VII.Ostindien.
Der DampferShannonist überfüllt. Meine Cajüte gehört zur ersten Classe nur durch den Fahrpreis, den ich zahlen musste; sie ist schlecht gelüftet und dunkel, da ihre Fenster nicht auf das freie Meer, sondern auf den Gang hinausgehen. Auf letzterem schlafenmissbräuchlichdie braunen Kinderfrauen (Aya) der englischen Familien. Aber ich bin wenigstens allein und ungestört in meinem engen Kämmerlein. Vor der Abfahrt beginnt wieder an Bord die Belästigung seitens der Händler und Wechsler. Dazu kommt das Geschrei der Knaben und Jünglinge, die im Katamoran, nur ein Stück Bambus als Ruder benutzend, das Schiff umkreisen und nach Münzen tauchen.
Nachmittags um 1 Uhr fahren wir ab, und zwar um die Südspitze von Ceylon herum, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland (Palk-Strasse), wegen der Untiefen zwischen den Riffen der Adams-Brücke, für grössere Dampfer nicht fahrbar ist. Der Weg von Colombo nach Calcutta misst nur 1380 Seemeilen, dauert aber nicht weniger als sechs Tage, da einerseits inMadrasgehalten wird, andrerseits die ziemlich gefährliche Einfahrt in denHugli-Fluss, an dem Calcutta liegt, uns zweimal zwingt, längere Zeit vor Anker zu liegen, um die Fluth abzuwarten.
Log-Bericht.
Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.
Donnerstag, 24. November, 7° 40´ N., 82° 2´ O., 270 Seemeilen.
Freitag, 25. November, 12° 23´ N., 80° 50´ O., 292 Seemeilen. (53 bis Madras). Nachmittag von 5 bis 10 Uhr in Madras.
Sonnabend, 26. November, 15° 2´ N., 82° 23´ O., 170 Seemeilen.
Sonntag, 27. November, 18° 47´ N., 85° 50´ O., 300 Seemeilen.
Montag, 28. November, ankern wir von 6 bis 10 Uhr V. vor der Insel Saugar, an der Mündung des Hugli; und Nachmittags wieder bei dem Diamant-Hafen bis Dienstag Morgens 6½ Uhr.
Dienstag, 29. November, Mittags ankern wir im Hafen von Calcutta.
Auf dem Schiff sind kaum noch Amerikaner: dagegen zwei Paare englischer Erdumwandrer, die ich von der Empress her kannte. Die meisten Cajüt-Reisenden sind „nach Indien gebundene“ Engländer: Officiere, Beamte, Kaufleute mit Weib, Kind, Säugling, Kinderfrau und Amme. Ich lerne einen gebildeten, greisen, englischen Civil-Ingenieur kennen, der zu seinem Vergnügen und zur Belehrung nach Indien reist. Mit ihm war, zumal ich einiges von den Schriften seines Vaters, eines Astronomen, und seines Bruders, eines Physikers, kannte, eine gebildete Unterhaltung möglich. Das kann ich von den meisten Engländern des Schiffes nicht behaupten. Da war zunächst der jugendliche Schiffsarzt, der mir erklärte, dass die englische Heilkunde viel weiter vorgeschritten sei, als die deutsche; aber nach kurzer Prüfung in der einen ebenso unwissend befunden wurde, wie in der andern. Da war ein englischer Beamter, der bei Tisch die abfälligsten Aeusserungen über mein Vaterland sich erlaubte und nachdrücklichst zum Schweigen gebracht werden musste. Selbst einer meiner alten Reisegefährten von der Empress, ein Gymnasialprofessor, trieb es ebenso; wurde aber weit angenehmer, als ich mir nichts gefallen liess, sondern sofort zum Angriff auf englische Zustände vorging. Die Damen waren gebildeter, namentlich meine Tischnachbarin, eine irische Beamten-Gattin, und die Frau eines Officiers, welche mit Begierde die Gelegenheit ergriff, einmal wieder deutsch zu sprechen. Sie war in Deutschland erzogen. Rührend und eigenartig ist die Zuversicht dieser Officiersfrauen: „Noch achtzehn Jahre der Verbannung in Indien; dann können wir in der Heimath herrlich leben.“ Es ist richtig; der englische Officier bekommt nach 25jähriger Dienstzeit in Indien tausend Pfund Sterling jährlich als Ruhegehalt; aber nur der dritte Theil dieser zweiten Söhne erlebt es. Die andern müssen früher nach Europa zurückkehren, oder sie finden ihr Grab in Indien.
Am zweiten Tage der Fahrt, Donnerstag, den 24. November, Morgens 6 Uhr, d. h. siebzehn Stunden nach der Abfahrt, ist die bergige Küste von Ceylon noch sichtbar, Mittags die Nordspitze mit den vorgelagerten Inseln. Das Meer ist spiegelglatt. Abends fälltRegen. Am Morgen des 25. November bin ich vor 6 Uhr auf Deck. Der Ost ist rosig gefärbt. Plötzlich blitzt am Horizont ein Strahl auf, und die obere Kuppe der Sonne wird sichtbar. Wer diese uns Inland- und Städte-Bewohnern so ganz unbekannte Erscheinung öfters gesehen, wird leicht verstehen, wie die küsten- und inselbewohnenden Griechen das Auf- und Eintauchen der Sonnen-Rosse so darstellen konnten, wie sie es am Parthenon gethan.
Ich leseThackeray’sVanity fair und bereite mich auch für Indien vor. Nachmittags erscheinen die niedrigen Berge des indischen Festlandes, die mir wieder das oft genossene, aber stets von Neuem erfreuliche Vergnügen bereiten, die Kugelgestalt der Erde zu beweisen: erst erscheinen auf dem Wasserspiegel zwei getrennte Zacken, die ich sorgfältig aufzeichne; später hebt sich auch die Verbindungslinie derselben.
Nachmittag um 5 Uhr sind wir inMadras. Dies ist die dritte Stadt Indiens nach der Zahl der Einwohner (452000) und die Hauptstadt der gleichnamigen Präsidentschaft oder Provinz mit einem Gebiet von 361000 Quadratkilometer und 30 Millionen Einwohnern.
Die ganze Koromandel-Küste von Ceylon bis Orissa hatkeinen Hafen. Ein Wellenbrecher ist am Nordende der Stadt Madras gebaut in Gestalt von zwei rechten Winkeln, die gegeneinander schauen und mit ihren freien Schenkeln eine enge Zufahrt offen lassen. Draussen tobt die Brandung, und zwar darum besonders stark, weil erst eine englische Meile vom Festland die Tiefe von 10 Faden erreicht wird; drinnen ist das Wasser spiegelglatt; an der Mitte des so abgegrenzten Festlandstreifens springt ein Damm in das umschlossene Rechteck des Hafens vor. Die kostbare Anlage ist nach Ansicht der Engländer nicht als gelungen zu betrachten. Heftige Wirbelstürme wüthen von Zeit zu Zeit an dieser Küste und haben öfters sämmtliche Schiffe zerstört, die vor Madras ankerten. Zur Zeit sind nur wenige Dampfer hier, trotz der neuen Schutzanlagen.
Die Bootsleute, welche Reisende an’s Land schaffen wollen, in den flachen Masula-Barken, die aus Mango-Holz mit Cocos-Stricken, ohne Nägel hergestellt sind, mit sonderbaren Rudern, die ein kleines kreisrundes Blatt an langer Stange darstellen, sind gradezu grässlich, weit schlimmer, als ich es 1884 in Tunis erlebt. Hier wäre eine kräftige Hafenpolizei am Platz.
Da es schon spät ist, verzichte ich auf das zweifelhafte Vergnügen, an’s Land zu gehen, nur um sagen zu können, dass ich in Madras gewesen und den Vice-König gesehen, der grade die Stadt mit seinemBesuche beehrte. Die grösseren neuen Gebäude, namentlich das Obergericht (High court), sehe ich vom Schiff aus.
Sehr bald beginnt ein unerhörtesGewühlam Schiffsbord. Aufdringlichste Verkäufer bieten gestickte Decken, Pantoffeln, Florgewebe, ineinander geschachtelte Körbe an. EineGaukler-Familieerscheint und macht unter andern das gewöhnliche Kunststück derSpiritisten, aber bei Tagesbeleuchtung und auf den Planken des Schiffverdecks: eine junge Frau mit zahllosen Ohr- und Nasenringen wird an Händen und Füssen gebunden, in ein Netz aus Stricken gethan, noch einmal gebunden, auf den Boden gelegt, mit einem Korb überdeckt, dieser mit einem Degen in senkrechter und schräger Richtung durchstochen; — und schliesslich kriecht sie unverletzt und ungebunden unter dem Korb hervor und bettelt die Reisenden an. Abends 10 Uhr fahren wir ab.
Nachdem ich unter fleissigem Studium den englischen Sonntag an Schiffsbord glücklich überstanden, merkte ich Montag, den 28. November, Morgens früh um 6 Uhr, dass wirvor Ankerliegen, und zwar gegenüber der niedrigen Tiger-Insel (Saugar Island) mit Flaggenstange, einem eisernen Leuchtthurm (von 75 Fuss Höhe, aus dem Jahre 1808) und mit einer kleinen Festung, in dem gelben Wasser des Hugli-Flusses, der zu den Mündungen des Ganges gehört, ja früher die hauptsächlichste gewesen sein soll.
Der Hugli ist höchstgefährlich, kann bei Nacht gar nicht und bei Tage nurmitder Fluth befahren werden. Abgesehen von gelegentlichen Stürmen bilden sich fortwährend neue Sandbänke in dem Flusse. Nur die tägliche Erfahrung der Lootsen giebt Sicherheit. Diese Leute sind ganz besonders gut bezahlt und geachtet.
Die Gefährlichkeit des Flusses sehen wir bald mit eignen Augen; sowie wir in das gelbe Wasser hineinfahren, begegnen wir den traurig aus dem Wasser emporragenden Masten des Wracks derAnglia, eines grossen Dampfers, der vor acht Monaten hier zu Grunde gegangen. Wir werfen auch Nachmittags vorDiamant-Harbourwieder Anker und verbleiben so über Nacht.
Abends ist Ball auf dem Schiff. Aber der ist schöner auf dem Norddeutschen Lloyd. Das Klavier aus dem Salon war auf Deck geschleppt worden, ein Sonder-Ausschuss hatte sich gebildet, eine Tanzordnung war geschaffen, die höchst gefallsüchtigen Damen tanzten nur mit denjenigen Herrn, die ihnen vorgestellt waren.
Bis 6½ Uhr Morgens, Dienstag, den 29. November, liegen wir vor Anker. Die Ufer des mächtigen Flusses sind grün und fruchtbar. Beim ersten Anblick sieht das Land aus wie in Europa, bis Palmenund Dörfer der Hindu erscheinen, die uns eines andern belehren. Kähne mit braunen „Vettern“ füllen den Fluss, gegen dessen Verheerungen die Felder durch mächtige Dämme geschützt sind. Der Fluss wird enger, die Schifffahrt belebter, Zuckerrohrpflanzungen, Baumwollenfabriken erscheinen, der Aussenhafen von Calcutta, Ziegeleien, endlich ein Wald von Masten: wir sind inCalcutta, der Hauptstadt des Kaiserreichs Indien.
Schon vorher waren dieZollbeamtenan Bord gekommen. Sie benahmen sich sehr höflich. Die Geheimnisse der Reisekoffer zu enthüllen lag ihnen fern; sie forschten nur nach zwei Dingen, Schnaps und Opium, dieNiemandin zollpflichtiger Menge bei sich führte; und nahmen Schiesswaffen nebst Ladung in Verwahrung, dieJedermit sich führte. Sogar der Globetrotter-Jüngling von sechzehn Jahren holte seinen Revolver aus der Tasche.
Es ist unrichtig, dies eine Beschlagnahme zu nennen, und überflüssig, den Consul zur Wiedererlangung der Waffen zu behelligen. Seit dem grossen Aufstand von 1857 hat die Regierung von Indien die Einfuhr von Waffen und Schiessbedarf einerseits unter Aufsicht genommen, andrerseits erschwert durch einen Zoll von einem Zehntel des Werthes.
Am folgenden Tag geht man zum Zollhaus, zahlt ein Zehntel des zu erklärenden Werthes der Waffe und erhält dieselbe sofort zurück. Es ist das ja ein wenig langweilig, trotz des trinkgeldsüchtigen Babu[422], der sofort erscheint und mit dem Fremden durch die verschiedenen Räume eilt, — aber durchaus nicht schlimm. Angeblich soll man die gezahlte Summe in Bombay zurückfordern können, wenn man die Waffe wieder aus Indien ausführt. Doch macht der gewöhnliche Reisende davon keinen Gebrauch. Uebrigens soll trotz aller Vorsicht der Regierung ein schwungvoller Waffenschmuggel bestehen.
Am Lande werden die Koffer nicht geöffnet. Die Beamten bereiten dem Fremden keine Schwierigkeit, wohl aber die zerlumpten Träger, welche die Koffer auf das Droschkendach heben und unvernünftige Forderungen stellen, und die ebenso zerlumpten Führer, die sich mit hinaufschwingen und für denNachweisder Droschke — deren Hunderte dastehen, — und des Hotels, das dem Kutscher genügend bekannt ist, lächerliche Summen beanspruchen, aber auch mit weniger vorlieb nehmen, wenn man ihnen einfach den Rücken dreht.
DasGreat Eastern Hotel, zu dem ich fuhr, wie wohl die meisten Reisenden unseres Dampfers, desPostschiffesvon Londonnach Calcutta, hatte kein Zimmer frei, da schon von London aus die Bestellungen vorher gemacht waren. Man hatte die Unverschämtheit, mir einen Schlafsaal mit sechzehn Betten zu zeigen, wo man auch mir eines aufstellen wollte. Ich machte meinen Empfindungen Luft in dem kräftigsten Englisch, das mir zu Gebote stand, und hatte die Genugthuung, da ein deutscher Geschäftsführer herbeieilte, auch noch in meiner Muttersprache meine Ansicht zu wiederholen. Bei Caine las ich allerdings, dass um Weihnachten so mancher Engländer sich glücklich schätzen würde, eines von diesen sechzehn Betten zu erlangen. Es gilt eben für fein, indiesemGasthaus[423]abzusteigen und hieher die Einladungsbriefe[424]zu erhalten. Aber da ich nicht an diese englischen Vorurtheile gebunden war, sondern meine Bequemlichkeit vorzog: so fuhr ich nach einem Gasthaus zweiten Ranges (Bellevueder italienischen Gebrüder Boscolo), wo ich im ersten Stock ein nach indischen Begriffen gutes Zimmer, vorn in den „Saal“, hinten in mein eignes Badezimmer mündend, nebst voller Verpflegung (ausser Wein und Bier) für sieben Rupien täglich miethete und dazu, wie landesüblich, einen eignen Diener, der täglich ½ Rupie[425]zu fordern hat und mit einer ganzen zufrieden ist. Des Morgens früh bringt er den Thee und macht den (mir allerdings nur lästigen) Versuch, beim Ankleiden behilflich zu sein; die Sachen reinigt er nicht; vor dem Zimmer lungert er umher, bedient seinen Herrn bei Tisch, geht Gänge, kauft Halsbinden und dergleichen Kleinigkeiten, die man ihm aufträgt, mit geringem Aufschlag; fährt Abends mit in das Hindu-Theater, am nächsten Tage über den Fluss in den botanischen Garten, Nachmittagsauf die Esplanade, zum Empfang des Vice-Königs, schliesslich zum Eisenbahnhalteplatz, wenn der Reisende abfährt. Dass der Diener immer mause, wie ich in einzelnen Reisebeschreibungen gelesen, kann ich nicht bestätigen; auf meinen Geldbeutel passe ich allerdings auf, und den Koffer halte ich gut verschlossen. Dass es nöthig oder angenehm wäre, einen solchen Diener, der mässig englisch spricht, mässig Bescheid weiss und dessen Haupttugend in der Unterwürfigkeit besteht, auf die Fahrt durch Indien mitzunehmen, kann ich gleichfalls nicht bestätigen; ebenso wenig, dass man in Bombay hungrig von der Mittagstafel aufstehen müsse, wenn man nicht einen eigenen Diener besitzt. Die deutschen Kaufleute in Calcutta, welche ich darüber befragte, lachten mich aus und erklärten, dass diejenigen Reisenden, die so übertriebene Schilderungen veröffentlicht hätten, sich selber nicht in helfen wüssten. Das sei unterwegs die Hauptsache, auch in Indien.
So bin ich also in Indien, demMärchenlandfür die Europäer von den Tagen des grossen Alexander bis auf die Kreuzzüge, die Herrschaft des Grossmogul und bis auf den heutigen Tag. So gross wie das Land, so lang wie seine Geschichte, die leider für die ältere Zeit noch so räthselhaft geblieben: so ausführlich ist dieLiteraturüber Indien. Natürlich meine ich nur diejenigen Bücher, die ein gebildeter Leser heutigen Tages befragt, um sich ein Urtheil zu schaffen; um, was er als Reisender mit eignen Augen geschaut, seinem Verständniss näher zu bringen.
Es giebt einen ziemlich guten Führer durch Indien, natürlich in englischer Sprache, vonMurray. Ferner Führer durch die hauptsächlichsten Städte (Calcutta, Benares, Agra, Delhi, Bombay). Aber die Hauptquelle istThe Indian Empireby Sir William WilsonHunter, 3. Aufl., London 1893, 852 Seiten; der Verfasser hat aus seinen 128 Bänden (60000 Druckseiten) desStatistical Surveyerst die 14 Bände desImperial Gazetteer of Indiaund daraus das erwähnte Werk gewissermassen abgezogen und zusammengedrängt. Das Werk ist vorzüglich und enthält in klarer Sprache alle Belehrung, die man vernünftiger Weise erwarten kann. (Es giebt auch ein deutsches Buch „das Kaiserreich Ostindien“ vonWerner, Jena 1884.) Ausserdem hatHunternoch zwei Werke verfasst:A brief history of the Indian peopleundEnglands Work in India. Die ausführlichste Geschichte Indiens für die ältere Zeit ist vonMount Stuart Elphinstone, der selber so thätigen Antheil an der neueren Geschichte Indiens genommen. Wichtig ist auch History of the IndianMutinyby Col. S. B. Malleson.
Eine vorzügliche „Geschichte des alten Indien“ in deutscher Sprache hat Prof.Lefmannin Heidelberg geschrieben (Berlin 1881–1885).
Für die indische Kunst kommt in BetrachtIndustrial arts of India by Sir G. Birdwood.J. Fergusson’s History of Indian und Eastern Architecturescheint das einzige Werk überindische Baukunstzu sein; in den gewöhnlichen englischen Werken sind seine Beschreibungen wörtlich abgedruckt; aber die Einseitigkeiten des bedeutenden Verfassers, namentlich seine Schwärmerei für den Schlangendienst in Indien, werden jedem Leser von den ersten Seiten an deutlich. Sehr lehrreich ist AlbertGrünwald’sbuddhistische Kunst in Indien, Berlin 1893.
UeberAlterthümererwähnen die Verfasser der englischen Reisewerke immer nurJas. Prinsep’sEssays on Indian Antiquities (zwei Bände, London, Murray, 1858). Aber diese verdienstvollen und schwierigen Einzelforschungen sind wohl von jenen nicht studirt worden. Wir Deutschen bevorzugen, mit vollem Recht, die bahnbrechende und noch heute werthvolle „Indische Alterthumskunde“ von Professor Chr.Lassenin Bonn (1844–1861 und 1867–1874, vier Bände).
Beiden Völkern und Sprachen gemeinsam ist ein liebenswürdiges Büchlein von unseremMax Müllerin Oxford:Indienin seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (Leipzig 1884). Max Müller hat bekanntlich den ganzenRigvedaherausgegeben, das unermüdliche Werk eines Menschenalters, und auch die Uebersetzung in’s Englische fertiggestellt. Dieindische Literaturgeschichteverdanken wir unserem Berliner ProfessorAlbrecht Weber(II. Auflage, Berlin 1876).
Ueber dieReligionenin Indien belehrt uns ein Werk von A.Barthin Paris, das ich in der englischen Ausgabe (London 1891) besitze.
Die Zahl derenglischen Reisebeschreibungenüber Indien ist gewaltig. Gelesen habe ich India Revisited, von dem DichterSir E. Arnolds, und Picturesque India by W. S.Caine(London 1891).
Vondeutschen Reisewerkenkommen in Betracht die einschlägigen Capitel der schon genannten Bücher vonHildebrandt, H.Meyer,Lanckorónski. Ausserdem haben wir eigne Reisebeschreibungen von Indien, ältere, wie die vorzügliche des PrinzenWaldemar von Preussen(1844 bis 1846) und seines Arztes Dr. Hoffmeister, sowie aus neuerer Zeit von unserem ProfessorReuleaux„Quer durch Indien im Jahre 1881“ (Berlin 1885); endlich ein viel gelesenes Prachtwerk: Indien in Wort und Bild vonSchlagintweit(Leipzig 1881, 2 Bände), dessen gelehrtem Verfasser leider dieeigne Anschauung des von ihm in Wort und Bild geschilderten Landes nicht beschieden war.
Dieallgemeine Länderkundeunseres bibliographischen Instituts enthält in dem 1892 erschienenen BandAsieneine Beschreibung von Indien, die den deutschen Leser der Nothwendigkeit überhebt, den 8. Band von E.Reclus’ Nouvelle Géographie universelle (Paris 1883) nachzuschlagen; während die vor zwei Menschenaltern erschieneneErdkundeunseresRitter, trotz der inzwischen eingetretenen Veränderungen, durch ihre anziehende Behandlung noch heute verdient, zu Rathe gezogen zu werden.
Diese kleine, vielleicht etwas persönliche Auswahl von Schriften über Indien beweist denn doch, dass es nicht so ganz leicht und nicht so sehr schnell geht, über dieses Land einigermaassen sich zu unterrichten.
Unser NameIndienstammt aus dem Sanskrit. Sindhus wurde der grosse Fluss genannt (Indus), zu dem aus Mittelasien die Arierzuerst gelangten und Sinthavas die Anwohner. Hieraus wurde Hendu im Iranischen, Indos im Griechischen. Jetzt heisst die Königin Victoria von England, seit dem 1. Januar 1877, Kaisar-i-Hind.
Als Columbus 1492 in Guanahani landete, glaubte er eine Insel nahe der Gangesmündung erreicht zu haben. Erst nachdem Vasco de Gama 1498 den Seeweg um Afrika nach dem eigentlichen Indien gefunden, und Balboa zuerst den Stillen Ocean erblickt; fing man an einzusehen, dass die neu entdeckten Länder im Westen von Europa und das alte Land der Inder im äussersten Osten durch weite Strecken von einander entfernt seien, und begann die Inseln in Mittelamerika als Westindien, das alte Indien aber alsOstindienzu bezeichnen.
Das Riesendreieck vonOstindienruht mit der Grundfläche am Himalaya und reicht von 35° nördl. Br., d. h. von dem gemässigt warmen Erdgürtel, hinab mit der Spitze bis zum 8. Grad nördl. Br., d. h. zur heissesten Gegend der Erde. Das britische Kaiserreich in Indien hat eine Grösse von 4824000 qkm und eine Bevölkerung von 289 Millionen, d. h. so viel wie ganz Europa ohne Russland, und über das Doppelte von dem, was einst dem kaiserlichen Rom gehorchte. Es ist eher ein Erdtheil, als ein Land.
Drei Haupttheile sind zu unterscheiden: I) die Gegend der Himálaja[426]-Berge, welche 2400 Kilometer längs der Nordgrenze vonIndien verlaufen. II) Die weiten Flussebenen erstlich des Indus mit seinen fünf Ursprungsflüssen (Punjab), zweitens des Ganges mit dem Nebenfluss Jumna, drittens des Brahmaputra, der sein Ausfluss-Delta mit dem des Ganges vereinigt. III) Das dreieckig begrenzte Tafelland der (grösseren) Süd-Hälfte, der Dekkan[427], d. h. Süden. Das Vindhya-Gebirge im Süden der Gangesebene bildet die Grundlinie des Dreiecks, die Ost- und West-Ghats[428]die beiden Seiten (Malabar- und Coromandel-Küste), die im Cap Comorin zusammentreffen. 1891 hatte II mit I zusammen 165, III 115 Millionen Einwohner.[429]
Ein Drittel des Landes mit einem Viertel der Bevölkerung steht noch unter einheimischen Fürsten, welche aber die britische Oberhoheit anerkennen. Der britischeVicekönig(oder Governor General, zur Zeit Marquis von Landsdown,) hat seinen Herrschersitz im Winter zu Calcutta, im Sommer zu Simla, einem südlichen Vorsprung des östlichen Theiles vom Himalaya, und entfaltet mehr Pracht, als mancher europäische König.
Ich sah die prunkvollen Empfangsvorbereitungen zu Calcutta, als der Vicekönig von einer einfachen Besichtigungsreise nach Madras zurück erwartet wurde.
Das britische Gebiet des Kaiserreichs ist jetzt in zwölf Provinzen (Governments) getheilt, deren hauptsächlichste sind: Bengal, Nordwestprovinzen mit Oudh, Punjab, Centralprovinzen, Bombay mit Sindh. Madras. (Dazu Assam und Ober- und Nieder-Burma.)
Die Volkszählung von 1891 ergab:
Von der erstgenannten Zahl waren nur 90169 Briten, und überhaupt (einschliesslich der Briten) nur 110504 nicht in Asien geboren.Noch nie ist ein so grosses Reich von einer so winzigen Zahl Fremder beherrscht worden.
Die Dichtigkeit der Bevölkerung beträgt 59 auf den Quadratkilometer und ist, wohl wegen der besseren Verwaltung, in den britischen Besitzungen fast doppelt so gross, wie in den einheimischen Schutzstaaten (89: 42). In Bengal ist Uebervölkerung, zwei Menschen müssen leben von den Erzeugnissen eines einzigen Acre.[430]
In England leben 53,22Procent der Bevölkerung in 182 Städten mit mehr als 20000 Einwohnern, in Britisch-Indien nur 4,84Procent in 225 Städten dieser Grösse.Indien ist ein Acker-Land.In den übervölkerten Theilen nimmt die Bevölkerung nicht zu; doch giebt es noch genug Land; erwünscht, aber schwierig ist eine bessereVertheilungdes Volkes.
In der Bevölkerung erkennt man hauptsächlichvier Stämme:
1)Ureinwohner(Nicht-Arier) und ihre halb-hinduisirten Abkömmlinge 17½ Millionen (1872, in Britisch-Indien).
2) Verhältnissmässig reineArier(Bráhmanen, Rájputen) 16 Millionen.
3) DiegemischteBevölkerung derHindu, die aus der arischen und nichtarischen Bevölkerung, hauptsächlich aus der letzteren, erwachsen ist, 111 Millionen.
4)Mohammedaner40 Millionen. (Zusammen 186 Millionen unter britischer Regierung im Jahre 1872.[431])
Die entsprechenden Zahlen aus den Schutzstaaten waren nach der Zählung von 1881: 5¼ Millionen Bráhmanen und Rájputen, 46¼ Millionen Ureinwohner und Hindu niederer Kasten (1 + 3), 5 Millionen Mohammedaner, zusammen 56 Millionen. Bei der Zählung von 1891 liess man die Unterschiede von 1 und 3 fallen; fand aber, dass in Britisch Indien noch 11, in ganz Indien 14 Millionenwilder Wald-Stämmevorhanden sind.
In derältestenZeit, aus der wir überhaupt Kunde haben, entdecken wir zwei Völkerstämme verschiedener Rasse im Kampf um den Boden Indiens. Der eine Stamm war einhellfarbigesVolk, vor Kurzem aus Mittelasien durch die Nordwest-Pässe des Himalaya nach Indien vorgedrungen;Aryer, d. h. Edle, nannten sie sich selber, sie hatten eine prachtvolle Sprache. Die anderen,dunklerund von niederer Rasse, hatten lange im Lande gelebt und wurden von den Ankömmlingen theils in die Wälder getrieben, theils in der Ebene unterworfen. Sie selber haben keine Nachrichten oder Zeugnisse hinterlassen. Von den Siegern wurden sie in den über 3000 Jahre alten Liedern (Rig-Veda)Feinde(Dasyus) oderSklaven(Dásas) genannt, Schwarzhäute, Nasenlose, Rohesser u. dergl. Sie können aber nicht alle Wilde gewesen sein, in den Veden ist von ihren siebenSchlössern und 90 Festungen die Rede. Als die Geschichte anbricht, finden wir in Indien einige der mächtigsten Königreiche unter nicht-arischen Herrschern.
Noch heute leben in Indien Stamme der Art, in demselben Zustand, wie vor 3000 Jahren, oder mit geringem Fortschritt.
Woher kamen diese Urvölker? Nur die Sprache giebt einigen Anhalt. Sie gehören zu den Tibeto-Burmanen, Kolariern und Dravidiern. Die ersteren sind wahrscheinlich durch die Nordostpässe eingedrungen und leben jetzt noch in der Nähe des Himálaya. 22 Hauptsprachen der Tibeto-Burmanen werden unterschieden. Die zweiten wohnen im Norden von Dekkan, zu ihnen gehören die Santáls; neun Hauptsprachen ihrer Gruppe werden unterschieden. Die Dravidier kamen wahrscheinlich durch die Nordwest-Pässe, zersprengten die kolarischen Stämme und drangen machtvoll nach dem Süden des dreieckigen Tafellandes und wurden von der arischen Rasse zwar unterworfen, aber nie auseinandergesprengt. Sie haben ihre Sprache 28 Millionen in Süd-Indien gegeben: zwölf Dravida-Sprachen (vier hauptsächliche) werden in Indien unterschieden. Sie verehrten die Erde unter dem Zeichen der Schlange und ferner denLinga, ein steinernes Sinnbild der männlichen Zeugungskraft; sie sind die Baum- und Schlangen-Anbeter des alten Indien. Noch heute sind also von den drei Theilen Indiens zwei, nämlich Himálaya im Norden und die dreieckige Südhälfte, hauptsächlich von nicht-arischen Völkern bewohnt; aber der wichtigste Theil Indiens, die grossen Flussebenen sind schon seit alter Zeit der Schauplatz, wo eine edlere Bevölkerung ihre Cultur ausbildete. Sie gehört zu der arischen oder indogermanischen Rasse. Ihr ursprünglicher Sitz war Central-Asien.
Die ältesten vedischen Gesänge zeigen uns den indischen Zweig der Arier auf dem Marsch von Kabul zum Punjab und schliesslich zu den Gangesebenen, wo sie dauernd sich niederliessen. DieseRig-Vedasollen nach den Hindu „vor aller Zeit“ oder doch schon mindestens 3000 v. Chr. entstanden sein, nach europäischen Gelehrten aber erst 1400 v. Chr. Es sind 1017 Psalmen mit 10580 Versen.
Diese alten Arier lebten nach der Weise der Erzväter, unter Häuptlingen; ehrten die Frauen, kannten die Metalle, den Pflug. Vieh war ihr Reichthum und ihr Geld. Sie assen Rindfleisch und tranken Bier (aus der Soma-Pflanze); wohnten in Dörfern und Städten, wanderten in Stämmen vorwärts, vertrieben oder unterjochten die „schwarzhäutigen“ Ureinwohner. Ihre Todten wurden ursprünglich begraben, später verbrannt. Sie verehrten den Himmelsvater Dyaush pitr (Jupiter) und die Mutter Erde, das Firmament Varuna (Uranos), Indra den Regengott mit dem Speer, dem die meisten Hymnen gewidmet sind, undAgni (Ignis), den Feuergott, im Ganzen 33 Gottheiten, elf im Himmel, elf auf Erden und elf im glänzenden Luftkreis.
Aber als sie weiter südlich zogen, war die Wärme nicht mehr so begehrenswerth; Agni verlor seine Wichtigkeit in Punjab gegen Indra. Und als sie schliesslich in den Gangesniederungen die regelmässigen Regenfälle der Monsune fanden, theilte Indra das Schicksal des Agni. Die mächtigen Naturkräfte in dem Gangesthal schufen die heilige Dreizahl des Schöpfers, Erhalters, Zerstörers (Brahma,Wischnu,Schiwa), von denen in den Veden noch nicht gesprochen wird, wie auch der Ganges nur zweimal dort Erwähnung findet.
Wann und wie erstand nun die neue Gliederung der Arier zu Königreichen mit Priestern und Kasten?[432]Die Schrift war unbekannt. Die Familien, welche die heiligen Gesänge auswendig wussten, gewannen an Bedeutung. Das siegspendende Gebet wurde bráhman genannt und seine Priester Bráhmanen. Sie schufen weihevolle und ehrfurchtgebietende Gebräuche. Der ganze Dienst wurde abgeleitet von denVeda(demWissen, lat. vid-eo, griech. vida, οἶδα) und deren Neuordnungen und Zusätzen: die vier Veda mit den dazu gehörigen Brahmana bilden dieOffenbarung(Sruti, das aus Gottes MundGehörte); die späterenSutra(oderReihenvon Sätzen), in denen die Bráhmanen als mächtige Priesterkaste dargestellt sind, fügen dieUeberlieferung(Smriti, das Erinnerte) hinzu.
Die mächtigeren und glücklicheren Krieger bildeten die zweite Klasse derKshattriya(Rájanya, Rájbansi = Königs-Genossen), die heutzutageRájput= Königsabkömmlinge heissen; die Ackerbauer (Vaisya, von vis = Volk) die dritte. Heirathen zwischen den drei Kasten waren verboten, aber alle drei gehörten zu den zweifach Geborenen oder Ariern.Unterihnen stand eine vierte oderdienendeKlasse,Súdra, Ueberbleibsel der überwundenen Ureinwohner, nur einmal geboren, die nicht an den grossen Staats-Opfern theilnehmen durften. Die Vaisya erhoben sich theils zu den Kriegern, theils gingen sie unter in die Diener, so dass nur Priester, Krieger und Diener übrig blieben. Aber ein langer Kampf um die Oberherrschaft wüthete zwischen den Priestern und den Kriegern, aus dem die ersteren siegreich hervorgingen. Doch machten sie einen weisen Gebrauch von ihrer Gewalt, verzichteten auf die Herrscherwürde und begnügten sich mit der Macht über die Gemüther.
Strenge Regeln für ihre eigne Kaste stellten sie auf. Das Leben des Bráhmanen theilt sich in vier Abschnitte:
1) Sein religiöses Leben beginnt nicht mit der Geburt, sondern am Ende der Kindheit, wenn er mit dem heiligen Faden der zweimal Geborenen bekleidet wird. (Voll Stolz zeigte mir diesen Faden einer der armseligen Führer, die dem Reisenden die Sehenswürdigkeiten der Städte weisen.) Die Jugend und erste Mannheit bringt der Bráhmane damit zu, von einem Weisen seiner Kaste die heiligen Schriften zu erlernen.
2) Darauf gründet er eine Familie.
3) Er zieht sich in die Wälder zurück, lebt von Früchten und Wurzeln und führt die religiösen Gebräuche aus.
4) Den Schluss macht ein Büsser-Leben.
Die Bráhmanen unserer Tage sind das Ergebniss einer 3000jährigen Erb-Erziehung und Selbstbeherrschung.
Eine Rasse nach der andern hat Indien überfluthet, Fürstengeschlechter sind entstanden und vergangen, Religionen sind gekommen und geschwunden; aber seit der Dämmerung der Weltgeschichte hat der Bráhmane ruhig die Herrschaft ausgeübt, die Geister gelenkt und die Verehrung des Volkes empfangen. Aber sie haben auch Gutes und Grosses gewirkt. Ihren arischen Landsleuten bildeten sie eine edle Sprache und Literatur, den einheimischen Ureinwohnern brachten sie Cultur und nahmen sie auf in jene gesellschaftliche und religiöse Ordnung, aus welcher der Hinduismus unserer Tage hervorgegangen ist.
Sie erkannten die Einheit Gottes und schufen für das Verständniss der Masse die Dreiheit. Bráhma, der Schöpfer, ist zu abstract. Zur Zeit findet der Reisende in Indien nureinengrossen Sitz seiner Verehrung, bei Ajmir. Wischnu, der Erhalter, in seinen zehn Erscheinungen, besonders in der siebenten und achten, als Rama und Krishna, nahm die Stelle ein der vedischen Gottheiten. Schiwa, der Zerstörer und Wiederhersteller, verkörperte die tiefsinnigen bráhmanischen Gedanken vom Tode als Austritt aus dem bisherigen Leben und Eintritt in ein neues. Seine schrecklichen Seiten verknüpften ihn mit Rudra, dem Sturmgott der Veden, und mit den blutgierigen Gottheiten der nicht arischen Stämme. Wischnu und Schiwa in ihren männlichen und weiblichen Erscheinungsformen sind jetzt die Götter der Hindu-Bevölkerung. In sechs Systemen der Philosophie (darsanas, Spiegeln der Kenntniss) suchten die Bráhmanen sich Rechenschaft zu geben über Gott, Welt und Menschenseele, darunter ist das erste (Sankya, 500 v. Chr.) dieEntwicklungslehre, welche heute den Beifall so vieler Denker in Europa findet.
Die Bráhmanen schufen dieWissenschaft. Pánini’s Grammatik des Sanskrit (350 v. Chr.) gehört zu den ersten und den besten derWelt. Die Sanskritsprache ist so fein durchgebildet, dass man Zweifel erhoben, ob sie jemals die gesprochene Sprache eines Volkes gewesen sein kann. (Samskrita-bhasha „die vollkommene Sprachweise,“ gegenüber Prákrita-bhasha, der einfacheren Umgangssprache.) Die Sanskrit-Literatur wurdemündlichüberliefert und ist darum ganz in Versen (Sloka). Deshalb und wegen des zerstörenden Klima von Indien giebt es keine sehr alten Handschriften. Die meisten sind nicht älter als 400 Jahre, zwei nur 800, eines (auf Palmblättern) wurde in einem japanischen Kloster seit 609 n. Chr. aufbewahrt. Die ältesten Inschriften auf Säulen und Felsen sind aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die indischen Buchstabenzeichen scheinen aus den phoenicischen abgeleitet zu sein, doch ist die Frage noch nicht ganz entschieden.
Dagegen haben wir unsere „arabischen“ Zahlzeichen aus Indien. Die Araber, welche sie uns überliefert, nannten sie indische Ziffern: sie sind die Anfangsbuchstaben der indischen Zahlwörter von 1 bis 9, und 0 ist der Anfangsbuchstabe des Sanskrit-Wortes für „leer“.
Heilkunde, Kriegskunst, Musik, Baukunst galten als upaveda oder ergänzende Offenbarung. Von der Heilkunde, Musik, Sternkunde werde ich späterhin, bei besonderer Gelegenheit, noch ein paar Worte zu sagen haben. Die Baukunst wurde mehr von den Buddhisten entwickelt. Die Muselmänner brachten neue Formen. Aber die Hindu-Baukunst hat in den Werken der Mogul für alle Zeit bewunderungswürdige Denkmäler hinterlassen.
DasGesetzbuch von Manu, das die Kasten feststellt und die Vorrechte der Bráhmanen sichert, wird von letzteren natürlich dem Manu, ihrem Adam, zugeschrieben; dürfte wohl auf ein älteres Buch (500 bis 200 v. Chr.?) zurückgreifen, aber in der jetzigen Gestalt nicht älter sein, als 500 n. Chr.
Die weitere Sanskrit-Literatur umfasst die beiden Riesen-Epen (Mahabharata und Ramayana, von denen das erste die Kämpfe der Arier in der Gangesebene, das zweite ihr Vordringen nach dem Dekkan und nach Ceylon behandelt,) Dramen, Sagen, Liebeslieder und mystische Dichtungen. Von Kalisada’s DramaSakuntala(550 n.Chr.) ist 1789 eine englische Uebersetzung erschienen, welche die eigentlicheVeranlassungfür das Studium der indischen Sprache, Kunst und Wissenschaft in Europa geworden. Im Mittelalter (vom 8. bis zum 16. Jahrhundert) entstanden dann noch diePurana(die „alten Schriften“), 1600000 Verse religiösen und philosophischen Inhalts.
Der erste Angriff auf die Brahmanen-Herrschaft war die Lehre von GautamaBuddha. (622–543 v. Chr., nach neueren Berechnungen starb er 478 v. Chr.) Gautama entwickelte sich aus einem Prinzenzum Einsiedler und Heiligen; er wurde Buddha, der Erleuchtete, und Siddharta, der Vollendete. Vierundvierzig Jahre predigte er dem Volke. Das Geheimniss von Buddha’s Erfolg beruhte auf der geistigen Befreiung, die er dem Volke brachte. Er predigte, dass ErlösungallenMenschen eröffnet sei, nicht durch Besänftigung eingebildeter Gottheiten, sondern durch eigne Thätigkeit (Karma). Was der Mensch sät, wird er ernten. So beseitigte er die religiöse Grundlage der Kasten und die Oberhoheit der Brahmanen, der Vermittler zwischen Gott und den Menschen.
Die Buddha-Lehre sandte ihre Glaubensboten aus. Asoka (257 v. Chr.), König von Magadha oder Behar,[433]machte sie zur Staatsreligion und begründete (nach dem dritten Concil) den Canon der südlichen Buddhisten in der Volkssprache oder Maghadi. Das vierte und letzte Concil der Buddhisten war unter Kanishka (40 n. Chr.), einem Saka oder scythischen Eroberer von Nordwest-Indien; damals wurde der nördliche Canon in Sanskritsprache festgestellt, in welchem Buddha als ein Saka oder Turanier erscheint, und aus dem später der chinesische (mit 1440 Werken) hervorgegangen.
Buddhismus und Brahmanismus bestanden in Indien neben einander 1300 Jahre, und der moderne Hinduismus ist aus ihrer Verschmelzung entstanden. Im 8. und 9. Jahrhundert n. Chr. wurde Brahmanenthum in neuerer Form die herrschende Religion, Buddhismus ist seit 1000 Jahren aus seiner Heimath verbannt, hat aber in der Fremde reichlich gewonnen, was er daheim verloren. Ein Wiederaufleben in Indien ist nicht unmöglich.
Mit dem Zuge Alexander’s des Grossen über den Indus (327 v. Chr.) beginnt die Beeinflussung Indiens durchFremde, beginnt für uns die indische Geschichte, da die indischen Arier selber nur Sagen, nie Geschichtsbücher aufgezeichnet haben. Von 126 v. Chr. bis 544 n. Chr. folgten verschiedene Einfälle der Scythen (Saka, Turanier), welche grosse Länderstrecken längere Zeit beherrscht und deutliche Reste in der Bevölkerung hinterlassen haben. Dazu kam der Einfluss der nicht arischen Königreiche (Naga, Schlangenanbeter), namentlich im Süden.
Der Vorhang der vedischen und nachvedischen Literatur fällt im 5. Jahrhundert v. Chr. nieder; wenn er im 10. Jahrhundert n. Chr. sich wieder erhebt in den Purana, hat eine gewaltige Aenderung Platz gegriffen.Arier und Nichtarier sind verschmolzen zu Hindu, und ihre Religion ist zusammengesetzt aus arischen Gedanken und nichtarischem Aberglauben. Wischnu- und Schiwa-Dienst sind die Volksreligion. Die Kasteneintheilung beruht auf Rassenunterschieden.
Vom 11. Jahrhundert an dringen die mohammedanischen Eroberer vonAfghanistanaus in Nordindien ein. 1526 gründet der mohammedanische Turanier Baber das Reich desGrossmogul, das machtvoll Indien, zuletzt auch bis zum Dekkan, beherrschte. DiePortugiesenhatten (seit 1498) Handelsniederlassungen an den Küsten gegründet; aber weder diese noch ihre Erben, dieHolländerim 17. Jahrhundert, dieEngländerund dieFranzosen, gewannen zunächst Macht im Lande. Erst nach derZersplitterung des Mogul-Reiches(1707)gelang es den Engländern, die schon 1600 ihre Ostindische Gesellschaft geschaffen,festen Fuss in Indien zu fassen. 1757 besiegte Clive den Nawab von Bengalen bei Plassy, 1763 verloren die Franzosen im Frieden von Paris ihre ostindischen Colonien an die Engländer. Im vorigen Jahrhundert besiegten die Engländer den Sultan Tipu vonMysorein Südindien, der 1799 in der Bresche seiner erstürmten Hauptstadt fiel; im Anfang dieses Jahrhunderts die brahmanischenMaratenin Centralindien, welche schon die Erbschaft des Grossmogul anzutreten bereit waren; in der Mitte unseres Jahrhunderts dieSikhsin Punjab. Nachdem sie den Aufstand der einheimischen Soldaten (Sepoy) vom Jahre 1857 unterdrückt, wurde die Ostindische Gesellschaft aufgehoben,Indien unter die Verwaltung der Krone genommen und am 1. Januar 1877 zum Kaiserreich erhoben.