Colombo,

Colombo,

die Hauptstadt der Insel Ceylon, hat den Namen von ihrem Fluss. (Kelani oder Kalan-Ganga.) Schon 1340 n. Chr. wird sie von arabischen Geographen alsCalambu, die grösste und schönste Stadt von Serendib, erwähnt. 1507 gründeten die Portugiesen hier eine befestigte Handelsniederlassung; nahezu 150 Jahre haben sie hier sich behauptet; fast ebenso lange ihre Nachfolger, die Holländer, bis 1796 die Engländer an deren Stelle traten. Immer blieb Colombo die Hauptstadt: 1815 hatte sie 28000 Einwohner; jetzt besitzt die Stadt 20000 Häuser und 120000 Einwohner.

Am Mittwoch, den 9. November, meinem ersten Tag auf Ceylon, war ich, wie immer, sehr zeitig aufgestanden. Entzückend ist der frühe Morgen nach dem erquickenden Regen der Nacht. Zuerst kommt das kühle Bad, das übrigens in diesem Hotel besonders bezahlt werden muss;[304]dann das erste Frühstück, bestehend aus Thee, Zwieback oder Toast, Bananen, Butter und Honig, welches der dienstthuende Aufwärter, ein etwa 40jähriger Singhalese mit recht stattlichem Bart, auf dem zu meinem Zimmer gehörigen, überdachten Balcon aufträgt, nachdem er den dichten Vorhang aus Bambus-Stäben emporgezogen. Eine grosse schwarze Krähe, die von meinen Vorgängern wahrscheinlich verwöhnt worden, erscheint sofort und heischt keck ihren Antheil. Die Fenster der gegenüberliegenden europäischen Häuser sind noch fest durch Vorhänge verschlossen, so dass ich nicht zu befürchten brauche, durch mangelhafte Bekleidung Anstoss bei Nachbarinnen zu erregen. Die durch den Regen erfrischten Blüthenbäume auf der Strasse mischen ihren Duft mit dem meiner Morgen-Cigarre.

Die singhalesischen und tamilischen Arbeiter in weissem Jäckchen, einen weissen oder auch hellrothen langen Schurz um die Lenden, schreiten einzeln und gruppenweise zum Hafen und zu den Lagerhäusern und Fabriken.

Nach einem friedlichen Ruhestündchen beginne auch ich mein Tagewerk, nämlich mir einenUeberblick über die Stadt Colombozu verschaffen. Zunächst habe ich die unverschämten Angriffe der „Führer“ abzuschlagen, die den Fremden als willkommene Beute betrachten und sich an seine Ferse heften, wohin er auch gehen mag.

Es sind kleine gelbe oder lichtbraune Singhalesen, in weissem Schurz, barfuss, mit blauer Uniform-Jacke, den halbkreisförmigen Schildpattkamm in dem üppigen schwarzen Lockenhaar, welches nach hinten bis über die Schultern herabhängt. Ein einziges, einsilbiges Wort genügt: „Po“, d. h. Pack’ dich — zum Glück sowohl in der Sprache der Singhalesen als auch in der der Tamilen.

Dicht am Hafen und vom oberen Stock mit herrlicher Aussicht[305]auf denselben, liegt unser riesiges, weissesOriental-Hotel[306]mit 125 Zimmern und einem (75×35 Fuss) grossen Speisesaal, umgeben von einer massiven schattigen Veranda, wo vom Morgen bis Abend „Mohren“, d. h. Verkäufer von sogenannten Edelsteinen, Perlen, Ringen, Geschmeiden, Spitzen, Seidenwaaren, Schildkrötarbeiten und Schnitzereien, Lichtbildern und tausend anderen Dingen umherlungern: während Strassengaukler und Schlangenzauberer, Kutscher, Jinrikisha-Männer, Führer nicht hineingelassen werden, sondern in nächster Nähe sich herumtreiben.

Ueber einen freien Platz, vorbei an einemKiosk, wo die Gesellschaft der Theepflanzer echten, unverfälschten, nach meinem Geschmack vorzüglichen Ceylon-Thee für 15 Cts. (d. h. für 20 Pfennige) die Tasse verabreichen lässt und den Thee selber in Pfund-Verpackung feil[307]bietet, gelangt man zu dem Zollhaus[308]und dem überdachtenLandungsplatz,[309]wo den ganzen Tag über ein reger Verkehr herrscht. Boote kommen von den zahlreich im Hafen verankerten Dampfern und gehen zu ihnen. Bootsmänner bieten ihre Dienste an, mehr gezügeltvon dem Blick des würdevollen Polizisten, als von der grossen Tafel, welche die Fahrpreise regelt.

Wäscher, Schneider, Geldwechsler, Tabak- und Cigarrenhändler drängen sich zwischen die Fremden oder hocken mit ihrem kleinen Kram in den Ecken.

Ceylon gehört zu Ostasien, Silber[310]ist die Währung. Der Reisende, welcher nur englische Goldstücke (sovereigns) besitzt, allenfalls auch noch einige Silber-Yen aus Japan oder mexicanische Dollar aus Hongkong, verschafft sich hier landesübliche Münze für den ersten Anfang, wenn er nicht vorzieht, an der Kasse des Hotels zu wechseln. Geldeinheit ist dieRupie; dies ist eine alte, ostindische Silbermünze im Werthe von etwa 2 Mark, welche später auch von der ostindischen Compagnie geschlagen wurde und jetzt mit dem Bild der Kaiserin Victoria[311]in den Münzen von britisch Ostindien, nicht aber in Ceylon, geprägt wird.

Durch den Uebergang des deutschen Reiches zur Goldwährung und durch die gesteigerte Silbergewinnung, besonders in den Vereinigten Staaten, ist der Werth des Silbers von 1874–1892 stetig gesunken, so dass die Rupie, als ich in Ceylon landete, kaum 1 Mark 30 Pfennig werth war. Sechzehn der stattlichen Silberstücke erhielt man für den goldnen Sovereign, den die einheimischen Kleinhändler gierig erhandeln. Denn nur das gemünzte Gold liefert den Stoff für die in Ostasien von Weib und Mann so begehrten Schmuckgegenstände; Goldbergwerke, die lohnenden Ertrag liefern, giebt es heutzutage in ganz Ostindien nicht mehr; Goldbarren kann der kleine Goldschmied nicht kaufen. Die weitere Eintheilung der Rupie ist in der Kron-Colonie Ceylon anders und besser, als im Kaiserreich Indien. Seit 1872 ist in Ceylon die Zehntheilung eingeführt. Die halbe Rupie heisst 50Cents, die Viertel-Rupie 25 Cents.[312]Dies sind funkelnagelneue, ganz kürzlich in Ceylon geprägte Silberstücke, welche auf der Rückseite das Bild der Königin Victoria, auf der Vorderseite den Kokos-Palmbaum, das Wahrzeichen der Insel, und die Werthbezeichnung tragen. Die Kupfermünzen zu 5, 1, ½ Cent erhält der Fremde nur selten; die kleineren weist ihm sogar der Bettler würdevoll zurück.

Seltsam sind die Menschen an dem Landungsplatz, seltsamer noch die Mehrzahl derBooteim Wasser daneben.

Allerdings die Boote der Regierung, der Schiffskapitäne, der Grosskaufleute weichen von dem gewöhnlichen Bilde nicht ab. Ebensowenig die Knirpsdampfer, welche den Verkehr zwischen den riesigen Postdampfern im Hafen und dem Landungsplatz vermitteln und 25 Cents für den Kopf nehmen; oder die Jollen (jolly boats), die zahlreicher und darum leichter zu haben sind und dasselbe nehmen. Aber am zahlreichsten vertreten ist das echte Fahrzeug der Singhalesen, derAuslegerkahn[313]. Ein ausgehöhlter Baumstamm von 15–20 Fuss Länge bildet das flache Boot, durch aufgebundene senkrechte Bretter sind die Seitenwände auf etwa 3 Fuss erhöht, aber der Zwischenraum zwischen den Seitenbrettern ist so schmal, dass ein Erwachsener darin nur sitzen kann, wenn er ein Bein hinter das andere stellt. Von der Mitte der linken Seitenwand des Bootes gehen zwei gekrümmte, gleichlaufende Stäbe aus, an denen der Ausleger befestigt ist, ein dem Boot paralleler Stamm, der flach auf dem Wasser schwimmt und das schmale, gebrechliche Fahrzeug vor dem Kentern schützt.

Sie rudern, setzen auch wohl ein Segel auf; benutzen dies Boot zum Fischen am Strande.Aber Seefahrer sind die Singhalesen nie gewesen.

Kein Eisennagel ist in diesem Boot, die Bretter sind aneinander befestigt mit hölzernen Bolzen und mit Stricken aus Kokosfasern. Das gilt auch für grössere Fahrzeuge, gewiss seit Jahrtausenden, und hat vielleicht mit Veranlassung zu derSage vom Magnetberggegeben, der in der Nähe von Ceylon liegen soll. Wir kennen diese Sage allerdings hauptsächlich aus den Märchen von 1001 Nacht; aber sie wird schon von älteren arabischen Geographen (von Edrisi im 12. Jahrhundert n. Chr., von El Caswini im 13. Jahrhundert), auch bereits in einem dem Palladius zugeschriebenen Buch aus byzantinischer Zeit[314]und ferner von älteren chinesischen Schriftstellern erwähnt; ja sogar, in etwas andrer Gestalt, schon von Aristoteles, Plinius, Ptolemäus angedeutet.

DasKatamaran, das Boot der Tamilen, wird ein Europäer nicht ohne Noth benutzen, sondern dasselbe den nackten Tauchern gern überlassen. Der Name bedeutetHolz-Gebinde[315]; das Fahrzeug ist eigentlich ein ganz kleines Floss, welches wohl gegen Ertrinken, abernicht gegen Durchnässung schützt: es besteht aus drei nicht sehr breiten, sanft gebogenen Brettern, die mit den schmalen Seiten so aneinander gefügt, dass das mittlere nach vorn weiter vorragt, und mit Bast fest verbunden sind. Und diese urwüchsigen Böte haben früher den Postdienst zwischen Ceylon und dem Festland von Indien zu voller Zufriedenheit der Regierung geleistet!

So leer die Rhede von Point de Galle,so voll ist der Hafenvon Colombo. Ganz abgesehen von den Handels-Fahrzeugen, Seglern und Dampfern; von den Schiffen, welche den örtlichen Verkehr mit Bombay, Tutikorin, Madras, Calcutta vermitteln; ist Colombo seit 10 Jahren Stelldichein für die grossen Postdampfer, welche von Europa nach Indien (Calcutta), China, Australien fahren. Die englische P. & O. Gesellschaft, die französische der M. M., der norddeutsche Lloyd, der österreichische entfalten hier ihre Flagge; die Liste kann noch vervollständigt werden durch Orient, British India, Star, Ducal Line, Florio-Rubattino, Clan, Glen, City, Ocean, Anchor, Holt’s Line. — Fracht kostet jetzt wegen der reichen Gelegenheit nur die Hälfte des Preises, der noch vor wenigen Jahren gezahlt werden musste.

Nicht weniger als 15286 Reisende sind in Colombo während der ersten vier Monate des Jahres 1892 gelandet. Wenn einer von den riesigen Australien-Dampfern[316]hier Anker wirft, um einen Tag zu verweilen und Kohlen einzunehmen; so ist es, als ob ein Heuschreckenschwarm das Oriental-Hotel befallen hätte. Da sieht man die kühnsten Trachten, hört das lauteste und sonderbarste Englisch und bemerkt ein übermüthiges Völkchen vergröberter Yankees.

Aber alle Vorliebe und Parteinahme der Regierung für Colombo und gegen Point de Galle hätte den gewaltigen Umschwung der Dinge nicht bewirken können, wenn es nicht gelungen wäre, die offene Rhede von Colombo in einen dersichersten und bequemsten Häfendes Ostens umzugestalten. Dazu war ein ungeheures Bauwerk nothwendig, derWellenbrecher(Breakwater).

Von einer vorspringenden Landzunge erstreckt sich der Bau 3150 Fuss ungefähr nach Norden, biegt dann sanft gegen Osten um, bis zu einer Gesammtlänge von 4212 Fuss, und trägt an seinem Ende einen Leuchtthurm. Der Wellenbrecher besteht aus Cementblöcken von 16–32 Tonnen Gewicht, die auf einem Damm von Granitbruchstein liegen, und ragt 12 Fuss über Nieder-Wasser empor. Auf der Aussenseite spritzt der Gischt in die Höhe, auf der Innenseite ist die See glatt wie ein Spiegel.

500 Acres oder 2 Quadratkilometer misst die Ausdehnung des Hafens; die Hälfte ist 27 bis 40 Fuss tief und mit 26 Befestigungsboyen für die grössten Schiffe (von mehr als 25 Fuss Tiefgang) ausgestattet. Zehn Jahre hat der Bau des Werks gedauert, von 1875 bis 1885, wie die den Blöcken eingemeisselten Inschriften besagen. Wie gewöhnlich in den englischen Colonien wurden Strafgefangene zum Bau verwendet. Die Kosten betrugen 8500000 Rupien oder 705207 £. Seit 1882, wo der Wellenbrecher schon anfing, einigen Schutz zu gewähren, ist der Tonnengehalt des Schiffsverkehrs von 1700000 auf 5 Millionen gestiegen. Die Hafen-Einnahmen betrugen im Jahre 1888 ungefähr1⁄10der Kosten des Hafenbaues, nämlich 67000 £. Ein Nordwestarm, um den Hafen bis auf eine schmale, aber genügende Einfahrt zu schliessen und ein Trockendock herzustellen, ist schon lange geplant und wird, nachdem der Widerstand der Regierung gebrochen ist, in dem laufenden Jahre in Angriff genommen werden.

Während ich mir den Wellenbrecher genau auf seinen praktischen Zweck hin betrachtete, las ich im Führer von Colombo, dass er auch bei gutem Wetter des Abends einen höchst angenehmen Spazierweg für die vornehme Welt darstelle. Pünktlich stellte ich mich am nächsten Abend ein. Das Wetter war herrlich, die Aussicht auf das Meer und die untergehende Sonne entzückend. Ich war aberganz allein, wie schon öfters auf den berühmten Spazierwegen der Reisebücher, — nur zahlreiche eilfertigeKrabbenkreuzten meinen Weg, um im Hafen reichere Beute zu finden.

Zur Zeit des Südwestmonsum brandet die See längs der ganzen Ausdehnung des Wellenbrechers in Schaum-Säulen von 50 Fuss Höhe, ein wundervoller Anblick, den ich aber nur aus einem Lichtbild kennen lernte.

Misstrauisch betrachten schon die Einheimischen den Fremdling, der das Hafenbild so genau studirt, dass er sich kaum davon trennen kann. Aber endlich wende ich mich rückwärts und muss gestehen, dass auch das Bild deseuropäischen Stadttheiles von Colombosehr gefällig ist. Der Name Fort ist ihm geblieben, obwohl die alten portugiesisch-holländischen Befestigungswerke seit 1871 niedergelegt und die Gräben ausgefüllt sind. (Nur eine Batterie von 12 Kanonen hat man übrig gelassen, um Begrüssungsschüsse abzufeuern.)

Von dem Landungsplatz nach Süden erstreckt sich ein breiter Boulevard (Yorkstreet) mit stattlichem Fahrweg, zwei Baumreihen, zwei Fusswegen. Der rothe Kies des Fahrwegs stimmt gut zu dem satten Grün. Der stattlicheTulpenbaum(Suriya, Thespesia populnea) gewährt in den Strassen nicht bloss erfreulichen Anblick, sondern auch angenehmen Schatten.

Rechts liegt das mächtige Gebäude des Oriental-Hotel, links das der P. & O. Gesellschaft; im fernen Hintergrund erscheinen die stattlichen Baracken der Besatzung auf einem grossen, freien Platz.

Von dem Landungsplatz nach Osten ziehtChurchstreet, an deren Ende ein schön gepflegter, öffentlicher Garten liegt (Gordon’sG.) und derWohnsitz des Gouverneurs(Queen’s house). Vor diesem steht die Bronze-Bildsäule von Sir EduardBarnes. Das Kunstwerk ist mittelmässig, aber der Mann war tüchtig. Als Gouverneur in den Jahren 1820–1822 und 1824–1831 hat er Ceylon bewohnbar gemacht durchAnlegung von Strassen. Als die Engländer in Ceylon landeten, gab es keine einzige ordentliche Strasse; im Jahre 1831 war jede Stadt durch gute Fahrstrassen erreichbar. Das wichtigste Werk von Sir Eduard Barnes war die Fahrstrasse von Colombo nach Kandy, auf der am 13. Februar 1832 die erste Postkutsche Asiens entlang fuhr. (Jetzt ist allerdings die Post von der Eisenbahn überholt.) Strassenbau ist das wichtigste Mittel zur Civilisation. Das haben die Engländer gut begriffen; in Ceylon gaben sie ein Gesetz, wonach jeder brauchbare Mann zwischen dem 18. und 55. Jahre alljährlich sechs Tage Arbeit oder eine entsprechende Geldzahlung zur Verbesserung der Strassen zu leisten hatte.

Ich verfolge meinen Weg längs der Yorkstrasse durch die geräumigen und schattigen Veranden, die den Läden vorgebaut sind, (denn die Sonne macht sich schon recht fühlbar,) werfe einen Blick auf die reichen Lager von Gold-, Silber-, Edelstein-Waaren, Kunstgegenständen, ohne mich aber durch die eifrigen Mohren zum Eintritt bereden zu lassen; und biege nach rechts in diePrincess-Streetein, wo in riesigen europäischen Kaufläden der Reisende wie der Ansiedler die vollständigste Ausrüstung und Einrichtung vorfindet.

Es zieht mich zurPost, die um 10 Uhr Vormittags geöffnet wird. Vier Briefe von Hause werden mir, als ich meine Karte vorzeige, von dem singhalesischen Beamten eingehändigt. Unbekümmert um die Vorübergehenden und die zudringlichen Bettler setze ich mich auf die Veranda und überfliege die 48 eng beschriebenen Seiten. Dann sende ich mein Telegramm nach Hause. (Jedes Wort nach Europa kostet 3 Rupien 12 Cents. Die Antwort erhalte ich am Nachmittag desselben Tages.)

In dieser Gegend liegen die Verwaltungs- und Bankgebäude. Als vor ungefähr 50 Jahren die Pflanzer-Zeit in Ceylon anhob, wurden Banken nothwendig. Die Oriental-Bank zog das Hauptgeschäft an sich und gab Kassenscheine aus, die willig, auch von den Eingeborenen, genommen wurden. Leider musste sie im März 1884 ihre Thürenschliessen. Aber der Gouverneur Sir Arthur Gordon verhütete die Verwirrung unter den Eingeborenen, indem er die Noten der Bank übernahm. Uebrigens hatte die Regierung keinen Verlust, da schliesslich Deckung genug vorhanden war; vielmehr Vortheil, da sie selber Papiergeld ausgab. (7 Millionen Rupien, mit einem Gewinn von jährlich 200000 Rupien.) Die New Oriental-Bank, die auf den Trümmern der alten gegründet worden, musste im Juni 1892, kurz bevor ich nach Asien kam, die Zahlungen einstellen. (Davon war in Singapore und Hongkong viel gesprochen worden. Auch diesmal wurden ihre Noten von den andern Banken übernommen, damit nicht das Vertrauen der Asiaten eine unheilbare Wunde erleide.) Jetzt giebt es in Colombo mindestens ein Dutzend Banken oder Bankvertretungen; darunter ist auch unsere „Deutsche Bank“ aus Berlin.

Ich gehe noch weiter südlich nachChatam-Street, die mit Princess-Street gleich läuft. Hier drängen sich die einheimischen Läden mit sogenannten Kunstgegenständen (Curios) dicht aneinander. Die Einladungen zum Eintreten werden immer dringlicher. Hier liegt derGlockenthurm, der im Jahre 1857 erbaut ist und auch als Leuchtthurm benutzt wird. Das Licht steht 132 Fuss über dem Wasserspiegel und ist einem 20 Fuss über Wasser befindlichen Auge bei klarem Wetter bis auf 17 Seemeilen Entfernung sichtbar.[317]Dicht neben dem Thurm liegt das mit dem deutschen Wappen geschmückte Geschäftshaus unseres Consuls, des HerrnFreudenberg, dessen Namen in den deutschen Reiseschriften zu den besten gezählt wird. Mit der grössten Liebenswürdigkeit empfängt er mich, versorgt mich mit werthvollem Rath für die Reise durch Ceylon und, auf Grund meines Creditbriefes, mit dem dazu nöthigen Regierungs-Papiergeld (300 Rupien in Abschnitten von 5 und 10); und ladet mich sowie den Herrn Capitän zum Frühstück in das nahegelegene Bristol-Hotel.

Danach tritt dietropische Mittagshitzein ihre Rechte. Ich verfüge mich nach Hause, nehme ein kühles Bad und verbringe einige Stunden auf dem Zimmer in ruhiger Beschaulichkeit. Da ich bei Tage nicht gern schlafe, hilft mir eine indische Cigarre (cheeroot) und ortsangemessener Lesestoff, die Zeit zu vertreiben. Um 4 Uhr wollten wir ausfahren. Da ich aber einmal zu den ungeduldigen und wissbegierigen Reisenden gehöre, so bin ich schon um 3 Uhr wieder unten in der Veranda.

Sofort hat mich einer der wandernden Gaukler undSchlangenzauberer[318]erspäht, durch Wort und Geberden seinen Dienst angeboten und beginnt sein Werk. Er kauert nieder; aus einem flachen, runden Deckelkorb nimmt er die Brillenschlange[319]und spielt auf einer kleinen Sack-Flöte eintönige Weisen; die Schlange bäumt und bläht sich und zeigt uns die an der Rückenfläche des geblähten Halses befindliche Brillen-Zeichnung. Dann ärgert er sie auch durch einen Schlag, dass sie wüthend aufzischt. Die Ansichten sind getheilt, ob der Schlange die beiden Giftzähne aus dem Oberkiefer ausgezogen worden, oder ob sie vor der Schaustellung ihren Giftvorrath in einen vorgehaltenen Lappen hat verspritzen müssen, oder ob der Gaukler einfach die Lebensgewohnheiten und namentlich die Furchtsamkeit des Thieres kennt und kühn benutzt. Immerhin soll ein nicht ganz unbeträchtlicher Theil der Schlangenbändiger gelegentlich dem Biss zum Opfer fallen. (Sind sie gebissen, so binden sie den Schlangenstein auf, der aus gebranntem Knochen besteht, fest sich ansaugt und wie ein Schröpfkopf wirkt.) Den Kampf des wieselartigen Mango-Thieres (Herpestes vitticollis, Ichneumon) mit der Schlange zeigen die Hindu-Gaukler in Ostindien, aber nicht die Tamilen in Ceylon, wo der alteSchlangendienstder Ureinwohner (Naga) noch deutliche Spuren bis zum heutigen Tage hinterlassen: die Brillenschlange, deren man sich entledigen will, wird nicht getödtet, sondern in einen Korb eingeschlossen und in den Fluss geworfen.

Das zweite Hauptstück der ceylonischen Künstler istdas Wachsen des Mangobaumes, unter vielen Förmlichkeiten wird ein Häufchen Erde auf den Boden gelegt, benetzt, mit einem Korb bedeckt, wieder benetzt und bezaubert; und vor unseren Augen erhebt sich und wächst aus dem Sand eine kleine Staude mit mehreren grünen Blättern. Der Zuschauer sieht nicht, wie sie es machen: ob sie die getrocknete, quellungsfähige Pflanze mitbringen und gleich in dem Sandhaufen bergen oder mehrere Pflanzen bei sich haben und geschickt mit einander vertauschen.

Natürlich zieht das Schauspiel immer einige Gäste an, die es noch nicht oder noch nicht oft gesehen hatten. Es scheint immer ziemlich in derselben Weise gemacht zu werden. Zum Schluss kommt der Künstler mit der Schlange in der einen Hand und dem Korb in der andern, um einige Münzen einzusammeln; er kann von der halbstündigen Thätigkeit den Tag über leben, wenn ihm einer 25 Cts. giebt.

Unter den Gästen der Veranda erscheint auch ein alter Herr im Fez und grauem Vollbart; es istArabi Paschaaus Aegypten, den die Engländer nach Colombo verbannt haben und der mit der alten, mohammedanischen Sage sich trösten kann, dass auch Adam und Eva, als sie aus dem Paradiese vertrieben worden, die schöne Insel Serendib zum Trost und zum Ersatz erhalten haben.

Um 4 Uhr miethe ich mit dem Capitän und einem andern Herrn einen Einspänner, natürlich mit einemPferde; 2 Rupien beträgt der Fahrpreis für den Nachmittag. (DieOchsendroschken[320]der Einheimischen kosten für den ganzen Tag 1 Rupie 78 Cts.; die Jinrikisha, die erst seit 1884 eingeführt sind, 12½ Cts. für die einfache Fahrt im Fort.) Wir fahren los. Wie in Neapel jeder Droschkenkutscher den Fremden nach Pompeji fahren will, in Palermo nach Monreal; so fährt uns der Kutscher in Colombo, wir mögen wollen oder nicht, zunächst nach denZimmtgärten(Cinamom gardens).

Vom Hotel aus fahren wir zunächst westlich nach der an das Europäer-Viertel (Fort) grenzenden Eingeborenen-Stadt (Pettah, d. h. schwarze Stadt,) die von der Seeseite aus mit ihrem dichten Kokospalmenwald und den niedrigen Hütten malerischer aussieht und angenehmer erscheint, als wenn man mitten hindurch sich bewegt. Zur linken, am Ufer, sind die ungeheuren Kohlenlager, die 100000 Tonnen fassen; zur rechten ein Lotos-Teich, der allerdings zur Zeit, da die Blumen fehlen, des Eindrucks entbehrt.

Dann kommt derTrödelmarkt, der eigentliche Anfang von Pettah, mit einem unbeschreiblichen Gewühl von grossen und kleinen, helleren und dunkleren Menschen, Früchte-Händlern und Käufern und „gemischten Waarenhandlungen“. Sehr schlecht stimmt zu dem südostasiatischen Bilde der europäische Brunnen (Municipal Fountain), welchen die getreuen Unterthanen der Königin Victoria zu ihrer Jubelfeier (1887) gestiftet. Ueberhaupt ist der englische Baustil im Osten verunglückt

Durch die Hauptstrasse (Main-Street) von Pettah, den Sitz der mohrischen und indischen Reis-, Stoff- und Kunsthändler, geht es vorwärts, bis eine ungeheure Ansammlung von reisbeladenen Ochsenwagen unsere Fahrt hemmt. Die Asiaten haben unendliche Zeit und Geduld und kümmern sich nicht um die vereinzelten Europäer, bis diesen der Geduldsfaden reisst und sie selber Hand anlegen, um freie Bahnzu schaffen. In dieser Gegend liegt erstens einHindu-Tempel,[321]ein kleiner Bau mit ungeheurem Dach, auf dem ein unangenehmes Gewühl von tausend kleinen elephantenköpfigen und vielarmigen Gottheiten und von menschlichen Figuren in vollem Relief, wie ein Maskenball von Schornsteinfeger-Jungen, herum krabbelt; und zweitens noch ein vereinzeltes Andenken an dieholländischeZeit, ein alter Glockenthurm, der noch heute benutzt wird für die (1746 erbaute) Wolvendal-Kirche der Reformirten.

Südlich von Pettah liegt ein grosser Landsee, einfachLakeoder Colombo-Lake genannt, angeblich der Rest der früheren Mündung des Flusses (Kelani Ganga), welcher jetztnördlichvon Colombo in’s Meer fliesst. In diesen See springt von Süden her eine breite, künstlich aufgeschüttete Halbinsel weit vor, dieSklaven Insel(Slave Island), so genannt, weil die Holländer im vorigen Jahrhundert hier die Regierungsklaven für die Nacht einzusperren pflegten. Jetzt ist es ein besonderer Stadttheil von Colombo, der achte von den neunen. Um diesen See fahren wir herum, geniessen die entzückende Aussicht auf die mit Kokospalmen dicht besetzten Ufer und erreichen das Südende von Colombo, die VorstadtKollupitya, von den Engländern kürzer Colpetty genannt, die zwar schon durch Strassen abgetheilt ist, auch zahlreiche Gartenhäuser enthält, aber zum grössten Theil von dem Victoria-Park nebst Museum, dem Renn- und dem Cricket-Platz sowie von denZimmt-Gärteneingenommen wird.

Der Europäer, welcher eine überschwängliche Vorstellung mit diesem Namen verbunden und gar die alteFabel[322]geglaubt hat, dass die würzigen Düfte der Insel bis weit über das Meer hin wahrnehmbar seien, wird einigermaassen enttäuscht, wenn er zur Stelle gelangt ist.

Der Zimmtstrauch wächst in weissem Quarz-Sand, aus dem auch die Riesenbauten der Ameisen hervorragen, ist weder sehr hoch noch besonders schön; um den Duft wahrzunehmen, muss man erst einige abgepflückte Blätter in der Hand zerdrücken. Dazu ist freilich Gelegenheit genug vorhanden. Junge Burschen schleudern uns Zweige des Zimmtstrauches in den Wagen und heischen dafür eine Gabe; sie bieten aufdringlich Spazierstöcke aus Zimmtholz und glitzernde Goldkäfer zum Verkauf an.

Zimmt, die Innenrinde des Zimmtstrauches, gehört zu den ältesten Gewürzen des Menschengeschlechtes. Schon in einem altchinesischen Kräuterbuch, das angeblich aus dem Jahre 2700 v. Chr. stammt, wirdes erwähnt, war angeblich den alten Aegyptern, sicher den Phöniziern, den Hebräern, den Griechen und Römern bekannt.

Den letzteren wurde Zimmt durch arabische Carawanen zugeführt und erzielte in Rom einen Preis von 150 Mark für das Pfund! Im Mittelalter blieb es ein sehr kostbares Gewürz, von dem man wusste, dass es aus China stammt. Sehr merkwürdig ist, dass obwohl der Ceylon-Zimmt unbestritten der beste auf der Erde ist und den NamenZimmt-Inselveranlasst hat, weder in singhalesischen noch in fremden Schriften der Zimmtbaum als einheimische Pflanze oder der Zimmt als Handelserzeugniss Ceylon’s vorIbn Batuta, d. h. vor dem 14. Jahrhundert n. Chr., jemals erwähnt wird.

DieHolländermachten ein Monopol aus dem Zimmthandel und bedrohten den unbefugten Handel mit Zimmt sowie die Zerstörung eines einzelnen Zimmtbaumes mit dem Tode. Zuerst erhielten sie den Zimmt hauptsächlich aus dem Königreich Kandy, in dessen Wäldern er geschnitten wurde; aber später (1770) versuchten sie den Anbau an der Südwestküste der Insel mit Erfolg und führten jährlich an 400000 Pfund aus, womit sie den ganzen Bedarf von Europa zu decken und dies Geschäft völlig zu beherrschen im Stande waren. Sie verbrannten lieber den Ueberschuss in Amsterdam, als dass sie einen Preisrückgang duldeten. Ihre grösste Jahresausfuhr war im Jahre 1738 und betrug 600000 Pfund, im Werthe von 8 bis 18 Mark das Pfund.

Unter derenglischenHerrschaft erhielt zuerst die ostindische Gesellschaft den Alleinhandel und führte jährlich gegen 500000 Pfund aus. 1833 wurde dies Monopol, 1853 der hohe Ausfuhrzoll (von ⅓ bis ½ des Werthes) aufgehoben. Nachdem die einschränkenden Gesetze gefallen waren, hob sich die Ausfuhr bedeutend. 1881/82 wurden aus Ceylon 1600000 Pfund Zimmt-Röhren und 400000 Pfand Zimmt-Spähne[323]ausgeführt, im Werthe von 3 Mark für das Pfund der besten Waare. Der Preis ist noch weiter gesunken, die Ausfuhr 1891 bis gegen 3 Millionen Pfund gestiegen. 35000 Acres sind in Ceylon mit dem Zimmtbaum bepflanzt, sie gehören Einheimischen und werden von Einheimischen bearbeitet.

Der Zimmtbaum[324]ist in den Wäldern Ceylon’s von 3000 bis 7000 Fuss Erhebung ziemlich verbreitet. Die Eingeborenen, welche die Rinde von diesen Bäumen sammeln, pflegen zuvor davon zu kosten und einzelne Bäume zu übergehen, da sie für den Zweck unbrauchbar sind. An der Südwestküste von Ceylon wird die beste Art bis zu einer Erhebung von 1500 Fuss angebaut. Sir Emmerson Tennent stellte fest, dass jeder der fünf hauptsächlichsten Zimmtgärten in diesem Bezirke 15–20 englische Meilen im Umfang mass. Später wurden viele der Zimmtgärten zu Gunsten des Kaffebau’s aufgegeben. Zum Zwecke der Zimmtgewinnung werden die Pflanzen beschnitten, so dass die Stammbildung unterdrückt wird, und 4 bis 5 Schösslinge aufspriessen, die man 1 bis 2 Jahre wachsen lässt.

Dann fängt die Rinde an, ihre grüne Farbe mit einer bräunlichen zu vertauschen. Nunmehr werden die Schösslinge, die jetzt 6 bis 10 Fuss lang und ½ bis 2 Zoll dick sind, mit einem langstieligen Sichelmesser abgeschnitten; die Blätter abgepflückt und die Rinde oberflächlich geputzt und von Unregelmässigkeiten befreit; der Abfall giebt die Zimmtspähne. Dann wird die Rinde in Abständen quer durchschnitten, auch senkrecht eingeschnitten und so leicht vom Holz abgelöst. Hierauf werden die Rindenstücke sorgfältig in einandergelegt und in Büschel gebunden. So bleiben sie 24 Stunden und länger. Es entsteht eine Art von Gährung, welche die Entfernung der Aussenrinde erleichtert. Dann werden die dünneren Röhrchen in die weiteren hineingelegt, die Rinde schrumpft und krümmt sich ein, bis sie eine Art von solidem Stab bildet, gewöhnlich von 40 Zoll Länge. Diese Stäbe werden erst im Schatten, dann in der Sonne getrocknet und schliesslich in Ballen von 30 Pfund fest verpackt.

Der Riechstoff des Zimmtes ist das ätherischeZimmtöl. Dasselbe wird in Ceylon aus den Abfällen der Zimmtrinde durch Destillation mit Wasser bereitet (1 Kilogramm Oel aus 200 Kilogramm Rinde) und zu wohlriechenden Stoffen wie auch zu Kräuterschnäpsen verwendet. DieZimmtblüthenkommen hauptsächlich aus China.

Dicht neben den Zimmtgärten von Colombo liegt dieAckerbauschule, die aber recht verwahrlost aussieht. Vor zehn Jahren äusserte sich H.Meyerdarüber folgendermaassen: „Ein reicher Singhalese schenkte bei irgend einer festlichen Gelegenheit der Stadt Colombo 20000 Pfund Sterling mit der Bestimmung, eine landwirthschaftliche Musteranstalt einzurichten. Wir ritten an dem Grundstück vorbei, und ich sah neben einer Anzahl halbverfallener Hütten ein Stück überwuchertes Gartenland und dahinter einen breiten Moorgrund, durchzogen von einigen verschlammten Bewässerungskanälen; das war das Mustergut.“

Angeblich hat der jetzige Leiter der Anstalt „europäische Qualification“ und ist erfolgreich bestrebt, durch das Mittelglied der Dorfschulmeister nützliche Kenntnisse vom Ackerbau über das Land zu verbreiten.

Besser gepflegt, ja sehr gut gehalten ist der kreisförmigeVictoria-Park, in dessen Bereich dasMuseumliegt. Dieses habe ich wiederholentlich besucht, erstlich weil ich in Colombo Zeit genug hatte und dieselbe ausfüllen musste, zweitens um mich dafür zu entschädigen, dass ich zu Hause so wenig Musse für den Besuch von Sammlungen finde. Meine Begleiter waren meist früher fertig und warteten draussen, bis ich die Besichtigung beendigt. Ueberhaupt fand ich auch hier nur wenige Europäer, desto mehr schau- und wissbegierige Ceylonesen.

Vor dem Gebäude steht das Erzstandbild von Sir W. H.Gregory, der von 1872–1877 Gouverneur von Ceylon gewesen. Die Inschrift besagt, dass das Standbild von den Einwohnern errichtet ist zur Erinnerung an die zahlreichen Wohlthaten, die sie ihm zu danken haben. In der That ist die Summe von 25000 Rupien für das Denkmal hauptsächlich von den Singhalesen gezeichnet worden. Herrn Gregory verdankt Colombo seine Wasserleitung und das Museum, sein schönstes Gebäude, das 12000 £ gekostet.

Der Inhalt derSammlungenist, wie gewöhnlich in Ostasien, äusserst mannigfaltig. Zunächst ist da eine Bücherei der Regierung und eine andere des ceylonischen Zweiges der königlichen asiatischen Gesellschaft, sowie ein Lesezimmer. Dann sind als wichtigster Gegenstand diesinghalesischen Alterthümerzu erwähnen: die berühmten Inschriften von Anuradhapura, deren Entzifferung wir unserem Landsmann, meinem Studiengenossen Dr.Goldschmidtverdanken, der als Professor zu Strassburg,leider zu früh für die Wissenschaft, verstorben ist; Münzen, die aber über das Mittelalter nicht hinaufreichen; zierlich gearbeitete Schmuckgegenstände, Halsketten, Armbänder, Ohr- und Fingerringe; Waffen, Schwerter, Hellebarden, Flinten, namentlich auch solche, welche bei den Prachtaufzügen der Kandy-Könige benutzt wurden, sowie alte holländische Degen und Reiterpistolen; endlich die bekanntenMasken der Teufel-Tänzer, welche die Krankheiten beschwören. Diese Masken sind ein bis auf unsre Tage gekommenes Ueberbleibsel aus der Urzeit Ceylon’s, wo Dämonen-Verehrung nebst Schlangendienst auf der Insel blühte. Jede besondere Krankheit wird nach dem Aberglauben der Leute von einem besondern Dämon (Sanne) verursacht. Der Beschwörer (Kattadia) nimmt die entsprechende Maske vor, macht seinen Tanz nebst Beschwörung, unter Begleitung des Tamtam, und zieht sich um Sonnenuntergang zurück mit den Opfergaben und mit dem Wunsche baldiger Genesung. Diesem Dämonendienst bleiben auch die Getauften treu, worüber Portugiesen, Holländer, Engländer in gleicher Weise geklagt haben und noch heute klagen. Nach der Volkszählung von 1891 giebt es in Ceylon 1532 gewerbsmässige Teufel-Tänzer.

Ferner sind vorhandenNatur- und Kunsterzeugnisseder Insel. Die ersteren sind recht vollständig vertreten. Unter den letzteren fallen hübsche Tischler- und Schnitz-Arbeiten auf. Die Singhalesen haben auch gute Schmiede, Töpfer, Korbmacher. Im Ganzen ist aber Handwerk und Gewerbefleiss nur wenig entwickelt. Sodann folgt eineethnographischeSammlung mit lebensgrossen, naturgetreuen Darstellungen, sowohl der Ureinwohner (Wedda) als auch der Singhalesen in ihrem vollen Putz. An der Haartracht der Damen ist portugiesischer Einfluss unverkennbar; das spanische Schläfenlöckchen scheint grossen Beifall gefunden zu haben.

Von Buddha-Heiligthümern sieht man hier weit weniger, als in der Sammlung zu Calcutta, offenbar deshalb, weil eben in Ceylon die Buddha-Lehre noch lebendig ist.

DienaturwissenschaftlicheAbtheilung mit ihren Säugethieren, Vögeln, Fischen, Insecten, Pflanzen, Gesteinen zieht die Eingeborenen ganz besonders an, namentlich bewundern sie einzelne Prachtstücke, wie den 23 Fuss langen Haifisch, der 1883 in einem Dorf bei Colombo gefangen worden. Den Europäer fesseln die Beweisstücke der erstaunlichen Fresswerkzeug-Leistungen einheimischer Ameisen, wie mannsdicke Balken, die in eine Art von Flechtwerk umgewandelt sind, und angenagte Steinkohlen; man würde sich kaum noch über durchgefressene Eisenbahnschienen verwundern.

DieRückfahrtnahmen wir, vorbei an einem prachtvollen Banyan-Baum (Ficus indica), der mit seinen Luftwurzeln eine prachtvolle, belaubte Säulenhalle bildet, überSouthern drive, eine unvergleichlich schöne, vortrefflich angelegte, ockerrothe Strasse längs des Meeresufers. Ein Denkstein meldet, dass Sir HenryWarddiesen Weg 1856 begonnen, 1859 vollendet hat und ihn seinen Nachfolgern an’s Herz legt zum Wohl der Frauen und Kinder von Colombo.

Hier tummelt sich gegen Abend das wohlhabendere Völkchen des Europäer-Viertels zu Wagen und zu Ross; hier tauschen sie die Bemerkungen über Wetter und Neuigkeiten der Gesellschaft aus und blicken mit Wohlwollen auf die Cricket- und Polo-Spieler zur Seite des Weges, voll Stolz auf die wenigen Fremden und die einzelnen Fussgänger und Eingeborenen herab, bis die Sonne wolkenlos in dem inselleeren Weltmeer zu versinken sich anschickt: dann eilen alle nordwärts durch den kleinen StadttheilGalle-Facemit seinen prachtvollen Palmen zurück nach dem Fort, um für das wichtige Geschäftdes Abendessens die unerlässliche Schmückung des Körpers vorzunehmen. Beiläufig bemerke ich, dass, während die Damen noch immer zum Essen wie zu einem Ball sich ankleiden, die englischen Herren von dem Frack, denHäckelvor 10 Jahren mit seinem Zorn überschüttet, jetzt abgekommen zu sein scheinen. Sie tragen dunkle Hosen und weissleinene, ganz kurze Knaben-Jäckchen, dazu einen seidnen Gürtel in brennendem Roth oder in Hellblau: was für dürre, ältliche, schon etwas gebückte Obersten und Capitäne oder für ganz unkriegerische Kaufleute meist einen recht lächerlichen Anzug oder Aufzug darstellt.

Gewohnt, rasch mich umzukleiden, habe ich noch Zeit, einen Blick inGordon’s Gartenzu werfen. Zugegen waren hauptsächlich nur Kinder von Europäern, auf zierlichen zweirädrigen Karren von einheimischen Kinderfrauen geschoben. Einen köstlichen Anblick bot dersinghalesische Don Juan, das lange rabenschwarze Haar zierlich gekräuselt und gesalbt, in Locken bis auf die Schultern herabwallend, geschmückt mit zwei Schildkrötkämmen, einem runden auf dem Scheitel, einem platten am Hinterhaupt; den Vollbart auf das sorgfältigste gepflegt; silberne Ringe an den Fingern; Jacke und Schurz von tadellosem Weiss; sein Liebesgeflüster offenbar ebenso eindrucksvoll, wie bei uns im Herzen von Europa.

DasMittagessenimOriental-Hotel(um 7½ Uhr Nachmittags) trägt die ganze Wichtigthuerei und geheuchelte Vornehmheit zur Schau, die Jeder kennt, der im Alexandra-Hotel zu Oban in Schottland oder in Shepheard’s Hotel zu Cairo in Aegypten unter überwiegend englischer Gesellschaft zu speisen das Vergnügen gehabt. Die Gerichte sind zahlreich, aber mittelmässig, besonders das Fleisch; der Wein schlecht, das Bier erträglich. Kühlung fächelt die Punka.

Nach dem Essen nimmt man den Kaffe in der Veranda und raucht eine Cigarre dazu, — in Frieden, wenn man verstanden, die Mohren ein für alle Mal sich vom Leibe zu halten. Jung-Albion streckt hierselbst höchst anmuthig die gespreizten Schenkel auf die vorspringenden Lehnen der langen, rohrgeflochtenen Stühle (easy chairs), — als ob es keine Frauen in der Welt gäbe.

In guter Gesellschaft plaudert man noch ein bis zwei Stündchen.

Dienstfertige Shinghalesen schaffen das Nöthige zur Befeuchtung der Kehle herbei. Nur die Liebhaber schärfster Getränke schützen Neigung zu einer Partie Billard vor und verschwinden nach der neben den Billardräumen gelegenen Schenke (bar) des Gasthauses.

Wenn man aber das Schlafzimmer aufgesucht und trotz offengehaltener Fensterthür und niedrig geschraubter Gasflamme[325]seufzend + 22° C. festgestellt; so ist eine kühle Abwaschung des ganzen Körpers sehr förderlich, bevor man kunstgerecht hinter die würfelförmige Moskito-Netz-Umzäunung des Bettes schlüpft.

Decken giebt es nicht; auch das Laken, das ihre Stelle vertritt, schiebt man bei Seite und kann doch nicht gleich einschlafen wegen desHöllenlärmsauf der Strasse, den betrunkene Matrosen und andre Europäer sowie rasselnde Jinrikisha verüben, und den die Engländer mit unbegreiflichem Langmuth selbst auf dem Hauptplatz der Hauptstadt gestatten. Allerdings, die hochmögenden Herren werden dadurch nicht gestört; sie schlafen sanft in ihren Landhäusern, weit ab in der friedlichen Vorstadt.

Endlich prasselt ein befreiender Regenguss herunter, kühlt die Luft und verscheucht die Nachtschwärmer.

Nicht müde konnte ich werden, tagtäglich, so lange mein Aufenthalt in der Gartenstadt Colombo währte, die Reize der entzückenden Ausfahrten zu geniessen und die Kokos-Palmen, Bananen, Tulpenbäume, Pawlonien, Banya in der nördlichen VorstadtKotahena, in der südlichen Colpetty und auf der Sklaveninsel mit immer erneuter Bewundrung zu betrachten. Unter den in prachtvollen Gärten gelegenen Landhäusern (Bungalow) entdeckte ich drei mit vaterländischen Namen: Karlsruhe, Wilhelmsruhe, Rheinland.

Wie üppig der Pflanzenwuchs schon in der Stadt ist, erkennt am besten, wer den am Ostende gelegenen Maligakanda-Hügel und das platte Dach des darauf erbautenWasserbehälterserklimmt. Hier, in einer Höhe von vielleicht 100 Fuss über der Ebene der Stadt und unmittelbar an ihrer Grenze, erblickt man vor sich nur einen einzigen mächtigenPalmenwald, die ganze Masse der 20000 Häuser ist darin völlig wie vergraben.

Die Wasserwerke von Colombo sind erst 1889 vollendet und haben 7 Millionen Mark gekostet. Sie bestehen aus dem Hauptbehälter zu Labugama, einem künstlichen See von 176 Acres in den letzten Ausläufern der Kette des Adams-Pik, ferner aus der 25 englische Meilen langen Leitung von dort bis zu diesem Nothbehälter in der Stadt,welcher 8350000 Gallonen oder 37575 Cubikmeter, d. h. den Bedarf[326]für drei Tage, fasst, und endlich aus den nöthigen Verzweigungen.

Als ich von der Dachluke des Wasserbehälters in das Innere einsteigen wollte, wo ich das Wasser rauschen hörte, traten die einheimischen Beamten mir entgegen und hemmten meine Wissbegier, trotz meines Einspruchs.

In der Nähe sind zwei buddhistische Tempel oder eigentlich Priesterwohnungen (pansala). Das eine ist Vidyodaya-Colleg, ein Hauptsitz östlicher Gelehrsamkeit, im Jahre 1873 begründet und geleitet von dem gelehrten Hohenpriester des Adams-Pik, welcher den wohllautenden Namen Hikkaduwe Sumangala Terrunanse besitzt. Der durchbrochene, dreistöckige Glockenthurm könnte ganz gut in einem italienischen Dorfe stehen.

Einer der schönstenAusflügevon Colombo geht nach demBuddhistentempel von Kelani. Durch Pettah und die nördliche Villen-Vorstadt Kotahena kommen wir in einen dichten Palmenwald, wo einzelne ärmliche, aber höchst malerische Hütten der Eingeborenen stehen.

Eigentlich ist es kaum eine Hütte, sondern nur ein niedriges Palmblätter-Dach mit Stützen. Die Vorderwand ist offen und zeigt den Wohnraum und die kleinen Vorräthe an Früchten und einfachen Waaren, die feilgeboten werden: ein Paar Stengel mit Bananen (Paradies-Feigen); ein Paar Blätter mit Betelnuss-Stückchen, dütenartig zusammengerollt. Aber freundlich schmiegt sich die nährende Banane[327]und der Brodfruchtbaum[328]und einige Sträucher mit brennend rothen Blumen an den luftigen Bau, den eine sanftgebogene Kokospalme überschattet. Ein Paar Hühner und nackte Kinder beleben das Bild. Ein dunkles Weib mit entblösstem Oberkörper säugt den Kleinsten, während der nur mit Schurz bekleidete Mann häusliche Arbeit verrichtet.

„In dieser Armuth, welche Fülle!“

Der Singhalese lebt hauptsächlich von Reis, den er mit Gewürz (curry) zubereitet, und von Früchten (Bananen, Kokos, Jak); gelegentlich geniesst er auch getrocknete Fische. Diese einfachen und unentbehrlichen Nahrungsmittel und das gleichfalls unerlässliche Genussmittel der in Betelblätter eingewickelten Areca-Nuss wird allenthalben feilgeboten.

Wir erreichen den besuchtenGrandpass-Marktmit echt asiatischem Dorfleben und die Schiffsbrücke über denKelani Ganga.[329]

Diese Brücke ist 500 Fuss lang und liegt auf 21 verankerten Booten; sie ist 1822 angelegt zur Verbindung von Colombo mit Kandy. Vor dem Bau der Eisenbahn bildete sie den einzigen Weg über den Fluss und auch noch heute dient sie einem lebhaften Verkehr beladener Ochsenwagen. Um die Schifffahrt zu ermöglichen, werden für zwei Stunden an jedem Tag zwei der Boote herausgenommen. Binnen kurzem wird hier eine eiserne Gürtelbrücke errichtet werden.

DerKelani- (oder Kalany)Flusshat eine Länge von 157 km und ein Gebiet von 2250 qkm, ist also der zweitgrösste der Insel. (Nächst dem Mahaweli Ganga.) Nach einer kurzen Fahrt (von 3½ km) längs des rechten Ufers erreicht man den malerisch am Fluss gelegenenTempel. Der letztere wurde bereits 306 vor Chr. begründet, später von plündernden Tamilen zerstört und ist in seiner jetzigen Gestalt nicht über 200 Jahre alt. Er gilt für hochheilig, sein Besuch für ein verdienstliches Werk.

Das Hauptfest (im Mai) dauert vier Wochen und zieht viele Tausende von Pilgern an, die nicht nur Blumen und Früchte, sondern auch Geld opfern. Letzteres nimmt man auch von Andersgläubigen.

Man führt uns stracks vor den Oberpriester, ein eisgraues, freundliches Männchen. Auf einem Tisch lag eine stattliche Sammlung grosser Silbermünzen aller Art; darunter waren auch alte Stücke europäischer Prägung, holländische, schwedische u. dgl. Sofort wird uns erklärt, dass der heilige Mann das Geld verachte; aber, wenn man Silber opfere, sehr schöne, kleine Dagoba (Reliquien-Thürmchen) daraus anfertigen lasse, wie solche in den Glasschränken an den Wänden zu sehen waren. Der Wink war verständlich; ich löste mich mit einer Rupie aus.

Nunmehr bekam ich auchBuddhazu sehen. Die Bildsäule ist 36 Fuss lang. Der Heilige ist hellgelb angestrichen und liegt auf seiner rechten Seite, bereit, in Nirwana einzugehen. Höchst seltsame Wandgemälde sieht man im Innern des Tempels; sie sind eigentlich praehistorisch, denn sie stellen Gautuma’s Schicksale in seinen früheren Leben dar, deren es offenbar viele gegeben haben muss. Zum Beweis der Thatsache, dass unter dem Einfluss der siegreichen Tamilenin Ceylon die Buddha-Lehre mit dem Hindu-Dienst sich vermischt hat, findet man in demselben Tempel die Bilder der Hindu-Götter Vishnu, Shiva und Ganesa.[330]

In dem Garten steht ein heiliger Feigenbaum von riesigem Umfang. Zahlreiche Priester lungern umher nach Trinkgeld.

Einen zweiten Ausflug, nachMount Lavinia, machten wir mit dem Bruder des Consul. Wir benutzten die Südbahn, welche in 25 Minuten die Strecke von 5,5 km (mit zahlreichen Haltestellen) zurücklegt. Die Bahn fährt, dicht am Meere, vorbei an den Wohnsitzen der Wohlhabenden mit prachtvollen Blüthenbäumen in den Gärten, durch dichten, herrlichen, schattigen Kokospalmen-Wald.[331]Derselbe ist in grössere, kleinere und kleinste Abschnitte getheilt und wird sehr sorgsam bewirthschaftet. Hier und da sieht man ein Band von Palmen-Blättern um den Stamm gebunden; und überlegt, ob dies etwa die Besteigung erleichtere: bis man erfährt, dass dadurch der betreffende Baum dem Dämon (Yakha) geweiht ist, — oder auch dem Buddha oder dem Vishnu oder der katholischen Kirche. Das Ziel unsrer Fahrt ist ein niedriges Vorgebirge, wo einst der Gouverneur, wenn man dem „Führer“ glauben will, „einen Palast von bemerkenswerther Schönheit im dorischen, jonischen und korinthischen Styl“ erbaut hat. Nach meiner Ansicht ist das Gebäude so geschmacklos, wie irgend möglich; es hat aber eine wundervolle Lage und eine weite Aussicht auf das pfadlose Meer und auf die palmenbekränzten Ufer. Da der Herrscher hier zu weit von dem Sitz der Regierung war, so durfte er das Haus nicht beziehen. Dasselbe ist nach wechselvollen Schicksalen in ein Hotel umgewandelt, wo ein biederer Deutscher (Herr Link) vortreffliche Fische und ausgezeichnete Getränke, sogar Rheinwein, uns zum Frühstück vorsetzen lässt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich wiederum meinen Landsleuten anempfehlen, unterwegs ihre Staatsangehörigkeit, wo es nöthig scheint, zu betonen und ihre Sprache, wo es angeht, zu sprechen. Nur so kann der Deutsche in der Fremde die ihm gebührende Stellung gewinnen und aufrecht erhalten.

Hier mitten unter Palmen konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mir eineKokosnussherunterholen zu lassen. (Ich hätte es nicht gethan, wenn ich damals schon gewusst, dass bei dieser Arbeitin Ceylon jährlich 150 Menschen ihr Leben einbüssen.) Ein Knabe steckt in einen geschlossenen Ring von Palmstrick, denselben spannend wie einen Steigbügel, seine beiden nackten Füsse, so dass sie nicht abwärts gleiten können, umfasst den rauhen astlosen Stamm mit den Knieen und mit den Händen und klimmt in wenigen Minuten empor zu den Früchten des weit über haushohen, schlanken Baumes, bringt eine mittelgrosse Nuss in grüner Schale herab und eröffnet dieselbe, indem er mit einem grossen sichelförmigen Messer die Kuppe abschlägt. Ich trinke ein wenig von dem Saft, der den Binnenraum der dickwandigen, hohlen Nuss ausfüllt und koste von dem Fleisch der letzteren. So poetisch dies dem Europäer vorkommt,[332]— Vorsicht ist geboten, sonst ist Durchfall die Folge. Der Knabe bedankte sich für das Trinkgeld. Wir waren vor der Mittagsgluth wieder zu Hause.

So hatte ich denn das Wesentliche gesehen, was Ceylons Hauptstadt dem Reisenden zu bieten vermag. Meine Erwartungen waren hochgespannt, sie sind aber durch die schöne Wirklichkeit noch übertroffen worden.

Die sanft gebogene, von der Brandung des indischen Weltmeers gepeitschte Küste, ganz und gar besäumt von dichten Kokospalmwäldern; dann der von dem niedrigen Landvorsprung weit in’s Meer hineinragende Wellenbrecher, diesseits desselben der spiegelglatte Hafen mit zahlreichen Dampfern, zahllosen Booten und Ausleger-Kähnen; die stattlichen europäischen Häuser in der ehemaligen Festung und darum wieder ein Palmenwald mit friedlichen Hütten und geräumigen Herrensitzen; auf den Strassen hier drinnen dichtes Gedränge, dort draussen vornehme Stille, europäische Kutschen und asiatische Zebu-Karren; und endlich der interessanteste Gegenstand unsrer Betrachtung, die Menschen, — Alles dies vereinigt sich zu einem ebenso fremdartigen wie stimmungsvollen Bilde, dessen Zauber Niemand sich zu entziehen vermag.

DerSinghaleseist ein kleiner, zierlicher Mann von gelber bis zimmtbrauner Farbe und regelmässigen Gesichtszügen; mit gut gepflegtem und gekräuseltem Bart und langem Weiberhaar, das er in einem Knoten auf dem Hinterhaupt befestigt und mit einem halbkreisförmigen Kamm aus Schildpatt schmückt, wie ihn bei uns manch’ kleines Mädchen trägt. Die eigenthümliche weibische Haartracht derSinghalesen ist schon vor mehr als 1200 Jahren von griechisch-byzantinischen Seefahrern aus Aegypten besonders angemerkt worden.[333]

Der gewöhnliche Arbeiter trägt, namentlich auf dem Lande, nur einen langen Lendenschurz (Comboy) der wie ein Weiberrock aussieht, aus einfachem weissen Stoff oder aus rothem, der sehr beliebt ist. Der schon etwas bessere Arbeiter, zumal in den Städten, trägt dazu noch ein Jäckchen. Stutzer bekleiden sich vollständig mit europäischem Rock und Hemd, stecken noch einen zweiten Riesenkamm in den Haarknoten und zahlreiche Silberringe an die Finger. Gelegentlich lassen sie auch das lange, lockige Haar hinter dem Rundkamm auf die Schulter herabwallen und tragen Ohrringe. Ein schattenspendender Hut gehört nicht zur Tracht, aber ein Sonnenschirm ist zulässig.

Die Singhalesinnen tragen Rock und Jäckchen; ihre Tracht ist für den Fremden gewöhnlich gar nicht so sehr verschieden von der der Männer; aber sie schmücken sich nie mit dem Rundkamm, sondern stets mit Haarnadeln. Trotz der mitunter ganz hübschen Gesichter sind manche für uns unerträglich durch zwei Eigenschaften: sie spucken roth, vom Betelkauen; und tragen zwei Ringe in jedem Ohr, einen grossen in dem unförmlich verlängerten Zipfel und einen am oberen Rand.

Bei denTamilfrauenist diese Verunstaltung der Ohren die Regel; dazu kommen noch Metallplättchen, die in die Nasenflügel eingeschraubt sind, auch mit Hängern, ein Nasenring durch die Zwischenscheidewand, zwei bis drei Halsbänder, etliche Armbänder, Finger-, Zehen-, Knöchel-Ringe. Dabei sind sie durchaus nicht ohne Geschmack und Gefallsucht; namentlich legen sie geschickt ein gefaltetes Tuch um die linke Schulter und schräg absteigend über die Brüste und wählen dazu oft ein lebhaftes Roth, das ihnen, besonders in dieser Umgebung, ganz gut steht.

Die Tamilen sind grösser, kräftiger, dunkler, als die Singhalesen, kaffe- bis schwarzbraun, mit niedrigerer Stirn, breiteren Nasenflügeln, dickeren Lippen, und tragen gern ein weisses Gewand, das wie ein Mantel um die Schultern geschlagen wird und zu den beiden Seiten faltig herabhängt.

Von den Hindu in Colombo haben das sonderbarste Aussehen dieChettiesmit abenteuerlicher Mütze, ganz glattrasirtem Gesicht, ungemein grossen, dünnen, mehrfachen Ohrringen, enganliegender, bis zu den Füssen reichender Gewandung. Sie handeln in Reis undBaumwolle und verleihen Gelder, und nehmen nur 60 Procent Zinsen, welche sie vorsichtiger Weise gleich von dem entliehenen Capital abziehen. Obwohl sie vorzüglich rechnen und buchführen, schreiben sie noch bis zum heutigen Tage auf Palmblätter.

Die mohammedanischen Indo-Araber oderMohren, in Colombo ein Fünftel der Bevölkerung,[334]haben oft ganz deutlich arabische Gesichtszüge; sie tragen weisse Kappen oder hohe, bienenkorbähnliche Strohmützen und lange, weisse kaftan-ähnliche Röcke, dazu Hosen und Schuhe oder Pantoffel.

Judensollen in Ceylon fehlen.

Aber in den „Reisen zweier Mohammedaner“ aus dem 9. Jahrhundert n. Chr. rühmt ein Augenzeuge die Duldsamkeit der (buddhistischen) Singhalesen, welche bewiesen werde durch Anwesenheit einer christlichen Manichäer- und einer Juden-Gemeinde; und der arabische Geograph Edrisi aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. berichtet, dass der Rath des Fürsten von Ceylon aus 16 Mitgliedern bestand, vier von der einheimischen Religion, vier Christen, vier Muselmännern, vier Juden.

Ich selber sah, als ich zu Pettah in den Laden eines Mohren eintreten wollte, und vergnügt mein Kleingeld an die Schaaren bettelnder Kinder und Greise vertheilte, ein auffallend schönes und helles Mädchen abseits stehen; und als ich den Ladenbesitzer fragte, wer sie sei, erwiederte er: Das ist ein Kind der Juden, die unter uns leben. Ob dasAbkömmlinge der altensind, oderneue Ankömmlinge aus Bagdad, deren man so viele in Bombay sieht, konnte ich nicht erfahren.


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