Nach Kyoto.
Die Eisenbahnlinie von Nagoya nach Kyoto wendet sich nordwestwärts durch eine liebliche Gegend, — Reisfelder, von fernen blauen Bergen im Vordergrund und zur Linken eingesäumt, und über den malerischen Kisogawafluss — nachGifu. Dieses Städtchen ist berühmt erstlich durch die grossen Mengen roherSeide, die hier gewonnen werden, zweitens durch die ausserordentlich dauerhaft und geschmackvoll aus Bambusstäben gearbeiteten, mit schönbemaltem Papier überzogenenLaternenund drittens durch dieKormoran-Fischerei. Der zu der Familie der Pelikane gehörige Seerabe oder Kormoran (Phalacrocorax carbo, 92 Centimeter lang, 150 Centimeter breit,) wird gefangen und zur Fischjagd abgerichtet, in Japan[204]jedenfalls seit mehr als 1000 Jahren, da diese Jagd bereits in einem Gedicht des Kojiki, der altjapanischen Chronik vom Jahre 712 n. Chr., erwähnt wird. Nachts werden die Fische durch Fackeln und Klappern angelockt, die Vögel schwimmen an Leinen und tauchen; ein geschickter Fischer im Boote hält bis zu 12 Leinen in der Hand und zieht denjenigen Vogel, der einen Fisch gefangen, an Bord des Kahns, um ihm die Beute abzunehmen. Die Vögel haben einen Metallring um den Hals, dass sie nur ganz kleine Fische verschlucken können. Der Fang ist sehr einträglich, da ein Kormoran binnen drei Stunden bis 450 Fische fangen kann. Allerdings müssen die Kormorane sehr sorgsam gepflegt und in den sieben Monaten, wo kein Fang ist, durchgefüttert werden. Diese Art des Fischfangs ist ein beliebter Gegenstand für die Laternen-Maler, welche den Hintergrund auf der inneren Papierhülle anbringen, den Vordergrund auf der äusseren; so wird, wenn die Laterne angezündet ist, eine sehr schöne Wirkung erzielt.
Als wir in Gifu einige Minuten hielten, erschienen die Aerzte des Ortes und brachten mir eine Sammlung dieser Laternen, die ich Tags zuvor in Nagoya bewundert, zum Geschenk.
Die Eisenbahnlinie steigt durch ein enges Thal zu einer kleinen Ebene, die mit Maulbeerbäumen bepflanzt ist. Zur rechten erscheint ein stattlicher, oben nackter Berg,Ibuki-yama(4300 Fuss hoch), einer der „sieben hohen Berge“, die schon in der alt-japanischenArzneimittellehrewegen ihrer Heilkräuter berühmt waren. In der That sah ich auch an den Halteplätzen Bauern, die dort oben grosse Bündel frischer Kräuter und Wurzeln gesammelt hatten. Weiterhin fährt der Zug am Ostufer des Biwa-See’s entlang, den wir aber erst an seiner Südseite, beiBaba-Otsu, zu Gesicht bekommen, dann durch einen Tunnel; sofort erscheinen diefichtenbekränzten Hügel, welche die alte Mikado-Stadt Kyoto von allen Seiten umgeben.
Hier in dieser Gegend liegen die fünf Stammprovinzen des japanischen Reiches, darunterYamato, wo seit uralter Zeit das Hoflager des Mikado gewesen: zuerst mit wechselndem Sitz, indem jeder neue Herrscher gerade so, wie in manchen mohammedanischen Ländern, einen neuen Platz für seinen Palast wählte; vom Anfang des achten Jahrhunderts n. Chr. bis 783 zu Nara; von 793 an zuMiyakooderKyoto. Das erste Wort ist der japanische, das zweite der chinesische Name fürHauptstadt. Die Stadt wurde sehr regelmässig angelegt, 5½ Kilometer breit von Ost nach West, 6½ Kilometer lang von Nord nach Süd.1⁄15der Fläche, in der Mitte der Nordseite, wurde für den Palast des Herrschers (Heianjo= Friedensschloss) eingeräumt; von hier zog eine Strasse von 240 Fuss Breite senkrecht nach Süden.
Auch die damit gleichlaufenden Nord-Südstrassen wurden sehr breit angelegt und neun, welche die Namen Erste Strasse, Zweite Strasse u. s. w. führen, von Ost nach West. Also der Städte-Plan und die Strassen-Bezeichnung waren vor 1000 Jahren so zweckmässig und einfach, wiederzeitnirgends in Europa, ja wie wir sie auchheutzutagenur selten in den alten Erdtheilen vorfinden, wo auf das Bestehende so viel Rücksicht zu nehmen war, regelmässig aber in dem neuen und in dieser Hinsicht unbeschränkten America. In dem Palast zu Kyoto lebten im Kreise desHofadels(Kuge), dem Volk verborgen, die göttlichen Mikado. Seit der Einführung des Shogunats (1192 n. Ch.) waren sie in der Hand des wirklichen Herrschers nur willenlose Puppen, die oft genug, freiwillig oder einem sanften Zwange nachgebend, zurücktraten, um ein beschauliches Mönchsleben in einem schönen Gartenhaus zu führen, ganz besonders in den letzten 250 Jahren (1603 bis 1868) zur Zeit der Tokuyawa Shogune. Der vorletzte Mikado brachtein seinem weitläufigen Palast seine Zeit mit der Pflege des No-Spiels hin. Der jetzige MikadoMutsu Hitohat, in richtiger Würdigung der Verhältnisse, nachdem er dieweltlicheHerrschaft wieder erlangt, seinen Wohnsitz nach Tokyo verlegt, von wo aus Japan während der Blüthezeit des Reiches kraftvoll regiert worden war.
So macht denn Kyoto heutzutage den Eindruck einer abgesetzten Hauptstadt, wie Versailles unter der heutigen Regierungsform Frankreichs. Aber Kyoto ist immer noch dieersteStadt Japan’s imKunstgewerbe, in regelmässiger Bauart und Reinlichkeit der Strassen; und die dritte an Volkszahl: sie hat 279000 Einwohner. (Im Mittelalter vielleicht das Doppelte.[205]) Noch werden Kunst und Wissenschaft gepflegt, aber Osaka und Kobe haben den Handel und die Ausfuhr an sich gerissen. Immerhin ist es für den europäischen Reisenden dieinteressantesteStadt Japan’s, welche in Palästen und Tempeln[206]die grössten Sehenswürdigkeiten bietet und zu einem längeren Aufenthalt einladet, als ihr gewöhnlich von dem mit seinem japanischen Führer durcheilenden Globetrotter gewidmet wird.
Ich selber habe eine inhalts- und genussreiche Woche hier zugebracht. (Vom 30. September bis 6. October.) Merkwürdig ist, dass Kyoto, der Sitz des Mikado, des Shinto-Horts, gleichzeitig dieheilige Stadt der Buddhistengeworden und geblieben: das spricht für einen Grad von Duldsamkeit der Ostasiaten, der uns Europäern bis heute noch unbekannt geblieben.
Für mich war die freundliche Fürsorge meiner ehemaligen Zuhörer und der übrigen Aerzte von entscheidender Bedeutung. Die ältesten Klöster und Kirchen öffneten mir, wenn ich mit dem Hausarzt des Oberpriesters anklopfte, bereitwilligst ihre Pforten und gewährten mir Einblick in die eifersüchtig gehüteten Kunstschätze; ich habe einige Dinge gesehen, die vielleicht noch keines Europäers Auge erblickt hatte.
Schon der Empfang und das Geleit nach dem ziemlich gutenKyoto-Hotel,[207]20 Jinrikisha hinter einander, mit den schnellsten Läufern bespannt, so seltsam dies auch dem Auge des Europäers erscheinen mochte, erregte das freudige Staunen der Einheimischen, die in ihren Zeitungen stets über meine Reisen, Festessen und die dabei gehaltenen Reden unterrichtet waren, und erweckte den Neid eines amerikanischen Reisegefährten, mit dem ich den stillen Oceangekreuzt hatte. „Was kostet dieser prachtvolle Zug so gut gekleideter Japaner? Kann ich ihn nicht auch haben? Mein Führer hat mir davon nichts gesagt.“ Ich erwiederte ihm, das könne er auch haben, und noch dazu ganz umsonst: er solle nur Universitätsvorlesungen halten, die den Japanern gefielen. Der Mann erinnerte mich an einen Californier, welcher in Korinth beim Frühstück mir die Frage vorgelegt, ob er nicht Olympia kaufen könne, oder (da ich ihn auslachte) „wenigstens Delphoi.“
Der erste Nachmittag war einem Ausflug nach dem volksthümlichsten Tempel der Stadt gewidmet, nachSanjusangendo. Das Wort bedeutet „33 Zwischenräume“, nämlich zwischen den Pfeilern. Der Tempel ist der Kwannon, der Göttin der Gnade gewidmet, der tausendarmigen, da die Gottheit mit tausend Mitteln für den Sterblichen sorgt. In Wirklichkeit hat sie 40 Hände, welche buddhistische Sinnbilder halten, die Lotusblume der Reinheit, die Sonne, den Mond; eine Axt, um die Sorgen dieser Welt zu beseitigen, die metallene Büchse der buddhistischen Bettelmönche. Höchst merkwürdig ist im Innern des Tempels der Wald von 5 Fuss hohen vergoldeten Bildsäulen der Göttin, die reihenweise aufgestellt sind. Es sollen 33000 sein, sind aber in Wirklichkeit nur 1000; die erste Zahl kommt heraus, wenn man die kleineren Götterbilder an den Köpfen, Heiligenscheinen, in den Händen der grössern hinzu rechnet. Auf dem Altar ist eine grosse sitzende Figur von Kwannon, darum einige vom Alter geschwärzte, sehr gut gearbeitete Holzbildsäulen von Heiligen. Der Tempel ist 1132 gegründet, 1165 von dem ehemaligen Mikado Go-Shirakawa ausgeschmückt, 1266 und 1662 (nach Feuersbrünsten) neu aufgebaut, das letzte Mal von dem Shogun Yetsuna.
Folglich hatKämpfer(1690–1692) diejetzigeGestalt des Tempels gesehen und abgebildet. Auf seiner Zeichnung ist eine merkwürdige Sitte der alten Zeit dargestellt: die Bogenschützen übten sich, von einem Ende der Vorhalle bis zum andern zu schiessen. Das Gebäude hat die achtungswerthe Länge von 389 Fuss, bei 57 Fuss Breite. Heutzutage sieht man keine Bogenschützen, aber ein lustiges Gewühl grosser und kleiner Kinder, unter denen übrigens mehr und beharrlichere Bettler sind, als ich sonst irgendwo in Japan gefunden.
Der genannte Go-Shirakawa litt an heftigem, schier unheilbarem Kopfschmerz. Als er hier im Tempel bis Mitternacht betete, erschien ihm ein Mönch und theilte ihm mit, dass er, der Mikado, in einem früheren Dasein der Mönch Renge-bo gewesen sei, dessen Schädel jetzt in einem Flusse liege und durch einen daraus emporgewachsenen Weidenbaum von dem Winde erschüttert würde. Daher der Kopfschmerz! Als der Fürst erwachte, liess er den Schädel an der ihm genannten Stelle aufsuchen und dem Hauptbildniss der Kwannon einverleiben. So wurde er geheilt. Man sieht, die japanischen Priester-Aerzte kannten die Wirkung des Tempel-Schlafes so gut wie die griechischen, deren Gebahren Aristophanes so ergötzlich beschrieben.
In der Nachbarschaft ist eine grosse Buddha-Bildsäule (Daibutsu) aus Holz, 58 Fuss hoch, nur Kopf und Schulter, aber grundhässlich, 1801 durch einen Kaufmann aus Osaka errichtet, an derjenigen Stelle, wo einst Hideyori, Yeyasu’s Mitbewerber um den Thron, auf dessen listigen Rath sein ganzes Vermögen auf den Bau einer 58 Fuss hohen sitzenden Bronzebildsäule des Buddha verschwendet, die schon 1662 mitsammt dem umgebenden Tempel durch ein Erdbeben zerstört und — zu Kupfermünzen eingeschmolzen worden.
Neben dem Daibutsu hängt eine der beidengrössten GlockenJapan’s, 14 Fuss hoch, 9 Zoll dick, 9 Fuss im Durchmesser,[208]63000 kg schwer, gleichfalls von Hideyori. Die japanischen Glocken sind Hohlcylinder mit oberer Kuppel ohne die untere Erweiterung der unsrigen. Sie werden angeschlagen durch einen aufgehängten Holzbalken, den maneinmalmit grosser Kraft dagegen schwingt. Der Klang ist sehr schön, das Nachklingen dauert eine volle Minute. Leider verwenden die Japaner heutzutage, z. B. im Eisenbahndienst, die weit hässlicheren Glocken Europas.
Eine Strasse, zu beiden Seiten dicht besetzt mit Läden voll irdener Spielwaaren für die Kinder, leitet empor zu einem Hügel mit schöner Aussicht und zu dem TempelKiyomizu-dera, der geburtshelfenden Kwannon gewidmet, und darum stets bei Tag und bei Nacht von Frauenschaaren belagert. Durch ein zweithoriges, hohes Gitter kommt man vorbei an kleineren Schreinen zu dem Haupttempel, der in absichtlicher Einfachheit prangt, mit unbehauenen Holzsäulen und nacktem Flur. Der Schrein mit der 5 Fuss hohen Bildsäule der Kwannon wird nur alle 30 Jahre einmal geöffnet.
Am Abend besuchte ich mit sämmtlichen Deutschen, die gerade in dem Hotel verweilten, sieben an der Zahl, darunter ein Ehepaar aus Canton, dieTheaterstrassevon Kyoto, die dicht bei unserm Hotelliegt. Das ist ein seltsamer Anblick. Haus bei Haus Theater, Bogenschiessstand, Würfelbude, Theehaus; Alles mit den zierlichen Laternen auf das festlichste erleuchtet, die Strassen gedrängt voll von der fröhlichen Menge, Gross wie Klein an den nämlichen Nichtigkeiten sich erfreuend. Das Theater fesselte uns nicht lange, da es ziemlich gewöhnlich war, und wir das Stück trotz der Erläuterungen des mitgenommenen Führers nicht verstanden.
Achtungswerth sind die Leistungen der Gaukler; diese Leute sind nicht bloss sehr geschickt, sondern auch ausnehmend kräftig; einer balancirt mit den Füssen einen grossen Holzkübel, in dem ein Baum und auf dessen Aesten zwei oder drei Menschen sich befinden.
Eigenartig ist das Glücksspiel. Man kauft ein Loos, das zu sechs Ziehungen berechtigt, und holt kleine japanische Kinder heran; ein dickes, dichtes Bündel von Fäden mit kleinen Handgriffen hängt herab; das Kind ergreift einen und zieht; an dem Faden hängt entweder ein Spielzeug als Gewinn oder eine Niete. Nur eines störte das Vergnügen in Ostasien, die englische Inschrift, dass vor Taschendieben gewarnt wird.
Der folgende Tag war denPalästengewidmet.
Der des Mikado (Goshogenannt), 798 n. Chr. erbaut, wiederholentlich durch Feuer zerstört[209]und neu erbaut, das letzte Mal 1854 im alten Styl wieder aufgerichtet, seit 1868 nicht mehr bewohnt, bedeckt 26 Acres[210](= 10 ha) und ist von einem niedrigen geglätteten Erdwall mit sechs Thoren umgeben. Von den Schwierigkeiten, welche die Palastbeamten manchem Reisenden bereiteten, habe ich nichts verspürt. Man zeigt den auf den Namen lautenden Erlaubnissschein, wird in ein kleines Haus geführt, das als Empfangshalle dient, und zeichnet seinen Namen in das ausliegende Buch. Von hier aus begleitete uns ein höherer Beamter von sehr würdevollem Benehmen, in japanischer Tracht, den Fächer in der Rechten, zu den verschiedenen Gebäuden, welche über die grosse Fläche zerstreut sind.
Zuerst nachSeiryōden, das heisst die kühle Halle. Das Gebäude (63×36 Fuss) ist aus dem Holze des heiligen Baums (hinoki, chamaecyparis), aus dem auch die Shinto-Tempel gebaut sind, und macht mit seinen rothgestrichenen Pfeilern und dem dicken Schindeldach (aus der Rinde desselben Baumes) einen höchst feierlichen Eindruck. Ursprünglich war es der Wohnsitz des Mikado, später aber wurde es nur zu Festlichkeiten benutzt. In einer Ecke besteht der Fussbodenaus Cement, worauf jeden Morgen frische Erde gestreut wurde, so dass der Fürst, ohne das Haus zu verlassen, seinen Vorfahren auferdigemGrunde die vorgeschriebenen Opfer darbringen konnte.
Der Thron ist eine Erhöhung, mit Seidenvorhängen, der eigentliche Sitz eine Matte.
Durch grosse, leere Höfe werden wir weiter geführt nachShi-shin-den, d. h. erhabene Purpur-Halle. Hier ist auf einer Erhöhung der wirkliche Thron mit Seidenvorhängen und einem Sessel. Die Vornehmsten (Prinzen) sassen in dem Saal, die weniger Vornehmen standen, entsprechend den 18 Rangklassen, — auf den 18 Treppenstufen, die in den Hof hinabführten. Dort standen oder lagen die letzten, Ji-ge genannt, d. h.nieder in den Staub.
Von hier kamen wir nach des Mikado’sStudirzimmer, wo ihm Vorlesungen gehalten, und Musik und Dichtkunst gepflegt wurden, in der Nähe auch das No-Spiel. Hier sind prachtvolleSchränkeund bemalte Gleit-Wände. Die Figur giebt eine Skizze der Flächenansicht.
Studierzimmer des Mikado; Flächenansicht
1, 2, 3 ist der Tisch; 4, 5, 6, 7 der Schrank in der Nische des japanischen Studirzimmers. 4, 5, 6, 7 sind schön bemalte Schiebethüren, 5 und 6 vor 4 und 7 hervorstehend; alle nicht durch hervorragende Knöpfe, sondern durch metallisch eingelegte Vertiefungen, in welche der Finger eingesetzt wird, nach der Seite zu schieben.
Die Anwendung der gleitenden Wände ist auf der folgenden Figur in einem wagerechten Durchschnitt dargestellt.
Studierzimmer des Mikado; waagerechter Schnitt
1 und 2 sind viereckige, schwarz lackirte Pfeiler; 3 und 4 die Planken, die in den vorderen Rillen laufen; 5 und 6 die der hinteren. Die Anordnung der Rillen wird klar aus dem senkrechten Durchschnitt nebenstehender Figur.
Rillen der gleitenden Wände
Bewegt werden diese Thüren durch höchst geschmackvolle Schnurschlingen.
Die Gemälde in diesen Räumen sind chinesische Landschaften, Chrysanthemum, wilde Gänse, die durch kräftige Hervorhebung der Zähne sogar recht wild aussehen.
Schliesslich kamen wir nach der eigentlichen Wohnung und den Behausungen des Gefolges.
DerPalast des Shogun, 1601 von Jeyasu als Absteigequartier gegründet, hiess auf japanischNijo-no-Shiro, d. h.Nijo-Burg. In der That, prachtvoll im Innern, sieht er von aussen wie eine Festung aus. Im Jahre 1868 hat hier der jetzige Mikado, in seine vollen Rechte wieder eingesetzt, in Gegenwart des Staatsraths einen feierlichen Eid abgelegt, dass er in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung und der zu erwählenden Volksvertretung regieren werde. Hierauf wurde der Palast als Regierungsgebäude des Bezirks von Kyoto benutzt, und, nachdem etliche von den herrlichen Kunstwerken unersetzliche Schädigung erlitten hatten, 1883 wieder als Sommerpalast des Mikado übernommen und 1885/86 ausgebessert. Damals wurde das Wappen des Shogun (Awoi-mon, die drei Haselwurz-Blätter) an allen Thürbeschlägen ersetzt durch das des Mikado, die 16blättrige Chrysanthemumblüthe (Kiku-no-hana-mon). Leider sind die neuen Metallbeschläge wahres Blech gegen die alten!
Eine cyclopische Mauer bildet die Umwallung des Schlossgebietes. Das mächtige Thor mit vergoldetem Schnitzwerk und Metallbeschlag bleibt verschlossen; der Reisende muss durch ein bescheidenes Seitenpförtchen eintreten; dann durch einen Hof und ein zweites Thor, das dem ersten ähnlich ist, in ein Wartezimmer, wo er wieder seinen Namen in das Buch einträgt.
Nunmehr werden wir durch eine Reihe von saalartigen Gemächern geführt; die Wände sind mit grossen Gemälden (von Palmbäumen, Tigern, Riesen-Adlern) auf Goldgrund bedeckt. Der obere durchbrochene Theil (Ramma) zeigt ausgezeichnete Holzschnitzereien, einige von Hidari Jingorō, z. B. Fasanen: dabei auf beiden Seiten ganz verschieden. Die Decken, soweit sie erhalten sind, lassen höchst geschmackvolle Verzierungen erkennen. Sehr berühmt war ein Gemälde, dernasse Reiher, der betrübt auf dem Seitenrand des Kahnes sitzt. Auf diese Wandstelle hatte der Präfect früher seine Bekanntmachungen ankleben lassen!
In dem riesengrossen Audienzsaal sind die mächtigen vergoldeten Wände nur mit düstern Fichten, ganz ohne Beiwerk von Mensch und Thier, bemalt. In diesem Palast, von dem leider nur ein Theil erhalten ist, vergisst man die landläufige Ansicht, dass die japanische Kunst nur Kleines und Niedliches schaffe. Die Wirkung ist grossartig,ja überwältigend. Die Anlage und Ausstattung dieses Schlosses entsprach der Hoheit der Fürsten, die einst darin walteten.
Nach kurzer Frühstückspause setzte sich unser Zug wieder in Bewegung, um erstlichPorzellan-undSeiden-Fabriken,[211]zweitensKlösterundKirchenzu besichtigen.
Kurodani, ein Kloster der buddhistischen Jodo-Secte, im 13. Jahrhundert n. Chr. begründet und im 18. Jahrhundert umgebaut, liegt reizvoll an der Seite eines Hügels. An diesem Ort ward der japanische Saulus zum Paulus: Kumagai Naozone, ein tapferer Krieger, hatte in einer Schlacht bei Kobe (1184 n. Chr.) einen edlen Jüngling aus dem feindlichen Clan,Atsumori, überwältigt; reisst ihm den Helm ab, um ihm das Haupt abzuschlagen; wird von dem edlen Antlitz tief ergriffen, — wie die Jungfrau von Orleans bei dem Treffen mit Lionel, — überwindet das Mitleid und tödtet den Jüngling, der heldenmüthig, ohne zu klagen, dem Schicksal sich unterwirft. Aber Naozone findet fürder keine Ruhe, er legt sein Schwert nieder in dem Tempel von Kurodani und widmet den Rest seines Lebens dem Gebet fürAtsumori. Die Begebenheit bildet den Gegenstand eines geschichtlichen Schauspiels der Japaner.
Am Eingang des Klosters stehen zwei wundervolle Fichten. Die Zweige der einen sind durch Stützen wie ein Fächer ausgebreitet, die der andren, an welcher Naozone seine Waffen aufhing, wie ein Lotosblatt gestaltet. Die Japaner treiben eine wahreOrthopaedie der Bäume.
Der Altar strotzt von Gold. Ein vergoldeter Schrein enthält die Bildsäule des Kloster-Gründers Honen Shonin; ein Gemälde auf einem Gang hinter dem Altar hat die (auch bei uns im vorigen Jahrhundert so beliebte) Eigenschaft, den Beschauer grade anzublicken, wo letzterer auch sich hinstellt. Neben dem Altar hängen zwei Kakemonos. Das eine ist ein Gemälde und stelltMandaradar, das Paradies der Buddhisten mit den zahlreichen Heimstätten der Seligen. Das andere ist eine Stickerei aus dem Jahre 1669 und stellt dar den Eintritt Buddha’s in Nirwana (Nehanzō). Buddha liegt ausgestreckt auf einem niedrigen Lager: Götter, Menschen, Thiere stehen rings herum und bezeugen ihm anbetende Bewunderung.
Mit Zuvorkommenheit zeigen uns die Priester auch die inneren Gemächer und deren zahlreiche Gemälde, z. B. die Geschichte desGründers, in chinesischer Manier; 50 Buddhas, deren Körper und Heiligenschein lediglich aus den chinesischen Buchstaben des Gebetanfangs (Namu Amida Butsu) besteht, u. dgl. mehr, endlich auch das Riesenschwert von Naozone.
Ueber einen schöngelegenen, an dem Hügel emporsteigenden und mit zahlreichen Bronze-Bildsäulen von Buddha geschmücktenKirchhofgelangen wir zu dem grossen TempelShinnyo-do.
Die Inschrift, von dem berühmten Schönschreiber und HeiligenKobo Daishi(774–834 n. Chr.), hat einen fehlerhaften Buchstaben. Daher das japanische Sprichwort: mitunter irrt sich auch Kobo; ganz ähnlich dem römischen: mitunter schläft auch Homer.
Ginkakuji, dassilberne Gartenhaus, liegt jenseits der Nordostgrenze von Kyoto in einem Dorfe.
Hierher zog sich 1479 n. Chr. Yoshimasa zurück, nachdem er die Würde des Shogun niedergelegt. Noch heute zeigt man die Plätze, wo er philosophirte, wo er den Mond bewunderte u. s. w. Der Garten lehnt sich an einen dicht mit Fichten bewachsenen Hügel, sieht darum natürlicher aus, als die meisten in Japan, und bietet eine angenehme Erholung. Das Gartenhaus ist stark verfallen und war nie mit Silber belegt, da Yoshimasa eher starb, als er seinen Plan ganz durchführen konnte. Hier wurden die berühmtenThee-Ceremonienerfunden. Der Priester, welcher als Führer dient, bewirthet den Reisenden mit einer Tasse Thee, die man aber ohne Ceremonien nehmen darf.
Nachdem wir noch dasNanzenji-Klosterbesucht, mit seinem Riesenthor, und den vergoldeten Bildsäulen von Shaka und zwei andern, deren Namen wir weniger leicht behalten; kam einmal zur Abwechslung ein weltliches Schaustück,der CanaldesBiwa-See.
Biwaheisst Guitarre. DerBiwa-See, nach japanischer Ueberlieferung im Jahre 286 v. Chr. durch ein Erdbeben plötzlich entstanden, während gleichzeitig Berg Fuji aus der Ebene sich emporhob, ist etwa 36 englische Meilen lang und 12 breit, ungefähr so gross, wie der Genfer See. Er liegt mit seinem Wasserspiegel 100 Meter über dem Meer, hat eine grösste Tiefe von 100 Metern, zahlreiche flache Stellen, und einzelne kleine Felseninseln.Seine acht Schönheitenwerden von der Dichtkunst und der Malerei der Japaner verherrlicht. Sein natürlicher Auslass ist ein Fluss, der vom Südende des See’s beginnt, erst als Seta-gawa, dann als Uji-gawa, und schliesslich, als Yodo-gawa, bei Osaka in die gleichnamige Bucht strömt.
Ein Nebenfluss ist der Kamo-gawa, der Kioto bewässert und südlich von der Hauptstadt, bei Fushimi, in den Yodogawa sich ergiesst.Zu diesem natürlichen Auslass kommt noch ein künstlicher, der Biwa-Canal, von einem japanischen Studenten der Ingenieurschule ersonnen und auch unter seiner Leitung 1885–1890 ausgeführt, für 1¼ Millionen Yen, von denen der Mikado ein Drittel gespendet. Der Canal besteht aus zwei Zweigen, dem einen für die Schifffahrt, dem andern für künstliche Bewässerung und zur Krafterzeugung. Der erste ist gegen 7 Kilometer lang, der zweite etwas über 5 Kilometer, der Fall beträgt 193 Fuss. Der Hauptcanal führt von dem See in den Kamogawa; aber dicht vor Kyoto ist eine stark geneigte Ebene, über welche die Schiffchen mittelst einer Drahtseilbahn, deren bewegende Kraft von dem Wasser des oberen Canalabschnittes geliefert wird, abwärts befördert werden, zu einem offenen Canal mit einer Schleuse.
Obwohl nur kleine Schiffe passiren können, ist es doch ein hübsches Werk, ein beredtes Zeugniss von der Schnelligkeit, mit welcher Jung-Japan die Errungenschaften der neuen Naturforschung annimmt. In Stambul, Aegypten, Klein-Asien sind alle Werke der Art ausschliesslich von Europäern hergestellt.
Noch eine Bemerkung möchte ich machen. Wie man vor der Ausführung des Suez-Canals zur Zeit des ersten Napoleon die unbegründete Furcht hegte, dass in Folge eines höheren Wasserspiegels im rothen Meer Unterägypten bis zum Mittelmeer unter Wasser gesetzt werden könnte; so fürchtete man in Japan, dass durch den Canal der herrliche Biwa-See abfliessen und mit seinen acht Schönheiten und der reichen Ernte von Fischen und Tang ganz austrocknen könne. Selbstverständlich ist das Niveau des See’s gar nicht geändert worden; der Canal ist weit schmäler als der natürliche Ausfluss. Mit Vergnügen wanderten wir über einen bedeckten Theil des Canals und würdigten die japanischen Leistungen im Wasserbau.
Den Beschluss der Betrachtungen machte wieder ein Kloster, das hauptsächlichste der buddhistischenJodo-Secte,Chion-in, auf einem Hügel wie eine Festung belegen.
Das Kloster ist 1211 n. Chr. gegründet von dem frommen und grundgelehrtenHonen Shonin, der eine besondere Lehre begründet, von der Erlösung oder dem Wege zu demreinen Land. (Japan. Jodo, im SanscritSukhavâti, d. i. der Himmel von Amida.) Vier Mal ist das Gebäude vom Feuer zerstört worden und rührt in seiner gegenwärtigen Gestalt her von Jeyasu (1603) und Jemitsu (1630).
Eine breite Allee führt zu einem mächtigen 80 Fuss hohen Thorweg, in dessen zweitem Stockwerk lebensgrosse Holzbildsäulen von Shaka und seinen Jüngern zu bewundern sind, sowie eine herrlicheAussicht über die Stadt, über die hügelige Landschaft mit zahlreichen Wohnhäusern und auf den Wald. Ich weiss nicht, ob es zufällig oder absichtlich geordnet ist; aber das Bild des letzteren war sehr ebenmässig und malerisch, ich sah die folgende Ordnung: Fichte, Bambus, Laubholz, Bambus, Fichte. Die 1633 n. Chr. gegossenegrosse Glocke(10,8 Fuss hoch, 9 Fuss weit, 74 Tonnen schwer) wird seit Kurzem mittelst einer Maschine bedient, welche den mächtigen Holzbalken zum Anschlag bewegt. Der Haupttempel, 167×138, 94 Fuss hoch, ist das grösste Gebäude in Kyoto. Der Altar ist dem Gründer gewidmet; vor ihm stehen metallische Lotuspflanzen von 21 Fuss Höhe in Bronzegefässen.
In dem zu dem Kloster gehörigen Palast, den Jemitsu erbaut hat, sind berühmte Gemälde der Kano-Schule: die Katze, welche den Beschauer anblickt, wo er auch stehen mag; der Sperling, der angeblich, als die Wand schon bemalt war, durch das Zimmer flog und nun auch abgebildet wurde.
Der folgende Tag war, der Abwechslung halber, einemAusfluggewidmet und zwar nach denWasserfällen des Katsura-gawa.
Früh um 8 Uhr brach ich auf in zweispänniger Jinrikisha, deren Kasten vorsorglich das Frühstück nebst Getränk (Flaschenbier) barg; mit zwei jungen Aerzten, die mich nicht allein lassen wollten, und dem Führer, der eigentlich Nachfolger war und den ich nur angenommen, um den Collegen zu zeigen, dass ich Führerdienste von ihnen nicht beanspruchte.
Die Fahrt geht westlich durch die ausgedehnte Stadt und die dicht anschliessenden Dörfer, zwischen Feldern, die besser aussehen als riechen, da allenthalben kleine Dunggruben eingerichtet sind; im guten Schritt einen Hügel empor, durch einen hübschen, neuen Tunnel (ähnlich dem vom Posilip bei Neapel, nur kürzer,) und im Galopp bergab nach dem Dorfe Hodzu, 14 englische Meilen von Kyoto, wo die Wasserfälle beginnen. Auch die bergige Gegend war sehr belebt; Menschen und Ochsen ziehen kleinere oder grössere Karren, bergauf mit Reis, bergab mit Holz und Kohlen.
Bei Hodzu werden die Jinrikisha mit in das grosse, aus zolldicken biegsamen Brettern, ohne Rippen, zusammengefügte Boot genommen. Das letztere wird mit Grashalmen gelenkt, nämlich mit langen Bambusstäben. Der Fluss dringt zwischen die Berge, die allenthalben steil, mitunter fast senkrecht emporsteigen, an den Wänden einzelne Fichten tragen, oben dicht (mit Fichten, Buchen, Bambus) bewaldet sind. Unsere Thalfahrt beträgt 13 englische Meilen und dauert zwei Stunden, zur Rückfahrt braucht das Boot sechs Stundenund wird mittelst Seilen getreidelt. Wir begegnen vielen Frachtbooten, die so flussaufwärts fuhren. Von Zeit zu Zeit kommenStromschnellen, die trotz ihrer hochtrabenden Namen, wie Löwen-Rachen, nicht im mindesten gefährlich oder nur aufregend, sondern eher belustigend sind, — gerade so wie die an dem ersten Cataract des Nil. In dem ausserordentlich schön gelegenen Theehaus zuArashiyamaruhen wir aus[212]und erfreuen uns des mitgebrachten Frühstücks.
Auf der Heimfahrt in Jinrikisha lernte ich die Richtigkeit des Satzes kennen: Kein Tag ohne Tempel. Das gilt für den Reisenden in Japan, wie in Rom.
Wir besuchten zunächstKitano Tenjin. Dieser Tempel ist demTenjin Samageweiht, dem berühmten Minister und Gelehrten, der 901 n. Chr. in Ungnade fiel und, als Vicepräsident nach der Insel Kiushiu verbannt, daselbst 903 verstorben ist. Er wird unter anderem auch als Gott der Schönschreibekunst verehrt. Da er auf einer Kuh zu reiten liebte, findet man verschiedene Bildsäulen dieses Thieres auf dem Tempel-Grund. Sehr seltsam ist eine Art von Schuppen, unter dessen Dach zahlreiche, hieher gestiftete Bilder aufgehängt sind; dieselben schienen von verschiedenem, zum Theil recht zweifelhaftem Werthe zu sein. Manche sind wie gespickt von Papierkügelchen. Die Gläubigen kauen ein Stück Papier und speien dasselbe gegen das Bild; wenn es haftet, ist der Heilige gnädig und zur Gewährung der Bitte geneigt.
Unablässiges Gewühl fröhlichen Volkes füllt die Räume dieses der Ryobo Shinto-Secte gehörigen Heiligthums, in dem zahlreiche Theehäuser zum Verweilen einladen.
Weit vornehmer istKinkakuji, ein Kloster derbuddhistischenZen-Secte.Kinkakuheisstgoldenes Gartenhaus. Das war das Vorbild für das silberne (Ginkaku), von dem ich schon gesprochen. Im Jahre 1397 n. Chr. zog sichYoshimitsuhierher zurück, nachdem er drei Jahre zuvor die Würde des Shogun seinem jungen Sohn übergeben; schor sein Haupt, zog die Kutte eines buddhistischen Mönches an und lebte in Zurückgezogenheit, aber doch unter lebhafter Theilnahme an den Staatsgeschäften: genau so, wie sein unbewusster Nachahmer Karl der Fünfte (1556–1558) zu San Yuste in Estremadura, und wie der grosse Jeyasu.
Noch steht aufrecht, wiewohl schon verwittert, das alte Gartenhaus, 33×24 Fuss, dreistöckig, mit Bildsäulen des Gründers undAmida’s im Innern, fast erloschenen Wandgemälden und mit Spuren der dicken Vergoldung an den Wänden des Ober-Stocks, sowie mit einem 3 Fuss hohen Phönix auf dem Dach. Reizvoll ist der stille Garten mit seinem See, dessen Ufer und Inselchen fichtenbekränzt sind, und dessen Wasser uralte, gierige Karpfen birgt, die sofort zum Futterplatz schwimmen, sowie ein Fremder naht. Eine Pinie in Dschunkenform wird von den Japanern besonders schön gefunden. Der Reisende zieht die Gemälde in den Wohnräumen vor: mit Staunen erblickt er lustige Scenen, z. B. Kinder, die auf einen Elephanten emporklettern und mit Hunden spielen, in der Art wieMurillo— in Japan sie gemalt haben könnte; mit Bewunderung chinesische Kleinmalerei. Der Priester bewirthet uns wieder mit Thee und verabschiedet sich mit grosser Höflichkeit.
Die Fahrt über denBiwa See(am 3. October) war darum besonders genussreich und ergiebig, weil der kleine Dampfer uns ausschliesslich zur Verfügung gestellt war. Mit meinen zwei unermüdlichen Collegen fuhr ich nachOtsu, woselbst die Aerzte des Ortes mich empfingen und der Erste (Dr. Muradsi) die Führung übernahm. Höchst drollig war es, wie jeder Mensch im Orte ihn mit rechtwinkliger Neigung des Körpers begrüsste: die japanische Mutter, die das Kleine auf ihren Rücken gebunden trägt; der Vater, der ein schon grösseres Kind auf dem Arm hält, die Kleinen dabei durchaus ruhig und artig, ohne im geringsten zu schreien, und das zwanzig Mal hintereinander in jeder Gasse!
Der Biwa-See hatte zwar zur Zeit nicht den hellgrünen Wasserspiegel, denReinrühmend hervorhebt, da eben der Himmel ein wenig bewölkt war, aber doch höchst reizvolle Ufer; er ist hier, an seinem Südende von niedrigen, bewaldeten Bergen umgeben, welche die Gestalt von Vulkanen besitzen.
Wir fahren fort, — erst unter der neuen Eisenbahnbrücke, dann unter deralten Brücke von Seta, die den Fluss Setagawa da überspannt, wo er aus der Südost-Ecke des See’s hervorkommt. Eine Brücke hat hier, amNakasendo, der Gebirgs-Heerstrasse zwischen Kyoto und Tokyo (aus dem achten Jahrhundert n. Chr.), seit uralter Zeit bestanden. Die jetzige ist erst im Jahre 1875 wiederhergestellt. Es ist eine Doppelbrücke, da in der Mitte des Flusses eine Insel liegt, von 215 + 576 Fuss Länge, auf hölzernen Jochen ruhend. Die Brücke ist berühmt in Sage und Geschichte. Hier hat, nach alten Mären, der kühne, auf Abenteuer ausziehende Ritter das hundertfüssige Ungeheuer besiegt und zum Lohn von einem dankbaren Zwerge den Sack mit Reis empfangen, der nie leer wurde, so oft er auch daraus seine Nahrung entnahm.
Um den Besitz dieses wichtigen Uebergangs ist in geschichtlicher Zeit so manch’ blutiger Strauss gefochten worden.
Wir dampfen eine kurze Strecke flussabwärts und landen bei dem berühmten KlosterIshiyama-dera. Der Name heisst wörtlich Felsbergtempel und rührt her von einigen abenteuerlich gestalteten schwarzen Fels-Steinen und Rücken, die inmitten des Tempelgrundes hervorragen und von den findigen Priestern mit Geschick zur Verschönerung ihrer Gartenanlagen benutzt worden sind. Gegründet ist das Kloster 749 n. Chr., umgebaut 1078 und am Ende des 17. Jahrhunderts. Der Haupttempel auf dem Gipfel des dichtbewaldeten Hügels ist der Kwannon gewidmet und zeigt das Götterbild von 16 Fuss Höhe, in dessen Innern der eigentliche Gegenstand der Verehrung, eine Bildsäule von nur 6 Zoll, verborgen liegt. Vor dem Altar hängen Gebet-Mühlen, die ungefähr so gedreht werden, wie unsere Kaffee-Mühlen, und eine Glücksbüchse, welche die Jahreszahl 1888 trägt! Sie enthält 12 Metallstäbe, mit je 1 bis 12 Kerben. Man schüttelt die Büchse und drückt: dann springteinStab hervor, gerade so wie aus den niedlichen japanischen Zahnstocher-Büchschen. Der Fragende liest sein „Schicksal“ von einer Tafel ab, die 12 verschiedene Verse enthält. Es ist recht ähnlich, wie auf unseren Jahrmärkten, wo die im Monat Mai geborene Schöne das Verslein zieht: „Die Mädchen geboren im Monat Mai, sind alle lustig und sorgenfrei“; aber, wenn sie älter und erfahrener wird, sehr bald bemerkt, dass diese Weissagungen nicht stimmen. Zahlreiche Besuchskarten von Pilgern, mit Namen, Wohnort, Besuchstag, sind hier aufgehängt, ein weiterer Beweis für die kindliche Art dieses „Gottesdienstes.“
Ein Punkt, welcher auf japanisch alsBaum der Vollmondbetrachtungbezeichnet wird, gewährt eine wirklich schöne Aussicht auf den Fluss, die lange Brücke, den See und die Uferberge. Wenn ich auch in meinen ersten japanischen Tagen den Unverstand der gewerbsmässigen Führer zu tadeln hatte, die gar keinen Begriff davon hatten, was den europäischen Reisenden am meisten reizt und fesselt; so muss ich doch den gebildeten Japanern, meinen Collegen, selbst denen, die keine europäische Sprache verstehen, nachrühmen, dass sie für die Natur- und Kunstbedürfnisse des Reisenden ein volles Verständniss an den Tag legten.
Jetzt fahren wir zurück, unter die Brücken durch, bei Otsu vorbei, nachKarasaki[213]am West-Ufer des See’s, wo die in ganz Japanberühmte Fichtesteht. Dieser seit uralter Zeit für heilig gehalteneBaum hat die nur mässige Höhe von 90 Fuss, bei 37 Fuss Umfang des Stammes; aber seine fächerartig ausgebreiteten, sorgfältig von hölzernen und sogar von steinernen Stützen getragenen Zweige (380 an der Zahl) bedecken und beschatten eine Fläche von 240×280 Fuss. Alle Löcher im Stamm sind auf das gründlichste ausgekittet,[214]ein kleines Regendach schützt sogar die Spitze, die man für besonders zart und schutzbedürftig ansieht.
Japan hat an schönen Bäumen keinen Mangel. Trotzdem findet man allenthalben, besonders in den grossen Park-Anlagen Tokyo’s, z. B. in Shiba, die rührendste Sorgfalt auf die Erhaltung des einzelnen Baumes verwendet.
Es giebt ja auch bei uns alte und mächtige Bäume; aber sie werden nicht mehr so gepflegt, seitdem in Europa die heiligen Haine ihre Verehrung eingebüsst, und fallen neueren Fortschrittsbedürfnissen zum Opfer. Noch steht allerdings die mächtigste Eiche Europa’s bei Körtlinghausen im Regierungsbezirk Arnsberg; sie zählt über 1000 Jahre und hat bei 22 Meter Höhe einen Umfang von 12,4 Meter nahe der Erde. Noch steht bei Neuenstadt in Württemberg die Linde, welche bereits 1226 n. Chr. in der Chronik als der grosse Baum an der Heerstrasse gepriesen wurde; und die bei Freiburg in der Schweiz, welche bereits zur Zeit der Schlacht bei Murten (1476) wegen ihrer Grösse bekannt war.
Aber diese habe ich leider noch nicht gesehen, dagegen die knorrigen Oelbäume in der Ilissus-Ebene bei Athen, welche schon auf Perikles herabblickten; die bei Carthago, welche die dreimalige Zerstörung der Stadt überdauert haben; die Riesenfichten von Mariposa im Herzen der Sierra Nevada von Californien, welche schon vorhanden waren, als Moses sein Volk aus Aegypten führte; die heilige Fichte vonKarasakiund den noch heiligerenBo-Baumzu Anuradhapura auf Ceylon, der von allen Bäumen der Erde die älteste Geschichte besitzt, da die zu seiner Pflege bestellten Priester schon seit mehr als 2000 Jahren ununterbrochen seine Schicksale verzeichnet haben.
Nach dem feierlichen Frühstück im Theehause zu Otsu wurde der berühmte Tempel vonMi-i-dera, im Norden der Stadt, besucht. Der Name bedeutetDrei-Quellen-Tempel. Das Heiligthum ist der Göttin der Gnade (Kwannon) gewidmet. Das Kloster ist 675 n. Chr. gegründet und zu verschiedenen Malen neu erbaut, das letzte Mal 1690.
In diesem Kloster packen die heiligen Väter ihreKunstschätzeaus, die sogar in dem so ausführlichen Reisebuch von Murray mit keiner Silbe erwähnt werden, also dem gewöhnlichen Reisenden verborgen bleiben, wenn er eben nicht das Glück hat, mit dem —Hausarztdes Klosters vorzusprechen. Ich sehe erstlichhängende Bilder(Kakemono), darunter ein entzückendes mit „blinde Kuh“ spielenden Kindern. SodannRollbilder(Makimono) von bedeutender Länge, 10 Meter und darüber, die auf dem Flur der Vorhalle ausgebreitet, dem (natürlich nach japanischer Art auf dem Boden kauernden) Beobachter langsam vorbei geschoben und gleichzeitig wieder aufgerollt werden. Der Gegenstand dieser langen Bilder ist nicht ein einfacher, sondern einezusammengehörige Reihe, wie bei manchem unserer Romanschriftsteller.
Ein Bild stellt diesieben Nöthedar. Zuerst kommt das Erdbeben, dann die Ueberschwemmung und das Feuer, die ja beide oft genug von den Japanern im Gefolge des Erdbebens beobachtet worden, ferner aber der Schiffbruch, das Gewitter, die wilden Thiere. Man sieht den Adler, der ein Kind fortträgt, den Bären, der einen Menschen tödtet, die Schlange, welche sich emporbäumt. Dieses Bild ist von dem berühmten realistischen KünstlerOkyovor etwa 100 Jahren gemalt. Sein Gegenstück heisst diesieben Freudenund behandelt die Reisernte, das Gastmahl und dergl. Grässlich erscheint uns das Bild von denRäubernundMördern, sowie das Gegenstück, welches ihre Bestrafung (durch Zersägen, Kreuzigen, Viertheilen) darstellt. Höchst merkwürdig fand ich ein im Anfang unsers Jahrhunderts, also noch zur Zeit der Absperrung von Japan, gemaltesallegorisches Weltbild, da diese Welt nur drei Reiche umfasst: Japan, dargestellt durch Amaterasu, die Sonnengöttin; China, vertreten durch Confutse; Indien, durch Shaka-Gautama-Buddha unter seinem heiligen Baum. (San-Koku, die drei Länder.) Rings herum sind verschiedene Gestalten, welche die Himmelsgegenden darstellen, vielleicht auch einige Fremdlinge von der Grenze der Erde. Denn damals glaubten die Japaner, dass an Tenjiku, die Himmels-Stütze oder Indien, die Länder Portugal und Holland, und andere, von denen sie vernommen, unmittelbar sich anschliessen.
Ich wünschte ein Lichtbild von dieser merkwürdigen Darstellung. Der Prior war ganz erschrocken ob meiner Kühnheit, da er das Bild für ein heiliges hielt, — aber nach drei Tagenhatteich mein Abbild.
Vor dem Eingang zum Kloster ist ein freier Platz mit prachtvoller Aussicht über Berg und Thal, See und Canal, Stadt und Land. Hier steht ein wunderliches Denkmal, — einObeliskaus Granit,zum Gedächtniss an diejenigen Krieger des Bezirkes, welche im Kampf gegen die Empörung von Satsuma (1877) gefallen sind.
Ist schon die Gestalt des Denkmals in dieser Umgebung recht gewagt, so erscheint mir ganz unpassend die an dem Gitter angebrachteSammelbüchse, welche in englischer SpracheBeiträgezur Erhaltung der umgebenden Gartenanlage fordert.
Hier war es auch, woder Angriff auf den russischen Thronfolgeram 11. Mai 1891 seinen Ausgang nahm. Die Sache verlief, nach den Mittheilungen meiner Begleiter und der Augenzeugen, die ich in der engen Gasse von Otsu persönlich befragte, in der folgenden Weise. Der Sohn des Czaren stand in bürgerlicher Kleidung auf dem Platz neben dem Obelisken, begleitet von dem Sohn des Königs von Griechenland, einem japanischen Prinzen und Anderen.
Der dienstthuende Polizeisoldat Tsuda Sanzo, der in dem eben erwähnten Feldzug gegen die Satsuma-Empörer sich ausgezeichnet, ein ordentlicher, aber etwas verrückter Mensch, grüsste militärisch durch Präsentiren des Säbels. Der Czarewitsch dankte nicht, vielleicht sah er den Soldaten gar nicht, sondern kritzelte mit seinem Spazierstock eine Figur in den Sand, die dem Polizisten die Hauptinsel des japanischen Reiches zu sein schien.
Nun muss man bedenken, dass bei den Japanern grosses Missbehagen gegen ihre russischen Nachbarn herrscht, welche ihnen halb mit Gewalt die Insel Sachalin gegen die unbrauchbaren Kurilen abgetrotzt und durch die schon begonnene sibirische Eisenbahn ihnen unangenehm auf den Leib rücken. Viele der gewöhnlichen Japaner glaubten, dass die Reise des Czarewitsch einen politischen Zweck verfolge. Jener Polizeisoldat aber wurde von der Wahnidee befallen, dass der Sohn des russischen Kaisers bereits das theure Vaterland gekauft und erworben habe und ihn wie einen Sklaven missachte; und — getödtet werden müsse.
Aber Ostasiaten denken und handeln nicht so schnell, wie Europäer. Eine Viertelstunde später holte er den Grossfürsten ein, der in einer Jinrikisha sass, (vom einen Mann, hinten einen zweiten,) in einer schmalen Gasse von Otsu vor einem Schneiderladen, und verwundete ihn von hinten mit seinem Schwert in der Schläfengegend. Der japanische Prinz, der griechische Prinz, — als sie den Lärm vernahmen, eilten sie zunächst vorwärts, um einen Ort zur Vertheidigung zu suchen, da sie an eine allgemeine Meuterei glaubten. Der hintere Jinrikisha-Mann aber hatteaugenblicklich, ehe der Polizeisoldat zum zweiten, vielleicht verhängnissvollen Schlage ausholen konnte, sich niedergeworfen, den Angreifer bei den Beinen gepackt und ihn zuBoden geschleudert. Sein Vor-Mann half ihm bei der Ueberwältigung und Entwaffnung. Jetzt kam auch der griechische Prinz zurück und griff thätig ein. Die Wunde des Grossfürsten war zum Glück eine leichte, sie wurde von dem russischen Arzt verbunden; der Grossfürst auf sein Kriegsschiff gebracht. Die gesetzestreuen Einwohner von Otsu waren tief betrübt und beantragten bei der Regierung, dass der durch die schnöde That verunglimpfte Name ihres Städtchens umgeändert werde. Der Polizist, dessen Geisteskrankheit festgestellt worden, wurde auf Lebenszeit eingesperrt, ist aber bald darnach verstorben. Der wirkliche Retter des Grossfürsten, der Jinrikisha-Mann, erhielt vom Mikado ein Jahresgehalt von etwa 90 Yen, womit er sehr gut ohne Arbeit auskommen konnte, vom Czaren, nebst einem Orden, ein Jahresgehalt von 1000 Yen, wodurch er bald in ein liederliches Leben und in’s Gefängniss gerieth.
Also das scheint sichergestellt, dass der Czarewitsch weder das religiöse Empfinden, noch die Sitten des japanischen Volkes beleidigt hatte: dass der so beklagenswerthe und auffällige Angriff die That eines verrückten Vaterland-Schwärmers gewesen. Der gewöhnliche Reisende hat nichts in Japan zu befürchten. —
Nachdem wir die Purpurfärbung des Abendhimmels bewundert und auf dem Halteplatz verschiedene Volksscenen belauscht, kehrten wir auf der Eisenbahn zurück nach Kyoto.
Der Vormittag des folgenden Tages (4. Oct.) war wiederum denTempelngewidmet.
Zunächst kamen wir nachNishi Hon-gwan-ji. (West-Haupt-Gebet-Tempel.) Hier ist das Haupt-Quartier der buddhistischenShin(Geist-) oderMonto(Thorfolger)-Secte, die von Shin-ran 1213 n. Chr. begründet ist, aber erst seit dem 15. Jahrhundert die jetzige Gestaltung angenommen, und 13718 Tempel in Japan besitzt. Man nennt sie[215]die Protestanten des japanischen Buddhismus. Sie verwerfen die Ehelosigkeit der Priester, die Enthaltsamkeit von gewissen Speisen, die Abtödtung und Bussübung, lehren den Glauben an Buddha, ernstes Gebet, edles Denken und Handeln. Ihr eigentlicher Gründer nahm ein Weib, wie Luther, und führte die Volks-Sprache und -Schrift in den Gottesdienst ein.
Das hohe, prächtige Thor des Tempels ist mit Holzschnitzereien der Chrysanthemum-Blume und -Blätter geschmückt, darüber aber ein dichtes Drahtnetz gelegt, damit die Vögel nicht ihre Nester einbauen. Auf dem Hof steht, dem Eingang gegenüber, eine über mannshoheMauer, damit den vorübergehenden Müssiggängern der Einblick in’s Innere versperrt werde. Ein riesiger Baum auf dem Hofe soll das Gebäude — vor Feuer schützen, da er Regenschauer darüber ausschütte, sowie eine Feuersbrunst in der Nachbarschaft mit Gefahr droht. Doch glaube ich nicht, nach persönlicher Bekanntschaft mit den Priestern, dass sie solchem Aberglauben huldigen.
Das Hauptgebäude misst 138×93 Fuss und deckt 477 Matten. Das Schiff ist einfach, aber die Kanzel ganz und gar vergoldet. Zu jeder Seite der Haupthalle liegt ein ganz und gar vergoldetes Zimmer von 24×36 Fuss, worin Anrufungen des Amida (in Goldbuchstaben auf dunkelblauem Grunde) aufgehängt sind. Das Gebäude ist 1591/92 errichtet, der Schmuck alle 50 Jahre erneuert. In dem Nebentempel, der ähnlich, aber kleiner, sieht man auf der Ramma Engel in vollem Relief. Sehr schön und grossartig sind die Empfangsräume, namentlich der grosse Saal (69×54 Fuss); geschmückt mit Landschaften und Jagdscenen in chinesischem Styl.
Der Oberpriester, der uns geleitet,Akamzu Rensio, gleichzeitig Lehrer an der Priesterschule, die dicht neben Nishi Hongwanji steht und durch ihren „fremden“ Styl gar seltsam absticht, hatte mir schon drinnen, in seinem japanischen Englisch, manch’ merkwürdiges Wort gesagt; unter andern auch, als er meine Heimath erfahren, mich nachEduard von Hartmanngefragt und grosse Freude geäussert, als ich ihm Einiges aus persönlicher Bekanntschaft erzählen konnte, und lebhaftes Bedauern, dass er dessen Schriften noch nicht gelesen habe, während erSchopenhaueraus der Uebersetzung ganz gut kenne. Aber bei der Verabschiedung setzte er mich völlig in Erstaunen. Der Ausgang führt durchChokushi Mon, das Gitter des kaiserlichen Gesandten, woselbst die ausserordentlich naturgetreuen Holzschnitzereien, namentlich eines Bauern mit seiner Kuh, von Hidari Jingoro, meine Bewunderung erregten.
„Es ist merkwürdig, Fremdling“, sagte er, „dassDirdieses so gefällt (und auch Deinen Landsleuten, denn ein Gesandter und ein Baumeister aus Deutschland war auch hier und gleich entzückt); und dass derselbe GegenstandunserWohlgefallen erregt. Jeder Mensch hat seine eigne Zunge und seinen eignen Geschmack, den leiblichen und den geistigen. Jeder Mensch hat seine eigne Religion. Es ist Pflicht, duldsam gegen einander zu sein. Wir Buddhisten sind duldsam. Ihr Europäer seid es viel weniger, soviel ich dies beurtheilen kann.“
Ich schüttelte dem alten Biedermann die Rechte und schied von ihm in der Ueberzeugung, dass es Europäer genug giebt, die in Ostasien viel lernen könnten, wenn sie eben fähig wären, sich belehren zu lassen.
Diejapanische Bildhauereiist hauptsächlich Holzschnitzerei und kam mit den Buddhisten in das Land. Der eine „Tempelwächter“ zu Nara stammt aus dem Jahre 1095 n. Chr. Aber schöner sind die Darstellungen von Vögeln und Blumen zu Nikko, Shiba, Ueno aus dem 17. Jahrhundert. Die Grösse der japanischen Bildhauerkunst liegt in der Decoration und in dem Kleinwerk, das voll Humor ist. Derjapanische Phidias, Hidari[216]Jingoro (1594–1634 n. Chr.) schuf die Elephanten und die schlafende Katze im Mausoleum von Jeyasu und vieles andere. Von ihm wird die Geschichte von der schönen Galatea, dem Kunstwerk, in das der Künstler sich verliebte, auf echt japanisch erzählt.
Der zweite Tempel, den die Shin oderHongwanji-Secte in Kyoto (wie in jeder Grosstadt Japan’s) besitzt, heisstHigashi Hon-gwan-ji(Ost-Haupt-Gebet-Tempel). Dieser Tempel ist 1602 gegründet, 1864 in dem Bürgerkrieg zerstört und jetzt neu aufgerichtet, aber noch nicht ganz vollendet. Hier sieht man, dass die Buddha-Lehre in Japan noch nicht todt ist, wie Missionäre fabeln, die es wünschen, sondern vielleicht manche europäische Secte überleben wird; und dass die Kirche über gewaltige Mittel gebietet. Das Gebäude hat eine Länge von 260, eine Breite von 170, eine Höhe von 120 Fuss, das mächtige, tief herabhängende Dach mit 163512 dunklen Ziegeln wird von 96 Pfeilern gestützt. Vier prachtvolle Bronzelaternen schmücken den Eingang, und ferner — einRiesenseil aus Menschenhaar.38000 Frauen haben ihren blauschwarzen Haarschmuck geopfert, damit dies Seil zum Aufwinden heiliger Gegenstände geschaffen werde. Alle Provinzen der Nachbarschaft haben beigesteuert, und zwar ungeheure Summen, die Bauern haben persönlich Holz herbeigeschafft, damit der Tempel prachtvoll errichtet werde. Und neu sieht ein solcher Bau wirklich grossartig aus. Noch wird gebaut. Eine gewundene Schrägbahn führt auf das Dach, wie nach der Meinung von Gelehrten die alten Aegypter sie bei ihren Bauten benutzt haben sollen; die Hacke zur Holzbearbeitung sitzt in einem ganz krummen Stiel, wie wir ihn aus dem Grabdenkmal des Ti (2800 v. Chr., V. Dynastie) bei Sakkara kennen.
Toji, ein buddhistischer Tempel, in der Mitte des 8. Jahrhunderts n. Chr. gegründet, wurde 823 n. Chr. von dem Mikado demKobo Daishiübergeben, dem Gründer der buddhistischenShingon[217]-Secte, die heutzutage 15503 Tempel in Japan besitzt. Die jetzigen Baulichkeiten sind aus dem Jahre 1640, aber leider in Verfall. Hier steht noch der Thurm (Pagode), der sich zum Einsturz neigte, jedoch der Sage nach, durch dasGebetvon Kobo Daishi, (nach andern durch einen Graben,) wieder grade gerichtet wurde. Hier stand einst ein Stadtthor, wo der Sage nach ein kühner Ritter den Teufel bekämpfte. Auch hier empfängt uns ein freundlicher Oberpriester und geleitet uns durch die Empfangsgemächer, deren neue Gemälde gewaltig hinter den alten zurückstehen, und deren Ausstattung mitelektrischen Glühlampenbeweist, dass in Japan auch die Priester dem Fortschritt huldigen. In einem grossen Gemach sah man noch die Spuren eines Festessens, das Tags zuvor hier stattgefunden. Die Priester sind gastfrei gegen die Gläubigen und Verehrer; doch hörte ich, dass in Japan, wie anderswo, bei solchen Gelegenheiten ganz artige Summen für die Zwecke der Kirche — freiwillig gezeichnet werden.
Meine Freunde führten mich dann in denHaus-Garten eines wohlhabenden Japaners, um mir dasFussballspielzu zeigen. Die Theilnehmer waren prachtvoll und gleich gekleidet, sie trugen weite blauseidne Hosen und ein weisses Hemd. Der leichte Fussball darf nicht mit der Hand berührt werden und soll nicht zur Erde fallen; so wird er mit dem Fussrücken geschickt emporgeschleudert und von dem einen Spieler dem andern zugeworfen. Selbst Grauköpfe betheiligten sich lebhaft und geschickt. Ich sah dasselbe Spiel auch in Hongkong, wo es von Chinesen, aber weniger gewandt, ausgeführt wurde.
Nachmittags besuchte ichKrankenhausundMedizinschule. Abends hatte ich das übliche Festessen. Eine grosse Menge von Gemälden und Kunstwerken war in dem Saale für mich ausgestellt: ein altesgeschichtliches Bilderbuchmit Kleinmalerei, ein grosses Rollgemälde, den Brand des Kaiser-Palastes darstellend, auch Oelbilder von Damen, von einem jungen Japaner nach europäischer Art gemalt; in einer Nische des Saales ein japanisches Prunkzimmer mit eingelegten Schränken, eine alteGoldlackbüchse[218]im Werthe von1500 Yen. Ein ehemaliger Beamter des Mikado zeigte mir das feierliche Verbrennen vonWeihrauch. Es wurde viel geredet und getrunken. Wir waren alle recht heiter.
Ujiwar das Ziel des letzten, südwärts gerichteten Ausflugs von Kyoto.
In Jinrikisha fuhren wir zunächst nach dem Südende der Hauptstadt. Hier liegtTofukuji, eines der Hauptklöster der buddhistischen Zen-Secte, die schon 513 n. Chr., von Dharma in Indien, begründet ist und in Japan nicht weniger als 21547 Tempel besitzt.Zenbedeutet etwaernste Gedanken.Tofukujiist schon im 13. Jahrhundert erbaut und hat eine wundervolle Lage.Ahornbäume, die grade schon ihr rothes Herbstgewand anlegen, säumen von beiden Seiten eine tiefe Schlucht ein, über welche die überdachte „Himmelsbrücke“ gespannt ist. Der grösste Schatz des Klosters ist ein riesigesRollbild(Kakemono), 48 Fuss lang, 24 Fuss breit, das Shaka’s Eintritt in Nirwana (Nehanzō) darstellt um das im Jahr 1408 n. Chr. gemalt ist von Japan’s Fra Bartolommeo,Cho Densu, der hier Jahre lang als Mönch gelebt hat. Einmal im Jahre wird das Bild für 4 Tage ausgestellt d. h. auseinandergerollt und dem anbetenden Volk, ganz von Weitem, gezeigt. Der dienstthuende Priester lachte mich aus, als ich ihm den Wunsch vortrug, jenes Bild zu sehen. Als ich aber meine und meiner Freunde Karten, nebst höflicher Bitte, demOberpriesterübersandte, kam derselbe sogleich mit sechs dienenden Brüdern, liess die Riesenrolle herbeischleppen, an die Decke der Halle emporwinden und entfalten, so dass wir uns des Anblicks erfreuen konnten. Shaka liegt in gelassener Körperhaltung und ruhigem Gesichtsausdruck auf einem niedrigen Bau, der wie eine Steinkiste aussieht, rings umgeben von klagenden Göttern und Menschen. Vier hohe Bäume bilden einen hübschen Abschluss der Landschaft. Tiefer abwärts im Gemälde, also im Vordergrund, klagen die Thiere, Schildkröten, Vögel, Säuger, unter letzteren der Elephant und das zweibucklige Kamel.[219]
Erfindung, Zeichnung und Farbengebung schienen mir recht tüchtig zu sein, ganz ebenso gut, wie in den gleichzeitigen italienischen Schulen vor Raphael. Natürlich hat der Maler nicht darauf Rücksicht nehmen können, dass sein Werk befangenen Europäern unserer Tage gefalle. Leider sind diese Bilder nicht recht haltbar. Dass sie durch das Rollen nicht schon ganz zerstört sind, ist ein beredtes Zeugniss für die Güte des japanischen Papiers.
Ich musste noch ein zweites Riesenbild betrachten, welches auf den Erdboden gelegt wurde. Es stellt denHimmeldar und ist von einem chinesischen Künstler angeblich vor 1000 Jahren gemalt, aber durch Alter bereits so geschwärzt, dass ich mir kein rechtes Urtheil bilden konnte.
In nächster Nachbarschaft liegt der beliebte und volksthümlicheShinto-TempelvonInari, der Reis-Göttin, 711 n. Chr. begründet, als der BuddhistKobo Daishihier einen Mann mit einem Reis-Sack traf und in ihm eine Erscheinung der Reis-Göttin erkannte. Dieselbe half dem Schmied Kokaji eines seiner berühmten Schwerter schmieden, mit dem er den Fels spaltete, — wie Siegfried mit Nothung den Ambos. Diese japanische Sage ist auch Inhalt eines No-Schauspiels.
Schmiede und Schwertfeger verehren den Tempel bis zum heutigen Tage.
Am 29. April jedes Jahres werden die heiligen Wagen und Sänften des Tempel, die dann als Wohnsitz der Gottheiten gelten, nach dem allerheiligsten Shinto-Tempel von Ise gebracht und am 20. Mai zurückbefördert.[220]
Füchsesind der Inari heilig. Füchse aus Thon, kleine und grosse, werden in Buden am Weg zum Tempel feilgeboten. Grosse Füchse aus Stein, einen Schlüssel in der Schnauze, sind an dem Tempelgitter aufgestellt. Drinnen drängt sich fröhliches Volk. Da sind Weiber mit kleinen Vögeln im Käfig; für 1 Sen erhält man einen, um ihn in Freiheit zu setzen. Für die kleinste Münze kauft man einige Frucht- (Gurken-)Scheiben und legt sie auf ein an Fäden befestigtes Schälchen: sofort zieht das oben sitzende Aeffchen sie mittelst eines einfachen Flaschenzugs empor, um sie schleunigst zu verspeisen. Mädchen führen unter Musikbegleitung den heiligen Tanz auf. Der Tempel ist einfach, aber die rothen Holzpfeiler vor den weissen Wänden nehmen sich ganz hübsch aus, während die vergoldeten blau-mähnigenUngeheuer an den Enden der Vorhalle unsrem Geschmack nicht zusagen. Vor jedem der sechs kleinen Innengemächer ist ein grosser Metallspiegel von 18 Zoll Durchmesser aufgehängt. Oben auf dem Berg giebt es einen heiligen „Pfad der Berg-Höhlen“, mit zahlreichen Fuchslöchern.
Ein guter Weg bringt uns südwärts nach dem (4 ri = 10 engl. Meilen entfernten) malerisch an dem gleichnamigen Fluss gelegenen OertchenUji, das rings vonTheepflanzungenumgeben ist. Thee ist im 9. Jahrhundert von einem buddhistischen Abt aus China nach Japan eingeführt worden. Ursprünglich wurde der Theeaufguss von den Mönchen benutzt, um den Schlaf bei den nächtlichen Studien zu verscheuchen.[221]In Uji wird Thee seit dem Ende des 12. Jahrhunderts angebaut. Seit dem 14. Jahrhundert ist Thee Nationalgetränk der Japaner. Im Jahre 1887 wurde hier auf einem niedrigen Hügel ein Steindenkmal errichtet zur Erinnerung an das tausendjährige Bestehen der Theecultur in Japan und zum Preise des Thee’s von Uji.
Der Mikado war gegenwärtig bei der Feier und bezieht auch seinen Thee aus diesem Orte. Jede Familie in Uji baut und verkauft für sich ihren eignen Thee, dem sie die seltsamsten Namen beilegen. Die besten Sorten (Gyokuro = Edelstein-Thau) kosten hier 5 bis 7½ Yen das Pfund; das ist ein Preis, der bei uns kaum gezahlt wird. Thee ist nächst Seide der wichtigsteAusfuhrgegenstandJapan’s. (Jährlich 40 Millionen Pfund im Werthe von 6 Millionen Yen.) Fast Alles geht nach Nordamerika. Die Leute von Kyoto pilgern in der Sommerzeit nach Uji wegen der schönen Aussicht und der zahllosen Leuchtkäfer, die des Abends umherfliegen.[222]
Die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist das KlosterByōdō-inder buddhistischenTendai(Himmels-Gebot)-Secte, die aus China kam und in Japan 6391 Tempel besitzt. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1052 n. Chr. Hier war es, wo nach der Schlacht an der Ujibrücke der 75jährige HeldYorisama, um den Rückzug seines Fürsten zu decken, mit 300 Mann gegen 20000 Feinde, dem Leonidas gleich, Stand hielt und, als er das gewollte durchgesetzt, gelassen in sein Schwert sich stürzte.
Das Hauptgebäude, neben einem Lotusteich, ist diePhoenix-Halle (Hōō-dō), eine derältesten HolzbautenJapan’s. Der zweistöckigeMittelbau stellt den Körper des Vogels dar, die rechtwinklig davon zu beiden Seiten ausgehenden Flügel sind eben die Flügel, und die von der Mitte nach hinten ziehende Halle der Schwanz. Auf dem Dach stehen zwei Bronze-Phoenix von 3 Fuss Höhe. Die Decke im Innern ist in kleine Vierecke eingetheilt und mitPerlmuttereingelegt. Rings um den Obertheil der Wände ist ein Fries von 25 Heiligen (Bosatsu), darunter auch Frauen, die meinen Begleitern besonders merkwürdig schienen. Der Altar war ursprünglich mit Goldlack bedeckt und mit Perlmutter eingelegt. Aber der frühere Glanz ist zerfallen, und der jetzige Haupttempel sieht ärmlich aus.
In einem Theehaus am Fluss ruhen wir aus und verzehren unser mitgebrachtes Frühstück. Allenthalben, auch in so kleinen Orten, sind schon offene, mattenlose Hallen für die Fremden errichtet, um ihnen das Ausziehen der Schuhe zu ersparen.
Rechtzeitig langen wir in Kyoto wieder an, zum Packen und Briefschreiben.