Wer viel Geld hat und kanns nicht sehen liegen,Der halte sich Tauben, dann sieht er's fliegen.
Wer viel Geld hat und kanns nicht sehen liegen,
Der halte sich Tauben, dann sieht er's fliegen.
Freistehender TaubenschlagFreistehender Taubenschlag
Freistehender Taubenschlag
BrieftaubeBrieftaube
Brieftaube
Berliner LanglatschigeBerliner Langlatschige
Berliner Langlatschige
Bei der Ente haben wir das große Glück, ihre Stammeltern, die Wildente, und zwar die Stockente, seit mehr als einem Menschenalter im Berliner Tiergarten beobachten zu können. Jetzt freilich sind die Gewässer fast entenleer. Immerhin treffen wir beispielsweise auf dem Goldfischteich eine Mutterente mit drei Jungen an. Es ist Anfang Juni, und die Jungen sind bereits so groß, daß man genauer hinsehen muß, um sie von der Alten zu unterscheiden.
Früher waren die Gewässer zu sehr besetzt, und das hatte allerlei Unzuträglichkeiten im Gefolge. Jede Ente braucht für ihre Nachkommenschaft einen gewissen Raum. So gab es also um die Brutplätze erbitterte Kämpfe zwischen den einzelnen Entenpaaren. Hatten die Besitzer eines Brutplatzes glücklich ein andringendes Paar abgekämpft, so dauerte es nicht lange, und sie mußten sich gegen neue Eindringlinge wehren.
Das Jagen der Erpel hinter den Enten nahm gar kein Ende. Durch die viel zu starke Besetzung der Gewässer litt auch das Familienleben der Enten sehr erheblich.
Das ist mit einem Schlage durch den Weltkrieg und den Mangel an Lebensmitteln anders geworden. Die Wildenten lebten im Tiergarten nicht wie ihre Artgenossen in der Freiheit von dem, was das Wasser bot, sondern hauptsächlich von dem, was das Publikum ihnen spendete. Das war in vergangenen Jahren sehr reichlich, und deshalb konnten sich zahllose Wildenten als Bettler durchschlagen. Jetzt ist aber die Fütterung durch die Spaziergänger gleich Null geworden. Die Gewässer sind jedoch zu nahrungsarm, um soviel Wildenten zu ernähren. Folglich wurden die Wildenten zum größten Teil gezwungen auszuwandern und anderswo ihr Heil zu versuchen.
Es ist nicht Zufall, daß die Mutterente gerade den Goldfischteich als Aufenthaltsort gewählt hat. Hier gibt es ohne Frage den meisten Fischlaich, und Fischlaich ist für die Ente ein sehr begehrtes Futter.
Gewöhnlich legen Stockenten 8 bis 16 Eier, so daß also zwölf Junge als Durchschnittszahl angegeben werden können. Es ist also anzunehmen, daß neun oder wenigstens fünf junge Entchen verlorengegangen sind.
Die Gründe für diese Verluste können mancherlei Art sein. Manche Wildenten brüten ausnahmsweise auf Bäumen. Es ist wunderbar, daß die kleinen Entchen vom hohen Nest auf die Erde purzeln können, ohne großen Schaden zu nehmen. Die Alte lockt die Jungen, nachdem sieausgebrütet und trocken geworden sind, zu dem kühnen Sprunge in die Tiefe. Dann wandert sie mit der kleinen Gesellschaft nach dem von ihr in Aussicht genommenen Gewässer. Schwächlinge, die den waghalsigen Sprung nicht unternehmen, bleiben im Neste und verhungern elendiglich.
Der Marsch nach dem Gewässer ist natürlich von tausend Gefahren bedroht. Jeder Hund wäre imstande, die ganze kleine Gesellschaft abzuwürgen. Zum Glück ist der Tiergarten ziemlich raubtierleer, doch gibt es immerhin noch Feinde in genügender Anzahl.
Sind die Entlein erst auf dem Wasser, so ist die schwerste Gefahr beseitigt. Denn bekanntlich können junge Entlein sofort ausgezeichnet schwimmen. Ja, sie können noch mehr, wie ich einmal beobachtete. Da war auf einem See ein Schwanenpaar, dem eine Wildente mit ihren Jungen sehr verhaßt war. Der männliche Schwan hatte schon mehrfach den kleinen Kerlen etwas auszuwischen gesucht, jedoch bisher stets vergeblich. Endlich war es ihm geglückt, sie beinahe in eine Bucht hineinzutreiben. Es war klar, daß er Böses im Schilde führte. Ich hielt die kleinen Entlein schon für verloren, da erhoben sie sich plötzlich wie auf Kommando und liefen äußerst schnell auf dem Wasser dahin. Dadurch entgingen sie der Einschließung durch den Schwan.
Uebrigens glaube ich, daß im letzten Augenblick die Mutterente den Schwan angegriffen hätte. Zwar ist es ein aussichtsloses Unternehmen, als kleine Wildente dem großen Schwan etwas anzutun. Aber sie hätte ihn immerhin bestürzt machen können, und die Kleinen hätten unterdessen einen Ausweg gefunden.
So unbeschreiblich rührend die Mutterliebe einer Wildente ist, so will es uns weniger gefallen, daß sie ihre eigenen Kleinen tötet, sobald sie sich in ein fremdes Schof, wie man Mutterente mit Jungen nennt, verirren. Das ist verschiedentlich beobachtet worden. Wir wissen nicht, woran sich die jungen Entlein erkennen. Wohl aber ist es bekannt, daß junge Entlein vom zweiten Tage ab ihre Geschwister von anderen jungen Entchen unterscheiden.
Ebenso töten die Mutterenten gern die Jungen einer anderen Ente oder verfolgen sie wenigstens aufs heftigste. Bei Glucken, die Küchlein bei sich führen, können wir das gleiche oft genug beobachten.
Der Grund für dieses uns seltsam anmutende Benehmen kann natürlich nur in der Magenfrage gefunden werden. Ein bestimmter Raum gibt nur für eine bestimmte Anzahl von einer gewissen Tierart Nahrung. Fremde Wettbewerber müssen demnach vertrieben oder getötet werden. Der Angriff auf die fremden Jungen ist demnach in gewissem Sinne ein Ausfluß der alles beherrschenden Mutterliebe. Die eigenen Kleinen sollen nicht darunter leiden, daß ihnen fremde die Nahrung beeinträchtigen.
Wir sehen, daß die eigene Verwandtschaft zu den schlimmsten Feinden bei der Ente gehört. Sehr viele Opfer kann auch das Wetter fordern. Wenn die jungen Entchen im Frühjahr ausgebrütet worden sind, dannkommen oft genug kalte Tage. In der Kälte aber gibt es keine Insekten, nach denen sie mit Vorliebe haschen. Ueberhaupt ist an kalten Tagen das Wasser nahrungsärmer.
Unter natürlichen Verhältnissen machen zahlreiche Raubtiere auf die armen Enten Jagd. Der Seeadler lebt vielfach von Enten, ebenso lieben Habicht und Wanderfalk einen Entenbraten. Gern stellt ihnen auch der Fuchs nach, ebenso auch andere Raubtiere. Ihre Eier werden von den Krähen ausgetrunken. Trifft ein Storch oder ein Reiher mit einer Mutterente zusammen, die ihre Jungen führt, so läßt er alle in seinem Magen verschwinden, falls sie ihm nicht entwischen.
Im Tiergarten kommen von allen diesen Feinden gewöhnlich nur die Wanderratte, die der Berliner Wasserratte nennt, in Betracht. Diese ersäuft die Jungen, indem sie die Entlein von unten packt und in die Tiefe zieht.
Die arme Mutterente muß also Tag und Nacht auf ihrer Hut sein. Während beim Schwan und der Wildgans das Männchen ein besorgter Vater ist, kümmert sich der Enterich gar nicht um seine Nachkommenschaft. Er trifft sich mit den andern Wilderpeln zusammen und scheint sich prächtig mit ihnen zu vergnügen.
Nach unsern Begriffen ist er ein ganz gewissenloser Kerl. Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß man menschliche Vorstellungen nicht ohne weiteres auf tierische Verhältnisse übertragen darf.
Um die Wildenten vor ihrer Ausrottung zu bewahren, ist nur erforderlich, daß jede Entenmutter ein bis zwei Junge großzieht. Das gelingt ihr regelmäßig ohne den Beistand des Erpels. Da die Natur überall mit dem geringsten Kraftaufwand tätig ist, so bleibt der Erpel bei der Aufzucht außer Betracht.
Im Tiergarten werden wir von der Verstellungskunst der Entenmutter kaum etwas zu sehen bekommen. Denn das Publikum würde es verhindern, daß beispielsweise jemand einen Hund auf sie und ihre Jungen hetzt.
Wir haben bereits früher (Kap.144) geschildert, wie die Wildhühner ihre Jungen gegen überlegene Feinde zu schützen suchen. Wir müssen auf diese ebenso merkwürdige wie erfolgreiche Rettungsart hier bei der Mutterente nochmals zu sprechen kommen.
Die stärkeren Tiermütter verteidigen ihre Jungen durch ihre Kraft. Den meisten Friedvögeln fehlt jedoch eine solche Stärke ihrer Glieder, um damit Erfolge zu erzielen. Der Weiblichkeit liegt es nun nahe, die Kraft durch List zu ersetzen. Besonders machen schwache Tiermütter hiervon Gebrauch. Nähert man sich dem Neste eines Singvogels, so kann man oft erleben, daß das Weibchen wie tot zur Erde fällt. Um den Feind von ihren Jungen abzulenken, stellt sich die Mutter tot. Will der Feind sie haschen, so weiß sie mit großer Gewandtheit ihm zu entschlüpfen und ihn weit weg vom Neste zu führen. Fasanenmütter undRebhühner stellen sich lahm, um den Hund oder Fuchs von ihren Jungen fortzulocken. So macht es auch die Mutterente. Obgleich sie ganz gesund ist, lahmt sie ganz auffallend. Natürlich denken Fuchs oder Hund, daß ein gelähmtes Geschöpf mit leichter Mühe zu ergreifen ist, und verfolgen sie. Auch hier versteht sie es meisterlich, die Feinde von den Jungen fortzulocken, ohne selbst erhascht zu werden.
In früheren Zeiten waren die Menschen mit der Tierwelt viel vertrauter. Die Verstellungskünste der Mutterente waren ihnen etwas ganz Bekanntes. Sie wußten, daß die Ente durch ihr Benehmen andern etwas mitteilt, was nicht wahr ist. So lag es nahe, eine Zeitungsmeldung, die etwas mitteilte, was nicht wahr ist, als Zeitungsente zu bezeichnen.
Die Hühner gehen, wie wir wissen, zeitig schlafen. Wie ist es mit der Wildente?
Es ist bereits früher (Kap.145) hervorgehoben worden, daß die Wildente im Gegensatz zu den wilden und zahmen Hühnern auch in der Nacht tätig ist. Der Jäger weiß, daß man sich auf Enten gegen Abend am Rande eines Gewässers anstellt. Mit Einbruch der Dämmerung fangen die Enten an, auf Nahrungssuche auszugehen und zu diesem Zwecke nach Teichen oder sonstigen Gewässern zu fliegen, wo sie reichliches Futter vermuten.
Auch die Wildenten im Berliner Tiergarten haben diese Lebensweise beibehalten. Unzählige Male habe ich sie in der Nachtzeit in Tätigkeit gesehen. Es ist, wie schon hervorgehoben wurde, ein Irrtum, daß die Wildenten sich durch das elektrische Licht die Nahrungssuche in der Nacht angewöhnt haben. Auf dem Lande, wo kein elektrisches Licht strahlt, handeln sie genau ebenso.
Warum frißt die Ente nun nicht am Tage wie die Hühner? Zeit genug hat sie doch eigentlich den ganzen langen Tag über.
Die Wildente wird es besser wissen als wir, weshalb sie die Nacht zur eigentlichen Fütterung wählt.
Wahrscheinlich ist der Grund folgender. Seeadler, Adler, Wanderfalk und Habicht sind, wie wir wissen, eifrige Feinde der Wildente. Diese Feinde sind Tagraubvögel, die am Tage tätig sind, aber nicht in der Nacht. Die hauptsächlichste Rettung der Ente liegt in der Flucht, auf dem Wasser in ihrem Tauchen. Je voller sich die Ente gefressen hat, desto schlechter fliegt und taucht sie, und um so leichter wird sie gefangen.
Die Ente frißt gern viel. So läuft sie also Gefahr, wenn sie am Tage reichlich gefressen hat, von ihren Hauptfeinden erbeutet zu werden.
In der Nacht braucht sie diese nicht zu fürchten. Da kommen als Feinde nur die großen Eulen, also namentlich der Uhu, in Betracht. Angenommen, daß dieser von dem Schwarm der Enten, die sich zur Nachtzeit irgendwo gesammelt haben, eine fängt, so ist das weiter kein Unglück.
Uebrigens sieht man dem Auge der Ente auch äußerlich an, daß es an die Augen der Dunkelheitsseher, der Nachtigallen, Schnepfen und anderer Vögel erinnert, während die Augen der Hühner, als ausgesprochener Helligkeitsseher, ganz anders aussehen.
Unsere Hausente ist größer, stärker und fetter geworden als ihre Vorfahren. Dafür kann sie nicht mehr wie diese auf den Grund der Gewässer tauchen, auch kann sie nicht annähernd so gut wie diese fliegen.
Wir folgen der Einladung eines Bekannten im Vorort, um uns seine Enten anzusehen. Beim Eintritt in sein Gehöft bemerken wir eine Glucke, die ängstlich am Rande eines kleinen Pfuhles herumläuft und fortwährend Lockrufe ausstößt, während die jungen Entlein unbekümmert um die Angst ihrer Pflegemutter lustig umherschwimmen.
Weshalb läßt der Mensch die Enteneier durch eine Henne ausbrüten? Ist das nicht grundverkehrt? Die Ente liebt die Nässe, während das Huhn sie haßt.
Die Erklärung liegt darin, daß wir deshalb oft Pflegemütter wählen, weil sie als Brüterinnen und Führerinnen ausgezeichnete Dienste leisten. So ist die Pute wegen dieser Eigenschaften berühmt, und erst vor einigen Tagen sah ich in Berlin eine Pute junge Enten führen. Die Ente läßt auf diesem Gebiete häufig zu wünschen übrig.
Sodann will die Mutterente ihre Jungen zum Wasser führen. Hat man auf oder bei seinem Gehöft einen Graben oder Teich, so ist das sehr schön. Häufig ist das nicht der Fall, und dann ist eine Glucke ganz am Platze.
Der Mangel an Wasser schadet Enten, die man mästen will, nichts. Dagegen würden Zuchtenten ohne Wasser nicht gedeihen.
Besonders große Entenrassen sind die Rouen-Ente, die gemästet über 10 Pfund schwer wird, ferner die Aylesbury- und die Peking-Ente. Kleiner ist die indische Laufente, die aber eine fleißige Eierlegerin ist und es auf 150 Eier im Jahre bringt.
Die Brutzeit dauert 28 Tage oder einige Tage weniger. Zur Zucht gebraucht man Enten bis zum fünften Jahre, obwohl sie noch länger legen.
Junge Enten wachsen, wie wir an den Wildenten sehen, sehr schnell heran und können in 10 bis 12 Wochen mastreif sein.
Die Ente wird als gefiedertes Schwein bezeichnet, weil sie alles frißt. Wir haben bereits beim Schwein hervorgehoben, daß diese Redensart etwas übertrieben ist. Richtig ist, daß ihr Speisezettel sehr reichhaltig ist. Die Wildente frißt Sämereien, Knollen, Blätter, ferner Insekten, Würmer, Weichtiere und Reptilien. Fische fängt sie wohl nur durch Zufall, da sie zum Fischen nicht passend gebaut ist. Desto eifrigerist sie nach dem Laich der Fische, wie schon erwähnt wurde. Die Hausente frißt außerdem Hausabfälle, Kartoffeln, Fleisch usw.
Mit dem Schwein teilt die Ente den Vorzug, daß ihr Fleisch immer Abnehmer findet, und daß ihre Zucht überhaupt verhältnismäßig lohnend ist.
Erwähnt wurde bereits die Redensart, wonach die Ente als gefiedertes Schwein bezeichnet wird. Auch ist die Zeitungsente zu erklären versucht worden. Ferner findet in dem Vorstehenden die Redensart ihre Erklärung:
die umhertrippelt wie ein Huhn, das Enten ausgebrütet hat und sie aufs Wasser gehen sieht.
Sonst wären noch anzuführen:
Er kann schwimmen wie eine Ente.
Spöttisch wird auch gesagt:
Er kann schwimmen wie eine bleierne Ente.
In unserem Zoologischen Garten, der uns so oft ein Helfer in der Not gewesen ist, können wir uns auch die Stammeltern unserer Hausgans, die Graugänse, ansehen. Sie tummeln sich auf dem sogenannten Vierwaldstätter See. Allerdings ist bei oberflächlicher Betrachtung nicht viel an ihnen zu sehen. Sie sehen eben wie graue Gänse, die auf einem Gewässer schwimmen, aus. Aber wer die außerordentliche Vorsicht der Graugänse kennt, der ist schon sehr erfreut darüber, daß er sie so in der Nähe zu Gesicht bekommt. Ich habe jahrelang Jagdreviere gekannt, wo es sehr viel Wildgänse gab. Aber nur einmal habe ich eine Graugans in der Nähe zu sehen bekommen. Es war eine Nachzüglerin, die es sehr eilig hatte und sehr niedrig flog. In der Eile hatte sie uns Jäger, die wir im Graben lagen, übersehen.
Jung eingefangene Graugänse werden verhältnismäßig leicht zahm. So sind sie, wie schon erwähnt wurde, die Stammeltern unserer Hausgänse geworden.
Berühmt ist die Geschichte, daß Gänse das Kapitol von Rom und dadurch die Stadt selbst durch ihre Wachsamkeit gerettet haben. Die Feinde, die Gallier, hatten damals vor mehr als zweitausend Jahren, einen nächtlichen Ueberfall geplant. Die Hunde schliefen, aber die Gänse merkten, daß unerbetener Besuch sich nahte, und erhoben ein Geschrei. Hiervon wurde die Besatzung wach, der es gelang, die anstürmenden Feinde in die Tiefe zu stürzen.
Alljährlich wurde diese Rettung der Stadt durch ein Fest gefeiert. Neben einer triumphierenden Gans lag ein getöteter Hund.
An der Wahrheit des Berichts ist nicht gut zu zweifeln, und der Tierkenner wird der letzte sein, der ihn bezweifelt. Die Wachsamkeit ist ohne Frage ein Erbteil ihrer Stammeltern.
Unsere Wildgans ist im Gegensatz zu manchen ausländischen Gänsen infolge ihrer Schwimmfüße außerstande, auf Bäumen zu schlafen, wie es die andern Vögel tun. Sie lebt deshalb in unzugänglichen Brüchen und schwer zugänglichen bewachsenen Inseln. Es ist nun selbstverständlich für den Menschen recht schwer, sich zur Nachtzeit solchen Schlafstätten zu nähern. Aber Wildkatzen, Füchse und Wölfe, namentlich aber Hermeline, Iltisse und Fischottern, die sämtlich nächtliche Räuber sind, können den schlafenden Gänsen doch sehr gefährlich werden. Deshalb scheint immer eine von den Wildgänsen Wache zu halten. Auch deutet ihre Vorliebe für Schlafplätze im Schilf darauf hin, daß sich die Annäherung des Räubers durch Betreten der überall liegenden trockenen Rohrstücke verraten soll. Diese Benutzung von Natur-Alarmapparaten finden wir bei Pflanzenfressern nicht selten, so bei Hirschen, Rehen usw. Sie haben ihr Lager am liebsten an Oertlichkeiten, wo sich der Jäger nicht nähern kann, ohne durch das Betreten des Laubes und der überall vorhandenen Zweigstücke Geräusche zu erzeugen.
Die Hausgans ist also von Hause aus durchaus für die Wachsamkeit zur Nachtzeit geschaffen, deshalb ist die von ihr gemeldete Geschichte vollkommen glaubhaft.
Die Bezeichnung »dumme Gans« ist bei uns sehr geläufig. Und betrachtet man Hausgänse, die auf einem Anger weiden, was wir in jedem Dorfe anstellen können, so machen die Tiere ohne Zweifel nicht den Eindruck, als ob sie über einen großen Geist verfügen.
Das eintönige Geschnatter, das sie hören lassen, erscheint zunächst sehr überflüssig. Wir wissen aber von dem Grunzen der Schweine und dem Blöken der Schafe, daß solche den Zusammenhang der Gesellschaft wahrenden Töne für Tiere, die im Röhricht leben, sehr wichtig sind. Sodann sehen die Gänse mit ihrem watschelnden Gang auf dem Erdboden sehr unbeholfen aus. Aber ist das irgendwie wunderbar? Wir Menschen haben sie doch aus ihrer Heimat zwischen Rohr und Binsen genommen und auf den festen Erdboden gebracht, wohin sie ihrer Natur nach nicht gehören. Ihre Furchtsamkeit, die sie bekunden, ist auch nicht weiter merkwürdig. Denn wie unsern Hausschafen das Gebirge, so fehlt ihnen und den Enten das Wasser zu ihrer Rettung. Nur der Gänserich bekundet Mut gegen Kinder. Er geht auf sie mit Zischen los. Uebrigens haben sie gelegentlich schon durch Schnabelhiebe ganz kleinen Kindern gefährliche Verletzungen beigebracht.
Die angebliche Dummheit der Hausgänse muß man in der Hauptsache auf die unnatürlichen Verhältnisse zurückführen. Von Hause aus ist die Gans ein sehr kluges Tier. Hierüber sind sich alle Jäger einig. Das Anschleichen an Gänse ist ungeheuer schwierig, weil sie durch ihre Wachsamkeit und ihr vorzügliches Sehvermögen fast alle Mittel ihrer Feinde zuschanden machen.
Unsere Vorfahren waren mit dem Tierleben weit inniger vertraut als wir. Sie kannten die Tiere demnach auch viel besser. So erklärt es sich, daß sie ein Rechtsbuch »Graugans« nannten. Für den heutigen Kulturmenschen ist diese Bezeichnung ganz unverständlich. Der Jäger aber versteht, was damit gemeint ist. Die Verfasser haben sich die Graugans mit ihrer bewundernswerten Vorsicht, Klugheit und Wachsamkeit als Vorbild genommen.
Unsere Dorfgänse werden jetzt nach Hause getrieben, wobei sie sich in dem bekannten Gänsemarsch bewegen. Dieser Gänsemarsch dürfte ohne Frage aus ihrer Bewegungsart im Röhricht und Binsen herrühren.Eine Wildgans muß hier der andern folgen, da sie sich sonst jedesmal erst einen neuen Weg bahnen müßte.
Ueberhaupt läßt sich nicht bestreiten, daß den Gänsen durch ihre Lebensart ein gewisser soldatischer Geist eingehaucht ist. Sie haben einen bewundernswerten Sinn für Ordnung. Das Einreihen, das Bilden einer Linie und ähnliche Bewegungen fallen ihnen ersichtlich leicht. Wie soll es auch anders sein, da ja ihr Flugbild das bekannte Dreieck bildet. Man nimmt an, daß die Gänse in dieser Flugform leichter die Luft durchschneiden.
Für die Leser, denen unsere Wildgänse nicht bekannt sind, möchte ich von dem Berichte eines Jägers über einen zahmen Wildganter eine Stelle hier bringen.
Auf einem Gute in der Neumark waren zwei Eier von Wildgänsen durch Hühner ausgebrütet worden. Es war ein Pärchen, ein Ganter und eine Gans. Beide flogen, als sie erwachsen waren, oft fort, kehrten aber stets wieder heim. Von diesem Ganter erzählt der erwähnte Jäger folgendes:
Die Hunde haben es schon längst gelernt, ebenso schnell wie unauffällig aus seinem Bereich zu verschwinden, und auch die Katzen sind, falls er gerade schlechter Laune ist, vor seinen Angriffen nicht sicher. So stand der Ganter einst neben mir im Garten, offenbar ungehalten darüber, daß ich als Fremdling es wagte, mich in der Nähe seiner Lieblingsgans zu bewegen, die unmittelbar daneben auf dem Hofe im Pferdestall brütete. Da erstand mir ein Blitzableiter in Gestalt einer Katze. Mieze lag auf dem Rande des niedrigen Daches der Veranda, der Ganter entdeckte sie und schon im nächsten Augenblick schwang er sich in die Höhe, um mit dem mißliebigen Eindringling abzurechnen. Im Nu hatte er die tödlich erschrockene Katze am Balge erfaßt; kläglich schreiend wehrte sie sich zwar, so gut es ging, aber es half ihr alles nichts. Mit ihrem Feind zusammen, der nicht losließ, mußte Mieze hinab in die Tiefe, und fest verfangen kamen die beiden Kämpfer durch das dichte Weinrankengewirr der Gartenlaubenwand zur Erde herabgepoltert. Hier erst ließ der Ganter die Katze los, die sich nun eilig aus dem Staube machte; ihre Verteidigung schien dem ungewohnten Feind gegenüber recht mäßiger Art gewesen zu sein.
Dieses angriffslustige Benehmen legt der Ganter jedem lebenden Wesen gegenüber an den Tag, wenn er schlechter Laune ist und sich dem Gegner einigermaßen gewachsen fühlt. Vor Männern hat er immerhin noch einigen Respekt, aber er kann es doch nicht unterlassen, auch sie empfindlich in die Wade zu zwicken, wenn sie seinen Gänsen oder wohl gar deren Gelegen zu nahe kommen. Frauen und Mädchen denken nicht im Traum an solche Verwegenheit, die er, wenn es sich nicht etwa um seine Pflegerinnen handelt, ganz gewaltig bestrafen würde. Aus allen diesen Gründen ersetzt der Ganter auch den vorzüglichsten Hofhund, denn seinen Nachtdienst tritt er schon an, sobald dieersten Schatten der Dämmerung sich auf die Erde senken. Was ihm an Eindringlingen nicht stark überlegen erscheint, wird im wahren Sinne des Wortes überfallen; denn der Ganter naht im Schutze der Dunkelheit vollkommen lautlos und verbeißt sich ganz fest in Kleidern, Haaren oder Gliedmaßen.
Uebermächtigen Feinden, wie Männern gegenüber, befolgt er dagegen einen ganz anderen Feldzugsplan, indem er von seiner fabelhaft durchdringenden Stimme den ausgiebigsten Gebrauch macht. Die Sage von den kapitolinischen Gänsen wird von diesem Vogel in die Wirklichkeit übersetzt, und wenn er auch natürlich nur sein eigenes Hausrecht zu wahren bestrebt ist, wissen doch die Hausbewohner mit Sicherheit, daß irgendetwas nicht in Ordnung ist, wenn nachts der Ganter laut wird.
In der vorstehenden Schilderung wird ebenfalls die Wachsamkeit der Gans zur Nachtzeit bestätigt.
Berühmt von den Gänserassen sind die Pommersche, Mecklenburgische, Emdener und Toulouser Gans. Gänsezucht bringt nur Gewinn, wenn man über Weiden mit Wasser verfügt. Die Gans wird gewöhnlich im zweiten Jahre fortpflanzungsfähig und kann sehr alt werden, jedenfalls über 20 Jahre. Die Gans legt etwa ein Dutzend Eier und brütet 28 bis 32 Tage darauf.
Die Gänse sind in der Hauptsache Pflanzenfresser. Sie weiden mit Hilfe ihres harten scharfschneidenden Schnabels Gräser und Getreidearten, Kohl und andere Kräuter von der Erde ab, enthülsen Schoten und Aehren und gründeln in seichten Gewässern nach Pflanzenstoffen. Doch nehmen die Gänse auch tierische Nahrung zu sich.
Bei uns ist es üblich, die Gänse nach der Ernte auf die Felder zu treiben, wobei die Tiere (Stoppelgänse) sehr an Gewicht zunehmen.
Außerordentlichen Nutzen gewährt die Gans durch ihre Federn. Sie wird zu diesem Zwecke ein- oder zweimal gerupft.
In früheren Zeiten lieferten die Kiele der Schwungfedern die Schreibfedern. Es war eine mühsame Arbeit, die Kiele zu diesem Zwecke zurechtzuschneiden.
Vorzüglich ist auch das Fett der Gans. Von Feinschmeckern wird ihre Leber gerühmt. Es ist ein ziemlich umständliches Verfahren, um künstlich große Lebern zu erzeugen.
Erwähnt wurde schon die Bezeichnung Gans oder dumme Gans für einen dummen Menschen, namentlich für eine dumme Frauensperson. Insbesondere wird ein albernes Mädchen gern als Gänschen bezeichnet. Ebenso wurde bereits der Gänsemarsch und das Watscheln wie eine Gans angeführt.
In Berlin kann man die Redensart hören:
Eine gute gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes,
wobei das »g« wie »j« ausgesprochen wird.
Mit
Gänsewein
wird scherzhaft das Wasser bezeichnet.
Gänsefüßchen
heißen die Anführungszeichen bei der Zeichensetzung.
Gänsehaut,
so wird die menschliche Haut bezeichnet, wenn sie durch Kälte oder Schreck der Haut einer Gans ähnlich sieht.
Schwäne, Enten, GänseSchwäne, Enten, Gänse
Schwäne, Enten, Gänse
Auch in diesem Falle müssen wir uns nach dem Zoologischen Garten begeben, um uns Schwäne anzusehen. Die Schwäne im Tiergarten sind seit einigen Jahren verschwunden. Noch im vorigen Jahre lebte ein Pärchen auf dem Tempelhofer Felde in dem neugegrabenen See. Auch das ist nicht mehr vorhanden. Ob in der Havel noch Schwäne sind, habe ich noch nicht feststellen können.
Vor vierzig Jahren brütete alljährlich ein Schwanenpaar an der Moabiter Brücke, die von der Kirchstraße über die Spree führte. Das Nordufer der Spree war damals unbebaut und bildete die sogenannte Wulwe-Lanke. Es war ein schöner Anblick – er und sie würdevoll und vorsichtig dahinschwimmend und um sie beide ihre Kinderschar. Gewöhnlich waren es vier Junge, die bräunlich aussahen. Merkwürdigerweise hört man so oft, daß der Schwan weiße Junge habe. Das ist aber, wenn man von einer Ausnahme absieht, durchaus unrichtig.
Auch die Schwäne im Zoologischen Garten erfreuen uns durch ihre schöne weiße Gestalt, die so vortrefflich in den Rahmen eines stillen, verträumten Weihers paßt.
Warum haben die Schwäne einen so langen Hals? Diese Frage kann man oft hören. Ich glaube, sie muß in folgender Weise beantwortet werden:
Einmal muß jedes Tier so gebaut sein, daß es mit seinen Reinigungsmitteln zu jedem Körperteil gelangen kann. Da der Vogel die Reinigung mit dem Schnabel besorgt, so braucht der Schwan, um zu dem äußersten Teil des Rückens zu gelangen, schon deshalb einen langen Hals.
Sodann kommt die Nahrungsmittelverteilung hinzu. Wenn alle Pflanzenfresser dasselbe fressen würden, so wäre der Streit unter ihnen noch größer, als er ohnehin schon ist. Aus diesem Grunde sind sie verschieden groß gebaut. Der kleine Hase kann, selbst wenn er sich aufrichtet, nicht dahin reichen, wo das Reh bequem fressen kann. Dagegen kann das Reh die Stellen nicht erreichen, die dem größeren Hirsch zugänglich sind.
Wie Hase, Reh und Hirsch über dem Boden, so unterscheiden sich Schwimmente, Gans und Schwan unter dem Wasser. Die Gans kann beim Gründeln solche Stellen erreichen, wohin die Ente nicht gelangt. Und wiederum kann der Schwan noch weiter reichen als die Gans.
Die Wildente kann wohl auf den Grund des Gewässers tauchen, und tut das auch oft. Aber beim Gründeln sieht man Enten, Gänse und Schwäne nicht tauchen. Das dürfte sich nur aus der Nahrungsmittelverteilung erklären.
Der Schwan ist noch mehr Pflanzenfresser als Gans und Ente. Im Frühjahr quakende Frösche läßt er, wovon ich mich oft überzeugen konnte, ganz unbehelligt.
Seine Hauptfeinde, Adler und Uhu, sind jetzt bei uns fast ausgerottet. Vor ihnen flüchtete er ins Schilf. Manchmal kommt es noch vor, daß ihn ein Fuchs abwürgt, wenn er im Winter im Eise festgefroren ist. Unter gewöhnlichen Umständen dürfte ein Fuchs einem gesunden Schwan nicht viel anhaben können, da er sich mit seinen gewaltigen Flügelschlägen gut verteidigen kann.
Der Schwan nistet im Frühjahr. Nach einer Brutzeit von 35 bis 42 Tagen schlüpfen die Jungen aus. Die Anzahl der Eier beträgt sechs bis acht.
Hervorragend geschätzt sind die Federn des Schwans wegen ihrer Farbe und Weichheit. Mit der Schönheit des Tieres steht sein Wesen wenig im Einklang. Er zeigt sich nach unsern Begriffen selbstbewußt und herrschsüchtig. Vom Standpunkte des Schwanes aus dürften sich diese Eigenschaften sehr wohl erklären lassen.
Schwanengesang.
Wir in Deutschland kennen hauptsächlich den Höckerschwan, der nur zischt, aber nicht singt. In nördlichen Ländern lebt aber der gleichgroße Singschwan, der keinen Höcker trägt. Dieser führt seinen Namen mit Recht. In den kalten Winternächten soll der Gesang einer Schar Singschwäne sehr schön klingen. Manche behaupten, daß der Singschwan besonders vor seinem Tode sänge, was von andern bestritten wird. Wahrscheinlich haben die alten Griechen, die zuerst von dem Schwanengesang in diesem Sinne sprechen, aus dem Gesang die Todesahnung herausgehört. Sie haben ebenso bei der Nachtigall die Anklage wegen eines Kindesmordes herausgehört.
Die Schwäne galten als besondere Lieblinge des Apollo, des Gottes der Dichtkunst. Daher werden Dichter geradezu als Schwäne bezeichnet, so Shakespeare (Schähkspir) als Schwan von Avon (ew'n oder äw'n), da er am Avon geboren ist.
Schwanengesang ist also die letzte bedeutende Leistung, die jemand angesichts seines bevorstehenden Todes vollbringt, wie das Sterbelied des Schwans.
Schwanen.
Da der Schwan seinen Tod vorher wissen soll und überhaupt, wie viele Vögel, nach dem Volksglauben (Kap.36) in die Zukunft blicken kann, so bedeutet es: dunkel ahnen.
Nach der schneeweißen Farbe des Schwans gibt es zahlreiche Zusammensetzungen, die hierauf Bezug nehmen, beispielsweise
Schwanenhals.
Allerdings kann hierbei auch auf die Länge des Schwanenhalses angespielt sein.
Wer sich auch sonst um Tiere wenig bekümmert, dem wird doch der Kanarienvogel bekannt sein.
Der goldgelbe Sänger war vor dem Weltkriege in zahllosen Familien anzutreffen. Jetzt ist er auch selten geworden, und wir freuen uns, daß wir bei einem Bekannten Gelegenheit haben, einen zahmen Kanarienvogel zu betrachten.
Unser Bekannter, Herr Stengert, öffnet den Käfig, und sofort fliegt ihm Hänschen, wie der Kanarienvogel genannt wird, auf den vorgestreckten Finger. Auf Befehl gibt er seinem Herrn ein Küßchen. Bei Kanarienvögeln kann man das unbesorgt tun, da sie nicht wie Hunde im Kot wühlen. Sodann kriecht er seinem Herrn in den Rockärmel, wo es ihm besonders gut zu gefallen scheint. Wenigstens ist erst ein Leckerbissen notwendig, um ihn von diesem warmen Platze fortzulocken.
Einen merkwürdigen Einfluß übt ein vor ihm aufgestellter Spiegel aus. Mit allen Zeichen der Erregung, nämlich dem Sträuben der Kopffedern und dem Heben der Flügel sowie ganz sonderbaren Tönen nähert er sich diesem Kunstwerk des Menschen.
Man sollte meinen, daß ein hübsches Tier sich freut, wenn es im Spiegel sein Ebenbild erblickt. Warum setzt den Kanarienvogel sein Spiegelbild so in Wut?
Wir Kulturmenschen sind so daran gewöhnt, im Spiegel unser Bild zu erblicken, daß wir das Spiegelbild für die selbstverständlichste Sache der Welt ansehen. Und doch kann von einer solchen Selbstverständlichkeit gar keine Rede sein. Wir wissen, daß Naturvölker, die sich zum ersten Male im Spiegel betrachten, gar nicht wissen, daß es ihre eigene Person ist, die der Spiegel wiedergibt. Woher soll denn der Wilde eigentlich wissen, wie er aussieht? Wenn der Mensch so etwas nicht sofort feststellen kann, so ist es beim Tier erst recht nicht der Fall.
Nasentiere, also Hunde und Pferde, bleiben, wie wir wissen, im allgemeinen kalt gegen den Spiegel. Denn die Spiegelung sagt der treuen Nase nichts. Dagegen übt der Spiegel auf Augentiere, also außer uns Menschen, auf Affen und Vögel eine starke Wirkung aus.
Um die Erregung von Hänschen zu verstehen, müssen wir uns folgendes vergegenwärtigen. Hänschen ist ein Hahn, und alle Hähne sind gewöhnlich sehr eifersüchtig auf einander. Vom Haushahn ist es ja allgemein bekannt, daß er sofort mit einem andern Hahn Streitbeginnt. Hänschen glaubt also, als er im Spiegel einen andern Kanarienhahn erblickt, einen Nebenbuhler vor sich zu haben. Er ist sofort bereit, mit ihm einen Kampf auszufechten. Sich selbst hat er nicht erkannt. Denn in diesem Falle wäre die Kampfbereitschaft vollkommen unverständlich.
Nachdem der Spiegel, der Hänschen so beunruhigt hatte, von seinem Herrn fortgebracht worden ist, erfreut uns der Vogel durch seinen herrlichen Gesang. Die Frage ist sehr naheliegend, weshalb nur die Männchen singen. Denn einen weiblichen Kanarienvogel kauft man nur zu Zuchtzwecken. Außerhalb der Zuchtzeit, die vom Februar bis zu der im August eintretenden Mauser dauert, sind die Weibchen verglichen mit den Männchen spottbillig.
Bedenkt man, daß jedes Männchen im Frühjahr ein Weibchen finden möchte, mit dem es zusammen ein Heim gründen kann, so wird es klar, daß der Gesang der männlichen Singvögel ein vorzügliches Mittel dazu ist, den Weibchen anzukündigen, wo sie einen Gatten antreffen können. Die Augen der Vögel sind bekanntlich ausgezeichnet. Deshalb braucht ein Adlermännchen, das auf einem steilen Felsen sitzt, nicht zu singen. Denn ein Adlerweibchen kann es auf viele Kilometer deutlich erkennen.
Aber wie ist es mit den kleinen Singvogelmännchen, die im dichten Laub verborgen sitzen? Wie schwer ist es nicht, wenn wir den Ruf oder Gesang eines Vogels hören, den Urheber im Gewirr des Laubes und der Aeste zu erblicken. Ich habe Bauern kennen gelernt, die mir erklärten, noch niemals in ihrem Leben einen Pirol oder Kuckuck gesehen zu haben. Das war in einer Gegend, wo im Sommer beide Vögel von früh bis spät ihre Rufe erschallen ließen.
Wie sollte in der Dunkelheit ein Nachtigallenweibchen wissen, daß ein Männchen im Gebüsch weilt, selbst wenn seine Augen scharf und für die Dunkelheit angepaßt sind? Wie anders liegt die Sache, und wie erleichtert ist das Finden, wo jetzt das Männchen zur Frühjahrszeit in der Nacht seine sehnsuchtsvollen Töne in die Welt hinausflötet?
Gerade unter den Gebüschvögeln und den versteckt lebenden Vögeln pflegen die trefflichsten Sänger zu sein. Außer der schon erwähnten Nachtigall und dem Pirol sei nur an den Sprosser, die Grasmückenarten, die Laubvögelarten, den Gartenlaubsänger und andere erinnert.
Das Männchen hat also bei den Singvögeln deshalb die Gabe des Gesanges, weil es die Weibchen dadurch auf sich aufmerksam machen will. Da die Natur überall mit Aufwendung der geringsten Mittel arbeitet, so hat sie dem Weibchen die Gesangesgabe nicht verliehen. Denn es wäre ganz zwecklos, wenn beide Teile auf ihrem Platze blieben und das andere Geschlecht auf sich aufmerksam machen wollten.
Nur bei alten Weibchen kommt es vor, daß sie kümmerlich etwas singen. Das erinnert an die Erscheinung, daß alte Frauen einen Anflug von Bart bekommen.
Herr Stengert erzählt uns, daß er vor Jahren einen Kanarienvogel in folgender Weise verloren hat. Er war aus dem Bauer entwischt und hatte sich die goldene Freiheit erobert. Doch er sollte sich ihrer nicht lange erfreuen. Denn die Sperlinge fielen über ihn her und ruhten nicht eher, als bis sie ihn getötet hatten. Es war ihm nicht möglich, seinen Liebling zu retten, da sich der Vorgang an einer für Menschen unzugänglichen Stelle abspielte.
Von diesem Haß der Sperlinge gegen entflohene Kanarienvögel habe ich so oft erzählen hören, daß ich an der Wahrheit der Berichte nicht gut zweifeln kann. Er steht auch ganz im Einklange mit der immer wiederkehrenden Erscheinung, daß sich nahe Verwandte im Tierreich grimmig hassen, so Wolf und Hund, Pferd und Esel usw. Auch der Kanarienvogel gehört wie der Sperling zu den Finken und müßte eigentlich nach menschlichen Anschauungen als naher Verwandter von den »Gassenjungen«, wie man die Sperlinge genannt hat, liebevoll aufgenommen werden. Da unter den Tieren Haß gegen Verwandte die Regel ist, so ist die Abneigung der Sperlinge gegen den Kanarienvogel nicht weiter auffallend.
Hierzu kommt noch folgendes. Alle freilebenden Tiere haben einen scharfen Blick für die Schwächen eines neu Angekommenen. Deshalb soll man einen Vogel, der ständig im Käfig gehalten wurde, nicht plötzlich aussetzen. Manche Tierfreunde wollen ihren Tieren etwas gutes erweisen und erreichen damit das gerade Gegenteil. So hatte ein Bekannter von mir eine junge Drossel großgezogen. Als ausgesprochener Tierfreund wollte er dem Tiere eine große Freude machen und ihm die Freiheit schenken. Er erzählte mir von seinem Plane, worauf ich ihm den Rat gab, die Drossel zunächst im Zimmer das Fliegen etwas gründlicher lernen zu lassen. Das wollte er jedoch wegen der damit verknüpften Schmutzereien nicht tun. Er nahm die Drossel also nach dem Tiergarten mit und setzte sie dort aus. Er selbst schaute von einer Bank aus dem Benehmen seines Lieblings zu. Es dauerte nicht lange, so kam eine Krähe. Diese fing die Drossel und verspeiste sie. Mein Bekannter war dagegen machtlos. Die Krähe hatte sofort erkannt, daß die Drossel nicht genügend fliegen konnte. Wie sie auf kranke Vögel Jagd macht, so auch auf schlechte Flieger.
Vielleicht ist auch folgender Umstand von Bedeutung. Bei jeder Tierart kommen wohl sogenannte Albinos vor, d. h. Tiere mit weißer Farbe und roten Augen. Allgemein gelten sie als schwächlich. Raubtiere suchen zuerst die Albinos zu erbeuten. Albinos werden von ihren Artgenossen gewöhnlich gemieden. Unser Kanarienvogel ist nun zwar kein Albino, aber mit seiner hellgelben Färbung sieht er ihm manchmal recht ähnlich. Jedes freilebende Tier sieht jedenfalls sofort, wenn es einen Kanarienvogel erblickt, daß hier ein Schwächling vorliegt. Schwächlinge werden gern bekämpft.
Der Haß der Sperlinge gegen den Kanarienvogel ließe sich also dadurch erklären, daß der Kanarienvogel ein naher Verwandter, ein erbärmlicher Flieger und ein Schwächling ist.
Der wilde Kanarienvogel, von dem unser zahmer Kanarienvogel abstammt, lebt noch heute auf den Kanarischen Inseln an der Westküste Afrikas. Seit etwa drei Jahrhunderten ist der Kanarienvogel als Haustier bei uns heimisch. Der wilde Kanarienvogel ist grünlich, während unser Kanarienvogel hauptsächlich gelb ist. Wie läßt sich diese Verschiedenheit erklären?
Wir sehen, daß Haustiere sehr häufig eine andere Farbe haben als ihre freilebenden Vorfahren. Das Wildpferd ist braun. Es gibt unzählige Pferde, die nicht braun sind. Ebenso ist es mit den Wildkaninchen, dem Bankivahuhn, der Felsentaube usw.
Da man bei Kanarienvögeln durch Fütterung mit Kayennepfeffer ganz merkwürdige Färbungen erzielt hat, so ist wohl anzunehmen, daß die Nahrung in einem gewissen Zusammenhang mit der Färbung steht. Da die Haustiere gewöhnlich zum Teil eine andere Nahrung als ihre Stammeltern erhalten, so würde sich ihre anders geartete Färbung zum Teil dadurch erklären.
Herr Stengert erzählt uns weiter, daß er früher echte Harzer Kanarienvögel besessen, sie aber wieder abgeschafft hat, denn sie verlangen eine hohe Wärmetemperatur, was bei dem jetzigen Kohlenmangel nicht zu erreichen war.
An sich ist jedem Geschöpf Abhärtung zuträglicher als Verweichlichung. Die Züchtung der Harzer Kanarienvögel bei hoher Temperatur kann man aber eigentlich nicht als Verweichlichung bezeichnen. Denn der Vogel ist einmal ein alter Afrikaner. Vielleicht hat man gerade dadurch so große Erfolge erzielt, daß man ihn in der Temperatur seiner Heimat hielt.
Da sich der Abend naht, so soll Hänschen zum Schlafen in ein dunkles Zimmer gebracht werden. Hier sind noch einige andere Kanarienvögel, die, wie wir sehen, bereits schlafen. Sie haben nämlich ihren Kopf in die Federn gesteckt.
Diese Schlafstellung erscheint uns recht wunderbar, und die Frage deshalb sehr natürlich, weshalb der Vogel so handelt.
Manche meinen, daß diese Haltung für den Vogel am bequemsten sei. Wie der Mensch den Kopf sinken lasse, wenn er müde sei, so stecke der Vogel unter gleichen Umständen den Kopf in die Federn.
Hiermit ist aber schlecht vereinbar, daß nicht nur die Eulen, sondern, soweit ich feststellen konnte, auch die andern großen Raubvögel den Kopf nicht in die Federn stecken. Es ist mir trotz aller Bemühungenniemals gelungen, einen Adler oder Geier in der Nacht zu beobachten, wie er den Kopf in die Federn steckt. Gerade in Berlin hat man hierzu die schönste Gelegenheit. Geht man in der Dunkelheit am Rande des Zoologischen Gartens entlang, und zwar da, wo er an den Tiergarten grenzt, so sieht man stets einige Bewohner des riesigen Raubvogelkäfigs, wie sie auf den Felsen hocken. Bei den Eulen kann man das Nichthineinstecken des Kopfes mit ihrem zu kurzen Halse erklären. Aber Geier und Adler müßten auch ihre Köpfe in die Federn stecken, wenn diese Erklärung richtig ist.
Ich erkläre mir die Schlafstellung der Vögel anders und zwar auf Grund folgender Beobachtung.
An einem schönen Sommertage ging ich im Tiergarten spazieren. Ich blieb stehen, um eine Wildente zu beobachten, die auf einen in das Wasser gefallenen Baum gestiegen war und dort ihr Gefieder glättete. Es kam noch eine Ente angeschwommen und sprang – nicht flog – vom Wasser auf den Baum. Das ist ein Kunststück, das man nicht glauben würde, wenn man es nicht mit eigenen Augen sähe. Ueberhaupt benahmen sich die Enten auf dem gestürzten Baume so vertraut, daß ich mir sagte, in waldreichen Gegenden scheinen sie lieber auf Bäumen als am Ufer zu ruhen. Das ist auch ganz klar, denn am Ufer kann sie manches Raubtier, z. B. der Fuchs erbeuten, der auf den Baumstamm nicht so leicht gelangt. Demnach schien der Baumstamm mit seiner trockenen Rinde ein herrliches Ruheplätzchen zu bieten. Nur ein Wulst auf dem Baumstamm fiel mir auf, weil ich nicht recht wußte, was ich aus ihm machen sollte. Dieser Wulst, den ich zunächst übersehen hatte, kam mir mit der Zeit immer merkwürdiger vor. Ich bedauerte aufrichtig, nicht ein scharfes Jagdglas bei mir zu haben. Plötzlich bekam der Wulst Bewegung und, was ich schon geahnt hatte, entpuppte sich als – schlafende Ente.
Ich mußte staunen, wie vortrefflich das Gefieder der Wildente, die sich dicht auf den Stamm gedrückt hatte, zu der Baumrinde paßte. Sodann war es aber klar, daß ich trotzdem die schlafende Ente niemals hätte übersehen können, wenn sie nicht ihren Kopf in das Gefieder des Rückens gesteckt hätte. Ich glaube hiernach zu der Vermutung berechtigt zu sein, daß die merkwürdige Schlafstellung den Zweck einer Schutzstellung hat.
Die Wildente ist, wie wir wissen (Kap.145) ein zum Teil nächtliches Tier. Sie hat also am Tage naturgemäß ein Schlafbedürfnis. Ihre schlimmsten Feinde sind außer dem Menschen die Tagraubvögel, insbesondere Wanderfalk und Habicht. Sie ist also in dieser Schlafstellung einigermaßen vor ihnen gesichert. Würde sie mit dem Kopfe nach vorn schlafen, so könnte sie von dem scharfen Auge ihrer gefiederten Feinde mit Leichtigkeit wahrgenommen werden.
Als Jäger wäre ich an dieser Wildente vorbeigelaufen, obwohl ich gerade für sich verbergende Geschöpfe ein sehr geschultes Auge besitze.
Aus Furcht vor den nächtlichen Feinden, den Eulen, stecken also die Friedvögel den Kopf in die Federn, damit sie leichter übersehen werden.
Uebrigens haben die Nachtaffen genau die gleiche merkwürdige Schlafstellung. Man betrachte beispielsweise ihre Bilder in Brehms Tierleben. Diese Schlafstellung wird aber sofort verständlich, wenn man sie als sogenannte Mimikry, d. h. Nachäffung der Umgebung auffaßt.
Adler und Geier scheinen eine solche Mimikry nicht zu brauchen und deshalb stecken sie den Kopf nicht in das Gefieder.
Der Harzer Kanarienvogel ist bereits erwähnt worden. In England werden Kanarienvögel mit auffallender Färbung gezüchtet, so z. B. die eidechsenartig gestreiften Lizards. Erwähnt wurden bereits die Pfeffervögel, die durch Fütterung mit Kayennepfeffer tief gelbrot geworden sind.
Die Zucht des Kanarienvogels beginnt Mitte Februar. Auf ein Männchen rechnet man 3 bis 4 Weibchen. Das Weibchen legt 5 Eier. Die Brutzeit dauert etwa 13 Tage. Man kann im Jahre 3 bis 4 Bruten erzielen. Als Fink ist der Kanarienvogel ein Pflanzenfresser, der namentlich im Frühjahr Wert auf Insektenkost legt. Rübsen, Spitzsamen und gelegentlich Hanf sowie allerlei Grünes wird vom Kanarienvogel gern gefressen. Während der Brutzeit darf hartgekochtes Ei als Ersatz der tierischen Nahrung nicht fehlen. Da der wilde Kanarienvogel sehr gern Feigen frißt, so sind Zucker und Obst keine Leckereien für unseren Kanarienvogel, wie gewöhnlich angegeben wird. Es liegt vielmehr eine naturgemäße Fütterung vor.
Für die Zucht ist der Kanarienvogel nur bis zum vierten Jahre lohnend zu verwenden. Dagegen wird der einzelne Sänger bis zu 20 Jahren alt.
In meinem Bekanntenkreise besitzt nur noch der vorhin erwähnte Herr Stengert ein Pärchen Wellensittiche. Die übrigen haben die Tierchen wegen Futtermangel abschaffen müssen. Wir suchen also Herrn Stengert wieder auf und sehen uns zunächst nochmals seine Kanarienvögel an.
Das Pärchen Wellensittiche hat bereits mehrfach gebrütet. Den Nachwuchs hat Herr Stengert fortgegeben, da die Ernährung heutzutage zu schwierig ist.
Unter Papageien stellt sich der Durchschnittsmensch ziemlich große, lautkreischende Vögel vor. Davon ist beim Wellensittich nichts zu merken. Sieht man von seinem langen Schwanz ab, so hat er etwa die Größe eines Stars. Nur ist er im Gegensatz zum Star grün gefärbt.
Nahen sich Fremdlinge, wie wir es sind, so haben die Wellensittiche eine Vorliebe dafür, sich schnell auf den Boden fallen zu lassen und sich zu ducken.
Hieraus sieht man, daß auch dieser Vogel von seinen ererbten Gewohnheiten vollkommen beherrscht wird. Er lebt in Australien und nährt sich von Grassamen. Wegen der Dürre dieses Landes ist er zu großen Wanderungen gezwungen. Ueppiger Graswuchs ist nur zeitweise nach den Niederschlägen vorhanden, und diese Niederschläge sind nicht häufig. Dort im grünen Grase ist sein Verstecken bei seiner grünen Färbung ein vortreffliches Mittel, um sich den Blicken des Beobachters zu entziehen. Auf dem mit Sand bestreuten Boden des Käfigs ist das Sichducken vollkommen zwecklos.
Vom Kreischen der andern Papageien merkt man beim Wellensittich nichts. Er singt vielmehr ziemlich leise und ganz angenehm.
Der größte Vorzug liegt jedoch in dem anmutigen Verhalten des Pärchens, das wie die Turteltauben das Vorbild eines zärtlichen Ehepaars liefert. Er ist der opferwillige und allzeit dienstbereite Mann, während sie das hingebende Weib ist.
Bei andern Papageien hat man auch Nachkommenschaft erzielt. Aber als viel größere Tiere brauchen sie dazu einen ziemlichen Raum. Der enge Käfig genügt ihnen nicht. Am leichtesten gelingt es, wenn man sie frei ausfliegen läßt. Immerhin muß man die Fortpflanzung anderer Papageien als Ausnahme betrachten.
Dagegen kann man von Wellensittichen regelmäßig Nachwuchs erzielen, und deshalb müssen wir sie zu unsern Haustieren rechnen.
Sie legen 4 bis 6 Eier. Der Wellensittich hat noch den weiteren Vorzug, außerordentlich anspruchslos zu sein. Das kommt natürlich daher, weil er in seiner Heimat fast nur von Grassamen leben muß.
Wegen der weiten Wanderungen in Australien muß der Wellensittich ein guter Flieger sein. Ich habe vor 20 Jahren längere Zeit einen entflohenen Wellensittich im alten Botanischen Garten beobachtet und mich über seine Flugfertigkeit sehr gefreut.
Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts ist der Wellensittich zu uns gekommen.
Im Gegensatz zu andern Papageien lernt der Wellensittich nur ausnahmsweise sprechen. Immerhin soll bei dieser Gelegenheit die so oft aufgeworfene Frage erörtert werden, warum dem Tiere die Sprache fehlt.
Die neueste Auflage von Brehms Tierleben kommt zu dem Ergebnis, daß die Tiere deshalb nicht sprechen, weil sie sich nichts zu sagen haben. Dieses Ergebnis befriedigt nicht, wie schon an verschiedenen Stellen hervorgehoben worden ist. Die Tiere haben sich eine ganze Menge zu sagen. Für alle friedlichen Pflanzenfresser, die in Scharen leben, ist die Mitteilung, daß Gefahr droht, von der größten Wichtigkeit. Zu dieser Mitteilung ist aber eine artikulierte Sprache nicht erforderlich. Es genügt ein Schrei oder ein bestimmter Ausruf, auch das bloße Benehmen ist genügend. Ergreift das Leittier plötzlich die Flucht, so wissen die andern Genossen genau, was das zu bedeuten hat.
Ueberhaupt können die einfachen Bedürfnisse des Tieres fast immer durch das Benehmen angedeutet werden. Kein Mensch, der in einem Lokale eine Mahlzeit verzehrt, und dem ein fremder Hund jeden Happen, den er zum Munde führt, nachzählt – selbstverständlich im bildlichen Ausdruck – ist im Zweifel darüber, was der Hund eigentlich will. Er will etwas abhaben, und zwar je mehr, desto besser. Ein Schweizer Naturforscher erzählt von einem gefangenen Adler, daß dieser den Kopf senkte und dabei mit den Flügeln schüttelte. Sofort verstand er, daß der Adler baden wollte, und brachte ihm eine Wanne mit Wasser.
Das Tier hat also keine Sprache, weil es, wie ohne Zweifel feststeht, auch ohne eine solche bestehen kann.
Für das freilebende Tier, das im Kampfe ums Dasein steht, wäre aber die Verleihung der Sprache eher ein Nachteil als ein Vorteil. Alle Menschen, die gefahrvolle Berufe ausüben, also Seeleute, Luftschiffer, Soldaten, Fischer, Jäger pflegen einsilbig zu sein. Sie wissen alle, daß vieles Reden nicht nur ganz überflüssig, sondern sehr schädlich ist.
Besäßen die Tiere eine Sprache, so kämen sie oft ins Plaudern, und ein plötzlicher Ueberfall durch einen Feind bildete den Schluß des Plauderstündchens.
Dem Tiere fehlt also die Sprache, weil es von ihr fast nur Nachteile und kaum Vorteile hätte.
Uebrigens habe ich niemals begreifen können, weshalb der einfache Mann es bedauert, daß beispielsweise der Hund nicht sprechen kann. Würden sich denn noch Menschen einen Hund halten, wenn er als Plappermaul alles in der Nachbarschaft erzählte, was er bei seinem Herrn und seiner Familie gesehen und erlebt hat?
In meiner Jugendzeit waren runde, bauchige Glasbehälter mit Goldfischen sehr beliebt. Jetzt sieht man sie sogar in Aquariumhandlungen selten.
Im Berliner Tiergarten können wir Goldfische im sogenannten Goldfischteich beobachten. Allerdings muß man die Stellen kennen, wo sie sich aufzuhalten pflegen. Ueberdies ist ihre Anzahl jetzt stark zurückgegangen.
Wie die Wildenten, so haben auch die Goldfische sehr darunter gelitten, daß sie vom Publikum nicht mehr gefüttert werden. Früher war es ein alltäglicher Anblick, eine Unmenge Goldfische zu sehen, die sich um die zugeworfenen Brocken stritten, während am Ufer die Sperlinge saßen und sich auf jeden Brocken stürzten, der nicht ins Wasser gefallen war.
Unter den Goldfischen des Goldfischteichs befanden sich wahre Riesen, ferner auch Silberfische. Im engen Glase werden die Goldfische natürlich niemals so groß.
Als Knabe habe ich allerlei Getier im Aquarium gehalten. Immer wieder habe ich mich davon überzeugt, daß sie nicht annähernd so ausdauernd sind wie der Goldfisch. Außerdem ist die Pflege heimischer Tiere viel umständlicher als die des Goldfisches. Der Goldfisch bekam wöchentlich einmal reines Wasser und täglich ein paar Ameisenpuppen, sogenannte Ameiseneier. Dabei hält er sich jahrelang. Berücksichtigt man seine schöne Farbe, so ist es kein Wunder, daß er ein beliebter Aquariumfisch ist.
Der Goldfisch stammt aus China und Japan, wo er seit alter Zeit gezüchtet wird. Er ist ein Karpfenfisch aus der Gattung Karausche, der durch die Kunst der Züchter die goldrote Färbung erhalten hat. Vor zwei- oder dreihundert Jahren kam er nach Europa, wo er bald Mode wurde. Große Goldfischzüchtereien bestehen in Frankreich, in Schlesien, Ostpreußen und in Steiermark.
Außer den Silberfischen züchtet man schwarze und bunte Rassen. Vom japanischen Goldfisch hat man Fische mit vorstehenden Augen, sogenannte Teleskopfische, und Schleierschwänze mit doppelten Schwänzen gezüchtet.
Die früheren dickbauchigen Goldfischgläser haben drei schwere Nachteile. Erstens kommt das Wasser mit der Luft nicht an dem größten Durchmesser des Glases in Berührung. Zweitens fehlen den Goldfischgläsern die Pflanzen. Drittens muß wegen des Pflanzenmangels das Wasser allwöchentlich erneuert werden. Zu diesem Zweck müssen die Tiere herausgenommen werden. In der Regel spielt sich der Vorgang folgendermaßen ab. Zunächst werden die Fische mit dem Käscher herausgefangen, was ohne arge Beunruhigung der Tiere unmöglich ist. Das Wasser im Goldfischglase hat natürlich die Temperatur des Zimmers angenommen. In der Zwischenzeit kommen sie günstigenfalls in Wasser mit gleicher Temperatur. Das neue Wasser im Goldfischglase pflegt ganz frisch aus der Wasserleitung genommen zu werden. Die Fische, die abermals gefangen werden müssen, benehmen sich infolge des Temperaturwechsels höchst aufgeregt. Man hält das allgemein für ein Zeichen des Wohlbefindens, während das Gegenteil zutrifft.
Nur ein seit Jahrhunderten gezüchteter Fisch, der als früherer Karpfen an schlechtes Wasser gewöhnt ist, kann jahrelang solche Martern aushalten.
Es soll hier nicht von großen teueren Aquarien die Rede sein. Selbst diejenigen, die aus einem Metallgerüst mit eingekitteten Glasscheiben bestehen, sollen hier außer Betracht bleiben. Sie erfordern bereits einen besonderen dreibeinigen Tisch und eine besondere Stellung am Fenster, so daß sie unter den heutigen Verhältnissen von dem Durchschnittsmenschen nicht eingerichtet werden können.
Es soll vielmehr nochmals darauf hingewiesen werden, daß die bisherigen Goldfischgläser gewissermaßen eine ungewollte Tierquälerei zur Folge hatten. Darum soll jemand, der überhaupt Wassertiere halten will, unter allen Umständen viereckige Gläser wählen. Auch kleine Gläser lassen sich bereits mit Pflanzen besetzen. Die Pflanzen sind aber durchaus notwendig, weil sie Sauerstoff an das Wasser abgeben und dadurch einen Wechsel des Wassers nur selten, manchmal gar nicht nötig machen. Ein sicheres Zeichen, daß das Wasser zu sauerstoffarm ist, besteht darin, daß die Fische an die Oberfläche kommen, um Luft zu schnappen.
In den Aquariumhandlungen kann man die für die Pflanzen notwendige Erde erhalten. Sie besteht gewöhnlich aus guter Moorerde, die mit Torfgrus gemischt ist. Dieser Mischung sind alter, verwitterter Lehm und Flußsand zugesetzt. Hierüber kommt eine einige Zentimeter dicke Schicht von einem Sand, der vorher sorgfältig ausgewaschen ist. In einer Ecke des Aquariums macht man die Bodenschicht weniger hoch, so daß sich ein Schlammfang bildet, aus dem mittels eines Gummischlauches die Futterreste und Unrat entfernt werden.
Die eingepflanzten Wasserpflanzen müssen zwei bis drei Wochen ohne Fische stehen, damit sie festwurzeln und das Wasser sich klärt.
In einem solchen vier- oder mehreckigen Glase mit Pflanzen und Sand fühlen sich die Tiere wohl und halten sich viel länger als im blanken Wasser. Jeder Teich, jeder Dorfpfuhl kann Bewohner für ein solches Aquarium liefern. Der wirkliche Tierfreund kann sich nicht satt sehen an dem Neuen und an den Schönheiten, die er bei sorgfältiger Betrachtung selbst bei den unscheinbarsten Geschöpfen entdeckt.
Wie man unter Backfisch ein junges Mädchen versteht, so unter
Goldfisch
ein Mädchen, das viel Geld in die Ehe bringt. Von dem Freier, der sie heimführt, sagt man, daß er einen Goldfisch geangelt hat.