Nach Osaka, Kobe, Nagasaki.
Die Eisenbahnfahrt von Kyoto nach Osaka dauert 1½ Stunden, die Entfernung beträgt nur 30 englische Meilen = 48 km. In Kyoto ist feierlicher Abschied; mein Fachgenosse aus Osaka zur Stelle, um mich zu geleiten; in Osaka wieder feierlicher Empfang. Einer meiner beharrlichsten Zuhörer, Dr.Ogata, dessen Vater bereits vor 40 Jahren, noch zur Zeit der Absperrung Japan’s, ein holländisches Werk über Heilkunde in’s Japanische übersetzt, stellt mir die bürgerlichen und militärischen Collegen vor und beruhigt mich wegen desNachtlagers. Die blühende HandelsstadtOsaka,[223]die an der Einmündung des Yodogawa-Flusses in die Osakabucht liegt, 400 Jahre alt ist, und 476000 Einwohner besitzt, hat nur eineinziges Gasthaus, das, im Ganzen japanisch eingerichtet, nur eine kleine europäische Abtheilung besitzt, vor der ich von einigen in Kobe ansässigen Engländern gradezu gewarnt worden war. Ich hatte also beschlossen, in dem mit der Eisenbahn binnen einer Stunde zu erreichenden und mit einer europäischen Ansiedlung versehenen Vertragshafen Kobe zu übernachten.[224]Aber meine Freunde führen mich im Triumph nach dem Gasthaus und zeigen mir nicht blos das frisch gescheuerte Zimmer und denschneeweissen Bettüberzug,[225]— Reinlichkeit wird in Japan nicht vermisst, — sondern auch die europäischen Geräthe, die sie besorgt, den demüthigst sich verneigenden und Alles versprechenden Gastwirth und einen Aufwärter, welcher sogar versicherte, englisch zu verstehen. Ich habe auch die beiden Nächte ganz gut in dem Zimmer geschlafen; bei Tage war ich wenig zu Hause.
Sofort setzt sich der Jinrikisha-Zug in Bewegung nach demSchlosse; die Führung übernimmt ein Militärarzt in Uniform. 1583 n. Chr. beschloss der Napoleon Japan’s, TaikoHideyoshi, der Bauernsohn, welcher vom Stalljungen zum Soldaten und Heerführer und schliesslich zum thatsächlichen Herrscher Japan’s sich emporgeschwungen, an Stelle des früheren befestigten Buddha-Klosters zu Osaka, das von seinem Vorgänger Nobunaga 1580, wegen Feindseligkeit der Bonzen, zerstört worden war, ein festes Schloss zu erbauen und zu seinem Fürstensitz zu machen; und vollendete seinen Willen binnen zwei Jahren. Arbeiter wurden aus allen Theilen Japan’s, die ihm unmittelbar unterworfen waren, herbei gezogen. Seine Grafen und Ritter liessen ungeheure Steine herbeischaffen. So wurde das grösste Bauwerk Japan’s errichtet.
Will Adams, aus Chatam in Kent, 1598 Obersteuermann einer Flotte von fünf Seglern der holländischen Ostindia-Gesellschaft, von Peru nach Nagasaki verschlagen, und dann von Jeyasu als Schiffsbauer und als Unterhändler mit holländischen und englischen Schiffscapitänen bis zu seinem 1620 erfolgten Tode in „goldener Verbannung“ zurückgehalten, hat in seinen (neuerdings herausgegebenen) Briefen die Eindrücke geschildert, welche die Stadt und das Schloss von Osaka im Jahre 1600 auf ihn machten. Er fand die Stadt so gross wie London, die Holzbrücken so mächtig, wie die über die Themse; das Schloss wunderbar gross und stark, mit tiefen Gräben und gewaltigen Zugbrücken, die Thore mit Eisen beschlagen. Das Schloss aus schierem Stein gebaut, mit Schiessscharten und Aufgängen, um Steine auf die Belagerer herabzuschleudern. Die Mauern 6–7 Yards dick, solid, ohne Füllung und dabei haushoch; die Steine riesig, genau geschnitten, ohne Mörtel aufeinander gefügt.
In der That war der Graben 80–120 Fuss breit und 12–24 Fuss tief. Aber als Jeyasu 1615 das Schloss einnahm, das bis dahin dem Sohne des Hideyoshi gehört, liess er binnen drei Wochen den Graben ausfüllen.
1867 wurden hierselbst von dem letzten Tokugawa-Shogun Keiki die fremden Gesandten empfangen. Am 2. Februar 1868 wurden die innerhalb der Mauern befindlichen Gebäude von den flüchtenden Anhängern des Shogun in Brand gesteckt und binnen zwei Stunden vollständig zerstört. Der Palast soll das kostbarste Werk japanischer Kunst gewesen sein. Jetzt dient die Schlossruine als Hauptquartier der Besatzung von Osaka.
Reisende können angeblich das Schloss besuchen, aber keineswegs immer, und nicht so leicht.
Ich wurde in’s Empfangszimmer geleitet und mit Thee bewirthet. Der Adjutant kam, entschuldigte den General, und zeigte mir die Pläne des Schlosses aus dem vorigen Jahrhundert und aus heutiger Zeit. Die letzteren sind genau so, wie die unsrigen, und höchst kunstvoll ausgeführt. Die ersteren sind nach einer Art von Vogelschau entworfen, wie wir sie z. B. auch auf altägyptischen Garten- und Landschaftsbildern finden: die Bäume und Gebäude im Norden sind nach oben umgelegt, die im Süden nach unten, die im Osten nach rechts, die im Westen nach links. Der Generalarzt erschien mit seinem Stabe von Aerzten. Wir massen die grössten Steine in der Umwallung, so gut es ging, mit dem Sonnenschirmstock und zufällig vorgefundenen Stangen. Einzelne scheinen grösser zu sein, als die grössten in Aegypten. Eine Granitplatte war über 40 Fuss hoch, 15 Fuss breit; ihre Dicke nicht ersichtlich. Das Mass eines der gewöhnlichen Bausteine war 20×5×3 Fuss.[226]
Wir erstiegen die Platform, wo einst der Hauptthurm gestanden und genossen die schöne Aussicht auf die Stadt, die Ebene, das Meer. Jetzt steht hier oben eine neue Riesenkanone, die aber nur die Mittagsstunde anzeigt. Natürlich war ein Tiefbrunnen innerhalb der Mauern angelegt, das berühmte „Gold-Wasser“, um zur Zeit einer Belagerung die Krieger zu tränken.
Von dem Schloss stiegen wir hinab in die dicht dabei befindliche kaiserlich japanischeWaffenfabrik. Zunächst wurden wir wieder in das Empfangszimmer geleitet, mit Thee bewirthet und mit Lichtbildern unterhalten, welche die Ergebnisse von Schiessversuchen auf Panzerplatten naturgetreu darstellen. Selbstverständlich ist auf diesem Gebiete das östlichste Asien heutzutage der getreue Nachbeter von Europa. Der General erschien und gab uns seinen Adjutanten mit, welcher in französischer Sprache uns die Einrichtungen erklärte und gelegentlich auch seufzend den Wunsch ausdrückte, einmal eine Reise nachunseren[227]Gegenden zu unternehmen.
Die Waffenfabrik ist mit den unsrigen nicht zu vergleichen, auch nicht mit Navy-yard zu Washington, das ich gerade sechs Wochen zuvor besucht hatte; aber doch schon recht ansehnlich. 2000 Arbeiter werden hier beschäftigt und Alles, von Riesenkanonen bis zu den Flinten und Säbeln und zur Munition, fertig gestellt. Eines bedauern sie, Gussstahl nicht in genügender Masse zu besitzen; deshalb sind bisher hauptsächlich Bronze-Kanonen angefertigt worden. Natürlich giebt es schon eigne, in Japan erfundene Hinterlader, Repetiergewehre und rauchloses Pulver. Die Armee ist nach preussischem Muster eingerichtet und beruht auf allgemeiner Wehrpflicht. Sie zählt 200000 Mann, doch dürften nur etwa 56000 unter Waffen stehen.
Die Flotte zählt 33 Schiffe mit 44000 Tonnen, 156 Kanonen, 5600 Mann, ist kriegstüchtig und offenbar der chinesischen überlegen.
DieMünze, wo die schönen Yen- und Sen-Stücke geschlagen werden, konnte ich leider nicht sehen.
Nach dem Frühstück folgte die Besichtigung des Krankenhauses und der Medizin-Schule, darauf eine Jinrikishafahrt durch die Stadt, Besichtigung der Hauptstrassen, des Rathhauses, des Hafens, während man mir von den Tempeln abrieth, da sie unbedeutend seien.
Die Stadt Osaka liegt an den Ufern des Yodogawa, der von drei grossen Brücken überspannt wird, und ist von sehr zahlreichen Canälen durchschnitten, die wiederum Hunderte von kleinen Brücken nöthig machen. So ist das Wasser ein belebendes Element für die Stadt. Man nennt Osaka das japanische Venedig. Die nächtlichen Bootfesteim Sommer sind berühmt. Andrerseits soll die tiefe Lage der Stadt und die grosse Zahl der stockenden Wasseradern zur heissen Zeit Krankheit bedingen und verbreiten.
Hochberühmt ist die Hauptstrasse Shinsai-bashi, mit ihren schönen Läden und grossen Schildern, eine der prächtigsten in Japan. Der Binnenhandel (in Reis, Baumwolle, Seide) wird zu Osaka in grossem Stil betrieben. In der Entwicklung des Seidenbau’s liegt eine Hauptquelle des Reichthums für Japan, 1889 wurden für 30 Millionen Yen Seidenerzeugnisse ausgeführt. (26 Millionen Rohseide, 1½ Millionen Seidengewebe). Der Seidenbau ist im 7. Jahrhundert von China (Korea) aus nach Nippon eingeführt.
DasFestessenist im Theehaus Urakukan, das zu der japanischen Abtheilung meines Hotels gehört. Also lasse ich meine Stiefeln im Schlafzimmer und gleite auf meinen gelben Pantöffelchen, im vollen Staat, durch ein Gewirr von Gängen in den Festsaal.
Fünfzig Aerzte waren zugegen, einige von fernen Orten herbeigeeilt. Schon sitze ich halbjapanisch, schlürfe Geflügelsuppe und esse Aalwurst mit Stäbchen. Aber nachher giebt es europäische Speisen und vorzügliches Bier. In Osaka ist die grosseAsaki-Brauerei, die von zwei deutschen Braumeistern eingerichtet worden. Der japanische Besitzer ist zur Stelle, er liefert uns nicht blos den Stoff, sondern, man staune, vierzig Seidelgläser mit zinnernen Klappdeckeln. Vielleicht sind, ausserhalb der deutschen Clubs, sonst in ganz Asien nicht so viel vorhanden, jedenfalls nicht an einem Orte. (Osaka besass 1886 nur 13 Bierlokale, hat es aber 1888 bereits auf 490 gebracht. Die Einfuhr deutschen Bieres nach Japan betrug 1888 an drei Millionen Flaschen im Werthe von 297000 Yen; scheint aber jetzt zurückzugehen, da mehr und mehr japanische Brauereien aufkommen.) Es wird viel gezecht, ein No-Drama aufgeführt, und einGedichtmir überreicht.
Um denchinesischenStil des letzteren zu kennzeichnen, füge ich die Uebersetzung bei, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser mir diese Mittheilung nicht — als Eitelkeit auslegen werde.
„Abschiedsgruss an Herrn ProfessorHirschberg.(Altchinesisch.)ProfessorHirschbergist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — Solch’ einem Manne gleicht Herr ProfessorHirschberg. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.Nahamye Syisakka, Arzt in Osaka.“
„Abschiedsgruss an Herrn ProfessorHirschberg.
(Altchinesisch.)
ProfessorHirschbergist nach Japan gekommen und hat sich um die dortige medizinische Welt grosse Verdienste erworben. Seine Kenntnisse sind ohne Grenzen; sie gleichen an Glanz der Sonne und den Sternen, sein Fleiss ist unermüdlich, wie ein Strom, der unaufhörlich dahinfliesst. Wenn er die Kranken untersucht, so erkennt er genau den Ursprung der Krankheiten; wenn er Recepte verschreibt, dann sind dieselben nie falsch. In Behandlung der Augenkrankheiten ist er besonders hervorragend. Da er ein so vorzüglicher Gelehrter ist, verehrt ihn ein Jeder. Ein altes Sprichwort sagt: Wenn ein bedeutender Mann erscheint, bildet sich seine ganze Umgebung nach seiner Art. — Solch’ einem Manne gleicht Herr ProfessorHirschberg. Im Namen der Wissenschaft spreche ich ihm den grössten Dank aus.
Periode Meije, 25. Jahr, am 6. October.
Nahamye Syisakka, Arzt in Osaka.“
Ein zweites Gedicht, dessen Schönheit vom Uebersetzer besonders hoch gepriesen wird, verfasst vonJeizo Jshii, Vorsitzendem des medizinischen Vereins zuNagoya, lautet folgendermaassen: „Ein Wort zum Empfang. Der Westwind säuselt und die Herbstblumen sind voll entfaltet, die Felder in einen bunten Teppich umgewandelt. In diesen schönen Tagen des prachtvollen Anblicks ist ProfessorHirschbergnach Japan gekommen.
Ein Weiser der alten Zeit hat gesagt: „„Die blaue Farbe wird aus Indigo gewonnen, und ist doch blauer als Indigo; das Eis wird aus Wasser gebildet und ist doch kälter, als Wasser.““ Wenn später in Japan berühmtere Aerzte entstehen sollten, zur Zierde für unser Vaterland, wie die Herbstblumen für die Felder, die uns jetzt den prachtvollen Anblick bieten; so wäre das nur ein Geschenk Deutschlands und solche Ehre für unser Vaterland wäre gleichzeitig Ehre für Deutschland.“ — — — — —
Am folgenden Tag machte ich einen Ausflug nachNara, der mir heute noch, in der Erinnerung, wie ein liebliches Idyll vorkommt.Narawar in der kurzen Zeit von 709 bis 784 n. Chr. Herrschersitz des Mikado; jedenfalls ist die Stadt weit älter, als Osaka und war früher sehr bevölkert; jetzt hat sie nur noch den zehnten Theil der früheren Bevölkerung, nämlich 20000 Einwohner, und liegt reizend am Fusse der Berge, in der ProvinzYamato, 25 engl. Meilen östlich von Osaka, durch Eisenbahn mit der Grossstadt verbunden. Die Erzeugnisse seines Gewerbefleisses sind chinesische Tusche, Fächer, kleine Holzspielsachen. (Nara ningyō).
Dr.Ogataund zwei andre Aerzte begleiten mich. Eine Strecke der Eisenbahnfahrt ist sehr malerisch, durch schildkrötenähnliche Berge in engem Flussthal. Nach einstündiger Fahrt erreichen wir zunächstHoruji. Hier liegt dasälteste Klostervon Japan, 607 n. Chr.vollendet und berühmt — durch seine Berühmtheiten. Ich muss gestehen, dass diese Kunstwerke des Museum entweder nicht so viel werth sind, als die Priester wähnen; oder wegen der gegenwärtigen Aufstellung keinen sonderlichen Eindruck machen.
Wir sahen eine achteckige Halle der Träume, der Göttin der Gnade gewidmet; verschiedene kleinere Tempel mit Bildern aus dem Leben des Gründers (Shotuku Taishi) und mit seiner Reiterbildsäule, im Pfefferkuchenstyl. Der Haupttempel (Kondo), der älteste Holzbau Japans, 1250 Jahre alt, enthält alte Bronze-Bildsäulen von Buddha, Amida u. A., undwirkliche Fresco-Gemäldean den Wänden, in alter Zeit (angeblich 607 n. Chr.,) von koreanischen Künstlern gemalt und nach dem Reisebuch Allem überlegen, was Japaner geschaffen. Es sind überlebensgrosse Heilige und Shaka, wie aus vorrafaelischer Zeit.
DieGeschichte der japanischen Malerei[228]ist für denEuropäer kurzzu beschreiben. Die Malerei kam aus China über Korea mit den buddhistischen Priestern nach Japan. Die erste japanische Schule (Yamato Ryū) wurde um das Jahr 1000 n. Chr. gegründet. Vernachlässigung der Perspective und echter Humor herrschten damals, wie heute. Im 13. Jahrhundert hiess sie Tosa Ryu und wurde mehr und mehr „klassisch“. Im 15. Jahrhundert kam eine kräftige Renaissance unter chinesischem Einfluss. Der buddhistische PriesterCho Densumalte heilige Gegenstände,JosetsuLandschaften, Menschen, Vögel, Blumen. Ihnen folgten die klassischen Meister der Tosa-SchuleMitsunobu,Sesshu,Kano. Im 18. Jahrhundert kamen dierealistischenSchulen:Hishigawa, der volksthümliche Bücher illustrirte,Okyo, der Vögel und Fische genau nach der Natur zeichnete, undHokusai(1760–1849), der alle Motive japanischer Kunst ausführte, Scenen der Geschichte, des Drama, der Novellen, Erlebnisse des Tages, thierisches und pflanzliches Leben und sein geliebtes Yedo. Die Zeichnung der Japaner ist korrekt und hauptsächlich auf den Eindruck berechnet. „Ihre Kunst ist gross im Kleinen und klein im Grossen.“ Natürlich darf man solche Sätze nicht allzuwörtlich nehmen.
Ein achteckiges Gebäude ist dem Gott der Gesundheit,Yakushi, geweiht. Derselbe sieht für uns genau so aus, wie Shaka, hat aber ein Arzneifläschchen in der linken Hand. Die Innenwände dieses Tempels sind ganz und gar verdeckt von kleinen Schwertern und Spiegeln. Das sind Weihgeschenke; das Schwert heisst Geist des Mannes, der SpiegelGeist des Weibes. Andre Weihgeschenke sind: Bohrer, für Heilung der Taubheit; Bilder als Dank für Erlösung von Milchüberfluss; Bilder mit der Bitte, dass der unartige Sohn den Kopf sich rasiren lasse, u. dergl. m. Ein Tempel enthält Riesenbildsäulen von Shaka.
InNaraübernahmen die dortigenAerztesofort die Führung. DerPark, den wir durchschreiten, ist wie ein Märchenwald. Der Wind rauscht in den Wipfeln der prachtvollen Fichtenbäume. Rudelweise kommen die kleinen gefleckten Hirsche, die Männchen mit dem stattlichen Geweih, um aus unsrer Hand zu fressen. Sie blicken so klug und freundlich, dass man jeden Augenblick meint, sie müssten anfangen zu sprechen und uns zu erzählen von der Prinzessin, die hinten am Ende des schnurgraden, stundenlangen, mit zahllosen Steinlaternen besetzten Weges in einem verzauberten Schlosse wohnt.
Aber — der Traum ist aus, wir stehen vor dem Tempel-Haus. Dasselbe ist verschiedenen Shinto-Göttern und Helden geweiht und schon 767 n. Chr. gegründet. Gegen das dunklere Grün der herrlichen Cryptomerien heben sich die rothen Holzpfeiler kräftig ab. Schöne Bronzelaternen schmücken die Vorhalle. Zahllose Steinlaternen säumen die Wege ein. Aber sie sind leer, wie die Kassen der Priester. Früher, als die Jahresbeiträge reichlich flossen, soll die abendliche Beleuchtung des ganzen Tempelbezirks eine zauberhafte Wirkung hervorgebracht haben.
Das heilige Albino-Ross, welches an Festtagen den Wagen der Gottheit zieht, wird in einem ganz engen Stall gehalten und steckt bettelnd den Kopf aus dem Fensterloch, da es, wie die Buddhapriester, nur von milden Gaben lebt. Der Pilger, wie der Reisende, kauft von dem Pfleger für kleine Münze einen Becher voll Erbsen und Bohnen und füttert das leider unschöne, triefäugige Thier. Ebenso eingesperrt und auf die öffentliche Mildthätigkeit angewiesen ist ein fremder Hirsch, der von den Bergen nach dem Park von Nara sich verirrt hatte, und, zwar vor der Wuth seiner feindlichen Brüder gerettet, aber der Hörner und der Freiheit beraubt, ein Leben führt, das gewiss weit schlimmer ist, als der Tod.
Nicht minder gierig, als diese Thiere, warten bei den niedrigen Hallen desTempels Wakamiyadie Priester auf jeden Fremdling oder auch begüterten Japaner, um ihm, gegen Zahlung von ½ bis 10 Yen, den alten heiligen Tanz (Kagura) vorführen zu lassen, und zwar durch seltsam gekleidete Mädchen, welche Fächer und Schellenbündel in den Händen tragen.
Angenehmere Empfindungen weckt der gleichfalls roth und weisse Shinto-TempelTamuke-yama no Hachiman. Denn auf ihn beziehtsich ein altes Gedicht (von Sugawara-no-michizane), welches jeder Japaner, wie es heisst, auswendig weiss; meine Begleiter jedenfalls ohne Ausnahme. Die Worte lauten ungefähr folgendermassen:
„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.Statt rothen Goldes bring’ ich heutDes Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.Statt rothen Goldes bring’ ich heutDes Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
„Leer ist die Hand, doch voll mein Herz,
Ich nah’ den Göttern sonder Schmerz.
Statt rothen Goldes bring’ ich heut
Des Ahorns Roth zur Herbsteszeit.“
In der That sehen wir an den zahlreichen Ahornbäumen auf dem Tempelgrunde die liebliche Röthung der Blätter, die den sentimentalen Europäer ebenso erfreut, wie den blumenliebenden Japaner.
Hachiman ist der chinesische Name für den Gott des Krieges, japanisch Yawata; es ist eigentlich der göttlich verehrte Mikado Ojin, der um 200 n. Chr. gelebt haben soll.
An den Wänden des Tempels ist auch ein kriegerisches Frescobild in kindlichem Styl, der Krieger Tsuna am Thor von Kyoto, wie er das Ungeheuer Shuten Doji bekämpft und ihm den rechten Arm abhaut.
Schliesslich kommen wir auch zu einem Buddha-TempelNigwatsu-do, welcher, der Göttin der Gnade geweiht, im Jahre 752 n. Chr. gegründet und vor 200 Jahren in seiner gegenwärtigen Gestalt höchst eigenartig gebaut und auf dem Gipfel eines Hügels gegen eine Felswand gelehnt ist. Von den meisten Buddha-Tempeln unterscheidet er sich dadurch, dass er sehr beliebt und belebt ist. Hier sieht man fröhliche Familienbilder. Es erscheint der Mann mit seiner Frau, beide führen in der Mitte an der Hand den Stolz der Familie, das erstgeborene Söhnchen, das (weit besser, als die Eltern und die übrigen Geschwister,) in ein rothes, blumiges Gewand gekleidet ist und voll Vergnügen die neuen Holzschuhe klappern lässt, trotz seiner fünf Jahre schon ein genügendes Bewusstsein von seiner bevorzugten Stellung besitzt und dieselbe mit mässiger Unart, aber starker Begehrlichkeit nach Spielzeug und Süssigkeiten ausnützt. Mir machte es grosses Vergnügen, mich am Einkauf zu betheiligen, zumal Bekannte meiner Begleiter auf diesemJahrmarktmit ihren Kindern erschienen.
Der von Bronzelaternen über und über behängte Tempel ist wie ein Bienenkorb. Die Leutchen kommen und gehen. Sie eilen die Treppenstufen empor, zum oberen Stock, von wo man eine schöne Aussicht geniesst. Sie leihen für eine kleine Münze hundert Bambus-Stäbchen; rennen, wie unsinnig, hundert Mal um den Tempel herum, und werfen nach jedem Umlauf eines der Stäbchen in den dafür bereit stehenden Kasten: eine Lauf-Procession, die sie für ebenso verdienstlich halten, als einige Europäer ihre Spring-Wallfahrt. Am3. Februar jedes Jahres wird hier auch ein Fackel-Umgang gehalten. In einem Winkel sitzt würdevoll ein Wahrsager, der für 1 Sen (= 3 Pfennige) einer alten, gespannt zuhörenden Bäuerin die Zukunft verkündigt.
Für das Mittagsessen wählten meine Begleiter eine offene Halle auf einem Hügel, mit Ausblick auf den nahen Garten und die ferneren Thäler und Berge.
Nachmittags sahen wir den Tempelbezirk vonTodaiji, zuerst diegrosse Glocke, die 732 n. Chr. gegossen, 13½ Fuss hoch, 9 Fuss weit ist, 36 Tonnen Kupfer und 1 Tonne Zinn enthält; und dann den ungeheuren (750 n. Chr. begründeten, vor 200 Jahren neugebauten) Tempel von 290 Fuss Länge, 170 Fuss Breite, 156 Fuss Höhe, welcher denDaibutsuunter seinem Dache birgt. Die bronzene Bildsäule ist 53 Fuss hoch, also 7 Fuss höher als die zu Kamakura. Das ursprüngliche Bild ist aus dem 8., das jetzige aus dem 13.; der Kopf, der durch eine Feuersbrunst abgeschmolzen war, aus dem 16. Jahrhundert.
Die Gottheit sitzt auf einer Lotusblume, der schwarze Kopf ist hässlich, der Heiligenschein dahinter enthält Bilder der Jünger. Eigentlich ist es Birushana, die buddhistische Verkörperung des Lichtes, die man mit der Shinto-Göttin Amaterasu zusammenfliessen lässt.
Der Ort hat seine Heiligkeit verloren. Der Fremdling, welcher das Eintrittsgeld bezahlt hat, tritt ungehindert auf das Gerüst, um die Bildsäule aus der Nähe zu betrachten; und steigt herab zu der Ausstellung vonAlterthümern, die in einem Nebenraume des Tempels aufgestellt sind. Da sieht man alte Holzbildsäulen, Gewebe, Schwerter, Musikinstrumente, Masken, die in Tänzen gebraucht werden, u. dgl. m. Vor dem Tempel steht eine achteckige Bronzelaterne, die einem chinesischen Künstler aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. zugeschrieben wird, und am Ausgang des langen Baumwegs ein grosses Thor (Ni-ō-mon) mit zwei riesigen, grellbemalten, holzgeschnitzten Thorwächtern (Ni-o), die in der Geschichte der japanischen Holzbildhauerei eine gewisse Rolle spielen.
Den Schluss der Betrachtung machtKobukuji, einst ein grosser Tempel, 707 n. Chr. begründet, aber 1717 niedergebrannt. Jetzt ist nur noch eine Pagode übrig von dem alten Glanz und ein riesiger Fichtenbaum, den angeblich Kobo Daishi gepflanzt, als ein stetes Opfer für den Gott der Gesundheit Jakushi, an Stelle der täglichen Blumenspenden.
Recht hässlich sticht das zweistöckige, in europäischem Styl gebaute Regierungsgebäude von den Ueberresten des heimischen Alterthums ab.
Noch war die Sonne weit vom Untergang. Wir bestiegen einen kleinen Hügel, der eine treffliche Aussicht über die nahe Stadt Nara liefert. Fröhliches Volk hatte dort sich gelagert, Männer und Frauen, die munter schwatzten und der Theekanne wie dem Tabakspfeifchen zusprachen. Wir selber gingen in das Haus eines begüterten Japaners, der uns höflich seine Vorhalle zur Aussicht anbot.
Unterhalb des Hügels liegt ein Teich, von dem die folgende Sage erzählt wird. Die schönste Jungfrau am Hof des Mikado wies alle Bewerber zurück, da sie in den Mikado selber verliebt war. Dieser schien aus Mitleid ihre Neigung zu erwiedern; als sie erkannte, dass er sie nicht liebe, stahl sie sich Nachts fort aus dem Schloss und fand den Tod im Wellengrab. Jetzt werden hier Karpfen gehalten, die mit grosser Gier über das Futter herfallen, das man ihnen zuwirft. Es ist dies ein leichtes hohles Backwerk, wie Cocons, nur ein wenig grösser, an einem Faden. Natürlich belustigen sich die kleinen und grossen Japaner, wenn die Fische nach dem Bissen schnappen und sich gegenseitig fortdrängen, bis — ihr Mitesser erscheint, eine Schildkröte, die stets in demselben Teich gehalten wird und, sowie es ihr gut scheint, den Rest des Futters vertilgt.[229]
Als wir, noch ein Stündchen vor Abgang des Zuges, durch die Stadt nach dem Bahnhof zuschreiten, wird mir das Haus unsres Führers gezeigt. Der bescheidene Mann war hocherfreut, da ich den Wunsch äusserte, unter seinem Dach zu ruhen und seiner Frau und den Kindern guten Tag zu sagen.
In dem Empfang- oder Wartezimmer befand sich seltsamer Weise ein altmodisches Sopha vor einem grossen runden Tisch, die Wand war geschmückt mit einem Holzschnitt des —Hippocrates, den der Besitzer des Hauses gewiss ebenso ehrte, wie den zu Nara so heilig gehaltenen Yakushi. Es erschien die Gattin, der neunjährige Sohn, die sechsjährige Tochter, der Hauslehrer. Bier wurde aufgetragen. Ich leerte ein Glas auf das Wohl der Hausfrau. Etwas schüchtern, aber doch gefällig, that sie mir Bescheid, nachdem sie Unterweisung empfangen. Sie verstand, wie auch ihr Gatte, keine europäische Sprache; hatte aber ein freundliches und dabei würdevolles Benehmen. Ich gewann nicht den Eindruck, dass die Frauen gebildeter Japaner wie Sklavinnen gehalten werden. Uebrigens schwärzen sie auch nicht die Zähne, wie noch manche Frauen auf dem Lande, nach der Verheiratung, es machen.
Der Sohn war höchst unterhaltend, stolz auf seine Stellung als zukünftiges Haupt der Familie, stolz auf seine Kenntnisse. Er hatte die Kunst des Lesens und Schreibens der chinesisch-japanischen Zeichen schon tüchtig begonnen und malte mir höchst zierlich und geschickt seinen Namen mit dem Pinsel auf einen Papierstreifen. Es ist das nicht so leicht.
Die jetzige Umgangs- und Schriftsprache der Japaner ist eine Mosaik aus Worten ihrer einheimischen Sprache (Yamato) und der chinesischen,[230]der sie die Schriftzeichen verdanken. Der Gebildete hat mehr Fremdworte. Das chinesiche Zeichen hat in Japan eine veränderte, mehr wohlklingende Aussprache erhalten (Kan-on oder Jion); es kann aber auch japanisch gelesen werden (Yomi). Im 8. Jahrhundert n. Chr. kam dasKata-kana[231]auf, eine japanische Silbenschrift, welche 47 chinesische Ideogramme vereinfachte und als Zeichen für ebensoviele Silben der japanischen Sprache benutzte. Die chinesischen Zeichen werden für Hauptworte und Zeitworte benutzt, Kata-kana für Partikeln und Endungen. Kata-kana dient auch dazu, chinesische Wurzelwörter zu umschreiben. Diese Uebung fand ich in der japanischen Volksschule zu Tokyo.
Hiragana(von hira, flach) ist eine andere Silbenschrift, aus dem 8. Jahrhundert, welche chinesische Zeichen in abgerundeter Form wiedergiebt, — wie die alten Aegypter neben der hieroglyphischen eine hieratische Schrift besassen. Der Gebildete schreibt in chinesischen Zeichen, das Volk in Hiragana. Wenige Bücher sind in Hiragana geschrieben, keines in Kata-kana allein.
Sieben Jahre braucht der junge Japaner, um die chinesischen Zeichen zu bemeistern. Die Schrift ist schwierig, aber dafür sehr schön. So zusammengesetzt die Zeichen uns erscheinen, der geübte Japaner schreibt schneller nach Dictat, als der Europäer, — natürlich wenn letzterer nicht Kurzschrift anwendet. Das Bestreben des Vereins Romaje Kai, die japanische Sprache lautmässig mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, hat bisher noch keine wesentlichen Erfolge aufzuweisen.
Als ich nun das Mädchen durch einen dolmetschenden Arzt fragte, ob sie auch ihren Namen zeichnen könnte, lehnte sie verschämt das Köpfchen auf die linke Schulter und schwieg. Aber, wie wir aufbrachen, flüsterte sie ihrem Vater etwas in’s Ohr und lachend fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn seine Tochter und sein Sohn uns zur Bahn begleiteten.
Wir nahmen die Begleitung mit Vergnügen an und der glückliche Vater führte mit der rechten Hand den Sohn, mit der linken die Tochter. Kurz ehe der Zug sich in Bewegung setzte, flüsterte die Tochter wiederum, und der Vater sagte mir: „Da Sie nun abfahren, möchte meine Tochter Ihnen mittheilen, dass sie auch schon ziemlich gut schreiben kann. Vorher wollte sie es nicht sagen, da sie sich zu sehr schämte.“
Das Verhältniss von Kind zu Eltern ist in Japan vorzüglich; Vergehen gegen die Eltern kommen gar nicht vor.
Am folgenden Tage (den 8. October) fuhr ich auf der Tokaido-Eisenbahn die 17 englischen Meilen (= 32 km) von Osaka nachKobe,[232] an der Bucht von Osaka. Diese Stadt zählt 135000 Einwohner, besitzt einen vorzüglichen, sicheren und tiefen Hafen, und, da sie seit 1868 dem auswärtigen Handel geöffnet ist, eineFremden-Siedelung, längs der gepflasterten und mit granitner Umwallung gegen die Meereswogen geschützten Hafenstrasse, die hier, wie in ganz Ostasien,Bund[233]genannt wird. Südwestlich von Kobe, nur durch den Fluss Minatogawa von ihr geschieden, liegt die rein japanische Stadt Hiogo.[232]
Kobe’s Handel bleibt zwar hinter dem von Yokohama zurück, übertrifft aber den von Nagasaki um das fünffache. Kobe besorgt den grössten Theil der Ausfuhr von Kupfer, Sumach, Kampfer; in dem von Thee steht es Yokohama nach. 1889 betrug Kobe’s Einfuhr 25, die Ausfuhr 20 Millionen Yen.
Vom Ausland liefen 1888 in Kobe ein:
und liefen aus nach dem Ausland:
Natürlich, je bequemer für den Reisenden in dem europäischen Viertel Alles eingerichtet ist, desto weniger japanische Dinge bekommt er da zu sehen. Oriental Hotel (Nummer 80 ist die Bezeichnung, unter welcher die Wagenmänner es kennen,) entspricht allen vernünftigenAnforderungen. Dicht dabei ist dieAgentur unseres norddeutschen Lloyd, die mir erstlich einige Kisten nach Europa befördert, zweitens eine Fahrkarte ausstellt für ihren DampferNürnberg, der am 9. October von Kobe nach Hongkong fährt, zum Anschluss an unsere ostasiatische Reichsdampferlinie.
Der 9. October wird benutzt zu einem Ausflug nach dem Privatkrankenhaus zu Suma bei Kobe. Den Eisenbahnzug, der 20 Minuten zu der Fahrt braucht, hatte ich versäumt. Die Jinrikisha, mit zwei Männern, brachte mich binnen 40 Minuten an’s Ziel. Die Anstalt ist sehr zweckmässig gelegen und eingerichtet, die beiden japanischen Aerzte sprechen auch englisch und deutsch. Nachdem ich Frau und Tochter des älteren Arztes begrüsst, folgte eine Wagenfahrt längs der fichtenbekränzten, seit mehr als 1000 Jahren von den japanischen Dichtern gepriesenen Meeresküste bis zu dem Denkmal des HeldenAtsumori; und dann in dem von einem Franzosen gehaltenen Beach-Hotel ein Frühstück, wie ich es in Japan noch nicht gehabt, bis zum Champagner und Chartreuse.
Als vorsichtiger Reisender brachte ich dann persönlich mein Gepäck an Bord des Dampfers, wo ich die Cajüte Nr. 1 erhielt; wurde noch einmal mit Freund Ogata, zwei Aerzten aus Suma und einem aus Kobe zusammen photographirt und zwar diesmal vor einem gewaltigen Fuji-Berge, und fuhr mit meinen Collegen auf einen Hügel, nach einem Theehaus, das eine schöne Aussicht auf Stadt und Hafen bietet.
Nach Hause zurückgekehrt, erfuhr ich, dass mein Dampfer erst am 10. October Vormittags abfährt, da er wegen des schlechten Wetters seine werthvolle Ladung (Seide für Deutschland) nicht einnehmen konnte. Vielleicht war das meine Rettung. Denn sonst wären wir in den Taifun hineingekommen, der die beiden zur Zeit zwischen Japan und Formosa befindlichen Dampfer (Bokhara von der P. & O. Gesellschaft und den norwegischen Dampfer Normannia) völlig zerstört hat.
Montag den 10. October gehe ich, bei etwas besserem Wetter, an Bord unseres guten DampfersNürnbergvom norddeutschen Lloyd: Capitän Blanke, 1. Offizier Dannemann, Arzt Dr. Dannemann, 1. Maschinist Bischoff. Allen diesen Herren bin ich zu grösstem Danke verpflichtet.
Lächerlich handeln diejenigen Deutschen, welche in Ostasien nicht mit dem norddeutschen Lloyd fahren, wenn es ihnen irgend möglich ist.[234]Es ist wohl zu berücksichtigen, dass die grossen ostasiatischenDampferlinien (unser norddeutscher Lloyd, die engl. P. & O., die franz. Messag. maritim.) in Hongkong oder Shangai endigen und von hier aus nurkleinereDampfer den Anschluss nach und von Nagasaki, Kobe, Yokohama vermitteln.
UnserNürnberghat 2500 Pferdekräfte, 3000 Tonnen, 365 Fuss Länge, 40 Fuss Breite und gehört zu den besten Dampfern, welche die chinesisch-japanischen Gewässer befahren.
Wir beginnen 10 Uhr Vormittags die Fahrt durch dieInland-See, welche zwischen der nördlich belegenen Westhälfte von Hondo (Nipon) und den südlich belegenen Inseln Kiushiu und Shikoku (nebst Awaji) sich erstreckt und von der Meerenge von Akashi bis zu der von Shimonosecki 240 Seemeilen misst; also, bei 12 Knoten, grade in 20 Stunden durchmessen wird. Die grösste Breite beträgt 40, die geringste 8 Seemeilen. Doch ist in den Meerengen und in den Fuhrten der kleineren Inseln öfters nur Raum für zwei Schiffe im Fahrwasser. Die Inlandsee liefert den Richtweg zwischen Kobe und Nagasaki. DerSeemannhat fortwährend genau auf Fahrzeichen und Leuchtfeuer zu achten, die übrigens von der japanischen Regierung musterhaft in Ordnung gehalten werden.
DerReisendeist entzückt durch das spiegelglatte Wasser, die tausend kleinen Inseln, welche mit den Ufern der beiden Seiten ein höchst malerisches und dabei wechselndes Landschaftsbild liefern.
Die grösseren Inseln enthalten ziemlich hohe Berge, von denen manche die zierlichste Gestalt, einige vollendete Kegelform zeigen. Die kleineren sehen ganz seltsam aus, die kleinsten sind blosse Felsblöcke.
Fast alle sind bewohnt von einer Ackerbau und Fischzucht treibenden Bevölkerung. Das Wasser ist belebt von zahlreichen kleinen japanischen Dampfern, von Barken (Dschunken) und von Fischerbooten, sowohl kleineren mit 1–3 Mann, als auch grösseren. Sie fischen mit Trommeln und Nachts mit Fackeln, um die Fische anzulocken. Die Küsten sind mit Dörfern bekränzt, die Hügel bis oben hinauf mit zierlichen Feldern belegt. Die Zahl der Inseln soll mehrere Tausend betragen. Die Japaner haben keinen eignen Namen für die Inland-See, wohl aber für die vier Abschnitte (von Ost nach West Harima nada, Bingo n., Iyo n., Suwo n.); ihre Dichter sprechen nicht davon.
Am Morgen des folgenden Tages (5½ Uhr), weckt mich Herr Bischoff. Wir sehen beim Dämmerlicht die enge, nur ½ Meile breiteStrasse von Shimonosecki, wo im Juni 1863 der kühne Daimio von Chôsiu die ihm verhassten Schiffe der Fremdlinge (ein amerikanisches, später ein französisches und ein holländisches) beschoss und tapfer, wenngleich vergeblich, am 5. und 6. September 1863 gegen die strafende Flotte von neun englischen, drei französischen, vier holländischen und einem amerikanischen Kriegsschiff sich wehrte.
Der Leuchtthurm sendet uns erst weisses Licht, als wir näher kommen, rothes. Die Strasse sieht wie vollständig abgesperrt aus. Wir winden uns durch, erblicken die Stadt Shimonosecki und auf beiden Ufern mächtigeKohlenlager; dann müssen wir weit hinaus in’s japanische Meer, um nach Süden umbiegend AbendsNagasakian der Westküste der Insel Kiushiu zu erreichen.
In dem schönen geräumigen Hafen von Nagasaki werfen wir Anker, angesichts der erleuchteten Stadt, die wir aber, da es regnet, heute nicht mehr besuchen.
An Bord kommt, mit Tochter und kleinem Enkelchen, ein alter, australischer Schiffscapitän, der durch Schiffbruch seine ganze Habe verloren und nun von seinem Consul nach Hause geschickt wird; ferner ein norwegischer Capitän, der zwischen Wladiwostock und Sachalin gefahren war und Strafgefangene befördert hatte, bis ihm die Russen schliesslich sein Schiff abkauften. Er erzählt Schauergeschichten von Wladiwostok.
Am folgenden Tage ist das Wetter besser, wiewohl noch nicht gut. Jetzt sieht man den prachtvollen Hafen von Nagasaki, der drei englische Meilen lang, birnförmig gestaltet, durch vorliegende Inseln (darunter den berüchtigten „Papenberg“) vortrefflich geschützt, und dabei Schiffen jeden Tiefgangs zugänglich, den Eindruck eines abgeschlossenen Binnensee’s macht. In der That ist der Eingang zu dem Hafen nur ¼ Meile breit. Der Güte des Hafens entsprach allerdings zur Zeit nicht die Zahl der Schiffe. Es fehlt das Hinterland. Nagasaki ist von Yokohama und Kobe weit überflügelt worden.[235]
Dabei hat dieserwestlichste Punktdes japanischen Inselreiches die längste Geschichte des Verkehrs mit den Fremden.
Das kleine Fischerdorf Nagai-saki (langes Vorgebirge) gelangte zu grösserer Bedeutung, als der Fürst von Omura um die Mitte des 16. Jahrhunderts den Nam-ban oder südlichen Barbaren, so hiessen damals bei den Japanern die Portugiesen, gestattete, hier sich niederzulassen und Handel zu treiben, was ihm selbst und seinen Unterthanen grossen Gewinn abwarf. In Nagasaki, das so weit von der Hauptstadt Yedo (Tokyo) entfernt war, konnten christliche Kaufleute und Missionäre ihre Thätigkeit entfalten. Nach der Vertreibung der Portugiesen wurde Nagasaki 1646 den Chinesen und Holländern als einziger Handelshafen zugewiesen.
Hier haben die Holländer auf der kleinen, abgesperrten und bewachten Halbinsel Deshima[236]über 200 Jahre lang in unrühmlicher Gefangenschaft und Selbsterniedrigung,[237]um des schnöden Gewinnstes willen, zugebracht und mussten sich noch dazu gefallen lassen, dass die japanische Regierung die Preise bestimmte. Schon Kämpfer sagt 1690–1692: „Unser güldenes Fliess verwandelt sich in ein gemeines Fell.“ Während die Holländer 1611–1641 Gold, Silber, Kupfer und Kampher im Werthe von 306 Millionen Mark mit 90–95 Procent Gewinn ausgeführt hatten, sank danach die Ausfuhr an Menge erheblich und der Gewinn auf 40–45 Procent. Kupfer, Kampher, Lackwaaren, Porzellan blieben die hauptsächlichen Ausfuhrgegenstände. Um die Mitte unseres Jahrhunderts hatte das Handelsvorrecht der Holländer wesentlich an Werth eingebüsst. Durch den Vertrag von Kanagawa (1854) mit den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und die darauf folgenden mit den europäischen Mächten wurde es vernichtet. Aber Nagasaki wurde mit unter die Vertragshäfen aufgenommen. Sein Handel ist wieder im Ansteigen.
1888 liefen ein:
und liefen aus:
Der neue Aufschwung hängt namentlich davon ab, dass zu Nagasaki die fremden Dampfer mitKohlensich versorgen. 1888 wurde hierfür 3 Millionen Yen Steinkohle ausgeführt. Steinkohle gehört (nebst Kupfer) zu den wichtigsten Bergwerkserzeugnissen[238]Japans; sie findet sich hauptsächlich auf der nördlichen Insel Yezo und auf der Insel Kiushiu. Die japanische Steinkohle steht an Güte hinter der rheinischen und englischen zurück; sie hinterlässt viel Asche.
Auch unser Dampfer nahm hier seine Kohlen ein. Schwerbeladene Leichterschiffe hatten sich an unsere Breitseite gelegt. Körbe voll Kohlen wurden die Treppen hinauf von Hand zu Hand gereicht, oben ausgeschüttet, die Masse gewogen und in den Schiffsbauch versenkt. Hunderte von Arbeitern sind thätig, auch Mädchen, die ganz unverdrossen schaffen; sie bekommen 10–15 Cts. Tagelohn! Der japanische Kaufmann hat die Kohle an Bord zu liefern und bedient sich dazu der billigen Menschenkräfte seines Landes. Natürlich sticht das gewaltig ab gegen die riesigen, selbstthätigen Kohlenkrähne im Hafen von Toronto, die ich kurz zuvor bewundert; aber in Asien ist dies das allgemein übliche Verfahren.
Sonstige Ausfuhrgegenstände sind jetzt Reis, Thee, Tabak, Kampher, Pflanzenwachs, getrocknete und gesalzene Fische, ferner von den Erzeugnissen des Gewerbefleisses Schildpatt, Lack- und Thon-Waaren.
Nagasaki,[239]schon vor 200 Jahren, nach den Beobachtungen von Kämpfer, eine grosse und bedeutende Stadt mit besserer Polizei-Ordnung, als derzeit die meisten europäischen Städte besassen, zählt heute 55000 Einwohner und hat nur wenige Sehenswürdigkeiten.
Mit den beiden japanischen Aerzten, die mich vom Dampfer abholten, besuchte ich natürlich zuerst Deshima, wo aber nichts mehr an die alte Zeit gemahnt, da vor einigen Jahren eine Feuersbrunst die letzten Reste zerstört hat. Eine kleine Kirche erinnert daran, dass nicht mehr, wie zur Zeit der Tokugawa Shogune, das Bekennen des Christenthums verboten, sondern mit dem neuen Mikado vollkommene Religionsfreiheit in das Reich der aufgehenden Sonne eingezogen ist.
Die Lage der Stadt an dem Golf und die Hügel aufwärts, wo wirklich Fichte und Palme sich vereinigen, ist entzückend. Der grosse Shinto-TempelO-Suwaist mit einem Bronze-Pferd geschmückt; seine Gärten ziehen sich terrassenförmig empor und zeigen allenthalben luftige Schaubühnen aus Bambusrohr, für den grossen FestzugKunichi, der am nächsten Tag stattfinden sollte. Der Gouverneur der Stadt,meine Eisenbahn-Bekanntschaft, sandte Nachmittags einen Boten auf das Schiff, um mich einzuladen und mir einen Platz an seiner Seite anzubieten. Ich musste mit höflichem Danke ablehnen, da der Dampfer auf den Reisenden nicht wartet. In dem Krankenhaus, das zur Medicinschule gehört und das älteste Japan’s nach europäischer Art darstellt, fand ich einen deutschen Matrosen mit schwerer Verletzung des Unterschenkels, allein unter den japanischen Kranken und Aerzten, sehr traurig, aber doch getröstet, als ich ihm versicherte, dass diese japanischen Aerzte seines Vertrauens nicht unwerth seien.
Nachmittags besuchte uns auf dem Dampfer der Consul des Deutschen Reiches, Herr Dr.Lenze. Wir leerten mehr als ein Glas auf das Wohl der Heimath. Dann wurden die Anker gelichtet bei schlechtem Wetter, das draussen auf hoher See immer schlechter wurde. Das Meer war die ganze Nacht hindurch sehr bewegt, die Wogen klatschten gegen meine Cajütenfenster.