Ahmedabad.
Abends 9½ Uhr fahre ich von Aburoad nach Ahmedabad,[568]wo ich Morgens 6 Uhr ankomme. (Ortszug derBombay, Barodaand Central IndiaEisenbahn, 104 englische Meilen = 166 Kilometer in 8½ Stunden, also kaum 20 Kilometer in der Stunde, für 9 Rupien.)
In der Nacht, und zwar gegen Morgen, hatte ich die Freude, einmal wieder dasKreuz des Südenszu erblicken.Dante, dem es wohl nur aus arabischen Quellen bekannt geworden, sehnte sich nach seinem Anblick;Vespuccisah es auf seiner dritten Reise (1501);Corsali(1517) hat es als Wunderkreuz bezeichnet.
Heutzutage ist die Schwierigkeit der Reise nach dem Süden nicht so gross. Bereits im Jahre 1889 (am 24. Februar, Morgens 3 Uhr,) war mir der Anblick beschieden, zu Assuan in Oberägypten, dicht an dem nördlichen Wendekreis.
Die vier hellen Sterne in der Nähe des Südpols der Ekliptik stehen in den Ecken eines Vierecks, dessen Diagonalen das Kreuz darstellen.
Als ich auf meiner jetzigen Reise in der Nähe des Aequators weilte, ging das Sternbild später auf als die Sonne, blieb also unsichtbar.
Der südliche Sternhimmel ist ärmer als der nördliche, das Kreuz des Südens hält den Vergleich mit dem Orion nicht aus. Aber immerhin darf Niemand aus den Tropen nach Europa zurückkehren, ohne das südliche Kreuz gesehen zu haben. Der merkwürdige Anblick wird durch ein kleines Opfer der Nachtruhe nicht zu theuer erkauft.
Die StadtAhmedabad(ungefähr unter 23° nördlicher Breite, also ein wenig südlich vom nördlichen Wendekreis belegen,) hat trotz ihrer 148000 Einwohner kein wirkliches Gasthaus. Die zwei bis drei Zimmer, welche der Bahnhofswirth für Reisende bereit hält, fand ich besetzt und fahre deshalb von dem Eisenbahnhalteplatz (in der Mitte der Ostseite der Stadt) nach demRasthaus, das dicht vor dem in der Mitte der Nordseite belegenen Delhi-Thor sich befindet. Der einzige Insasse des Hauses war eben in Begriff abzureisen. Ich erhalte mein Zimmer, mein Bad, mein Frühstück, und fahre los zur Besichtigung der Stadt. Der Neffe des Rasthauswirthes macht den Führer.
Ahmedabad ist äusserst lohnend.Die Stadt ist die erste im BezirkGuzeratund die zweite in der ganzen Präsidenschaft Bombay, deren nördlichen Theil jener Bezirk bildet.
Guzerat[569]liegt an der Nordwestküste von Vorderindien, zwischen 20 und 24° nördlicher Breite und zwischen 69 und 74° östlicher Länge und besteht aus der Insel Cutch (Katsch), der Halbinsel Kathiawar unddem daran grenzenden Festland südlich bis zum Fluss Nerbudda, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst; es umfasst 189000 Quadratkilometer und enthält 7½ Millionen Einwohner.[570]Hiervon entfallen 163000 Quadratkilometer mit 4700000 auf die Schutzstaaten (53, deren grössterBarodaist,) und 26000 Quadratkilometer mit 2800000 Einwohnern auf britische Besitzungen, zu denen auch Ahmedabad gehört. Die fruchtbaren Küstengebiete haben reiche Ernten an Baumwolle und Weizen.
Die aus dem Sanskrit hervorgegangene Guzerati-Sprache ist als Handelssprache weit über ihre ursprünglichen Grenzen hinaus verbreitet, bis zum persischen Meerbusen, Arabien und zur Ostküste von Afrika.
Arische Eroberer scheinen früh nach Guzerat gekommen zu sein. Die byzantinischen Griechen trieben Handel mit Barygaza, dem jetzigen Baruch (Barotsch) an der Mündung des Nerbudda.
Guzerat hat seinen Namen von einem Volksstamm (Guzera oder Gudschara), der aus dem Punjab über Rajputana eingewandert war und dem Land zwischen 400 und 800 n. Chr. seine Herrscher gegeben. Um das Jahr 1100 hielt die Jaina-Religion ihren Einzug und beschränkte die Macht der Brahmanen.
Im Jahre 1294 wurde Guzerat Provinz des mohammedanischen Kaiserreiches von Delhi.[571]
Gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden die Statthalter mächtig. Muzaffar, ein zum Islam übergetretener Rajput, wurde von dem Tughlak-Kaiser Feroz Schah zum Statthalter (Sultan) von Guzerat eingesetzt. Sein Sohn Muhamed Schah machte sich selbständig. Dessen SohnAhmed Schaherbaute 1411, auf dem Grund einer alten Hindu-Stadt (Asaval), am linken Ufer des Flusses Sabarmati, die nach seinem Namen benannte StadtAhmedabad, stattete sie mit breiten Strassen, prachtvollen Moscheen, Palästen, Festungsbauten aus und machte sie zu einem Mittelpunkt der Kunst, des Gewerbefleisses und des Handels. Unter seinen mächtigen Nachfolgern wuchs die Stadt an Grösse und Reichthum und an Zahl und Schönheit der öffentlichen Bauten. Nach Mahmud Begada (1459–1511) begann die Macht der Guzerat-Könige zu sinken. Der Handel nahm ab durch den Wettbewerb der Portugiesen, die Hauptstadt verarmte unter den steten Kämpfen des unruhigen Adels. 1572 wurde von einer Partei desselbenAkbarherbeigerufen, drang ohne erheblichen Widerstand in Ahmedabad ein und machteGuzerat zu einer Provinz des Mogul-Reiches, die von einem Vicekönig verwaltet wurde. Jetzt begann eine neue Blüthezeit für Ahmedabad, das eine Bevölkerung von 900000 Einwohnern erlangte; 1695 war es, nach dem Zeugniss europäischer Reisenden, „die grösste Stadt in Indien, an Seide und Brocat nicht geringer als Venedig.“ Von der Geschicklichkeit seiner damaligen Arbeiter in Baumwolle, Seide und Goldbrocat stammt das Volkssprichwort, „sein Wohlstand hänge an drei Fäden: Baumwolle, Seide, Gold.“[572]
Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches (1707) begann wiederum eine Zeit der Unordnung, die Marathen drangen ein, plünderten, eroberten die Stadt, bis dieselbe 1818, nach dem Untergang der Marathen-Macht, in den Besitz der Engländer gelangte und jetzt, nach zweimaligem Wechsel zwischen Blüthe und Verfall, eine neue Zeit des Aufschwungs erlebt.
Allerdings die Baumwollenweberei erhielt 1820 den Todesstoss durch Einfuhr englischer Waaren. Die Seidenweberei ging seit 1875 zurück, da der neue Fürst (Gâekwâr) von Baroda jährlich nur für 160000 Mark bestellte, — sein Vorgänger für 1½ Millionen.
Noch jetzt hat die Stadt, die mit dem 3½ englische Meilen in nordöstlicher Richtung entfernten Cantonment 148000 Einwohner[573]zählt, ihre alte Mauer mit Thürmen in Abständen von 150 Fuss und umschliesst ein Gebiet von 5 Quadratkilometern. Die zwölf Thorwege enthalten mächtige Thore aus Teakholz, die mit eisernen Spitzen gespickt sind, zur Vertheidigung gegen die Elephanten, welche abgerichtet waren, mit ihrer Stirn die Thore einzurennen.
Die Westseite der Stadtmauer grenzt unmittelbar an den Sabarmati-Fluss, der in den Meerbusen von Cambay sich ergiesst und ganz neuerdings mit einer recht stattlichen Eisenbrücke überspannt ist. Seine Breite beträgt 600 Meter, aber im Winter nur 100. Längs der Ostseite der Stadt zieht die Eisenbahn hin.
Merkwürdiger Weise ist Ahmedabad den europäischen Reisenden wenig bekannt und wird in deutschen Reisebüchern fast gar nicht besprochen; und doch ist die Stadt nächst Agra und Delhi die bedeutendste mit Rücksicht auf die vollendete und eigenartige Form ihrerhindu-saracenischen Baukunst. Die Kunst der durch Jahrhunderte lange Uebung gebildeten Guzerati war so gross, dass sie die mohammedanischen Eroberer eroberte; der Stil ist hier am meistenindisch geblieben. Die Gestalt ihrerVerzierungenist gradezu unübertrefflich.
Zuerst fahren wir nach derHauptsehenswürdigkeit, derJumma Musjid. Dieselbe steht in der Mitte der Stadt an der Südseite der ostwestlichenHauptstrasse(Manik Chauk).
Obwohl nicht sehr gross (382×258′), ist sie eine der schönsten Moscheen des Ostens. Durch ein einfaches Thor von Norden her betritt man den gepflasterten, von einer Halle umgebenen Hof; ein zweiter Eingang zu demselben ist von Süden. Nach Osten liegt das Grabmal des Erbauers, nach Westen die eigentliche Moschee, die 210×95 Fuss, also 20000 Quadratfuss misst.
Drei Spitzbogen-Eingänge führen hinein, der mittlere ist höher und zu jeder Seite eingefasst von einem ausserordentlich zierlich gegliederten und mit den feinsten Verzierungen geschmückten Minaret, der allerdings als solcher schwer zu erkennen ist, da er jetzt nur noch 43 Fuss hoch ist und mit dem zinnengekrönten Dach abschneidet; die obere Hälfte jedes der beiden Thürme[574]ist durch ein Erdbeben am 16. Juni 1819 herabgestürzt. 250 Jain-Säulen (freilich ohne Bildwerk[575]) tragen das Dach, das mit fünfzehn Kuppeln geschmückt ist; die drei mittleren sind grösser und höher, als die andern.
Durchbrochene Steinfenster von wunderbarer Arbeit an den Hinter- und den Seiten-Wänden lassen ein mildes, gedämpftes Licht einfallen.
In der rechten Ecke ist eine steinerne Empore für die Damen des Hofes, eine Unregelmässigkeit, aber nicht Unschönheit des Bau’s. Der Sitz des Sultans ist oben in der Mitte.
Oberhalb der drei Gebetnischen (Kiblah) sind auf Marmor die folgenden Inschriften in zierlich-arabischen Buchstaben eingemeisselt: „Diese hohe und weite Moschee wurde errichtet von dem Sklaven, der vertraut auf die Gnade Gottes, des mitleidigen, des allein zu verehrenden. — Der Koran sagt, wahre Moscheen gehören Gott an, verehre keinen andern neben ihm. — Der Sklave, der auf Gott vertraut, ist Ahmed Schah, Sohn von Muhamed Schah, Sohn von Sultan Muzaffar.“
Dass diese Muselmänner nicht sehr duldsam waren, zeigt der schwarze Trittstein vor dem Haupteingang der Moschee; derselbe stellt eine umgedrehte Jaina-Heiligenbildsäule dar, auf welche die Gläubigen ihren Fuss setzen.
An der Ostseite des Hofes liegt das Grabdenkmal von Ahmed Schah. Es ist ein viereckiges Gebäude, mit einem Dom, einer Vorhalle von achtzehn Pfeilern und mit Fenstern aus durchbrochener Steinarbeit. Der Hauptraum stellt ein Quadrat von 36 Fuss Seitenlänge dar, ist mit Marmor verschiedener Farben gepflastert und enthält die marmornen, mit Blumenschmuck schön verzierten Leersärge des Schah Ahmed sowie seines Sohnes Muhamed und seines Enkels Kutb. Ganz in der Nähe sind die Gräber der Königinnen, höchst anmuthig in den Verzierungen der Särge und der durchbrochenen Fenster.[576]
Ganz regelmässig ist den Särgen eine Verzierung eingemeisselt, bestehend aus einem Räuchergefäss, dass mittelst eines Kettchens an der „Himmelsblume“ aufgehängt ist: dies dürfte nicht mohammedanisch, sondern echt hindostanisch sein.
Alle Moscheen von Ahmedabad sind ebenso gebaut wie die „Grosse.“ An der Westseite des mächtigen Hofes liegt die mit zwei Thürmen (Minarets) versehene eigentliche Moschee, in welcher die Gläubigen sich zum Gebet versammeln, und welche ausser der westlichen Nische, die nach Muhameds Grab zeigt (Kiblah), noch den Platz enthält, an dem der Koran gelesen wird. (Mimbar.) In der Mitte des Hofes ist der Brunnen zu den vorschriftsmässigen Abwaschungen. An der Ostseite desselben liegt ein Garten oder Hof mit dem Grabdenkmal (Roza) des Begründers. Gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, in ihrer Hauptblüthezeit, enthielt die Stadt an 1000 Moscheen und Gärten.
Von der Hauptmoschee führt die Hauptstrasse nach Westen. Das Untergeschoss jedes Hauses enthält Läden mit vorspringendem Schattendach. Auf der Strasse wogt die lebhafte Menge der Fussgänger, so dass die Ochsenfuhrwerke und die Wagen nur langsam vorwärts kommen. Gradeaus vor uns erhebt sich, die Strasse kreuzend, Ahmed Schah’sdreifaches Thor(Tin darwaza), ein mächtiges Bauwerk mit reicher Bildhauerverzierung.
Gleich danach folgt die ebenfalls von Ahmed Schah 1411 erbauteBurg(Badrgenannt nach einem nahe gelegenen Tempel der Göttin Badra Kali, der Gattin Schiwa’s); der von dem 23. Vicekönig der Mogul, Azam Khan, 1636 erbautePalast, zwei gewaltige Thürme mit Zwischengebäude, jetzt als Gefängniss benutzt; dieRubin-Bastion(Manik Burj), um den Grundstein der Stadt erbaut, und, inder Nordostecke der Umwallung,Sidi Said’s Moschee, jetzt allerdings für die örtlicheVerwaltungbenutzt. Aber die durchbrocheneMarmorarbeit zweier Spitzbogenfensterlohnt allein schon die Reise nach Ahmedabad.
Das eine enthält in gleichen Abständen vier Palmen und drei gewöhnliche Bäume, die in blumige Ranken sich auflösen und die ganze Fläche füllen. Das zweite besteht aus einem Rankenbaum, der eine Palme umschlingt. Die feinsten Fensterausfüllungen in Agra und Delhi reichen nicht an die Schönheit dieser Kunstleistung heran. Die pflanzliche Verzierung ist naturähnlicher, als irgend ein Schmuck-Glied, das jemals die besten Baumeister der Griechen und des Mittelalters ausgeführt haben.
Nunmehr fahren wir zurück von der Mitte der Ostseite nach dem Südwestthor der Stadt, woselbst Moschee und Grabdenkmal derRani Sipriliegen. Dieselbe war Schwiegertochter von Ahmed Schah und hat 1436 die Gebäude errichten lassen, die zu den zierlichsten nicht bloss in Ahmedabad, sondern auf der ganzen Erde gehören.
Sie sind aus rothem Sandstein, die durchbrochene Arbeit in den Fenstern aus weissem Marmor.
Die Moschee ist nur 54 Fuss lang und 19 Fuss tief. Vor dem Eingang stehen sechs Doppel-Pfeiler, dahinter noch sechs einfache, nur 10 Fuss hoch. Die beiden vierstöckig sich verjüngenden Minarets sind 50 Fuss hoch. Die ganze Fläche des Gebäudes, der Pfeiler, der Thürme sind ein Triumph des Bildhauers.
Das Grabmal ist quadratisch, von 36 Fuss Seitenlänge, die Flächen zwischen den Pfeilern ganz in Fenster von zierlich durchbrochener Arbeit aufgelöst, mit Zinnen gekrönt, mit vier Eckkuppeln geschmückt und einer grösseren Mittelkuppel, die auf dem verjüngten Oberstock ruht.
1¼ Kilometer südöstlich von dem Thor liegt derKankariya- oderBergkrystall-See, 1451 von dem SultanKutbudinangelegt und 1872 von Herrn Borrodaile, dem Collector, wieder in Ordnung gebracht. Sein Umfang misst ¼ deutsche Meile (6460 Fuss) und bildet ein regelmässiges Vieleck von 34 Seiten, deren jede 190 Fuss lang ist; sein Flächeninhalt beträgt 72 Acres oder gegen 29 Hektaren. Es ist die grösste Anlage dieser Art in Nordwest-Indien. Von dem Südende führt ein Damm mit Spazierweg zu einer in der Mitte belegenen Insel, auf der, inmitten von Palmen und violettblühenden Bäumen mit prachtvollem Grün, eine Erholungshalle angebracht ist.
Ausserhalb der Thore an den Landstrassen trifft man Rudel von weissbärtigen Affen, die hier ebenso frech sind, wie bei uns die Sperlinge.
Noch weiter südlich, 3¼ Kilometer von der Stadt, liegt das Grabmal vonSchah Alam, welcher Sohn eines Heiligen und geistlicher Berather von Mahmud Begada gewesen und 1495 gestorben ist. Die durchbrochene Arbeit aus Marmor an dem kuppelgekrönten Gebäude und aus Bronze an den Gitterthüren um den Marmorsarg spottet jeder Beschreibung. Wunderbar ist die Wirkung des abgedämpften Lichtes. Die Minarets der Moschee von 90 Fuss Höhe haben sieben Stockwerke mit Rundgängen.
Zum Schluss kommt die Betrachtung derBazare.
Goldschmied-[577]und Edelstein-Werke, Kupferschmied-Arbeiten, Holzschnitzereien, deren Kunst auch an den Pfosten der gewöhnlichen Wohnhäuser, namentlich der älteren, bewundert werden kann, Elfenbeinschnitzereien, Lederarbeiten, Baumwollengewebe, auch schön bedruckt, Seidengewebe, auch mit Gold- und Silberfäden, Brocate, Gold- und Silberstickereien, Teppiche, Töpfer-[578]und Papier-Waaren, — alles wird dem kauflustigen Fremden in grosser Auswahl angeboten.
Die Handwerke in Ahmedabad sind geordnet in Gilden und Zünfte. Der Sohn lernt des Vaters Kunst; so ist durch Jahrhunderte lang fortgesetzte Uebung eine hohe Ausbildung erreicht worden. Verstösse gegen die Gesetze der Gilde werden durch bedeutende Geldstrafen geahndet. Der Oberste aller Gilden (Nagar Seth) wird auch von den britischen Behörden als Stadt-Haupt anerkannt.
So war ich denn in einem halben Tag mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt fertig geworden. Gleich nach Tisch fuhr ich wieder aus zu weiteren Besichtigungen.
Natürlich sahen wir noch einige der tausend Moscheen, zunächst die innerhalb der Stadt, nicht weit vom Delhi-Thor belegene derKönigin(Rani Musjid), die wahrscheinlich zur Zeit von Ahmed Schah erbaut worden ist.
Jedes der drei Schiffe ist durch einen Spitzbogen zugänglich und von einem Dom gekrönt, die Moschee 100 Fuss lang und 44 Fuss tief, 33 Fuss hoch, ohne die Kuppeln, von vortrefflichen Verhältnissen. Die Säulen, welche die mittlere Kuppel tragen, sind doppelt so hoch, als die für die seitlichen; zwei Reihen von Zwergsäulen auf dem Dach der Seitenflügel gleichen die Höhe aus, ihre Zwischenräume sind vondurchbrochener Arbeit ausgefüllt. So kommt Luft hinein und Licht,[579]aber nie der Sonnenstrahl selber. Die beiden seitlichen Minarets reichen nur so hoch, wie die Fassade; es ist unbekannt, ob sie unvollendet geblieben oder durch Erdbeben wieder theilweise zerstört worden. Sie sind in reinem Hindu-Stil erbaut. In dem Grabdenkmal sind zwei Leersärge aus Marmor, wieder mit Kette und Rauchgefäss.
In der Nähe ist die Moschee vonMohammed Chistiaus dem Jahre 1565, mit der allerschönsten durchbrochenen Arbeit, die in Ahmedabad zu finden.
Hierauf besichtigte ich einen grossartigen neuenJain-Tempel, den, ganz in der Nähe des Rasthauses, ein reicher Wohlthäter, Hati Singh, nebst einem Obdach für Pilger, mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen Mark erbaut. Man sieht, auch diese Religion ist noch lebendig, lebendig ist die werkthätige Liebe der Jain, die übrigens in der Stadt eine Zufluchtsstätte für alte und kranke Thiere (Panjrapol) erbaut haben und unterhalten, sowie ausserordentlich zahlreiche, schön geschnitzte und bemalte Futterhäuschen für Vögel auf hohen Pfeilern.
Der Jain-Tempel ist in seiner Einrichtung ähnlich denen vom Berg Abu, auch reich geschmückt, wenngleich nicht so kostbar, wie jene, und überaussaubergehalten. Der Bau ist 150 Fuss lang und 100 Fuss breit. Jede der 50 Zellen um die Halle des Hofes hat ein Heiligenbild und ihr besonderes Spitzdach, das Pflaster besteht aus Marmorwürfeln.
Die mittlere Säulenhalle mit Dom führt zu der von drei hohen Spitzthürmen überragten Haupt-Zelle, in der das Bild des Jain-Heiligen (angeblich des Dharmmanatha, des 15tender 24 Thirthankara), mit Diamanten geschmückt, sichtbar ist. Die Leute zeigen mir alles und sind nicht so unduldsam, wie die Hindu.
Danach kamen dieWasserwerkean die Reihe, die ebenso wenig wie der Jain-Tempel in Murray’s Buch Erwähnung gefunden. Ein Tiefbrunnen ist gegraben; eine Dampfpumpe, die für 40000 Rupien aus England bezogen wurde und in täglich achtstündiger Wirksamkeit den Bedarf deckt, hebt das Wasser auf einen hohen Thurm in einen mächtigen Eisenbehälter von 18 Fuss Höhe. Der Stand des Wassers ist aussen ersichtlich. Die von dem Werk versorgten Brunnen in der Stadt sind für die hiesige Gegend ausserordentlich zweckmässig eingerichtet: es sind Steinwürfel mit etwa sechzehn Wasserhähnen draussenam Umfang, so dass zu den bestimmten Tageszeiten, wo Wasser gebraucht wird, dasselbe leicht und rasch entnommen werden kann.
Der Ingenieur der Wasserwerke, ein junger Parsi, zeigt mir alles auf das eingehendste. Mit morgenländischer Neugier fragt er mich nach meiner Heimath. Als ichBerlinnenne, fasst er meine Hand, und bittet um einen Gefallen, nämlich ihm eine Beschreibung der weltberühmten Wasserwerke meiner Heimathsstadt zu senden. Ich verspreche ihm das, aber beim Scheiden sagt er feierlich: „Wir Parsi halten unser Wort heilig. Ich hoffe, du wirst dein Versprechen halten.“ Ich war ein wenig geschmeichelt von dem Ruhm meiner Heimathsstadt und habe ihm auch, mit Hilfe unsres vortrefflichen DirectorGille, seinen Wunsch erfüllt.
Den Schluss machte die Besichtigung desHospitals, dessen Arzt ein Eingeborener war. Trotzdem auch hier eine unentgeltliche Impf-Stelle ist, sah ich in der Stadt sehr viele Menschen mit Pockennarben, auch viele, die durch Pocken-Krankheit einäugig geworden.
Die Rechnung, die mir der biedre Rasthaus-Halter machte, zeigte mir, dass man auch unter einfachem Dach ganz ebenso viel verbrauchen kann, wie in dem grössten und prachtvollsten Gasthaus. Allerdings hatte ich mir hier, wo das Rasthaus am Thore einer grossen Stadt liegt, den Aufwand erlaubt, zu jeder der beiden Mahlzeiten eine Flasche Bier zu bestellen.[580]