22. Allerlei Hundegeschichten. Richtige Behandlung des Hundes.

Die von Hundebesitzern erzählten Geschichten darf man nicht ohne weitere Prüfung glauben. Dagegen wollen wir wirkliche Tierkenner zu Wort kommen lassen, denn man kann aus ihren Berichten vieles lernen. So schildert ein ostpreußischer Naturforscher seine Hündin »Gretel« infolgender Weise. Zunächst leistet sie auf der Jagd Ausgezeichnetes. Auch außerhalb des regelmäßigen Jagdbetriebes, heißt es weiter, benutze ich »Gretel« zu allerhand Handlangerdiensten. Einige wenige Beispiele mögen das beweisen. Im vorigen Jahre hatte ich auf meinem Teiche junge März-, Pfeif- und Krickenten großgezogen, die nach und nach halb verwilderten, so daß es unmöglich war, die Vögel, denen ich die Flügel gestutzt hatte, im Spätherbste einzufangen. Ich wartete daher, bis die erste dünne Eisdecke gefroren war, die sich gerade stark genug zeigte, um »Gretel« zu tragen. Bei meiner Annäherung watschelten die Enten natürlich auf die Mitte des Teiches hinaus und fühlten sich dort in größter Sicherheit. Diesmal aber hatten sie ihre Rechnung ohne meine Gretel gemacht. »Gretel, hol das Entchen!« Zunächst wurde etwas zaghaft vorwärts geschritten, weil sich das dünne Eis noch bog, dann aber ging's herzhaft weiter, und bald waren die Enten, die sich auf dem glatten Eise nicht schnell vorwärtsbewegen konnten, eingeholt. Nun war es höchst interessant, das Benehmen der Hündin zu beobachten. Sie weiß genau, daß sie jeden Vogel lebendig bringen soll; wenn sie aber einen kräftigen Märzerpel fassen wollte, so schlug dieser so heftig mit den Flügeln und zappelte so sehr, daß er nur durch kräftiges Zufassen zu halten gewesen wäre. Einige Federn stoben schon, und »Gretel« äugte verlegen und unschlüssig nach mir hin, der ich zu weiterem Handeln aufforderte. Da kam ihr der rettende Gedanke. Plötzlich erfaßte sie energisch eine Flügelspitze und führte das sich sträubende Tier zu mir heran, ein Verfahren, das sie übrigens schon öfter angewendet hatte, und zwar bei angeschossenen wehrhaften Vögeln, z. B. großen Möwen. Auch die Pfeifenten wurden noch herangeführt, aber die kleinen Krickentchen ließen sich bequem im Maule herbeitragen. So hatte ich meine Entenschar bald im Korbe versammelt.

Ein andermal wurden mir mehrere junge, lebende Tüpfelsumpfhühner gebracht. Beim Einsetzen in das Vogelhäuschen huscht mir das eine über den Kopf. Eben will ich anfangen mich zu ärgern und drehe mich um, da kommt »Gretel«, die natürlich bei mir war, schon wieder mit dem Ausreißer an, der nun seinen Genossen zugesellt werden konnte. Oder ich bin mit meiner Frau auf dem Spaziergange. Wir haben uns etwas getrennt, und meine Frau winkt oder ruft mir zu, daß sie von mir vielleicht das Messer zum Blumenschneiden oder irgendeinen anderen Gegenstand haben möchte. Sofort tritt »Gretel« ihre Botendienste mit größter Promptheit an. Es ist selbstverständlich, daß sie dann jedesmal ein Blümchen oder einen Zweig als Dank zu ihrer größten Freude zurückbringen darf. Solche kleinen Liebesdienste verrichtete sie sehr gern, weil wir uns den Spaß machen, sie dafür jedesmal maßlos zu loben und uns an dem drolligen selbstgefälligen Wesen unseres Lieblings zu erfreuen. Wenn mir beim Einwickeln von erlegten Vögeln der Sturm etwa das Papier fortweht oder sonst den Hut vom Kopfe reißt, so brauche ich mich gar nicht zu bemühen, brauche nicht einmal ein Wort zu sagen: das Entschwundene wird mir von meiner Gretel prompt wieder zur Stelle gebracht. So könnte ich noch manche Beispiele erzählen, und alles dashaben wir unserem Zögling nicht etwa mühsam beigebracht, sondern das hat er durch den täglichen Umgang alles von selbst gelernt.

Als Hausgenossen könnte man sich keinen liebenswürdigeren, freundlicheren und artigeren Hund wünschen wie unsere »Gretel«. Ein Lästigwerden oder Aerger über Dummheiten, woran es bei einem unerzogenen Hunde sonst nicht mangelt, gibt es nicht. Es mag das mit darin seinen Grund haben, daß das »Paudelwesen« in der Erziehung der »Gretel« eine große Rolle gespielt hat und noch spielt. Damit hat es folgende Bewandtnis. Im Hausflur steht »Gretels« Hauptpaudel, d. h. ein Korb mit Heu, in dem die Hündin während der Nacht schläft. Ferner hat sie aber auch noch in jedem Zimmer eine sogenannte »Paudel« angewiesen erhalten, das ist meist ein Fellteppich. So weiß sie stets wo sie hingehört und braucht sich nicht planlos umherzutreiben, um den Besuch etwa zu belästigen oder am Ofen, oder gar auf den Möbeln herumzuliegen. Der Befehl »In die Paudel!« bedeutet für Gretel vom Herrn weggehen, an den ihr angewiesenen Platz sich begeben und da sich ruhig und artig verhalten, bis sie gewünscht wird. So habe ich's also in der Hand, die Hündin nicht nur an mich heranzurufen, sondern stets auch von mir wegzubringen, was mir schon oft zustatten gekommen ist. Abgesehen davon, daß ich sie so von jedem Punkte des Dorfes nach Hause schicken kann, habe ich auch im Reviere draußen manchen Vorteil davon. Wenn ich dort aufs Gratewohl den Befehl »In die Paudel!« ergehen lasse, dann läuft die Hündin mit eingeklemmter Rute ein Stück von mir fort, macht dann auf Zuruf down (nieder) und verharrt daselbst, solange ich es haben will. Liegt aber etwa mein Rucksack oder irgendein anderer Gegenstand von mir in der Nähe, oder sind wir nicht weit von einem Punkte, wo ich etwa öfter zu rasten pflege, so wird nach ergangenem Befehle diese Stelle als willkommene »Paudel« aufgesucht. –Beim Essen liegt »Gretel« ruhig an ihrem Platze, nie bekommt sie etwas vom Tisch; ja, wenn nicht das Dienstmädchen trotz strengen Verbotes ihr manchmal einen Bissen zusteckte, dann wüßte sie gar nicht, was es zu bedeuten hat, wenn Menschen essen.Ein zudringliches Betteln, ja Herumhopsen um den Tisch, wie ich es von verwöhnten Stubenhunden zu meinem Entsetzen schon gesehen habe, ist ganz ausgeschlossen. So kann man auch draußen auf der Jagd beim Rasten in Ruhe sein Butterbrot verzehrenund braucht nicht zu fürchten, daß einem die Hundenasen daran herumschnüffeln, oder daß einem so ein sogenannter wohlerzogener Jagdhund gegenübersitzt, einem die Bissen in den Mund zählt, während die langen Geiferfäden aus den Mundwinkeln heraushängen, wie ich es bei Hühnerjagden in den Frühstückspausen erlebt habe. »Gretel« liegt oder sitzt bei solcher Gelegenheit ruhig in ihrer »Paudel«, d. h. ein Stück von dem Essenden entfernt, und erwartet gar nicht, daß sie etwas bekommt. – Es wäre sehr schön, wenn alle Menschen ihre Hunde so erzögen, wie es hier geschildert worden ist. Dann würde es viel weniger Hundefeinde geben. Aber um einen Hund zu erziehen,muß man selbst erzogen sein. Und da hapert es eben. Nicht mit Unrecht gilt das Sprichwort: Wie der Herr, so das Gescherr.

Ueber die Bestrafung des Hundes wäre folgendes zu sagen: Ein Hund darf, wenn er wirklich Strafe verdient hat, nur auf frischer Tat und auf eine solche Weise bestraft werden, daß er wirklich weiß, wofür er die Strafe bekommt. Geschlagen darf er nur werden, wenn an eine Hilfe durch andere Mittel nicht zu denken ist; die Hiebe muß er aufs Hinterteil bekommen, während er im Genick, womöglich auf den Boden gedrückt, festgehalten wird. Bei großen Hunden, die zum Beißen neigen, muß man besondere Vorkehrungen treffen. Zausen oder treten darf man ihn nicht, ebenso nicht mit der bloßen Hand schlagen, da er sonst handscheu wird. Tückisch darf man nie zu Werke gehen. Um ihn zu gewöhnen, daß er auf den Ruf jedesmal kommt, ist es ein gutes Mittel, daß man ihm recht sowie er auf den Ruf kommt, einen Leckerbissen gibt. Auch kann man ihn auf dem Rücken gegen den Strich der Haare mit den Fingern tüchtig krabbeln, denn das liebt er sehr. Da Hunde beim Stehen leicht ermüden, so ist es eine zweckmäßige Strafe, sie hoch anzubinden, so daß sie sich nicht hinlegen können. Dagegen ist das Einsperren in eine dunkle Kammer bei einem Nachttier wirkungslos.

Ueber Eingewöhnung fremder Hunde auf dem Lande werden folgende Ratschläge erteilt:

Ist ein neugekaufter Hund angelangt, so vernichtet man ihm für zwei bis drei Monate, jedenfalls bis er ganz eingewöhnt scheint, jede Aussicht auf Entwischen, füttert und tränkt ihn wenig, damit er alles Dargebotene dankbar annimmt, und läßt ihm durch alle Mitglieder der Familie oftmals am Tage etwas darreichen; abends bekommt er womöglich einige bei Nacht zum Zeitvertreib zu benagende Knochen. Hat er erst in seiner neuen Behausung eine Knochensammlung, so gewinnt er die Heimstätte lieb. Als Streu muß er tüchtige Bündel Stroh bekommen, das aus den Betten der Hausbewohner entnommen ist. Auf diese Weise lernt er den Hausgeruch kennen.

Kommen neue Dienstleute oder sonstige Leute für längere Zeit ins Haus, wo sie bei Tag oder Nacht dem Haus- oder Hofhunde begegnen können, so werden sie diesem erst vorgestellt, nachdem sie selber erst einige Nächte in Betten geschlafen haben, die schon länger im Hause benutzt sind.

Alle diese Vorsichtsmaßregeln, die schon über hundert Jahre alt sind, werden nur begreiflich, wenn man weiß, daß der Hund ein Nasentier ist.

Wir Menschen reden von den Unarten der Haustiere als etwas ganz Selbstverständlichem. Wir nennen eben einfach alles, was uns nicht paßt oder Schaden zufügt, eine Unart oder Untugend, genau wie wir von schädlichen oder nützlichen Tieren sprechen. Wenn der Hund verwestes Fleisch frißt, so bezeichnen wir das als eine Unart, obwohl das Tier nur seinem Triebe folgt und eine ihm vollständig zusagende und bekömmliche Nahrung zu sich nimmt. Ob Tiere überhaupt Unarten an sich haben, bedarf noch sehr der Aufklärung. Richtiger spricht man in solchen Fällen von Unbequemlichkeiten. Diese müssen wir Menschen, die wir von den Haustieren Nutzen ziehen, in den Kauf nehmen. Natürlich werden wir sie nach Möglichkeit zu verringern suchen.

Selbst auf dem Lande hat man mit Hunden manchmal große Unannehmlichkeiten. Der vorhin erwähnte Naturforscher, der so schön über die richtige Bestrafung der Hunde zu reden weiß, erzählt von seinen Hunden folgendes:

Als ich mir mein Haus in Thüringen gebaut hatte, hielt ich mir anfangs einen sehr wachsamen und scharfen Hühnerhund nebst zwei ganz kleinen, niedlichen Spitzchen. Der erstgenannte war den Tag über in einem eigenen Stalle, die Spitzchen steckten auf dem Hofe in einem großen Vogelbauer, worin sie, so oft ein Fremder kam, einen solchen Lärm machten und vor Bosheit so grimmig in die daumendicken Holzstäbe des Käfigs bissen, daß ich immerfort neue einziehen mußte, wenn die alten zerbissen waren. Ueber Nacht waren alle drei auf dem Hofe los, und machten, so oft sich jemand dem einsam zwischen Gärten liegenden Hause nahte, einen ungeheuren Lärm. Die feinsten Sinne hatte der Hühnerhund. Kam ich abends von der Stadt und ging um die Ecke eines 160 Schritte von meinem Hofe entfernten Stalles, so wußte er in dieser Entfernung genau meinen Tritt zu unterscheiden und winselte vor Freuden; kam aber jemand anderes um besagte Ecke oder anderswoher auf 200 bis 300 Schritte Entfernung, so schlug er laut und drohend an. Verstellte ich meinen Schritt absichtlich, so bellte er, wenn er im Oberwinde stand, auch bei mir. Weil es um meine Wohnung her über Nacht von Hasen, Rehen und Hirschen wimmeln, so durften die Hunde, weil sie sonst Hetzjagden gehalten, dabei auch wohl Menschen angefallen haben würden, nicht vom Hofe. Einstmals hatte ich vergessen, abends das Türchen zu schließen, durch welches bei Tage die Hühner ins Freie gingen. Als ich frühmorgens aufstand, fand sich's, daß es der große Hund mit seinen gewaltigen Zähnen erweitert hatte und mit den zwei Zwergen ausgerückt war. Die ganze Schar war verschwunden und mochte über Nacht eine tolle Hetze gehalten haben. Ich erließ in der Zeitung eine Anzeige und durchsuchte alle benachbarten Dörfer. Nach acht Tagen bekam ich die zwei Spitzchen wieder; man hatte sie am zweiten Tage eine Stunde von hier ganz ermattet angetroffen und in ein Haus gelockt. Den großen Hund, der sich wohl durch seine Schnelligkeit und größere Hetzbegier von den Zwergen verloren hatte, erhielt ich einige Tage später zurück. Er hatte sich etwa am sechsten Tage nach seiner Abreise abgehungert und todmüde in die Stadt Waltershausen begeben und anfangs jedem, der sich ihm nahte, die Zähne gezeigt. Endlich wurde er mit Futter in ein Haus gelockt, hatte dort aber gleich bei der Mahlzeit geknurrt und um sich gebissen, so daß die Leute, um ihm gute Sitte beizubringen, ein schweres Holzscheit ergriffen und es ihm auf Kreuz und Schenkel warfen. Er war zusammengebrochen und 14 Tage völlig lahm, aber demütig geworden. Ich erfuhr, wo er war, holte ihn zurück, er erholte sich, war aber von nun an ganz umgewandelt.

An die Bewachung des Hauses, welches er zwei Jahre lang aufs Treuste besorgt hatte, dachte er nicht im geringsten mehr, er sann nur aufs Durchbrennen und Jagen. Gleich am ersten Abend, wo ich ihn wieder auf den Hof ließ, begann er an dem Hühnertürchen zu arbeiten. Ich gab ihm ein paar Hiebe, er setzte sich mürrisch in eine Ecke, lauerte, bis ich beim Schlafengehen das Licht ausgemacht, begann nun die Arbeit von neuem, wühlte sich unter dem Geländer ein großes Loch, ging hinaus ins Freie und jagte nach Herzenslust. Den anderen Tag nahm ich ihn beim Kragen, führte ihn an seine Grube, verwies ihm das Wühlen, gab ihm einige Hiebe und brachte ihn dann wie gewöhnlich in seinen Stall. Die nächste Nacht machte er ein neues Loch, da das alte fest verrammelt war, und brach wieder durch. Er bekam Hiebe, und ich ließ nun rings inwendig am ganzen Geländer hin 5 Zentimeter dicke und 50 Zentimeter lange Pflöcke dicht nebeneinander in die Erde schlagen. Aber das half nichts. Er wühlte einen Schuh tief, packte die Pflöcke dann mit den Zähnen, zog sie heraus und wühlte dann weiter. Ich ließ eine doppelte Reihe schlagen; auch das half nichts. So hatte er sich sechs Nächte hintereinander mit gewaltiger Kraft durch den festen Tonboden und die Pfähle durchgearbeitet und jeden Tag seine Hiebe entgegengenommen, und ich sah wohl, daß die letzteren keine guten Früchte trugen. Daher ließ ich das letzte Loch offen, nagelte daneben zwei wagerecht liegende Bretter sehr fest, ließ zwischen ihnen über der Mitte der Grube 12 Zentimeter Raum und stellte unter diese Oeffnung eine starke eiserne Marderfalle. Abends lasse ich den Hund los. Er geht wie gewöhnlich mit unschuldiger Miene, ohne nach dem Loche zu gucken, auf dem Hofe herum, verzehrt sein Abendbrot mit gutem Appetit, wartet ab, bis ich das Licht lösche, eilt dann zum Loche, steckt die Tatze hinein und wup! da schlägt's unten zu und er sitzt in einer abscheulichen, furchtbar zwickenden Klemme. Unter lautem Jammergeschrei sucht er sich zu befreien, zerrt nach oben, die Bretter leisten der Falle Widerstand; er stemmt sich mit dem freien Fuß und zieht nach einer Gefangenschaft, die zehn Minuten gedauert hat, die Pfote glücklich heraus. Am folgenden Morgen hatte er ein sehr schwermütiges Gesicht und eine lahme, geschwollene, geschundene Pfote. Ich ließ ihn ruhig in seinem Stalle und dachte: »Da hast du nun genug daran!« Er hatte nun auch wirklich die Lust zum Wühlen, jedoch nicht die zum Jagen verloren. Dies mußte ich gleich in der ersten Nacht zu meinem eigenen Schaden gewahren, denn er biß in das auf dem Hofe stehende Vogelhäuschen, das er zwei Jahre lang nie angetastet hatte, ein großes Loch, ging hinein und würgte zwölf Vögel. Am folgenden Tage gab's Hiebe zum Frühstück, das Häuschen ward sogleich ausgebessert, zu den wenigen Vögeln, die er nicht hatte erhaschen können, einige neue getan und rings ein Geländer gebaut. Das tat für einige Tage gut, aber sobald seine Pfote gesund war, benutzte er sie, wühlte sich unten hinein und mordete wie zuvor. Am folgenden Morgen regnete es Hiebe, das Häuschen ward ausgebessert, neu bevölkert und die Marderfalle hineingehängt. Die folgende Nacht war mondhell, und es machte mir viel Spaß, da ich ihn, wer weiß wie lange, schüchtern um das Vogelhäuschen herumgehenund nach der verhängnisvollen Falle gucken und schnuppern sah. Die Vögel waren nun sicher, der Hund mußte aber, sobald ich seine Stelle durch einen neuen ersetzt hatte, weg.

Auch in diesem Falle sehen wir wieder, wie unausrottbar dem Jagdhund die Jagdleidenschaft im Blute steckt. Aber können wir uns über seine »Unarten« wundern? Wir Menschen haben ja erst dieser Hunderasse die Jagdleidenschaft künstlich angezüchtet.

Die deutsche Dogge gilt im allgemeinen für kein besonders kluges Geschöpf. Wir schätzen wohl ihre Stärke, aber wenn wir einen klugen Hund haben wollen, nehmen wir lieber einen Pudel oder eine andere Hunderasse.

Um so mehr wird es uns in Erstaunen versetzen, was ein durchaus wahrheitsliebender Mann von seiner Dogge erzählt. Unser Gewährsmann, der als Rektor einer Schule in nicht recht geheuerer Lage vor dem Tore einer großen Industriestadt Deutschlands lebte, hielt es für nötig, sich zum Schutze der Familie und des Hauses einen tüchtigen Hund anzuschaffen. Meine Wahl fiel, erzählt er, auf eine fünf Monate alte schwarze deutsche Dogge, deren Eltern infolge ihrer Größe, Intelligenz und Treue bei den Hundeliebhabern der ganzen Umgegend in hohem Ansehen standen, zugleich aber auch wegen ihrer Bösartigkeit gefürchtet waren. Als ich den Hund ins Haus brachte, war man über sein täppisches Wesen und seinen bösen Blick nicht sonderlich erbaut. Er hatte sein Leben bisher in einem einfachen Hofe zugebracht, selten einen fremden Menschen gesehen, niemals ein Zimmer betreten, war daher vollständig verblüfft, als ich ihn in die Wohnstube führte, und nicht von der Stelle zu bewegen, nachdem er seine Beine, um größeren Widerstand leisten zu können, wie ein Sägebock auseinandergespreizt hatte. Nach Verlauf einiger Stunden legte er sein unbeholfenes Wesen aber schon etwas ab und fühlte sich in seinen neuen Verhältnissen ziemlich heimisch und erhielt den Namen »Tom«. Trotz der armseligen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen, hat sich Tom niemals die geringste Unreinlichkeit zuschulden kommen lassen ... Selbstverständlich wurde er mein beständiger Begleiter auf meinen täglichen Ausflügen. Hier entwickelte er eine ungeahnte Lebhaftigkeit und Regsamkeit seines Wesens. Da ich mich selbst mit ihm nur wenig beschäftigte, verschaffte er sich auf eigene Art und Weise allerlei Kurzweil, verfolgte vorzugsweise mit unausgesetzter Aufmerksamkeit alles Tun und Treiben der Menschen und griff ohne weiteres in dasselbe ein, sobald es ihm unstatthaft erschien. Zank und Streit waren ihm z. B. höchst zuwider. Selbst wenn ziemlich weit entfernte Personen in heftigen Wortwechsel miteinander gerieten, stürzte er auf sie zu, stellte sich knurrend und zähnefletschend zwischen die Streitenden und brachte sie bald auseinander.... Am meisten ärgerte er sich, wenn Fuhrleute ihre Pferde mißhandelten. Zunächst nahm er in drohender Haltung neben den gequälten Tieren Stellung; wagte ihr Peiniger dannnur noch einen Schlag, so wurde er mit solcher Heftigkeit zu Boden geworfen, daß ihm Hören und Sehen verging. Sah er dagegen, daß jemand kaum imstande war, einen schwer beladenen Schubkarren von der Stelle zu bringen, so eilte er hilfreich hinzu, erfaßte den Bock des Fuhrwerkes mit den Zähnen und zog, mit rückwärts gerichtetem Körper, aus Leibeskräften.

Seiner gewaltigen Größe entsprach auch seine Körperkraft. Spielend trug er z. B. einen Henkelkorb von einem halben Zentner Gewicht weite Strecken. Einen wütenden, drohend auf mich zuschreitenden Ochsen, der mit einer Anzahl Kühe zur Weide getrieben wurde, hielt er so nachdrücklich am Halse fest, daß das Tier vor Schmerz laut aufbrüllte und entsetzt davonlief, als es von seinem Angreifer befreit wurde. Die Wände einer starken, aus neuen Brettern hergestellten Transportkiste, in welcher »Tom« einmal versandt werden sollte, und von welcher der Schreiner meinte, dieselbe sei für einen Tiger fest genug gearbeitet, zermalmte er schon auf der kurzen Strecke bis zum Bahnhofe zu Spänen. War er im Begriffe, sich auf einen Gegenstand zu stürzen, der ihn in Wut versetzte, vermochte ihn selbst der stärkste Mann nicht zu bändigen; er wurde wie ein Kind umgerissen und fortgeschleift.

An allen Familienerlebnissen nahm er wie ein Mensch Anteil. Wurde z. B. jemand bettlägerig, so saß er stundenlang an dem Lager des Kranken, schaute unverwandt nach dessen Angesicht und legte seine Schnauze oder Pfote leise auf die ihm entgegengestreckte Hand, um sein Mitleid auszudrücken.... Traf eine Postsendung von einem in der Ferne weilenden Kinde ein, so konnte er vor Freude kaum die Zeit erwarten, bis der Inhalt ausgepackt wurde, ergriff dann den ersten besten zum Vorschein gekommenen Gegenstand und eilte damit zu allen Familienangehörigen im Hause, die beim Auspacken nicht zugegen waren, um sie auf diese Weise von dem frohen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Kehrte ein längere Zeit abwesendes Familienmitglied von der Reise zurück, während ich mich in der Schule befand, so eilte er sofort dahin, obgleich er es sonst nicht wagte, mir dort einen Besuch zu machen, und suchte, indem er mir Stock und Hut herbeitrug und sich vor Freude wie unsinnig gebärdete, mich zum Fortgehen mit ihm zu bewegen. Gelang ihm dieses, so stürzte er vor mir ins Haus und brachte mir irgendein Besitztum des Angekommenen entgegen, um mir anzudeuten, weshalb er mich geholt. Reiste dagegen ein ihm lieber Besuch wieder ab, so suchte er die Abfahrt zu verhindern, schleppte das Reisegepäck wieder aus dem Abteil und verfolgte den abfahrenden Zug eine weite Strecke mit Bellen und Heulen. Bei schweren, Kraft beanspruchenden Verrichtungen im Hause war er stets mit seiner Hilfe bereit; so trug er z. B. Kartoffeln und Kohlen im Henkelkorb aus dem Keller, beförderte die Waschkörbe nach der Bleiche und der Mangel usf.; besaß überhaupt das Bestreben, jedem nach eigenem Wunsch und Gefallen zu leben. Kein Wunder daher, daß er bald der Liebling der ganzen Familie, besonders der weiblichen Mitglieder des Hauses, wurde, die ihn freilichleider auch mit der Zeit verhätschelten und angenommene Unarten, die später viel Verdruß und Aerger bereiteten, anfangs als interessante Eigenheiten belachten, anstatt sie zu bestrafen. Fühlte er sich z. B. auf seinem harten Lager, einer Strohmatratze, unbehaglich, so pflegte er während meiner Abwesenheit auf meinem Sofa der Ruhe; vereitelten ihm absichtlich darüber gebreitete harte Gegenstände sein Vorhaben, so nahm er auch mit dem härteren Sofa in der Kinderstube vorlieb. Auf diesem hatte er mit Erlaubnis die bekannte Kinderkrankheit, der die meisten jungen Hunde unterworfen sind, in schwerer Weise überstanden, wurde aber nach derselben ebenfalls nicht mehr darauf geduldet. Ueberrumpelte man ihn dennoch ein oder das andere Mal auf der verbotenen Ruhestätte und rief ihm dann zu: »Tom bist du krank?« so blieb er ruhig liegen, schloß die Augen, stöhnte und ächzte laut, so daß jeder Fremde, der seine Verstellungskünste nicht kannte, annehmen mußte, er liege im Sterben. In der Regel gelang es ihm aber, sich, ehe die Tür geöffnet wurde, mit einem Satze vom Sofa zu schnellen; in diesem Falle stellte er sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt daneben, suchte seine Verlegenheit durch lautes Gähnen und Dehnen seines Körpers zu vertuschen und war, wenn er nicht ausgescholten wurde, überzeugt, seine List sei ihm geglückt. Natürlich nahm er dann sein Ruheplätzchen von neuem ein, sobald er sich wieder allein im Zimmer befand. Gelang es ihm nicht, ein Sofa zu erobern, so begnügte er sich mit einem weichen Kopfkissen, indem er sich einen Puff von einem Sofa oder ein Paar Strümpfe aus dem Strumpfkorbe im Nebenzimmer auf sein Lager herbeiholte. Die wollene Decke, welche über das letztere gebreitet war, glättete er mit Hilfe von Nase und Pfoten mehrmals täglich so sorgfältig, daß sie nicht das geringste Fältchen zeigte; auch reinigte er sie von Zeit zu Zeit von dem auf ihr haftenden Staube, indem er sie mit den Zähnen faßte und heftig hin und her schüttelte.

Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm die Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit dem sie sich gerade bei ihrer Handarbeit beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel usw., heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinem großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten meine Töchter dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht; er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: »Tom, weißt du denn nicht, wo ... hingekommen ist?« War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, so kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt, und er mit einem Blicke auf die Mädchen sich überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen, schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und aufseinen Platz zurückzukehren. Unglaublich war sein schnelles Verständnis für unsere Wünsche und Befehle. Es sei mir gestattet, nur einige Tatsachen als Beleg anzuführen. Einmal hatte er mit seinen schmutzigen Füßen das frisch gescheuerte Wohnzimmer arg verunreinigt. Er wurde auf sein Vergehen aufmerksam gemacht, ausgezankt, vor die Tür gewiesen und belehrt, wie er sich auf der vor derselben liegenden Strohdecke zu reinigen habe. Seitdem hat er sich nicht wieder erlaubt, eher einzutreten, als bis er seine Füße selbst nach Möglichkeit vom Schmutze befreit hatte. Fehlte zufällig der Abtreter, so bellte er bittend so lange vor der Tür, bis jemand mit einem Lappen herauskam und ihm die Füße, die er dann der Reihe nach aufhob und zum Reinigen hinhielt, abrieb. Obgleich er die Schule aus eigenem Antriebe zu allen Tageszeiten besuchte, um die aus den Papierkörben von dem Kastellan gesammelten Brotreste in Empfang zu nehmen, wagte er es niemals, wie bereits erwähnt, mir dort einen Besuch abzustatten. Rief man ihm dagegen zu Hause zu: »Tom! lauf schnell nach der Schule und hole den Papa!« so stürmte er zunächst nach meinem Zimmer im Schulgebäude; fand er mich hier nicht, so ergriff er meinen Hut und brachte ihn nach dem Zimmer, in welchem ich mich gerade aufhielt.

Leider besaß der Hund, wie bereits mitgeteilt, neben seinen glänzenden Eigenschaften auch verschiedene üble Angewohnheiten, die schon in seiner Jugendzeit das von ihm entworfene Bild wie vereinzelte dunkle Punkte trübten, mit seinem fortschreitenden Alter zum Teil aber einen solchen unheilvollen Charakter annahmen, daß sie das Zusammenleben mit ihm immer mehr verleideten. Schon die Gier, mit welcher er trotz seiner reichlichen Fleischkost dem Aas nachstellte, das sich häufig unter dem Miste auf dem Felde befand, machte die Spaziergänge in seiner Gesellschaft oft unerträglich ..... Während seiner Jugendzeit durften die Mädchen sich unbedenklich den Scherz erlauben, in seiner Gegenwart einem beliebigen Gegenstand in recht sichtbar zur Schau getragenen Weise zu schmeicheln und ihn zu liebkosen; er knurrte und bellte wohl diesen heftig an, zeigte jedoch durch sein komisches Gebärdenspiel, daß der an den Tag gelegte Zorn nur ein erkünstelter war; aber schon nach wenigen Jahren nahm sein Wesen bei diesem Spiele einen solchen bedrohlichen Charakter an, namentlich wenn es Menschen oder Tiere waren, die ihm bevorzugt wurden, daß man es aufgeben mußte, um nicht ein Unglück heraufzubeschwören ... Zugleich nahm er ein immer unfreundlicheres und mürrischeres Wesen gegen die Kinder an und zeigte sich selbstbewußter in seinem Auftreten erwachsenen Personen gegenüber. Während er früher z. B. den Schulkastellan durch Schmeicheleien zum Oeffnen der die Leckereien enthaltenden Schublade zu bewegen suchte, packte er ihn später, wenn er ihm nicht augenblicklich zu Willen war, mit allen Zeichen wirklichen Zornes am Arme und zog ihn mit Gewalt nach derselben. Hatte er sich in seinen ersten Lebensjahren außerordentlich feinfühlig gezeigt, so daß ihn ein unfreundliches Wort bitter kränkte, nahm er von den Meinigen jetzt Schelte und selbst Prügel mit völliger Gleichgültigkeit hin und drohte zu beißen, wenn ihm die Behandlung nicht paßte. Nur mirgehorchte er noch unbedingt und ertrug demütig die ihm wegen seines widerspenstigen Wesens erteilten Züchtigungen. Seine Anhänglichkeit und Sorge für mich schien sogar mit seinem Alter zuzunehmen.

Er stand jetzt in seinem siebenten Lebensjahre. Was bewährte Kenner der Hunderassen mir längst vorhergesagt hatten, traf ein: sein ursprüngliches bösartiges Naturell, das Erbteil seiner gefürchteten Eltern, scheinbar durch den stetigen, jahrelangen Verkehr mit Menschen ertötet, kam wieder zum Durchbruch, sobald er gereizt wurde .... Da veröffentlichten die Zeitungen in kurzer Zeit hintereinander zwei Fälle, in welchen deutsche Doggen sich wie wilde Bestien gegen ihre eigene Herrschaft benommen hatten ..... Wie ein drohendes Gespenst verfolgte von jetzt ab mich Tag und Nacht der Gedanke, welche Schuld ich auf mich laden würde, wenn durch Tom ein ähnliches Unglück herbeigeführt werden sollte. Trotzdem er mir unentbehrlich geworden, konnte ich mich der Ueberzeugung nicht verschließen, es sei unbedingt notwendig, mich von ihm zu trennen. Ihn für schnödes Geld fremden Händen zu überlassen und einer ungewissen Zukunft preiszugeben, würde mir wie ein Verrat an meinem besten Freunde erschienen sein; ich beschloß daher, ihn an eine befreundete Person, welche sichere Garantie für eine liebevolle Behandlung bot, zu verschenken.

Vorstehendes berichtet ein Schulmann, der Anspruch auf Glaubwürdigkeit hat. Trotzdem wollen mir zwei Angaben nicht in den Kopf, weil ich sie in meinem langen Leben, während dessen ich unzählige Hunde beobachten konnte, niemals von anderen Tieren gesehen, ja nicht einmal davon gehört habe. Einmal hat sich die Dogge die Füße vor der Tür gereinigt. Wie schön wäre es, wenn auch nur die klugen Hunde, wie Pudel, Schäferhunde usw., das nachmachen würden. Ferner hat die Dogge Sinn für Humor gehabt, indem sie gewissermaßen mit dem Verstecken des Knäuels einen Witz machte. Humor ist mir unter den Säugetieren nur bei den Affen bekannt, niemals bei den Hunden. Uebrigens wird auch hier das Aasfressen für eine Unart gehalten, was es gar nicht ist.

Dagegen sind die von mancher Seite angezweifelten Angaben über die Bereitwilligkeit zum Beistand und die Neigung zur Verstellung durchaus glaubhaft. Es sollen dafür noch andere Beispiele angeführt werden.

Von den Fällen, wo Hunde sich verstellten, seien hier folgende angeführt:

1. Ich besaß, schreibt ein Naturforscher, einen rauhhaarigen Hund, Pintsch genannt, der in ausgezeichnetem Grade log. Pintsch vertrieb sich die Zeit sehr gern mit »Bummeln«, wußte auch sehr wohl, daß er das nicht durfte, und kam infolgedessen nicht offen von seinen Spaziergängen nach Hause, sondern schlich sich heimlich ein. Dann aber, wenn er im Hause war, ging er meist nicht auf geradem Wege zu den Menschen, sondern machte folgendes Kunststück: er stieg, immer noch heimlich, auf den Speicher oder an eine andere versteckte Stelle, wartete, bis er unten im Hause jemand sprechen hörte und kam dann, tapp, tapp, mit unschuldigsterMiene die Treppe herab. Sein späterer Besitzer bestätigte mir diese Beobachtung, ohne von mir darauf aufmerksam gemacht worden zu sein; so auffallend war die List, womit er seinem Herrn weiszumachen strebte, daß er den ganzen Tag im Hause verschlafen habe.

2. Es waren in einem Gasthause verschiedene Hunde, die sich alle Winterabende um das Kaminfeuer in dem Gastzimmer herumlagerten, doch so, daß sie den Gästen nicht im Wege waren. Einer von diesen Hunden, der sich gewöhnlich immer später als die anderen einfand, mußte mit einem entfernten Platze vorlieb nehmen. Bisher hatte er immer Geduld gehabt; an einem Abend aber, an welchem die Kälte ihm wahrscheinlich zu unerträglich war, ersann er folgenden listigen Streich, der ihm auch vollkommen gelang. Nachdem er sich einige Zeit zur Rechten und zur Linken umgesehen hatte, um ein Plätzchen in der Nähe des Feuers zu bekommen, aber seine Absicht nicht erreichen konnte, verläßt er auf einmal das Zimmer, läuft nach der Haustür und fängt an, aus allen Kräften zu bellen. Augenblicklich machen sich alle Hunde im Zimmer auf die Beine, laufen und bellen, so gut ein jeder kann. Der Hund, der das Zeichen gegeben hatte, ließ sie gehen, kam mit einer triumphierenden Miene zurück und suchte sich die beste Stelle beim Feuer aus. Seit der Zeit bediente er sich zur großen Belustigung der Gäste jedesmal, wenn er es für nötig fand, dieses Kunstgriffes und verfehlte nie seinen Endzweck.

3. Den gleichen Kunstgriff wandte ein kleiner gieriger Hund an, um dem großen Hausgenossen das Futter zu stehlen. Nachdem er seine Mahlzeit verschlungen hatte, lief er bellend zum Tore, gefolgt von dem Bernhardiner. Heimlich ging er zurück und fraß das Futter des Großen. Am vierten Tage kam der Bernhardiner hinter den Schlich des Kleinen und hätte ihn zuschanden gebissen, wenn der Hausherr nicht dazwischengetreten wäre.

Ueber Beistand, den die Hunde einander leisten, schreibt der vorhin erwähnte Besitzer von Pintsch folgendes: Meiner Wohnung gegenüber lag der Hund eines Bierwirts, ich will ihn Boxer nennen, häufig auf der Straße und sonnte sich. Boxer war ein ungeschlacht aussehendes Vieh, von dem ich nichts kannte als die Kraft seiner Zähne; die Lastträger, welche bei seinem Herrn verkehrten, belustigten sich öfter damit, ihn in einen vorgehaltenen Strick beißen zu lassen und ihn dann an diesem herumzutragen, was er beliebig lange aushielt. Eines Tages kam ein fremder kleiner schwarzer Hund durch das Stadttor gelaufen, und wie das zu geschehen pflegt, wurde er sofort von den kleinen Kötern, denen er in den Weg lief, angebellt. Bald stellten sie ihn; gerade unter meinem Fenster blieb das schwarze Tierchen ängstlich stehen, und um ihn bildete sich ein Kreis, bestehend aus allen kleinen Hunden der Nachbarschaft, die ihn feindselig ankläfften und berochen. Er war augenscheinlich in großer Not, und schon wollte ich mit einem Wurfgeschoß zu seinen Gunsten einschreiten, da erhob sich Boxer, der auf der anderen Seite der Straße lag, aus seiner faul behaglichen Ruhe, schritt herzu, durchbrach den Kreis der Kläffer und stellte sich breitbeinig mitten über den kleinen schwarzen Hund! Boxer sagte nichts dazu, aber er warf einen Blickrings um sich, solch einen Allgemeinblick, wie ihn kein ernster Schauspieler beredter und verächtlicher loslassen kann! Die würdige Haltung stand zwar zu seinem ziemlich gemeinen Gesichtsausdruck in einem außerordentlichen Widerspruch, der zum Lachen reizte, aber sie wirkte unübertrefflich; in wenigen Sekunden war die Meute der Angreifer nach allen Richtungen zerstoben, und Boxer blieb mit seinem Schützling allein. Einige Augenblicke ließ er diesen noch unter sich stehen, dann zog er schwerfällig sein rechtes Vorderbein über dessen Rücken weg, wandte sich und suchte, ohne umzuschauen, sein früheres Lager wieder auf. Der kleine Schwarze aber lief fröhlich davon.

Aehnliche Fälle, wo Hunde dem Menschen oder anderen Hunden oder Tieren Beistand geleistet haben, kann man nicht selten beobachten. Beistand und Verstellung sind dem Hunde naturgemäß, weil sie beide ihm in seiner früheren Lebensweise angeboren waren. Von jeher mußten sich die einzelnen Glieder eines Rudels im Kampfe gegen wehrhafte Pflanzenfresser beistehen. Aber auch die Verstellung ist ihm etwas Natürliches. Noch heutigen Tages schleppen die Schakale eine Beute ins Gebüsch und sehen erst mit der harmlosesten Miene nach, ob die Luft rein ist. Es könnte ja sonst sein, daß ihnen ein Mensch oder ein großes Raubtier die Beute entrisse. Da ferner der Leiter des Rudels als unbeschränkter Herrscher diejenigen straft, die sich seinen Befehlen nicht fügen, so hat sich der Hund von jeher daran gewöhnt, seinen Gebieter durch Verstellung zu täuschen.

Ueber Polizei- und Blindenhunde ist schon an einer früheren Stelle gesprochen worden. Allgemein dürfte bekannt sein, daß im Weltkriege viele Soldaten durch Sanitätshunde gerettet worden sind.

Die Sanitätshunde haben ihre Vorläufer in den sogenannten Bernhardinerhunden. Das Ueberschreiten des Bernhardpasses ist wegen der Unbilden der Witterung sehr gefahrvoll. Deshalb besteht dort ein Hospiz zur Pflege und Rettung der Reisenden. Jeden Tag gehen zwei Knechte mit Hunden über die gefährlichen Stellen des Passes. Groß ist die Zahl der durch diese klugen Hunde Geretteten. Der berühmteste Hund der Rasse war Barry, das unermüdlich tätige und treue Tier, das in seinem Leben mehr denn vierzig Menschen das Leben rettete. Er ist im Museum von Bern ausgestellt.

Ueber die Leistungen der Jagdhunde soll im zweiten Bande gesprochen werden, wo die heimische Tierwelt geschildert wird.

Für den Landbewohner sind außer den Wachhunden am wichtigsten die Hunde zum Treiben des Viehs (Fleischerhunde) und die Hunde zum Bewachen des Viehs, namentlich der Rinder und Schafe (Hirtenhunde). Ueber diese Hunde wäre folgendes zu sagen:

Man hat den Fleischerhund am liebsten schwarz oder braun. Ein guter Fleischerhund ist in seiner Pflicht unermüdlich, läuft unaufhörlich hinter dem Vieh, das er vor sich hertreibt, hin und her; geht ein Ochse durch und läßt sich nicht zurücktreiben, so springt er ihm an die Schnauzeund hängt sich mit den Zähnen daran fest. Schweine packt er am Ohr, was er teils von selbst tut, teils bei einiger Anleitung an kleineren Schweinen leicht lernt. Man richtet ihn auch ab, falls er dies nicht von selbst tut, daß er, sobald er das Ohr fest gepackt hat, über den Rücken des Schweines wegspringt, wodurch er auf die andere Seite kommt, das Ohr mit hinüberzieht, dem Schweine den Kopf umdreht und es auf solche Weise leicht zum Stehen bringt.

Der Hund des Kuhhirten muß immerfort seinen Herrn beobachten und aufmerken, ob dieser ihm etwas befiehlt, was er dann augenblicklich ausführt. Er muß volle Spitzzähne haben. Kühe, welche nicht sogleich gehorchen, muß er wirklich beißen, sonst haben sie keine Achtung vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er nur nach den Hinterfüßen beißen, und zwar, um nicht geschlagen zu werden, von der Seite, nie nach dem Schwanze oder den Seiten, am allerwenigsten nach dem Euter. Schlägt die Kuh nach ihm, so muß er sich gut in acht nehmen, aber dennoch beißen. Will er die Kuh wenden, so muß er nach dem Kopfe beißen. Widersetzt sich ihm eine Kuh oder ein Ochse geradezu mit den Hörnern, so trägt er, wenn er seinem Amte ganz gewachsen ist, dennoch den Sieg davon, indem er das Vieh ohne Umstände in die Schnauze beißt und sich daran festhängt. Ist ein Ochse nureinmalvon dem Hunde in dieser Art gebissen worden, so hat er vor einem solchen Schnauzenbiß entsetzliche Angst. So hatte vor vielen Jahren der Waltershäuser Hirt einen trefflichen Hund von Größe und Farbe eines Fuchses. Der Hauptbulle der großen Herde war zu jener Zeit ein lebensgefährliches Tier, wagte aber, nachdem ihm der Hund einmal fest, schwer und lange an der Nase gehangen, gegen diesen nicht die geringste Widersetzlichkeit. Einstmals hatte sich der Hund in der Stadt mit Beitreiben von Kühen verspätet, der Bulle glaubte sich sicher, achtete nicht auf den Hirten, bis dieser laut nach dem Hunde pfiff; da sah sich der Bulle ängstlich um und rannte, anscheinend vom bösen Gewissen getrieben, wie der Hund gesaust kam, geradeaus auf einen hinter dem Burgberge gelegenen Teich los, sprang ohne Zaudern in diesen hinein, eilte bis zu einer Stelle, wo nur noch sein Kopf hervorragte, machte dort Halt, schwenkte und sah den Hund und den Hirten erwartungsvoll und schweigend an. Der Hirt rief den Hund ab, trieb die Herde, denn es war Abend, heimwärts und der Bulle folgte von fern wie ein demütiger Sünder. Von dieser Zeit an war das Betragen des Bullen immer tadellos.

Die außerordentliche Wirkung des Schnauzenbisses ist ganz einleuchtend. Denn auch der Bulle ist ein Nasentier, dessen Nase ungeheuer empfindlich ist. Deshalb zieht man ihm häufig zu seiner Bändigung einen Ring durch die Nase.

Der Schäferhund muß ebenfalls nach den Hinterfüßen und beim Wenden nach Kopf und Hals beißen. Ist ein Saat- oder Kleefeld in der Nähe, das er schützen soll, so läuft er entweder rastlos an ihm auf und nieder oder er legt sich lauernd hin und springt plötzlich zu, wenn ein Schaf zu naschen wagt. Ueber die Klugheit mancher Schäferhunde beim Hüten der Schafe soll noch später bei dem Schafe gesprochen werden.

Die Rattenplage und ihre Bekämpfung durch Hunde und Katzen soll bei der Katze geschildert werden.

Die körperliche Leistungsfähigkeit der Hunde ist ganz erstaunlich. Was ein Fleischerhund oder ein Schäferhund den Tag über zusammenläuft, läßt sich schwer berechnen, aber es ist jedenfalls eine riesige Strecke. Bei den schnellen und ausdauernden Hühnerhundrassen hat man berechnet, daß sie in sechs bis sieben Stunden eine Strecke von mehr als 100 Kilometern im Galopp durchmessen. Von einem russischen Windhund wird berichtet, daß er an einem Tage 140 Kilometer auf der Landstraße zurücklegte, ohne wunde Ballen zu erhalten.

Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Von den Schmutzereien, durch welche die Hunde lästig fallen, ist schon früher die Rede gewesen. Die Kellerbewohner suchen sich den unerwünschten Besuch von Hunden durch Bestreuen mit einem scharfriechenden Pulver fernzuhalten. Dieses Verfahren ist bei einem Nasentier ganz zweckmäßig.

Bei der ungeheuren Anzahl von Hunden, die in unserem Vaterlande gehalten werden, sind erhebliche Verletzungen durch Bisse verhältnismäßig selten. Immerhin kommen sie vor und mahnen daher zur Vorsicht.

Das müssen selbst begeisterte Hundefreunde zugeben. So schreibt einer zum Lobe der Hunde folgendes: Ich habe kluge Hunde gekannt, die fast jedes Wort und jeden Wink ihres Herrn zu verstehen schienen, auf seinen Befehl die Tür öffneten oder verschlossen, den Stuhl, den Tisch oder die Bank herbeibrachten, ihm den Hut abnahmen oder holten, ein verstecktes Schnupftuch u. dgl. aufsuchten und brachten, den Hut eines ihnen bezeichneten Fremden unter anderen Hüten durch den Geruch hervorsuchten usw. Es ist auch eine Lust zu sehen, wie entzückt ein Hund ist, wenn er seinen Herrn ins Freie begleiten darf, wie jämmerlich dagegen sein Gesicht, wenn er zu Hause bleiben muß.

Derselbe Hundefreund muß aber auch folgendes einräumen: Sehr große Hunde sind, wenn sie in Wut geraten, selbst ihrem Herrn und ihren Freunden gefährlich. Ich füge hier einige Fälle bei, die sich ganz in meiner Nähe ereignet haben. Als Student wohnte ich nicht weit von dem Hause eines Gerbers. Ueber Nacht kam in dessen Nähe Feuer aus; der Mann sprang rasch in ungewöhnlicher Kleidung auf den Hof und wurde da sogleich von seinen zwei Fleischerhunden angefallen und totgebissen.

Als ich einen in Oesterreich wohnenden Freund besuchte, hatte dieser einen parkartigen Garten, der mit dem Hofe in Verbindung stand, mit einer Mauer umgeben, aber so oft es etwas Gutes darin gab, kamen bei Nacht Diebe über die Mauer. Er versuchte allerlei Gegenmittel vergeblich und ließ dann aus Ungarn mit großen Kosten drei große bösartige Wolfshunde samt einem Wärter kommen, der dann auch gleich als Tagelöhner diente. Jede der drei Bestien lag an einer starken, zugleich als Halsband dienenden eisernen Kette und war mit dieser auf einem mit Stroh ausgepolsterten Wagen gefesselt. Dort machten die Fesselträgervon Zeit zu Zeit einen Höllenlärm, waren zuletzt, wie sie abgeladen waren, seelenvergnügt, und jeder wurde an ein schönes, bequemes Häuschen gelegt, vor welchem eine Empfangsmahlzeit bereit stand. Nach einigen Monaten waren sie eingewohnt, der Ungar ließ sie für die Nacht los, sie tobten vor Freude in allen Ecken und Enden, taten mehr Schaden als früherhin die Diebe und leisteten dem Ungar, als er sie am nächsten Morgen wieder anlegen wollte, solchen Widerstand, daß sogleich der Beschluß reifte, sie für immer an der Kette zu lassen. – Dergleichen könnte ich aus meiner Erfahrung noch viel beifügen. Es möge jedoch noch bemerkt sein, daß drei meiner Freunde, deren jeder einen Neufundländer besaß, den er für ausgezeichnet fromm erklärte, von diesen bei geringer und ganz verschiedener Gelegenheit erbosten Bestien mordgierig überfallen, stark verwundet und nur durch schnelle Hilfe gerettet worden sind. Ueber dem einen der Herren mußte der Hund, der ihn niedergeworfen, rasch erschossen werden. – Große Ziehhunde haben schon oft Unheil angerichtet.

Die hier geschilderten Unglücksfälle hätten sich wohl zum Teil vermeiden lassen, so z. B. wenn der Gerber seine Hunde vorher angerufen hätte. Jeder erfahrene Tierkenner, der einen Stall oder Zwinger betritt, ruft die Tiere zunächst an, damit sie merken, daß es ihr Herr oder eine ihnen bekannte Persönlichkeit ist. Aufgeregte Nasentiere haben keine Zeit, vorher den sich Nähernden zu beschnüffeln. Die Nase ist insofern ein sehr viel langsamer arbeitendes Sinnesorgan als das Auge. Es braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden, daß selbstverständlich auch das Auge bei Nasentieren wichtig ist. Denn zwecklos verleiht die Natur keine Gaben.

Vor Ziehhunden soll man sich stets in acht nehmen, weil sie wegen ihrer anstrengenden Tätigkeit gewöhnlich schlechter Stimmung sind. Ob man Hunde überhaupt zum Ziehen verwenden soll, wird beim Esel besprochen werden.

Es wurde schon erwähnt, daß man Hunde nicht küssen soll, da sie als frühere Raubtiere Aas fressen. Es kommt aber noch ein anderer Grund hinzu. Der Hund beherbergt mehrere Bandwürmer, von denen der Hülsenbandwurm (taenia echinococcus) der für den Menschen gefährlichste ist. Da der Hund Kot beschnüffelt, so kann er die Eier dieses Bandwurms an die Schnauze bekommen und durch Belecken – am leichtesten durch Küssen – auf den Menschen übertragen. Im Innern des Menschen, der die Eier in den Mund bekommen hat, bilden sich kohlkopfgroße Blasen, die tödlich werden können. Zur Beruhigung sei mitgeteilt, daß seit Jahrzehnten nur zwei Personen daran erkrankt sind.

Häufiger tritt die berüchtigte Tollwut auf. In Deutschland wurden im Jahre 1912 durch tolle oder tollwutverdächtige Tiere 240 Personen gebissen. Hiervon wurden 232 Personen geimpft. Sehr zugunsten der Schutzimpfung spricht, daß nur drei Personen starben, von denen obendrein sich zwei zu spät hatten impfen lassen.

Der Volksglaube, daß man einen tollen Hund am eingeklemmten Schwanz und an der Wasserscheu erkennt, ist irrig. Wohl aber zeichnet er sich durch verändertes Benehmen, namentlich durch große Beißlust aus.

Die Tollwut endet immer tödlich. Eine bestimmte Räudekrankheit, die Acarusräude, pflegt ebenfalls unheilbar zu sein. Sonst werden junge Hunde namentlich im Alter von vier bis zu neun Monaten gewöhnlich von der Staupe befallen, die in einer ansteckenden Entzündung der Schleimhäute besteht. Die Gelehrten stehen dieser Seuche, die fast die Hälfte aller Junghunde dahinrafft, ziemlich machtlos gegenüber. Auf dem Lande hat man die seltsamsten Kuren dagegen und häufig mit Erfolg.

Ein Glück ist es, daß die Flöhe, die der Hund besitzt, nicht dauernd auf den Menschen übergehen. Nach kurzer Zeit verlassen sie ihn wieder. Der Ausspruch: Wer sich mit Hunden niederlegt, steht mit Flöhen auf, ist also nicht ganz richtig.

Man könnte nun sagen, daß schon allein die Tollwut der Hunde Grund genug wäre, alle Hunde abzuschaffen, da ein einziges Menschenleben unendlich wertvoller als das zahlreicher Tiere ist. Dagegen muß man darauf hinweisen, daß man überall im Leben Vorteile und Nachteile abwägen und danach seinen Entschluß fassen soll. Heute las ich in den Zeitungen, daß allein in Berlin fünf Personen durch unbeaufsichtigt gelassene Gashähne getötet worden sind. Werden wir deshalb die Gasbenutzung aufgeben? Nein, ebensowenig wie auf das Baden, Schwimmen, Schlittschuhlaufen verzichtet wird, obwohl alljährlich eine Menge blühende Menschenleben dieser von der Jugend so beliebten Betätigung zum Opfer gebracht werden.

Dagegen wird man zweckmäßig handeln, wenn man sich die Gefahren vergegenwärtigt, und doppelte Vorsicht anwendet.

Eigentümlichkeiten des Hundes, die bisher noch nicht erörtert worden sind, werden an einer späteren Stelle besprochen werden (vgl. dasSachregister).

In welcher Weise der Haushund gezähmt worden ist, wissen wir nicht. Da viele Hundeartige (Kaniden), beispielsweise die Schakale, den Löwen und Tigern folgen, um an ihrer Beute teilzunehmen, so werden sie sich auch dem Urmenschen angeschlossen haben, um etwas von den Abfällen seiner Mahlzeiten zu ergattern. Der Mensch wird bald bemerkt haben, daß die Nachbarschaft dieser Tiere für ihn von größtem Vorteil war. Sie machten Lärm, sobald sich etwas Ungewöhnliches zeigte, und sie fanden durch ihre feine Nase dort Wild, wo er achtlos vorübergegangen war. Wie heute in der Türkei noch die Straßenhunde leben, die keinen eigentlichen Herrn haben, also halbwild sind, so haben sich wahrscheinlich schon in früheren Zeiten halbwilde Hunde dem Menschen angeschlossen. Wir machen eine ähnliche Beobachtung bei andern Tieren. Der Hausstorch, der Hausrotschwanz, die Hausschwalbe, der Haussperling, der Haus- oder Steinmarder, die Hausmaus undandere Tiere haben sich ebenfalls mit dem Menschen angefreundet und sehen jetzt ganz anders aus als ihre ganz wilden Verwandten. Der Hausstorch sieht schwarz-weiß-rot aus, der im Walde lebende Waldstorch ist dagegen fast schwarz. Der in der Scheune lebende Hausmarder hat eine weiße, der im Walde lebende Edelmarder eine gelbe Kehle usw. Halbwilde Hunde, ähnlich dem Straßenhunde in der Türkei, sind wahrscheinlich die Vorfahren unserer Haushunde, die durch Kreuzung mit Wölfen und Schakalen im Laufe der Zeiten entstanden sind.

Einige Sprichwörter und Redensarten, die sich mit dem Hunde beschäftigen, sind bereits erklärt worden (über Bellen und Beißen der Hunde, sich rekeln, Eberköpfe und Hundeköpfe, Grasfressen, Anbellen des Mondes sowie über Hund und Ofen und Hund und Flöhe). Hier sollen noch weitere angeführt werden.

Der Hund wurde einerseits wegen der bereits erwähnten Eigenschaften, die uns Menschen widerwärtig sind, sehr verachtet, andererseits wegen seines Nutzens für uns sehr geschätzt.

Für die Verachtung spricht die Strafe des Hundetragens, womit man andeuten wollte, daß jemand wert sei, wie ein Hund erschlagen und aufgehängt zu werden.

Hiermit bringt man die Redensart in Verbindung:

Auf den Hund kommen, d. h. also in eine solche Lage kommen, wie einer, der Hunde tragen muß. Damit will man andeuten, daß jemand in verächtliche oder schlimme äußere Verhältnisse geraten ist, oder daß es mit seiner Gesundheit schlecht steht.

Jemanden auf den Hund bringenheißt also, ihn in solche schlechte Verhältnisse bringen.

Ueber den Hund kommenheißt hiernach, jene Strafe überstehen. Vervollständigt wird der Gedanke in der Redensart:

Komm ich über den Hund, komm ich auch über den Schwanz, d. h. also, überstehe ich die Strafe, so werde ich auch die Nachklänge hieraus überstehen.

Einer ist so verachtet, daß nicht einmal die Hunde ein Stück Brot von ihm nehmen.Es ist das natürlich eine Uebertreibung, um zu sagen, daß das verächtlichste und gierigste Tier von diesem Menschen nichts annehmen würde.

Etwas geht vor oder für die Hunde, d. h. es geht dahin, wo sich die verächtlichsten Geschöpfe befinden, also es geht zugrunde.

Hunde und Flöhe gehören zusammen. Je magerer der Hund, desto größer die Flöhe.Das bezieht sich auf die Menge Ungeziefer, das auf den meisten Hunden haust.

Er ist bekannt wie ein bunter Hund.Diese Redensart würde heute nicht entstehen, denn bei uns gibt es jetzt eine Menge mehrfarbige Hunde, z. B. Terriers, Tigerdoggen usw. Früher muß es fast nur Hunde mit einfarbigem Fell gegeben haben.

Die enge Zusammengehörigkeit des Hundes mit dem Menschen geht daraus hervor, daß man in Tirol sagt statt gar niemand:

Kein Hund und kein Seel.

Auch bei uns heißt es deshalb:

Da kräht weder Hund noch Hahn danach, denn zum Haushalte gehören Hund und Hahn.

Mit allen Hunden gehetzt sein.Das sind manche Stücke Wild, z. B. manche Hasen, die durch Zurücklaufen auf ihrer Spur die Hunde in die Irre führen.

Viele Hunde sind des Hasen Tod.Das soll im nächsten Bande, der die heimische Tierwelt enthält, erklärt werden.

Wenn die Hunde schlafen, hat der Wolf gut Schafe stehlen.

Trotz des Nutzens, den der Hund dem Menschen bringt, hat er wenig Dank dafür. Schlechte Behandlung und wenig Futter sind sein Lohn. Daher die Redensarten:

Es haben wie ein Hund.–Leben wie ein Hund.–Arbeiten wie ein Hund.–Müde sein wie ein Hund oder hundemüde sein.–Hunzen = schelten wie einen Hund.– Der Hund ist launischer Behandlung ausgesetzt, weshalb man sagt:

Wer einen Hund will werfen, findet bald einen Prügel.

Der Knüttel liegt beim Hunde, d. h. daß der Hund so handeln muß, wie der Herr will, weil der sonst allzeit bereite Knüttel zur Anwendung gelangt.

Wegen seiner Gefräßigkeit sagt man:

Er wird halten, wie der Hund die Fasten, das heißt gar nicht.

Aus seiner Unverträglichkeit mit der Katze erklärt sich:

Wie Hund und Katze leben.

Weil der Hund der geborene Wächter ist, so nennt man auch die Schlösser, die den Dieb vom Stehlen des Schatzes abhalten Hunde. In Bayern heißt der Schatz selbst so. Hieraus stammen die Redensarten:

Hunt hint haben, d. h. einen heimlichen Schatz haben.

Den Hunt schmecken wissen, d. h. wissen, wo Vermögen und etwas zu erhaschen ist.

Da liegt der Hund begraben.Manche meinen, daß hier mit Hund der Schatz bezeichnet werde. Das paßt aber schlecht in vielen Fällen.

Wahrscheinlich stammt die Redensart aus dem alltäglichen Kampfe zwischen Jäger und Landwirt. Der Bauer läßt seinen Hund wildern, und der Förster greift zur Selbsthilfe. Wenn er annimmt, daß niemand es sieht, erschießt er den Hund und vergräbt ihn.Manchmal hat aber doch ein Knecht oder sonst ein Mensch die Tat gesehen, der nun weiß, wo der Hund begraben liegt. Er ist froh darüber, denn entweder muß ihm der Förster, der natürlich dem Bauern gegenüber alles bestreitet, Schweigegeld geben oder der Bauer muß ihm das Geld geben, damit er ihm zeigt, wo der Hund begraben liegt.

Sehr hoch schätzt die Treue des Hundes der Ausspruch:

An fremden Hunden und Kindern ist das Brot verloren, d. h. die Hunde lassen sich dadurch nicht verleiten wegen ihrer Hundetreue.

Nur bei einem sehr hundefreundlichen Volke konnte der Vers entstehen:


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