MITTELWERTHE

[19]Am Tage, wo mir diese Zeilen zur Correctur vorliegen, den 12. Decbr. 1854 Morgens 10 Uhr, beträgt das Körpergewicht: 126 Pfd. 422 Grm. Der Gewinn an Körpersubstanz ist also ein andauernd bleibender geworden, ohne dass die Lebensverhältnisse gegen die frühern im Januar und Februar verändert gewesen wären.—

[19]Am Tage, wo mir diese Zeilen zur Correctur vorliegen, den 12. Decbr. 1854 Morgens 10 Uhr, beträgt das Körpergewicht: 126 Pfd. 422 Grm. Der Gewinn an Körpersubstanz ist also ein andauernd bleibender geworden, ohne dass die Lebensverhältnisse gegen die frühern im Januar und Februar verändert gewesen wären.—

Was endlich den Chlorgehalt des Urins in dieser dem Bade folgenden Zeit betrifft, so stand derselbe im Mittel eben so hoch, als während der letzten Badezeit.—Während dieser wurden täglich 12,019 Grm., in Oldenburg täglich 12,736 Grm. entleert. Im Vergleich zur Oldenburger Zeit vor dem Bade wurden jetzt täglich circa 2 Grm. Chlor mehr ausgeschieden. Ich glaube nicht, dass diese Vermehrung als Folge des Bades anzusehen ist. Ebenso wie ich oben die Vermehrung des Chlorgehaltes des Urins während der Badezeit nur als Folge gesteigerten Salzgenusses ansprach, so möchte ich es auch hier thun. In beiden letzten 3tägigen Untersuchungsperioden kam ein Tag vor, an welchem sehr salzreiche Speisen (Häring und gesalzener Schinken) genossen wurden; an jedem dieser Tage war der Chlorgehalt des Urins abnorm hoch; am 31sten Septbr. belief er sich auf 18,419 Grm.; am 14ten Septbr. auf 14,433 Grm. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass nur hierdurch die höhere Mittelzahl von 12,736 Grm. per Tag bedingt wurde. Die übrigen Tage geben ein Mittel, das ganz demjenigen gleich steht, welches in Oldenburg vor Gebrauch des Bades beobachtet wurde.—Dieses Verhältniss gesteigerten Salzgenusses muss ich auch zur Erklärung der bedeutenden Wasserausgabe durch die Nieren in der letzten 3tägigen Periode in Anschlag bringen; bei ziemlich beträchtlicher Hautfunction und geregelter Darmentleerung kam sonst ein Verhältniss von 1977 CC. Fluidis : 1655 CC. Urin nicht vor;—und dass reichlicher Salzgenuss das Wasserbedürfniss, wie die Urinsecretion steigert, ist eine bekannte Thatsache.—Andrerseits wollen wir aber auch nicht verkennen, dass nach Aufhören des Bades die gesteigerte Thätigkeit der Haut wieder nachliess und wenn in den ersten 3 Tagen der letzten Untersuchungen noch ein ähnliches Verhältniss zwischen genossenem Fluidum und entleertem Urin (1917 CC. : 1279 CC.) obwaltete, wie zur Badezeit, so mag die Veränderungdesselben in den letzten 3 Tagen (1977 : 1655) zum Theil wenigstens von der allmälig nachlassenden Haut- und wieder gesteigerten Nierenthätigkeit bedingt gewesen sein.—

Endlich habe ich noch eines wichtigen Umstandes zu gedenken. Es wurde oben schon mehrfach erwähnt, dass während des Gebrauches des Seebades der Urin stets stark sauer oder sauer, fast nie aber schwach sauer reagirte. Die letzten 6 Beobachtungstage zeigen uns, dass auf dem Festlande und unter den frühern gleichen Lebensverhältnissen der Säuregrad des Urins sofort wieder ein geringerer wurde; der Urin reagirte mehrfach nicht nur schwach sauer, sondern mitunter sogar alkalisch.—Bei dem Mangel unserer Kenntniss der Bedingungen des verschiedenen Säuregrades des Urins enthalte ich mich auch hier wieder aller Hypothesen in Betreff dieses Umstandes; das Factum ist aber wichtig genug, um die vollste Aufmerksamkeit späterer Beobachter zu verdienen.—

Damit schliesse ich die Reihe der in Frage kommenden Untersuchungen ab; zum Schluss stelle ich nur noch der klaren Uebersicht halber die sämmtlichen aufgefundenen Mittelwerthe zusammen:

der 24stündigen Periode.

Hiernach lassen sich die Wirkungen des Aufenthaltes auf der Nordsee-Insel und des Seebades übersehen und die Antwort auf die Eingangs (pag. 6.) aufgestellten Fragen fällt nicht mehr schwer.—

Die erste Frage lautete:Welchen Einfluss übt der alleinige Aufenthalt an der See auf den Stoffwechsel aus? Wir antworten hierauf auf Grund der IV. Untersuchungsreihe:einen unbedingt beschleunigenden; d. h. die Ausgaben des Organismus werden auf der Insel um ein Bedeutendes—im vorliegenden Falle um1⁄8—gesteigert. Sollen diese vermehrten Ausgaben gedeckt werden, so muss selbstverständlich eine grössere Quantität von Nahrungsmitteln dem Körper zugeführt werden, als auf dem Festlande erforderlich war; wir haben damit die Erklärung des allseitig wahrgenommenen, gehobenen Nahrungsbedürfnisses gewonnen.—Aber es findet gleichzeitig das interessante Verhältniss seine Bestätigung, dass eine derartige Beschleunigung des Stoffwechsels, oder, was dasselbe ist, ein gesteigerter Oxydationsprocess, nicht zur Vermehrung, sondern zur Verminderung zweier Secretionsprodukte führt: der Harnsäure nämlich und der Phosphorsäure; und es ist nach den oben gegebenen Mittheilungen sicher Folge dieses Verhältnisses, dass auf der Insel durch die Vermehrung der Einnahmen die Ausgaben nicht nur gedeckt werden, sondern sogar eine neue Anbildung Platz greift, d. h. der Ernährungsprocess des Körpers gehoben wird. Der ausschliessliche Genuss der Luft bedingt, trotz allgemeiner Beschleunigung des Stoffwechsels, eine Körpergewichtszunahme und glaubten wir diese Wirkung entschieden auf den directen und indirecten Gewinn an Phosphorsäure reduciren zu müssen, so geht aus den spätern Untersuchungen hervor,dass in dieser Beziehung der ausschliessliche Genuss der Luft eine bedeutendere Wirkung hat, als der gleichzeitige Gebrauch des Bades. Wo es deshalb insonderheit auf Hebung des Ernährungsprocesses, auf Gewinn an Phosphorsäure ankommt, da möchte der ausschliessliche Genuss der Luft dem gleichzeitigen Gebrauch der Bäder entschieden vorzuziehen sein, und namentlich für atrophische Kinder, Patienten mit sehr geschwächtem Nervensystem, mit einem Worte, überall da, wo es auf Substanz- und Kraftgewinn abgesehen ist, muss man den ausschliesslichen Luftgenuss empfehlen, den Gebrauch der Bäder aber immer nur bedingungsweise erlauben. Wir haben, das ist keine Frage, kein zweites Agens, welches, wie die Seeluft, so unvermerkt, und doch so intensiv beschleunigend auf den Stoffwechsel einwirkt; und darin besteht eben ihr grosser Vorzug, dass sie anstrengende körperliche Bewegung nicht nur nicht erfordert, sondern sogar dann am wohlthätigsten und kräftigsten wirkt, wenn eine gewisse Ruhe im gesammten Verhalten beobachtet wird, eine Ruhe, die bei andern ähnliche Heilzwecke verfolgenden Curen, soselten zu ermöglichen und doch für eine Hebung des Ernährungsprocesses und insonderheit der Kraft des Nervensystems so nothwendig ist. In dieser Weise zeichnet sich ihre Wirkung u. a. vor der der s. g. Wasserkuren, der Fussreisen u. s. w. aus. Vor andern Curen, und ich meine insonderheit Trinkcuren an salinischen Quellen, hat sie wieder das voraus, dass sie dem Organismus nicht gleichzeitig Stoffe einverleibt, deren Wirkung nur zu leicht schädlich wirkt, denn mag auch z. B. das kohlensaure Alkali in reichlichen Mengen Wassers gelöst immerhin eine Beschleunigung des Stoffwechsels, und selbst eine bedeutende, herbeiführen, es wird bei der Vornahme solcher Curen nur zu leicht übersehen, dass die alkalischen Basen auch wieder Feinde einer Anbildung neuen Materiales, einer Zunahme am Körpergewicht sind, ein Verhältniss, dessen weitere Begründung ich a. a. O.[20]versucht habe, mich hier aber zu weit vom Wege abführen würde.—Damit sei jedoch jenen Curen kein Vorwurf gemacht, im Gegentheil, für manche Fälle sind sie gar nicht durch andere zu ersetzen. Aber es ist Aufgabe des Arztes sich der Einzelwirkungen seiner Heilmittel klar bewusst zu sein; dann erst kann er bei richtiger Individualisirung, d. h. bei richtiger Diagnose verordnen. Und nun noch eine praktische Bemerkung. Wenn sich der Einfluss der Seeluft schon bei Patienten, die auf der Insel ihr Heil suchen, in unverkennbarer Weise zu erkennen giebt, so erhält die dargelegte Art und Weise ihrer Wirkung nicht minder durch den Gesundheitszustand eine Bestätigung, den wir bei den Einwohnern der Inseln wahrnehmen. „Bemerkenswerth ist es jedenfalls“, sagt Riefkohl in seinen „Mittheilungen aus Norderney“[21], „dass unter den Eingeborenen Norderney’s Brustleiden, wie Lungenentzündung, Bluthusten, Schwindsucht kaum dem Namen nach bekannt sind, dass ferner unter den im dortigen Kirchenbuche angegebenen Todesursachen Schwindsucht nie sich aufgeführt findet.“ Und solche Resultate haben meine Nachfragen ebenfalls auf Wangeroge geliefert. Mir war die schlanke Gestalt, das blühende Aussehen insonderheit des jüngern Theils des weiblichen Geschlechts auffallend; ich habe keine Chlorosen, keine nur im Entferntesten auf Tuberculose deutende Constitution gefunden und unter den Kindern namentlich habe ich ganz vergeblich nach irgend einer Form des s. g. scrophulösen Leidens gesucht, ein Leiden, dem wir bekanntlich auf dem Festlande und in unserer Zone fast bei jedem Schritt auf der Strasse begegnen. Das hat aber eben darin seinen Grund, dass alle die genannten Leiden, und besonders die Scrophulosis und Tuberculosis, dieser „cancer in the root“, wie sie einberühmter englischer Arzt, Mr. Coulson, nennt, in einer retardirten Stoffmetamorphose mit all ihren nothwendigen Folgezuständen, ihre Entstehung finden; was die Metamorphose in einer Weise befördert, wie es die Seeluft thut, muss, nach rationellem Schluss, auch das beste Heilmittel für sie sein.—

[20]Cf. Entwickelungsgeschichte der Oxalurie.

[20]Cf. Entwickelungsgeschichte der Oxalurie.

[21]S. Medicin. Conversations- und Correspondenzblatt für die Aerzte im Königreich Hannover. 1853. Nr. 16. pag. 125.

[21]S. Medicin. Conversations- und Correspondenzblatt für die Aerzte im Königreich Hannover. 1853. Nr. 16. pag. 125.

Ich habe einen grossen Theil dieser Heilwirkung dem Gewinn an Phosphorsäure, den der Organismus auf der Insel erfährt, zugeschrieben. Man wird mir einwenden, dass sich denn doch ein ähnliches Resultat durch Darreichung von Phosphorsäure in Form eines Heilmittels müsse erreichen lassen. Allein es ist von mir a. a. O.[22]nachgewiesen, dass die in dieser Form dem Organismus einverleibte Phosphorsäure, denselben alsbald wieder mit dem Urin verlässt und nur zur Hinwegnahme einer gewissen Quantität alkalischer Basen führt.—Ich hätte vielleicht richtiger sagen sollen: die Heilwirkung beruhe zum grossen Theil auf directem und indirectem Gewinn an phosphorsauren Erden (Kalk und Magnesia), da es von dem phosphorsauren Kalk ja eben bekannt ist, dass er ein durchaus nothwendiges Requisit für den Ernährungsprocess abgiebt. Allein ich habe mich streng nur an das gehalten, was meine Untersuchungen ergeben haben, und muss es künftigen Forschungen zu entscheiden überlassen, ob der bezeichnete Gewinn an Phosphorsäure einen Gewinn an Phosphorsäure allein, oder einen Gewinn an phosphorsaurem Alkali oder endlich einen Gewinn an phosphorsauren Erden (insonderheit Kalk) bezeichnet. Nach Allem, was ich über die Bedeutung des phosphorsauren Kalkes für den Ernährungsprocess selbst und von Andern erfahren habe, muss ich glauben, dass das Letztere der Fall ist, und ich zweifle nicht, dass die chemische Analyse solches mit aller Bestimmtheit nachweisen wird. Meine Beobachtungen über die Wirkung des phosphorsauren Kalkes in ähnlichen Zuständen, wie durch den Genuss der Seeluft geheilt werden, ist zu oft und von zu vielen Seiten bestätigt, als dass ich den Ansichten der negirenden Kritiker ein grosses Gewicht beilegen könnte. Und wenn namentlich Donders, in seinem Schriftchen „die Nahrungsstoffe u. s. w. 1853“ sagt, dass es eine rohe Chemiatrie sei, den phosphorsauren Kalk mit solchen Voraussetzungen als Heilmittel darzureichen, dass all dessen Wirkung ja ebensowohl durch Milchgenuss erreicht werden könne, da die Milch phosphorsauren Kalk in genügender Quantität enthalte, so muss Donders zunächst Thatsachen beibringen, durch die er eine derartige Wirkung der Milch nachweist, er muss aber andrerseits auch ebensowohl annehmen, dass die Milch alle Krankheiten heilt, in denen es dem Organismus an Eisen, an Fett u. s. w. fehlt. Ich habe ihm nur zu erwidern,dass ich die Milch für das trefflichste Nahrungsmittel für Gesunde und für viele Kranke, nicht aber für ein Heilmittel halte, das, bei einer dem gesunden Aufbau des Organismus entsprechenden Zusammensetzung, gleichzeitig auch Verluste ersetzen kann, die der Organismus in jahrelangem Siechthum erfahren hat. Nach Donders Princip muss ein Mann, der eine seine Ausgaben gerade deckende Einnahme hat, mit dieser Einnahme auch alle Schulden bezahlen können, die er früher etwa gemacht hat. So viel ich weiss, ist das noch Niemandem möglich gewesen.—

[22]Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. I. Heft 4.

[22]Archiv des Vereins für gem. Arb. Bd. I. Heft 4.

Unsere zweite Frage lautete:Wie verhält sich der Einfluss der Seeluft auf den Organismus, wenn täglich ein Seebad genommen wird? Wir antworten hierauf, dass das Seebad den Einfluss der Seeluft in gewisser Beziehung noch erhöht, in gewisser Beziehung aber auch beeinträchtigt.—Es kann nach den obigen Mittheilungen nicht zweifelhaft sein, dass durch das Seebad die Metamorphose der stickstoffhaltigen Körperbestandtheile noch beschleunigt wird; und erinnern wir daran, dass wir in dem gefundenen Werthe des Harnstoffs nicht das wahre Maass des Stoffwechsels erblicken zu können, vielmehr annehmen zu müssen glaubten, dass in Folge der Bad-Einwirkung circa 2 Grm. Harnstoff mehr als gewöhnlich auf anderm Wege und in andrer Form (als kohlensaures Ammoniak durch die Haut) den Organismus verliessen, so stellt es sich heraus, dass die Wirkung des Bades an und für sich eine Beschleunigung des Stoffwechsels bedingt, die ungefähr der des Luftgenusses gleich kommt.—Von der ganzen Wirkung des „Seebades“ kommt in dieser Beziehung also die eine Hälfte auf die Luft, die andre Hälfte auf das Bad, und in dieser Berechnung sind wir dem Bade eher zu günstig, als nachtheilig.—Aber das Bad includirt eine andre Wirkung. Es bedingt eine absolut vermehrte Harnsäureproduction im Organismus, bedingt damit im zweiten und dritten Gliede eine vermehrte Oxalsäureproduction und vermehrte Ausscheidung von Phosphaten, und beeinträchtigt somit den reichen Gewinn an Phosphorsäure, die bedeutende Hebung des Ernährungsprocesses, welche der Organismus bei ausschliesslichem Luftgenuss erfuhr. Ich habe mich schon oben darüber ausgesprochen, welch bedeutsame Winke hieraus für Aerzte und Patienten hervorgehen, und der Wichtigkeit des Gegenstandes entsprechend, mag es hier nochmals hervorgehoben werden, dass dieserhalb dastäglicheBad sehr geschwächten Individuen nur selten zu erlauben, dass ferner Alles, was den Körper ausserdem fatiguiren könnte, während der Badezeit streng zu untersagen ist. Fatigue bedingt allemal Retardation der Metamorphose, und durch eine solche wird die nachtheilige Einwirkung des Seebades bezüglich der Hebung des Ernährungsprocesses nur noch gesteigert.—Hat man im Allgemeinen kräftige Individuen vor sich, bei denen einegesteigerte Metamorphose der stickstoffhaltigen Körperbestandtheile den Hauptzweck der Cur ausmacht, so lasse man immerhin täglich baden, tüchtige Promenaden machen u. s. w.; aber ein vorhandener Schwächezustand gebietet auch jedesmal das Gegentheil. Hier entspringen in jedem einzelnen Falle Fragen, die nur durch die sorgfältigste Ueberlegung und umsichtigste Kritik des Arztes entschieden werden können, und nicht selten wird der Patient mit hinreichender Bestimmtheit durch körperliches Unwohlsein darauf hingewiesen, dass in seinem Verhalten doch wohl irgend welche Fehler liegen müssen, die ihm den ärztlichen Rath nicht länger entbehrlich machen.—Er ist fatiguirt, er will sich durch weite Spaziergänge am Strande beleben; aber die Fatigue wird schlimmer, als zuvor; er will sich durch Wein und kräftige Kost „Kraft“ verschaffen, aber seine Digestionswerkzeuge sind zu schwach für solche Angriffe und der gastrische Catarrh, mit allen möglichen Erscheinungen, bleibt nicht aus; er schläft nicht, er will den Schlaf mit Ermüdung durch körperliche Bewegung erzwingen, aber der schlechte Erfolg der Cur bleibt nicht aus, und unbefriedigt verlässt er die Insel.—Doch ich beschränke mich auf die Betrachtung der allgemeinen Wirkungen des Seebades. Den Seebadeärzten bleibt es überlassen, die Richtigkeit derselben in den einzelnen Fällen zu prüfen und sie im günstigen Falle als leitende Principien festzuhalten. Es existirt kein einziges Leiden, so localer Natur es auch sein mag, bei dem nicht die allgemeinen Verhältnisse des Lebens-, des Ernährungsprocesses in’s Auge gefasst werden müssten; es ist die schwierigste Aufgabe des Arztes die einzelne Krankheitserscheinung mit den allgemeinen Gesundheitszuständen in den richtigen Zusammenhang zu bringen; an eine gründliche Heilung ist aber nimmer zu denken, wenn dieser Zusammenhang nicht richtig erfasst, wenn die allgemeine Wirkung des Seebades nicht neben der für einzelne Fälle besondern erfasst wird, und deshalb ist ihre Kenntniss unerlässlich nothwendig.

Ich komme zur dritten Frage:Welchen Einfluss übt das Seebad momentan, welchen in je 24 Stunden auf den Stoffwechsel aus. Wir antworten hierauf: dass das Seebad niemals und zu keiner Tageszeit die beschleunigende Einwirkung auf den Stoffwechsel auszuüben verfehlt; dass sich diese Beschleunigung aber in den Morgenstunden, namentlich durch eine bedeutend gesteigerte Hautthätigkeit, Nachmittags und Nachts dagegen wieder durch eine Vermehrung der Auswurfsstoffe im Urin zu erkennen giebt; dass ferner insonderheit die absolut gesteigerte Harnsäureproduction unmittelbar nach dem Bade zum Vorschein kommt und sich durch vermehrten Harnsäuregehalt des Urins ausspricht, Nachmittags und Nachts dagegen der Harnsäuregehalt um die Hälfte weniger gesteigert ist, als am Morgen.—Die beschleunigende Einwirkung des Bades auf den Stoffwechsel besitzt also ohneFrage in den Morgenstunden, wo das Bad genommen wird, eine grössere Intensität, als in der übrigen Tageszeit, aber sie hört deshalb nicht auf, stets vorhanden zu sein. Dieses Ergebniss führt uns wieder zu einigen praktischen Schlussfolgerungen. Es wurde oben schon erwähnt, dass eine Beschleunigung des Stoffwechsels allemal auch ein gewisses Quantum von dem Nervensystem angehöriger „Kraft“ in Anspruch nehme.—Ist nun durch das Bad die Stoffmetamorphose gewissermaassen bis zu einem Maximum getrieben, so würde es ein gänzlicher Irrthum sein, wollte man dieser Bad-Wirkung durch ermüdende Anstrengung noch eine weitere Ausdehnung geben.—Sobald also nach einem kurzen und ruhigen Spaziergange die gesteigerte Thätigkeit der Haut hervorgetreten ist, lasse man in allen Anstrengungen nach, widme sich einer ruhigen Beschäftigung womöglich in freier Luft, hüte sich nur vor scharfer Zugluft, die die Hautthätigkeit stören könnte, und gebe sich selbst, wenn es erforderlich, d. h. eine grosse Neigung dazu vorhanden ist, einer kurzen, vollkommnen Ruhe hin.—Die Hautthätigkeit ist bald nach dem Bade bedeutend gesteigert; man unterstütze diese heilsame Wirkung, leite sie aber nicht alsbald dadurch ab, dass man wieder innere Organe in Thätigkeit bringt. Ein zu reichliches Frühstück, alsbald nach dem Bade genossen, kann nur schädlich wirken; während etwa 1 - 11⁄2Stunden nach dem Bade dem gesteigerten Nahrungsbedürfniss durch mässigen Genuss von etwas altem Wein, einer leichten Fleischspeise u. s. w. ohne Schaden nachgegeben werden darf.—Ich empfehle „etwas Wein“, ein Glas Portwein, Madeira oder dgl. insonderheit deshalb, weil dasselbe dazu dienen soll, dem durch das Bad ohne Frage und in den meisten Fällen fatiguirten Zustande des Nervensystems abzuhelfen; es darf an einer gewissen Kraft des letztern nicht fehlen, falls die volle Wirkung des Bades, die Beschleunigung des Stoffwechsels, zu Stande und zur Ausführung kommen soll. Entnervte Constitutionen frieren nach dem Bade, statt zu transpiriren, und verfallen in eine Müdigkeit, der sie sich den ganzen Tag über nicht wieder entreissen können.

Ich hatte es mir zur Aufgabe gestellt, die momentane Wirkung des Seebades noch weiter durch eine genaue Beobachtung der Körpertemperatur, der Respiration und des Pulses vor und nach dem Bade zu studiren. Nur in letzterer Beziehung ist es mir jedoch gelungen, einige Resultate zu gewinnen; zu erstern fehlte es mir geradezu an Zeit und an Individuen, die sich zu einer genauern Beobachtung eigneten. Auch die Resultate der Pulsbeobachtungen befriedigten mich noch keineswegs, da das verschiedene Verhalten vor dem Bade, der Act des Ankleidens nach dem Bade, das rasche Auf- und Niedergehen vieler Herrn am Strande nachdem sie die Karre verlassen hatten, zu leichten Irrthümern Anlass gab. ImWesentlichen schien sich mir aber folgendes Resultat herauszustellen: das Bad selbst wirkt unmittelbar bedeutend beschleunigend auf die Anzahl der Herzcontractionen, der Puls wird dabei voller und härter; alsbald aber beginnt er langsamer zu werden, und hebt er sich auch anfänglich wieder bei einem etwaigen Spaziergange, so sinkt er nach und nach doch wieder bis zu einer Tiefe, die er vor dem Bade nicht hatte. Er wird langsamer, und diese Retardation traf ich immer dann, wenn die gesteigerte Hautfunction sich in einem Feuchtwerden der Haut, angenehmer Hautwärme u. s. w. kund zu geben begonnen hatte. Als Beispiele mögen folgende Verhältnisse, die ich bei Männern, von 30-50 Jahr alt, beobachtete, dienen:

Es ergiebt sich aus diesen wenigen Angaben, wie sehr verschieden bei verschiedenen Individuen die durch das Bad bewirkte Beschleunigung der Herzcontractionen ausfällt; es muss dies von der geringern oder grössern Impressionabilität des Nervensystems abhängen; bemerken will ich aber zugleich, dass ich bei allen denjenigen, die nach dem Ankleiden nur eine geringe Beschleunigung des Pulses zeigten, auch zu derselben Zeit schon allgemeine Hautwärme, selbst gelinde Transpiration eintreten sah, während diejenigen, welche einenbedeutend beschleunigten Puls hatten, länger fröstelten[23]. Es lohnt sicher der Mühe, diese Verhältnisse genauer zu verfolgen, um eine richtige Anschauung von der verschiedenen momentanen Wirkung des Seebades auf verschiedene Individuen zu gewinnen. Aber es bedarf dazu grosser Ausdauer, Berücksichtigung aller vor, in und nach dem Bade auf den Puls influirenden Momente, und oftmaliger Wiederholung der Versuche.

[23]Bei einem 68jährigen Herrn, der an Plethora abdominalis und Ossification verschiedener Arterien litt, beobachtete ich im 26° R. warmen Bade (Seewasser) folgende Pulsveränderungen:Vor dem Bade:8Uhr45Min.—90.Im Bade:8„48„—84.„8„52„—78.„8„59„—76.„9„2„—76.„9„7„—74.Nach dem Bade:9„22„—80.

[23]Bei einem 68jährigen Herrn, der an Plethora abdominalis und Ossification verschiedener Arterien litt, beobachtete ich im 26° R. warmen Bade (Seewasser) folgende Pulsveränderungen:

Im Ostseebade bei Kiel hat Dr. Esmarch an seinem eigenen Körper 12 Tage hindurch Puls- und Temperaturbeobachtungen vor und nach einem kalten Seebade angestellt. Auf meinen Wunsch sind mir von ihm die Resultate dieser Beobachtungen freundlichst mitgetheilt, und bei dem Wenigen, was wir in dieser Hinsicht Zuverlässiges besitzen, benutze ich dankbar die Erlaubniss, dieselben nachstehend vorlegen zu dürfen:

In Bezug auf diese Beobachtungen schreibt mir Dr. Esmarch Folgendes: „Die Temperaturmessungen sind mangelhaft, weil ich nicht Zeit genug darauf verwandt habe; doch haben sie das Gute, dass sie alle auf dieselbe Weise angestellt wurden. Im Uebrigen bemerke ich Folgendes zur Erläuterung:

„Ich nahm die Bäder im October 1853 auf dem Schwimmfloss der Badeanstalt zu Düsternbrook, welches 2600 Schritt von meiner Wohnung entfernt liegt. Das Floss liegt am äussersten Ende des Badeplatzes auf tiefem Wasser, ist durch einen langen Steg mit dem Lande verbunden.—Ich stand um 5 Uhr Morgens auf, kleidete mich rasch an, bestimmte dann meinen Puls und die Temperatur; erstern indem ich 2 Mal1⁄4Minute nach der Secundenuhr zählte, letztere, indem ich eine Minute lang die Kugel eines kleinen, aber guten Thermometers unter die Zunge steckte, und mit den geschlossenen Lippen das Thermometer fixirte. Ich konnte nur halbe Grade auf demselben mit einiger Genauigkeit ablesen.—Dann ging ich, ziemlich leicht gekleidet, rasch (in 15-20 Minuten) hinaus, maass, auf dem Floss angelangt, zuerst wieder Puls und Temperatur; dann Temperatur der Luft und des Wassers, kleidete mich rasch aus, stürzte mich über Kopf ins Wasser, schwamm eine kleine Strecke sehr heftig oder tummelte mich mit sehr kräftigen Bewegungen im Wasser herum, stieg wieder die Treppe hinan, stürzte mich wieder über Kopf hinein, machte wieder starke Bewegung u. s. w.; nach dreimaliger Wiederholung dieser Procedur, welche im Ganzen 2-4 Minuten dauerte, ging ich wieder in’s Ankleidecabinet auf dem Floss und rieb mir den ganzen Körper mit einem groben Handtuch trocken, was etwa 5 Minuten dauerte. Dann maass ich Puls und Temperatur und wiederholte diess während des Ankleidens, was etwa 15. Min. dauerte, dreimal, kehrte dann rasch wieder nach Hause zurück (in 15-20 Min.), maass wieder Puls und Temperatur, nahm dann Caffee und Semmel zu mir und wiederholte noch einmal die Messungen.

„Die ziemlich gleichlautenden Resultate dieser Beobachtungen sind, wie aus der Tabelle hervorgeht, folgende:

1. „Durch den Gang vor dem Bade sank die Temperatur um 1-2°, und zwar um so mehr, je kälter die Luft und je weniger rasch das Gehen war; dagegen stieg die Zahl der Pulsschläge um 20-24 Schläge.

2. „Durch das Bad wurde unmittelbar eine Erniedrigung der Temperatur um durchschnittlich 1° bewirkt, während der Puls durch die dabei stattfindende Bewegung um 8-10 Schläge stieg.

3. „Nach dem Bade folgte in den nächsten 15 Minuten eine Steigerung der Temperatur um 1-2°, während der Puls um 10-24 Schläge herunterging.

4. „Der nun folgende Gang hatte keinen constanten Einfluss auf Temperatur und Puls“.

5. „Dagegen bewirkte der nach der Heimkehr eingenommene Caffee eine Steigerung der Temperatur um 1-2°, eine Beschleunigung des Pulses um 4-12 Schläge.“

Unsere vierte Frage lautete:Ist es wahr, dass der Aufenthalt an der See und der Gebrauch des Seebades zunächst eine Abmagerung herbeiführt? Ich antworte hierauf: dass die sorgfältigste Bestimmung, sowohl bei dem ausschliesslichen Luftgenuss, als während der ganzen Badezeit, eine stetige Zunahme meines Körpergewichts nachgewiesen hat und jene Annahme deshalb eine unrichtige zu sein scheint. Ich glaube dies um so mehr, als manche Verhältnisse bei mir zusammentrafen, die einer Körpergewichtszunahme eher hinderlich, als förderlich waren; in Folge meiner Arbeit war ich namentlich mehr geistigen und auch körperlichen Anstrengungen unterworfen, als die meisten Badegäste. Sobald ich ein diesen ähnliches Verhalten beobachtete, war die Körpergewichtszunahme doppelt so gross, als zu anderer Zeit. Nach Allem aber, was mich die einfache objective Anschauung lehrte, möchte ich auch glauben, dass sich ein gleiches Resultat bei andern Badegästen herausstellte; es wäre sehr wünschenswerth, dass die Frage durch fortgesetzte Beobachtungen entschieden würde. Die Körpergewichtszunahme constatirt im Allgemeinen, was uns die chemische Analyse lehrte.

Bei diesem wichtigen Ergebniss der Untersuchung liegt die Frage sehr nahe, wie dieDiät eines Seebadendenbeschaffen sein soll, damit sie allen Anforderungen genügt? Es werden in Bezug auf dieselbe sicherlich viele Fehler begangen, deren Schuld bald die Langeweile, bald der in der That gesteigerte Appetit, bald aber die eingewurzelte Idee trägt, im Seebade müsse man tüchtig essen und trinken. Im Allgemeinen bemerke ich Folgendes: Nach drei Seiten hin hat sich die Aufmerksamkeit bei der Verordnung einer Diät zu wenden, einmal hat man den gesteigerten Stoff-Verbrauch, andrerseits das Nervensystem, drittens aber den Zustand der Verdauungsorgane selbst zu berücksichtigen.—Der erstere macht allemal eine Steigerung der Quantität von Nahrungsmitteln nothwendig; die letztern gebieten Modificationen. Ist der Zustand ein im Allgemeinen kräftiger, sind die Verdauungsorgane nicht geschwächt, so befriedige man einfach das Bedürfniss, das unter solchen Umständen in der Regel das richtige Maass bestimmt. Ist dagegen der Zustand des Nervensystems ein geschwächter, ist die Fatigue durch das Bad gesteigert, grosse Müdigkeit und Abgeschlagenheitvorhanden, so folge man dem gesteigerten Nahrungstriebe nicht ohne grösste Vorsicht und geniesse immer eher weniger, als der Appetit verlangt, als mehr. Derartige Patienten haben oft das Verlangen zu essen; sie wollen ihren Schwächezustand durch kräftige Kost beseitigen, und um so mehr, wenn es ihnen auf Momente in der That in dieser Weise gelingt. Allein sie begehen allemal Fehler; das Nervensystem ist noch zu schwach, die Metamorphose so gesteigerter Nahrungsmengen durchzuführen, und es entstehen in dieser Weise Erscheinungen retardirter Stoffmetamorphose, die sich bald in rheumatischen Schmerzen, bald in gastrischen Catarrhen, bald in dieser, bald in jener Form aussprechen. Man darf sich überzeugt halten,—und das diene Jedem zur Beruhigung—dass mässigere Mengen die Anforderungen der Luft und des Bades nicht nur hinlänglich bestreiten, sondern auch noch hinreichendes Material zur Neubildung von Körpersubstanz übrig lassen. Dagegen ist unter solchen Verhältnissen der mässige Genuss eines kräftigen Weines, eines guten Thees und unter Umständen selbst des Caffees zu empfehlen; diese s. g. „Genussmittel“ sind hier zur Hebung des Nervensystems ganz am Platz und der retardirende Einfluss, den sie bekannter Weise auf den Stoffwechsel ausüben, verschwindet, wenn sie mit Maass genossen werden, gegen den beschleunigenden, den die Luft und das Bad bedingen. In die schlimmste Lage gelangen diejenigen Patienten, die nicht nur an einer allgemeinen Schwäche des Nervensystems, sondern insonderheit auch an einer Schwäche der Verdauungsorgane leiden. Diesen ist zu Anfang der Cur nichts dringender zu empfehlen, als dass sie sich der möglichsten Ruhe in der erfrischenden Seeluft befleissigen, niemals fatiguirende Spaziergänge machen und nur jeden dritten Tag baden. Thun sie das nicht, so übersteigt das unvermeidliche Nahrungsbedürfniss die Kraft ihrer Verdauungsorgane; sie müssen ihm nachgeben, wenn sie nicht Hunger leiden wollen, und nicht nur, dass sie die Verdauungsorgane unter solchen Verhältnissen nicht kräftigen, im Gegentheil der catarrhalische Zustand an dem sie leiden wird immer schlimmer und die ganze Cur kann in dieser Weise vereitelt werden. Leben sie jedoch in der angegebenen Weise, so mögen sie mit Maass ihr Nahrungsbedürfniss befriedigen, dem Genuss des Weines nicht fremd bleiben, aber Alles vermeiden was den Magen beschweren kann, als fette Mehlspeisen, Puddings u. s. w.—Dieser so eben bezeichnete Zustand eines die Kraft der Verdauungsorgane überschreitenden Nahrungsbedürfnisses tritt uns im praktischen Leben, insonderheit bei Leuten, die angestrengte geistige Arbeit haben, häufig entgegen; seine Beseitigung gelingt schwer und selten in anderer Weise als durch consequente Verminderung der Arbeitszeit, so schwierig es oft auch fällt, dieselbe zu ermöglichen.—Oft ist mir von Patienten, denen ich einen solchen Rath ertheilt, erwiedert: ichmussstarkarbeiten, „um zu leben“; aber sie bemerken nicht, dass sie täglich am eigenen Capital zehren und der baldige Banquerott in dieser Weise nicht ausbleibt.—


Back to IndexNext