95. Die geistigen Gaben der Rinder.

Trotz der sprichwörtlichen Dummheit des Rindviehs ist es damit nicht so schlimm bestellt. Bei der Kuh vorm neuen Tor haben wir das bereits hervorgehoben. Auch hier trügt der Schein. Das Rind ist sich seiner Stärke bewußt und bleibt daher seelenruhig, was wir als Stumpfheit auslegen.

Beim Hunde wurde die Geschichte erzählt, wie ein Bulle in tiefes Wasser flüchtete, um vor einem Nasenbiß sicher zu sein. Kann es ein zweckmäßigeres Verfahren geben?

Im Harz tragen die Rinderherden oft Glocken, die genau abgestimmt sind. Allgemein wird behauptet, daß die Kühe die Glocken ihrer Herde von denen anderer unterscheiden und sich, wenn sie sich verirrt haben, danach richten.

Ueber die Stammeltern unserer heutigen Rinder ist man sich noch nicht einig. In Europa lebten früher zwei Wildrinder, und zwar der Auerochs und der Wisent. Der Auerochs hatte lange Hörner und keine Mähne, während der Wisent eine Mähne, aber kleine Hörner besitzt. Der Wisent lebt heute noch in Zoologischen Gärten und an vereinzelten Stellen, während der Auerochs gänzlich ausgerottet ist. Es ist daher unrichtig, den noch heute lebenden Wisent als Auerochs zu bezeichnen.

Wahrscheinlich ist der Auerochs in unseren heutigen Rindviehrassen aufgegangen.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. Steppenrassen, 2. Niederungsrassen, 3. einfarbige Gebirgsrassen, 4. bunte Gebirgsrassen, 5. Landrassen, 6. englische Rassen, 7. französische Rassen.

Die Steppenrassen mit ihren langen Hörnern sind jedenfalls erst allmählich in der Steppe heimisch geworden. Denn nach dem Bau seiner Füße ist das Rind, wie wir schon erwähnten, ein Geschöpf der Niederung, und zwar der bewaldeten Niederung.

Im Gegensatz zum Pferde gehört das Rind zu den paarzehigen Huftieren aus der Familie der Horntiere.

Der Stier oder Bulle heißt auch Farren, während Färse oder Stärke die Kuh ist, die noch nicht gekalbt hat.

Das Rind ist etwas früher reif als das Pferd. Der Stier wird mit 1½ Jahren, die Kuh mit 2 Jahren zur Zucht benutzt. Dementsprechend ist auch ihr Alter etwas niedriger als das des Pferdes.

Bereits die Stallhaltung unserer Haustiere ist etwas Unnatürliches. Kommt nun noch die künstliche Anzüchtung der Milcherzeugung hinzu, so dürfen wir uns nicht wundern, daß wir diesen großen Vorzug mit manchen Krankheiten bezahlen müssen. Rinderpest, Maul- und Klauenseuche und Tuberkulose seien an dieser Stelle genannt. Das Aufblähen wurde bereits erwähnt.

Manchmal führen ganz unbedeutende Dinge den Tod einer Kuh herbei. Früher trugen die Mägde keine Kämme im Haar, wie das jetzt der Fall ist. Diese Kämme fallen leicht in das Futter und werden von den Kühen verschlungen. Als Folge davon können Magenverletzungen und Notschlachtungen eintreten. So verliert der Landwirt ein schönes Stück Vieh, das heute ein Vermögen wert ist.

Es wurde bereits erwähnt, daß »Rindvieh« oder »Ochse« zur Bezeichnung eines dummen Menschen dient. Ebenso wurden schon die Redensarten angeführt:Auf einem Auge war die Kuh blindund:Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Unter

»ochsen«

versteht man andauernd arbeiten oder »büffeln«.

»Ochsengang«

ist der sachte, gemessene Schritt des Ochsen.

Den Stier bei den Hörnern packen

bedeutet, daß man einer Gefahr tollkühn entgegengeht, indem man einen mächtigen Gegner bei seinen eigenen Waffen anpackt. Wenn das einen Sinn haben soll, muß man selbst über große Kräfte verfügen.

Auf der AlmAuf der Alm

Auf der Alm

Kühe im WasserKühe im Wasser

Kühe im Wasser

ZugochsenZugochsen

Zugochsen

Um unser Hausschwein richtig zu verstehen, wollen wir uns zunächst das Wildschwein in unserm weltberühmten Berliner Zoologischen Garten ansehen.

Vorher sei bemerkt, daß unsere heimischen Schweinerassen nicht allein vom europäischen Wildschwein abstammen.

Wenig angenehm fällt uns zunächst in dem Teile des Zoologischen Gartens, der für die Schweine bestimmt ist, der Geruch dieser Tiere auf. Aber das wird auf Gegenseitigkeit beruhen. Alle freien Tiere flüchten, sobald sie den Menschen gewittert haben. Folglich muß ihnen unsere Ausdünstung auch nicht behagen.

Hiervon abgesehen müssen wir staunen, wie reich gerade der Tierbestand an Wildschweinen in unserem Zoologischen Garten ist, obwohl gerade der Weltkrieg bei ihm große Lücken verursacht hat. Außer einer Wildsau mit Ferkeln sind noch drei Keiler, d. h. drei männliche europäische Wildschweine vorhanden. Obwohl es bereits Anfang Juni ist, hat erst ein Keiler sein Winterhaar verloren.

Vergleichen wir einen der Keiler im Winterhaar mit unserem Hausschwein, so fällt uns zunächst seine Behaarung auf, sodann die mächtigen Eckzähne, die sogenannten Gewehre. Schließlich wäre noch erwähnenswert, daß sein Kopf länger als der des Hausschweins ist, daß er überhaupt nicht so fett, dafür aber stärker, höher und ungemütlicher ist als unser Hausschwein.

In früheren Zeiten war das Wildschwein eine der häufigsten Wildarten unserer Heimat. Da es jedoch dem Ackerbau sehr schädlich ist, so besitzt es keine Schonzeit und ist an vielen Stellen bereits vollkommen ausgerottet worden.

Wenn wir uns die kleinen Augen des Wildschweins ansehen und dabei beobachten, daß sein großer Rüssel unter fortwährendem Geschnüffel in Tätigkeit ist, so können wir keinen Augenblick daran zweifeln, daß das Wildschwein ein Nasentier ist. In der Tat ist es ein ausgesprochenes Nasentier wie Elefant, Tapir, Maulwurf und andere Tiere, die sich durch ein bewegliches Riechorgan und ein nichtssagendes Auge auszeichnen.

Mit dem Maulwurf hat das Wildschwein nicht nur das schwache Sehvermögen gemeinsam. An den Maulwurf erinnert auch der ganze Kopf des Wildschweins. Und so verschieden die Größe der beiden Geschöpfe auch ist, so haben sie doch in ihrer Lebensweise etwas Uebereinstimmendes.

Der Maulwurf lebt unter der Erde, indem er auf Regenwürmer und andere Insekten Jagd macht. Zu diesem Zwecke muß er, um sich schnell durch die Erde durchzubohren, einen kegelförmigen Kopf besitzen. Auch das Wildschwein frißt gern Regenwürmer und andere Insekten des Erdbodens, dann aber vor allen Dingen pflanzenartige Stoffe, die im Erdboden stecken, also Wurzeln, Kartoffeln und dergleichen. Das Wildschwein muß also einen Wühlkopf haben. Wo es etwas gewittert hat, bricht es mit seinem Rüssel die Erde auf, um zu dem durch den Geruch wahrgenommenen Gegenstande zu gelangen.

Der maulwurfartige Kopf kommt dem Wildschwein aber auch noch zustatten, wenn es schnell in Gebüsche flüchtet. Wie der Maulwurf schnell die Erde durchschneidet, so kann das Wildschwein schnell durch Gebüsche laufen. Hierbei ist es für das Wildschwein sehr von Vorteil, daß seine kleinen Augen seitlich stehen. Schon Wölfe oder Hunde können dem Wildschwein nicht so schnell in die Gebüsche folgen, weil ihre Köpfe viel weniger dazu geeignet sind, auch ihre Augen mehr nach vorn stehen. Zweige und Blätter werden ihnen also viel leichter in die Augen geschleudert als dem Wildschweine.

Unser Wildschwein hat wohl kleine, aber eigentlich keine blöden Augen. Dagegen fallen bei den in der Nähe stehenden Hausschweinen die kleinen, blöden Augen sehr auf. Es ist also kein Wunder, daß man von einem Menschen, der kleine Augen hat, sagt, er habe Schweineaugen.

Schon äußerlich ist erkennbar, daß das Auge bei den Schweinen wenig leistet. Jeder Jäger kann das auch von den Wildschweinen bestätigen.

Die Schwäche der Augen wird bei den Schweinen durch die Leistungen der Nase ausgeglichen. Von der Feinheit ihres Geruchsvermögens können wir uns kaum eine Vorstellung machen. Ein Forstbeamter zeigte mir einmal folgenden Fall, da er wußte, daß ich für solche Dinge großes Interesse habe. Er hatte Kiefern angepflanzt und den Platz von der Größe eines Morgens mit einem Bretterzaun umgeben. In der Mitte des Platzes war eine kleine Stelle freigeblieben. Hier hatte sich mein Bekannter ein paar Kartoffeln gesteckt. Nun war an den Fährten deutlich zu erkennen, daß ein Wildschwein draußen am Zaun entlang gelaufen war. Hierbei muß es die Kartoffeln gewittert haben, denn es war plötzlich an einer Stelle durch den Zaun gekrochen. Das war ihm dadurch gelungen, daß es eine vorhandene Lücke vergrößert hatte. Auf mindestens 50 Schritte hatte es also die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert.

Der Landwirt zweifelt an der unglaublichen Feinheit des Geruchssinns der Wildschweine keinen Augenblick. Denn er hat auf seinen Aeckern oft Gelegenheit, sich in höchst unerfreulicher Weise davon zu überzeugen. Sehr häufig kommt es beispielsweise vor, daß ein mit Kartoffeln bestellter Acker im nächsten Jahre Getreide trägt. Eines Tages sieht manim Getreide die Fährten eines Wildschweins, das im Boden gewühlt und schweren Schaden angerichtet hat. Was hat den überall verfolgten Schwarzkittel zu dieser landwirtschaftsfeindlichen Handlung veranlaßt? Hätten die Leute beim Ausbuddeln mit Sorgfalt alle Kartoffeln gesammelt, so wäre der Schaden im Getreide nicht geschehen. So hat das Wildschwein die in der Erde verborgenen Kartoffeln gewittert. Da es Kartoffeln sehr liebt, so hat es sie herausgewühlt ohne Rücksicht darauf, daß es dabei große Stellen Getreide zusammentrampelte oder sonst vernichtete.

Wie alle wildlebenden Tiere hat das Wildschwein aufrechtstehende Ohren, während unser Hausschwein, weil es die Ohren nicht mehr anzustrengen braucht, Hängeohren besitzt.

Der Freundlichkeit eines Landmannes verdanken wir es, daß wir einen Einblick in sein Gehöft und seinen Schweinestall werfen dürfen. Eines seiner Schweine liegt in einer Pfütze, während ein anderes sich auf dem Miste herumtreibt. Nachher legt es sich in die Sonne und macht ein höchst zufriedenes Gesicht. Da es eine Sau ist, so trifft hier die Bezeichnung »sauwohl« vollkommen zu.

Die Vorliebe des Schweines für den Mist darf nicht mit dem Maßstabe des Menschen gemessen werden. Wie der Hund, so ist das Wildschwein von Hause aus ein Aasfresser. Auf dem Misthaufen findet es also vieles, was ihm naturgemäß und sehr bekömmlich ist.

Alle Nachttiere lieben, wie wir wissen, die Bestrahlung durch die Sonne. Das Wildschwein ist ein ausgesprochen nächtliches Tier.

Dem viel stärkeren Schwein, das in der Pfütze liegt, ist es dagegen schon zu warm. Um das Wälzen in der Pfütze zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen.

Als wir im Zoologischen Garten waren, hatten sich die Wildschweine eine Art Grube gemacht, in der sie behaglich ruhten. Wer die Lebensweise des Wildschweins kennt, konnte keinen Augenblick im Zweifel darüber sein, was sie mit diesem Liegen in der Bucht bezweckten. Es war damals auch warm, und an warmen Tagen sehnt sich das Wildschwein nach seiner geliebten Suhle. Darunter versteht man ein mit Wasser, Moor, Schlamm u. dgl. ausgefülltes Loch. Solche sucht das Wildschwein gern auf, um sich darin zu wälzen. Einmal erzielt das Wildschwein dadurch eine Abkühlung, sodann aber bleibt der Schlamm auf seiner Haut sitzen. Nachdem er trocken geworden ist, bietet er ein gutes Abwehrmittel gegen Insekten.

Wie ungeheuer nützlich das Hausschwein ist, haben wir alle am eigenen Leibe schmerzlich erfahren. Worin bestehen die großen Vorzüge des Hausschweins?

Erstens kann es mit verhältnismäßig geringem Futter aufgezogen, dann schnell fettgemacht werden. Es liefert vortreffliches Fleisch und fetten Speck, der durch Salzen und Räuchern leicht aufzubewahren ist.

Zweitens hat es nicht nur ein Junges wie das Pferd oder manchmal Zwillinge wie die Kuh, sondern die Sau hat 10, ja 20 Ferkel. Die Vermehrung ist also im Vergleich zu den anderen nutzbringenden Haussäugetieren ungeheuer groß.

Ich habe oft in früheren Zeiten bei kleinen Leuten gewohnt und mich darüber gefreut, wie gut die Schweine bei ihnen gediehen. Sie kauften gewöhnlich im Frühjahr ein paar Ferkel, weil sie damals noch zu dieser Zeit viel Kartoffeln und Ueberfluß an Milch hatten. Den Sommer über wurden die Tiere mit allerlei Grünzeug, namentlich mit dem Unkraut und den Abfällen der Mahlzeiten gefüttert. Im Oktober war dann die Kartoffelernte, so daß man reichlich mit Kartoffeln füttern konnte, ebenso im November. Im Dezember wurde Gerstenschrot gefüttert und um Weihnachten herum gewöhnlich geschlachtet. Was für Prachtstücke hatten die Leute manchmal herangefüttert! Wurde man zum Schweineschlachten eingeladen, was in früheren Zeiten etwas Selbstverständliches war, so konnte man trotz des ursprünglichen Riesenhungers seine Portion Wellfleisch und warme Wurst kaum bezwingen.

Die vorhin geschilderte Art und Weise, wie der kleine Mann seine Schweine behandelt, hat sehr günstige Erfolge. Sie dürften in folgenden Dingen ihren Grund haben.

Je mehr Tiere zusammenstehen, desto gefährlicher werden die Ausscheidungen. Bei den zwei Schweinen, die ich gewöhnlich im Stalle angetroffen habe, war es in dieser Hinsicht nicht so schlimm.

Die einfachen Leute auf dem Lande haben den ganz richtigen Grundsatz: Das Tier weiß besser, was ihm guttut, als der Mensch. Der Mensch soll sich nach dem Tiere richten, aber nicht das Tier belehren wollen.

Selbstverständlich überfressen sich Haustiere in ihrer Gier, ebenso nehmen sie ohne Wahl, was man ihnen in den Futterkübel wirft. Da diese Eigentümlichkeit ganz bekannt ist, so nimmt man darauf Rücksicht.

Im übrigen paßt man darauf auf, was das Tier beim Fressen bevorzugt. So gelangt man zu einer naturgemäßen Fütterung. Man bringt den Schweinen junge Disteln und Brennesseln, ebenso Schnecken und andere tierische Nahrung. Denn das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das tierische Stoffe braucht. Diese Abwechselung trägt zum Wohlbefinden der Schweine sehr bei.

Durch das Grünfutter im Sommer bleiben die Schweine mager. Auch das Wildschwein setzt erst gegen den Herbst zu Speck an. So bleiben die Schweine gesund und werden selten von den in unsern Schweineställen fortwährend herrschenden Seuchen ergriffen.

Ein großer Vorteil ist es, daß das Schlachten bei Eintritt der kaltenJahreszeit stattfindet. Denn dadurch ist die Möglichkeit gegeben, Schinken und Speck recht lange aufzubewahren.

An sich ist die Stallhaltung unnatürlich und deshalb ungesund. Zuchttiere, d. h. Tiere, von denen man Nachkommenschaft ziehen will, dürfen auch nicht dauernd im Stalle stehen, wenn man Freude an seiner Zucht haben will. Bei Tieren jedoch, die geschlachtet werden sollen, brauchen die gesundheitlichen Grundsätze nicht so streng beobachtet zu werden.

Gerade das Schwein stellt große Anforderungen an den Stall. Das soll nicht heißen, daß es Luxusbauten wünscht, – im Gegenteil. Wenn ein Schwein im Winter sich in den warmen Düngerhaufen einschieben kann, dann ist ihm höchst wohl zumute. Und diese Art Stallung kostet gar nichts. Im Sommer dagegen soll der Stall kühl sein.

Das ist nur aus der Lebensweise des Wildschweins zu erklären. Im Sommer sucht es, wie wir wissen, eine kühle Suhle auf. Im Winter dagegen liegt es in einem warmen Kessel. Das Schwein will also vor allen Dingen im Winter einen warmen Fußboden. Es ist ein Warmfüßler im Gegensatz zum Pferde, das als Steppentier ohne Schaden bei großer Kälte auf kaltem Fußboden stehen kann.

Weil es nun nicht immer leicht ist, einen Schweinestall mit warmem Boden herzustellen, so entgeht der einfache Mann durch Schlachtung seiner Schweine zu Beginn der eigentlichen Winterszeit allen weiteren Sorgen.

Im Luxusbau sind gewöhnlich kalte Fußböden, schlechte Luft, obendrein Zugluft und der feuchte Niederschlag von den Ausdünstungen. Es ist daher kein Wunder, daß Seuchen unter den Schweinen gar kein Ende nehmen.

Zum Wohlbefinden der Schweine gehören auch Pfähle, an denen sich das Schwein reiben kann. Denn das Wildschwein fühlt sich ganz besonders wohl, wenn es sich an Baumstämmen gehörig reiben kann. Solche Pfähle fehlen bei Luxusbauten, während sie der praktische Landwirt oft anbringt. Auch in unserem Zoologischen Garten sind sie glücklicherweise angebracht, und ihre starke Abnutzung zeigt, wie dringend notwendig sie sind.

Ein großer Schmerz für den Landwirt ist es, daß manche Sauen ihre eigenen Kinder fressen. Alle Mittel, die man dagegen anwendet, taugen im allgemeinen nicht viel.

Wir Menschen sind entsetzt, daß eine Mutter so entartet sein kann. Aber ist unser Standpunkt richtig?

Mir ist kein Fall bekannt, daß eine Wildsau ihre Frischlinge gefressen hat. Vielmehr weiß jeder Jäger, daß sie ihre Jungen mit Aufopferung ihres Lebens verteidigt.

Deshalb wird die Schuld an uns liegen. Das Wildschwein ist ein halbes Raubtier, das mit Vorliebe Aas frißt. Dem Hausschwein geben wir aber regelmäßig nur Pflanzennahrung. Ist es da ein Wunder, daß der andauernd unterdrückte Fleischhunger sich gewaltsam Bahn macht?

Erfahrene Schweinezüchter haben mir übrigens versichert, daß eine Sau nur kranke oder lebensunfähige Ferkel frißt. Ob das zutrifft, kann ich nicht beurteilen.

Der Stieglitz, den man mit einem Kanarienvogelweibchen paart, frißt die Eier des Weibchens, weil wir ihm keine Räupchen geben, die Hühner reißen sich die Federn aus, weil sie im Frühjahr Mangel an tierischer Nahrung haben. Auch sie werden durch falsche Fütterung zu halben Kannibalen.

Bekannt ist der Satz, daß ein gutes Schwein alles fressen muß. Ich kann ihn leider nicht unterschreiben. Ich weiß sehr wohl, daß das Schwein einen sehr großen Speisezettel besitzt, da es sowohl Pflanzenfresser als auch ein halbes Raubtier ist. Dennoch gibt es gewisse Dinge, die das Schwein nicht frißt. So ließen alle Schweine trotz des größten Hungers Kastanien liegen, während Schafe, wie wir noch besprechen werden, sie gierig fraßen.

Auch mit gesalzenen Dingen muß man beim Schweine sehr vorsichtig sein. Für Wiederkäuer, auch für Pferde, ist Salz bekömmlich. Für alle Raubtiere ist Salz jedoch sehr nachteilig.

Gesalzenes Pökelfleisch, ebenso Heringslake haben schon oft den Tod von Schweinen herbeigeführt. Das kam daher, weil man auf den Satz schwor, daß ein gutes Schwein alles fressen muß.

Uebrigens frißt das Schwein auch Heu und Stroh ungehäckselt nicht.

Immer wieder muß ich betonen, daß wir zu einem richtigen Verständnis eines Haustieres nur gelangen, wenn wir die Lebensweise seiner wilden Verwandten erforschen.

Bereits lange vor Ausbruch des Krieges habe ich darauf hingewiesen, daß wir auf diesem Wege auch zur Erlangung neuer Futtermittel für unsere Haustiere gelangen. So war es mir aufgefallen, daß das Wildschwein im Winter gern die Farnwurzeln frißt, ebenso die Wurzeln von Schilfrohr.

Praktische Schweinezüchter haben mir bestätigt, daß die Farnwurzeln ein sehr bekömmliches Futter für Hausschweine sind. In Amerika ist es, wie mir mitgeteilt wurde, an vielen Stellen üblich, Schweine mit Farnwurzeln zu füttern. Ebenso sind die verwilderten Hausschweine an der Westküste Neuseelands von den Eingeborenen ausgerottet worden aus Furcht, die Schweine möchten die Farnwurzeln vollends zerstören, auf welche die Eingeborenen zu ihrer Nahrung besonders angewiesen sind.

Die Vermutung spricht daher dafür, daß auch die Rohrwurzeln für Schweine ein bekömmliches Futter sind.

Es hat daher mein höchstes Interesse erweckt, daß der Rohstoffverband in Charlottenburg jetzt in großzügiger Weise die Rohrwurzeln mit Greifern und Baggern gewinnen und daraus ein Futtermittel »Fragmit« herstellen läßt. Der Name ist verdeutscht ausphragmites communis, das Schilfrohr.

Es scheint mir das ein sehr glücklicher Gedanke zu sein, da hierdurch folgendes erzielt wird:

1. Gewinnung eines Futtermittels von hohem Zuckergehalt,

2. Verhinderung der Verlandung der Seen und Flüsse,

3. Ausnutzung von hunderttausend Hektaren Land, die jetzt vollkommen tot daliegen.

Es liegt im vaterländischen Interesse, alle Bestrebungen zu unterstützen, die eine größere Ausbeute der heimischen Naturschätze gestatten und uns dadurch, wenn auch vorläufig nur wenig, von der Einfuhr ausländischer Futtermittel unabhängig machen. Es wäre daher sehr erwünscht, wenn praktische Schweinezüchter Versuche mit »Fragmit« anstellen würden.

Selbstverständlich müssen die Wurzeln im Winterhalbjahr gewonnen sein, weil sie zu dieser Zeit die meisten Nährstoffe besitzen. Im Sommer frißt das Wildschwein weder Farn- noch Rohrwurzeln.

Für Höhentiere, also Ziegen und Schafe, käme das Fragmit weniger in Betracht. Dagegen könnten Versuche auch bei Rindern und Pferden angestellt werden, da Rinder in Niederungen leben, und Pferde die Schößlinge des an Steppenseen wachsenden Rohrs fressen.

Man unterscheidet folgende Rassen: 1. krausborstige Schweinerassen, die hauptsächlich im Südosten Europas leben, z. B. das Mangaliczaschwein, 2. romanische Schweinerassen, die in Südeuropa leben, 3. kurzohrige Schweinerassen, wozu das bayerische Schwein und das Bakonyer Schwein gehören. In Berlin wird das Bakonyer Schwein gewöhnlich »Pachuner« genannt. 4. Großohrige Schweinerassen, 5. englische Schweinerassen.

Die Engländer haben es verstanden, durch Kreuzung mit indischen und romanischen Schweinen ausgezeichnete Rassen zu erzielen, beispielsweise Essex-Schweine, Yorkshire-Schweine, Berkshire-Schweine usw. Diese englischen Rassen sind stark bei uns eingeführt worden und haben die heimischen Schläge vielfach verdrängt. Da das englische Edelschwein neben großen Vorzügen sehr empfindlich und wenig fruchtbar ist, so hat man es mit deutschen Schweinen gekreuzt und züchtet das sogenannte deutsche Edelschwein.

Das Schwein ist kein Wiederkäuer, wie bereits erwähnt wurde. Es hat außer den Eckzähnen im Oberkiefer sechs Schneidezähne. Es gehört zu den Paarhufern aus der Familie der Schweine. In Bessarabien gibt es Einhuferschweine.

Der Zuchteber wird mit Ablauf eines Jahres zur Zucht verwendet, die Sau im Alter von 10 bis 14 Monaten. Die Tragezeit währt fast vier Monate. Man nimmt an, daß das Schwein ein Alter von 30 Jahren erreicht.

Es ist schon erwähnt worden, daß Krankheiten bei den Schweinen sehr häufig sind. Es seien genannt Rotlauf, Schweineseuche und Schweinepest. Am bekanntesten ist, daß im Schwein Trichinen leben, weshalb man Schweinefleisch nur gekocht essen soll.

Zu den besten Bekämpfern der Krankheiten gehört der Weidegang der Schweine. Namentlich scheint der Weidegang auf Kleeweiden immer mehr Anhänger zu finden.

Erwähnt wurden bereits »sauwohl«, »schweinsäugig« und die Redensart »Ein gutes Schwein muß alles fressen«.

Wegen seines Wälzens im Schmutz und Kot dient das Schwein als Bezeichnung für einen schmutzigen oder unsittlichen Menschen. Ueberhaupt dient die Verbindung mit Schwein dazu, um den schärfsten Tadel auszusprechen. So ist ein sehr schlechtes Essen

Schweinefraß,

Schweinestall

eine sehr schmutzige Wohnung.

Man sagt ferner:

dumm, faul, gefräßig, dreckig sein wie ein Schwein, bluten wie ein Schwein.

Zu ergänzen ist: wenn es geschlachtet wird. Um plumpe Vertraulichkeiten abzuwehren, gebraucht man die Redensart:

Wo haben wir zusammen die Schweine gehütet?

Merkwürdigerweise gilt das Schwein auch als glückbringend. In der Studentensprache heißt Schwein soviel wie Glück.

grenzenloses Schwein

bedeutet grenzenloses Glück.

Schweine auf der WeideSchweine auf der Weide

Schweine auf der Weide

Laufraum für junge SchweineLaufraum für junge Schweine

Laufraum für junge Schweine

Die Ziege, die Kuh des armen Mannes, können wir in oder nahe bei dem alten Berlin noch häufig zu sehen bekommen. Auf dem unbebauten Teil des Tempelhofer Feldes trifft man sie regelmäßig im Sommer an, ebenso auf Baustellen der Vororte. Selbst in Gärten habe ich sie schon gesehen, wobei sie natürlich, um Schaden zu verhüten, angebunden war.

Wir wollen einmal eine solche Mutterziege, die zwei muntere Zicklein bei sich hat, etwas näher betrachten.

Bei der Ziege haben auch die Weibchen Hörner, ebenso wie die Gemsen, während sie den weiblichen Schafen, wie wir später sehen werden, fehlen.

Das hat natürlich seinen Grund, und zwar folgenden: Gemsen und Ziegen haben ihre Heimat im hohen Gebirge, wo die Jungen von Adlern und anderen Raubvögeln bedroht werden. Um sie abzuwehren, brauchen die Weibchen Hörner.

Das Schaf stammt auch aus dem Gebirge, aber aus dem bewaldeten Teile der Gebirge. Die Schafmutter braucht ihr Junges nur in den Wald zu bringen, dann ist es vor Raubvögeln sicher. Deshalb haben auch die Weibchen von Reh und Hirsch keine Waffen, weil auch sie in den Wald flüchten können.

Die kleinen Tierchen, die allerliebst aussehen, tollen jetzt in der übermütigsten Weise umher. Ihre Gewandtheit im Klettern ist erstaunlich. Je höher sie klettern können, desto lieber ist es ihnen. Man sieht ihnen an, daß ihre Vorfahren im Gebirge heimisch waren. Auch führen sie schon Scheingefechte auf, indem sie mit den Köpfen gegeneinander rennen. Schwindel muß ihnen ganz unbekannt sein, denn sonst könnten sie nicht mit solchem Vergnügen am Dachrande eines kleinen Hauses entlanglaufen.

Diese frühzeitige Kletterkunst erregt unser Erstaunen, besonders wenn wir bedenken, daß eben geborene junge Ziegen bereits nach einigen Tagen ihrer Mutter überallhin folgen können.

Auch hier gibt uns die Lebensweise der Stammeltern Aufschluß über diese merkwürdige Eigenschaft. Unsere Hausziege stammt von der Bezoarziege ab, die an den Küsten des mittelländischen Meeres lebt. Wie alle Pflanzenfresser hat auch die Bezoarziege Feinde, die ihr nachstellen. Von den Säugetieren sind es namentlich Luchse und Wölfe.

Wie soll nun die Ziegenmutter ihre Jungen gegen überlegene Feinde schützen, beispielsweise, wenn ein Jäger oder ein schnellfüßiger Wolf kommt? Auf dem Rücken kann sie das Junge nicht tragen. Deshalb muß das Junge bald klettern können, weil sonst die Ziegen ausgerottet wären.

Inzwischen ist die Herrin der Ziegenfamilie zu der alten Ziege getreten und schilt sie tüchtig aus. Wir können zwar nicht alles verstehen, was sie sagt, aber wir können es uns schon denken. Es ist das alte Lied, das wir immer hören müssen. Entweder heißt es: »Du Ziege bist ein ganz niederträchtiges Geschöpf. Du stehst im tiefen Gras, doch darum kümmerst du dich nicht. Aber den Pfahl, an den du gebunden bist, den knabberst du an.« Oder: »Du bist ein ganz eigensinniges Tier; Gras willst du nicht fressen, aber zu den Sträuchern willst du hin.« Der gebildete Großstädter sagt oft verzweifelnd, wenn die Ziege das mühsam besorgte Gras nicht fressen will: »Die Ziege gehört zu den Träumern, die in die Weite schweifen, obwohl ihr das Gute so nahe liegt.«

Alles das ist natürlich eine ganz falsche Ansicht. Wir Menschen machen folgenden Schluß: Die Ziege ist ein Pflanzenfresser. Gräser sind Pflanzen. Folglich muß die Ziege Gräser fressen, oder sie ist nicht ganz bei Trost.

Schon früher haben wir darauf hingewiesen, daß die Gemsen in unseren Zoologischen Gärten bald sterben, weil ihnen das gewürzige Gras ihrer Heimat fehlt. Die Bezoarziege bewohnt nun solche Teile des Gebirges, wo Gräser wenig oder gar nicht vorkommen. Auf dem öden, trockenen Gestein der Mittelmeerländer kommen Grasflächen, wie sie unsere Heimat in Hülle und Fülle bietet, nur selten vor.

Das Gras unserer Ebene ist also gar kein natürliches Futter der Ziege.

Deshalb werden wir niemals in unserer engeren Heimat, in einer Provinz ohne Bodenerhebungen, eine berühmte Ziegenrasse züchten, weil wir den Ziegen so wenig natürliches Futter bieten können.

Wir müssen vielmehr immer wieder unsere Ziegen mit solchen aus gebirgigen Ländern auffrischen, wo sie viel besser gedeihen, beispielsweise im Harz und in der Schweiz.

Wir haben also gesehen, daß die Besitzerin der Ziegenfamilie im Unrecht ist, wenn sie die Ziege schilt, weil sie so ungern das Gras unserer Ebene fressen will.

Damit soll nun nicht gesagt sein, daß wir demutsvoll allen angestammten Eigenarten der Ziegen nachkommen sollen. Davon kann keine Rede sein. Nur sollen wir uns von der Vorstellung freimachen, daß wir vor einer unverbesserlichen Sünderin stehen. Das ist nicht der Fall, da kein Tier seine angeborenen Triebe ablegen kann. Noch eine andere Eigentümlichkeit der Ziege erregt unseren Zorn. Sie ist nach unserenBegriffen lecker, weil sie bald dieses, bald jenes sich aus dem Futter herauszieht und am liebsten eine Menge an die Erde wirft, wo es natürlich zertreten wird.

Diese Art des Fressens ist ganz einleuchtend, wenn man sich die Lebensweise der Wildziegen vorstellt. Auf dem öden Gestein ist ein sehr geringer Pflanzenwuchs. Zum Sattwerden an einer einzigen Pflanzenart reicht es nicht aus. Deshalb muß die Ziege von dem wenigen, was das Gebirge hervorbringt, fressen, ganz gleich, was es ist. Hieraus erklärt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß die Ziege gewissermaßen giftfest ist. Sie frißt beispielsweise den giftigen Schierling körbeweise, ohne daß es ihr schadet. Auch frißt sie viele Dinge, die jedes andere Tier meidet, so den scharfen Mauerpfeffer, Zigarren und Schnupftabak und dergleichen.

Wenn eine Ziege also den Pfahl beknabbert, an dem sie angebunden ist und das Gras links liegen läßt, so ist das keine Niederträchtigkeit, sondern die ganz naturgemäße Art des Fressens. Ueppige Weiden behagen ihr nicht, wohl aber Sträucher und Baumzweige. Deshalb ist sie der Fluch für die Mittelmeerländer, weil sie durch ihr Beknabbern eine Bewaldung dieser Länder nicht aufkommen läßt. Sieht man einer freiweidenden Ziege zu, so wird man sich davon überzeugen können, daß sie von den am Boden wachsenden Pflanzen die Blätter bevorzugt und viel lieber als Gräser frißt. Das ist auch nach ihrer Herkunft nicht wunderbar.

Wir sehen, daß hier eine Familie sich eine Ziege hält, obwohl sie nur einen ziemlich großen Garten besitzt. Diese Leute sind wahrscheinlich wohlhabend, möglicherweise sogar sehr reich. Bei ihnen würde also die Bezeichnung nicht zutreffen, daß die Ziege die Kuh des armen Mannes sei.

Großstädtische Verhältnisse sind eben nicht immer die naturgemäßen. Die Redensart bezieht sich auf die sonst in unserer Heimat üblichen Verhältnisse. Hiernach hat der arme Mann auf dem Lande bei seinem Häuschen einen Garten, aber er hat sonst kein Land, namentlich keine Wiesen, wie es für eine Kuh erforderlich ist. Mit dem, was ein Garten bringt, kann man eine Ziege ernähren, da fünf Ziegen zusammen nicht so viel fressen wie eine Durchschnittskuh. Außerdem muß die Ziege bei armen Leuten vieles fressen, was man ihr sonst nicht vorsetzt, z. B. Abfälle, Spülicht usw. Der arme Mann möchte selbstverständlich auch gern frische Milch genießen, und da er sich, wie wir sahen, keine Kuh halten kann, so nimmt er eine Ziege, woher sich die Redensart erklärt.

Eine gute Milchziege liefert wöchentlich 10 bis 12 Liter Milch. Sie hat den Nachteil, daß viele Menschen sie nicht mögen. Auch läßt sich aus Kuhmilch viel bessere Butter und leichter Käse machen. Auch schmeckt saure Kuhmilch viel besser. Da außerdem Rindfleisch viel schmackhafter als Ziegenfleisch ist, so wird die Kuh durch die Ziege nicht verdrängt werden.

Von der Lebensweise der eigentlichen Stammeltern unserer Hausziege wissen wir recht wenig. Wir wollen daher als Ersatz die Schweizer Ziegen wählen, deren Lebensweise ein dort heimischer Naturforscher vortrefflich geschildert hat.

Die Ziegenböcke des Gebirges haben mitunter so außerordentlich große Hörner, daß sie von weitem Steinböcken ähnlich sehen. Sie zeichnen sich besonders durch ihren kecken, mutwilligen Humor aus. Es liegt etwas Ernstes in der Haltung ihres Kopfschmuckes, aber sie haben ein schalkhaftes Auge und zeigen, wenn es ans Naschen oder ans Spielen und Stoßen geht, ihre ganze Leichtfertigkeit. Das Schaf hat nur in seiner Jugend ein munteres Wesen, ebenso der Steinbock; die Ziege behält es länger als beide. Ohne eigentlich im Ernste händelsüchtig zu sein, fordert sie gern zum munteren Zweikampfe heraus.

Neugierde ist überhaupt neben der Launenhaftigkeit ein hervorstechender Wesenszug der Ziege. Sie ist in weit höherem Grade neugierig als die Kuh; die Gemse ist ihr darin ähnlich. Zu den Gemsen verliert sich hier und da eine Alpenziege und bleibt monatelang in der Gesellschaft. Doch muß es ihr sauer werden, diesen Meistern im Springen und Klettern nachzukommen, und gewöhnlich kehrt sie im Herbst unvermutet ins Tal zu ihrer Hütte zurück. Im Appenzellerlande überwinterten schon verloren geglaubte Ziegen in geschützten Alpen unter großen Tannen bald allein, bald mit Gemsen, und kehrten im Frühling mit frischgeworfenen Zicklein ins Tal zurück.

Ueberhaupt ist unsere Ziege eines der muntersten und aufgewecktesten unter den zahmen Tieren, wie schon ihr Auge, ihr feiner Kopf, ihre schlanke, leichte Körperbildung und ihr großes Gehirn auf eine kluge Natur schließen läßt. Sie ist weit empfänglicher für die Liebkosungen des Menschen als das Schaf, folgt nicht, wie dieses, dem Gang der Masse, sondern tritt gern frei und selbständig auf, liebt Berge und Freiheit, fürchtet sich nicht so schnell, ist im Zorne ziemlich hartnäckig, hat viel Gedächtnis und Ortssinn und würde vielleicht bei völliger Freiheit nach wenigen Generationen an Lebhaftigkeit, Kühnheit und ausgebildetem Instinkt der Gemse wenig nachstehen. Dies gilt namentlich von den gehörnten Ziegen, die in den Gebirgen weit häufiger sind als die ungehörnten, die dafür im Tale in den Ställen vorgezogen werden. Um solche hornlose Ziegen zu erhalten, bedient man sich hie und da eines höchst gefährlichen Mittels. Man gräbt nämlich Zicklein, sobald die Hörnchen hervorbrechen wollen, diese samt der Wurzel aus dem Schädel.

Der die Gebirge durchstreifende Wanderer trifft häufig Ziegengruppen als malerische Zutat einer einsamen Alpengegend, bald frei weidend, bald unter Obhut eines wetterbraunen, barfüßigen Jungen. Sie sind selten scheu, gewöhnlich ganz zutraulich und munter. In manchen Schweizerbergen folgen sie dem Fremden stundenweit, um ein paar Fingerspitzen Salz oder ein Stück Brot zu erbetteln. Erhalten sie kein Salz, so genießen sie mit ebenso großem Behagen eine Portion Schnupftabak. Gewöhnlich sind ein halb Dutzend Stück einer Ochsen- oder Pferdeherde beigegeben, und ihre Milch ist fast die einzige Nahrung der Hüter; oft finden sich einige Stücke im Gefolge einer Kuhherde, oder sie werden auch zu Herden vereinigt und zur Alp getrieben. In diesem Falle teilt man sie im Appenzellerlande in Haufen von je 12 Stück ab; ärmere Bauern, die keinen ganzen Haufen vermögen, stoßen ihre Ziegen zusammen und halten gemeinschaftlich einen Geißbuben, der nebst magerer Kost noch geringere Löhnung erhält.

Mit großer Kühnheit schweifen diese Tiere in den steilsten Gebirgsbänken umher, um vereinzelte Grasbüschel oder zarte, leckere Stäudchen zu rupfen. Dabei geschieht es nicht selten, daß sich die Ziege »verstellt«, wo sie sich weder vor- noch rückwärts mehr getraut. So bleibt sie dann oft zwei bis drei Tage ohne Nahrung zwischen Tod und Leben, bis der Geißbub sie entdeckt und zu »lösen« sucht. Dies tut er mit wunderbarer Verwegenheit; manchmal bindet er sie an ein Seil, um sie die Felswand hinaufzuziehen. Es ist in der Tat merkwürdig, daß der Mensch sich da zu klettern getraut, wo selbst die leichtfüßige Ziege den Mut verloren hat. Freilich sind die Geißbuben, die den ganzen Sommer über zwischen den Felsen leben, großartige Künstler im verwegensten Klettern und kennen die Gefahr so wenig, daß sie sich mitunter anbieten, die jähsten Felsenköpfe und Gebirgsseiten durch beliebig zu bezeichnende Narben und Falten zu erklimmen, wo man nicht begreift, wie eine Hand oder ein Fuß im steilen Absturz haften kann. Selten fallen die Ziegen tot, es sei denn, daß sie sich im Hörnerkampfe über den Felsenrand hinausstoßen oder von einem fallenden Steine, einer Lawine oder dem Flügel des Lämmergeiers ergriffen werden.

Bekanntlich sind die Ziegenherden durch ihre Naschhaftigkeit die gefährlichsten Feinde und eine wahre Geisel der Gebirgswaldungen geworden; aber allmählich wird diesem schädlichen Unwesen durch bessere Forstpolizei und Einschränkung des Ziegenstandes entgegengewirkt. Im ganzen zieht die Ziege ein mageres, halbsaures Futter mit grünen Knospen und Zweigen dem fetten Wiesengrase vor. Merkwürdig ist die Beobachtung, daß die giftige Wolfsmilch und der Schierling von ihr mit Begierde und ohne Nachteil gefressen wird. Dagegen sollen ihr Eicheln nachteilig sein. Die Ziegenmilch wird im August, wo die Tiere die höchsten Alpen besteigen, für am kräftigsten gehalten. Der größte Teil wird zu fünf- bis zehnpfündigen Käsen verarbeitet, die von vorzüglichem Wohlgeschmack sind.

Wir wollen jetzt nach einem Vorort gehen, wo ein alter Bekannter, Herr Althaus, Ziegen hält. Wegen seiner Gemütlichkeit und Gefälligkeit wird er allgemein »Onkel Althaus« genannt. Wir treffen es gut bei Onkel Althaus, denn es wird gerade ein Böckchen abgeholt, das er vor einigen Tagen verkauft hatte. Das Ziegenböckchen ist ungewöhnlich stark, was auch weiter kein Wunder ist, da es allein die ganzeMilch der Mutter getrunken hatte. In dieser milcharmen Zeit muß aber jeder zunächst an sich selbst denken. Onkel Althaus hat ein Söhnchen von neun Jahren, das die Milch sehr nötig braucht und dessentwegen er gerade die Ziege angeschafft hat. Es ist selbstverständlich, daß erst der Mensch und dann das Tier kommt.

Wir befürchteten, daß die Trennung von Mutter und Sohn zu endlosem Jammern der Alten führen würde, wie es bei der Kuh üblich ist, wenn ihr das Kalb genommen wird. Nichts von alledem geschah – kein einziges Mäh kam über die Lippen der Alten. Ich glaube aber, daß es falsch ist, wenn man hieraus auf eine Gefühllosigkeit der Ziegenmutter schließt. Onkel Althaus hatte wohl recht mit der Annahme, daß die alte Hippe, wie die Ziege auch sonst genannt wird, bestimmt glaube, das Junge werde wiederkommen. Er erzählte uns, und sein Söhnchen Albrecht bestätigte es, daß der kleine Bock schon oft Ausflüge auf eigene Faust unternommen hatte.

Es fällt uns auf, daß im Ziegenstall, in dem noch andere Ziegen stehen, die aber zurzeit keine Milch geben, so wenig Fliegen sind. Im Kuhstall wimmelt es von Fliegen, wie jeder weiß, der an einem warmen Sommertage einen Kuhstall betreten hat. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

Aus der früheren Schilderung der Alpenkühe wissen wir, daß es im Hochgebirge sehr wenig Insekten gibt. Die Ziege ist ein Kind des Hochgebirges. Die Fliegen und andere Insekten der Ebene kennen also Ziegen von früher her nicht. Dagegen sind ihnen Kühe als Geschöpfe sumpfiger Gegenden sehr wohl bekannt. Wer da glaubt, daß es einer Fliege oder einem anderen Insekt ganz gleichgültig ist, von welchem Tiere sie das Blut ziehen, der dürfte im Irrtum sein. Auch der Esel leidet als früheres Gebirgstier viel weniger unter der Insektenplage als das aus der Steppe stammende Pferd.

Wir sehen ähnliches bei unseren Kleidern. Die Motten bevorzugen ganz auffallend reinwollene Sachen, während sie künstliche Wolle oder Baumwolle meiden, mag sie auch noch so sehr das Auge des Menschen täuschen.

Es ist möglich, daß der Gestank des Ziegenbockes, der uns so unangenehm ist, auch die Fliegen vertreibt. Aber in unserem Falle kann er nicht in Betracht kommen. Denn Onkel Althaus besitzt keinen eigenen Bock, und das Böckchen ist noch so jung, daß es noch keinen Geruch entwickelt.

Die Ziege, die zu den paarzehigen wiederkäuenden Huftieren und der Familie der Horntiere gehört, hat keine Tränengruben und Klauendrüsen. Sie trägt ihren kurzen Schwanz gewöhnlich steil gestellt. Berühmt sind die Angora- und Kaschmirziegen. Bei uns werden die Schwarzwaldziege, die Harzer Ziege, die Erzgebirgsziege usw. gehalten. Sehr gelobt wird die Langensalzaer Ziege. Sie gleicht der SchweizerSaanenziege, die bei uns viel eingeführt worden ist. Die Saanenziege ist sehr groß, schneeweiß und ohne Hörner. Sie soll 5 bis 6 Liter Milch den Tag über geben, aber bei uns hat sie es nicht getan. Jedenfalls fehlen ihr die würzigen Gebirgskräuter, von denen wir bereits gesprochen haben.

Die Ziege ist mit einem Jahre ausgewachsen. Es soll noch gute Milcherinnen geben, die 16 Jahre alt sind. Die Tragezeit dauert etwa fünf Monate. Gewöhnlich werden ein oder zwei, manchmal sogar vier Junge geworfen.

Von Krankheiten ist die Ziege weit mehr verschont als die Kuh. Namentlich leidet sie nicht an Tuberkulose. Es gilt im Gegenteil ihre Milch als besonders heilkräftig für Lungenkranke. Die Ziege hat also eiserne Lungen von ihren Vorfahren geerbt, da sie bei uns oft in ganz elenden Ställen gehalten wird.

Von der Ziege als der »Kuh des armen Mannes« ist bereits gesprochen worden, ebenso von ihrer angeblichen Naschhaftigkeit, weshalb man sagt:

Wählerisch wie eine Ziege.

Bei den alten Griechen hieß der Ziegenbock überhaupt: Nascher.

Mager wie eine Zicke oder Ziege.

Bei den Ziegen, die in der Ebene leben müssen und nur Gras erhalten, ist das kein Wunder.

Umgekehrt sagt man:

Es in sich haben, wie die Ziege das Fett.

Das soll heißen, daß man einer Ziege, wenn sie innen feist ist, das gewöhnlich nicht ansieht.

Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen.

Hier wird der Rat gegeben, nicht dem Futter zu gleichen, das ein Tier frißt. Dieser Rat ist selbstredend bildlich gemeint. Man soll also beispielsweise nicht in Gegenwart von Leuten, die als große Darlehnssucher bekannt sind, fortwährend davon reden, wie viel Geld man hat.


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