Chapter 42

Hier wartete meiner eine kleine Enttäuschung. Man hatte mir von demPalmenhaindes Ortes gesprochen. Ich konnte aber einen solchen nicht finden, weil er — nicht vorhanden ist, wie mir der Parsi-Doctor des Fieber-Nestes auseinandersetzte. Allerdings ist jedes Gehöft innerhalb der Umfassungsmauern dicht mit Kokospalmen bepflanzt. Aber das war nichts Neues für mich.

So fuhr ich denn noch über die Brücke nach der Insel Salsette und durchwanderte das Dorf Bandra, dessen Einwohner erstaunt den Fremdling betrachteten.

Der lohnendste Ausflug ist der nach der InselElephanta. Ich will nicht verhehlen, dass ich ihn an meinemerstenNachmittag in Bombay unternommen.

Die Gasthausverwaltung[622]veranstaltet diese Fahrten, mehrmals wöchentlich, in kleinem Dampfer; 3 Rupien beträgt der Fahrpreis für die Person.

Elephanta ist eine kleine Felseninsel von 7 Kilometer Umfang, 10 Kilometer von Apollo Bunder entfernt, also in einer guten Stunde zu erreichen. Sie bekam ihren Namen durch die Portugiesen von einem in dreifacher Grösse aus dem lebenden Fels gemeisselten Elephanten, der 1814, nachdem Kopf und Nacken abgefallen, nach Bombaygebracht wurde und im Victoria-Garten zu sehen ist. Die Eingeborenen nennen die Insel Gharapur, d. h. Grottenstadt.

Entzückend ist während der Fahrt der Rückblick, für mich um so werthvoller, als ich in Bombay nicht zu Schiff angekommen: erst aus der Nähe, auf Apollo-Bunder, Docks, Kastell und auf all’ die Schiffe und Schiffchen, die den Hafen beleben; dann, weiter ab, auf die ganze Ostküste der Insel Bombay und auf die 1000 Fuss hohen Berge der nördlich gelegenen Insel Trombay. Der höchste Punkt der Insel Elephanta, die vor uns liegt, erhebt sich 568 Fuss; ein andrer Hügel ist 400 Fuss hoch. Der Landungsplatz ist nicht sonderlich bequem. Man überschreitet einen schlüpfrigen Damm aus Steinblöcken, steigt einen zum Theil aus behauenen Stufen bestehenden Weg empor, zu der halben Höhe des Inselberges, und ist am Eingang zu den Höhlen.

Wanndiese Höhlen ausgehauen sind, ist unbekannt; man vermuthet, zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert n. Chr. Jedenfalls stellen sie ein achtungswerthes Stück Arbeit dar, da die Hindu keine andren Mittel als Haue, Meissel und Hammer zu ihrer Verfügung hatten. Unsinniger Weise haben die Portugiesen aus Glaubenswahn eine Zerstörung dieser ehrwürdigen Denkmäler des Alterthums begonnen; und obwohl die Engländer, namentlich in neuerer Zeit, Mühe um die Erhaltung sich gegeben, so hat doch der Zerfall beträchtliche Fortschritte gemacht seit der Zeit, wo unser Landsmann KarstenNiebuhr(1774–1778) die erste Beschreibung geliefert, ja, nach Augenzeugen und Angaben des Aufsehers, seit den letzten Jahren noch weiter zugenommen.

Der Hauptraum des aus dem lebenden Fels ausgehauenen (Schiwa-Linga)Tempelsist eine gewaltige Halle von 39,5 Meter Länge, 40 Meter Breite und 4,5 bis 5,3 Meter Höhe, die von zwei breiten Seitengängen genügend Licht erhält. Die glatte Decke wird gestützt von 26 mächtigen Pfeilern,[623]die man aus dem Felsen stehen liess und dann fein bearbeitet hat, sowie von 16 Halbpfeilern. Der Linga-Schrein in der Halle ist ein Quadrat von 19½ Fuss Seitenlänge mit vier Eingängen, der Linga ein kegelförmiger Stein von nahezu 3 Fuss Länge. An der Hinter- oder Südwand, gegenüber dem nach Norden zu gelegenen Eingang, ist eine gewaltige Steinbüste mit drei Köpfen (Trimurti); das mittlere, milde Gesicht ist Schiwa als Brahma oder Schöpfer, das rechte als Wischnu oder Erhalter, das linke als Rudra oder Zerstörer mit gewundenen Schlangen statt der Haare. In dem östlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch, mit vier Armen, zur Hälfte männlich, zur Hälfte weiblich gebildet; er lehnt sich mit zwei Händen auf seinen Stier Nandi. In dem westlichen Nebengemach ist Schiwa 16 Fuss hoch und seine Gattin Parvati 12 Fuss hoch. Von den Nebenfiguren in beiden Gemächern will ich nicht reden.

Am Ende des westlichen Seitenflügels ist die Hochzeit zwischen Schiwa und Parvati; die letztere ist lieblich und verschämt dargestellt.

Am Ende des östlichen Seitenflügels ist die Geburt ihres Sohnes Ganescha mit dem Elephanten-Kopf.

In andern Gemächern erscheintSchiwa, wie er auf seinem Berge Kailas thront, undRavana, der Dämon von Lanka mit zehn Armen, den Versuch macht, den Berg mitsamt dem Gott zu entführen; Schiwa, wie er vonDaksha, Brahma’s Sohn, nicht zum Opfer für die Veda-Götter geladen, jenem das Haupt abschlägt, ein Sinnbild der über den Veda-Cult siegreichen Schiwa-Verehrung; und Schiwa als der Zerstörer (Bhairava) in Riesengrösse, mit Tigerzähnen, mit acht Armen und einer Brustkette von Schädeln.

Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl das wilde Antlitz, als auch die im Angriff und Kampf dargestellte Körperhaltung eine mächtige Wirkung ausübt, diewirallerdings lieber mit andern Mitteln hervorbringen möchten.

Diese Bildungen waren es offenbar, die unseren AltmeisterGoethezu den folgenden Versen veranlassten:

Und so will ich, ein für allemal,Keine Bestien in dem Göttersaal!Die leidigen Elephantenrüssel,Das umgeschlungene Schlangengenüssel,Tief Urschildkröte im Weltensumpf,Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.— —Der Ost hat sie schon längst verschlungen:Kalidas und andre sind durchgedrungen;Sie haben mit DichterzierlichkeitVon Pfaffen und Fratzen uns befreit.In Indien möchte ich selber leben,Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.Was will man denn vergnüglicher wissen,Sakontola, Nala, die muss man küssen;Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.

Und so will ich, ein für allemal,Keine Bestien in dem Göttersaal!Die leidigen Elephantenrüssel,Das umgeschlungene Schlangengenüssel,Tief Urschildkröte im Weltensumpf,Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.— —Der Ost hat sie schon längst verschlungen:Kalidas und andre sind durchgedrungen;Sie haben mit DichterzierlichkeitVon Pfaffen und Fratzen uns befreit.In Indien möchte ich selber leben,Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.Was will man denn vergnüglicher wissen,Sakontola, Nala, die muss man küssen;Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.

Und so will ich, ein für allemal,Keine Bestien in dem Göttersaal!Die leidigen Elephantenrüssel,Das umgeschlungene Schlangengenüssel,Tief Urschildkröte im Weltensumpf,Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.

Und so will ich, ein für allemal,

Keine Bestien in dem Göttersaal!

Die leidigen Elephantenrüssel,

Das umgeschlungene Schlangengenüssel,

Tief Urschildkröte im Weltensumpf,

Viel Königsköpf’ auf einem Rumpf,

Die müssen uns zur Verzweiflung bringen,

Wird sie nicht reiner Ost verschlingen.

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Der Ost hat sie schon längst verschlungen:Kalidas und andre sind durchgedrungen;Sie haben mit DichterzierlichkeitVon Pfaffen und Fratzen uns befreit.In Indien möchte ich selber leben,Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.Was will man denn vergnüglicher wissen,Sakontola, Nala, die muss man küssen;Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.

Der Ost hat sie schon längst verschlungen:

Kalidas und andre sind durchgedrungen;

Sie haben mit Dichterzierlichkeit

Von Pfaffen und Fratzen uns befreit.

In Indien möchte ich selber leben,

Hätt’ es nur keine Steinhauer gegeben.

Was will man denn vergnüglicher wissen,

Sakontola, Nala, die muss man küssen;

Und Megha-Duta, den Wolkengesandten,

Wer schickt ihn nicht gern zu Seelenverwandten.

Der alte Goethe ist ungerecht. Heute kann man milder urtheilen, da unsre Anschauungen umfassender geworden. Haben doch sogar unsre geliebten Griechen, noch kurz vor den Perserkriegen, Ungeheuer ausgemeisselt mit drei Köpfen und drei Menschenleibern, die ineinenSchlangenkörper übergehen. Der amtliche Nachweis des Akropolis-Museum nennt dies eines der vorzüglichsten Werke der Sammlung; und es ist in der That bewunderungswürdig. Die Schlangenfüsse der pergamenischen Giganten verletzen uns nicht, die Kentauren am Parthenon erscheinen uns als Kunstschöpfungen ersten Ranges.

Wer, durchdrungen von den Gestaltungen des klassischen Alterthums, zu Hause einen ablehnenden Standpunkt einnahm gegen die Bildungen der ägyptischen Kunst, wird bald bekehrt, wenn er an den Ufern des Nil in den Schmuck der mächtigen Tempel liebevoll sich versenkt. Auch mir ist es so gegangen. Das gleiche gilt von Indien. Der Höhlentempel von Elephanta ist eine wunderbare Leistung und der Bilderschmuck, obwohl nicht für uns berechnet, wird auch auf uns einen gewissen Eindruck hervorbringen, wenn wir vorurtheilsfrei an seine Betrachtung gehen.

Vergleichende Anatomie wollen wir aus solchen Schöpfungen der künstlerischen Einbildungskraft nicht lernen, ebenso wenig wie Weltgeschichte aus Märchen. Ein altehrwürdiges Kunstwerk muss aus sich heraus gewürdigt, nicht nach unsren heutigen Anschauungen bekrittelt werden. Etwas andres ist es, jenes zu beurtheilen und Gesetze für unsrenheutigenKunstgeschmack aufzustellen.


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