Bombay.
Abends fahre ich von Ahmedabad ab und bin Morgens früh, am 23. December, nach etwa zwölf Stunden, in Bombay. (Church-Gate-Station. — 310 englische Meilen = 496 Kilometer, für 20 Rupien.) Da ich, durch meine Erfahrung in Calcutta belehrt, rechtzeitig vorher geschrieben und von Ahmedabad noch Drahtnachricht gesendet; so finde ich mein Zimmer in Watson’sEsplanade Hotel, dem besten in Indien.
Ich fahre zum Consul, zur Post, zum Bevollmächtigten des östreichischen Lloyd, um mir eine Cajüte für die Heimfahrt zu sichern, zu einem Parsi-Arzt, dessen Bekanntschaft ich schon in Canada gemacht, und kann alsdann die Besichtigung derzweiten Hauptstadtvon Indien beginnen.
Bombay,[581]das Auge von Indien, das nach Westen schaut, die Eingangspforte, wo fast alle Reisenden, die von Europa nach Indien fahren, jetzt landen, und umgekehrt fast alle, die von Indien nach Europa zurückkehren, sich einschiffen, zählte im Jahre 1669, als König Karl der Zweite für einen Jahreszins von 10 Pfund Sterling die Insel an die ostindische Gesellschaft abtrat, kaum 10000 Einwohner; jetzt hat es 820000, darunter 500000 Hindu, 200000 Mohammedaner, 50000 Parsi, 12000 Europäer.
Vor dem Festland liegt hier eine Gruppe von zwölf Inseln, welche sowohl von jenem, wie auch von einander nur durch schmale und schmalste Wasserstrassen geschieden sind. Von diesen Inseln ist Bombay, nachdem sie sich zwei der kleinsten Inselchen (Colaba und die Alt-Weiber-Insel) durch Dämme angegliedert, die südlichste; ungefähr unter 18 Grad 53′ nördlicher Breite und 72 Grad 52′ östlicher Länge. Die Insel Bombay hat 11,5Kilometer Länge, 3,5Breite und etwa 55 Quadratkilometer Flächeninhalt,[582]und ungefähr die Gestalt einer länglichen, unregelmässigen Krebsscheere, deren beiden Spitzen nach Süden gerichtet sind. Die kürzere, östliche Spitze istMalabar-Hügel, der Wohnsitz der Reichen; die längere westlicheKolaba, das Hauptquartier des Baumwollenhandels. Zwischen beiden liegt die seichte Hinterbucht (Back Bay).
Nördlich von Kolaba, an der Ostseite der hier noch schmalen Insel, liegt die alteFestung und der Hafen, und westlich davon dieEsplanade, der feinste und amtliche Theil der Stadt. Nach Nordosten schliesst sich die ausserordentlich dicht bevölkerte[583]Stadt der Eingeborenen an (Black town) und reicht nördlich bis zu den Vorstädten (Mazagaon und Bykulla) und östlich bis zu dem Fuss des Malabar-Hügels.
Bombay wird von den Engländern als sehr gesund gerühmt, namentlich seitdem die hauptsächlichsten Sümpfe beseitigt, und eine ordentliche Wasserleitung erbaut worden. Aber der nördliche Theilder Insel, wo allerdings keine Engländer wohnen, ist noch heute Fiebergegend. Ich habe den dort (in Mahim) hausenden Stadt-Arzt, einen Parsi, besucht und erfahren, dass er jährlich sechs bis zwölf Tausend Fälle von Fieber zu behandeln hat.[584]
Die mittlere Jahrestemperatur ist + 26¼° C. Die Nähe des Meeres wirkt günstig. Die kühlsten Monate sind November bis März. Der Südwestmonsun beginnt mit der zweiten Woche des Juni, und der Regen hält an bis zum Ende des Monat September. Der durchschnittliche Regenfall beträgt 70 Zoll im Jahre.
IngeschichtlicherHinsicht ist folgendes zu erwähnen. Im Jahre 1530 wurde die Insel Bombay von einem (auf der nördlich daran grenzenden Insel Salsette herrschenden) Kleinfürsten an die Portugiesen abgetreten, welche die Vortrefflichkeit des Hafens erkannten und eine befestigte Handelsniederlassung gründeten. Im Jahre 1661 erhielt König Karl II. von England bei seiner Verehelichung mit der portugiesischen Prinzessin Katharina die Insel Bombay als Heirathsgabe; aber schon 1668 verschenkte sie der unwirthschaftliche König an die ostindische Gesellschaft, so zu sagen für ein Butterbrot, nämlich für 10 Pfund Sterling jährlicher Abgabe. Im Jahre 1687 wurde der Sitz der Regierung (Präsidentschaft) von Surate hierher verlegt. 1696 liess Aurangzeb das Fort beschiessen und wurde nur durch ein schweres Lösegeld zum Abzug bewogen. Erst 1860 wurde die Festungseigenschaft der Stadt aufgehoben.
Jetzt umfasst die gleichnamige Präsidentschaft, an der Westküste Vorderindiens, 512000 Quadratkilometer mit 23 Millionen Einwohnern.
Die Zahl der Einwohner der Stadt Bombay war
Bei dieser raschen Entwicklung begreift man, dass nur ein Fünftelder Einwohner auf der Insel geboren ist, von den Europäern sogar nur vier Procent.
Ihren Aufschwung verdankt die Stadt der Einrichtung der englisch-indischen Post (London-Bombay) im Jahre 1837, der Eröffnung der Eisenbahnen nach dem Innern und vor allem des Suez-Canals (1869).
Im Jahre 1814/15 betrug der Werth der Ein- und Ausfuhr 8 Millionen Mark, 1884 aber 1285 Millionen! 1891 sollen es sogar 3200 Millionen gewesen sein, nach demGuide of Bombay, 1892. Aber hier zeigt sich die Unzuverlässigkeit solcher Büchlein. NachHunter’s amtlichenZahlen betrug der ganze Handel Indiens 1890/91: Rx 196 Millionen. Hiervon entfielen 43 Procent (Rx 84 Millionen) auf Bombay, 37 Procent auf Calcutta.Bombay hat also Calcutta bereits überflügelt.
Den Haupteinfuhrgegenstand bilden Baumwollen-Waaren (für 187 Millionen Mark), den Hauptausfuhrgegenstand Rohbaumwolle (für 291 Millionen Mark). 77 Procent der ganzen Einfuhr und 58 Procent der ganzen Ausfuhr gehen durch den Suez-Canal.
Ausser dem Handel kommt die Industrie in Betracht. Bombay tritt durch seine Baumwollenspinnereien bereits in Wettbewerb mit Manchester. 1890/91 verkehrten 89797 Schiffe (darunter 3451 Dampfer) mit 5 Millionen Tonnen im Hafen von Bombay; allerdings kommen 87962 mit 2,8 Millionen Tonnen auf den Küstenhandel und den Verkehr mit indischen Häfen. Sechs grosse europäische Dampfschifffahrtgesellschaften unterhalten regelmässigen Dienst mit dem Hafen von Bombay.
Esplanade Hotelhat eine vortreffliche Lage inmitten der Stadt. Nach Osten liegt die Haupt-Längsstrasse der Stadt (Esplanade Road), nach Süden grenzt daran eine Gewerbeschule, nach Westen eine schmale Strasse, jenseits deren das Regierungsgebäude der Präsidentschaft emporragt, nach Norden eine breite Querstrasse und jenseits derselben ein kleiner, zu der Universität gehörender Garten. Hier tummeln sich Führer, Kutscher mit ihren Wagen, gelegentlich auch Gaukler und andre Schmarotzer der Reisenden.
Ungeheuer ist das Gewühl in der grossen Halle zur ebenen Erde, mit all’ den Dienern des Gasthauses, der Fremden, der in Indien lebenden Engländer, mit den Kaufmannsburschen, welche kommen und gehen. Im Hintergrund der Halle ist der Schreibtisch, wo man seinen Namen einträgt und seine Zimmernummer erfährt, um sofort, mit dem Personen-Aufzug, (ungünstigen Falles, selbst bis zum fünften Stock, wo hauptsächlich Diener hausen,) empor befördert zu werden.
Ich erhielt ein Zimmer im ersten Stock, das allerdings weder sehr gross, noch glänzend ausgestattet war.[587]
Weiter befinden sich in Unterstock, angrenzend an die grosse Halle, die eigentliche Abfertigung, wo man bestellt und bezahlt, eine Geld-Wechsel-Stube, die sehr angenehm und nöthig ist,[588]ein Postamt, ein Billard- und Trink-Raum, ein sehr schlechter und dunkler Leseraum, wo Zeitungen an Ketten liegen, einige Läden, die mehr oder weniger innige Beziehungen mit der Leitung des Gasthauses unterhalten. Das letztere soll Eigenthum des früheren Ministers eines Schutzstaates sein, der mit seinem Raub nach Calcutta sich zurückgezogen, und soll grossen Gewinn abwerfen. Die Schreiber und Wechsler sind Hindu, ebenso wie die Pförtner und Diener.
Die grossen Speise-Säle liegen im ersten Stock. Man speist an kleinen Tischen zu vier bis acht Personen. Jeder Tisch hat seinen eignen Aufwärter. Ansässige (Beamte, Kaufleute, Consuln) bringen wohl ihren eignen Diener mit. Speisen und Getränke sind befriedigend.
Die Speise-Säle öffnen sich auf einen mächtigen Balkon, der die ganze Breitseite des Hauses einnimmt und namentlich nach dem Abendessen einen angenehmen Aufenthalt bildet, wo man an einem kleinen Tischchen den Kaffe einnimmt und bei der Cigarre[589]eine Stunde mit Bekannten verplaudert.
In dem Gasthaus wohnten etliche Deutsche, theils Reisende, theils Ansässige, deren Bekanntschaft ich bald machte und so die Annehmlichkeit genoss, wenigstens bei Tisch und danach meine Muttersprache sprechen zu können und auch lästigem Gesprächsstoff zu entgehen.[590]
Europäische Abendvergnügen, wie Theater,[591]giebt es in dieser indischen Grossstadt nicht.
Von dem luftigen Balkon wandre ich in’s Schlafgemach. Diesesist gleichfalls luftig, da ich die Fenster auch Nachts offen lasse, und, nur von einem Laken zugedeckt, ganz angenehm schlafe.
Des Morgens, nach dem Bad und dem Früh-Thee, sitze ich behaglich am Fenster, rauche meine Cigarre, schreibe, lese, durchfliege die englische Zeitung. Letztere hat mir der unten lauernde Zeitungsjunge geschickt zwischen die eisernen Stäbe des Fensters hindurch in das Zimmer geschleudert; und, da er mit der hinuntergeworfenen Bezahlung zufrieden ist, wiederholt er dies jeden Morgen, sowie er mich erblickt. Die schon früh nach Bakschisch brüllenden Bettelkinder schaffe ich mir mit Hilfe des Pförtners vom Halse. So verbringe ich eine angenehme Morgenstunde.
Allmählich erscheinen aber mehr Menschen auf den Strassen. Jetzt ist es Zeit, die in nächster Nachbarschaft befindlichenPrachtgebäudezu besichtigen. Hatte ich doch bei Sir Edwin Arnolds gelesen „von einer glücklichen Erleuchtung, welche die gothische Baukunst mit der indischen verschmilzt.“ Da aber wurde ich gründlich enttäuscht und, um es kurz zu sagen,geschmacklosere Bauten, als die der Engländer in Bombay, habe ich noch in keiner Grossstadt, sogar nicht in Amerika, auf so engem Baum zusammengedrängt gesehen.
DasSecretariatder Präsidentschaft, westlich von unserem Gasthaus (mit der Hauptseite nach Mayo Road, die hier einigermassen gleichläuft mit Esplanade Road[592]) ist ein Steinkasten von 443 Fuss Länge und vier Stockwerken; — für seinen Zweck ist es gewiss brauchbar, ausserdem aber soll es „venetianisch“ sein.
DieUniversitäts-Halleist nach der Zeichnung des Sir Gilbert Scott im „französischen“ Stil des 15. Jahrhunderts erbaut, 104 Fuss lang, 44 Fuss breit und 63 Fuss hoch, 1874 fertig gestellt und nach Sir Cowasjee Jehangir Readymoney[593]benannt, der 100000 Rupien dazu beigesteuert.[594]Dies Gebäude ist wenigstens doch hübsch imInnern, durch eine Holztäfelung, die von Einheimischen herrührt. (Die Universität, die nur Prüfungen vornimmt, mit dem Unterricht aber nichts zu schaffen hat, hält hier ihre Sitzungen ab.)
DieUniversitäts-Büchereimit dem Glocken-Thurme, von demselben Sir Gilbert Scott in dem „gothischen Stil des 14. Jahrhunderts“ entworfen, stellt eine Missverbindung dar zwischen einem 152 Fuss langen, ganz niedrigen Gebäude, der eigentlichen Bücherei, und einem plumpen, viereckigen, sechsstöckigen, bis über das Zifferblatt fast 200 Fuss unverjüngt aufsteigenden Thurm mit einer schmäleren Laterne, deren Spitze 260 Fuss über dem Erdboden steht. Der Thurm heisst der vonRajabi, nach der Mutter des edlen Gebers, des Herrn Prunchand Raichand, der für die Kosten des Bauwerks 300000 Rupien geschenkt und ausserdem 100000 Rupien für die Bücherei und noch spätere Zugaben, die vollkommen ausreichten, um Alles zu vollenden. Hätte der edle Geber nur noch die Mildherzigkeit so weit ausgedehnt, statt des englischen Künstlers einen einheimischen Handwerker mit Plan und Ausführung zu betrauen! Dann würde vielleicht auch der Beschauer eine Freude an dem Werke haben.[595]In dem Garten der Universität steht die Marmorbildsäule des einen der beiden Wohlthäter, der den Titel Sir führt.
DasGerichtsgebäude, in „altenglischem“ Stil von Gen. J. A. Fuller entworfen und 1879 mit einem Kostenaufwand von 100000 £ vollendet, ist 562 Fuss lang, mit einem Thurme von 175 Fuss Höhe. Ich war auchdrinnen; das beste, was man dort sieht, ist dieAussicht.
Postgebäude„im mittelalterlichen Stil“,Telegraphenamt„im neuen gothischen“ undBau-Amt, die hier in der Nähe und dicht bei einander liegen, verdienen nur genannt zu werden.
Verfolgt man die Hauptquerstrasse (Churchgate street) nach Osten, so stösst man zuerst auf dieCathedrale, die 1718 erbaut, 1833 mit einem hohen Thurm versehen wurde und eine „Mischung des klassischen und gothischen Stils“ darstellen soll; hiernach auf einen kleinen Rundgarten (Elphinstone Circle), der von hohen Geschäftshäusern umgeben ist, und endlich auf das Stadthaus (Town Hall), das mit seiner Hauptfassade von 260 Fuss Länge und einer dorischen Säulenhalle etwas besser aussieht: es wurde 1835 mit einem Kostenaufwand von 65000 £ errichtet. Das Gebäude hat einen grossenSaal von 100 Fuss Länge und Breite, der weniger zu öffentlichen Versammlungen, als zuBällenbenutzt wird; denn von städtischer Selbstverwaltung ist in Indien keine Rede. Aber es ist auch der Aufbewahrungsort für die wichtige Bücherei derasiatischen Gesellschaftund hierdurch den deutschen Fachgelehrten genügend bekannt.
Oestlich von dem Stadthaus, schon dicht am Ufer, liegt dieMünze, welche 300000 Rupien aneinemTage zu prägen im Stande ist und früher bisweilen bis zu 200000 £ in Silberbarren beherbergte; denn Jedermann konnte hier sein Silber zu Rupien prägen lassen für die gesetzlichen Gebühren: erst vor wenigen Monaten ist die freie Silberprägung nothgedrungen, wegen des Silbersturzes, aufgehoben worden.
Ob das neue Stadthaus (Municipal Office) am Nordende des Europäer-Viertels[596]nach seiner Fertigstellung besser aussehen wird, weiss ich nicht. Jedenfalls hatte der Baumeister in nächster Nähe zwei Beispiele vor Augen, ein nachahmenswerthes, diemohammedanische Mädchen-Schule, welche trotz der üblichen Klassen-Eintheilung anmuthige Hallen und Kuppeln zeigt, und ein abschreckendes, das Gebäude desVictoria-Eisenbahnhalteplatzes,[597]das allenthalben nach vorn Dachtraufen mit den Köpfen nordischer Ungeheuer und sogar an seinem Central-Dom strahlenförmig Säulen mit eben solchen Missbildungen gegen den Himmel, wie versteinertes Gestrüpp, emporstreckt. Es soll „spät gothisch“ sein, wird als das schönste Gebäude in Bombay und als der prächtigste Eisenbahnhalteplatz in Indien gepriesen. Herr Stevens war der Baumeister, die Kosten betrugen 300000 £. 1888 wurde es fertig, die innere Einrichtung muss als zweckmässig gelobt werden; es ist der Endpunkt der Great Indian Peninsular Railway.
Bombay’s öffentlichen Gebäude machen keinen sonderlichen Eindruck auf denjenigen, der aus Indienkommtund so viel schönes gesehen.
Wie die öffentlichen Gebäude, so auch dieBildsäulen.
Im südlichen Anfang von Esplanade road, gegenüber einem freien Platz, steht die bronzeneReiterstatue des Prinzen von Wales, die SirAlbert Sassoon[598]zur Erinnerung an den Besuch des Thronerben (1875/76) durch HerrnBöhmfür 12500 £ anfertigen liess und der Stadt Bombay zum Geschenk machte. Die Enthüllung fand im Jahre 1879 statt. Der Prinz, in Feldmarschallsuniform, sitzt zu Pferde. Die Bildsäule ist 12 Fuss hoch und steht leider auf einem Granitwürfel von 14 Fuss Höhe, also zu hoch für bequeme Betrachtung. An den beiden Hauptseiten enthält der Unterbau Bronze-Tafeln mit erhabener Arbeit. Die eine stellt die Landung des Prinzen dar; die andere zeigt die Vorstellung auf der Esplanade, wo der Prinz in der Mitte zwischen Hindu und Mohammedanern steht.
An der Kreuzungsstelle von Esplanade- und Mayo-Road sitzt unter einem gothischen Spitzdach von 42 Fuss Höhedie Königinim Staatsgewande. Die Bildsäule ist 7 Fuss hoch, aus weissem Marmor, vonNoble. Die Enthüllung erfolgte 1872. Die Gesammtkosten betrugen 182000 Rupien, wovon der Fürst (Gâekwâr) von Baroda 165000 beigesteuert. Ein gothisches Spitzdach ist die unglücklichste Bedeckung für eine sitzende Bildsäule; das weiss Jeder, der die von Walter Scott zu Edinburgh gesehen.
Bombay’s Bedeutung beruht auf demSeehandel.
Naturgemäss wendet man sich zumHafen. Es ist nicht weit. Man verfolgt Esplanade Road vom Hotel aus südwärts eine kurze Strecke, geht über einen halbkreisförmigen freien Platz und durch die Apollo-Bunder-Strasse, vorbei an demSeemanns-Heim[599]und demJacht-Clubzur Linken und einemErfrischungshausezur Rechten. Hier springt die von einer 100 Fuss langen, offenen Halle gekrönteLandungstreppein den Hafen vor, die den für uns seltsamen NamenApollo Bunderführt.
Bunderoder Bandar heisst auf hindostanischUferstrasse. Das Wort Apollo sollen die Engländer aus dem hindostanischen Wort pallow, d. h.Fisch, zurecht gemacht haben: wobei nur eines wunderbar ist, dass sie eine Silbe zugegeben, nicht fortgenommen haben.
Apollo Bunderoder, wie deramtlicheName jetzt lautet,Wellington Damm(W. Pier) ist das wirklicheEingangs-Thorzur Westküste von Indien. Dicht davor werfen die Postdampfer der P. & O. Gesellschaft Anker. Ankunft und Abfahrt bedingen lebhaftes Gedränge und geschäftiges Treiben auf dem Ufer und auf dem Wasser. Der Blick von oben, über die niedrige Umfassungsmauer fort, zeigt eine der schönstenSeelandschaftender Erde. Vor uns liegenin dem von schier unzähligen Vergnügungs- und Geschäftsbooten durchfurchten Hafen die zahlreichen verankerten Schiffe. Die Flaggen aller Völker flattern von den ragenden Masten. Obwohl Bombay heutzutage nicht mehr eine Festung darstellt, — denn von dem nördlich von unserem Standpunkt befindlichenKastellsind nur noch die Ufermauem übrig geblieben und die Waffensammlung (Arsenal), — so ist doch für dieVertheidigung des Hafenseinigermassen gesorgt. Da liegen die beiden Monitor Abyssinia und Magdala, jeder mit zwei Thürmen und 10zölligen Kanonen; da erhebt sich zu unserer Linken Chendal Bet, die Kreuz-Insel, mit ihrer Batterie, am Nordende der Ankerlinie; am Südende der letzteren der Austern-Felsen und eine dritte Batterie in der Mitte. Dazu kommt weiter nach Osten die Schlacht-Insel (Butcher’s Island), wo die Mannschaften zur Bedienung der unter See befindlichen Minen ihren Standort haben.
Lassen wir den Blick weiter über das Wasser nach dem Hintergrund zu schweifen, so erblicken wir andere grössere Inseln, darunter die berühmteElephantaund die Berge des Festlandes, die westlichenGhats, die hier 1000 bis 2000 Fuss emporsteigen. Besonders reizvoll ist das Bildgegen Abend, wenn die tiefer stehende Sonne auf den Felsinseln eine malerische Abwechslung von Licht und Schatten hervorruft.
Dann sammelt sich auf diesem Platz „ganz Bombay“ oder wenigstens eine hübsche Muster-Sammlung seiner so verschiedenartigen Einwohner. Die Vornehmeren der wirklich herrschenden Kaste, der Engländer und anderen Europäer, erscheinen nur vereinzelt; die meisten fahren von dem Corso am westlichen Ufer der Bombay-Halbinsel sofort nach Hause, um für das wichtige Geschäft des Abendessens langsam und würdevoll sich vorzubereiten.
Aber von der einflussreichsten und wohlhabendsten Klasse der Eingeborenen, den Parsi, rollt ein Wagen nach dem andern heran. Aussteigen die würdevollen, hohen Gestalten der halb europäisch gekleideten Männer mit der steifen, glänzenden Kopfbedeckung, die an die Blechmützen der Garde Friedrich’s des Grossen erinnert; mit ihnen die schwarzäugigen Frauen, in lebhaft gefärbten Seidengewändern, das lange Tuch (Sari) mit dem bunten, fein gestickten Saum so um das Haupt geschlagen, dass es das Gesicht vollständig einrahmt; die munteren Kinder, Knaben wie Mädchen, in blumigen Gewändern (Jacke und Hosen) und mit Sammtkäppchen auf dem üppigen, schwarzen Lockenhaar. Nur durch Länge des Haares und Ohrringe sind die Mädchen von den Knaben zu unterscheiden.
Da erscheinen Hindu in jeder Schattirung des Braun, mit Kastenabzeichen auf der Stirn, mit allen Arten von Turbanen, weissen und rothen, und von Mützen und in schneeweisser Baumwollengewandung; Mohammedaner, die auch hier die grüne Farbe des Turbans vorziehen; Hinduweiber mit grellfarbigem Tuch (Sari, aus Battist oder Seide) um den Kopf, mit Nasenring, Spangen an Armen und Fussknöcheln; Juden aus Bagdad im Fez, mit ihren Frauen, die zu den schönsten im Osten gehören. Die schlanke Gestalt ist in ein weisses, bauschiges Gewand gekleidet, das aber wegen der Zartheit des Stoffes die Formen nicht vollständig verhüllt; das weisse Tuch umrahmt das regelmässige, helle Gesicht mit den dunklen Augen; den überladenen Schmuck der Hindu-Frauen verschmähen sie, gehen aber nicht barfuss, sondern in zierlichen Schuhen.
Natürlich fehlen die neugierigen Reisenden ebenso wenig wie die fröhlichen, recht jugendlichen Gestalten der britischen Soldaten sowie Schiffsvolk aus aller Herren Länder. Händler mit allerlei Kleinigkeiten, mit Süssigkeiten und Spielwaaren für die Kinder, Bootsleute, welche ihre Kähne anbieten, drängen sich zwischen die Menge, welche langsam auf- und abwandelt und den Klängen einer Musikkapelle lauscht, die gelegentlich vor dem Jacht-Klub ihre Weisen ertönen lässt. Dann geht die Sonne unter, der Mond leuchtet in märchenhaftem Glanze. Die Versammlung zerstreut sich nach allen Richtungen.
Unmittelbar nördlich von Apollo Bunder liegt dieWerft(Dockyard), 1735 von der Regierung mit Hilfe einer tüchtigen und grundehrlichen Parsi-Familie in’s Leben gerufen und ganz allmählich vergrössert; 1820 wurden Kriegsschiffe von 1700 Tonnen ganz und gar von den Parsi fertig gestellt, aus Teakholz, das fünf Mal so lange hält, wie europäisches Eichenholz. Ein Kauffahrer von 1000 Tonnen, aus diesem Holz erbaut, hat 70 Jahre lang das Meer befahren! Bombay ist der einzige wichtigere Platz in Indien, wo die Fluth (von 14 Fuss) hinreicht, um grössere Docks zu erbauen.
Südlich von Apollo Bunder bei Colaba liegt das alteSassoon-Dockzum Aus- und Ein-Laden von Schiffen, 650 Fuss lang, 250 Fuss breit, 19 Fuss tief, mit der Eisenbahn verbunden; und nördlich, dicht bei der Kreuz-Insel, die neuesten Anlagen der Art,Prince’s Dock, das 30 Acres = 12 Hektaren misst und 30 Oceandampfer aufnehmen kann; sowieVictoria Dock, von 25 Acres = 10 Hektaren.
Diese beiden Flächen, sowie der südlich daran stossende Uferstreifen bis zur Münze sind der Seeabgewonnen,[600]wodurch derHafen erheblich verbessert und morastige, ungesunde Untiefen in vortreffliche Geschäftsviertel umgewandelt wurden.
Hundert MillionenMark sind hierfür, einschliesslich der Verbesserung der Backbay, ausgegeben worden.
Natürlich habe ich, bei meiner grossen Vorliebe für Hafen-Anlagen, nicht versäumt, den ganzen Hafen von Bombay im Boot zu durchfahren und alles genau in Augenschein zu nehmen. Ein ganzer Sonntag wurde daran gewendet. Bei dieser Gelegenheit besuchte ich auch S. M. KreuzerSchwalbe, der soeben von unseren ostafrikanischen Besitzungen angekommen war und die deutsche Flagge im Hafen von Bombay flattern lies. Auf das zuvorkommendste wurde ich aufgenommen, von den Herrn Aerzten und Officieren durch das ganze Schiff geleitet, das vor Sauberkeit nur so blitzte. Da sah ich „die grossen Kanonen“, deren Ruf bald bei den unbotmässigen „Arabern“ so verbreitet war, dass schon der blosse Anblick des Schiffes ihnen einen heilsamen Schrecken einflösste. Spielend werden die mächtigen Feuerschlünde mittelst Maschinen voneinemMann gedreht und gerichtet.
Unsre Matrosen und Seesoldaten sind prachtvolle Gestalten. Lächelnd gedachte ich der an Bombay’s Mauern angeklebten bunten Marktschreier-Zettel, die deutsches Bier empfehlen und ein Kampfspiel (Seilziehen, tug of war,) zwischen deutschen und englischen Matrosen darstellen: worin unsre Leute jammervoll unterliegen. In Wirklichkeit wird die Sache sich wohl anders entwickeln.
Natürlich ist ein solcher Kreuzer nicht so geräumig, wie ein Postdampfer; mit dem Raum muss man haushälterisch umgehen. Der Dienst ist auch nicht leicht. Aber die Verpflegung ist vortrefflich, die Mannschaften sehen sehr gut aus und sparen den grössten Theil ihrer Löhnung.
Nach der Besichtigung wurde wirklich deutsches Bier aufgetischt und mehr als ein Glas auf das Wohl des Vaterlandes geleert.
Zum Schluss fuhr ich noch nach Prince’s Dock, wo der stattliche PostdampferImperatrixdes östreichischen Lloyd, auf dem ich am 1. Januar meine Heimreise antreten sollte, hart an der Ufermauer verankert lag.
Capitän Egger, ein graubärtiger, biederer Seemann, empfing mich auf das freundlichste und zeigte mir die Einrichtung, ganz anders als die Capitäne der englischen P. & O.-Gesellschaft, die in dem Reisenden nur eine Zahl (oder eine Geldsumme) sehen.
Bootsfahrten sind natürlich, wie überall, bequem und billig. Als ich den Leuten 4 Rupien einhändigte, wagten sie gar nicht einmal, noch ein Geschenk (bakschisch) zu verlangen.
Schlechter ist es mit denDroschkenbestellt, wenn auch nicht ganz so schlecht, wie in Calcutta. Der Gebührensatz ist allerdings, wie bei uns, auf einer deutlich sichtbaren Tafel gedruckt zu lesen, z. B. nach dem Malabar-Hügel und zurück 2½ Rupien. Aber wenn man oben angelangt ist, sagt der Kutscher, dass das Pferd müde oder krank sei, und sucht den vollen Preis für die halbe Fahrt zu erlangen. Nach solcher Erfahrung miethete ich für grössere Ausflüge stets in der Gasthofkanzlei einen Einspänner, der für den halben Tag 3 bis 5, für den ganzen Tag 6 bis 8 Rupien kostet und weit besser fährt. Für kürzere Fahrten in der Stadt sind allerdings auch die Droschken brauchbar. Wer Einheimische genauer betrachten will, wird gelegentlich die Pferdebahn benutzen, die uns für ein geringes durch die ganze Stadt befördert.
Es ist aber auch sehr lehrreich, grosse Streckenzu Fusszurückzulegen.
Ganz eigenartig ist der Spaziergang nach Süden von Esplanade road, durchColaba causeway. Hier kommt man zu demBaumwollen-Paradies. Bombay ist nach New-Orleans[601]der grösste Baumwollenmarkt der Erde. 4000000 Centner werden jährlich von Bombay ausgeführt und 2000000 in den 70 Dampf-Spinnereien der Stadt verarbeitet,[602]wobei 59000 Menschen Beschäftigung finden.
Es ist wohl zu bemerken, dass im letzten Jahre mehr nach Deutschland als nach England verschifft worden ist! Die grossen viereckigen Ballen werden durch hydraulische Pressen, die einen Druck von 800 Tonnen auf den Ballen ausüben, zusammengedrückt, so dass sie grössere Dichtigkeit (specifisches Gewicht) als Tannenholz annehmen, und mit dünnen Eisenbändern umgeben. So lagern sie zu Tausenden und Tausenden in Hallen und auf Höfen, bewacht von den Angestellten der Geschäfte und durchmustert von Kauflustigen.
Indien ist die Heimath der Baumwollenpflanze und ihrer Verarbeitung zu den feinsten Geweben, seit uralter Zeit. Im Anfang des 18. Jahrhunderts beherrschten ostindische Baumwollenwaaren den englischen Markt, so dass in den Jahren 1700 und 1721 ihre Einfuhr nach England durch Gesetz beschränkt wurde. Aber der Erfindungsgeist unddie Thatkraft der Europäer hat ineinemJahrhundert auf diesem Gebiet mehr geleistet, als die Weisheit des Morgenlandes in Jahrtausenden.
Indien lieferte Baumwolle nach England und nahm von dort Baumwollenwaaren. Jetzt fängt Asien an, durch eigne Dampf-Spinnereien von Europa sich unabhängiger zu machen; aber vorläufig wird es noch zinspflichtig bleiben.
Umfassend ist hier amSüdendedieAussichtauf Bombay. Im äussersten Westen erblickt man die Malabar-Spitze mit der Flaggen-Stange des Statthalters, dann kommt der grüne, langgestreckte, mässig hohe Hügelrücken der Malabar-Halbinsel, auf dem einzelne der Pracht-Häuser sichtbar sind, danach die hängenden Gärten und, hinter der Umbiegungsstelle der Hinterbucht, die fernen Schornsteine des sogenannten Manchester von Bombay, hierauf einige grosse Häuser am Strand, dann der Palmenwald, in dem ein Theil der „schwarzen Stadt“ der Hindu liegt, endlich die grossen Amtsgebäude, welche Bombay kennzeichnen (Victoria-Halteplatz, Universität, Obergericht,) einige rothe Dächer der höheren Geschäftshäuser und dahinter die Bergkuppen der in der Bombaybucht gelegenen Inseln.
Am äussersten schmalen Südende der Halbinsel sind einige militärische Gebäude, Werkstätten, seltsamer Weise auch Gesundheits- und Erholungs-Häuser für kranke Soldaten, eine Kirche am Strande, zum Gedächtniss an die 1842 in Afghanistan gefallenen Krieger, eine Sternwarte und ein Leuchtthurm, der nicht mehr in Thätigkeit ist, seitdem ein neuer (Prong Light) auf einer dicht vor der Colaba-Spitze gelegenen Klippe erbaut worden.
Auf dem Rückweg wandte ich mich zu der breitenUferstrasse, (Drive, Queens road,) welche längs des ganzen Ostufers der Halbinsel, aber von diesem durch die Eisenbahn geschieden, bis nach dem Malabar-Hügel hinzieht und stetig eine prachtvolle Aussicht auf diesen und die Hinterbay darbietet. Ihre Länge beträgt wohl eine deutsche Meile. Hier und da sind Bahnübergänge zu Spielplätzen am Wasser, die fleissig von Gross und Klein benutzt werden. Die Uferstrasse selber ist Nachmittags belebt von Wagen und Fussgängern. Die meisten Wagen gehören den Parsi, dann kommen die Engländer, auch Damen, die selbst die Rosse lenken, dann vornehme Hindu, in rothem goldstrotzendem Turban, von Lanzenreitern gefolgt, und einzelne Mohammedaner.
Zwischen den Hauptgebäuden der Stadt und dem Ostufer liegt einReitplatzvon der Gestalt einer längs gezogenen Ellipse, natürlichRotten Rowgenannt. Denn der Engländer nimmt mit sich seine heimischen Sitten, Gebräuche, Namen, Neigungen überall hin, selbst bis zum Aequator und zu den Gegenfüsslern.
Dann folgt Church-Gate-Halteplatz der Bombay-Baroda und Central India-Eisenbahn; weiterhin sehr stattliche Baracken für Soldaten und eben solche für Matrosen; die der letzteren führen den Namen Marine Lines, und danach heisst auch der Eisenbahn-Halteplatz.
Gleich darauf folgt der grosse Parsi-Turnplatz (Gymkhana). Hier hatte einige Tage zuvor Lord Hawkin mit seinem Cricket-Club aus England, der auf dem Schiff Shannon schon durch seine Unverschämtheit das Missvergnügen der Vernünftigen erregt, statt des geträumten Sieges eine gründliche Niederlage von Seiten der Parsi-Jünglinge erfahren, zur grossen Freude der Parsi und zu meiner eignen Genugthuung; schliesslich aber durch seine allerdings anerkennenswerthe Zähigkeit und Ausdauer einen ganz geringen Erfolg davon getragen.[603]
Endlich kommt man in dem Stadttheil Girgaum zu denBegräbnissstätten— der Hindu, Mohammedaner, Europäer, die so auf einander folgen.
Natürlich verbrennen die Hindu ihre Todten.
Als ich in die offene Pforte des von einer sehr hohen Mauer umgebenen Platzes eintreten wollte, kam eiligst ein hochgewachsener Sikh-Schutzmann quer über die Strasse geeilt, um mir in fliessendem Hindostani eine längere Rede zu halten. Natürlich verstand ich dieselbe nicht, sagte ihm auf englisch, dass ich ein Reisender sei und alles betrachten wolle. Das verstanderwieder nicht. Schliesslich aber führte er mich hinein zu einer grossen englischen Inschrift des Inhalts, dass die Andersgläubigen gebeten werden, die heiligen Handlungen nicht zu stören. Nun, ich hatte in Benares genug davon gesehen und ging meines Weges.
Dieeinheimische Stadterreicht man am besten über Hornby road, die von dem Denkmal des Prinzen nordöstlich zum Victoria-Halteplatz führt; und von da weiter[604]nördlich zumCrawfort Markt, dem Anfang der „schwarzen Stadt“. (2 Kilometer nördlich von meinem Gasthaus).[605]
Das Markt-Gebäude besteht aus einer mittleren Halle und zwei seitlichen Flügeln (150×100 Fuss und 350×100 Fuss), ist mit Eisen gedeckt, mit Fliesen gepflastert und sehr sauber gehalten.
Herr Arthur Crawford, städtischer Beamter von 1865–1871, hat natürlich die 1100000 Rupien, welche der Bau gekostet, nicht aus seiner Tasche gezahlt; aber doch ein grosses Verdienst um die Gesundheit der Stadt dadurch erworben, dass er die Schlachthäuser, die früher in der Nähe des Markts sich befanden, nach der Insel Salsette, nördlich von Bombay, verlegte.
Die mittlere Halle des Markt-Gebäudes wird ganz unpassender Weise von einem 128 Fuss hohen Glockenthurm überragt; sie hat aber innen einen sehr passenden Schmuck, einen Springbrunnen, der Kühlung verbreitet und frisches Trinkwasser in reichlicher Menge liefert, wieder eine Gabe des edlen Sir C. J. Readymoney. Die innere Einrichtung ist ähnlich der unserer Markthallen. Aber die Waaren sind verschieden.
Da sind ganze Reihen von Ständen, wo Betel verkauft wird. Unter den Früchten sind besonders Bananen und Pumelo bemerkenswerth, sowie Mango zu ihrer Zeit (Mai). Ferner sind Zwiebeln reichlich vorhanden und viel begehrt. Hier wie überall im Morgenland sind Männer die Käufer, wenngleich nicht ausnahmslos; aber in den Verkauf theilen sich beide Geschlechter gleichförmig. Fisch, Hammel-, Rind-Fleisch werden in besonderen Abtheilungen feilgeboten. Natürlich ist verhältnissmässig weniger Nachfrage, als bei uns, da die Hindu fast gar kein Fleisch essen.
Hinter der Markthalle ist ein schöner Garten, wo in kleinen Holzhäuschen lebendige Vögel, Papageien und Pfauen, ferner Aeffchen und langhaarige Katzen verkauft werden. (Für arabische Pferde, die aus Bagdad gebracht werden, giebt es einen besonderen Verkaufsstand. Die mit malerischem Burnus bekleideten Araber, welche diesen Handel betreiben, sind vielfach in den Strassen zu sehen.)
Von dem Markt ist es nicht weit zu denBazaren, wo die Erzeugnisse des Handwerks und Gewerbefleisses feilgeboten werden. Gleich die Fortsetzung von Hornby road, dieAbduraman- (oder Aboulrehman) Strasse, ist ganz und gar mit Läden besetzt.
Einen sehr grossen Raum nimmt derKupferschmied-Bazarein, er macht sich dem Reisenden auch bald durch den Lärm des Hammers bemerkbar. Grosse kupferne Wassergefässe (Lota) werden in ungeheuren Mengen feilgehalten und verkauft.
Berühmt sind ferner dieHolzschnitzereienund eingelegten Holzarbeiten von Bombay (Bombay-Büchsen), Gold- und Silber-Stickereien, Töpferwaaren, Juwelier-Arbeiten. Aber gewaltig ist die Zahl der Verkaufsstände für die ganz billigen Schmuckgegenstände undFlitter-Waaren, die jede Eingeborene, auch die ärmste, in grossen Massen gebraucht.
DieStrassender Eingeborenen-Stadt sind eng und gewunden, ohne Bürgersteig, aber reinlich und reich an Abwechslung, dicht gedrängt von der auf- und abwogenden Menge, durch welche merkwürdiger Weise Wagen, ohne Schaden anzurichten, sich durchwinden. Die Häuser enthalten unten Läden und Verkaufsstellen, oben Erker, die vielfach ebenso wie die Thürpfosten schön geschnitzt und reich bemalt sind. Ganze Sippen leben in einem Hause. Auf 2½ Quadratkilometer wohnen gegen 400000 Menschen.
VonTempelnbemerkt man leicht drei Arten, die grell bemalten und mit abenteuerlichen Bildwerken geschmückten Hindu-Tempel; die einfacheren und bildlosen Moscheen, die immerhin durch Kuppel und Minarets hervorstechen; und die ganz schmucklosen, unzugänglichen, wie es heisst, auch innen ganz leeren Gebethäuser der Parsi.
Obwohl in der Eingeborenen-Stadt die Teiche (Tanks) nicht fehlen, so sieht man hier doch nirgends die elenden Dorf-Hütten um dieselben, wie in Calcutta.
Einen besonderen Stadttheil im Norden bilden dieFabrikenmit ihren hohen Schornsteinen.
Ich besuchte mit einem Empfehlungsschreiben die Seidenfabrik des Herrn Sassoon, die 1200 Menschen, nurAsiaten, beschäftigt.
Die Führung war höchst umsichtig; sie begann mit dem Rohstoff, der Ordnung und Reinigung desselben, ging dann über zum Spinnen der Garne und zu den Geweben, den einfachsten wie den zusammengesetzten, zeigte das Färben und Bedrucken und schliesslich das Lager. Die Stoffe werden nach dem Gewicht verkauft, schöne Tücher das Pfund zu 15 Rupien, das ist das doppelte des Rohstoff-Preises.
In der Nähe der westlichen Querstrasse (Grant road[606]) liegen dieKrankenhäuser der Medicin-Schule(Grant Medical College).
Die neun Professoren tragen vor in englischer Sprache, die vier Hilfslehrer aber in Guzerati und Marathi. Die Hilfsärzte sind Eingeborene, ebenso die Studenten.
Die Krankenhäuser sind milde Stiftungen, meist von Parsi. Da ist das Jamshidji-Krankenhaus, dicht bei der Medicin-Schule, mit vierzehn Krankensälen zu je vierzehn Betten; einer ist für Parsi allein, in den andern finden Kranke aller Bekenntnisse und Kasten Aufnahme. Schwierig ist die Verpflegung: Hindu brauchen einen Koch ihres Bekenntnisses, ja die Brahmanen einen solchen aus ihrer eigenen Kaste: Mohammedaner und Parsi sind mit einem Christen schon zufrieden, wenn er nur die Vögel nicht erdrosselt, sondern schlachtet.
DerselbeJamshidji Jijibhaihat eine Wohlthätigkeitsanstalt für Arme und ein Asyl für Obdachlose (Dharmsala) mit 200 Einzelräumen erbaut; ein Armenhaus für Parsi haben die Söhne vonFardunji Sorabji Parakzum Andenken an ihre Mutter begründet.
DieGewerbeschule, welche an unser Gasthaus grenzt, wurde 1870 von dem Juden David Sassoon und seinem Sohn Sir Albert Sassoon mit einem Kostenaufwand von 15000 £ erbaut und auch mit einer guten Bücherei versehen. Auf dem Flur steht eine Bildsäule von David Sassoon.
Ganz imNorden der Stadt, jenseits des Vorstadt-Halteplatzes Byculla, liegt derVictoria-Garten.
Hier steht dasAlbert-Museum. Sir G.Birdwoodsammelte 1 lakh durch freiwillige Beiträge; 1862 wurde der Grundstein gelegt, 1871 das Gebäude vollendet. Sir Albert Sassoon schenkte den Glockenthurm dazu und, wenn ich nicht irre, auch die Marmor-Bildsäule des Prinzen Albert von Koburg, des Gemahls der Königin Victoria. Von dem Inhalt der Sammlung sagt Murray weiter nichts, als dass er unbedeutend sei. Das möchte ich nicht unterschreiben. Wenn auch die einzelnen Stücke nicht so kostbar sind, so ist ihre planmässige Vereinigung höchst werthvoll und geeignet, uns einen vortrefflichen Ueberblick über Handwerk und Gewerbefleiss in Indien, namentlich in dem britischen, zu verschaffen.
Da sieht man die Jute, die Baumwolle, die Seide von ihrem rohen Zustand durch alle Stufen der Bearbeitung bis zu den fertigen, vollendetsten Geweben. Da lernt man auch die Bedürfnisse der verschiedenen Bevölkerungen, der einzelnen Gegenden, der hundertfältigen Kasten kennen; jede trägt ihren Turban so wie vor Jahrhunderten. Deutsche Geschäfte, welche solche Gegenstände für Indien herstellten, mussten erleben, dass ihre Waaren unverkäuflich blieben, wenn nur eine geringe Abweichung in der Breite oder in der Farbe des Stoffes vorhanden war. Ausser Geweben sind auch Metallwaaren aller Art, Töpferwaaren und bemalte Thonfiguren, Schnitzereien reichlich vertreten, zumal ganze Kästen aus den in Europa und in Indien veranstalteten Gewerbe-Ausstellungen schliesslich dem Museum einverleibt worden sind.
Die Eingeborenen sind wieder die dankbaren Besucher. Obwohl ich mehrmals da war, habe ich ausser meinen eignen Begleitern kaum einen Europäer dort gesehen.
Hinter dem Gebäude ist der Eingang zu dem grossen und schön gepflegtenVictoria-Garten, der eine Fläche von 34 acres = 13½ Hektaren hat, auch eine stattliche Sammlung wilder Thiere besitzt und von der Stadt-Verwaltung mit einem Jahres-Aufwand von nur 10000 Rupien in Ordnung gehalten wird. So ein indischer Gärtner ist eben ein fleissiger und überaus genügsamer Mensch. Das Gitter öffnet ein Wärter, der auch durch Necken eines gefangenen Tigers einen Arm verloren. Eigenartig ist derSchlangen-Zwinger. Eine tiefe, ganz glatt ausgemauerte Grube enthält in der Mitte einen kleinen, künstlichen und gut bepflanzten Hügel mit höhlenartigen Löchern. Hier werden Riesen-Schlangen sowie auch kleinere gehalten und bewegen sich ungezwungen in völliger Freiheit, ganz anders als in unseren engen, künstlich geheizten Glas-Käfigen. Hier kann man beobachten, dass das Kriechen der Schlangen ein Vorschnellen oder plötzliches Strecken der Windungen des langen Leibes darstellt.
Malabar-Hügelbesuchte ich an einem Tage, den ich ganz denParsigewidmet.
Auf der Fahrt durch Canada hatte ich in der Eisenbahn einen jungen Parsi, Doctor der Heilkunde, kennen gelernt, der aus London, wo er drei Jahre an Guy’s Hospital studirt, jetzt zurückkehrte, mit seiner jungen Frau, seiner zehnjährigen Schwester und seinen Eltern. Die letzteren drei hatten die Reise nach London erst einige Monate zuvor unternommen, um einen berühmten Nervenarzt zu befragen. Auf der langen Eisenbahnfahrt und der noch längeren Schiffsreise über den Stillen Ocean wurden wir gut bekannt, zumal es mir gelang, ein rheumatisches Kniegelenkleiden der Mutter ganz gut zu heilen. Die Leute waren sehr dankbar, gebildet, des Englischen mächtig. Da ich vorher Parsi noch niemals gesehen, so war natürlich meine Aufmerkkeit gefesselt; ich suchte sowohl über die körperlichen Eigenthümlichkeiten als auch über die religiöse Eigenart dieser uralten iranischen Vettern mir ein Urtheil zu bilden.
Da die Leute eine ziemlich helle Gesichtsfarbe haben und auf der Reise europäisch sich kleideten, so wichen sie wirklich im Aussehen nicht viel von Südeuropäern ab. Lächelnd erzählte mir der Doctor, dass seine Fachgenossen in London ihn wegen seines gut gepflegten Schnurrbartes für einen Ungarn gehalten hätten. Obwohl das Geschrei glaubenswüthiger Eiferer über Andersgläubige und Heiden mich nicht beeinflusst, war ich doch geradezu erstaunt,den Inbegriff der Parsi-Lehrezu erfahren:
Reine Gedanken, reine Worte, reine Handlungen.Zur Erinnerung an diese schon in ihrer Bibel, dem sogenanntenZend-Avesta,[607]betonten Dreiheit, umgürten sie den Knaben, sowie derselbe sieben Jahr alt geworden, mit dem heiligen Gürtel (Kosti oder Kuschti), und tragen denselben stets, um durch seine drei Schnüre an die drei Hauptgebote ihrer Tugendlehre erinnert zu werden. Und sie handeln auch danach. Man kann bei ihnen, im Vergleich mit ihren britischen Herrschern, einen sittlichen Mangel nicht entdecken, eher eine gewisse Ueberlegenheit. Sie sind redlich im Geschäft und unendlich wohlthätig. Die Missionare hattengar keine Erfolgebei den Parsi, wie die letzteren lächelnd mir mittheilten, und die englischen Bücher, die ich gelesen, vollauf bestätigen.
Wenn ein übereifriger, ungelehrter Reverend unsrer Tage sie Heiden schilt, werden sie sich zu trösten wissen, — mit dem alten ProphetenJesajas,[608]der ihren König Koresch (Cyrus) den Gesalbten und den Hirten Gottes genannt; mit der Angabe des wahrheitsliebendenHerodot,[609]dass die Perser Bildsäulen und Tempel nicht errichten, weil sie nicht, wie die Hellenen, glauben, dass die Gottheit von Menschenart sei; da sogar einzelne vorurtheilsfreie mohammedanische Schriftsteller wie Sharastani († 1153 n. Chr. zu Bagdad) die Religion der Parsi mit der der Juden, Christen, Moslemin zusammengestellt; da kenntnissreiche und vorurtheilsfreie Forscher unserer Tage, wie namentlichHaug,[610]ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen und den edlen Kern ihrer Lehre hinter der krausen Hülle zu finden wissen; da endlich ihre ältesten und heiligsten Gesänge nur deneinenallmächtigen Gott lehren und preisen.
Der Gründer ihrer, der altiranischen, Religion istZoroaster(Zarathuschtra), der vielleicht um das Jahr 1000 v. Chr. (in Ost-Iran) gelebt hat. Die Quelle ist das BuchZend-Avesta, d. h. Erklärung vom Gesetz.[611]
In deraltiranischenSprache, die in Europa missbräuchlich Zend genannt wird und die sowohl mit dem ältesten Sanskrit der Veden nahe verwandt als auch mit dem Altpersischen (der Keilinschrift-Sprache der Achaemeniden-Könige Kyrus, Dareios, Xerxes) fast identisch ist, wurden die Lehren des Zoroaster und seiner Jünger gesammelt; aber diese an Biegungen ausserordentlich reiche Sprache hörte schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt auf, gesprochen und verstanden zu werden und wurde später durch das abgeschliffene, einfachere und von semitischen Worten ganz durchsetzte Pehlwi (Pahlavi) verdrängt. Die Angaben, welche die alten Griechen über die Religion der Perser uns hinterlassen haben, werden durch die heutige Erforschung des Zend-Avesta vollkommen bestätigt, ebenso durch die Entzifferung der Keilinschriften des Königs Dareios, welche beweisen, dass die Religion des Zoroaster, die Verehrung Gottes (Ahura masda), der Zeit in Persien die herrschende gewesen.
NachdemAlexander der GrossePersien erobert, in seiner Trunkenheit auch den Palast zu Persepolis mit der Hauptbücherei der masdagläubigen Lehre verbrannt hatte, verfiel die alte Religion unter der griechischen Fremdherrschaft und gedieh auch unter der Krieger-Herrschaft der turanischenPartheraus Khorasan (der Asarkiden von 256 v. Chr. bis 226 n. Chr.) nicht sonderlich, weshalb bei der Wiederherstellung des alten Glaubens unter denSassanidendes mittelpersischen Reiches (226 n. Chr.) nach mehr als fünfhundertjähriger Nichtachtung nur nochgeringe Ueberresteder alten Bücher sich vorfanden, die in diedamals übliche Schriftart[612]umgeschrieben und mit einer Uebersetzung ins Pehlwi oder Mittelpersisch versehen wurden.Der Name Zend-Avesta kam erst damals auf; unter derErläuterungwurden die Erklärungen in Pehlwi verstanden, welche die Priester dem ihnen wenig verständlichen Text hinzufügten. Im Jahre 636 n. Chr. wurde Jesdegerd III. von den Arabern besiegt; die Mohammedaner wütheten mit Feuer und Schwert gegen die „Heiden (Geber) und Feueranbeter“, vermochten aber ihre Lehre in Iran erst im Laufe einiger Jahrhunderte ganz auszurotten.
In der That sind jetzt nur noch 3000 Familien der Parsi zu Jedz (in der Provinz Irak-Adschmi, südlich von Teheran,) übrig geblieben, rings umgeben von den schiitischen Mohammedanern desneupersischenReiches, das, nachdem die Völkerwogen der Seldschucken und Mongolen vorüber gefluthet, 1502 vom Schah Ismael Safi begründet worden ist.
Ein Häuflein Parsi, welche den Mohammedanern und ihrem Glauben sich nicht unterwerfen wollten, wanderte 711 n. Chr. aus. Sie nahmen das heilige Feuer[613]mit, das sie bis auf den heutigen Tag unterhalten, gelangten schliesslich nach Guzerat, erwirkten hier in Indien Duldung und zogen, wie die Macht der Engländer erstarkte, nachBombay. In dieser Stadt leben jetzt 50000, in dem übrigen Theil der Präsidentschaft 25000, im sonstigen Indien nur noch wenige Hundert. Ihre Sprache ist Guzerati, doch lernen die Männer alle Englisch. Ihreheiligen Schriftenhaben sie aufbewahrt und gelegentlich auch aus Persien ergänzt.
So gelang es dem französischen GelehrtenAnquetil Desperons, der 1755 unter unsäglichen Entbehrungen nach Ostindien reiste und sieben Jahre dort verweilte, von einem Dastur (Parsen-Priester) eine Handschrift des Zend-Avesta zu erhalten sowie eine neupersische Uebersetzung, die er 1771 in französischer Uebertragung oder vielmehr Umschreibung herausgab. DieZweifel der Engländerüber das Alter der Schrift und sogar über die Echtheit der Sprache wurden 1826 von dem dänischen SprachforscherRaskbeseitigt, der ihre Verwandtschaft mit dem Sanskrit erkannte, und vonEugen Bournouf, der ihre Grammatik feststellte und Avesta-Texte herausgab (1829–1843). Seitdem hat man auch auf diesem dunklen Gebiete des Wissens Fortschritte gemacht. Europäische Gelehrte verstehen das Gefüge der Avesta-Sprache besser als die Dastur zu Bombay und Surat. Heutzutage können wir in der deutschen Uebersetzung vonSpiegel(Leipzig, 1852–1863), weit besser aber in der vonHaug(Leipzig, 1858–1860) und in dessen umfassendem Werk,[614]sowie in den vonMax Müllerherausgegebenen Sacred books of the East die uralten heiligen Gesänge (Gâthâs[615]) des Zoroaster mit Bequemlichkeit lesen.
Der leitende Gedanke vonSpitama Zarathushtrawar in derGlaubenslehredieEinheitGottes, in derWeisheitslehredieZwiefältigkeitder Dinge, der guten und der bösen, in derSittenlehredieDreifältigkeit(Gedanken, Worte, Thaten). Er war einer der tiefsinnigsten Denker jener uralten Zeit und ist alssolcher auch schon von den alten Griechen anerkannt worden. Gott heisst in den alten Gesängen des ZarathushtraAhurô mazdâo,[616]lebendiger Schöpfer des All. Ein böser Geist von ähnlicher Kraft ist der ursprünglichen Lehre fremd. Der Feind, gegen den Ahura kämpft, ist die Lüge (drukhsh). Auch in den Felsinschriften des Darius ist nureinGott (Auramazda), wie Jehovah im alten Testament.
Allerdings wird schon in den alten Gesängen dem Ahuramazda ein wohlwollender Geist (Spento mainyush) und ein strafender Geist (Angro mainyush) zugeschrieben. Später wurde dann Spento mainyush als Name des Ahuramazda (Ormazd) aufgefasst und Angro mainyush (Ahriman) als sein Widersacher.
So entstand die Zweiheit von Gott und Teufel, Himmel[617]und Hölle; die Lehre von der Auferstehung und dem jüngsten Gericht.
Die Parsi in Bombay sind kluge, thatkräftige, einflussreiche Leute. Sie herrschen im Grosshandel von Shanghai und Hongkong bis nach Calcutta und Bombay und von hier weiter nach Aden und bis nach London. Da das Gemeindewahlrecht in Bombay an eine hohe Steuer (von mehr als 100 Mark im Jahr) gebunden ist; so stellt die kleine, aber wohlhabende Gemeinde der Parsi ein Drittel der Wahlberechtigten. Viele studiren Rechtswissenschaft, auch in England; einige haben es schon bis zum Oberrichter gebracht. Sie halten treu zur Regierung. Aber grade bei ihnen hörte ich die durchaus gerechte Forderung:Indien den Indern. Die rücksichtslose Ausbeutung Indiens durch die Engländer soll aufhören; den in Indien geborenen Unterthanen der Königin Victoria soll Zutritt zu den höheren Aemtern gewährt werden.
Die grossen Schenkungen der reichen Parsi zum Allgemeinwohl und ihre häusliche Gastfreundschaft lässt der Brite sich wohl gefallen; aber auf dem Fuss der Gleichheit will er mit ihnen nicht verkehren. Die Parsi sollen nicht einmal in den Speisesälen von Watson’s Gasthaus am Tisch sitzen dürfen. Daran kehrteichmich allerdings nicht und nöthigte meinen bescheidenen Freund, an meiner Seite zu sitzen, — unbekümmert um die hochmüthigen und ärgerlichen Gesichter der Engländer; darüber zu reden wagte keiner von ihnen.
Am Vormittag besuchte ich den jungen Parsi-Doctor, der in dem Hause seiner Eltern zu Cumballa Hill wohnt. Das ist eine hübscheund hoch gelegene Vorstadt, nördlich vom Malabar-Hügel. Die Parsi besitzen schöne Häuser; ihnen gehören sogar die meisten der auf dem Malabar-Hügel belegenen Bungalow (Bangalo), welche für 300 bis 600 Mark monatlich an Europäer vermiethet werden.
Die Einrichtung der Empfangsräume, die Erfrischungen, welche mir vorgesetzt wurden, waren ganz europäisch. Die Kleidung der Damen aber war um eine leichte Abstufung wieder mehr morgenländisch, d. h. gefälliger geworden. Der Parsi hat nur eine Frau; diese versteckt er aber nicht.
Nachmittags fuhren wir, nachdem der Erlaubnissschein schon vorher beschafft worden, zu dem Parsi-Friedhof (Dhakma,Thurm des Schweigens), der auf dem höchsten Punkt des Malabar-Hügels steht, 150 Fuss über dem Meere, gerade da, wo die zugespitzte westliche Halbinsel aus dem viereckigen Hauptkörper der Insel Bombay frei wird. Ein reicher Parsi, der schon mehrfach genannte Sir Jamshidji Jijibhai, hat auf seine Kosten die schöne Strasse an der Nordseite des Malabar-Hügels angelegt und 100000 Quadratmeter Land dem Friedhof geschenkt.
Durch das äussere Thor der Umfassungsmauer steigt man 80 Stufen empor zu dem inneren, wo ein Parsi-Beamter die Führung übernimmt und dem Fremden einen Blumenstrauss bietet. Ob dies immer geschieht oder mir ausnahmsweise geboten wurde mit Rücksicht auf meinen Parsi-Freund, vermag ich nicht zu sagen.
Zuerst erreicht man ein schmuckloses Steinhaus, wo Gebete gesprochen werden, wenn der Todte vorüber getragen wird. Von hier hat man eine herrliche Aussicht auf Bombay.
Zur Linken erscheinen die Hügel des Nordendes (Mazagaon, an der Ostseite der Insel) und die grossen Schornsteine, geradeaus am Fusse des Hügels ein dichter Palmenwald, in dem die Hütten der Eingeborenen verschwinden, zur Rechten, jenseits der Hinterbay, der Victoria-Halteplatz, die Kathedrale und die amtlichen Gebäude.
Einen Leichenzug habe ich nicht gesehen, aber die Beschreibung gehört und gelesen. Vier Leichenträger tragen die Leiche auf einer Bahre, dann folgen zwei bärtige Männer, die allein den Thurm des Schweigens betreten und die Leiche im Innern niederlegen, endlich 100 Parsi-Männer in langem Zug, zu zwei und zwei geordnet.
Ins Innere der fünf weissgetünchten Thürme hat, ausser den dazu Angestellten, Niemand Zutritt, nicht einmal ein Parsi, geschweige denn ein Fremder; nichtsdestoweniger wissen wir ganz gut, wie es darin aussieht, da die Parsi selber genau ausgeführte Modelle nebst Beschreibung an die Museen von Bombay, Calcutta, London und andrerStädte vertheilt haben; auch im Völkermuseum zu Berlin ist eine solche Darstellung.
Der grösste Thurm, der 30000 £ gekostet, hat einen Durchmesser von 40 Fuss und eine Höhe von 25 Fuss. Auf einer Treppe steigen die Todtenträger empor zu der Oeffnung, die 8 Fuss über dem Erdboden liegt und 5½ Fuss breit wie hoch ist. Das Innere bildet eine Fläche, welche abwärts geneigt ist gegen den mittlern Schacht von 5 Fuss Durchmesser und durch Zwischengänge in drei breite, concentrische Reihen geschieden wird, die ihrerseits wieder durch strahlenförmig angeordnete Zwischenwände in zahlreiche Felder getheilt werden. In der äusseren Reihe finden die Leichen der Männer, in der mittleren die der Frauen, in der inneren die der Kinder ihren Platz. Sowie der vollkommen nackte Leichnam niedergelegt, die Thür geschlossen ist, die beiden bärtigen Männer fortgegangen sind; stürzen sich die zahlreichen, grossenGeier, welche die benachbarten Bäume bewohnen, durch die obere Oeffnung des ganz unbedeckten Thurmes auf den Todten, und in weniger als 30 Minuten ist nur noch das Knochengerüst übrig. Dies trocknet in der Sonne und freien Luft und wird dann in den tiefen Schacht geworfen, wo es zu Staub zerfällt. Das eindringende Regenwasser wird ab- und durch eine dicke Schicht Kohle hindurch geleitet, so dass es vollkommen geruchlos schliesslich in die See fliesst. Der Staub füllt den Schacht so langsam, dass der letztere in 40 Jahren erst um 5 Fuss sich erhöht hat. Ich sah übrigens die Geier nicht auf den Bäumen sitzen, sondern auf der oberen Rundung des Thurmes; alle waren regungslos, die Köpfe nach innen gerichtet, wie eine phantastische Zinnenkrönung des Gemäuers. Fünf derartige Thürme sind vorhanden, alle ganz einfach gebaut und weiss getüncht.
Diese Art der Bestattung hat einen doppelten Ursprung: einmal wollen die Parsi nicht mit den für unrein gehaltenen Todten das heilige Feuer beflecken, noch die als Element verehrte Erde; sodann soll im Tode, nach dem Wort desZerduscht,[618]Reich und Arm sich begegnen. Gewiss wird der Brauch Vielen grässlich erscheinen; aber wer den einsamen, schön geschmückten Garten mit den feierlichen Cypressen und den geheimnissvollen, nie betretenen Thürmen des Schweigens gesehen, kommt bald zu andrer Anschauung, vor allem zu einer Achtung der fremden Ueberzeugung. Glauben doch die Parsi so innig an die Auferstehung der Frommen, wie nur irgend ein gläubiger Europäer. Und eine weitere Ueberlegung kann Jedem sagen: was hier die Geier in einer halben Stunde vollenden, das machen auf unseren Friedhöfen dieWürmer in längerer Zeit. Seien wir weniger nachsichtig gegen unsere Fehler, dann werden wir gerechter sein gegen Andersdenkende.Sir Lyon Playfair[619]sagt über diesen Gegenstand Folgendes: „Ich bin amtlich mit der Untersuchung verschiedener Kirchhöfe betraut worden, um über ihre Beschaffenheit zu berichten. Die Erinnerung an das, was ich gesehen, macht mich heute noch schaudern. Das Grab sollte, mit dem Auge der Wissenschaft, als ein Verbrechen gegen die Lebenden und als eine Entehrung der Todten angesehen werden.“[620]
Wer von dem Parsi-Friedhof auf der Halbinsel des Malabar-Hügels weiter südwärts fährt, sieht östlich die schönenGartenanlagen, die am Ostabhange des Hügels geschaffen sind, mit Rasenplätzen und Bänken an den schönsten Aussichtspunkten; ferner die zahlreichenBungalow, die in Gärten liegen, und von europäischen Kaufleuten, Rechtsanwälten, Aerzten, Consuln bewohnt werden, zum Theil auch — leer stehen, wegen der schlechten Zeiten, und an den Eingangspforten Vermiethungszettel zeigen; gelegentlich auch das abenteuerlich geschmückte und bemalte Schloss eines einheimischen Fürsten. Manche von diesen Häusern haben gewaltige Unterbauten, wie in den abschüssigen Theilen von Neapel, erfordert.
Aber merkwürdiger ist das nahe der Südostküste der Halbinsel belegene heilige Dorf der Hindu,Walkeschwar, d. h. des Sandes Herr.Rama, der göttliche Held, eine Verkörperung von Wischnu, hat auf dem Wege von Ayodha nach Lanka, um seine von dem bösen Ravana entführte Braut Sita zu suchen, hier eine Nacht gerastet. Da ihn dürstete, schoss er einen Pfeil in den Boden: sofort erschien derheilige Teich(Vanatirtha, Pfeil-Teich), der heute noch verehrt und rings mit kleinen Kapellen und Häusern von Brahmanen umbaut ist. Und da der heilige Linga, den ihm sein Bruder jeden Abend aus Benares durch einen Geist schickte, nicht rechtzeitig ankam, so bildete er einen neuen aus demSanddes Bodens.
Höchst anmuthig sind die nackten Kinder, die hier spielen. Nur Brahmanen wohnen in dem heiligen Dorf. Aber leider haben sie, in ihrer Frömmigkeit, gegen die Impfung der Europäer zu sehr sich gesträubt; von den zwölf Erwachsenen, die uns neugierig umgaben, zählteich sechs, die durch Pocken ein narbendurchfurchtes Gesicht und Verlust je eines Auges zu beklagen hatten.
Grässlich sehen die Büsser aus, die, ihrem frommen Wahn folgend, mit wirrem Haar, aschebeschmiertem Gesicht und unbekleidet auf der Erde sitzen und scheinbar an der irdischen Welt keinen Antheil nehmen.
Der heilige Teich ist ganz hübsch, rings herum hegen die kleinen Hindu-Tempel mit Nandi und Linga und auch Häuser der Frömmsten; auf den Zugangsstrassen aber Rasthäuser für Pilger, von wohlhabenden und wohlthätigen Hindu errichtet.
An der äussersten Südspitze der Malabar-Halbinsel (etwa eine deutsche Meile von dem Fort) befindet sich derPalast des Statthalters. (Gouvernements house at Malabar Point.)
Es ist ein anspruchsloses, etwas grosses Bungalow, gegen 100 Fuss über der See, mit schattiger Vorhalle, grossem Garten, Dienst- und Wacht-Gebäuden. Etwas tiefer, an der Endspitze der Halbinsel, liegt eine Batterie. Der Fremde wird von den Schildwachen höflich gegrüsst und von den prachtvoll gekleideten Dienern in die Vorhalle geleitet, wo er seinen Namen in das Buch einträgt.
Die Rückfahrt längs der Ostküste der Halbinsel (Breach Candy) um Cumballa Hill ist gegen Abend sehr angenehm.
Nach dem Abendessen fuhren wir zumParsi-Theater. Das ist ein ganz stattliches, ordentliches Gebäude mit einem Halteplatz für Wagen, einer Erfrischungshalle, wo Selterswasser, Wein, Süssigkeiten zu haben sind, mit geräumigem Sperrsitz, zahlreichen Rängen und guter Gasbeleuchtung.
Ausser mir und einem österreichischen Herrn aus meinem Gasthaus, der mich begleitete, war kein Europäer zugegen. Aber das Haus war gut gefüllt: die Frauen alle, jung wie alt, in die kleidsamen Tücher gehüllt, welche das Antlitz mit blumig gesticktem Saum umrahmen, und in zarte Seidenstoffe gekleidet; die Männer ganz oder halb europäisch angezogen, mit ihren hohen Spitz-Hüten.
Das Stück, welches gegeben wurde, war —Molière’s Geizhals, aber nicht in sklavischer Uebersetzung, sondern in freier Nachdichtung und natürlich in der Umgangssprache der Parsi (Gujerati). Soweit es ging, waren Hindu die Bösewichter, Wucherer und Ränkeschmiede; Parsi die edleren, wenngleich leichtlebigen Gesellen. Die aufgeklärten, nach der neuesten Mode gekleideten, sogar Cigarren rauchenden, Kneifer tragenden[621]Mitglieder der goldenen Jugend wurden in sehr belustigender Weise den ehrwürdigen, strenggläubigen Alten gegenüber gestellt; die Frauen-Rollen recht anmuthig von jungen Damen gegeben. Es war offenbar ein Stück des thatsächlichen Volkslebens auf die Bühne gebracht, für mich weit anziehender und geschmackvoller, als das englische „Volksstück“ the lights of London, welches ich in New York gesehen.
Um 11½ Uhr fuhr ich nach Hause, ohne das Ende des Stücks abzuwarten, aber darüber belehrt, dass in Asien Leute leben, von deren Bildung und Tugend wir stolzen Europäer kaum eine schwache Ahnung haben.
Zu denAusflügen, die ich von Bombay gemacht, gehört der nachMahiman der Nordwestecke der Insel. Wenn man einen raschen Einspänner zu seiner Verfügung hat, ist die Fahrt ganz angenehm und auch lohnend. Man durchfährt erst die Stadt Bombay von Süden nach Norden, dann die Vorstädte Bykulla und Parel. Obwohl die Häuser weiter aus einander liegen, und Felder, Bleichen und Färbereien sich einschieben; hört doch die Bebauung eigentlich gar nicht auf, bis man Mahim erreicht hat.