Benares.
East Indian Railway führt von Howrah (dem westlichen Eisenbahnhalteplatz von Calcutta) nach Moghal Serai, 469 englische Meilen; und von hier Oudh and Rohilkand R. nach Benares, 10 Meilen: zusammen 479 englische Meilen = 766 Kilometer in 16 Stunden, für 46 Rupien 2 Annas, in der ersten Classe. Es ist der Hauptzug quer durch Nordindien und sehr stark besetzt. Als ich eine knappe Stunde vor Abgang des Zuges eintreffe, sind die meisten Wagen schon belegt. Doch fand ich noch einen guten Platz, mich häuslich einzurichten. Die Nacht war ziemlich kühl.
Am nächsten Vormittag fuhren wir südlich von Ganges und nicht weit von demselben durch die Landschaft Behar. Das Land ist angebaut wie ein Garten. Allenthalben sind Brunnen auf den Feldernsichtbar. (Die ganze Präsidentschaft Bengalen misst 400000 Quadratkilometer und zählt 70 Millionen Einwohner.)
Der Zug führt über die 1500 Yards = 1450 Meter lange Stahlbrücke[465]der Oudh- und Rohilkand-Eisenbahn, eine der schönsten in Indien, und hält um 1 Uhr in Benares. InClark’s Hotelfinde ich ein leidliches Zimmer und Frühstück.
Die Gasthäuser imInnernvon Indien sind mittelmässig.[466]Die kleineren bestehen aus einem schmalen Speisesaal, in den man von der mit einfacher Veranda geschmückten Hauptfront eintritt, und der rings umgeben ist von sechs bis acht Schlafzimmern, — fast so wie auf mittelmässigen Dampfschiffen. Jedes Schlafzimmer hat seinen Eingang vom Speisesaal, seinen Ausgang durch das Waschzimmer in’s Freie. Die Einrichtung ist einfach, die Betten genügen dem ermüdeten Reisenden. In den grösseren Gasthäusern legt sich noch eine Vorhalle vor den Speisesaal, ein Lesezimmer dahinter; die grössten haben ausserdem einen langen schmalen Flügel mit einem Schattendach davor und mit einer Reihe von Schlafzimmern nebst Zubehör.
Die Verpflegung ist mittelmässig, die Bedienung gleichfalls. Aber, wenn der Reisende abfährt, steht eine ganze Schaar von Dienern da, um Trinkgeld in Empfang zu nehmen: der Tischdiener, der Zimmerdiener, der Ausfeger, der zum Zeichen seiner Würde einige zusammengebundene Ruthen in der Hand hält, gelegentlich noch ein Nachtwächter, ein Pförtner, der Kutscher, der uns gefahren, und dessen jugendlicher Gehilfe. Zum Glück ist jeder mit 2 bis 3 Anna für den Tag zufrieden, so dass man mit 1 oder 1½ Rupien täglich diesen Ausgabeposten bestreiten kann. Wenn aberzweiMänner mit Besen dastehen, so braucht nur einer bezahlt zu werden.
Benares ist eine der ersten Ansiedlungen der Arier, als sie bis in die Ganges-Ebene vorgedrungen, die älteste Stadt der Hindu und von ihren sieben heiligen Städten die heiligste, ihr Mekka, die Pforte zum Paradiese. Kein Fluss der Erde wird so verehrt wie der Ganges (oder vielmehr „Mutter Ganges“) von den Hindu; er gilt ihnen für einen unmittelbaren Ausfluss der Gottheit. Von dem Quell im Himalaya bis zu der Mündung ist das ganze Ufer heiliger Boden, am heiligsten die Vereinigung von Jumna mit Ganges, der wirkliche Wallfahrtsort (Prayág), wohin Hunderttausende alljährlich wandern, um ihre Sündenmit dem geweihten Wasser abzuwaschen. Das heilige Wasser des Ganges wird in Krügen auf den Schultern frommer Pilger bis zur Südspitze Indiens getragen, neuerdings auch — in europäischen Glasflaschen massenhaft versendet. Aber der Ganges mit seinen Hauptnebenflüssen ist auch der grosse Wohlthäter der mächtigen, dichtbevölkerten Ebene von Indien, er befruchtet die Felder der Landbauer und vertheilt ihre Ernten.
Es ist sehr merkwürdig, wieseltsamder Ganges in die deutsche Literatur eingeführt worden ist.
„Am Ganges duftet’s und leuchtet’sUnd Riesenbäume blühn,Und schöne stille MenschenVor Lotos[467]-Blumen knien.“„Fort nach den Fluren des Ganges —Dort liegt ein rothblühender GartenIm stillen Mondenschein,Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.“„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,Der Himalaya steht im AbendscheineUnd aus der Nacht der BanianenhaineDie Elephantenheerde stürzt und brüllt —“
„Am Ganges duftet’s und leuchtet’sUnd Riesenbäume blühn,Und schöne stille MenschenVor Lotos[467]-Blumen knien.“„Fort nach den Fluren des Ganges —Dort liegt ein rothblühender GartenIm stillen Mondenschein,Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.“„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,Der Himalaya steht im AbendscheineUnd aus der Nacht der BanianenhaineDie Elephantenheerde stürzt und brüllt —“
„Am Ganges duftet’s und leuchtet’sUnd Riesenbäume blühn,Und schöne stille MenschenVor Lotos[467]-Blumen knien.“„Fort nach den Fluren des Ganges —Dort liegt ein rothblühender GartenIm stillen Mondenschein,Die Lotosblumen erwartenIhr trautes Schwesterlein.“„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,Der Himalaya steht im AbendscheineUnd aus der Nacht der BanianenhaineDie Elephantenheerde stürzt und brüllt —“
„Am Ganges duftet’s und leuchtet’s
Und Riesenbäume blühn,
Und schöne stille Menschen
Vor Lotos[467]-Blumen knien.“
„Fort nach den Fluren des Ganges —
Dort liegt ein rothblühender Garten
Im stillen Mondenschein,
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.“
„Der Ganges rauscht, der grosse Ganges schwillt,
Der Himalaya steht im Abendscheine
Und aus der Nacht der Banianenhaine
Die Elephantenheerde stürzt und brüllt —“
Wann Benares(Waranasi)gegründet worden, wie die Schicksaleder Stadt im Laufe der Jahrhunderte sich gestalteten, ist uns völlig unbekannt, da die Hindu, dasungeschichtlichsteVolk der Erde, keine Nachricht überliefert haben. Wir wissen nur, dass im 6. Jahrhundert v. Chr. Benares eine grosse Stadt gewesen, wohin Buddha zog, um seine Lehre zu verkündigen; und dass noch im 7. Jahrhundert n. Chr. ein chinesischer Pilger zu Benares blühende Klöster der Buddhisten und mächtige Thurmbauten vorfand. Wie und wann diese Buddha-Verehrung so ganz und gar von der Brahmanen-Religion verdrängt worden, ist in tiefes Dunkel gehüllt.
Erst seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dämmert uns Licht auf in dengeschichtlichen Jahrbüchern der Mohammedaner. Im Jahre 1194 n. Chr. wurde Jai Chand, Rajah von Benares, „dessen Heer zahllos war wie der Sand am Meer“, besiegt und getödtet durch Kutbu-din, den Heerführer des Mohammed Ghori aus Afghanistan. Kutbu zerstörte 1000 Tempel der Hindu und baute Moscheen an ihreStelle.Von dieser Zeit herrschten Mohammedanerüber Benares, bis 1776 die Engländer an ihre Stelle traten. Durch die bilderstürmende Wuth der mohammedanischen Eroberer ist es gekommen, dass heutzutage kein Gebäude zu Benares steht, das über die Zeit des milden Akbar (1556 bis 1605 n. Chr.) hinaufreicht.
Aber trotzdemherrscht jetzt der Dienst des Schiwa, dessen schöpferische Kraft im Linga verehrt wird. 1400 Hindu-Tempel schmücken die Stadt, 8000 Häuser sind Eigenthum der Priester, die (25000 an der Zahl — nebst zahllosen Bettlern) von den Opfergaben der Pilger leben. Vor wenigen Jahrzehnten schenkte der Fürst von Tanjore sein Körpergewicht an Geld den Tempeln, 1876 der Fürst von Kaschmir 50000 Mark den Tempeln, und jedem der 25000 Brahmanen 30 Mark. Viele Tausende wallfahren hierher zu den Festtagen. (200000 in jedem Jahr.) Die heiligen Treppen sind selbst zur heissesten Zeit des Tages belagert, obwohl die Stadt eine mittlere Jahrestemperatur von 26,6° C. besitzt. Fürsten und Edle haben am Ufer des Ganges Paläste erbaut, wo sie die Festtage verleben und im Alter ihre letzten Tage hinbringen. Die Bevölkerung betrug 1881 gegen 200000 Einwohner, davon waren 151334 Hindu, 47234 Mohammedaner, 1130 Christen. Die Zählung von 1891 ergab für Benares mit Cantonment 219467 Einwohner. Benares ist die sechste Stadt Indiens nach der Bevölkerungszahl, ein grosser Platz für den inneren Handel und für die Erzeugung von Metallwaaren und Geweben.
Nicht bloss die alten Veda-Arier und die Buddhisten, auch die Secten des neueren Hinduismus finden in Benares ihren Mittelpunkt und ganz kürzlich hat hier Talsi das Heldengedicht Ramayana in die Volkssprache des Hindi übersetzt und zum Gemeingut der lebenden Geschlechter gemacht. In der Sanskrit-Hochschule zu Benares ist Sanskrit die Vortragssprache.
Benares ist auch die malerischste Stadt Indiens; es liegt an einer Biegung des Ganges, der hier ½ Kilometer, zur Fluthzeit aber über 1 Kilometer breit ist, auf dem Rücken eines niedrigen Hügels, etwa 100 Fuss über dem Wasserspiegel. Vom Fluss aus erblickt man eine 5 Kilometer lange Flucht von Palästen und Tempeln und die zahlreichen heiligenTreppen(ghats), welche von den Palästen zum Fluss-Ufer hinabführen.
Natürlich litt es mich nicht lange im Gasthaus, wo nach dem Frühstück vor der Veranda der Gaukler mit Schlange und Mango erschienen war. Ich miethete mir einen Führer,[468]einen Wagen[469]undfuhr nach der Stadt der Eingeborenen, die 3 englische Meilen von dem Cantonment, der Wohnung der Truppen und der Engländer, entfernt ist. Mit dem Führer hatte ich kein Glück, er war von allen seinen Fachgenossen am wenigsten in der englischen Sprache und Kenntniss der Alterthümer bewandert; ich hatte, aus Mitleid, den ältesten aus der Schaar gewählt.
Wir besichtigten einige Tempel, nahmen aber dann sofort ein Boot,[470]um dieFluss-Uferentlang zu fahren. Das Boot hat acht Ruderer und zwei Stühle auf dem Verdeck, für den Reisenden und für seinen Führer.
Ganz langsam fuhren wir nahe an dem Flussufer entlang.
Die mächtigenTreppensind dicht gedrängt von Andächtigen; darüber ragen die Spitzdome der Tempel und die thurmgeschmückten Paläste empor, vom milden Licht der Abenddämmerung übergossen und nur in ihren Hauptumrisslinien sichtbar. An den bevorzugten Stellen grösster Heiligkeit lodernScheiterhaufen, umringt von weissgekleideten Priestern und von den Leidtragenden. Das Ganze ist so fremdartig und märchenhaft für den europäischen Reisenden, dass er sich fragen möchte, ob es nicht ein wesenloses Traumbild sei, bis er an’s Land steigt, und, von dem Zauber der Todtenfeier ergriffen, ruhig auf einer Steinstufe Platz nimmt und mit seinen braunen Brüdern in die Flamme des Scheiterhaufens blickt.
Der nächste Tag (8. December) war einerplanmässigen Betrachtungder heiligen Stadt gewidmet. Die andächtigen Hindu baden täglich[471]schon früh am Morgen im Ganges und mehr als ein Mal, an verschiedenen Stellen; Vormittags sind die Läden leer. Deshalb brachte mich mein schneller Zweispänner schon früh am Morgen aus der englischen Ansiedlung vorbei an zahlreichen Tempeln mit dem Spitzdom[472]nach demHaupthalteplatz der Boote. Wir rudern zum äussersten Westende der Stadt und lassen uns dann langsam vom Strom am Ufer entlang ostwärts treiben. Die Ghats sind breite Ufertreppen, von frommen und reichen Hindu unterhalb ihrer Paläste abwärts bis zum Wasserspiegel für ihre gläubigen Landsleute und für die Pilger erbaut. Ein solcher Bau gilt für das verdienstvollste Werk; einen Palast oder ein Haus mit dem Blick auf den Ganges zu besitzen, für die höchste Glückseligkeit.
Zum Ganges pilgert jeder Hindu, der es durchsetzen kann. Aber für die heiligste Handlung gilt die sechsjährige Pilgerschaft von der Quelle bis zur Mündung und zurück. Nach Benares zieht jeder Greis und jede Greisin, wenn sie es ermöglichen können, um nach Abschluss des irdischen Lebens hier einen seligen Tod zu erwarten und ihre Asche in den heiligen Fluss streuen zu lassen. Oft genug giebt der Ganges seinen frommen Kindern den Tod. Das kühle Bad am frühen Wintermorgen schüttelt die dürren Glieder der kraftlosen Greisin; das so heiss ersehnte Ziel wird früher erreicht. Noch schädlicher ist die Mittagsgluth im Hochsommer auf den Treppen. Am schlimmsten aber scheint die Zusammendrängung der Menschen zur Zeit von heftigen Seuchen. Das Heimathland der Cholera ist Indien. 150000 Pilger sollen an hohen Festtagen in Benares vereinigt sein.
Die Hindu am Ganges sind die frömmsten Menschen, welche ich bisher gesehen. Dass sie besser seien als wir, wollen ihre Beherrscher, die Engländer, nicht zugeben. Dass sie sich glücklich fühlen, will ich hoffen. Dass sie aber so heiter und zufrieden aussehen, wie die Japaner, kann der aufmerksame Reisende nicht bestätigen.
47 Treppen folgen aufeinander in der Richtung der Strömung, d. h. von West nach Ost; oder, da der Fluss hier eine Biegung nach Norden macht, vonSüd-West nachNord-Ost.
Die erste istAshi Ghat, so genannt nach dem Bächlein Ashi, das hier in den Ganges fliesst; sie ist 40 Fuss breit und ziemlich verfallen, obwohl sie zu den heiligsten Wallfahrtsplätzen von Benares gehört. Von dem dritten Ghat sind sogar gewaltige Steinmassen abgestürzt und liegen am Rand des Ufers; ich weiss nicht, ob die Baumeister die Grundmauerung zu schwach angelegt, oder ob hier die Strömung des Flusses zu stark ist.
Auf dem nächsten liegt eine grosse Bildsäule des Kriegsgottes; er heisst Bhim und sieht aus wie General Bum; die Sage erzählt, dass er alljährlich von der Fluth des Stromes fortgewaschen wird und von selber sich neu schafft. Das sechste istShivala Ghat, diese Treppe ist sehr schön gebaut und dicht gedrängt von Andächtigen. (Es sollen Morgens um 7 Uhr an 70000 Menschen gleichzeitig im Ganges baden.) Priester sitzen unter riesigen Sonnenschirmen auf den zierlich gemauerten Hervorragungen, die allenthalben die breite Treppenflucht unterbrechen, Beter auf den Stufen verneigen sich und heben die Arme empor, Männer und Frauen in weissen oder rothen Gewändern steigen in das Wasser, das ihnen bis über die Brust reicht, streuen Blumen hinein, netzen Augen, Mund, Stirn, alle voll Ernst und Inbrunst und heiliger Begeisterung, und schreiten dann wieder, die Männerwürdevoll, die Frauen anmuthig, die Treppe empor zu kleinen Gemächern, um auszuruhen und sich zu trocknen.
Oberhalb dieser Treppe steht der feste Palast, in demChait Sing, der Rajah von Benares, 1781 wohnte. Da er keine Hilfsgelder zahlen wollte, behaupteteWarren Hastings, dass er in Briefwechsel mit dem Feinde stände, und sandte Truppen zu seiner Verhaftung; aber der Rajah entkam durch ein Fenster, das uns gezeigt wird. Natürlich wurde sein Besitz eingezogen und nur unter der Bedingung einer verstärkten Tributzahlung an seinen Neffen ausgehändigt.
Am neunten oderSmashan Ghatsieht man stetsScheiterhaufen; die Leiche, ganz in weisses Zeug gehüllt, ist auf einer einfachen Bahre (aus zwei Bambusstäben mit einigen Querleisten) mittelst dünner Stricke aufgebunden und liegt hart am Rande des sandigen Ufers, so dass die Füsse noch von dem heiligen Wasser benetzt werden. (Auf dieser Bahre war sie von zwei weissgekleideten Männern, die fortwährendRam,Ram[473]rufen, zum Ganges-Ufer getragen worden, während die Leidtragenden folgten. Das sieht man in Benares an jedem Tage zu wiederholten Malen.)
Die Verbrennung ist unglaublich einfach und billig. Ein lockerer Scheiterhaufen von 6 bis 7 Fuss Länge und 2 bis 3 Fuss Höhe mit einigen zu beiden Seiten schräg aufgestellten, gewissermassen überwölbenden, armdicken Hölzern genügt vollständig, um in zwei Stunden die Leiche bis auf geringe Reste zu verbrennen.[474]
„Unsterbliche heben verlorene KinderMit feurigen Armen zum Himmel empor“,
„Unsterbliche heben verlorene KinderMit feurigen Armen zum Himmel empor“,
„Unsterbliche heben verlorene KinderMit feurigen Armen zum Himmel empor“,
„Unsterbliche heben verlorene Kinder
Mit feurigen Armen zum Himmel empor“,
singt Goethe in seiner Indischen Legende; und in der Braut von Korinth:
„Wenn der Funke sprüht,Wenn die Asche glüht,Eilen wir den alten Göttern zu.“
„Wenn der Funke sprüht,Wenn die Asche glüht,Eilen wir den alten Göttern zu.“
„Wenn der Funke sprüht,Wenn die Asche glüht,Eilen wir den alten Göttern zu.“
„Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.“
Aber will ich nicht verhehlen, dass der scharfe Blick des Beobachters dabei auch Einzelheiten entdeckt, welche empfindsamen Gemüthern die dichterische Verklärung zu rauben geeignet sind.
Da verbrennt der untere Theil des Rumpfes, während der Oberschenkelknochen wie ein Balken aus der Gluth herausragt, bis der Mann mit der Schürstange ihn abschlägt und in die Flammen drängt: da will der Brustkasten, der Schädel nicht zerfallen, bis wiederum die Schürstange mit kräftigen Stössen nachhilft.
Die elfte Treppe istKedar Ghat. Nach den heiligen Büchern der Hindu wird die Stadt in drei Theile getheilt, Benares, Kashi und Kedar. Kedar ist auch ein Name für Schiwa oder für seinen heiligen Berg im Himalaya. Dicht bei dem Schiwa-Tempel ist ein heiliger Teich, umgeben von 60 Schreinen, und ferner ein heiliger Stein, 4½ Fuss hoch, 15 Fuss im Umfang, — ein Fetisch.
Am nächsten Ghat werden sogar Schlangen verehrt, ein Ueberbleibsel aus der Religion der Ureinwohner von Indien.
Das vierzehnte istSomeshwar Ghat(vonSoma, Mond, undI’shwar, Herr). Dies ist diePoliklinikder Hindu, denn hier werden alle Krankheiten geheilt. Nur nicht die Pocken, für die giebt es eine besondere Treppe, nämlich No. 24, Sitla Ghat. Sitla ist die Göttin der Pocken.
Sie muss aber ihres Amtes nicht gehörig walten, vielleicht ärgert sie sich über die Zähigkeit, mit welcher die Engländer in Indien die Schutzpocken-Impfung durchsetzen: jedenfalls habe ich nirgends so viele Pockennarbige gesehen, wie in manchen Theilen von Indien.
Das zweiundzwanzigste istMunshi-Ghat, das schönste von allen, oben gekrönt mit einem prachtvollen Palast im reinen Hindu-Stil mit wandständigen, schön gegliederten Säulen. Der Erbauer war Munshi Shri Dahar, Minister des Rajah von Nagpur.
Aber dasmerkwürdigstevon allen ist das fünfundzwanzigste,Dasashwamedh Ghat. Es hat seinen Namen von den zehn[475]Rossen, die Brahma hier geopfert haben soll; gehört zu den fünf heiligsten Wallfahrtsorten; ist oben ganz besetzt und rings umgeben von zahlreichen Spitzdomen der Tempel und von riesigen Sonnenschirmen, unter denen der Priester zu einer kleinen Schaar von Frommen und Getreuen redet; und immer gedrängt voll von Pilgern und Andächtigen, so dass die Treppenstufen nicht ausreichen, sondern kleine Holzbänke auf Pfählen von dem benachbarten Theil des Ufers aus in den Fluss vorgeschoben werden. Auf diesen Holzbänken liegen auch Kranke, denen von ihren Angehörigen das heilkräftige Wasser desgrossen Ganges verabreicht wird. Diese Treppe wird gewöhnlich abgebildet, um die heilige Stadt Benares zu kennzeichnen.
Hier steigt der Reisende aus, um die religiöse Begeisterung des Hindu-Volkes aus der Nähe zu betrachten. Sein Blick fällt auch auf einige niedrige Steinsäulen neben den Treppen; das sind Zeugnisse der Glaubenswuth:Satí,[476]Denksteine für lebendig mit dem todten Gatten verbrannteWittwen.
In den altenRig-Vedader Arier war dieser fürchterliche Gebrauch ganz unbekannt. Die Verse, welche von den Brahmanen später zu Gunsten der Wittwen-Verbrennung angeführt wurden, haben offenbar dieentgegengesetzteBedeutung: „Steh auf, o Weib, komm zu der Welt des Lebens. Komm zu uns. Du hast deine Pflichten als Weib gegen deinen Gatten erfüllt.“ Aber seit jener dunklen Zeit, wo die Lichtgötter der Veda der Dreieinigkeit der Brahmanen und dem Pantheon der Hindu-Religion weichen mussten, hatte der Gebrauch feste Wurzeln geschlagen und erlangte im Laufe der Jahrhunderte die Heiligkeit eines religiösen Gesetzes. Der weise und grosseAkbar(1556–1605 n. Chr.) erliess ein Verbot dagegen, konnte aber die Sitte nicht ausrotten. Im Anfang ihrer Herrschaft wagten die Engländer nicht, die frommen Ueberlieferungen des Volkes zu verletzen. Im Jahre 1817 sollen allein in der Provinz Bengalen 700 Wittwen lebendig verbrannt worden sein. Alle heiligen Wallfahrtsorte der Hindu sind noch heute mit den kleinen, weissen Pfeilern besetzt, den Denksteinen einer Satí. Trotz des Widerstandes sowohl von Europäern wie auch von Eingeborenen hat der verdienstvolle General-Gouverneur Lord WilliamBentinckam 24. December 1829 es durchgesetzt, dass alle, die der Wittwen-Verbrennung Vorschub leisten,des Mordes schuldigerklärt werden. Seitdem hat in demenglischenGebiet die Wittwen-Verbrennungaufgehört. In den Schutz-Staaten aber soll sie noch gelegentlich, wiewohl selten, vorkommen.
Einige Schritte weiter zu der nächsten Treppe (Man Mandir Ghat) bringen uns einen erfreulicheren Anblick, den derSternwarte. Diese gehört zu den stattlichsten Gebäuden am Fluss-Ufer von Benares und besitzt einen mit zierlichen Säulen und Tragsteinen geschmückten Erker. So schön wie das Gebäude vom Fluss aus erscheint, so prachtvoll ist die Aussicht von oben auf die Ufer und die Stadt. Der Erbauer war Rajah Jai Singh (1705), Herrscher von Amber und Jaipur. Von Mohammed, dem Kaiser von Delhi, aufgefordert, den Kalender zu verbessern, stellte er astronomische Beobachtungen an und veröffentlichte sie in Sterntafeln, die noch heute vorhanden sind[477]und die einige Angaben von de la Hire (1702) berichtigen; doch soll Europäern (katholischen Missionären) das Hauptverdienst um seinen Ruhm zukommen.
Jai Singh hat von 1705 bis 1735 fünf Sternwarten erbaut, zu Benares, Delhi, Jaipur, Muttra, Ujjain. Die drei ersten hatte ich Gelegenheit zu sehen; die zu Benares ist am besten erhalten.
Die Instrumente sind sehr gross angelegt; der mächtige Durchmesser der Kreistheilungen soll Genauigkeit der Beobachtung sichern.[478]Da ist der Quadrant in einer Mauer von 11 Fuss Höhe und 9 Fuss Breite, um Zenith-Abstand und grösste Declination der Sonne und somit den Breitengrad festzustellen; eine Mauer von 36 Fuss Länge und 4½ Fuss Dicke, im Meridian aufgestellt, an dem einen Ende 6 Fuss 4¼ Zoll, an dem andern 22 Fuss 3½ Zoll hoch und ganz allmählich abgeschrägt, um auf den Nordpol zu zeigen, so dass Rectascension und Declination der Sterne bestimmt werden kann; sehr grosse getheilte Kreise, um den Schatten der Sonnenuhr genau festzustellen — und noch zahlreiche ähnliche Einrichtungen.
Die Sternkunde der Brahmanen ist in übertriebener Weise bald bewundert, bald missachtet worden. Die vedischen Gesänge kennen eine leidlich richtige Berechnung des Sonnenjahrs, das sie in 360 Tage eintheilen, mit einem Schaltmonat nach je fünf Jahren; sie kennen die 27 bis 28 „Wohnungen“ des Mondes und einige Fixsterne. Bald nach der Zeit der Veda werden die Planeten (graha, Greifer), erst sieben, dann neun, mit echten Sanskrit-Namen erwähnt; weit später die Zeichen des Thierkreises und der sogenannte vedische Kalender.
Aber erst der Einfluss der Griechen befähigte die Brahmanen zu wissenschaftlichen Sternbeobachtungen; in ihrem Hauptwerk aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. stehen die griechischen Namen der Planeten neben den indischen. Doch übertrafen sie ihre Lehrer und verbreiteten ihren Ruhm bis nach Europa, wovon das Chronikon Paschale (von 330 bis 641 n. Chr.) Zeugniss ablegt, und wurden ihrerseits wieder von ihren Schülern und Nachfolgern, den Arabern, übertroffen. Seit der mohammedanischen Eroberung Indiens sank die Astronomie der Brahmanen, nur wenige Hindu stellten noch Beobachtungen an; der bedeutendste war der genannte Jai Singh.
Das dreiunddreissigste istManikaranika Ghat, nicht bloss einerder fünf heiligen Wallfahrtsorte, sondern der allerheiligste, gleichzeitig der Mittelpunkt der Stadt.
Oberhalb der Treppe liegt der Manikaranika[479]-Brunnen, zu dem Stufen hinab führen und dessen Oberfläche ganz und gar mit Blumen-Opfern bedeckt ist und wegen der Zersetzung der Pflanzentheile höchst widrige Gerüche aushaucht. Trotzdem baden die Frommen darin und trinken davon. Die Engländer haben, um die Forderungen europäischer Gesundheitslehre mit dem asiatischen Glaubenseifer zu versöhnen, eine Inschrift angebracht, dass, nachdem zur Jubelfeier der Königin Victoria dieser ehrwürdige Platz gereinigt worden sei, alle braven Leute aufgefordert würden, den reinen Zustand zu erhalten. Es muss also früher noch weit schlimmer gewesen sein.
Zwischen dem Brunnen und den Treppenstufen liegt der Tempel vonTarkeshwara,[480]dem Erlöser, und dabei die hochverehrten Fusstapfen von Wischnu.
Unter diesem Tempel ist der Hauptverbrennungsplatz. Das Feuer zum Anzünden der Scheiterhaufen muss aus dem benachbarten Hause eines Domra, eines Mannes von sehr niedriger Kaste, geholt werden; von sehr reichen Leuten lässt er sich dafür 1000 Rupien bezahlen.
Nahe dem Ende der Stadt, über dem heiligen Panch-Ganga-Ghat,[481]sieht man die Moschee, welche der KaiserAurangzeb(1658 bis 1707), ein glaubenswüthiger Muselmann, den Hindu zum Hohn, an Stelle eines zerstörten Krischna-Tempels erbaut hat; die beiden schlanken,[482]ja kühnen, 130 Fuss hohen Minarets erheben sich stolz in die Lüfte, alle Hindu-Tempel weit überragend: ein prachtvoller Anblick vom Fluss aus. Jetzt, wo die Macht der mohammedanischen Herrscher gebrochen ist, haben die Hindu, denen unstreitig der Platz gehört, den Muselmännern den Haupteingang zur Moschee zugemauert, so dass die Gläubigen durch ein Seitenpförtchen hinein schlüpfen müssen.
Die letzte Treppe istRaj Ghatan der Eisenbahnbrücke.
So schön Benares vom Fluss her aussieht, so wenig reizvoll ist es im Innern. Allerdings führt ein bequemer Fahrweg durch leidlich breite Strassen vom Cantonment bis zu dem belebten Markte in der Nähe der Sternwarte, wo man die Boote zu besteigen pflegt.
Auf diesem Markt genoss ich das Schauspiel einer Gauklerin,welche unter Trommelbegleitung ihre Gliederverrenkungen und Kunststücke mit scharfen Schwertern ausführte. Gegen Abend ist hier ein grosses Gedränge, wenn die Frucht- und Kleinhändler ihre Schätze auf der Erde auslegen.
Aber die meisten der in der Nähe des Fluss-Ufers gelegenen Strassen sind eng und unfahrbar. Die Haupttempel muss der Reisende zu Fuss aufsuchen; und wenn er dabei dem dichten Gedränge der Pilger aus allen Gegenden Indiens begegnet, so begreift er die verborgne Kraft, die noch heute in der Hindu-Religion lebt und trotz aller Milde des Hindu-Charakters gelegentlich in eine blutige Fehde mit den Mohammedanern, wie im Sommer 1893, ausbricht. In Benares macht der Pilger die Runde über alle Treppen, durch alle Tempel und bekommt schliesslich ineinem(Sakhi Bunjanka, d. h. Zeugniss-Tempel) ein schriftliches Ablass-Zeugniss, dass er die Pilgerschaft regelrecht vollendet hat.
Das Allerheiligste in Benares istder goldene Tempel, demSchiwageweiht. Das Innere können wir wegen des Andrangs der Pilger nicht genau sehen, müssen vielmehr in der engen Gasse den Laden, wo die Opferblumen verkauft werden, betreten und eine Treppe hoch steigen; dann sehen wir auf das Dach des quadratischen Tempels mit drei kleinen Thürmchen, von denen zwei mit Kupfer- und Goldplatten gedeckt sind; der eine gehört zum Tempel von Mahadeo, der andere zu dem von Schiwa oder Bisheshwar.[483]
In der Nähe ist der von einer berühmten Säulenhalle umgebeneBrunnen der Weisheit(Gyankup), in welchen der Hohepriester die Bildsäule des Schiwa warf, als Aurangzeb den alten Tempel zerstörte. SeineUnannehmlichkeitist nicht geringer, als die des nahe beschriebenen, — trotzdem trinkt jeder Pilger daraus. Sehr lästig ist auch die grosse Zahl der frommen Menschen und der dem Schiwa heiligen Kühe, die beide mit grosser Achtung behandelt werden müssen.
Die Kühe wissen ganz gut, welche Stellung sie hier einnehmen, und wandern zwanglos zum nächsten Gemüsehändler, wenn es ihnen beliebt, etwas zu naschen.
Der Tempel derDurga, der Gattin von Schiwa in ihrer schrecklichen Form, welcher täglich blutige Ziegenopfer dargebracht werden, heisst bei den Europäern gewöhnlich derAffen-Tempel, weil Hunderte von Affen in den benachbarten Bäumen wohnen und sich am Eingang drängen, so dass man am besten thut, für einige KupferstückeFrüchte zu kaufen und sie an die kecken Thiere zu vertheilen. Der Haupttempel erhebt sich auf einer Platform und wird von zwölf Säulen getragen.
Im Ganzen machen die Heiligthümer von Benares auf uns keinen erhebenden Eindruck, weder der Tempel der Planeten (Saturn und Venus), noch der des Elephantengottes, noch endlich der der Nährgöttin Annapurna,[484]wo dieBettlerdas Vorrecht besitzen, den Ankömmling zu brandschatzen.
Nächst den Tempeln gehören zu den Merkwürdigkeiten dieBazare. Ganze Strassen sind mit Läden und Buden gefüllt, wo die berühmtenMetallarbeitenvon Benares verfertigt und feilgehalten werden.
Aus freier Hand hämmert der Künstler auf den kleinen Meissel, der die geometrischen Verzierungen in demMessingtellerausgräbt. Teller, Vasen, Wassergefässe, Löffel, Leuchter, Büchsen und hundert andre Dinge für den häuslichen Gebrauch und den Gottesdienst der Eingeborenen und auch für den Bedarf des neugierigen Reisenden werden vor unseren Augen fertig gemacht, ausgelegt und angeboten. Natürlich wird für die Ausfuhr und für die unkundigen Fremden reichlich Schundwaare hergestellt. Kostbare Stücke sieht man in einzelnen Läden und in der Verkaufsausstellung unsres Gasthofbesitzers.
Benares ist auch die eigentlicheGötterfabrikfür die Hindu. Für die kleinen Bildsäulchen der Götter (Schiwa, Durga, Ganesa) lieben sie eine Mischung von acht Metallen, nämlich ausser Kupfer und Zink noch Gold, Silber, Eisen, Zinn, Blei und Quecksilber. Aber die Priester haben nicht verfehlt, seit alter Zeit die Verehrung von silbernen und goldnen Götterbildern als ein besonders verdienstvolles Werk zu preisen und ein bestimmtes Mindestgewicht festzusetzen! Die kleinen Thonbilder der Gottheiten müssen nach dem täglichen Hausgottesdienst in den Fluss geworfen und also jeden Tag erneuert werden. Die grösseren Götterbilder für die Tempel werden erst gegossen und dann mit Meissel und Feile fertig gestellt; oder auch aus Holz geschnitzt.
Der zweite Hauptgegenstand des Kunsthandwerks von Benares sindGewebe, besonders Brokate (Kincob) mit Thierdarstellung (namentlich Jagden) in Gold und den verschiedensten Farben. Die kostbarsten werden mit Gold aufgewogen. Aber das meiste, was die endlose Reihe von Buden und Läden füllt, ist wieder einfachere Waarefür den Hausgebrauch und Kleinigkeiten für den sammelwüthigen Reisenden.
Das Menschengewühl gegen Abend in den engen Gassen und auf den Marktplätzen ist gradezu erstaunlich. Hier erlebte ich ein kleines Abenteuer. MeinReisebuch(Murray’s Handbook to India) in dem bekannten rothen Einband war von dem Sitz meines offnen Wagensverschwunden: ob heruntergefallen, oder gestohlen, konnte ich nicht ermitteln. Da ich mir einige Bemerkungen eingezeichnet, wollte ich das Buch gern wieder bekommen und meldete den Verlust auf derPolizeian.
Das Gebäude war scheunenähnlich und dunkel, alle Polizisten eingeborene, auch der Oberste des Englischen nicht mächtig. Es war ziemlich zeitraubend, mit Hilfe des Führers die Verhandlung aufzunehmen, am schwierigsten aber meinen Namen aus der englisch gedruckten Visitenkarte mit persischen Buchstaben in den Verhandlungsbericht zu übertragen. Uebrigens habe ich mein Buch nicht wieder bekommen, hatte aber auch keine Gebühren zu zahlen.
Bei dieser Gelegenheit möchte es sich verlohnen, einige Worte über dieeinheimischen SprachenIndiens zu sagen. Um den Beginn unserer Zeitrechnung sassen in Nord-Indien Völker, in denen das arische Element zur Herrschaft gelangt war: sie hatten eine hochentwickelteSchrift-Sprache, dasSanskrit, und redeten damit verwandte, aber einfachere Mundarten,Prakrit. Sie bezeichneten die nichtarischen Urvölker im Süden von Indien als Mlechchhas, d. h. Völker mit gebrochener Sprache. Als die Europäer im 17. Jahrhundert n. Chr. in Indien Fuss fassten, hatte sich Alles geändert. Sanskrit war eine todte Sprache, Prakrit war umgewandelt in neuere Formen, die schon eine volksthümliche Literatur entfalteten; die nichtarischen Völker des Südens hatten ihre eigenthümlichen Sprachen entwickelt und eine reiche Literatur geschaffen.
Die jetzt in Indien gesprochenen arischen Sprachen enthalten drei Elemente: 1) Tatsama, d. h. dasselbe, oder aus dem Sanskrit entlehnt. 2) Thadbhava, d. h. ähnlich von Natur. 3) Desaja, d. h. im Lande geboren, nicht-arisch. Der Hauptbestandtheil gehört zur zweiten Klasse. Folgende Sprachen sind zu unterscheiden: 1) Sindhí, an der Nordwestgrenze, enthält viele nicht-arische, wenig Sanskrit-Worte. 2) Punjabi. 3) Hindi und 4) Gujaráti enthalten meistens Prakrit-Worte. 5) Mahrati. 6) Bengali. 7) Uriya, die Küstensprache von der Gangesmündung abwärts. Jede dieser Sprachen, mit Ausnahme der ersten, besitzt eine eigene reiche Literatur. Hindi, die Verkehrssprache der Gebildeten, reicht am weitesten, wie ich auch von britischen Officieren erfuhr und selbermerkte, da sie in dieser Sprache mit den Sepoy in Calcutta wie in Bombay und auf Aden verkehrten. Hindostani oderUrdu(wörtlich Lager-Sprache), ein Dialect des Hindi, ist die Sprache der Mohammedaner in Indien, in Agra und Delhi; die Bücher über Heilkunde der Medicinschule zu Agra sind in dieser Sprache mit persisch-arabischen Buchstaben gedruckt. — Dravidische Sprachen in Süd-Indien giebt es hauptsächlich vier; die wichtigste ist Tamil. Buddhisten, welche stets die Volkssprachen begünstigten, haben seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. ihre Literatur begründet.
In der europäischen Ansiedlung, die, wie in allen Städten des Innern von Indien, sehr geräumig, mit grossen Gärten und breiten Wegen, angelegt ist, giebt es nur wenig Merkwürdigkeiten. Da ist zuerst dieMünze, ein einfaches, aber festes Gebäude, in welchem die Engländer zur Zeit des grossen Aufstandes (1857) Zuflucht fanden. Da ist das gelbe Gartenhaus (yellow bungalow), wo Warren Hastings lebte, und die Sonnenuhr, die er errichten liess. Da ist ein Gymnasium (Queens college), im hässlichsten englischen Stil erbaut. Als ich das Gebäude betrat, um pflichtschuldigst das im Reisebuch verzeichnete Museum der Alterthümer zu betrachten, fertigte mich der eingeborene Director ziemlich hochmüthig und kurz ab und bedeutete mir, dass die Alterthümer jetzt in Calcutta wären. „Der Director ist grob“, bemerkte einer der vorlauten, grossgewachsenen Jünglinge, die mit ihren Büchern unter dem Arm aus dem Gebäude traten. Meiner Gepflogenheit folgend, fragte ich sie sofort, was sie werden wollten, und was sie eben gelernt hätten. Sie antworteten, dass sie Rechtswissenschaft studiren wollten und eben Euklid gelernt hätten. Nun fragte ich weiter, ob sie mir den pythagorēischen Lehrsatz nennen könnten. Keiner wusste es. Als ich ihnen aber die Figur mit dem Sonnenschirm-Stiel in den Sand kritzelte, lachte der vorlaute Jüngling und sagte: „O Herr, das wissen wir ganz gut. Aber weshalb brauchest du so pompöse Worte für einfache Dinge?“ Er hatte Recht.
Das einzige von Alterthümern, was noch in dem Garten des Gymnasiums gefunden wird, ist ein alter Obelisk aus Gazipur mit einer Gupta-Inschrift, die ich natürlich nicht entziffern konnte und auch im Reisebuch nicht vorfand. Ferner wird hier in einem kleinen Teich ein kummervolles Krokodil gehalten; zu welchem Zweck, konnte ich nicht erfahren.
Zwei Ausflügekann man von Benares machen. Erstlich nachSarnathoderAlt-Benares. Dieselbe Stadt ist heilig den Brahmanen und Buddhisten. Nach der grossen Stadt Benares zog Buddhavor 2½ Jahrtausenden, um dem versammelten Volke seine Lehre zu predigen. Von hier zogen die Sendboten seiner Lehre aus, durch Indien bis nach Ceylon und nach Nepal, Tibet und China. Bhuila (Kapilavustu), wo Siddharta geboren ward; Gaya, wo er Buddha wurde; Sarnath, wo er zuerst predigte; Kasia, wo er gestorben ist: das sind die vier heiligen Orte der Buddha-Gläubigen. Die frommen buddhistischen Pilger aus China, deren Reisebeschreibungen zum Glück bis auf unsere Tage gekommen, haben Sarnath in den Tagen seines Glanzes gesehen.
Fu-Hian (399 n. Chr.) sagt, dass 10 li (= 3,6 Kilometer) nordwestlich von Benares in dem Hirschpark des Unsterblichen der Tempel gelegen sei.Hiouen Tsang(629–645 n. Chr.) berichtet, dass in dem Hirschpark bei Benares ein grossartiges Kloster mit einem Tempel (Vihara) von 200 Fuss Höhe sich befand und verschiedene Gedenk-Thürme (Stupa) zur Erinnerung an das Erdenwallen von Buddha, darunter zwei vom König Asoka (244 v. Chr.) errichtete.
Da diese Stupa aus Ziegeln oder kleinen Steinen mit schlechtem Cement erbaut waren, so konnten sie nach derEntheiligungden Hindu, welche Steine zum Hausbau entnahmen, und den bildzerstörenden Mohammedanern keinen Widerstand leisten und befinden sich heute in trostlosem Zustand.
Der Thurm zu Sarnath (Dhamek Stupa), den der Reisende heutzutage noch sieht, ist 1835–1836 vom GeneralCunninghamgenau durchforscht und als Stupa, d. h. Gedenk-Thurm ohne Reliquien, erkannt worden.
Der untere Theil von 93 Fuss Durchmesser und 43 Fuss Höhe besteht aus soliden, mittelst Eisenklammern verbundenen Hausteinen und reicht 9 Fuss unter den Boden; darüber erhebt sich bis zur Höhe von 100 Fuss ein Ziegelbau, der vielleicht nie vollendet ward, jedenfalls stark verfallen und mit Buschwerk bewachsen ist.
Der untere Theil zeigt acht vorspringende Flächen mit je einer Nische, wahrscheinlich um eine Bildsäule von Buddha aufzunehmen; und darunter ein breites Band von geometrischen und blumenartigen Verzierungen, das rings um den Thurm läuft. Die Ueberlieferung meldet, dass der Bau um das Jahr 1000 n. Chr. errichtet und durch den Einfall der Mohammedaner unterbrochen worden ist: eine Ansicht, der sich Capitän Wilford und Fergusson anschliessen, da die Verzierungen ganz übereinstimmen mit denen, welche Hindu-Künstler an den ältesten Moscheen zu Ajmir und Delhi angebracht haben.
Jetzt wird an der Erhaltung und Wiederherstellung des alten Denkmals gearbeitet. Der Maurer, der oben auf der Leiter standund dem seine Kinder, Knabe wie Mädchen, Steine und Mörtel zutrugen, kam eiligst herabgeklettert, um von dem Fremden das ihm zukommende Trinkgeld zu fordern.
In der Nähe sind noch manche Ruinen, auch Torso von Buddha, Brunnen und auf einem steilen Hügel von 100 Fuss Höhe ein achteckiger (Wacht-?) Thurm aus dem 15. Jahrhundert, mit arabischer Inschrift; endlich ein von einer Mauer umgebenerJain-Tempel, der durch gute Erhaltung und grosse Sauberkeit vortheilhaft absticht und aus einer Säulenhalle um die drei Seiten des rechteckigen Hofes mit etwa 25 Kapellen besteht. In jeder Kapelle sitzt ein Heiliger. Sie sehen für uns alle gleich aus, und jeder gleicht Buddha. In der That sollen es aber 24 verschiedene Menschwerdungen der Weisheit sein. Jeder hat seinen besonderen Bildschmuck von Thieren und Pflanzen. (Ochs, Elephant, Pferd, Lotus u. s. w.)
Der zweite Ausflug ist eine Wasserpartie, südwestlich nachRamnagar, dem Schloss des Maharajah von Benares, am rechten Ufer des Ganges. Der Palast ist festungsartig angelegt und ungeheuer weitläufig, wie eine kleine Stadt. Am Thor der Umwallung stehen einige sonderbar aufgeputzte Soldaten; dies Spielzeug gönnen die Engländer dem abgesetzten Fürsten. Sie nehmen den Erlaubnissschein in Empfang, den ich Tags zuvor von Herrn Dr. med. Lazarus, dem Bevollmächtigten des Maharajah in der Stadt, erhalten. Ich warte eine geraume Zeit. Dann kommt ein Diener und führt mich über weite Höfe in den eigentlichen Herrschersitz.
Wir durchwandern riesige Säle, die in schlechtem europäischen Geschmack ausgestattet und geschmückt sind. Das Entzücken der Asiaten sind grosse Crystallkronleuchter, Uhren mit beweglichen Figuren, Oelgemälde ihrer Familienmitglieder, auf denen allerdings mehr die reiche Gewandung als der Gesichtsausdruck zur Geltung kommt. Der Officier, der die Pflichten des Wirthes erfüllte, geleitete mich zum Schluss auf einen reizvollen Pavillon mit zierlich durchbrochener Wandung, der, auf einem hohen Bollwerk hart am Flussufer angelegt, eine entzückende Aussicht auf das ferne Benares beherrscht. Mit diesem letzten Blick schied ich von der heiligen Stadt und fuhr Mittags 12 Uhr, am 10. Dezember, nachLucknow.