Da mir die Felsentempel von Elephanta so gut gefallen hatten, beschloss ich die letzten Tage des scheidenden Jahres noch zu einem Ausflug nach den noch weit berühmterenGrotten-TempelnvonEllorazu benutzen. Dieselben liegen, mit Eisenbahn und Post in einer starken Tagesreise erreichbar, in dem grössten Schutzstaat Indiens, dem Gebiet des mohammedanischen Nizam von Haiderabad.
Man fährt Abends 10½ Uhr („um 22h30′“) von Bombay mit dem Schnellzug[624]der Great Indian Peninsular-Eisenbahn nordöstlich 178 englische Meilen = 284 Kilometer (für 11 Rupien) bis zu dem kleinen HalteplatzNandgaon, wo man Morgens um 6½ Uhr ankommt und die telegraphisch vorher bestellteExtrapostvorfindet,die den Reisenden in 9 Stunden (56 englische Meilen = 90 Kilometer) südöstlich nach Aurangabad, seinem Nachtquartier, bringt.[625]
Ein junger Kaufmann aus Wien schloss sich mir an und nahm seinen Hindu-Diener mit. Unser Gepäck musste auf das nothwendigste beschränkt werden.
Der Postwagen, der während unsres Frühstücks angeschirrt wird, verdient die Bezeichnung „antiker Form sich nähernd“. Auf dem zweirädrigen Gestell liegt der Wagen, ganz offen, aber von einem auf vier Pfosten ruhenden Dach überschattet, mit zwei Vordersitzen, von denen der Kutscher den rechten, ich den linken einnahm, meine Reisetasche und Mantelsack zwischen den Füssen, während auf dem abwärts geneigten Hintersitz mein Begleiter und sein Diener uns den Rücken zukehrten.
Sowie wir erst abgefahren, ging es ganz rasch vorwärts. Die Pferde werden fleissig gewechselt; mehrmals bekamen wir aber ganz elende Gäule, die vom Kutscher und Stalldiener nur durch grausame Peinigungen zum Fortlaufen gezwungen werden konnten. Auch die Gehöfte, wo wir Pferde erhielten, sahen recht elend aus, am elendesten die Pariah-Hunde, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit denen, obwohl ich Thiere so gern habe, ich mich kaum zu befreunden vermochte. Die Land-Strasse ist leidlich.
Nach kurzer Zeit hatten wir die Grenze überschritten. Ein Grenz-Stein und einige seltsam gekleidete Polizisten zeigten uns, dass wir das merkwürdigeReich des Nizam, betreten hatten.
Dasselbe hatte 1891 einen Umfang von 82698 englischen Quadratmeilen (oder 205000 Quadratkilometern) und 11537000 Einwohner. 1881 wurden 9845000 Einwohner ermittelt, davon 8893000 Hindu und nur 925900 Mohammedaner, welche aber, da der Fürst zum Islam sich bekennt, die herrschende Klasse bilden. (Hier zum ersten Mal in Indien traf ich anmassenden Hochmuth, als ich eine Moschee besichtigen wollte.)
Als die Mohammedaner um das Jahr 1000 n. Chr. von Afghanistan nach Indien vordrangen, herrschten im Dekkan, südlich von dem Vindhya-Gebirge, kriegerische Fürsten hauptsächlichnicht-arischerAbkunft, unter drei grossen Oberherren, den der Chera-, Chola- und Pandya-Dynastien. Alá-ud-din, der Neffe des Gründers der Kilji-Dynastie des Kaiserreiches Delhi und sein Nachfolger, drang 1294 mit seinenReiterschaaren über die Vindhya-Gebirge, überraschte und plünderte die Stadt Deogiri (Daulatabad), ganz in der Nähe von Ellora, und eroberte von 1305 bis 1315 Südindien. Sein General Málik Káfur drang bis zur Südspitze (Cap Comorin) vor und erbaute daselbst eine Moschee.
Aber schon unter dem unsinnigen Kaiser Muhamed Tughlak (1325 bis 1341) empörten sich sowohl die mohammedanischen Verwalter, als auch die Hindu-Lehnsfürsten des Dekkan: Zafar Khán Bahmaní, ein afghanischer General, wurde 1347 selbständig und beherrschte ungefähr das Gebiet des jetzigen Haiderabad; das Hindu-Königreich von Vijayagnar umfasste den Süden des Dekkan-Dreiecks.
Im Anfang des 16. Jahrhunderts zerfiel das mohammedanische Reich in fünf kleine Fürstenthümer (darunter Golkonda, Ahmadnagar mit der Familie des Nizam-Shahi u. A.), welche 1565 jenes Hindu-Königreich besiegten, aber nicht vollständig eroberten; dasselbe theilte sich in kleinere Herrschaften.
Unter den Mogul-Kaisern von Delhi wurde der Dekkan wieder erobert, zuerst ein Theil unter Schah Jahan (1636, 1657), dann hauptsächlich unter Aurangzeb (1683). Aber westlich von den Mohammedaner-Fürstenthümern war eine neue Hindu-Herrschaft 1670 entstanden, die derMarathen. Diese konnte Aurangzeb nicht vollständig besiegen und starb in dem Feldzuge, zu Ahmadnagar, 1707.
Nach dem Zerfall des Mogul-Reiches strebten die Marathen nach der Oberherrschaft über Indien und wurden, nach manchen Erfolgen, erst 1817 endgiltig von den Engländern besiegt. Aber auch die mohammedanischen Statthalter benutzten die Schwäche der Mogul-Kaiser; schon 1717 machte sich der Vicekönig oder Nizam ul Mulk (Ordner des Staates) Asaf Schah im Herzen des Dekkan unabhängig und behauptete sich auch gegen die Marathen. 1763 wurde im Frieden von Paris die Herrschaft der Nizam als unabhängiges Königreich anerkannt; doch allmählich kamen sie mehr und mehr in Abhängigkeit von den Engländern, mussten das Mündungsgebiet des Godawery-Flusses abgeben, wodurch sie vom Meere abgeschnitten waren, eine englische Schutztruppe aufnehmen und dafür Tribut zahlen, das Land Berar (nördlich von Aurungabad) für rückständige Zahlungen abtreten. Die Rückgabe dieses Landes wurde 1874 von den Briten entschieden abgelehnt, obwohl der Nizam die Zahlung der Schulden von 9 Millionen Mark anbot. Der Fürst ist der erste der Lehnsträger in Indien, sein Verhältniss zu England wird als Subsidienvertrag bezeichnet, er hat jetzt jährlich 421000 Mark zu zahlen und auf Erfordern einige Regimenter Truppen zu stellen.
Das Land, welches wir durchfahren, ist ziemlich fruchtbar, aber einförmig. In dem Rasthaus zu Deogam, 36 englische Meilen von Nandgaon, erhalten wir unser zweites Frühstück. Auch in dem Schutzstaat ist einigermassen für den Reisenden gesorgt. Nachmittags kommt mehr Abwechslung in die Landschaft, eigenthümliche Tafelberge erheben sich aus der Hochebene. Bevor es dunkel wird, erreichen wir das Rasthaus zuAurangabadund benutzen die Zeit vor Tisch noch, um mit Hilfe unsres Wagens die beiden Hauptsehenswürdigkeiten des Ortes zu besichtigen.
Die erste ist das Grabmal vonRabi’ a Durani, der Lieblings-Tochter von Aurangzeb. Der Kaiser befahl seinen Baumeistern, ein genaues Abbild von der Taj Mahal, seines Vaters berühmtem Bauwerk, herzustellen. Aber obwohl sie eine äussere Aehnlichkeit wahrten, so sind sie doch unendlich weit hinter dem bewunderten Vorbild zurückgeblieben. Das Gebäude ist viel zu niedrig, der Haupteingang viel zu klein, ausserdem die Eckthürmchen der Fassade höher als die mittleren. Blumenverzierung in erhabener und durchbrochener Arbeit ist an den Marmorwänden des Grabmals angebracht und drinnen ein durchbrochener Marmorschrein um das Grab, das aber keinen Stein, sondern die nackte Erde zeigt, — was von den Moslim, als Beweis von Demuth, sehr gebilligt wird. Nichts kennzeichnet mehr den raschen und jähen Verfall des Geschmacks als der Vergleich dieser beiden Grabdenkmäler! Die Taj wurde im Jahre 1040 der Hegira oder 1630 n. Chr. begonnen, das Bronze-Thor zu Aurangabad ist im Jahre 1089 der Hegira oder 1678 n. Chr. vollendet worden.
Der Baumeister des mittelmässigen Werks (Atau’llah) hat seinen Namen durch eine Inschrift verewigt, der der Taj ist unbekannt oder wenigstens an dem Bauwerk nicht zu lesen.
Auch dieJumma Musjid, zur Hälfte von dem Gründer der Stadt, Matik Ambar (nach 1610), zur Hälfte von ihrem Erweiterer, Aurangzeb, erbaut, ist niedrig und unbedeutend, nur durch ein zwei Fuss breites Verzierungsband am obern Ende der Fassade geschmückt, mit kleiner Kuppel, kleinen Thürmen, — aber sehr gut in Ordnung gehalten.
Der Priester, der uns den Eintrittverwehrte, (der Einblickvon aussen in die schmale Halle ist genügend,) behauptete sogar, dass wir schon vor dem Eingang des Hofes die Schuhe hätten ablegen müssen! Das Schönste ist hier nicht das Gebäude, sondern die wundervollen indischen Feigenbäume, die den Weg beschatten.
Ein Heiligengrab in der Nähe und die alten Felsentempel konnten wir wegen hereinbrechender Dunkelheit nicht mehr besichtigen.
Das StädtchenAurangabadist noch gar nicht so alt, hat aber sehr wechselnde Schicksale durchgemacht.
Gegründet 1610, unter dem Namen Khirki, von Malik Ambar, einem Grossen des Staates Ahmadnagar, wurde es vonAurangzebzu seinemsüdlichen Herrschersitzerkoren, nach seinem Namen umgetauft und zum Delhi des Dekkan erhoben, wo 53 mächtige Fürsten mit ihrem Gefolge den kaiserlichen Hof ausmachten. Damals war Aurangabad eine der grössten und wichtigsten Städte Indiens; sie soll eine Million (?) Einwohner gehabt haben. Nach dem Tode des Kaisers reisten die Fürsten in ihre Staaten, die Schlösser verfielen, die Stadt sank in ihre Unbedeutendheit zurück. Jetzt hat sie nur 8000 Einwohner, ist aber ganz lebhaft durch Handel in Weizen und Baumwolle.
Unser Kutscher, den ich übrigens gleich morgens früh mit einem Trinkgeld angefeuert, hatte bei der Fahrt durch die Stadt einen Augenblick gehalten und seinen Abendbesuch angekündigt; auch der indische Kutscher hat sein Schätzchen.
Am nächsten Morgen fuhren wir von Aurangabad wieder nördlich, aber auch ein wenig östlich von der gestrigen Strasse, nach dem acht englische Meilen = 12½ Kilometer entferntenDaulatabad, früher Deogiri genannt. Das ist eine indischeFestungdes 13. Jahrhunderts, höchst malerisch und eigenartig. Ein alleinstehender Felskegel von 500 Fuss Höhe ist unten ganz steil abgeböscht, bis zur Höhe von 80 bis 120 Fuss, ferner mit einem breiten und tiefen Graben umgeben und zugänglich nur durch einen schmalen Weg, der gerade Raum für zwei Fussgänger bietet und durch Aussenwerke vollständig beherrscht wird. Innen ist der Aufgang zu den auf dem Felsen befindlichen Gebäuden nur durch einen schmalen, in den Stein gehauenen Gang ermöglicht. 1293 nahm Alau’din die Stadt Deogiri ein, belagerte die Festung und zog erst ab, als ihm 15000 Pfund Gold, 25000 Pfund Silber, 175 Pfund Perlen, 75 Pfund Diamanten[626]als Lösegeld gezahlt wurden. 1338 versuchte Muhamed Tughlak seinen Herrschersitz hierher zu verlegen, schleppte die Einwohner Delhi’s nach Deogiri, änderte den Namen der Stadt in Daulatabad und verstärkte die Festung, die damals für uneinnehmbar galt. Seine Pläne scheiterten.
Nachdem die Mogul den Dekkan wieder erobert, benutzten Schah Jahan und Aurangzeb diesen Berg als Sommerwohnung. Es ist jetzt noch ein schönes Gebäude mit Schattendach und Aussicht oben, auf der obersten Plattform aber die Festung mit einer Riesenkanone von 19½ Fuss Länge und 7 Zoll Bohrung, die nach Tavernier’s Zeugniss unter Leitung eines europäischen Artilleristen ihre Aufstellung erhalten.
Lord Wellesley (später Herzog von Wellington) hat in dem zweiten Maratha-Krieg (1803–4) die Veste von einem benachbarten, höheren Berge aus erfolgreich beschossen und die Uebergabe bewirkt. Auch jetzt ist die Festung von den Engländern besetzt. Der britische Stabsofficier ertheilt die Erlaubniss zur Besichtigung des Innern.
Von der alten Stadt Daulatabad sind nur kärgliche Reste und wenige bewohnte Hütten übrig geblieben.
Der Weg führt jetzt bergauf nach dem 7 englische Meilen = 11 Kilometer entferntenRoza, wo wir in dem den britischen Officieren gehörigen Rasthaus abstiegen, nachdem wir uns die Erlaubniss dazu Morgens früh in dem englischen Lager (Cantonment) von Aurangabad ausgewirkt hatten.
Roza, 2000 Fuss über dem Meeresspiegel, war einst eine grosse, bedeutende und befestigte Stadt. Aurangzeb umgab sie mit einer hohen Steinmauer, welche Schiessscharten und Bollwerke enthält und deren Thorflügel, was dem Europäer besonders auffällt, an der Aussenseite mit gewaltigen Eisenspitzen vollständig gespickt sind, gegen den Ansturm der Elephanten. Jetzt ist Roza ein kleiner Ort mit nur 2000 Einwohnern.
Seine Bedeutung für die Moslim liegt in dem Namen, — Roza (Rauza) bedeutet Grab. Der Ort ist das Kerbela der Mohammedaner des Dekkan. Hier liegt begraben Aurangzeb und sein zweiter Sohn, ferner Asaf Schah, der Gründer der Herrscherfamilie von Haiderabad, endlich der letzte König von Golkonda und zahlreiche Würdenträger.
Obwohl Kaiser Aurangzeb reicher war, als irgend einer vor ihm, da das Jahreseinkommen des Staates von angeblich 1600 Millionen Mark zu seiner Verfügung stand, ist nach seinem eignen Willen und nach den Vorschriften des Koran sein Grabstein ganz einfach, neben dem Hof einer Moschee, unbedeckt und nur von einem schönen Baum mit duftenden Blüthen überschattet. Die Heiligkeit des Ortes Roza rührt her von dem Grab des Saiyad Hazrat Barhanudin, der schon vor Alaudin aus Oberindien nach dem Dekkan vordrang, um den Koran zu predigen, und 1344 zu Roza verstorben ist. Sein Grab ist von einem durchbrochenen Gitter aus rothem Sandstein umgeben. Die Wunder, die er wirkte, will ich verschweigen; sie werden ganz ähnlich „bewiesen“, wie die in Europa geschehenen.
Für den europäischen Reisenden sind diese Gräber von geringer Wichtigkeit; er betrachtet sie, während das Frühstück bereitet wird. Sowie wir uns aber gestärkt hatten, wanderten wir mit einem einheimischen Führer nach den drei Kilometer entfernten Höhlentempeln des DorfesEllora, auf deren Besichtigung wir trotz mittäglicher Gluth nahezu fünf Stunden verwandten. Höchst lästig ist ein Haufen von Priestern, Bettlern und Knaben, die wie ein Fliegenschwarm den Fremden verfolgen. Ich berief den Aeltesten zu mir und erklärte, dass Jeder von uns eine Rupie Trinkgeld für die ganze Gesellschaft gäbe, und dass sie uns in Frieden lassen sollten. Das half einigermassen, aber nicht vollständig.
Die Inder haben uns wieder nichts über die Geschichte dieser so überaus merkwürdigen Bauten hinterlassen. Von den Mohammedanern hat zuerst Mahsudi, der arabische Erdbeschreiber aus dem zehnten Jahrhundert n. Chr., Ellora als Wallfahrtsort erwähnt; 1306 besuchten Alaudin’s Generale den Ort und fanden eine hier versteckte Hindu-Prinzessin aus Guzerat, die nach Delhi gebracht und mit dem Sohn des Kaisers vermählt wurde.
Ein zwei Kilometer langer, halbmondförmiger Hügelrücken, der in seiner Hauptausdehnung von Norden nach Süden zieht, enthält in der ganzen Länge seines nach Westen gerichteten Abhangs die 34 Höhlentempel. In dem südlichen Horn liegen die ältesten, die der Buddhisten (12); in dem nördlichen die der Jaina (5); in der Mitte die der Brahmanen oder Hindu-Gläubigen (17).
Die Buddhisten haben schon zu den Zeiten des Königs Asoka (250 v. Chr.) Klöster und Tempel in den lebendigen Felsen ausgehauen und dies fortgesetzt bis zu der grossen Umwälzung im achten Jahrhundert n. Chr. Jaina und Hindu folgten, aber in den nahezu 1000 einzelnen Aushöhlungen, die auf 40 bis 50 Gruppen sich vertheilen und von der9⁄10der Präsidentschaft Bombay angehören, kommen etwa 900 auf Buddhisten, die übrigen auf Jaina und Hindu. Schon vor der mohammedanischen Eroberung hat diese Bau-Art aufgehört. Die Trap-Bildung der Felsen des westlichen Indiens, mit ihrer grossen Dicke und Gleichförmigkeit und den steilen Abhängen, ist ausserordentlich geeignet für den Höhlenbau.
Aehnlich günstige Verhältnisse liegen auch in Aegypten vor. Aber die indischen Leistungen sind weit grossartiger.
Die vollständige Dauerhaftigkeit eines in den lebendigen Felsen gehauenen Tempels[627]ist selbstverständlich, während unsere mittelalterlichen Kathedralen schon Ausbesserungen erforderten, die oft den ursprünglichen Plan ganz verändert haben.
Der Zugang von dem Rücken des Hügels zu den Eingängen der Höhlen liegt in der Mitte des ganzen Abhangs und leitet uns unmittelbar zu dem prachtvollsten und wunderbarsten Bauwerk der ganzen Gruppe, zu demKailas.
Dies ist ein vollständiger, ganz frei stehender dravidischer Schiwa-Tempel, aber nicht auf ebener Grundlage aus Bausteinen errichtet, sondern aus dem Felsen herausgemeisselt; das Gestein ist aussen wie innen, um die Gemächer zu bilden, fortgehauen.[628]Ein rechteckiger Schacht wurde gebildet in dem Abhang des Hügels, 100 Fuss tief an der Innenseite, 50 Fuss tief an dem Eingang, und so ein Hof hergestellt, mit ebenem Grund, von 150 Fuss Breite und 270 Fuss Länge. In der Mitte dieses rechteckigen Hofes liess man einen mächtigen Felsblock stehen und bildete daraus den Tempel von 96 Fuss Höhe, mit 7 verschiedenen Zellen, und eine gewaltige, von 16 mächtigen Säulen getragene Halle; eine auf Pfeilern ruhende Brücke, durch welche jenes Bauwerk mit einer vorgeschobenen Halle und ebenso mit dem Eingangsthor verbunden ist; dazu im Hofe zwei grosse, verzierte Pfeiler (deepdan = Lampenträger) und zwei lebensgrosse Elephanten: alles, was bisher beschrieben ist, stellt gewissermasseneinenEinzelblock-Tempel dar. Umgeben ist der Hof noch von einem mächtigen Höhlenbau mit Pfeilern und Halbpfeilern, zahlreichen Zimmern und grossen Hallen.Fergussonsetzt den Bau in’s 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr., andre Schriftsteller genauer in die Jahre 750 bis 850 n. Chr.; die Ueberlieferung nennt als Gründer den Rajah Eelu von Ellichpur, den Erbauer der Stadt Ellora, und bezeichnet den Tempel als Weihgeschenk zum Dank für seine durch das Wasser einer benachbarten Quelle bewirkte Genesung.
Zuerst gelangt man von der mit dem Fuss des ganzen Abhangs gleichlaufenden Strasse an den mächtigen Thorweg, der zu jeder Seite ein besonderes Zimmer enthält sowie über dem Thor einen Balkon mit einem von Pfeilern getragenen Dach und reichster Verzierung, vielleicht als Musik-Halle benutzt.
Wir durchschreiten das Thorgebäude, das aus drei mittleren Räumen besteht, überschreiten eine Brücken-Treppe und gelangen in die erste Vorhalle, in der Schiwa’s heiliger Stier (Nandi) sich befindet. Dieser Raum ist quadratisch, von 40 Fuss Seitenlänge, mit dickenMauern, einem vordern und einem hintern Eingang und zwei seitlichen Fenstern. Der Blick aus jedem Fenster zeigt uns die entsprechende Seite des Hofes, gerade aus die rechteckigen, schön gegliederten, 38 Fuss hohen freistehenden Pfeiler mit einer Bildsäule in jeder der vier Nischen und mehr seitlich den Elephanten.
Ueber die zweite, hintere Brückentreppe gelangen wir in die riesige bedeckte Säulenhalle von etwa 75 Fuss Länge wie Breite.[629]Rechts und links von ihr ist eine offene Halle und dahinter die ganz und gar mit Bildhauerarbeit bedeckte Zelle, welche den Linga enthält, von einem schön ausgearbeiteten Pyramidendach überragt und von 5 Zellen, die anderen Gottheiten geweiht sind, umgeben wird.
Dieser ganze so zusammengesetzte Tempelbau liegt gewissermassen im Oberstock, wie man am besten vom Hof aus wahrnimmt. Der Haupttheil des Tempels wird scheinbar von frei hervortretenden Elephantenköpfen getragen. Die ganze Aussenfläche ist durch Pfeiler und Verzierungen in Nischen getheilt, alle mit Bildwerk, Gottheiten und Kampfscenen aus den Helden-Gesängen auf das allerreichste geschmückt. Das bezeichnendste Bildwerk ist Schiwa mit seiner Gattin auf dem Thron, umgeben von einem zahlreichen Gefolge, und darunter wieder der böse Geist aus Ceylon, der ihn zu entführen trachtet.
Aber auch ganz liebliche Begebenheiten aus der Hindu-Götterlehre sind dargestellt, die der ungelehrte Beobachter als Bräutigam und Braut bezeichnen und auf Erischna’s Schäferleben beziehen möchte.
HätteGoethedas Glück gehabt, dieses baukünstlerisch ganz vollendete Werk zu sehen, so würde er seine grimmigen Verse gegen die indischen Steinmetzen unterdrückt oder vielleicht durch andere anerkennende, wie die über Sakuntala, ergänzt haben.
Gewaltig sind die in den Fels gehauenen Säulenhallen, welche den Hof umgeben. Allerdings sind sie nur schmal, wegen des ungeheuren Gewichts, das oben lastet. Auf der einen Langseite des Hofes (rechts für den Eintretenden) liegt ein haushohes Felsstück, das im vorigen Jahrhundert herunter gefallen sein soll. Hier sind die Höhlenzimmer für die Priester in drei über einander liegenden Stockwerken angeordnet.
In der Flucht dieser Aushöhlungen liegen auch ganze Tempel mit Linga, Nandi und dem reichsten Bilderschmuck.
So viel über den einen Bau, denKailas.
Von den brahmanischen, d. h. nachnordindischemStil errichteten Tempeln, ist der schönsteDumar Lena, wahrscheinlich zwischen 600 und 750 n. Chr. errichtet, an einem Ausläufer des Hügels, so dass Licht von drei Seiten zugeführt werden konnte. Die Säulenhalle ist riesig, 150 Fuss lang und ebenso breit; die Zelle steht nicht hinter der Halle, wie in einem freigebauten Tempel, sondern in der Halle, nahe der Hinterwand.
Unter denbuddhistischenTempeln ist der merkwürdigsteVishwakarma, von den EngländernZimmermann’s Höhle(Carpenter’s cave) genannt, wegen der steinernen Nachahmung des Holzbau’s. Zuerst betritt man den Vorhof,[630]der an den beiden Seiten mit Säulen, kleinen Gemächern und Bildsäulen von Heiligen geschmückt ist, und sieht vor sich den äusserst geschmackvollen Eingang, der zweistöckig gehalten ist.
Das Innere bildet einen Hohlraum mit rechteckiger Grundfläche, (85′×45′, 35′ hoch.) und mit einem tonnenförmigen, gerippten Dach,[631]als wäre es das eines hölzernen Riesenschiffs. Die Seitenwände bestehen gewissermassen ganz und gar aus dichtstehenden, geschmückten Säulen,[632]über denen ein steinerner Teppich mit Heiligen-Darstellung ringsum läuft. Der Hintergrund wird von einer bis zur Decke reichenden Dagoba eingenommen, vor welcher ein riesengrosser Buddha sitzt. Nur von vorn her fällt das Licht gerade auf diesen, alles übrige ist im Halbdunkel; trotzdem sind alle Figuren und Verzierungen auch an den dunkelsten Stellen der Höhle vollkommen ausgearbeitet.
Es ist eine vollständige buddhistische Kirche (chaitya) aus späterer Zeit,[633]jedenfalls wohl einige Jahrhunderte n. Chr. errichtet.
Eine Reihe von Klöstern (Vihara) sind in der Nähe dieser Kirche in den Fels gegraben. Das grösste istDherwara,[634]100×70 Fuss.
Es folgen mehrere kleinere. In dem Allerheiligsten ist stets Buddha dargestellt.
Do-Talist zweistöckig,Tin-Talsogar dreistöckig, wie schon die Namen sagen, mit schönen Blumenkorb-Säulen.
Ganz ähnlich ist der zweistöckige Bau vonDas Avatar, aber der Stil istbrahmanisch, mit einer Halle für den heiligen Stier des Schiwa; wahrscheinlich war dies hier der älteste Höhlentempel der Brahma-Gläubigen, welche zunächst dem Vorbild der Buddhisten folgten. Das Bildwerk zeigt Schiwa als Zerstörer.
An dem Nordende des Hügels liegen dieJaina-Tempel. Der eine,Indra Subha, ist besonders dadurch merkwürdig, dass der kleine freistehende Schrein vor der Höhle, nachFergussonaus dem 7. Jahrhundert n. Chr., das Muster zu dem grossen Kailas abgegeben. Die Bildsäule von Indra und seinem Weib Indrani sind die schönsten in ganz Ellora.
Von 12½ bis 5¼ Uhr durchwanderten wir diese wunderbaren Bauten, betrachteten die merkwürdigen Formen der Höhlen, der Säulen,[635]der gemeisselten Bildwerke und schieden mit der Ueberzeugung, dass der Gesammteindruck der Höhlentempel gradezu überwältigend ist.
Brief aus Roza bei Ellora.Donnerstag, den 29. December 1892. — Diesen Brief schreibe ich imGrabe. Es ist aber natürlich nicht mein eigenes, sondern das — eineslängstverstorbenenMohammedaners, eine hohe und stattliche, kuppelgekrönte Halle, welche die britischen Officiere innen ausweissen und zu einem Rasthaus einrichten liessen, für sich und für den ihnen empfohlenen Reisenden.
Es kann aber leicht das Grab des letzteren werden, wenn er nicht gradwegs zur Thüre heraustritt, sondern schräg, da von den vier Ecken des Gebäudes häufig grosse Gesims-Steine herabstürzen.
Als ich Abends mein Bett aufsuchte, lag ich augenblicklich auf der Erde, da der Boden des Bettes nachgab; nachdem ich selber es in Ordnung gebracht, schlief ich ganz gut.
Die Verpflegung war auch so, wie sie Grabes-Anwärtern zukommt, Hackfleischklöschen, Reis und Eierkuchen; als Getränk wurde uns nur Wasser vorgesetzt, das ich verschmähte, und Thee, den ich mir munden liess.
Vergeblich war der Versuch, von den Lebenden des Ortes eine Flasche Bier zu erhandeln. Unverrichteter Sache kehrten unsere beiden Sendboten zurück. Vergeblich war auch der Versuch, einen Zehn-Rupien-Schein zu wechseln.[636]Da unser Hartgeld auf die Neige ging,kamen wir in seltsame Verlegenheit, bis ich meines Reisegefährten Hindu-Diener, der dies ganz ruhig mit angesehen, plötzlich anfuhr mit der Frage: „Wie viel Geld haben Sie bei sich? Geben Sie her.“ Erschrocken reichte er sein Vermögen, am Abend erhielt er es nebst einem Trinkgeld zurück. Jetzt konnten wir die Rückreise antreten. — — — —
Unser Wagen kommt nicht pünktlich. Erst nach 7 Uhr Morgens fahren wir ab. In dem kleinen, ehemals ummauerten OrtEllorasehen wir einenHindu-Tempelbezirk, der den Vorzug hat, neu, sauber und wohlgepflegt zu sein. Inmitten liegt der heilige Teich, allseitig umgeben von hohen, gutgearbeiteten und auch gefälligen Granitstein-Treppen und von zahlreichen, kleinen, offenen Tempelchen aus rothem Sandstein, deren jedes oben den Bischofsmützen-Thurm trägt und innen den Linga-Stein beherbergt oder den gemüthlich dreinblickenden Gott mit dem Elephantenkopf oder einen andern in kleiner Ausgabe.
Nachmittags erlebten wir einenRadreifenbruch. Wir liehen uns in einem Dorf das Rad eines Ochsenwagens und befestigten es mit Stricken, so gut es ging, an der Achse.
Uebrigens beuteten die guten Leute unsre Verlegenheit nicht aus. Sie forderten nicht 20 Rupien, was wohl in manchen Gegenden vonEuropavorgekommen wäre, sondern nur 12 Annas, und bedankten sich höflich, als ich ihnen 16 gab.
Abends 7 Uhr kamen wir glücklich wieder in Nandgaon an, erhielten ein ordentliches Essen und Kleingeld und fuhren Nachts mit dem sogenannten Schnellzug nach Bombay. (178 englische Meilen = 284 Kilometer in 10 Stunden, keine sonderliche Leistung.)
InBombaymachte ich noch einige Spazierfahrten, besuchte die Universität, besorgte mir Reisegeld, kaufte die Fahrkarte Bombay-Trieste (500 Rupien), wechselte mir auch 10 Sovereigns ein, um unterwegs bequemes Reisegeld zu haben, verlebte den Sylvester-Abend ganz still und fuhr am 1. Januar recht früh nach Prince’s Dock, an Bord der Imperatrix und winkte von dort meinLebewohldem märchenhaft schönen Lande Indien zu.