzudenken. Man kann die Erzählung der Mutter von dem Brande und ihrer an dies Unglück sich knüpfenden Heirat als eine Episode betrachten, damit auch dies epische Erfordernis hier nicht fehle; in der That führt die ganze Stelle von dem Boden der gegenwärtigen Situation ab und gewährt ein kleines, überaus liebliches und wahres Bild für sich; dennoch aber ist sie in dem Fortgang des Gespräches wesentlich und steht in der nächsten inneren Beziehung zur Gegenwart. Die in diesem und dem ersten Gesange geschilderten Szenen der Flucht und Verwirrung erinnern übrigens an manches, was der Dichter selbst in der Champagne erlebte und in seinem Tagebuche, der Campagne in Frankreich, uns erzählt hat, so namentlich das Umstürzen des großen schwerbepackten Wagens und die von dem unbekannten Mädchen der bleichen Wöchnerin geleistete Hilfe.
Der dritte Gesang enthält noch keine weitere faktische Fortführung. Wir hören den fortgehenden Reden zu, die dazu dienen, die Charaktere und Gesinnungen zu entwickeln und den in ihnen liegenden Gegensatz sowie die mögliche Ausgleichung nach allen Seiten zu beleuchten. Nach dem harten Anstoß und der bewegten Leidenschaft des vorigen Gesanges beruhigt sich in diesem die Stimmung; gegenseitiges Gespräch mildert dieAufregung des Vaters sowie die Furcht des Hörers. Die Mutter, nachdem sie den Vater wegen seines harten Benehmens gescholten, eilt dem Sohne nach, um ihn zu begütigen.
Am Anfang des vierten Gesanges begleiten wir die suchende Mutter auf ihrem Wege. Hier wird nun die Gegend geschildert, Garten, Weinberg, Feld, Birnbaum, immer aber in unbefangener Verknüpfung mit der Wanderung der besorgten, sich nach ihrem Sohne umsehenden Mutter. Naturbild und Muttersorge tritt als eins und unabgesondert in unsre Empfindung ein. Die Naturschilderung ist nicht die modern-sentimentale, nicht die Gemütsschwelgerei Werthers, was mit dem Tone des ganzen Gedichts gestritten hätte, sie ist auch nicht die des abstrakten Kenners der Landschaft, sondern sie bleibt auf dem Standpunkt des unverdorbenen menschlichen Gefühls, das sich zwar der Natur freut, aber diese Freude noch gar nicht von dem Wohlsein, dem Nutzen und der Fruchtbarkeit abtrennt. Der Weinberg ist schön, aber besonders deshalb, weil er so herrliche Trauben trägt. Um den Birnbaum schwebt die Poesie des Alters, die Poesie ferner Landschaft, die vor dem unter ihm rastenden Wanderer ausgebreitet liegt, aber nicht minder dient zu seiner Verherrlichung, daß er so schmackhafte Früchte trägt und dem Hirten wie dem Schnitter in der heißen Mittagsstunde willkommenen Schatten gewährt. Einen bloß malerischen Baum mit schöner Aussicht zu schätzen läge ganz außer der Empfindungssphäre unsres Gedichts. Die Darstellung schwebt vielmehr in jener Mitte, wo der Gegensatz des rein prosaischen Nutzens und der unwahren weichherzigen Natursentimentalität noch gar nicht hervorgebrochen ist; sie erhält sich in jener primitiven, wiederum homerischen Einheit, wo die Schönheit der Natur und die Natur als Sphäre des Ackerbauers, Gärtners, Jägers, Fischers, Schiffers u. s. w. zu einem Gesamteindruck zusammenfließen und ein Gesamtgefühl bilden. Landschaft und Wetter, Sonne, Pflanzen, Wiesen und Berge, alles wird hier mit dem Auge des schaffenden Arbeiters, des besitzenden Bürgers, des einsammelnden, von der Erde sich nährenden Ansiedlers betrachtet; die Natur wird geliebt als Bodenkultur, als αἶαβιόδωρος in Sophokles' Philoktet. Zugleich erhalten wir das Bild der geschäftigen Hausfrau, die keinen Schritt vergeblich thut, sich in ihrem Gebiete und Besitze fühlt und in diesem Gefühl ihr kleines, durch Fleiß erworbenes Königreich durchwandert. Der Spur des Sohnes immer weiter folgend, finden wir ihn endlich abgewandt unter dem Birnbaum sitzend. Er hat Thränen im Auge, indem die Mutter ihn überrascht. In dem nun folgenden Gespräch tritt uns die Hauptperson, Hermann, nahe ans Herz. Wie durch Zauber thut sich sein Sein und Wesen vor uns auf, wir hören seine Geständnisse und die echt menschliche Wahrheit seiner Worte und Entschließungen gewinnt ihm unsre Teilnahme und Rührung. Obgleich ganz episch in langen weitausholenden Reden sich fortbewegend, enthält die ganze Szene doch mit meisterhafter Entwicklung den Verlauf innerer Gemütsbewegungen, die sich unter Thränen in der Einsamkeit erst verbergen, dann halb sich verraten, dann endlich hervorbrechen und zum Entschlusse, zur That werden, den Prozeß zwischen der leidenschaftlichen Seelenerregung des Sohnes und Jünglings, die sich endlich in die Brust der Mutter ergießt, und der erst betroffenen, dann mit liebevoller Besorgnis forschenden, endlich nach erfolgtem Geständnis beratenden mütterlichen Helferin. Zu der Wahrheit, mit der dieser stufenweise fortgehende Prozeß fortgeführt ist, zu der Sicherheit, mit der sich das Verhältnis von Mutter und Sohn nach den in ihm liegenden Momenten darlegt, kommt noch der Reichtum dieses Verhältnisses selbst, der Reichtum an sittlich-menschlichen Motiven, den der Augenblick bei aller Einfachheit in sich trägt. Ein Sohn, den eine unglückliche Liebe in seinem Innern schmerzvoll zerreißt, eine weinende Mutter, die sich voll Muttermitleid forschend und ratend über ihn niederbeugt — diese Szene ist an sich rührend und heilig. Sie ist heilig, wie es die Madonnenbilder Rafaels sind, auf denen gleichfalls durch Darstellung der Mutter mit dem Kinde der reinste menschliche Inhalt uns vor Augen gestellt wird. Und diese menschlich rührende Szene ist in eine Oertlichkeit verlegt, die sie mit allem poetischen Zauber umgibt: es ist der Rasensitz unter jenem Birnbaum, von wo der sehnsüchtig kummervolle Blick nach der Gegend hinreicht, in der die Geliebte weilt.
In dem fünften Gesang wird, wie die Mutter vorhergesagt hatte, die Einwilligung des Vaters wirklich erlangt. Hiermit ist die Verwicklung gelöst und scheinbar ein Schluß herbeigeführt. Allein auf ganz epische Weise liegt in der Auflösung eine neue Verwicklung, ein neues Hindernis, das der Strom der Erzählung ruhig zu umgehen hat. Der Apotheker hat den Vorschlag gethan, doch erst das Mädchen zu prüfen und die Gemeinde, in der sie aufgewachsen, nach ihr zu befragen. Diese Wendung ist abermals dem Charakter des Apothekers angemessen; sie fließt auch sonst auf natürliche Weise aus der Lage der Dinge, denn man will doch vorher erfahren, wer und wie das unbekannte Mädchen ist; indem aber dieser Rat des Vaters Zustimmung erst möglich macht, knüpft er dieselbe doch an eine erst zu erfüllende Bedingung und das accelerierende Moment ist zugleich ein retardierendes. Im übrigen enthält auch diese Szene in ihrer successiven Entwicklung und dem Spiel der einander gegenübergestellten Charaktere die größte Naturwahrheit. An Hermann zeigt sich in jedem Wort, daß die Liebe ihn, den blöden und unbeholfenen Jüngling, schnell zum Manne gereift hat, daß sie seinen Blick geschärft und seine Sprache beflügelt hat. Der Vater, der lebhaft gutmütige Mann, ist nach dem Zornausbruch von heute mittag schon innerlich nachgiebig gestimmt; da kommen nun Sohn, Mutter und Freunde mit ihrer dringenden Ansprache; anfangs schweigt er verwundert; endlich wie einer, der sich einer Sache nicht voll überlassen mag, macht er die Seitenbemerkung, Hermanns Zunge, die immer gestockt, sei nun mit einemmale gelöst; dann gleichsam aus Scham, von einer lange mit Eifer und Würde verfochtenen Gesinnung jetzt abgehen zu sollen, kleidet er seine Zustimmung in die humoristische Wendung, er erfahre, was jedem Ehemann und Vater gedroht sei, daß Mutter und Freunde immer den Willen des Sohnes begünstigen; und wie noch halb grollend richtet er die Zusage nicht an den Sohn, sondern an die übrigen Anwesenden: Gehet und prüfet und bringt mir meinetwegen dieTochter ins Haus, wo nicht, so mag er das Mädchen vergessen; wie dies alles in ähnlicher Lage im Leben überall sich wiederholt.
Nach einer ganz homerischen Beschreibung des Anschirrens der Pferde folgt die Fahrt ins Dorf. Hermann hält die Pferde im Schatten der Linde und die beiden Hausfreunde gehen nach Erkundigung aus. Wir begleiten sie in das Gewühl der Menschen, von dem wir eine episch ausführliche niederländische Genreschilderung erhalten. Nachdem wir uns Schritt vor Schritt der politischen Sphäre genähert, stehen wir endlich betrachtend vor dem furchtbaren Ereignis der Revolution und des Krieges, welches allen stillen Naturbildungen den Untergang droht, um die Welt aus Nacht und Chaos nach Vernunftprinzipien neu zu gestalten. Hermanns Liebe tritt für einen Augenblick zurück, aber nur um sich auf dem nun sich zeichnenden düstern Hintergrund desto heller abzuheben. Aus der Tiefe der Auflösung selbst wird die ewig wirksame Bildungskraft von neuem die Familie hervortreiben. In dem verworrenen Zuge der Flüchtlinge, in der Schilderung des Richters tritt uns Auflösung aller sittlichen Bande, Zerrüttung entgegen, aber, wie gewaltig auch der furchtbare Sturm der Geschichte die Wohnungen des Privatgeistes niederwerfe, immer wieder faßt der Mensch von neuem Fuß, knüpft neue Bande, steckt neue Grenzen des Besitzes aus und gründet feste Anstalten, in die er den Inhalt des Gemütes gießt. Die Revolution tritt uns nahe, aber nur damit antipolitisch und antikommunistisch die Privatexistenz, die Familie, das Eigentum sich bewähre und aus der Zerstörung neu erzeuge. Als das Symbol dieser in der Menschheit wohnenden Naturmacht wird uns Dorothea erscheinen, sie, die Flüchtige, Elternlose, des väterlichen Hauses, des Bräutigams Beraubte, die in den Krieg und die Verwirrung als ein hilfloses Mädchen Verschlagene, die dennoch, wo sie auch ist, sorgend und weiblich durch Rat, Pflege und Hilfeleistung eine Sphäre der Liebe um sich zieht, die endlich als künftige Gattin und Mutter in einen neuen Familienkreis einzieht, den sie durch ihre Einkehr vollendet und abschließt. Gleich bei den erstenSchritten, die die beiden Freunde unter die Menge thun, treffen sie diese in Streit: die Männer drohen einander, die Weiber mischen sich schreiend ein. Das häßliche Bild wird aber rasch vor den Augen weggezogen und es folgt eine versöhnende patriarchalische Szene. Ein langes Zwiegespräch zwischen dem Pfarrer und dem ehrwürdigen Richter der Gemeinde füllt den Schluß des fünften und den Anfang des sechsten Gesanges. Wir erhalten eine Schilderung des Verlaufes der Revolution, der Freiheitsbegeisterung, der darauf folgenden Enttäuschung, der Greuel des Krieges; wir hören von Dorotheens heroischer Selbstverteidigung. Unterdes hat der Apotheker das Mädchen aufgespürt und zieht den geistlichen Herrn mit fort. Wir blicken mit beiden durch die Lücke des Zauns und sehen zum erstenmal Dorotheen. Nachdem wir soeben alle Zerrüttung des Krieges durchlebt, nachdem wir voll Bewunderung und Entsetzen von der That der männermordenden Jungfrau (ἀνδροκτόνος) gehört, erblicken wir sie nicht schreitend, nicht handelnd, sondern ruhig und betrachtungsvoll dasitzend, in ihrem Arm das neugeborene Kind; wir sehen sie als liebende Helferin und künftige Mutter. Der Richter tritt nochmals hinzu und vollendet durch weitere Nachricht über das Mädchen das geistige Bild, das wir von ihr gefaßt. Nachdem wir durch alles Gesehene und Erfahrene sicher geworden, daß Hermanns Wahl eine glückliche gewesen, nachdem seine Liebe durch ihre Beziehung zu dem Schicksal der Völker und Staaten eine tiefere allgemeine Bedeutung für uns gewonnen, eilen wir mit ungeduldiger Teilnahme zu dem am Brunnen harrenden Jüngling, ihm die herrliche Botschaft zu bringen. Allein abermals hat sich, kaum daß die Spannung gelöst ist, eine neue vorbereitet. Hermanns Seele, in der Einsamkeit sich selbst überlassen, ist unterdes von schweren Sorgen befallen worden, von Sorgen, wie sie ein liebendes und also ängstliches Herz zu quälen pflegen. Daß die Freunde von Dorotheen nur Gutes erfahren würden, wußte er im voraus: aber wird sie selbst auch einwilligen? Wird sie dem ersten besten, der da kommt, zu folgen bereit sein? und ist ihr Herz nicht vielleicht schon versagt? Während einer komischenZwischenerzählung des Apothekers, die recht für die epische Gelassenheit Zeugnis gibt und deren für den gegenwärtigen Moment Unpassendes der gesprächige Mann nicht merkt, hat Hermann innerlich nach Art der Liebenden einen zugleich kräftigen und dennoch ängstlichen und ausweichenden Entschluß gefaßt. Die Freunde sollen ohne ihn nach Hause fahren und den Eltern die Nachricht bringen; er will allein zurückbleiben, Dorotheen selbst befragen und den näheren Fußweg am Birnbaum vorbei entweder glücklich mit ihr nach Hause herabsteigen oder ohne sie einsam zurückschleichen. Alle Worte, die er hier spricht, sind die eines liebenden, zwischen Jammer und Glück hin- und hergeworfenen Herzens, die dieselbe Wahrheit, Tiefe und Zartheit an sich tragen wie in Alexis und Dora. Wir schweben mit dem Jüngling in Erwartung, teilen seine Betrübnis, lächeln über die drolligen Scherze bei der Abfahrt der Freunde, aber innerlich bewegt sehen wir mit Hermann den Staub sich erheben, sich zerstreuen und stehen wie er ohne Gedanken.
Je näher wir mit Eröffnung des siebenten Gesanges dem Schlusse rücken, desto reicher werden die aufgewandten poetischen Mittel, die Empfindung immer inniger, ängstlicher, die Darstellung immer seelenvoller und ihre zartbleichen Farben steigern und röten sich unmerklich. Das innere Herz und die äußere Natur, die Stimmung der Seele und die umgebende Landschaft, der Zug der Liebe und der leise spielende Zufall, alles neigt sich zusammen, Sinn und Bedeutung des Bildes zu steigern und sammelt alle Zauber der Phantasie zu der Fülle der zartesten Rührung, die aus dem Grunde eines lauter menschlichen Verhältnisses quillt. Der Gesang beginnt mit einem ebenso wahren als prachtvollen Gleichnis. Wie der Wanderer am Abend die versinkende Sonne noch einmal ins Auge faßt und dann geblendet ihr Bild schweben sieht, wohin er die Blicke auch wendet, so sah Hermann Dorotheens Gestalt sich vor seinem Auge durch das Feld bewegen. Es war der Traum der Liebe, in welchem die Geliebte dem geblendeten Auge überall gegenwärtig ist, aber der Traum verschmilzt hier mit der Wirklichkeit: Hermann erwacht und staunt und staunt wieder, denn Dorothea kommtwirklich, es ist kein Scheinbild, sie ist es selbst. Mit Krügen in der Hand kommt sie zum Brunnen geschritten, um Wasser zu schöpfen. Der Zufall führte sie gerade jetzt zur Quelle, bei der Hermann in Sorgen der Liebe einsam träumte.
Der Zufall! Man könnte ihn mit Humboldt das Wunderbare unsres Gedichts nennen. Unter die Erfordernisse eines epischen Gedichts stellte die pedantische Theorie früherer Zeit auch eine sogenannte Maschinerie des Wunderbaren: es sollten im Epos Götter und Dämonen auftreten und mit phantastischen Hebeln in das Treiben der Menschen eingreifen. Daher wurde von dem Dichter eine Götterwelt erfunden, es wurden allegorische Personifikationen abstrakter Begriffe in Bewegung gesetzt und der Gang der Handlung nicht als ihre eigene innere, sie forttreibende Dialektik, sondern als das Werk überirdischer Figuren dargestellt. Schon bei Virgil sind die Gespräche und Anordnungen der Götter mehr eine kalte Maschinerie des nachahmenden und reflektierenden Dichters als eine in der Anschauung unbefangenen Volksglaubens sicher befestigte Welt. Anders bei Homer. In dem homerischen Zeitalter kamen die sittlichen Mächte, die das Leben gestalten, nicht als solche dem Menschen zum Bewußtsein; sie wurden in ein Jenseits verlegt und jede wurde ein Gott, eine handelnde Person. Die Heiligkeit des Gastrechts z. B., die da, wo sie verletzt wird, sich an ihrem rohen Verächter in dessen eigenem Busen und eigenem Lebensschicksal rächt, wurde zu einer lebendigen Person, die über ihre Aufrechterhaltung wachte; der Geist der Kunstfertigkeit, der überall aus der menschlichen Natur, wo diese sich entwickelt, hervorbricht, wurde zu der offenbaren Gabe des sie konkret personifizierenden Hephaistos, dem nun alle bedeutenden Kunstwerke, deren Möglichkeit dem naiv staunenden Natursohn ein Geheimnis scheint, beigelegt wurden; die Gewandtheit des rüstigen jugendlichen Körpers, in ihrem Adel dunkel gefühlt, wurde Eigenschaft des Hermes, dem sie das Menschengeschlecht verdankte und dem es nun jede Palästra weihte u. s. w. Streiten zwei Stimmen in der Brust des Helden und entscheidet er sich nach solchem Selbstkampfe für eines, so wird dies vorgestellt als Befehl oder Rat eineserscheinenden Gottes, das Gute als Hilfeleistung des Gottes gegen den erkorenen Liebling, das Böse als Berückung durch den feindseligen Dämon. Nicht anders mit den Wirkungen der Götter in der Natur. Das tiefe Leben der Natur kam dem kindlichen Menschen überall entgegen in tausend Gestalten und Phänomenen, in ewigem Zeugen, Gebären und Vernichten; als ein von innen bildendes plastisches Prinzip konnte er es nicht fassen; je mehr er es aber als ein Unwiderstehliches und Göttliches empfand, desto mehr war er geneigt, es in Göttergestalten zu verwandeln und nun den Blitz und Donner dem Zeus, das Erdbeben dem Poseidon u. s. w. zuzuschreiben. Daher ist in jener mythischen Region eigentlich nichts Wunderbares, denn die Substanz jener Götter bilden nur irdische Lebensmächte und sie sind so vollständig in konkrete Individuen übergegangen, daß sie wirkliche menschliche Wesen, nur in gesteigerter Kraft und Stimmung abgeben. Ein modernes Epos nun wie Hermann und Dorothea ist über jene mythische Anschauungsweise hinaus. Die Götter sind in die Brust des Menschen zurückgekehrt, ihre Einwirkung ist in das Walten und die Selbstoffenbarung des Weltgesetzes überhaupt zurückverlegt. Das Geschehen im Epos ist so wunderbar und natürlich zugleich wie das Leben selbst. Was dem Menschen widerfährt, ist teils nur die Konsequenz seines eigenen Thuns, teils ist es durch den großen Weltzusammenhang, durch den Komplex aller Gesetze und Bedingungen des menschlichen Gesamtlebens mitgesetzt. So ist alles endliche Schicksal wunderbar, denn es steigt aus dem Grunde der Idee auf und erhält von ihr tiefere Bedeutung, es ist aber auch natürlich, denn alles hat seine Gründe in der Verknüpfung mit dem übrigen. Man kann das Hereinragen der französischen Revolution in die idyllische Familienwelt das Wunderbare unsres Epos nennen, dasjenige, was in unsrem Gedicht die Götter der Ilias ersetzt; und in der That derjenige, der auf naive Weise in der Substanz der Familiensittlichkeit begriffen ist, wird von der gewaltigen, die Grundlagen der Privatexistenz umwerfenden politischen Idee wie von einer unbegreiflichen That höherer Dämonen getroffen; umgekehrt aberließe sich auch sagen, die Naturkraft der Familie bilde das Wunderbare, da sie dem in der politischen Sphäre ganz Heimischen als ein unbegreiflich zäher fundamentaler Widerstand entgegentritt. So gesetzmäßig nun auch alles Geschehen ist, so wird dennoch, da wir eben in einer endlichen Welt begriffen sind, immer ein irrationaler Rest bleiben, der sich in die Formel nicht auflösen lassen will: es ist eben das, was wir Zufall nennen, wo so ist und auch anders sein könnte, was grundlos sich gefügt hat, was zutrifft, ohne daß dies Eintreffen aus dem Zweck und Gesetz der gerade vorliegenden Sphäre erklärt werden kann. Da dieser Zufall eben irrationell und unberechenbar ist, können wir ihn das Wunderbare nennen. Daß Dorothea gerade zum Brunnen kommen muß, wo Hermann noch dasteht, ist ein liebliches Spiel des Schicksals; es ist, als hätten freundliche Genien ihr den Gedanken geweckt und ihren Gang geleitet, und gern gewähren wir dies Hineinspielen des bald neckenden, bald hilfreichen Ungefährs in einer Darstellung, wo alles auf dem sichern Grunde der ewigen Naturwahrheit ruht.
Hermann redet die kommende Dorothea an, die verwundert ist, den Wohlthäter von heute morgen hier wiederzufinden. Sie erwiedert freundlich seinen Gruß und erklärt ihm ihr Kommen. Beide steigen die steinernen Stufen hinab und setzen sich auf die kleine Mauer, die den Quell einfaßt; sie beugt sich über und schöpft, er faßt den andern Krug und beugt sich über; sie sehen ihr Bild in dem blauen Spiegel schwanken und nicken sich freundlich zu. Dorothea reicht dem Jüngling den Krug und er trinkt; darauf ruhen sie beide vertraulich auf die Gefäße gelehnt.
Diese Gruppe beider Liebenden, die, während oben der Sommer glüht, hier unten am rinnenden Brunnen sitzen, auf die Wasserkrüge sich lehnend, gleicht an Sitte, Einfalt und Adel antiken oder orientalischen Darstellungen, als müßte die Phantasie sich nicht weit davon die Säulen eines Tempels denken oder als wären jene Linden Palmen des Morgenlandes. Dennoch ist das ganze Bild wiederum ländlich, dorfmäßig, deutsch, heimatlich; das nur Menschliche kehrt ja unter jedem Himmelsstrich wieder. Nehmen wir zu jener äußeren Gestalt der Szene Hermanns innerlich bebendes Herz, die bedeutungsvolle Beziehung des Jünglings zu dem Mädchen, die Spannung der Liebe, die sie zu ewiger Verbindung zu einander zieht und deren Zug dennoch von Scheu und Selbstbeherrschung aufgehalten wird, so bethätigt sich hier und in dem folgenden Gesange die Kunst, durch welche Goethe so einzig ist, die Kunst, die tiefste und leiseste Stimmung der Seele in die äußere Anschauung, das Bild der äußeren Anschauung in die Empfindung des Herzens zurückzuführen.
Auf ihre Frage, was ihn hierhergeführt, bringt er halbverhüllt sein Anliegen vor, dessen Sinn Dorothea mißversteht. Sie glaubt als dienende Magd von ihm geworben zu werden, geht schnell auf den Antrag ein und ist bereit mit ihm zu gehen. Kommt mit mir, sagt sie, und empfangt mich aus den Händen der lieben Freunde, denen ich die Krüge wiederbringe. Beide stehen auf, sehen noch einmal ihr Bild im Brunnen und süßes Verlangen ergreift sie. Dann gehen sie durch den Garten zu der Scheune, wo die Wöchnerin ein Unterkommen gefunden hat. Daß Hermann ihr das Mißverständnis nicht löste, daß seine Rede so unbestimmt blieb, liegt in der ängstlichen Natur des Jünglings und der Liebe überhaupt; er bebt vor der Entscheidung zurück und desto mehr, je mehr von ihr abhängt; das Mädchen nur überhaupt ins Haus zu führen scheint ihm schon Glück und Gewinn. Wir selbst zittern mit ihm und freuen uns des Auswegs, durch den schon viel gewonnen und noch nichts verloren ist. Hermann, innerlich das süße Geheimnis tragend, ist fast stumm; beglückt Dorotheen zur Seite zu gehen ist er doch feierlich und wie abwesend. Mit Leichtigkeit bewegt sich dagegen das gewandte Mädchen vor ihm; sie spricht mit holder Demut und heiterem Verstande von ihrer Lage, dem Schritte, den sie zu thun gedenke; sie weiß, wo sie ist und was sie thut; sie ist es, die Hermann leiten und mitziehen muß. Und in diese Unbefangenheit, die so sehr mit Hermanns verliebter Schwermut kontrastiert, in diese Leichtigkeit des anmutigen Benehmens mischt sich mit leichter Andeutung ein Zug mädchenhaften Strebens dem Jüngling zu gefallen, ein Bewußtsein von der Macht, die sie über ihn ausübt. Wir ahnen, daß auch sie nicht frei ist von zärtlicher Neigung. Die Abschiedsszene, die nun folgt, unterbricht das Spiel der Liebe, die Schwüle der Empfindung mit naiv wahren Zügen, mit Ernst und Heiterkeit. Dorothea erscheint hier als Glied der Familie wie eine liebe Tante oder ältere Schwester, die das Hauswesen besorgt und den Schlüssel zum Speiseschrank führt und an die die Kinder vertraulich gewöhnt sind. Ihr Bild tritt uns verklärt aus dem Spiegel der Liebe entgegen, die sie in der befreundeten Familie erweckt hat, des Bedauerns, das ihr Wegziehen bei groß und klein erregt. Alle segnen sie, die Mutter weint um sie, die Kinder wollen von ihr nicht lassen, der Richter, der ernste Menschenkenner, preist den, in dessen Haus sie kommt. Zugleich aber hat Dorothea weder Vater und Mutter noch Geschwister, so daß das Interesse des Hörers sie Hermann zu teil werden zu sehen gar nicht durch übergroßen Schmerz der Trennung geteilt wird. Vielmehr laufen alle Ströme der Empfindung ungeschwächt darauf hin Hermann und dessen würdige Familie in den Besitz des schönen seltenen Mädchens gelangen zu sehen.
Der folgende achte Gesang enthält in reizender Bewegung alle Zauber der holdesten idyllischen Romantik, die sich zu dem zartesten Natur- und Seelengemälde vereinigen. Der Sommerabend, der mit kühlem Schatten die Gluten dämpft, der groß aufgehende, am Himmel herrlich glänzende Mond, das Gewitter, das die untergehende Sonne umtürmt, um dann in schweren Donnern über den Häuptern der Menschen zu rollen, die wechselnde, aus glühenden Sonnenblicken, weißem Mondlicht und dunkeln Wolkenschatten ahnungsvoll gemischte Beleuchtung, der Pfad durch die uns wohlbekannte liebliche Oertlichkeit, das wankende Korn, das die Gestalten der Wandernden an Höhe fast erreicht, der ehrwürdige Birnbaum, unter dem Hermann heute um das Mädchen geweint, an dessen Hand er nun nach wenigen verhängnisvollen Stunden dahinwandelt, die belaubte Treppe den Weinberg hinab — dazu das Herzensgeheimnis, das beide in sich tragen, die süße Beklommenheit, die auf demJüngling lastet, die Schüchternheit, die bei dem vollsten Herzen und in der günstigsten Stunde ihm dennoch den Mund verschließt, die oft so lieblich doppelsinnigen Worte des Gesprächs, das wir oft eine Wendung nehmen sehen, wo die Blume der Liebe in offenem Geständnis die Knospe sprengen zu wollen scheint, Dorotheens Ausgleiten auf den Platten des Weinbergs, die Umarmung, in der Hermann sie auffängt und die Wärme des Herzens, den Balsam des Atems empfindet, die edle Selbstbeherrschung, die er in diesem Moment zeigt, Dorotheens Scherz, zu dem sie bei aller eignen inneren Bewegung doch noch Freiheit des Gemütes und der Sitte genug hat — dies alles würde diesen Gesang zur Krone der ganzen Dichtung machen, wenn es nicht unpassend wäre, in einem Gedicht wie das unsre von besonders schönen Stellen zu reden, in einem Gedicht, wo ein mildes Licht über alle Teile seine harmonische Heiterkeit verbreitet, jeder einzelne Punkt Zweck des Ganzen ist und das Fortstürmen der Erzählung ebenso mächtig als still, der Anteil des Gemütes ein ebenso inniger als freier ist. Auch hier spielt der Zufall, der Liebende ja so oft begünstigt oder neckt, da ihnen alles von Bedeutung ist und alles ihrer Empfindung eine Handhabe gewährt, sein liebliches Spiel. Dorothea, unter dem Birnbaum sitzend, sieht im hellen Mondlicht die Häuser und Höfe der Stadt daliegen, besonders ein Fenster hell im Wiederschein glänzen: dies Fenster ist zufällig gerade Hermanns; er sagt es ihr auch; es ist meines, spricht er, vielleicht wird es nun das deine; dann, als hätte er sich schon zu deutlich verraten, fügt er hinzu: wir verändern im Hause, welche Worte wieder einen Doppelsinn enthalten. Auch das Fehltreten Dorotheens, das dem Jüngling noch vor der Verlobung das Glück schafft die Geliebte ans Herz drücken zu können, ist ein Spiel des Schicksals, das Amor selbst mit sinnvoller List gefügt zu haben scheint.
Aus der Sphäre der Empfindung und des Liebesspieles hebt uns der letzte Gesang, der nach der Urania, der Sternenmuse, benannt ist, in die Höhen der Familie. So fein auch hier wieder die Spiegelung des wirklichen Lebens, so reich dieSzene an Zügen ist, die der Natur unmittelbar abgelauscht sind, so sehr alles dadurch in vertrauliche Nähe gerückt wird, so tritt doch hier im Schlußgesange in und mit der Empfindung für das sich krönende Verhältnis der uns liebgewordenen Personen der hohe Sinn des Gedichts, der Ideengehalt zu Tage: Tod und Leben, der Kreislauf der Lebensalter, Saat und Frucht des Menschenlebens, Schicksal und Sitte, die Familie in ihrer festen Grundlage mit ihrem Schatz dunkler unmittelbarer Naturgefühle und die Geschichte, die die Wohnungen der Naturbestimmtheit zerbrechend Völker gegen Völker treibt und sie eins nach dem andern als Werkzeuge der sich in ununterbrochener Entwicklung vollziehenden Idee verwendet. Goldne Worte tiefer Wahrheit hat der Dichter dem Pfarrer in den Mund gelegt, wenn dieser über den Tod und die Vergänglichkeit des Lebens die doppelte Ansicht des Philosophen und des Religiösen ausspricht: