Jaipur.[537]
Die indische Heilkunde.
Sonnabend, den 17. December, Vormittags 11½ Uhr, fahre ich von Delhi nachJaipur, wo ich 9½ Uhr Abends ankomme. (Bombay, Baroda and Central India Railway, 191 engl. Meilen = 305 Kilometer, für 15 Rupien. Folglich macht der „Schnellzug“ durchschnittlich nur 30 Kilometer in der Stunde, indem er zwei Mal für längere Zeit hält, in Ulwur über eine Stunde, in Bandikui eine halbe Stunde für das Mittagsessen.)
Ich komme also in dieRajputana, jenes grosse Gebiet im nordwestlichen Indien zwischen den Flüssen Indus und Nerbudda, welches, unter Aufsicht eines englischen Beamten, von zwanzig verschiedeneneinheimischen Fürsten regiert wird.[538]Unter den letzteren sind nur zwei Mohammedaner.
Das Gebiet der Rajputana misst 330000 Quadratkilometer und hatte 1881 an 10 Millionen Einwohner,[539]von denen 8839000 Hindu, 378672 Jaina, nur 861000 Mohammedaner, 1284 Christen waren.
Von der ursprünglichen Kriegerkaste derRajput(im Sanskrit Radschaputra, d. i. Königssohn,) leben noch heute 480000 in Rajputana, hauptsächlich als Gross-Grundbesitzer oder als Ackerbauer, voll Stolz auf ihre Abkunft, obwohl sie schon in alter Zeit fremde (scythische, d. h. turanische) Bestandtheile in sich aufgenommen, sicher und würdevoll in ihrem Auftreten.
Das Land wird hügelig; wir durchfahren ein fruchtbares Thal zwischen zwei Felsenreihen, das nur streckenweise enger und dürrer wird, meist aber breit und fruchtbar bleibt. Es liefert jährlich zwei bis drei Ernten. Baumwollenvorräthe sind an den Halteplätzen aufgestapelt. Man erkennt leicht, dass hier die Mohammedaner sparsam geworden. Aber die Hindu sind ein recht schöner Menschenschlag. Leider haben die Pocken bis vor kurzem noch arg gewüthet; viele sind dadurch einäugig geworden.
Abends spät gelange ich in dasGasthaus zur Kaiserin von Indien(Kaiser-i-Hind Hotel), das nach Murray vortrefflich sein soll, in Wirklichkeit ein zwar geräumiges, jedoch dürftig ausgestattetes, mittelmässig verwaltetes Haus darstellt. Mein Zimmer hatte weder Schloss noch Riegel, und als ich darüber meine Verwunderung aussprach, wollten sievon aussenein Vorlegeschloss befestigen, was ich mir natürlich verbat. Zu weiterer Beruhigung wurde mir der Nachtwächter des Hauses gezeigt, der soeben unter der Vorhalle, dicht bei meinem Zimmer, seinen Platz eingenommen.
Aber kaum war ich eingeschlafen, so wurde ich durch eigenthümliche, gleichförmige Töne wieder aufgeweckt. Mein Rajput sang die Heldenlieder[540]seines Stammes, die durch ungewöhnliche Länge sich auszeichnen, mit lauter, unermüdlicher Stimme in die ruhige Nacht hinaus. Zureden half nicht, zumal er mich nicht verstand. Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Schirmstock in unzweideutiger Gebärde zu schwingen. Entsetzt über den geringen Kunstsinn des Fremdlings, floh er auf die andere Seite des Vorplatzes, um hier in gesicherter Stellung seine Gesänge unverdrossen weiter zu üben. Aber am nächsten Morgen machte ich dem Wirth meine Empfindungen so klar, dass fernerhin diese nächtlichen Lieder aufhörten.
Der erste mohammedanische Eroberer, Muhamed Ghori, fand (1184 n. Chr.) Delhi besetzt durch den Tomára Clan, Ajmir durch die Chauhanff, Kanauj am Ganges durch die Rhator. Die Uneinigkeit der Hindu-Staaten erleichterte dem Afghanen seinen Sieg. Aber die Rhator-Rajput mit andern Stämmen unterwarfen sich nicht, sondern wanderten südöstlich und gründeten die Königreiche, die bis heute noch ihren Namen (Rajputana) tragen.
Die Rajput erhoben sich gegen die mohammedanischen Sklaven-Könige Nordindiens und gegen ihre Nachfolger, die Khilji und Tuglak. Erst Akbar’s Staatsweisheit gelang es, sie zu versöhnen und als brauchbare Glieder seiner Regierung einzuverleiben. Aber als seine Weisheit und Milde dem engherzigen Glaubens-Eifer seiner Nachfolger Platz machen musste, folgten neue Aufstände, sowohl gegen Jehangir wie auch gegen Aurangzeb. Und, da mit des letzteren Tode auch die Kraft der Grossmogul geschwunden war, machten sich 1715 die Rajput-Fürsten unabhängig.
Nachdem die Engländer 1817 die Pindari-Banden, die Reste der Mogul-Heere, und 1818 die Marathen (Hindu aus dem Dekkan) endgiltig besiegt, traten die Fürsten der Rajputana in ein Lehnsverhältniss zur britischen Oberherrschaft und blieben auch treu zur Zeit des grossen Meuter-Aufstands.
Der wichtigste dieser Schutzstaaten istJaipurmit 37000 Quadratkilometer und 2500000 Einwohnern, von denen nicht weniger als 2315000 Hindu sind.[541]Die gegenwärtige Herrscherfamilie fasste Fuss im Lande seit 967 n. Chr., der jetzige Maharadscha[542]ist der 35te; aber die Hofschranzen wissen seinen Stammbaum bis auf Rama, denHelden der Volksdichtung, zurückzuführen.Jai Singh,[543]der sternkundige Lehnsfürst des Grossmogul, hat um das Jahr 1728 die Stadt Jaipur gebaut, und zwar, als Mathematiker, ganz regelmässig; ihr auch den Namen gegeben, denn Jaipur heisst Jai’s Stadt; und den Sitz der Regierung von Amber hierher verlegt. Da Amber 1000 Jahre bestanden haben sollte, beabsichtigte er das zweite Jahrtausend in einer neuen Hauptstadt zu beginnen. (In deutschen Büchern liest man, dass erst der Vorgänger des jetzt regierenden Fürsten Jaipur erbaut und die Bevölkerung von Amber nach Jaipur verpflanzt habe. Dr.Hans Meyerdürfte der Urheber dieser unrichtigen Angabe sein.)
Der jetzige Fürst bezieht von seinen Unterthanen ein Steuereinkommen von jährlich 10 Millionen Mark,[544]wovon er allerdings auch die Bedürfnisse des Staates, sowie der zahlreichen Priester zu befriedigen und 800000 Mark als Tribut an die englische Regierung abzuführen hat. Ein königlicher Rath (Durbar) steht an der Spitze der Verwaltung; doch üben die englischen Aufsichtsbeamten einen übergrossen Einfluss aus. Davon werde ich ein merkwürdiges Beispiel mittheilen.
Die Stadt Jaipur liegt unter 27° nördlicher Breite, 1500 Fuss über dem Meeresspiegel, rings umgeben von steilen, mit Vesten gekrönten Felsen, hat gutes Wasser, ein trocknes und gesundes Klima und im Winter eine ganz angenehme Temperatur; durch Handel und Gewerbefleiss, Unterrichts- und Wohlfahrtseinrichtungen ist sie eine der ersten in den einheimischen Staaten. Sie besitzt ein Colleg[545](Mittelschule) mit 1000 Zöglingen, eine Kunstschule und sogar eine (allerdings etwas schüchterne) Gas-Beleuchtung.[546]Die Zahl der Einwohner betrug 1881 an 142000, im Jahre 1891 über 158000; Jaipur ist also (nächst Haiderabad und Bangalore) der Bevölkerung nach die dritte Stadt in den einheimischen Staaten Indiens.
Am Sonntag, dem 18. December, Morgens früh, war ich bereit zur Besichtigung der Stadt Jaipur. Zur Stelle war der Führer mit höchst mangelhaftem Englisch und noch mangelhafterem Begriffsvermögen.
Hier merkte ich zum zweiten Male, dass die Engländer in Indien die fremden Reisenden doch ganz genau überwachen. Zwar wird nirgends ein Pass verlangt, aber schon vor der Landung muss Jeder den Zoll-Scheineigenhändigunterschreiben. Sie finden die Sendlinge ihrer russischen Freunde[547]ganz gut heraus und begleiten sie durch das Kaiserreich mit zärtlicher Sorgfalt. Sollte einer von jenen die nordwestlichen Vertheidigungs-Pässe von Peschawar oder Quettah besichtigen wollen, so findet er die höfliche Ablehnung schon lange fertig geschrieben vor. Das haben mir britische Officiere erzählt. Vor Allem wird das Reisen in denSchutzstaatenüberwacht. Wo es gar keine Gasthäuser giebt, wie in Gwalior, steht das Rasthaus unmittelbar unter dem englischen Aufsichts-Beamten; der Reisende hat diesen schriftlich um Erlaubniss zu bitten.[548]Wo wegen des grösseren Verkehrs schon Gasthäuser nothwendig geworden, wie hier in Jaipur, kann man dieErlaubniss zur Besichtigung der Palästenur auf schriftlichen Antrag von dem englischen Beamten erhalten. So wird in unmerklicher und auch wenig lästiger Weise die Aufsicht ganz vollkommen geübt; denn, wenn Jemand hier reisen wollte,ohnedie Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, so würde er erst recht auffallen.
Nach Erledigung dieses Geschäftes, wozu man nur auf den vorgedruckten Zettel seinen Namen zu setzen hat, fuhr ich in einem offnen, von zwei munteren Pferden gezogenen Wagen von dem draussen (im Cantonment) gelegenen Gasthaus nach der Stadt.
Von der Höhe grüsst die Festung im Morgenlicht; auf dem Berg, den sie krönt, ist in Riesen-Buchstaben das WortWelcomeeingelegt. Grosse, mit Baumwolle hoch beladene Wagen, von Ochsen gezogen, kommen uns entgegen. Die Menschen sind meist etwas dunkler, als die, welche ich in den vorigen Tagen gesehen.
Die Stadt Jaipur hat eine vollständige, zinnengekrönte Mauer (von 6 Meter Höhe und 3 Meter Dicke) und sieben feste Thore. Die beiden Hauptstrassen, welche die Stadt regelmässig in vier Quadrate theilen, sind 111 Fuss breit und gut gepflastert. (Die Nebenstrassen sind immer noch 55 und die Gassen 28 Fuss breit; alle kreuzen sich unter rechten Winkeln.)
Höchst seltsam ist die lange, gleichmässige Flucht der Häuser, die einst der gute Fürst für seine getreuen Unterthanen, (servants of the Maharaja nennen sie sich in gelegentlichem Gespräch,) erbauen,mit Thürmchen, Erkern und Zinnen schmücken und durchweg rosig tünchen sowie mit weissen Zierrathen versehen liess.
Man hat Jaipur die schönste Stadt Indiens genannt. Das ist wohl eine Uebertreibung. Heiter sieht sie aus in den Hauptstrassen, namentlich Nachmittags, wenn die seltsamen Gebäude von dem Gewühl der noch seltsameren Menschen gehoben werden. Aber schön ist dieser Bau-Stil nicht; und auch die öffentlichen Gebäude sind mehr blendend, als tüchtig gebaut.
Schon jetzt am frühen Morgen, wo die meisten Läden noch geschlossen waren, sind die Strassen belebt. Man bringt frische Nahrungsmittel in die Stadt. Pfauen stolziren auf den platten Dächern, Affen klettern eiligst darüber fort, dorthin, wo sie ihr Frühstück erwarten; träge sitzen die Geier da, die friedfertigen Strassenreiniger Indiens. Gelegentlich erscheint auf dem Dach auch ein Mensch und macht seine Morgenwaschung. Ungeheure Taubenschwärme werden auf dem grossen Marktplatz gefüttert. Müssige Buckelochsen naschen mit von den Körnern.
Natürlich wurde ich zuerst in einen grossenLadengeschleppt, wo die berühmten Metallwaaren und Gewebe des Ortes feilgeboten werden: so geschäftskundig sind doch die dümmsten Führer in Indien. Doch hatte er mit mir kein Glück.
Hierauf verliessen wir wiederum die Stadt und fuhren nach dem prachtvollenParkausserhalb der Mauern, der als der schönste von Indien gepriesen wird. Seine Ausdehnung misst 70 Acres oder 28 Hektaren; die Kosten der Herstellung betrugen 400000 Rupien, die Unterhaltung erfordert jährlich 30000 Rupien.
In dem Garten ist eine Bronze-Bildsäule desLord Mayoerrichtet, welcher von 1869 bis 1872 Vicekönig von Indien gewesen, eine Reihe wichtiger Verbesserungen eingeführt und bei dem Besuch der Verbrecher-Colonie auf den Andamanen-Inseln durch die Hand eines Mörders sein Leben eingebüsst hat.
In dem Garten sindVogelhäusermit Riesen-Pfauen, auch den schneeweissen aus Kabul, und Prachthähnen, sowie einige Käfige mitwilden Thieren, namentlich mitTigern.
Während es bei uns üblich ist, den Besuchern das Necken der Thiere zu verbieten, erlaubt sich dies hier unaufgefordert der Wärter: er reizt den Tiger zu höchster Wuth und — hält dann die Hand auf, um ein Trinkgeld von dem Reisenden zu empfangen. Dabei hat er früher bei einer solchen Gelegenheit seinen rechten Arm eingebüsst! Natürlich erzählt der Führer, dass alle diese Tiger, die hier eingesperrt werden,Menschenfresserseien; der eine habe fünfzehn, derandere zehn, der dritte sieben Menschen vertilgt. Für gewöhnlich lebt der Tiger in Indien von Hirschen, Antilopen, Wildschweinen. Wo diese reichlich vorhanden sind, greift er nicht einmal das Vieh an. Hat er aber erst Menschenblut gekostet, (und den Hirt fängt er leichter, als ein Stück seiner Heerde,) so beginnt er fürchterlich zu wüthen.
Ein einzelner Tiger hat 118 Menschen binnen drei Jahren getödtet, ein zweiter 80 in einem Jahre, ein dritter verödete zwölf Dörfer und 250 englische Quadratmeilen, ein vierter hat im Jahre 1869 an 127 Menschen getödtet und eine Landstrasse für viele Wochen unwegsam gemacht, bis ein Europäer kam und ihn niederschoss. Noch im Jahre 1890 wurden 798 Menschen und 29275 Stück Vieh von Tigern getödtet, und 36000 Rupien an einheimische Jäger für Erlegung von 1200 Tigern ausgezahlt.
Gefangenwerden die Tiger in Gruben, indem man Gebüsch lose darüber legt und einen Ochsen als Lockspeise passend befestigt; in der Grube belässt man das Raubthier, bis es vor Hunger ganz kraftlos geworden und unfähig, sich zu rühren: dann wird es in den Eisenkäfig gebracht und zur Schau ausgestellt.
Der Hauptschmuck des Gartens istAlbert Hall, ein neues Gebäude, zu dem der Prinz von Wales 1876 den Grundstein gelegt, und das mit den luftigen Hallen und offenen, kuppelbedeckten Thürmchen der Hindu-Baukunst munter emporragt. Unten ist eine grosse Tanzhalle, an deren Wänden die Bilder der Vorfahren des Maharajah (von 1500 n. Chr. an) aufgemalt sind; und weite Gänge mit grossen Wandgemälden aus den altindischen Heldengesängen, nach älteren Vorlagen ausgeführt. Das Innere ist einKunstmuseum; dasselbe enthält die Ergebnisse der berühmten Kunstgewerbe-Ausstellung Indiens, die der Fürst 1883 hier in seiner Hauptstadt veranstaltet hatte, und erfreut sich einer stattlichen Zahl von Besuchern. (150000 im Jahr.) Von allen Sammlungen der Art, die ich in Indien gesehen, ist dies dievollständigste. Natürlich berücksichtigt sie am meisten die heimischen Erzeugnisse. Da sieht man die Metallwaaren von Jaipur, eingelegte Schalen, Schwerter, Streitäxte, Schilde u. dgl.; Schmelz auf Gold, Silber, Kupfer, wofür die Stadt besonders berühmt ist; Gold- und Silberarbeiten mit Granaten; Elephanten, Tiger, Götterbilder aus dem weissen Marmor von Jaipur mit wirkungsvoller Bemalung; gefärbte und gedruckte Baumwollenwaaren, alles mit der Hand gearbeitet, Stickereien, Schmucksachen aus Pfauen-Federn.
Bei den Gegenständen, die aus den andern Staaten und Provinzen herrühren, will ich nicht verweilen. Aber von freudigem Staunen ward ich ergriffen, als ich plötzlich auf einem Tisch Alexander den Grossenvon unserem Prof.Hertererblickte, offenbar als Muster, um den Blick und Geschmack der Einheimischen zu bilden.
Es giebt auch eine wirklicheKunstschulein Jaipur, welche Metall- und Schmelz-Arbeit, Stickerei und Kunstweberei nach den alten Mustern neu beleben soll.
Inzwischen war der Tag weiter vorgerückt, die Zeit mehr geeignet, um dieStadt selbergenauer in Augenschein zu nehmen. Die lange Reihe der einander ähnlichen Häuser in der erstenHauptstrasse, alle rosenroth getüncht und mit weissen Verzierungen, theils in Stuck, theils in Bemalung, erinnert uns lebhaft an die Honigkuchen mit rothem Ueberzug und weissem Zuckerguss. Hübsch sind die durchbrochenen Steingitter in dem Vorbau des Oberstocks, aus dem zurückhaltende Frauen ungesehen das Treiben auf der Strasse betrachten können.
Die unteren Stockwerke öffnen sich nach der Strasse mitLäden, unter deren weissem Sonnendach die Käufer Halt machen. Vor den Läden, welche neben den einheimischen Waaren die von Kaschmir, Cawnpur und — Manchester feilhalten, sind noch Buden angebracht.
DerMarktplatzam Schnittpunkt der beiden Hauptstrassen ist rings um den in der Mitte befindlichen Brunnen mit Buden und ferner mit Ständen der Fruchthändler bedeckt, die gegen die Sonne ein grosses Schutzdach aus Flechtwerk, wie eine Staffelei, aufstellen. Die Männer aus dem Volke tragen ein weisses Käppchen (oder eine Art Turban) und einen weissen Rock nebst Schurz (oder Hosen); die Frauen schlagen grosse Tücher (Sari) um, und rahmen damit das Gesicht ein. Ihre Nasenringe werden durch Speichen und concentrische Ringe zu förmlichen Räderchen. Die Zahl der aus einer bemalten und vergoldeten Gummi-Masse verfertigten Armbänder wächst in’s ungemessene. Geduldig hockt die jugendliche Schöne, die schon sechs bis acht Armbänder an jedem Arm trägt, vor einem Laden, lässt ihre Armweite messen, den neuen Ring aussuchen, durchschneiden, die Schnittenden erwärmen, und dann das begehrte Schmuckstück bleibend an dem Arm zu den übrigen befestigen.
Schaaren von Tauben beleben den Markt, Ochsenfuhrwerke beengen den Platz. Uebrigens sind hier zu Lande die ältesten OchsenGrünhörnerim wahren Sinne des Wortes, d. h. ihre Hörner sind mit grüner Farbe bestrichen. Gelegentlich kommt ein Kameel oder Elephant. In verschlossenen Sänften werden Tänzerinnen vorübergetragen. Unablässig fluthet der Menschenstrom. Das ganze Bild hat für uns Nordländer etwas Märchenhaftes. Alle Leute scheinen freundlich und zuvorkommend. Die echten Rajput, mit schön gepflegtem Backenbart, welchedas Schwert in der Scheide ohne Gehänge in der Hand, wie wir den Spazierstock, tragen, sind voll Würde und Selbstbewusstsein, ganz andere Leute, als die Bengali. Gelegentlich sprengt auch auf weissem Ross ein adliger Rajput vom Lande einher, bis an die Zähne bewaffnet, mit Flinte, Pistole, Schwert und Dolch, während seine Leute ihm schreiend Platz zu machen suchen.
Der Palast des Maharajah, von einer zinnengekrönten, noch von Jai Singh erbauten Mauer rings umgeben, liegt in der Mitte der Stadt und bedeckt mit seinen Gärten einSiebentelihrer Flächenausdehnung.
Nahe dem Haupteingang erhebt sich derHimmelsthurm, der von dem Rajah Ischwari erbaut wurde, um die Stadt zu überschauen, aber dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zugänglich ist.
Die Soldaten in den Wachtstuben sind gemüthliche Kerle, in rother, zerschlissener Uniform, zum Theil mit alten Feuerstein-Flinten — ohne Stein. Höchst seltsam sehen einige ältere aus, die nach der in Indien üblichen Sitte ihr graues Haar fuchsroth gefärbt haben.
Der Haupttheil des Palastes (Chandra Mahal) ist ein in sieben sich verjüngenden Stockwerken mit luftigen Hallen emporsteigendes Gebäude aus neuerer Zeit, — wenn man will, in indisch-italienischem Stil; unzugänglich, da es die Privatgemächer des Herrschers und die Zimmer der Frauen enthält.
Offenbar ist der Geschmack durch europäischen Einfluss rasch verschlechtert worden. Denn die in dem schönen, schattigen Garten gelegene zierliche Audienzhalle aus weissem Marmor hat jüngst eine schreckliche Bemalung bekommen; und die Billard- und Garten-Zimmer sind leider in dem europäischen Ungeschmack der heutigen Zeit eingerichtet.
Ein andrer Theil der Palastbauten, der einzige, den man von der Strasse aus sehen kann, ist die Halle der Winde (Hawal Mahal), auch von Jai Singh, sechsstöckig sich verjüngend, mit zahllosen, kleinen, unregelmässig angeordneten Fensterchen und Kuppeln, — von den Begeisterten, wie Sir Edwin Arnolds, hoch gepriesen,[549]aber in der That ein mehr abenteuerlich-kühnes, als schönes Machwerk aus Stuck.
Jetzt wohnt hier, wie ich hörte, die Mutter des Fürsten.
Innerhalb der so geräumigen Umwallung des Palastes liegt noch eine Waffensammlung, ein Parade-Platz, ein Gerichtsgebäude und eine Staatsdruckerei.
Ferner eine Sternwarte, die natürlich von Jai Singh herrührt, aber unter seinen unkundigen Nachfolgern in Trümmer gesunken ist.
Besser gehalten sind dieStälle, wo gute Araber-Rosse für den Fürsten gepflegt werden. Mit Begeisterung zeigt man dem Reisenden den Gold- und den Silber-Prunkwagendes Fürsten und ist erstaunt, wenn jener nicht in die Bewunderung einstimmt.
Merkwürdiger ist uns die stattliche Heerde vonElephanten, die auf einem grossen Hof angekettet sind; zum Theil Reit-Thiere, deren Bekanntschaft ich bald machen sollte, zum Theil bestimmt, bei festlichen Gelegenheiten mit einander zu kämpfen.
In der Nähe dieses Hofes liegt, grade ausserhalb der Stadtmauer, derKrokodil-Teich.[550]
Eine steile Böschung mit 3 Fuss hoher Ufer-Mauer schützt den Garten; aber die Wiese jenseits des Teiches ist ungeschützt: gelegentlich sollen die Krokodile auch nächtliche Wanderungen nach dem See von Amber unternehmen. Die riesigen und hässlichen Thiere ruhen träge auf einer flachen, schlammigen Halbinsel und werden durch lautes Geschrei der Einheimischen, Männer und Knaben, die um den Reisenden sich versammelt haben, ermuntert und angelockt und schwimmen (aber nicht pfeilschnell, wie es in Kinder-Büchern heisst, sondern hübsch langsam,) auf die Böschung zu. Mein Führer hatte schon 8 Annas von mir erbeten und ein Hammelgekröse mit Lungen und Leber gekauft und an einen langen Strick festgebunden. Jetzt beginnt die Neckerei. Das Ungethüm sperrt den ungeheuren Rachen auf und erwartet in seiner Faulheit, dass ihm die Atzung hinein geworfen werde. Aber man wirft sie daneben und zieht sie schnell fort, ehe das Thier sich wenden und zuschnappen konnte; und wenn es ihm schliesslich gelungen ist, einzubeissen und zu schlucken, so zieht die ganze Mannschaft aus Leibeskräften am Seil, bis dieses zerreisst und das Ende mitsammt der Speise in den Magen des Reptils verschwindet.
Ein höchst anmuthiges Bild gewährt eine behende Gabelweihe, die in raschem Fluge, sozusagen aus dem Rachen des Krokodils, ihren Antheil an der Beute herausholt.
Bei meinem Hin- und Herfahren hatte ich zwei Mal Gelegenheit, denFürstenzu sehen. Derselbe zeigt sich dem Volke ohne grosse Förmlichkeiten. Im offenen Wagen, von zwei raschen Rossen gezogen, fährt er aus dem Thore des Palastes nach seinem Gartenhaus, gefolgt von einigen gut bewaffneten Lanzenreitern. Es ist ein sehr stattlicherMann, mit hübschem, leicht gebräuntem Antlitz und gut gepflegtem Bart, in verhältnissmässig einfacher Gewandung; den Gruss des Reisenden erwiedert er ebenso freundlich wie würdevoll.
Tempelgiebt es genug in Jaipur, soll doch der Fürst die Hälfte des Staatseinkommens auf Priester und Tempel verwenden; aber grossartig sind diese Bauten nicht. Der berühmtegoldneTempel ist ein offner Hof mit Säulenhallen, die Marmorwände spärlich mit Gold bemalt, im Hintergrund die üblichen Götzen und verschlossenen Schreine.
Ich sah noch ein Paar andre, die auch solche Hallen darstellen und eine Bildsäule von Schiwa’s Stier enthalten. Von weiteren Sehenswürdigkeiten sind noch zu erwähnen dieGrabdenkmälerder Fürsten, ausserhalb der Stadt, in einem schönen Garten, dessen Baumwipfel voll sind von ehrwürdigen, graubärtigen Affen; das von Jai Singh ist aus weissem Marmor, besteht aus einem hohen Unterbau, zwölf schön verzierten Säulen, und einem gerippten Dom. (Es sindLeergräberoder Gedenk-Bauten; solche sind erst unter mohammedanischem Einfluss, seit Akbar’s Zeiten, von den Hindu errichtet worden.)
Der alteGarten(Rambagh) mit Häuschen und Kiosk, wohin der träge Führer seinen Reisenden, kopfschüttelnd über diese Unermüdlichkeit, hingeleitete, lohnte kaum das darauf verwendete Stündchen.
DasHauptvergnügenin Jaipur besteht darin, gegen Abend durch die Hauptstrassen zu fahren, dann auszusteigen und das Gewühl des Völkchens aus der Nähe zu betrachten. Zum Schluss fährt man nach dem freien Platz vorAlbert Hall, wo die vornehme Welt erscheint, um Neuigkeiten auszutauschen und den Klängen der Musikbande des Maharadscha zu lauschen.
Der englische Arzt in Jaipur, welcher gleichzeitig Verwalter von Albert Hall ist, zeigte mir den hochmögenden Residenten und seine Damen; ich sah, wie gut diese es verstehen, die ehrerbietige Höflichkeit der einheimischen Grossen, z. B. des Bruders vom Maharadscha, herablassend entgegenzunehmen.
Mit hereinbrechender Dunkelheit fährt man nach Haus, zum Abendessen. Danach ist in der Vorhalle des Gasthauses ein förmlicher Markt voneinheimischen Verkäufern. Ich selber, der ich unterwegs, ausser den nöthigen Dingen, fast nur Photographien und Bücher kaufe, da ich es für aussichtslos halte, mir ein befriedigendes Museum anzulegen, war beschämt und empört über das Feilschen wohlhabender Engländer, die dem hungrigen Handwerker seine Arbeit für einen gradezu elenden Preis abdrücken. Aber was soll der Arme machen? Geld hat er nicht, warten kann er nicht; er muss schliesslich nehmen, was ihm geboten wird, da er von der Hand in den Mund lebt.
Hier müssten anständige Gross-Kaufleute dazwischen treten, welche die fertigen Erzeugnisse abnehmen und auf dem europäischen Markt absetzen; sonst geht das indische Kunsthandwerk zu Grunde, da die Kaufkraft der Einheimischen seit der englischen Herrschaft so erheblich abgenommen hat.
DerHaupt-Ausflug ist nach Amber.[551]Montag, den 19. December, stehe ich um 6½ Uhr auf; es ist noch ziemlich dunkel vor Sonnenaufgang.
Um 7 Uhr fahren wir fort, durch die erwachende Stadt und wieder heraus, durch die Grabdenkmal-Stätte, vorbei an einem friedlichen See, in dem aber Krokodile hausen sollen, und aus dem inselartig ein verfallenerWasserpalastdes Fürsten emporragt.
Die Strasse beginnt zu steigen und gewährt einen hübschen Rückblick auf Jaipur mit seinen zwei Thürmen und dem hohen Palast des Fürsten. Wir halten. Der von dem Residenten im Namen des Maharadscha gesendete, auf Stirn und Schultern bemalte, schön aufgeschirrte Elephant ist zur Stelle und kniet nieder; ich steige mittelst der kleinen Leiter empor, ebenso mein Führer sowie der Lenker des Thieres: und fort geht es, 3½ Kilometer weit. Der vorsintfluthliche Passgang des Ungethüms ist nichts weniger, als angenehm.
Aber was hilft es? Der Wein des Landes muss getrunken werden. Ein Soldat begleitet mich, er ist mit Turban und schmutzig weissem Gewand bekleidet und ein wahres Sinnbild des Friedens, denn seine einzige Waffe ist ein Schild.[552]In dem Buschwerk zur Seite des Weges sollen Tiger und Bären hausen, doch lassen sie sich nicht blicken.
Wir steigen weiter bergan und gelangen zu einem zweiten See. Hier enthüllt sich uns einwunderbares Schauspiel: oben auf dem hohen Felsen die alte Festung mit weithin über die Bergrücken fortlaufenden Schutz-Mauern, auf mittlerer Höhe der Palast, und noch niedriger, an der Mündung einer Felsschlucht, die verlassene StadtAmber.
Die Stadt ist sehr alt, da sie schon von Ptolemaeus erwähnt wird; im Jahre 1037 n. Chr. wurde sie von den Rajput erobert und dann gehalten, bis sie im vorigen Jahrhundert aufgegeben und verlassen ward.
Weiss schimmert der mächtige Palast, von welchem zinnengekrönte, mit festen Thürmen und Thoren versehene Mauern bis zu dem Seeund dem in das Wasser vorspringenden Garten hinabziehen. Hoch ragt der luftige Balkon, in dieser märchenhaften Einsamkeit.
Man Singh hat im Jahre 1600 den Palast begonnen, also zu einer Zeit, wo die Hindu-Baukunst schon von ihrer frischen Urwüchsigkeit eingebüsst und deutliche Spuren von Akbar’s Einfluss angenommen; immerhin ist es eines der bedeutendsten Denkmäler seiner Art, im Innern reich geschmückt durch Elephanten-Capitäle, Bildsäulen von Menschen und Thieren, welche den mohammedanischen Bauwerken abgehen, sowie durch Wandschmuck in Farben und Spiegeln. Jai Singh hat vor 1728 den Bau vollendet.
Von aussen sieht der Palast wie eine Festung aus: hohe, mächtige Mauern, nur mit kleinen, hochgelegenen Fenstern, getheilt durch pfeilerartig vorspringende Thürme, das platte Dach überragt von einem scheinbar regellosen Gewirr niedriger Gewölbe und säulengetragener Kuppeln.
Am ersten Thor harren einige ziemlich mittelmässig bekleidete und bewaffnete Soldaten. Nach dem ersten Hof, der von Diener- und Wirthschaftsgebäuden umgeben ist, kommt man durch ein mächtiges Thor zu einem zweiten, weiss und roth gepflasterten Hof, auf dem die öffentlicheAudienz-Hallesteht. Die Marmorsäulen, in zwei Reihen angeordnet, tragen auf stilisirten Elephanten-Köpfen ein massives Gebälk, auf dem noch als zweites Stockwerk eine Empore mit durchbrochener Marmor-Arbeit ruht. Die Pracht dieser Halle soll den Neid von Jehangir erregt haben, so dass der damalige Fürst, Mirza Rajah, das Ganze mit Stuck bedecken liess, um sein Werk vor Zerstörung zu schützen.
Aber rasch erfolgte der Verfall des Geschmacks, unter dem europäischen Einfluss. Das Billardzimmer, hinter dieser prächtigen Halle, ist weiss getüncht und mittelst durchbrochener Vorlagen übermalt, wie es bei uns vor Einführung der Papiertapeten üblich war!
Zur rechten Seite der Halle steht ein kleiner Tempel, in dem der blutgierigen Kali oder Durga (Schiwa’s Gattin) jeden Morgen eine Ziege geopfert wird. Der Fürst zahlt monatlich 17 Rupien für die Lieferung der Thiere. Die Priester, aus einer besonderen Kaste, verzehren die besten Stücke und verkaufen den Rest des Fleisches.
Der eigentliche Palast, in den man vom Hofe durch das berühmteThor Jai Singh’seintritt, ein Wunder der Kunst mit durchbrochener Arbeit in den Fenstern und zierlichen Erkern, ist trotz des Verfalls noch bewohnbar und wird auch gelegentlich noch vom Fürsten als Sommer-Wohnung benutzt. In der sogenannten Sieges-Halle (Jai Mandir) ist Fussboden und Wandbekleidung aus Marmor und Alabaster; kleine Spiegel sind überall an Wänden und Decken angebracht, durcheingelegte Spiegelstückchen an den Wänden grosse Verzierungen, z. B. Blumenkörbe, gebildet; ausserdem farbige Vögel, Blumen, Arabesken in die Alabaster-Täfelungen eingelegt.
Von dem platten Dach hat man eine schöne Aussicht auf den See und die verödete Stadt Amber. Hier oben ist auch eine kleine Umfriedigung, die als Privat-Audienzhalle bezeichnet wird, ein lauschiges Plätzchen.
Durch die Rauch- und Wohnzimmer des Maharadscha, welche mit Marmor und eingelegtem Glas geschmückt sind, durch lange gedeckte Gänge, durch grosse mit Perlmutter eingelegte Sandelholzthüren komme ich zu dem Bad, das ganz und gar aus gelblichem Marmor besteht, und zurück zu dem ersten Hof, wo ich mein Frühstück einnehme, mit dem Blick auf die tiefer liegende Stadt, welche durch Herrscherlaune plötzlich entvölkert worden.
Ganz leer ist sie aber auch heute nicht, wie man bei der Durchwanderung sieht. 2000 Arme, sowohl Hindu als auch Mohammedaner, haben in den zerfallenden Häusern sich angesiedelt. Aus dem reich geschmückten Fenster eines ehemaligen Palastes guckt neugierig der Kopf eines Knaben mit struppigem Haar und schmutziger Kappe hervor.[553]Ein Hindu-Tempel steht hier, der nach der Angabe meines Führers 700 Jahr alt sein soll;Murraysagt gar nichts davon: jedenfalls ist er grossartiger, als alle Tempel, die man in der neuen Stadt Jaipur zu sehen bekommt. Der Thurm hat die gewöhnliche Form der Bischofsmütze. Das Innere ist, wie gewöhnlich, dunkel. Davor steht eine offene Halle, deren Säulen reichen Schmuck an grossen und kleinen Figuren (unten an dem Fusse wie oben über dem Knaufe) tragen und oben noch stilisirte Elephanten-Köpfe, deren gewundene Rüssel einander mit den herabhängenden, wie Lotosblumen gestalteten Enden berühren.
Auf der Rückfahrt sehe ich dieDungkuchen-Herstellung, eine Handarbeit, die Aristophanes hätte sehen sollen, ehe er seinen „Frieden“ verfasste. Muntere Mägdelein lesen den Kuhdung von der Strasse auf, bilden geschickt und schnell mit den Händen daraus platte Kuchen, häufen dieselben in Körbe und tragen auf dem Haupte zur Stadt die kostbare Last, welche dem Hindu zur Feuerung dient und das in dem alten Cultur-Land schon sparsam gewordene Brennholz ersetzt. Die Aussen-Wände ihrer Hütten sind wie gespickt mit solchen plattgeschlagenen Kuhfladen, welche dort trocknen, bis sie gebrauchtwerden. Wie die Regierung des Maharadscha väterlich für die Unterthanen sorgt, ersieht man aus zahlreichen fast mannshohen Steinbänken längs der öffentlichen Wege: die auf dem Kopf getragene Last wird bequem abgesetzt und nach der Ruhe ohne fremde Hilfe wieder aufgenommen.
Da ich in der guten Stadt Jaipur zwei volle Nachmittage frei und einen bequemen Wagen zur Verfügung hatte, so beschloss ich hier, in dem ersten einheimischen Staate Indiens, den ich besuchte, den Spuren deraltindischen Heilkundenachzugehen, die vielleicht bis auf unsre Tage sich gerettet: für den Liebhaber der Culturgeschichte eine anziehende Aufgabe.
Die Heilkunde hat in derbrahmanischenZeit selbständig sich entwickelt. Eine gewisse Kenntniss der Zergliederung war nöthig für die Opfer. Die Heilkunde wurde als eine Upa-Veda (oder ergänzende Offenbarung) bezeichnet und unter dem Namen Ayur-Veda (oder Offenbarung vom Leben) denGötternzugeschrieben. Die Krankheitsnamen, die in der Sanskrit-Sprachlehre von Pánini (350 v. Chr.[554]) vorkommen, zeugen für eine alte Pflege der Heilwissenschaft. Fanden doch auch schon die Begleiter Alexander’s ausgezeichnete Aerzte in Indien vor, deren Erfahrung in der Behandlung des Schlangenbisses sie besonders rühmten. Aber die wirklichen Quellen der indischen Heilkunde, die unter dem Namen desSusrutaundCharakaüberlieferten Schriften, gehören denspäterenZeiten der Sútra oder Ueberlieferungen an.Wannsie in der jetzigen Form niedergeschrieben worden, ist noch nicht ermittelt.
Ein gewaltiger Streit unter den Gelehrten ist entbrannt, ob die indische Heilkunde selbständig oder von den Griechen beeinflusst sei. Wie bei den Forschern über Alt-Aegypten, so giebt es bei den über Alt-Indien zwei Parteien: die einen erheben die Kenntnisse ihrer Schützlinge bis in den Himmel, die andern wollen kein gutes Haar an ihnen lassen. Aber die indischen Schriften der Heilkunde, ungleich denen über Sternkunde, erwähnen niemals die Yavana oder Griechen, enthalten auch keinen Kunstausdruck, der auf fremden Ursprung hinweist. Noch wichtiger scheint mir, dass die Inder einzelne Operationen kannten und übten, die den Griechen stets unbekannt geblieben, ja die wir Europäer erst im Anfang dieses Jahrhunderts staunend von ihnen gelernt haben.
Ist auch ihre Krankheitslehre ganz verworren, ihre Kenntniss vom Bau und der Verrichtung des menschlichen Körpers vollkommen ungenügend, ihre Heilkunde mit Bezauberungen und frommen Gesängen verbrämt; so sind doch ihre allgemeinen Regeln staunenswerth und auch noch heute nachahmungswürdig. Der Arzt soll seine Kranken wie seine Kinder betrachten und behandeln. Das vorzüglichste aller Werkzeuge ist die Hand. Nur die Vereinigung der Heilkunde und der Wundarzneikunst bildet den vollkommenen Arzt; ein Arzt, dem die Kenntniss eines dieser Zweige abgeht, gleicht einem Vogel mit nureinemFlügel.
Die Blüthezeit der indischen Heilkunde scheint übrigens mit der des Buddhismus (250 v. Chr. bis 750 n. Chr.) zusammenzufallen. Oeffentliche Krankenhäuser für Menschen und, was für die Entwicklung der Heilkunde gewiss recht wichtig war, auch für Thiere bestanden in jeder grossen Stadt. König Asoka, der Constantin der Buddha-Lehre, der seine vierzehn Befehle durch ganz Hindostan zwischen Peschawar und Orissa auf Felsen und Säulen eingraben liess, gebot in dem zweiten: Regelmässige ärztliche Hilfe für Menschen wie für Thiere ist zu beschaffen, die Landstrassen sind mit Brunnen und Baumpflanzungen zu versehen.
Die Erfahrungen der Jahrhunderte wurden aufgespeichert und bildeten den Grundstock für die erwähnten Schriften.
Als der heutige Hinduismus entstand (750–1000 n. Chr.), und die Kasten sich fester ausbildeten, gaben die Brahmanen die Ausübung der Heilkunde auf. Die Mohammedaner traten an ihre Stelle; arabische Uebersetzungen der indischen Heilschriften waren schon unter den Kalifen von Bagdad (750–960 n. Chr.) angefertigt worden, der Name Charaka kommt oft vor im Avicenna und Rhazes. Persische Auszüge und Uebersetzungen sind vorhanden und mit den indischen Urschriften verglichen worden.
In der Mitte unsres Jahrhunderts haben die Engländer Schulen der Heilkunde in Indien errichtet. Die in Calcutta und Bombay haben englische Vortragssprache und Lehrer. Die letzteren sind gewöhnlich Militärärzte, die eine lange Praxis in Indien geübt, aber darum doch noch nicht immer Lehr-Begabung und theoretische Kenntnisse besitzen. Das konnte ich gelegentlich wohl bemerken.
Ausserdem giebt es noch einige Schulen der Heilkunde mit einheimischer Vortragssprache, z. B. in Lahore und Agra. Im Jahre 1891 waren unter den Studenten der Heilkunde in Indien 1677 Hindu, 336 Mohammedaner, 538 eingeborene Christen, Parsi, Eurasier, Europäer. Mein Gewährsmann für diese Zahlen (Hunter), erwähnt nicht dieweiblichen Studenten, doch habe ich solche in Calcutta gesehen; sie sind für die Behandlung von Frauen und Kindern in Indien recht brauchbar. 228 Schriften zur Heilkunde sind 1890 in einheimischen Sprachen Indiens veröffentlicht worden.
Von allen Leistungen der indischen Wundarzneikunst erregten natürlicher Weise zwei hauptsächlich meine Wissbegier, dieNasenbildungund derStar-Stich.
Wenn auch das Abschneiden der Nase heutzutage nicht mehr, wie früher, alsgesetzliche Strafein Indien vorkommt; so ist es doch nochSittein den einheimischen Staaten, dass der beleidigte Gatte die Ehebrecherin zu Boden drückt und so verstümmelt. Aber nirgends, auch hier in Jaipur nicht, vermochte ich einheimische, ungelehrte Handwerker, welche die Nasen-Neubildung ausüben, aufzufinden, oder von ihnen etwas zu erfahren; die Nasenbildungwirdausgeführt in Indien, aber nicht mehr, wie es am Ende des vorigen Jahrhunderts englische Aerzte als Augenzeugen gesehen, von Mitgliedern derZiegelstreicher-Kaste, sondern von Schülern der englischen Universitäten und Krankenhäuser.
Eines aber wollen die abfällig Urtheilenden unsrer Sanskritgelehrten beachten: die Nasenbildung und die ganze plastische Wundarzneikunst in Europa hat doch erst ihren neuen Aufschwung genommen als jene Kunststückchen der indischen Handwerker bei uns bekannt geworden waren.
DerStar-Stich[555]war den alten Griechen während ihrer Blüthezeit gänzlich unbekannt; weder in den Hippocratischen Schriften noch bei Aristoteles und Plato findet sich eine Spur davon.Celsus(zur Zeit Nero’s) hat nach griechischen Quellen die erste Beschreibung geliefert;Galen(im 2. Jahrhundert n. Chr.) erwähnt, dass es zu seiner Zeit in den Weltstädten Alexandria und Rom Fach-Aerzte für den Star-Stich gab;Paulus von Aegina(im 7. Jahrhundert n. Chr.) hat in seiner Wundarzneikunst eine mustergiltige Schilderung des Star-Stichs und der Vor- und Nachbehandlung, nach den verloren gegangenen Schriften des grossen Galen, uns überliefert. DieAraberdes Mittelalters beschreiben sowohl die griechische Methode des Star-Stichs, mit einer eingestochenen spitzigen Nadel die Linse niederzudrücken, als auch eine zweite, etwas abweichende, erst mit einem Messerchen einenkleinen Schnitt durch die harte Haut des Auges bis in’s Innere anzulegen und darauf mit einer stumpfen Nadel den Star nach unten zu verschieben.
Von den Arabern haben im Mittelalter die Europäer ihre Heilkunde erlernt, etwa seit dem Jahre 1000 n. Chr.; und vier bis fünf Jahrhunderte später, nach dem Wiedererwachen der Wissenschaften, auch Zutritt zu den griechischen Quellen gewonnen; endlich in der Neuzeit ihre selbständige Forschung begonnen. Erst seit zwei Jahrhunderten ist in Europa die Staroperation durch wissenschaftliche Wundärzte den umherwandernden rohen Starstechern entwunden worden.
Erst in unserem Jahrhundert hat man bemerkt, dass das zweite Verfahren der Araber in Susruta’s Werk beschrieben ist. Europäische Aerzte haben diesen indischen Star-Stich von Empirikern in Indien ausführen sehen, auch in West-Asien bis nach Stambul; einzelne wandernde Star-Stecher sind sogar aus Asien nach Europa gekommen, nach Russland, nach England; im vorigen Jahre, grade als ich in Indien weilte, ist ein schlimmer Geselle der Art, Gholam Kader aus Singapur, in Berlin gewesen, hat aber, nachdem er verschiedene Augen zerstört oder geschädigt, unsre Hauptstadt wieder verlassen müssen.[556]
Die so bedeutungsvolle Frage der Geschichte,welchem Volke(oder gar welchem Manne) die Erfindung des Star-Stichs zuzuschreiben sei, scheint mir zur Zeit völlig unlösbar.
Die Griechen dürften es nicht gewesen sei, da sie vor der Zeit ihres Verfalls und der genaueren Bekanntschaft mit den sogenannten Barbaren in Afrika und Asien gar nichts davon wussten. Den Aegyptern es zuzuschreiben ist leicht, aber unwissenschaftlich, da wir gar keine Belege dafür besitzen. Den Indern das zweite Verfahren zuzusprechen ist thunlich, da es ihnen offenbar angehört; das erste kann als eine Vereinfachung aus dem zweiten hervorgegangen sein.
Von wissenschaftlich gebildeten Wundärzten Europa’s wurde beim Greisen-Star der Star-Stich (ungefähr nach dem griechischen Verfahren) bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmässig, seitdem seltner geübt und um die Mitte unsres Jahrhunderts gänzlich aufgegeben zu Gunsten des Star-Schnitts.
Die harte Linse der Greise, wenn sie in die Tiefe versenkt ward, löst sich nicht auf und kann eine dauernde Quelle der Gefahren bilden, so dass die ursprünglichen Verluste des Star-Stichs (15 Procent) beilängerer Beobachtung bis auf 50 Procent ansteigen. Dagegen ist derStar-Schnittdurch Verbesserung der Wundbehandlung sehr sicher geworden, so dass man nur in wenigen (1 bis 2) Procenten Verlust erlebt und bleibenden Erfolg in den geheilten Fällen.
Sowie ich in Calcutta an’s Land stieg, hörte ich von den englischen Aerzten, was ich schon vorher gelesen,[557]dass die unwissenden und unsauberen einheimischen Quacksalber durch ihren Star-Stich die Augen zerstören, und dauernde Erfolge überaus selten seien. Aber, obwohl doch nur diejenigen von den so Operirten das englische Krankenhaus aufsuchen, welche mit den Erfolgen ihrer Star-Stecher unzufrieden sind, konnte ich so erhebliche Misserfolge nicht zu Gesicht bekommen. Bei einer 50jährigen Frau, die vor Jahren mittelst Star-Stichs operirt worden, fand ich gute Sehkraft auf beiden Augen, obwohl die niedergedrückten Stare nicht aufgelöst, sondern mit dem Augenspiegel noch zu sehen waren. Bei einem alten Mann war allerdings der niedergedrückte Star wieder aufgestiegen und sogar vor die Pupille gefallen.
In dem Mayo-Krankenhaus zu Jaipur, das 150 Betten enthält, und unter einem britischen Arzt (Dr. Hendley) steht, traf ich den einheimischen, in der Medicin-Schule zu Lahore gebildeten Hilfsarzt, der viel Selbstbewusstsein zur Schau trug; aber von den im Krankenhaus befindlichen sechs Staren, die er nach europäischer Art durch Schnitt ausgezogen, war nur einer mittelmässig gelungen, vier wenig genügend, einer vereitert. Er behauptete, dass die „Natives“ (ein Wort, das inseinemMund recht sonderbar klang,) nur 1 Procent Erfolg hätten.
Als ich nun eine halbe Stunde später durch das Gewühl der Hauptstrasse von Jaipur fuhr, sah ich hinter einander drei Menschen mit den bekannten dicken Star-Brillen. Eiligst rief ich sie an meinen Wagen und begann sie zu befragen, mit Hilfe meines Führers, dessen Dummheit und mangelhafte Kenntniss des Englischen mir freilich recht grosse Schwierigkeiten bereiteten.
Sie waren zwischen 50–60 Jahren alt. Der eine war vor 16 Jahren nach zweijähriger Blindheit von einem Empiriker in Lucknow vom Star befreit worden. (Wassernannten sie es, wie die Araber im Mittelalter und nach ihnen die Salernitaner.) Beide Augen sahen gut und sahen vorzüglich aus. Der zweite war auf einem Auge vormehreren Jahren operirt worden, das eine Auge sah gut, das andere war noch star-blind. Der dritte war auf dem linken Auge von einem einheimischen Pfuscher operirt worden, mit vorzüglichem Erfolg; auf dem rechten durch Schnitt im englischen Krankenhaus, mit mittelmässigem Erfolg.
Meine Unterredung hatte einen gewaltigen Volksauflauf veranlasst. Die Strasse war fast gesperrt. Ein Mann trat heran, zeigte mir den Star auf seinem rechten Auge und fragte, was er thun solle. Ich erwiederte, er müsse nach dem englischen Krankenhaus gehen. Was die Leute bei diesem Rath dachten, weiss ich nicht; doch konnte ich keinen andern geben.
Meine Neugierde war auf das höchste gespannt, ich wollte einen der geschickten Pfuscher kennen lernen. Sowie ich am nächsten Tage von Amber zurückgekehrt, machte ich mich an das Suchen, aber vergeblich fuhr ich mit dem dummen Führer, der meine Absicht nicht begreifen konnte, durch die Strassen. Endlich kam ich auf den Gedanken, zu dem ersten Barbier des Ortes zu fahren. Ich fand zunächst dessen wohlbeleibten, ältlichen Vater vor dem Laden vollkommen nackt und fröhlich in der Sonne liegen, schüttelte ihm die Hand, und machte dem Sohn durch Gebärden klar, was ich wünschte, und erhielt dann endlich auch die Wohnungsangabe eines Star-Stechers. In einer Nebenstrasse fand ich den kleinen Laden und einen hochgewachsenen, ziemlich gut gekleideten, klug aussehenden Mann von kaum 30 Jahren. Aber seine Instrumente zeigte er mir nicht, mit dem Bemerken, dass er sie zerbrochen und diese Praxis aufgegeben habe; wohl aber wies er mir ein Buch über Augenkrankheiten: „Diseases of the Eye by Hilson, translated into Urdu. Agra 1884.“
In der That ist auf Andrängen des britischen Arztes den einheimischen, ungeprüften Star-Stechern das Handwerk verboten worden, bei 2000 Rupien Geldstrafe.
Zuerst hatte der Künstler mich für einen Späher gehalten, allmählich verlor er sein Misstrauen und erklärte, er würde mir Nachmittags 40 Star-Operirte zeigen. Hier offenbarte sich aber die morgenländische Unzuverlässigkeit.Einerwar da, ein Fünfzigjähriger, auf beiden Augen vor neun Jahren von jenem operirt, — mit gutem Erfolge.
Vergeblich fuhr ich nach dem Gefängniss des Maharadscha, an dem ein einheimischer Arzt wirkt; ich konnte weiter nichts erfahren. (Dagegen sah ich dort, dass die im Krankenhause des Gefängnisses befindlichen Krankenvon ihren Ketten nicht befreitsind! Die Briten, die in so vieles sich mischen, sollten hier Wandel schaffen.) Ich spähte in alle Läden hinein, sah auch eine Sechzigjährige, die vomPfuscher gut operirt war. Ich prüfte alle blinden Bettler auf der Strasse, nachdem ich sie durch doppeltes Almosen willfährig gemacht; bei keinem konnte ich Schrumpfung des Auges durch Star-Stich entdecken.
Somit besteht die seltsame Thatsache zu Recht, dass einige Pfuscher trotz Unwissenheit und Unsauberkeit in vielen Fällen brauchbare Erfolge erzielen.
DasGeheimnissliegt zum Theil darin, dass unter der glühenden Sonne in Indien der Alters-Starzwanzig Jahre früherreift, als bei uns. In Indien ist das mittlere Alter der Operation 40 Jahre, bei mir 62 Jahre. Die Gefahr der Niederdrückung ist im mittleren Alter geringer als im höheren.
Obwohl für uns gar nicht daran zu denken ist, gegen Greisenstar den Stich statt des Schnittes wieder einzuführen, gebietet doch dieGerechtigkeitanzuerkennen, dass in Indien seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, Unzählige dem Star-Stich der Handwerker ihre Sehkraft verdankt haben. Das blosse Verbot ist eine halbe Massregel; man muss besseres an die Stelle setzen: wirklich geübte Wundärzte sind auch für die Millionen der ärmeren Einheimischen zu beschaffen, sowohl in den britischen Besitzungen Ostindiens wie auch in den Schutzstaaten. Ich habe schon erwähnt, dass auf Ceylon der englische Wundarzt eines öffentlichen Krankenhauses die Star-Blinden nicht operiren konnte, da ihm die Regierung für diesen Zweck weder Instrumente noch Arzneien zu liefern gewillt war.