Chapter 22

Natürlich,von China wissen wir ebenso wenig, wie von Japan, und glauben erst recht, diese Kenntniss nicht zu gebrauchen.Aber das ist eine sehr beschränkte Weltanschauung. Womit lassen wir die Neuzeit beginnen?

„Pulver, Compass, Buchdruck und Amerika.“ Aber

„Pulver kannten die Chinesen,Konnten auch Gedrucktes lesen,Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,Und Amerika war immer da,Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

„Pulver kannten die Chinesen,Konnten auch Gedrucktes lesen,Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,Und Amerika war immer da,Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

„Pulver kannten die Chinesen,

Konnten auch Gedrucktes lesen,

Sind mit Compass selbst zu Schiff gewesen,

Und Amerika war immer da,

Stets wie jetzt uns fern und nah.“[273]

Die einzige Entschuldigung, die ich für unsere Unwissenheit gelten lasse, ist die Unmöglichkeit, neben den wichtigen Thatsachen der neueren Naturforschung und neben der Geschichte unserer eigenen jüngeren Culturentwicklung noch die der älteren Völker genau zu erlernen und sicher zu behalten.

Die Erzählungen der Chinesen greifen zurück bis 2700 v. Chr., aber zuverlässige Zeitrechnung reicht nur bis 841 v. Chr.

Höchst anziehend sind dieSagen von den ältesten Kaisern. Shin-nung (angeblich 2737 v. Chr., 416 J. nach der Sint-Fluth) wird gepriesen als Erfinder des Pfluges. Noch heute beweist der Kaiser von China seine Hochachtung vor dem Ackerbau, indem er mit eigner Hand ein Stück Ackerland umpflügt.

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

„Wie heisst das Ding, das Wen’ge schätzen,

Doch ziert’s des grössten Kaisers Hand.“

Shin-nung soll auch die ersten Forschungen über Heilkräuter angestellt und ein Buch über Pflanzenkunde (Hon-zo) geschrieben haben, das die für alles Alte schwärmenden Chinesen noch heute zu zeigen sich erkühnen.

Der Kaiser Hwang-ti (angeblich 2697 bis 2597 v. Chr.) wird geschildert, wie er weisheitsvoll auf seinem Throne sass, umgeben von seinen Lehrern, und die fünf Elemente auffand (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde) und das männliche und weibliche (thätige und leidende) Princip (Yo und In) und die fünf Haupttugenden (Barmherzigkeit, Rechtschaffenheit, Ordentlichkeit, Weisheit, Treue) erkannte. Er soll auch die Grundgesetze der Heilkunde aufgestellt und dieselben seinen geliebten Unterthanen mitgetheilt haben.

In der dritten Dynastie (Tscheu, 1123–246 v. Chr.) wurde das Feudalsystem gegründet, 552 Confutse geboren. Schihoangti, von der vierten Dynastie (Tsin[274]246–206 v. Chr.) begründete Alleinherrschaftdes Fürsten und Einheit des Reiches, das er vergrösserte und durch die grosse Mauer nach Norden schützte. Es folgten viele Bürgerkriege und Spaltungen. Seit 65 n. Chr. breitete sich die Buddha-Lehre aus.

Um 700 n. Chr. war die Glanzzeit der Chinesen, das Reich gross und geeint, die Wissenschaften in Blüthe, der Buchdruck erfunden.

1260 war der Mongole Kublai (19. Dynastie), Enkel von Dschengis-Chan, Herrscher von China und empfing Marco Polo in Chanbaligh, dem heutigen Pecking. Die Eroberer nahmen die Sitten der Unterjochten an. Ein Buddhapriester vertrieb die Mongolen wieder und wurde als Kaiser Taitsu Stifter derMing Dynastie(der XX., 1368 bis 1644). Katholische Missionäre kamen nach China. 1644 eroberten die Mandschu-Tataren die Hauptstadt und begründeten die jetzige (XXI.) Tsing-Dynastie. Der erste Kaiser Schuntschi hatte den Unterricht eines deutschen Jesuiten genossen und räumte ihm grossen Einfluss ein. Unter seinen ersten Nachfolgern erhob sich China zu bedeutender Macht. Seit 1735 wurden die Christen verfolgt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts herrschtenUnruhen.

1841 begannen die Engländer den ersten Opiumkrieg, da die chinesische Regierung in Canton ihnen das Opium, dessen Einführung sie verboten hatte, fortnahm. Die Chinesen mussten Entschädigung zahlen, Hongkong abtreten und fünf Häfen eröffnen, die sie aber nicht bloss den Engländern, sondern allen Nationen freigaben. Die Franzosen erlangten in ihrem Vertrag Freigebung des christlichen Bekenntnisses.

Nach dieser Niederlage der Mandschu-Dynastie rührten sich die Mingchin, die Anhänger der alten, echtchinesischen Ming-Dynastie. Ein im Staatsexamen durchgefallener Gelehrter aus Kwantung, Hung-Siutsuen, der zum Christenthum hinneigte, sammelte seine Stammesgenossen, schlug die kaiserlichen Truppen, wurde 1851 als Begründer der neuen DynastieTaiping(grosser Friede) ausgerufen und eroberte sechs Provinzen mit der alten, jetzt neuen HauptstadtNanking.

Da die Engländer, trotz des Vertrags, mit dem Handel in Canton wegen des Widerstands der Chinesen nicht vorwärts kamen; so benutzten sie als Vorwand die Wegnahme eines unter englischer Flagge segelnden chinesischen Schiffes, bombardirten und eroberten im December 1857, zusammen mit den Franzosen, die Stadt Canton, und rückten im October 1860, nach dem Siege bei Palikao, wo 7000 Europäer 50000 Chinesen in die Flucht trieben, nachPeckingvor, wo die Franzosen den Sommerpalast des Kaisers schmählich plünderten. Jetzt trat China, unter Regentschaft des Prinz Kong für den minderjährigen Kaiser, in geregelte Beziehung mit den europäischen Mächten und schloss 1861 auch einen Vertrag mitPreussen, gleichzeitig für den Zollverein.

Die Franzosen und Engländer vertrieben nunmehr die Rebellen aus Shangai und richteten für die Chinesen Fremdenlegionen ein, mit deren Hülfe dieTaiping-Revolution1863 durch Eroberung von Nankingbeendigtwurde. Zwei Millionen Menschen hatte dieser Bürgerkrieg hinweggerafft und die Thee- und Seidenbezirke stark geschädigt.

England, Frankreich, Russland hatten Krieg und haben Streitigkeiten mit China. Deutschland war stets, und ist heute mit China gut befreundet und kann bei geschickter Ausnutzung seines Einflusses eine bedeutsame Rolle in Ostasien spielen.

Unsere friedliche Flotten-Demonstration vom Jahre 1875, wegen des Angriffs auf den deutschen Schooner Anna, hat wirksam zurUnterdrückung der Seeräubereian den chinesischen Küsten beigetragen.

Mit Amerika steht China schlecht, seitdem 1882 die Einwanderung von Chinesen nach den Vereinigten Staaten verboten wurde. Mit Russland drohte bereits Krieg wegen Kuldscha, doch gelang es noch 1881 einen annehmbaren Frieden zu schaffen. Mit Frankreich entstand 1882 Krieg wegen Annam und Tonking, die Chinesen waren 1885 bei Langson siegreich, gestanden aber, im Frieden von Tientsin, den Franzosen die Oberherrschaft von Annam und die Einverleibung von Tonking zu. Jedenfalls hat dieser Krieg gezeigt, dass die Chinesen in den letzten 20 Jahren ganz erhebliche Fortschritte gemacht haben.

Die Redensart neuerer Schulbücher der Weltgeschichte, „China sei eine balsamirte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden,“ nöthigt ein mitleidiges Lächeln Jedem ab, dem es vergönnt war, den Schleier Asiens auch nur an einem kleinen Zipfelchen empor zu heben.

Der merkwürdigste und bekannteste Chinese ist derweise Khung-futse[275]. Geboren 551 v. Chr., zu einer Zeit der grössten Verwirrung und Streitigkeit zwischen den verschiedenen Lehnsfürsten, hatte er zu 22 Jahren bereits begeisterte Zuhörer, obwohl er grosseAnsprüche an deren Fleiss- und Fassungskraft[276]stellte, und mit 30 Jahren war er „fest“. Voll Begeisterung für die weisen und guten Kaiser der alten Chow-Dynastie, für die alten Gebräuche und die alte Musik des Kaisers Sun verfasste er das Buch der Gesänge und das Buch der Geschichte (Schi-king und Schu-king); übernahm das Amt eines Bürgermeisters der Stadt Chung-too in dem Herzogthum Loo und erzielte so ausgezeichnete Erfolge, dass der Herzog ihn zum Justizminister ernannte.

In diesem Amt zeigte er ebensoviel Muth wie Geschick. Die Verbrechen verringerten sich soweit, dass die Strafgesetze nur selten zur Anwendung gelangten. Als ein Vater seinen eignen Sohn anklagte, setzte Confucius beide in’s Gefängniss, den Vater, weil er seinen Sohn niemals in der Kindespflicht unterwiesen. „Verbrechen liegt nicht in der Menschen-Natur. Der Vater in der Familie ist verantwortlich für Verbrechen gegen Kindesliebe und die Regierung im Staate für solche gegen die Staatsgesetze. Ein Fürst, der nachlässig ist in der Veröffentlichung der Gesetze und doch streng nach dem Buchstaben straft, handelt wie ein Schwindler.“ Er wirkte hauptsächlich durch gutes Beispiel und verbreitete Frieden und Ruhe im Lande. Trotzdem fiel er in Ungnade und musste sein Amt aufgeben.

Die kriegerischen Zeitläufte waren dem Wirken des Weisen nicht günstig. Er begann ein Wander-Leben und blieb trotz aller Misserfolge voll Selbstvertrauen und Ueberzeugung, im sechzigsten Jahr wie im dreissigsten.

Zurückgekehrt in seine Heimath Loo, verbesserte und vervollständigte er die früheren Werke und verfasste die Frühling- und Herbst-Annalen (Ch’un ts’ew), das einzige Werk, das er von Anfang bis zu Ende selbst geschrieben. Aber, so hoch er selber das Werk schätzte, seine Landsleute ziehen die Sammlung seiner Aussprüche vor. (Lun yu, Confucius’sche Analekten.)

Im Alter von 73 Jahren starb der Weise, nachdem er auf das genaueste das Begräbnissceremoniell festgestellt und seine Klage darüber ausgesprochen, dass im ganzen Reiche kein einsichtsvoller Fürst sei, der ihn um Rath frage. Sein Grab ist noch heute erhalten und hochverehrt.

Kein Mann ward so missachtet bei Lebzeiten und so verehrt von der Nachwelt, wie Confucius. Er gab die leitenden Grundsätze für alles Grosse und Edle im chinesischen Leben seit mehr als zwei Jahrtausenden. Sein System ist in den drei Werken seiner Schüler enthalten: Lun Yu (C’. Analekten), Ta He[)o] (grosse Lehre), Chung Yung (Mittel-Strasse).

Confucius vermied alle Beziehungen auf das Uebernatürliche. Der Mensch ist der Meister seines Geschicks und entwickelt durch Tugend seine Natur, dann bildet er eine Dreieinigkeit mit Himmel und Erde. Das ist die Stellung der idealen Männer im Universum.Die Art der Menschen ist gut von Natur. In demWeisenerreicht die Natur ihre höchste Entwicklung.

Der Himmel (Shang-te) schafft und regiert Alles, aber Gebet ist überflüssig; Geister (der Ahnen) müssen verehrt werden, aber es ist am besten, sich nicht mit ihnen einzulassen. Noch heute wird Shang-te in einem bilderlosen Marmortempel bei Pecking verehrt.

Nächst dem Weisen kommt derhervorragende Mann. Er ist Fehlern unterworfen, aber sie gehen vorüber, wie die Verfinsterungen der Sonne, und, indem er das ihm eingepflanzte Gute sorgfältig ausbildet, wird auch er gleich Himmel und Erde. Die vollständige Lauterkeit ist sein Wesen. Confucius selber gesteht zu, diese Stufe noch nicht erreicht zu haben. Wenn je der Fuss des hervorragenden Mannes ausgeglitten, so handelt er wie der Bogenschütze, der, nachdem er die Mitte der Scheibe verfehlte, nachforscht und die Ursache in sich selber sucht. Er erzieht sich so, dass das Volk glücklich wird. Wohlfahrt des Volkes war die stete Sorge des Confucius.

Aber keiner wird ein hervorragender Mann, ohne sich zu unterrichten; kein Edelstein kann benutzt werden ohne Schliff. „Mit 15 Jahren, sagt Confucius, war mein Geist gerichtet auf das Lernen, mit 30 war ich fest, mit 40 hatte ich keine Zweifel, mit 50 kannte ich die Gebote des Himmels, mit 60 war mein Ohr gehorsam die Wahrheit aufzunehmen, mit 70 konnte ich dem Zuge meines Herzens folgen, ohne den Weg des Rechtes zu überschreiten.“

Mit gründlichem Lernen muss ein fester und reiner Wille verbunden werden. Was du nicht willst, das man dir thu’, füg’ keinem andern zu. Tugend erhebt den Menschen zur Gottheit. Sie muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Die Regierung eines Landes ist die Probe für die Tugend des Herrschers; ein Fürst, der durch Tugend regiert, ist wie der Polarstern. Zur Tugend gehört Muth, Wohlwollen, Gesetzessinn, Treue. Ein Mann ohne Treue ist ein Boot ohne Ruder. Der Vater der Familie ist das Vorbild des Herrschers. Die erste Tugend ist Sohnesliebe. Das Verhältniss von Mann zu Weib ist wie vom Himmel zur Erde.[277]Der Mann sei stark und die Frau sanft.

Der höhere Mann, der seinen Haushalt gut verwaltet, ist geschickt, den Staat zu regieren. Dem friedlichen und glücklichen Zustand des Staates hat Confucius seine ganze Sorgfalt und Einsicht gewidmet. Als man ihn fragte, ob Unrecht durch Güte zu vergelten sei, erwiederte er: „Und wie willst du dann Güte vergelten? Vergelte Unrecht mit Gerechtigkeit und Güte mit Güte.“[278]

Der Einfluss von Confucius’ Schülern war bedeutend und als, wie es heisst, auf Befehl des Kaisers Tsching-wang alle Bücher verbrannt werden mussten, wurden die des Confucius in den Wänden der Häuser und unter der Erde verborgen oder in dem Gedächtniss der Getreuen. Mit der Han-Dynastie (206 v. Chr.) begann eine neue Blüthe der Confucischen Literatur. Die grössten Ehren wurden auf den Weisen gehäuft, er wurde nachträglich zum Grafen, Fürsten, König ernannt und wird noch heute vom Kaiser wie von seinem letzten Unterthan verehrt.

Er war ein echter Chinese und wusste, was seinem Volke passt; seine Sittenlehre scheint zweckmässig dem Herrscher wie dem Beherrschten, seine Schriften sind Gegenstand des Studiums für Alle und Gegenstand der Prüfung. 40 Generationen des zahlreichsten Volkes der Erde lauschen den Worten dieses Mannes.

Ein sehr seltsames Buch, das ich gleichfalls dem Herrn General-Consul verdanke, ist das über dietugendhaften Weiber. (Englisch von Miss A. C. Stafford. Kelly & Walsh, Shanghai u. Hongkong, 1891.) Der erste Anfang des Buches ist vor 2000 Jahren geschrieben, dann wurde es im Laufe der Zeit vervollständigt. Es enthält die bescheidene, zartfühlende Sittenlehre des Confucius, nach der diese Frauen des Ostens sich richten, und höchst eigenartige Geschichten: von der kühnen Frau, die dem wilden Bären entgegentrat, um ihrem kaiserlichen Herrn das Leben zu retten; von der schönen Prinzessin, die den armen Gelehrten geheirathet, erst bitterlich weinte, dass sie ihre seidnen Kleider nicht tragen durfte, dann aber entschlossen den Krug ergriff und Wasser für die Wirthschaft holte; von der treuen Mutter, die ihren Sohn aus dem Gefängniss erlöste; von der klugen Frau, die den Mägden das Schwatzen verbot und die feindlichen Brüder versöhnte, und von solchen Frauen noch hundert andre Geschichten.Hildebrandtspöttelt über die Denkmäler, die für tugendhafte Frauen in chinesischen Städten errichtet sind, und meint, dass Frauen-Tugend wohl selten in China sein müsse. Aber das ist ein grosses Missverständniss. Waserdabei unterFrauen-Tugendversteht, wird in Asien als der Normalzustand angesehen und nicht weiter gepriesen.

Da ich bei den Frauen verweile, so muss ich einer grossen Freude gedenken, die mir mein werther College, Herr Dr. Gerlach, bereitete: er lud auf Montag, den 24. October, zum Abendessen die drei hauptsächlichsten Familien[279]der deutschen Colonie ein und auch meine Wenigkeit und Herrn Dr. Dannemann. So hatte ich zum ersten Mal auf meiner Reise eine gebildete Gesellschaft mit deutschen Frauen und deutscher Unterhaltung. Es war zu natürlich, dass wir bis 12 Uhr Nachts zusammen blieben. Die Privat-Kuli von Dr. Gerlach trugen mich in dem landesüblichen Palankin nach oben, da die Drahtseilbahn nach 11 Uhr gewöhnlich nicht mehr fährt. Die Gastfreundschaft in Ostasien gehört zu den angenehmsten Erinnerungen des Reisenden.

Am Dienstag, den 25. October, besuchte ich, unter freundlicher Leitung des Herrn Collegen Gerlach,Heil- und Wohlthätigkeits-Anstaltenvon Hongkong, den deutschen Club und die Chinesen-Stadt.

1) DasRegierungs-Krankenhausist europäisch eingerichtet und von englischen Aerzten geleitet. DasAlice-Krankenhaus(Alice memorial hospital) beherbergt ausschliesslich Chinesen, die Hausärzte und die Studenten sind Chinesen, nur die beiden Oberärzte (Dr.Jordan, Augenarzt, und Dr.Thompson, Chirurg und Missionär) sind Engländer. Gegründet ist das Krankenhaus von einem Hindu, der in England Doctor der Heilkunde und der Rechte geworden, eine wohlhabende Engländerin geheirathet, in Hongkong lebte und nach dem Tode seiner Gattin ihr Vermögen zu dieser Stiftung verwendete. 70 Procent derjenigen, die wegen Augenkrankheit Hilfe suchen, leiden an der Körnerkrankheit oder ägyptischen Augenentzündung.

2)Asile de St. Enfanceliegt am Meeresufer im Osten der Stadt. Französische Schwestern verwalten die Anstalt. Sie nehmen ausgesetzte Chinesen-Kinder, taufen und erziehen dieselben. Die Schwestern sind sehr freundlich und thun, was sie können; aber das Material, welches sie bekommen, ist schrecklich. Ich sah dort ein Dutzend unheilbar erblindeter Kinder und ebensoviel ganz blinde, schon grössere Mädchen. Die letzteren nähten gröbere Kleidungsstücke und zwar ganz gut; sie fädelten sogar den Faden ein, indem sie das Oehr an die Zungenspitze hielten, wo wir bekanntermassen das feinste Gefühl besitzen!

3) Einen weit erfreulicheren Anblick gewährtedas Berliner Findling-Haus. Offen gestanden, war ich sehr überrascht, hier inOstasien eine vonBerlinerngegründete und verwaltete Wohlthätigkeits-Anstalt zu finden, von der weder ich selber noch irgend Jemand aus meinem Bekanntschaftskreise eine Ahnung gehabt. Es würde mich freuen, wenn meine Zeilen dazu beitragen, der Anstalt neue Freunde und — Mittel zuzuführen; denn sie verdient es. Das möchte ich auch hier aussprechen, obwohl ich schon mehrmals Spott über meine „Empfindsamkeit“ vernommen und den Widerspruch erfahren, dass es bei uns zu Hause näher liegende und wichtigere Aufgaben der Barmherzigkeit gebe.

Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.

Die Zöglinge des Berliner Findlingshauses zu Hongkong.

Ausgesetzte Chinesen-Mädchen, ganz kleine und gelegentlich auch etwas grössere, werden von deutschen Missionären hieher geschickt; die Kinder werden getauft, chinesisch erzogen und gut unterrichtet, vor Allem in der Wirthschaft, im Kochen und Nähen, auch im Rechnen und Lesen und Schreiben der einfacheren chinesischen Zeichen. Alle lernen singen; die begabteren auch Harmonium-Spielen, sogar die Anfangsgründe der chinesischen Classiker. Gegen das 20teJahr werden sie an chinesische Christen verheirathet. Wegen ihrer guten Ausbildung finden sie sehr leicht Männer. 43 waren 1890 bereits verheirathet und stehen im brieflichem Verkehr mit der Anstalt. (Die ZahlihrerKinder betrug 98 und die ihrer Kindeskinder 3.) Das war nun meine Freude, in das Völkchen von 30 fröhlichen, gelblichen, breitmäuligen Kindern von 3–5 Jahren hineinzugreifen und einem die Hand zu schütteln. Da kam jede angewackelt, um gleichfalls meine Hände zu schütteln; und als ich fertig war, ging es noch einmal los. Die grösseren sangen fromme Lieder, chinesische und auch deutsche. „Stille Nacht, heilige Nacht“, von kindlichen Stimmen gesungen, verfehlt auch in Hongkong nicht des Eindrucks; es ist auch ihr Lieblingslied, weil danach die Bescheerung folgt.

Bei besonderen Gelegenheiten wird den Kindern eine„Landpartienach dem glücklichen Thal“ mit Wettrennen und Beschenkung bewilligt.

Ich leerte mit den Berliner Damen der Anstalt ein Glas Bier auf ihr Wohl und das ihrer Zöglinge und hatte auch das Vergnügen, Herrn Pastor Gottschalk, als ich aufbrach, kennen zu lernen. Was mich besonders zu Gunsten dieser Berliner Anstalt einnahm,wardieFröhlichkeitder Kinder; das spricht lauter als alle Zahlen und Thatsachen der Berichte.[280]

In den Districten von Canton werden die Kinder, welche man nicht aufziehen will oderkann, in einem Korb auf die Strasse gesetzt, aber nicht in die Einöde, und stets mit einem Zettel versehen. Wir finden das mit Recht schrecklich und drücken unsere sittliche Entrüstung kräftig aus. Leider vergessen wir dabei, — was inEuropa und Amerikageschieht. Der medical Record, eine amerikanische Zeitung der Heilkunde, beziffert die Zahl der alljährlichin der Stadt New-York getödteten Neugeborenen auf mehrere Tausende. Findelhäuser sind in Europa seit 787 n. Chr. errichtet, in Mailand, 1070 in Montpellier, 1317 in Florenz, 1331 in Nürnberg, 1362 in Paris, 1380 in Venedig, 1687 in London.

Als man in Frankreich die Drehladen an den Findelhäusern einführte, stieg 1833 die Zahl dieser auf öffentliche Kosten unterhaltenen Kinder bis auf 131000; und nach Abschaffung der Drehladen stieg die Zahl der Kindesmorde.

Auch in mohammedanischer Gegend, in Alexandria, sah ich eine Findlings-Anstalt im arabischen Hospital. Aber Dr. Schiess, der Vorsteher, zahlt nicht mehr derjenigen Frau, die das gefundene Kindbringt, das Verpflegungs- bezw. Ammen-Geld, — weil es zu häufig die eigne Mutter war; durch dieses persönlicheDeplacement[281]wurde die Zahl der Findlinge erheblich verringert.

4) DieBasler Missionhat ihr Findelhaus aufgegeben und hält nur noch ein Geschäftshaus in Hongkong, wo ich Herrn Dr.Reuschbegrüsste.

Unser Frühstück hatten wir an diesem Tage natürlich in demdeutschen Club[282]genommen und fanden dort fröhliche Gesellschaft. Im Hintergrund des grossen Speisesaales ist eine Bühne aufgeschlagen, auf der im Winter ganz munter Theater gespielt wird.

Am Nachmittag besuchten wir auch dieChinesenstadt. In der mit der Uferstrasse gleichlaufendenQueensroadbefinden sich neben Banken und europäischen Läden[283]aller Art auch die feineren chinesischen, wo Gold-, Silber-, Seide-, Porzellan-, Holz-, Horn-, Bronze-Waaren u. dergl. verführerisch ausgelegt sind.

Die Läden des eigentlichen Chinesen-Viertels sind weniger geräumig, sauber, anziehend. Im Hintergrund des Ladens brennt eine kleine Lampe vor den Hausgöttern. An den Wänden hängen Rollen mit Weisheit-Sprüchen aus den Classikern, besonders zum Lobe des redlichen Kaufmanns. Der Reisende kann ruhig eintreten und betrachten; erst nach einiger Zeit erhebt sich der Kaufmann mit dem üblichen Gruss „chin-chin“ und fragt nach dem Begehren.

Der Kaufmann kennt den Geschmack „der Barbaren“ und führt schwere Stickereien auf Silber, elfenbeinerne, sorgsam geschnitzte Fächer, Schachspiele, Juwelenkästchen, Spazierstöcke, Vasen, Messer und Gabel, Thee-Service u. dergl. Chinesische Silberarbeit ist sehr berühmt und ausserordentlich billig. Silber ist das gewöhnliche Zahlungsmittel, da im Innern von China, ausser dem Bronze-Cash, Münzen nicht geprägt werden.

Jeder Mensch kennt Silber und seinen Werth, und jeder Trödler oder Hausierer hat eine kleine Wage bei sich. Mit einem Stück Silber kann man allenthalben zahlen; man könnte durch China reisen mit einem paar Dutzend silberner Theelöffel und für jedes Nachtlager, jedes Mittagbrot ein Stück abhacken. Höchst seltsam war mein Versuch, vor der Reise nach Canton, Nachmittags, als die Banken geschlossen waren, englische Goldstücke in Silber bei einem chinesischen „Gold and Silver coin changer“ umzuwechseln. Der Mann besah das Geldstück, runzelte die Stirn und sagte, wie ein echter Agrarier: „Gold ist schlechte Münze;“ fing an zu wägen und zu tadeln und zu unterbieten, bis ich lachend mein Gold nahm und mich empfahl. Im Canton Hotel wurde übrigens Gold zum Börsen-Preis, den mir Herr Melchers sagte, gern genommen.

Im Innern von China werden grössere Zahlungen durch Silberbarren geleistet, die von einer Bank gestempelt sind und gewöhnlich 50 Taels (d. h. 50×37,783Gramm) wiegen. Kleinere Zahlungen werden durch abgewogenes Hacksilber gemacht. Der Tael ist eine Rechnungsmünze, ungefähr gleich 1½ mexic. Dollar. Der Tael wird eingetheilt in 10 Mähs = 100 Candareen = 1000 Cash, so dass also das Cash = 0,4 Pfennig. Mexicanische Dollar werden in den Vertragshäfen genommen, gewöhnlich werden sie von einer Privatbank gestempelt (Shop-Dollar) und gewinnen ein trauriges Aussehen, wenn dies öfters wiederholt wird. Der Vicekönig von Canton hat Zehnteldollarstücke (7,2 Candareen) aus Silber schlagen lassen, ein Zugeständniss an den Fremdenverkehr. Jede Silbermünze wird, ehe man sie nimmt, sorgsam auf den Klang, öfters auch auf das Gewicht geprüft. Papiergeld der Banken (von 100 bis 1000 Cash) und auch darübercirkulirt im Innern. Regierungspapiergeld gab es früher, schon vom 7.-10. Jahrhundert; nach den Betrügereien der Mongolenkaiser wurde es abgeschafft. Das chinesische Banksystem reicht zurück bis ins erste Jahrhundert v. Chr. Bankbruch ist unerhört in China.

Je weiter nach Westen, desto schäbiger die Läden, die nur noch für chinesische Bedürfnisse sorgen. Da stehen Reihen von dampfenden Theetässchen, Suppennäpfchen, Reisportionen auf einem Brettergestell und harren der herantretenden Käufer; da hängt das gebratene Ferkel-Viertel herab, das so braun aussieht, als wäre es lackirt, und die beliebten Spickenten. Die feineren Restaurants zeigen schon am Eingang und auf den Treppen vergoldetes Schnitzwerk und enthalten oben besondere Zimmer für chinesische Leckermäuler.

Ein grosses Geheimniss chinesischer Gesundheitspflege besteht darin, dass Wasser niemals ungekocht, sondern nur in Gestalt von Theeaufguss genossen wird. Als ich rohen Reis in dem trübgelben Wasser des Canals von Canton schlemmen sah, war ich wenig befriedigt; aber wer beobachtet, dass der Reis immer erst gründlich durchgekocht wird, wird bezüglich dieses Hauptnahrungsmittels ganz beruhigt sein.

Zwei Arten von Läden und Buden fesselten meine Aufmerksamkeit besonders: erstlich die Pfandleiher, die ausserordentlich zahlreich und auch gut besucht waren; und zweitens die Läden und Standorte der Kräuterdoctoren und Zahnkünstler.

Der letztere, in keineswegs sauberer Kleidung, eine riesengrosse Hornbrille mit Fensterglas auf der Nase, um den Leuten Ehrfurcht vor seiner Weisheit einzuflössen, sitzt auf der Strasse vor einem kleinen Tischchen mit Heilmitteln und den Siegeszeichen seiner Wirksamkeit. Als Handwerkszeug zeigt er eine einzige, schon etwas schadhaft gewordene Zange. Die Häuser der Kräuterdoctoren sind mit marktschreierischen Inschriften von unten bis oben bedeckt.

Diegewöhnlichen chinesischen Aerztesind schäbige Gesellen; man soll aber diese Zahnbrecher, Pflasterschmierer und Kräuterhändler nicht mit europäischen Aerzten, sondern höchstens mit unseren Heilgehilfen vergleichen. Während esfrüher Kaiserliche Schulender Heilkunde in China gab, kann jetzt jeder ohne Studium und Prüfung die Heilkunde ausüben. Der chinesische Arzt, welchen ich schon 1887 in Portland (Oregon) besucht, war der schmutzigste Genosse, den ich bisher gesehen. Seine Heilkunst stützte sich auf ein chinesisches Buch; auf der einen Seite ist der Kranke abgebildet, die Erzählung seiner Leiden fliesst aus dem Mund, ein Pfeil zeigt auf den leidenden Theil des Körpers; auf der anderen Seite stehen gegenüber die Heilmittel verzeichnet. Mehrere Diener sind mit dem Raspelnvon Wurzeln und dergleichen beschäftigt. Die hauptsächliche Marktschreierei dieses Chinesen bestand aber darin, dass er „niemals schneidet.“

Natürlich giebt es auchfeinere Aerztein China. In neuester Zeit hat die chinesische Regierung durch Erlasse die Aerzte zu bessern gesucht; sie hat auch 1868 eine Universität zu Pecking gestiftet und einige Europäer und Amerikaner dorthin berufen.

Das chinesische Volk, voll Stolz und Vaterlandsliebe, zieht die einheimischen Aerzte den fremden vor und glaubt, dass die ersteren geschickter seien, da sie durch blosses Fühlen des Pulses und Betrachtung der Zunge mehr herausbrächten, als die letzteren mit ihren zusammengesetzten Untersuchungen. Die 30000 Chinesen in S. Francisco, die 8000 in Portland (Oregon), die Tausende, welche auf europäischen und amerikanischen Dampfern alljährlich den stillen Ocean und die chinesisch-japanischen Gewässer befahren, befragen niemals einen Arzt kaukasischer Abstammung, wenn sie es irgend vermeiden können.

Uebrigens sollen diese Kuli, denen ihre amerikanischen — Freunde jede Art von Schmutz und Laster nachreden, im Ganzen recht gesund sein, und Todesfälle sind thatsächlich selten.

Allerdings fassen die Chinesen mehr Zutrauen zu europäischen Aerzten da, wo sie besser behandelt werden, wie in Hongkong und Singapore; der deutsche Arzt in letztgenanntem Orte hat eine ausgedehnte, auch chirurgische Praxis unter den Zopfträgern.

Die chinesische Literatur der Heilkunde ist übrigens ziemlich beträchtlich.Cho-Chiu-Kei, der chinesische Hippocrates, welcher während der Hang-Dynastie (also zwischen 25 und 221 n. Chr.) gelebt hat, schrieb ein Buch über die fieberhaften Krankheiten, das noch heute von den Chinesen als Richtschnur betrachtet wird, und worin er folgendes lehrt: Jede fieberhafte Krankheit entsteht durch einenGiftstoff, der nur dadurch verschieden wirkt, dass er auf verschiedenen Bahnen und in verschiedener Stärke eindringt. Gift wird durch Gegengift geheilt. Oefters muss aber wieder das Heilgift ausgetrieben werden. — Noch vor einem Menschenalter hielten die europäischen Aerzte diese chinesische Lehre für ganz verrückt. Aber in der allerletzten Zeit sind wir merkwürdiger Weise vielfach zu ganz ähnlichen Anschauungen gelangt.

Ebenso schäbig und unsauber wie die Läden im Westend sind auch dieTempel. Ein abenteuerlich aussehender, holzgeschnitzter, bemalter Gott mit herabhängendem Schnurrbart sitzt würdevoll auf dem Altar, vor ihm stehen Opfer von Reis und Thee und brennende Weihrauchstäbchen.

Natürlich giebt es hier auchOpium-Kneipen. Aber die Ansicht, welche einige Missionäre zu verbreiten suchen, als ob das ganze chinesische Volk durch Opium entnervt sei, ist einfach lächerlich. Man betrachte den nackten braunen[284]Oberkörper der Kuli, welche ungeheure Lasten schleppen. Weit schlimmere Verwüstungen richtet in Europa und in Amerika der Schnapsmissbrauch an, der noch dazu den Nachtheil mit sich bringt, zur Rohheit und zum Verbrechen anzureizen.

ChinesischeSpielhäuser, wie ich sie in Portland und S. Francisco gesehen, waren auch früher in Hongkong geduldet und brachten sogar monatlich 14000 Dollar der Regierung an Abgaben, doch wurden sie neuerdings unterdrückt. Aber die Chinesen sindspielwüthigund fröhnen der Leidenschaft heimlich in Clubs und Privathäusern; Kuli, die beim Spiel sich ertappen lassen, werden eingesperrt. Die Kinder auf den Strassen spielen eifrigst um ein Paar Kupfermünzen.

DieStrassenscenensind sehr mannigfaltig. Allenthalben sieht und hört manFruchtverkäufer. Die Hauptsorten sindLitchi(von Nephelium L.), eine pflaumenähnliche Frucht;Pumelo, eine Riesenorange (Citrus decumana), aber auch unsere gewöhnlichen Orangen und Mandarinen; ferner dieCanton-Stachelbeere(Averrhoa carambola), eine sechseckige Frucht von seltsamem Aussehen und wenig Geschmack; ferner Mango-Pflaumen, Bananen; endlich kleine Nüsse und Zuckerrohr, an dem die Chinesen ebenso begeistert saugen, wie Fellachen in Aegypten.

Dort hat ein wandernderBarbierseinen Sitz aufgeschlagen, rasirt das Vorderhaupt, ordnet den Zopf[285]und holt aus Nasenlöchern und Ohr das letzte widerspenstige Haar heraus. DerGeschichtenerzählerbricht geschickt ab, wenn der junge Gelehrte der kleinfüssigen Schöne die Liebe erklärt, und beginnt Cash einzusammeln.Hochzeits-undBegräbnisszügewerden von Musikern, Bannerträgern und Männern, die bemalte, figurenreiche Holzschnitzereien tragen, begleitet. Roth ist die Hochzeits-, Weiss die Trauer-Kleidung.

Es giebt auch schon einige Droschken und kleine Omnibus in Hongkong, das eigentliche Beförderungsmittel ist aber für die Ebene Jinrikisha, und für die Hügel der Palankin.

Donnerstag, den 27. October 1892 Nachmittags, fährt mein Dampfer Brindisi (von der P. & O. G.) ab von Hongkong nach Colombo. Der Dampfer hat 2109 Tonnen, 2000 Pferdekräfte, ist 360 Fuss lang, verbraucht 38 Tonnen Kohlen täglich. Das Schiff ist also nicht sehr gross,nicht sonderlich neu, nicht sehr bequem, obschon ich persönlich meine eigne, auf Deck belegne Cabine durchsetze. Die englische Dampfschifffahrts-Gesellschaft (P. & O.) vernachlässigt die Nebenlinie von Ostindien nach China, wenigstens hinsichtlich der Reisenden, deren Ertrag weit hinter dem der Güter zurücksteht.

Erster Classe ist eigentlich nichts auf diesem Dampfer, als der Fahrpreis. Der Capitän ist ein steifes, unzugängliches Männlein, das auf Beschwerden nur mit Achselzucken antwortet. Abends 11 Uhr wird das elektrische Licht ausgelöscht und abgestellt, das Verdeck ist ganz dunkel, bis auf eine grosse Stall-Laterne. Die Leuchter in den Cajüten enthalten keine Kerzen. Aber dies ist unvernünftig. Zusammenstoss und Unglück erfolgt natürlich meist in der Dunkelheit: da muss man um sich sehen können. Ausserdem ist es lästig, wenn man Nachts in der tropischen Hitze aufwacht, gar kein Licht zu haben. Aus diesen Gründen legte mein Nachbar (Herr Capitän R. von der deutschen Flotte) und ich selber dem Schiffslenker unsere Wünsche so nahe, dass wir, aber nur wir allein, wirklich Kerzen in die Leuchter bekamen. Die „Officiere“ des Schiffes sind recht junge Leute, deren theoretische Kenntnisse verschwindend klein sind; wenigstens wissen sie auf einfache Fragen der Schiffskunde keine Antwort. Sie kennen nicht einmal ihr Schiff. Die oben erwähnten Angaben habe ich nicht von ihnen, sondern von dem Erlaubniss- oder Fahr-Schein des Schiffes, der vor dem Speisesaal aufgehängt ist. Des Morgens gehen sie barfuss.

Die Matrosen sind Laskaren, d. h. Inder, braune, meist kleine Kerle, die leidlich geschickt, aber nicht sehr kräftig zu sein scheinen und uns hauptsächlich bei der Parade am Sonntag Vormittag gefallen, wenn sie in weiss gewaschener Kleidung mit bunten Gürteln und Kappen oder Turbanen antreten. Die Aufwärter sind sogenannte Portugiesen aus Goa, mit dunkelbraunem, nicht hässlichem, bart-geschmücktem Gesicht, aber mit geringem Vorrath von englischen Worten und sehr geringer Einsicht, trotzdem sie die klangvollsten Namen führen. Der meinige hiess de Sousa, ein Name, der in der portugiesischen Colonialgeschichte sehr berühmt und jetzt unter den „Portugiesen“, d. h. Mischlingen Ostasiens, so verbreitet ist, wie bei uns Schultze oder Müller. Ich konnte trotz grosser Beharrlichkeit und Geduld nicht erzielen, dass er, wenn wir im Hafen lagen, meine Cajüte abschloss und dem zahlreichen Gesindel, welches dann die Schiffe unsicher macht, den Zugang zu meinen Sachen versperrte; dagegen fand ich Nachts, als ich von Singapore zurückkehrte, die Cabine verschlossen, Herrn de Sousa in sanftem Schlafe.

Die Zwischendeck-Reisenden waren meist Chinesen, aber ausgewanderte; einige hatten Japanerinnen geheirathet; die Kinder waren recht drollige Geschöpfe. Wer die Geschäfts-Sprache in Ostasien (Pidgin-Englisch, mit zahlreichen spanischen und chinesischen Worten und ohne Conjugation) ein wenig versteht, kann sich mit ihnen ganz gut unterhalten. Es sind geschäfts- und lern-eifrige Menschen. Ein 15jähriger Schusterjunge fragte mich gleich, was meine braunen Lederstiefel gekostet, und versprach mir neue für den halben Preis zu liefern. Uhr, Aneroïdbarometer, Doppelfernrohr reizen ihre Neugier aufs höchste; jeder will die Dinge betrachten und in die Hand nehmen.

Reisende erster Cajüte hatten wir 30. Zum Glück waren einige Deutsche da, so dass ich doch auch meine Muttersprache sprechen und eine angenehmere Unterhaltung führen konnte. Zunächst der Herr Capitän R., der aus seinem reichen Erfahrungsschatz mir Vieles mittheilte; er war während des letzten Bürgerkrieges in Chile gewesen und hatte Leben und Eigenthum der Deutschen und auch der andern Europäer thatkräftig geschützt. Oft sassen wir bis Mitternacht auf dem dunklen Verdeck bei der glimmenden Cigarre und sprachen von der Heimath und der Entwicklung des Vaterlandes. Ferner war an Bord ein deutscher Kaufmann aus Kobe, der aber in Amerika Bürger der vereinigten Staaten geworden: er reiste hinter einem ungetreuen Buchhalter her, der einen tiefen Griff in die Geschäftskasse gethan: leider hat er sein Ziel nicht erreicht, denn der in Singapore auf telegraphisches Ersuchen festgehaltene Dieb wurde doch von den Engländern freigelassen, da angeblich ein sicherer Beweis des Diebstahls nicht zu liefern sei. In Singapore kam dann noch ein deutscher Kaufmann an Bord, um die Heimath zu besuchen, ein liebenswürdiger und unterrichteter Herr: schade, dass er zu Geschäftszwecken schon vor langer Zeit die deutsche Unterthanschaft aufgegeben. Das ist ein erheblicher Uebelstand, der nur durch grosse Thatkraft seitens der deutschen Consuln und durch Opferwilligkeit seitens der ausgewanderten Kaufleute zum Nutzen unseres Vaterlandes überwunden werden kann.

Ausser den Deutschen waren Engländer an Bord, zwei Parteien von je zwei Globetrottern, die ich schon von der Fahrt über den stillen Ocean her kannte. Erstlich ein Bruder-Paar von Junggesellen, Geistlicher und Gymnasialdirector, unterrichtete Leute, die aber doch den englischen Hochmuth in Urtheilen über unser Vaterland zur Schau trugen; freilich, als man ihnen tüchtig entgegen trat, mildere Saiten aufzogen. Dann ein sechzehnjähriger Jüngling, den sein Vater, Mitglied des Parlaments, unter Schutz eines 22jährigen Mathematikers, zur Stärkung der Gesundheit um die Welt sendete. Der Erfolgdieses Versuchs scheint mir recht zweifelhaft, es sei denn, dass die schon bestehende Neigung zur Unverschämtheit noch gestärkt werden sollte. Ein sehr angenehmer Engländer war ein Officier, Capitän H., der in fesselnder Weise von dem Kleinkrieg in Birma und seinen indischen Soldaten (Sikhs) zu erzählen wusste. Ueberhaupt fand ich auf dieser Reise, dass von allen Engländern die Officiere noch mit am meisten geneigt und befähigt waren, Deutschland Gerechtigkeit und Anerkennung zu zollen.

Ein guter Gesellschafter war ein junger Italiener aus Mailand, der zur Erholung seiner Nerven und zu seinem Vergnügen die Reise um die Erde machte. Höchst wunderlich erschien uns Allen ein sehr grosser Neger, Geistlicher aus Baltimore, der von bedeutendem Selbstbewusstsein erfüllt war, da er als erster seiner Farbe selbständig eine Vergnügungsreise um die Erde unternommen, und auf’s eifrigste an einem Reisetagebuch schrieb.

Der dritte Theil der Cajüt-Reisenden waren Parsi, gutgestellte Kaufleute aus Indien, die bis China ihre Geschäftsverbindungen ausdehnen. Es ergötzte mich höchlichst, dass keiner von ihnen mir angeben konnte, wann Zoroaster, der Stifter ihrer Religion, gelebt hat oder gelebt haben soll.[286]

Ueber die Gesellschaft, der unser Schiff gehört, möchte ich ein paar Worte sagen, da ich, wie fast jeder Reisende in Ostasien, ziemlich viel mit ihr zu fahren hatte. Zunächst möchte ich unseren vaterländischen Linien dringend empfehlen, auch ein solchesTaschenbuch[287]herauszugeben, wie es die Peninsular and Oriental Steam Navigation Company hat drucken lassen und für 2 Shilling oder 1 Rupie verkauft: gut gebunden, handlich, in jede Tasche passend, enthält es auf nahezu 300 Seiten die werthvollsten Belehrungen für den Reisenden über alle Linien der Gesellschaft und kleine, aber brauchbare Karten. Dies Büchlein führt zweifellos der Gesellschaft zahlreiche Kunden zu.

Ihre gegenwärtige Flotte umfasst 54 Schiffe mit 209872 Tonnen oder 3887 Tonnen im Mittel.

Die Gesellschaft ist 1837 gegründet, 1840 incorporirt, hatte nach Eröffnung des Suezcanals eine neue Flotte zu bauen und erhält fürdie Beförderung der Post nach Indien, China und Australien 350000 £ Unterstützung.

In einem Punkt steht leider unser norddeutscher Lloyd bedeutend hinter P. & O. zurück, in derErtragsfähigkeit.

Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.Abends, 8. November, an Colombo.

Der sorgsame Reisende vermerkt zuerst den Logbericht der Fahrt:

Freitag, 28. October, 18° N., 113° 38′ O., 268 Seemeilen.Sonnabend, 29. October, 13° 39′ N., 111° 39′ O., 297 Seemeilen.Sonntag, 30. October, 9° 30′ N., 109° 13′ O., 287 Seemeilen.Montag, 31. October, 5° 25′ N., 106° 12′ O., 304 Seemeilen.Dienstag, 1. November, Vorm. in Singapore 1° 10′ N., 103° 15′ O.Mittwoch, 2. November, Vormittag ab Singapore.Donnerstag, 3. November, 3° 48′ N., 100° 18′ O., 276 Seemeilen.Abends an Penang. Nachts 2 Uhr ab Penang.Freitag, 4. November, 5° 46′ N., 98° 44′ O., 100 Seemeilen.Sonnabend, 5. November, 6° 06′ N., 94° 07′ O., 275 Seemeilen.Sonntag, 6. November, 6° 07′ N., 89° 37′ O., 269 Seemeilen.Montag, 7. November, 6° 04′ N., 85° 06′ O., 270 Seemeilen.Dienstag, 8. November, 5° 55′ N., 80° 15′ O., 291 Seemeilen.Abends, 8. November, an Colombo.

Die Nähe des Aequators giebt sich deutlich kund. Am 27. October beträgt die Dauer des Sonnenuntergangs 2½ Minuten, am 3. November fast genau zwei Minuten, und zwar genau um 6 Uhr. Morgens beim Sonnenaufgang messe ich schon 20° C. im Schatten, das kühle Bad wirkt sehr erfrischend, die Kleidung ist südlich, das Meer tiefblau. Ich lese einige Bücher über Indien.

Bei der Einfahrt nach Singapore (Dienstag den 1. November Vormittag) erblicken wir zuerst ein Schiffs-Wrack, dann zahlreiche kleine Inseln, auf dem nahen Festland einen prachtvollen und dichten Kokospalmen-Wald längs der Küste; wir fahren an der Rhede vorbei und ankern ausserhalb der Stadt an der Werft (P. & O. Wharf, in New Harbour, 3 englische Meilen westwärts von der Stadt), treten sofort an’s Ufer, ohne auf die nach hineingeworfenen 10 Cts. Stücken tauchenden Knaben und Jünglinge zu achten, und fahren in einer netten, von einem kleinen Malayen-Ponny gezogenen, von einem Malayenkutscher geführten Verdeckdroschke („gharry“, für 75 Cts.) nach dem Hotel de l’Europe, woselbst wir einen thatkräftigen, aber groben Deutschen als Verwalter, schlechtes Essen, gutes Bier und Schutz gegen die Mittagshitze finden.

Singaporean der Südspitze von Hinterindien, 1° 17′ nördlich vom Aequator, 103° 50′ östlich von Greenwich, ist die Hauptstadt der englischen ColonieStrait-Settlements, welche die Insel Singapore, den Bezirk Malakka auf der gleichnamigen Halbinsel und die ein wenig nördlicher (6° N.) dicht bei der Halbinsel gelegene Insel Penang umfasst. Die Insel Singapore liegt am Südende der Strasse von Malakka, vor der Südspitze der gleichnamigen Halbinsel, östlich und nicht weit von der Mitte von Sumatra, westlich von Borneo, eine Dampfertagereise nördlich von Java[288], nachRatzel’sWorten „aneine jener praedestinirten Mittelpunktsregionen des Weltverkehrs.“ Die Insel ist 48 Kilometer lang, 25 Kilometer breit und enthält 687 Quadratkilometer, ist also beträchtlich grösser als Hongkong. Sie ist ziemlich eben, da der höchste Hügel nur 500 Fuss sich erhebt, und mit Baumwuchs bedeckt. Die Hauptstadt liegt auf der Südostseite der Insel und ist 4 englische Meilen lang; die Nordseite ist vom Festland (Djohor) durch einen schmalen Canal (Tambroh Channel, 0,45 bis 1,2Kilometer breit,) getrennt. Die Insel wurde 1819 durch Sir Stamford Raffles für England in Besitz genommen, 1824 von dem Sultan von Djohor an die britisch-ostindische Compagnie verkauft, 1867 an die englische Krone abgetreten.

Die Colonie ist wichtig wegen der Nähe der Gewürzinseln des Malayischen Archipels sowie als Flotten-Station und Kohlen-Lager für die Engländer in kriegerischen Zeitläuften. Das Regierungsgebäude, das Stadthaus, die Banken und die Uferstrasse mit Docks und Waarenlagern machen schon einen hübschen Eindruck, weniger lässt sich dies von den Quartieren der Einheimischen sagen, wo alle Arten der östlichen Rassen anzutreffen sind. Die Häuser der europäischen Kaufleute liegen draussen, in grossen Gärten und sind höchst geräumig und luftig angelegt. Die Bevölkerung beträgt 150000: Chinesen, Malayen, Inder. Die letzteren sind Tamilen und werden hier Klings genannt. — Unter den (1900) Europäern sind viele Deutsche, namentlich Kaufleute. Aber es giebt hierselbst auch einen deutschen Arzt, der nicht nur in der deutschen Colonie grosses Vertrauen geniesst, sondern auch die Zopfträger von der Wohlthat deutscher Wundarzneikunst überzeugt hat. Das deutsche Reich hat hier einen Consul.

Das Klima ist gesund, aber sehr heiss. (26–27° C. im Schatten, innerhalb der Häuser). Die Hitze des Tages wird durch den Seewindund häufige Regenschauer etwas gemildert, die Nächte sind ein wenig kühler. Die Stadt liegt nur 144 Kilometer nördlich vom Aequator; deshalb geht die Sonne das ganze Jahr hindurch ungefähr um 6 Uhr Morgens auf, um 6 Uhr Abends unter.

Singapore ist seit der Gründung (1819)Freihafen, der Handel der Strait-Settlements beträgt jährlich 26 Millionen Pfund Sterling (Einfuhr 1892 an 92 Millionen Dollar, Ausfuhr 75); ausgeführt werden hauptsächlich Zinn, Guttapercha, Catechu, Pfeffer, Zucker, Muskatnüsse, Tapioca (Sago, Stärkemehl aus Wurzeln von Manihot utilissima). Der Hafen von Singapore ist zu jeder Zeit sicher, da Taifun hier nie beobachtet wird, und deshalb Kreuzungspunkt des europäischen Handels nach Ostasien und Australien. 1887 gingen 3467 Schiffe ein mit 2600000 Tonnen und aus 3393 Schiffe mit 2564000 Tonnen.

Nachmittags 4 Uhr, als die Hitze nachgelassen, fuhr ich mit Capitän R. nach der Hauptsehenswürdigkeit von Singapore, dembotanischen Garten, der mein Staunen und Entzücken erregte.

Botanische Gärten sind zuerst im Anfang des 14. Jahrhunderts zu Salerno und bei Venedig angelegt, dann 1533 in Padua, 1544 in Pisa, 1568 in Bologna, 1626 zu Paris, ferner zu Kew bei London, in Amsterdam, an allen deutschen Universitäten, wobeiBerlinsowohl durch Reichhaltigkeit als auch durch wissenschaftliche Beschreibung eine der ersten Stellen einnimmt. Was südliches Klima zusammen mit Kunst und Wissenschaft auf diesem Gebiete leistet, hatte ich im botanischen Garten zu Palermo 1884 und 1891 zu beobachten Gelegenheit: wer die Allee von Dattelpalmen einmal gesehen, vergisst sie niemals wieder. Aber erst in den tropischen Gegenden von Asien sah ich die höchste Vollendung.

Die Gärten von Peradenia auf Ceylon, bei Calcutta, bei Singapore, bei Batavia auf Java geniessen mit Recht des höchsten Rufes. Den letztgenannten bekam ich nicht zu sehen, wohl aber die drei andern. Vom Standpunkt der Gartenkunst ist der zu Singapore der schönste, wiewohl er an Zahl der Pflanzenarten hinter dem von Peradenia zurücksteht.

Auf schöngehaltenen Rasenbeeten erheben sich schlanke Kokospalmen in die Lüfte, Fächer-Palmen, Sago-Palmen mit haushohen Blättern, Riesenbambus, Bambus mit rothem Stengel, blühende Bäume aller Art, Bougainvilien, Akazien mit rothen Blüthen zwischen den hellgrünen Blättern, dem Auge eine viel angenehmere Farbenmischung als unsere mit ihren gelben Blüthen; in Gewächshäusern, die nicht fest geschlossen, sondern nur mit einem Blätterdach (gegen die Sonnengluth!) versehen sind, sieht man Orchideen und Farrn aller Art, Wasserpflanzenmit durchbrochenen Blättern, wie aus grünem Spitzengewebe. Zur Belebung des Ganzen tragen einige Thier-Häuser bei mit Affen, Nashornvögeln, Casuaren.

Heimgekehrt spazierten wir Abends durch die Geschäftsstrassen neben dem Hotel, die Läden mit ostasiatischen Juwelier-Arbeiten und sogenannten Curiositäten; speisten im Hotel und fuhren um 10 Uhr zum Schiff zurück.

Die Nacht war schlimm durch Schwüle und durch Moskitos wegen der Nähe des Landes. Ich zog es vor, nur mit Hemd, Handschuhen und Strümpfen bekleidet, vor meiner Cajüte zu sitzen.

Am nächsten Morgen stellten sich die schreienden Taucher-Bettler wieder ein[289], Händler mit Affen, Papageien, Muscheln, Corallen — alle in kleinen Böten zwischen Ufer, Schiff und Landungsbrücke. Unser Dampfer wird durch Zustrom neuer Reisenden überfüllt. Ich erhalte (allerdings nur für einen Tag und Nacht) als Cajütgenossen einen kleinen siamesischen Prinzen. Derselbe ist in Edinburgh erzogen und zwar sehr streng, so dass er weder raucht noch trinkt, 22 Jahr alt, seit zwei Jahren verheirathet, Vater eines niedlichen Mädchens. Er zeigt und schenkt mir voll Stolz die Photographie von Frau und Kind. Seine Gattin ist Hofdame der Königin von Siam. Er selber malt in Oel zu seinem Vergnügen. Er ist höflich und angesehen. Seine Diener, die im Zwischendeck mitfahren, knien vor ihm nieder, wenn sie ihm beim Anziehen und Schmücken behilflich sind und ihn mit Rosenwasser besprengen.

Wir fahren durch die Meerenge (Straits) und sehen fortwährend Land. Abends kommt Wetterleuchten, aber keine Kühlung. Wunderbar war der Sonnenuntergang: gegenüber der Sonne, im Osten, eine Wolke rosig verklärt, so im Wasser gespiegelt, aber — nur für kurze Zeit; sofort schien der Mond hell und zeichnete in den Wellen, die das Schiff pflügte, zahllose Diamant-Lichter. Die Sterne blieben meist verhüllt. Der grösste Theil der Cajütenreisenden schläft auf Deck, jeder schleppt seine Matratze herbei. Des Morgens erhebt sich ein kühler Wind, es regnet. Um ¾6 Uhr bin ich der erste im Bad. Sehr angenehm war es, dass hier in so grosser Nähe vom Aequator die Hitze durch Regen oder Bewölkung des Himmels einigermassen gemildert wurde.

Am Morgen des 3. November erblickte ich bei leichtem Regen aus nicht so grosser Entfernung eine Wasserhose: ganz deutlich senkte sich aus einer Wolke ein Trichter mit unterer Spitze und mit schräger Achse nach abwärts, ohne den aus dem Wasser mit oberer Spitze emporstrebenden Trichter zu erreichen.

Ich mass Vormittags +28° C., Abends nach Sonnenuntergang +26½° C. Die Temperatur ist auf dem Meere viel gleichförmiger als auf dem Festland, da das Wasser weit langsamer sich erwärmt und abkühlt.

Am 5. November fand ich Nachmittags 4h+28° C., um 5½h+27¾°. Am 6. November, nach etwas kühlerer Nacht, so dass ich gegen Morgen die sonst offen stehende Cajütenthür schloss, Morgens 7h+27° C., um 9h+28°, um 1h+29°, um 4½h+29° C. Am 7. November Mittags, wo es nach dem Gefühl sehr warm zu sein schien, +29° C. (= 23° R). Am 8. November Morgens 7½h+26½°, nach ¼ Stunde dasselbe.Also von Sonnen-Aufgang bis Untergang26 bis 29° C.

InOberägyptenhatte mir die Messung ganz andere Ergebnisse geliefert. Ich fand im Februar, auf der Nilfahrt, Morgens vor Sonnenaufgang etwa +12° C., nach Sonnenaufgang kommt von Viertelstunde zu Viertelstunde ein Grad dazu, bis Mittags +30° erreicht werden; Nachmittags selbst 33 bis 34° C.; bei Sonnenuntergang bestehen noch +30°, und Abends um 9hnoch +22°. Als ich in der Gegend von Assuan (dicht am nördlichen Wendekreis) Nachts um 3haufstand, um das Kreuz des Südens zu beobachten, fand ich +21½°. Erst Morgens gegen 5hwurde es kühler, so dass ich die Cajütenthüre schloss.

Merkwürdig war der Sonnenuntergang am 3. November. Wolken deckten theilweise den westlichen Horizont, während es im Osten regnete. Die beiden unteren Theile eines Regenbogens wurden sichtbar, zum Theil noch durch strichförmige, dunkle Wolken verdeckt. Den oberen grösseren Theil der Halbkreisfläche des Regenbogens nahm eine dicke, weisse Wolke ein. Ungefähr vom Ostpunkt stieg nach Südosten eine fächerförmige Lichtstrahlung am Himmel empor, offenbar der Wiederschein des Zodiakallichtes. Die Gegend des Westpunktes schimmert roth auf blassgrünem Grunde, soweit nicht Wolken den Hintergrund decken. Die weissen Wolken im Westen werden jetzt von Purpur durchglüht. Sofort wird diese Erscheinung im glatten Ocean gespiegelt. Aber das dauert nur wenige Minuten. Dann erscheint der Vollmond in starkem Glanze.

Am Abend ankern wir auf der offenen Rhede vonGeorgetown,an der Ostseite der Insel Penang[290](5° 52′ N., 100° 19′ O.), in dem 2 Meilen breiten Canal, der die Insel von der Halbinsel Malakka scheidet.

Reisende gehen, so mein siamesischer Cajütgenosse; andre Reisende kommen in kleinen Booten, ein französischer Pater, ein junger englischer Arzt, der in Penang ein gutes Feld der Thätigkeit gefunden und nun nach Colombo fährt, um seine Braut, die dorthin mit der Mutter aus England gekommen, zu begrüssen und zu — heirathen. Den Versuch, mir sofort einen neuen Cajütgenossen zu geben, schlug ich siegreich zurück, erst mit Güte und dann, als dieses nicht half, mit Grobheit. Als ältester Reisender des Dampfers, der noch dazu die ganze Fahrt machte, glaubte ich dieses Vorrecht zu verdienen.

Der Abend ist unbeschreiblich schön; der Himmel zwar bewölkt, aber hoch oben leuchtet der Mond mit voller Klarheit und der Abendstern. Von dem Hafen glitzern die Lichter am Ufer und die festen der verankerten Schiffe sowie die beweglichen der kleinen Fährboote. Das Meer leuchtete, wie ich es noch nie gesehen. Sowie ein Ruder in’s Wasser getaucht wird, sprüht es auf mit mildem, bläulichem Silberglanz; derselbe Schimmer umgiebt den Bug des Kahns. Das Meer ist wie ein Spiegel, die Luft lau und lind. Dazu kommen und gehen alle die fremdartigen asiatischen Schiffer und Arbeiter.


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