Nur ein Wort.
„Erinnerst Du Dich noch an die Prinzessin?“
So fragte mich die Liese, als wir neulich miteinander durch die wenigen unveränderten Gassen wanderten, die uns noch an die Kinderzeit gemahnen.
„Ei, freilich!“
Als sie bei uns in dem alten Hause eine Heimstätte suchte, war ich beinahe schon flügge und stand nur unter den scharfen Augen der Nachbarn, denn meine Mutter hatte den Bruder zu einem Lehrherrn in eine kleine Provinzstadt geführt und blieb auf Wochen hinaus der Gast seiner Meisterleute. Nun hatte ich die Kammer für mich allein und konnte darum ungestört von dem Gelärme des Buben und den Seufzern meiner Mutter über alle die Ereignisse und Menschen simuliren, die mir in die Augen fielen und die ich nimmer los bekam.
So wie damals gedenke ich noch heute unserer Nachbarn und an bestimmten Tagen auch an bestimmte Personen. Wie oft taucht das sinnende Mädchengesicht der Prinzessin vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer und im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen. Ich sage mir dann vergeblich, daß sich dieses junge Antlitz verändert haben muß, aber es hilft nichts, es ist da in seiner ernsten milden Schönheit, so wie ich es vor langen Jahren sah.
Kleinigkeiten hatte ich wohl vergessen, die Liese mußte mir erst wieder sagen, daß die Prinzessin damals aus Italien kam. Warum sie zu ihrer alten Tante zog, zu jener argen Hausfrau, die in ihrem Besitzthum, der „blauen Gans“, so strenges Regiment führte, war uns damals unklar... Wir sahen nur eine üppige, schwarzgekleidete Gestalt aus einem Wagen steigen und streckten alle die Hälse lang aus, denn es war noch früh am Tage, und eine Wagenanfahrt war stets ein aufregendes Ereigniß für unsere, jedem Ueberflusse entlegene Gegend. Wir gafften alle nach der Ankommenden, die rechts und links blickte und dann wie gejagt die Stufen, die zu der Thüre der Hausfrau führten, hinanlief, sie pochte hastig und taumelte über die Schwelle als geöffnet wurde. Eine Stunde später wußten alle Leute in der „blauen Gans“, daß es die Nichte der Hausfrau sei, die nur bei ihrer Tante bleiben wolle, bis sie ihre Ausstattung hergerichtet habe.
„Ausstattung?“ fragten die jungen Mädchen neugierig in ihrer etwas schärferen Ausdrucksweise. „Heirathen thut die?!“
„Nein, heirathen nicht, sie geht in’s Kloster —“ sagte der einsame Spatz ganz leise und verbeugte sich höflich.
In’s Kloster! Das hatte die „blaue Gans“ noch nicht erlebt, das war etwas vollkommen Neues. In den ersten Tagen nach der Ankunft des jungen Mädchens wisperten und zischelten die Nachbarinnen nur so untereinander, denn die Hausfrau tauchte oft plötzlich an allen Ecken und Enden auf und lauerte horchend an allen Thüren, allgemach aber schwatzten sie doch lauter.
Vor meinem Kammerfenster, in der Ecke des Hofes, hatte sich die Hausfrau einen Garten zurechtrichten lassen, das war auch eine vielbesprochene Neuerung in dem alten Hause. Einige staubgraue Oleanderbäumchen, Epheuwände in rohen Holzkistchen, wilder Wein, von dem jedes Zweiglein und jede wässerig-gelbliche Ranke gestreckt und gebunden wurde, und im Winkel eine Laube, aus ungehobelten Staketen zusammengeschlagen und mit rothblühenden Beeren und wildem Wein übersponnen, so sah die erstaunliche Pracht aus, deren verläpperter Umzäunung sich dieKinder nur auf zehn Schritte Entfernung nähern durften. In diesem Gärtchen sah ich die „Prinzessin“, die eigentlich Caroline hieß, zum erstenmale genau.
Warum sie „Prinzessin“ genannt wurde, weiß ich nicht bestimmt, die Leute im Hause munkelten nur, daß sie vor vier Jahren ein vornehmer Herr, ein Herzog oder so etwas, von ihren Eltern fort und nach Italien mitgenommen habe, und daß sie nun auf und davon sei und den großen Herrn im Stiche gelassen hätte, seit Vater und Mutter kurz nacheinander gestorben. Die Weiber sagten flüsternd, daß die beiden Alten nicht ehrlich im Grabe verfaulen könnten, denn es sei doch ein schlechter Handel gewesen mit dem Mädel, und in’s Kloster gehe sie nur, weil sie sonst Alles erlebt, was Gott verboten habe, und nun für sich und die Alten büßen wolle.
„Aber das Heirathen hat sie doch nicht im Ernst probirt; soll mich nehmen,“ rief selbstgefällig der hübscheste und ärgste Lump, den die Vorstadt aufweisen konnte.
„Meinst’, Handschuhmacher, um ihr Geld könnst’ Du schon ein Aug’ zudrücken?“ kicherte ein zahnloser Mund.
„Alle Zwei, meinetwegen. Was wär’s weiter?... Bildsauber ist ja die Prinzessin. Soll gescheidt sein!“
So dachten und sprachen die Nachbarn, aber Keinem fiel es ein, sich das stille schöne Mädchen so genau anzusehen, wie ich es that, sobald sie in die Laube kam. Manchmal, wenn sie ganz allein dort saß, den blonden Kopf vorstreckte und die Hände flach übereinander auf den Knieen lagen, wußte ich nicht, ob sie mit offenen Augen schlafen konnte. Keine Bewegung des üppigen Leibes, kein Zug in ihrem weißen Gesichte verrieth was sie dachte, und über meine Arbeit hinweg schaute ich schier nach jedem Stiche zu ihr hin. Als sie aber eines Tages begann, mich anzublicken, unablässig, erwartungsvoll, aufdringlich, da ärgerte ich mich fast über diese großen, fragenden Augen. Und nun konnte sie stundenlang sitzen und in mein Gesicht starren. Es war mir oft, als müßte ich das abschütteln, grob werden oder davonlaufen. Ich spürte ihren Blick, meine Nadel fing stets an ungleichmäßig durch den Stoff zu fahren, ich bekam Herzklopfen und mußte an allerlei traurige Dinge denken. Warum ich doch am Fenster sitzen blieb? Zuvörderst war die Prinzessin die gehätschelte Nichte der bösen Hausfrau und hatte viel Geld, und zunächstwar meine Kammer schmal und dunkel, das Fenster tief und niedrig, so daß ich nur vorne knapp am Fensterbrett Licht genug für meine Arbeit fand.
„Hat die Fräul’n Lina vielleicht eine unglückliche Lieb’ g’habt, oder so was dergleichen?“ fragte die Laternenanzünderin und fuhr mit der Schürze über die Augen.
„Ach was! — die Lina hat gar nie eine Liebschaft g’habt — sagt sie selbst — hat’s auch nicht nöthig — sie ist reich g’nug dazu — sie könnt heirathen wen sie wollt’ — aber sie will halt nicht“ — erwiderte die Tante protzig.
Die Beiden saßen breit in der Laube, hatten große buntbemalte Töpfe vor sich, die bis an den Rand mit starkduftendem Kaffee gefüllt waren, sie tranken schluckweise und schmatzten mit den Lippen.
„Und sie will halt einmal nicht!“ schrie die Hausfrau wiederholt, „und weil’s nicht will, so will’s nicht!“ sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und starrte die Laternenanzünderin herausfordernd an.
„Freilich, sag’ ich auch,“ erwiderte die Frau verbindlich, „aber — der Prinz?“
„Na, was weiter? — der ist älter als ihr leiblicher Großvater war.“
„So, so! — Ich hab’ halt g’meint — die G’schicht mit dem Kloster, schaun’s, daß ich Ihnen sagen muß, ist doch was Besonderes. — Warum denn justament in’s Kloster?“ —
„Da müssen’s schon die Lina selber fragen um das Warum, jedesWarum hat einDarum,“ knurrte die Hausfrau verbissen, denn sie konnte die Antwort nicht verwinden und vergessen, welche sie von der Prinzessin auf dieselbe Frage erhalten hatte, sie sagte damals:
„Tante, ich suche nur ein Wort, ein Einziges... und weil die Menschen es nicht für mich hatten, weil ich es nie bei ihnen finden konnte, suche ich es bei Gott... finde ich es auch dort nicht, dann... dann...“
Die Frau Huber hatte seinerzeit den Ausspruch gehört und trug ihn weiter, er machte die Runde im Hause, alle Leute lachten, ich lachte darum auch, und die Hausfrau erläuterte ihn, als nachher wieder die Rede davon war:
„Ich sag’s Euch, sie ist eine überspannte Gredel, wie ihre Mutter, meinem seligen Bruder seine selige Frau eine war. Die hat gar angefangt zum Bücherschreiben! Ich bitt’ Euch, Leut’, schreibt ein ordentliches Weibsbild Bücher? — Die Lina hat das Verrückte von ihr d’ererbt.“
Langsam versickerte das Gerede wieder und die Leute kümmerten sich weniger um das Mädchen, nur ich hatte Tag für Tag durch ihre großen Augen zu leiden, und ich war seelenfroh, als der Herbst kam und sie seltener drüben in der Laube saß. Zuweilen fiel mir freilich ein, was das für ein Wort sein könne, das die „Prinzessin“ immer vergebens gesucht hatte und nun nur noch bei Gott finden könne. Am meisten quälte mich das Wort, als sie einmal an einem Herbstabend, angethan mit dem traurigen schwarzen Kleide, mutterseelenallein draußen saß. Sie war noch blässer als sonst und starrte nicht zu mir hin, sondern schaute empor zu den rosiggesäumten Wölkchen, die wie aufgebauschter Schaum bewegungslos am Himmel standen. Die großen Blätter des wilden Weines waren schon gelb und rothbraun, hie und da taumelte ein Blatt in der Luft, drehte sich und fiel auf ihr Kleid oder ihre Hände, sie aber fühlte und sah es nicht, das bemerkte ich, nur ihre Lippen bewegten sich unhörbar... sie sprach leise.
Ob sie wohl jetzt das Wort sagt, das sie bei den Menschen vergeblich gesucht hat?
Ich kramte zusammen, was ich an für mich schönen und bedeutungsvollen Worten jemals gehört hatte,zumeist fielen mir diejenigen ein, welche in den weinerlichen hochdeutschen Liedern vorkamen, die unsere alten und jungen Nachbarn in der Dämmerstunde sangen. Da war besonders eines, das sehr ergreifend gesungen wurde und immer dieselbe gerührte Stimmung hervorrief, es war die Geschichte eines Mädchens, das in’s Kloster ging:
„Und willst Du in’s Kloster gehenUnd werden eine Nonn’,So will ich das Kloster anzünden,Ja, ja, anzünden,Daß ich wieder zu Dir komm’.“„Ich hab’ in meinem HerzenSo viel von Lieb’ und Treu’,Daß ich für Dich will sterben,Ja, ja, will sterben,Dann ist die Noth vorbei.“
„Und willst Du in’s Kloster gehenUnd werden eine Nonn’,So will ich das Kloster anzünden,Ja, ja, anzünden,Daß ich wieder zu Dir komm’.“„Ich hab’ in meinem HerzenSo viel von Lieb’ und Treu’,Daß ich für Dich will sterben,Ja, ja, will sterben,Dann ist die Noth vorbei.“
„Und willst Du in’s Kloster gehenUnd werden eine Nonn’,So will ich das Kloster anzünden,Ja, ja, anzünden,Daß ich wieder zu Dir komm’.“
„Und willst Du in’s Kloster gehen
Und werden eine Nonn’,
So will ich das Kloster anzünden,
Ja, ja, anzünden,
Daß ich wieder zu Dir komm’.“
„Ich hab’ in meinem HerzenSo viel von Lieb’ und Treu’,Daß ich für Dich will sterben,Ja, ja, will sterben,Dann ist die Noth vorbei.“
„Ich hab’ in meinem Herzen
So viel von Lieb’ und Treu’,
Daß ich für Dich will sterben,
Ja, ja, will sterben,
Dann ist die Noth vorbei.“
Liebe und Treue!... Vielleicht sucht sie ein solches Wort und kein Mensch sagt es ihr, denn außer in so feinen schönen Liedern höre ich die Leute gar nie diese Worte aussprechen. Vielleicht ist gar irgend wie Einer, der auch aus lauter Lieb’ und Treu’ das Kloster anzünden thäte, in das sie gehen will, und der Eine weiß es nur nicht, wo die Lina und dasKloster ist, und darum kann er ihr das Wort nicht sagen... So grübelte ich vor mich hin, und wer ganz zufällig in das pochende Herz und in das ungeschickte Hirn hineinzublicken vermocht hätte, der hätte vielleicht ein zerfahrenes, ungelenkes Gedicht dort träumen und empfinden sehen.
„Fräulein Caroline!“ rief ich plötzlich mit einem großen Entschluß mitten aus meinen Träumen zu ihr hin.
Ihre fragenden, ernsten Augen senkten sich, sie neigte den Kopf ein wenig zur Seite und starrte mich dann wieder so an, wie sonst immer.
„Fräulein Caroline, ich weiß was!“ rief ich mit gedämpfter Stimme hinüber und winkte ihr mit beiden Händen.
Sie stand auf und lief zu mir herüber.
„Was sagen Sie?“ fragte sie leise.
„Ich hab’ schon gehört, daß Sie ein Wort suchen, alle Leut’ im Hause wissen es auch. Ich mein’, ich weiß das Wort!“
„Du?... Sie?...“ sagte sie leise, und ein schwaches Lächeln bewegte ihre zarten Lippen.
„Lieb’ heißt das Wort! Gelt?“ rief ich fröhlich.
„Arme Kleine,“ flüsterte sie, „wer hat Dir das Wort gesagt?... Liebe!... Davon reden Alle.“
Sie sah mich jetzt nimmer an und wendete sich um, als ob sie fortgehen wolle.
„Nicht? ist es das nicht,“ schrie ich aufgeregt ihr zu, „dann heißt es aber gewiß Treue, nicht wahr?“
Jählings wandte sie mir das weiße Gesicht zu, zwei große Tropfen zogen eine nasse Schnur über ihre flaumweichen Wangen und hastig fragte sie:
„Großes Kind, warum sagst Du mir das, warumdenkstDu an ein Wort, das Du nicht empfinden kannst, warum... ach warum?!“ bat sie klagend.
„Weil ich halt neugierig bin,“ gab ich ehrlich zur Antwort. „Ich möcht’ wissen, ob Sie auch noch in’s Kloster gehen, wenn Einer das Wort zu Ihnen sagt.“
„Neugierig...“ sie seufzte schwer. „Hast Du Eltern?“
„Nur meine Mutter, aber die ist —“
Sie winkte abwehrend, stützte sich leicht an das Fenstersims und sprach weiter:
„Vielleicht ist es besser so... Denke nicht an das Wort... Vergiß auch die Worte, die Du mir gesagt hast... Glaub’s, Lieb’ und Treu’ giebt’s keine, Alle, die davon reden, lügen... Du hast es aber gut gemeint, ich dank’ Dir und werd’ später auch für Dich beten...“
Schwer, traurig, langsam fielen die Silben von ihren Lippen, und ohne Gruß ging sie davon.
So oft sie später auch an meinem Fenster vorbeiging, nie mehr sprach sie zu mir, und ihre großen Augen suchten mich nimmer.
Der Winter kam, und ich hörte nur von den Nachbarn, daß drei Näherinnen oben bei der Hausfrau saßen, und daß da zugeschnitten und genäht wurde, als ob es eine große Hochzeit geben sollte, derweilen aber nähten sie das Weißzeug, das die Prinzessin mitbringen mußte in’s Kloster.
„Dreimal so viel als die Nobelste, die drin ist, nimmt sie mit, die Lina,“ erzählte die Hausfrau, und wurde dunkelroth vor seltener Freude.
„Und was geschieht denn mit dem vielen Geld, das die Fräul’n hat?“ fragte der lange Laternenanzünder mit überlegener Miene.
„In’s Kloster gehen, heißt soviel, als wie sich hinlegen und sterben,“ erklärte die robuste Frau bestimmt. „Ich bin ihre einzige Blutsverwandte. Die eine Hälfte hat sie mir vertestamentirt und die andere Hälfte kriegt das Kloster.“
Etwa um Neujahr kam auch ein neuer Miethsmann in die „blaue Gans“: ein blutjunger Student,der immer nur singend oder pfeifend durch den Hof schritt. Er war so schlank, daß er sich im Gehen nach rechts und links wiegte wie ein geschmeidiges Rohr, und dabei hatte er breite Schultern und einen gedrungenen Hals, auf dem ein lachender wunderschöner Kopf saß. Die kurzgeschnittenen Haare glänzten wie ein Thierfell, so schwarz waren sie, und die Männer sagten scherzend:
„Der Teufelsbub küßt unsere Weibsleut’ nur mit seinen kohlschwarzen Augen.“
Er spitzte aber auch immer seine vollen rothen Lippen, wenn ihm ein Mädchen nahe kam, aber er war nicht keck, nur so fröhlich und übermüthig, wie ich noch keinen jungen Burschen gesehen hatte. Im Handumdrehen war er auch überall daheim, rannte von einer Stube in die andere und spielte selbst mit den kleinsten Kindern draußen im Hofe. Als am Sonntag Nachmittag in der großen Waschküche getanzt wurde, da sprang er deckenhoch und schwang uns so um, daß die Ziegelsteine knirschten, auf denen wir uns drehten. Er hieß Franz, war wohlhabender Eltern Kind und wollte eben da herunten bei den kleinen Leuten leben, er müsse sparen lernen, sagte er, wenn er uns die Schürzentaschen mit Rosinen und Mandeln vollstopfte.Er konnte auch viel schöner singen als alle Anderen in der „blauen Gans“, und als ich ihn einmal ein ganz vornehmes Lied singen hörte, dachte ich doch wieder an Lieb’ und Treu’, und ob der Franz nicht etwa das Wort wüßte, das die Caroline nicht finden konnte.
Die blasse Prinzessin jedoch war nie zu sehen, im Mai solle sie fortreisen, so sagte die Hausfrau und rieb sich vergnügt die Hände, jetzt sei sie ein wenig krank.
Vor der Zeit noch wurde es in jenem Jahre Frühling, und in dem kleinen Gärtchen draußen war alle braune Erde blaßgelb hergeputzt, Schneeglöckchen gab es in Fülle, und die magere Weide, die im Spätherbst gesäet worden, hatte richtig am Palmsonntag ihre schönsten silbergrauen Palmkätzchen aufgesteckt.
Der junge Student saß an dem Tage in meiner Kammer und las mir und zwei älteren Mädchen aus einem Studentenliederbuch vor. Zuweilen sang er leise die Melodie dazu, und wir kicherten und lachten, wenn wir mitkrähen mußten. Wir drei Mädchen saßen mit dem Rücken gegen das Fenster gekehrt und er stand vor uns, hielt das Buch in der einen Hand und mit der andern fuchtelte er über dem Kopfe inder Luft herum, wenn er sang oder sprach. Mit einmal aber zog er die Augenlider zusammen, hob sich auf den Zehen und blinzelte hinaus.
„Wer kommt da?“ fragte er und öffnete rasch die Lippen.
Wir wandten uns um und erblickten die Caroline, die langsam über den Hof in das Gärtchen kam. Sie hatte statt des schwarzen Kleides ein dunkelgraues angethan, und ihre blonden Haare steckten fast ganz verborgen hinter einer weißen Haube.
„Ah, das ist die Prinzessin, die in’s Kloster geht,“ sagte die Franziska gleichgültig zu ihm.
„Die — in’s Kloster!“ schrie er und schlug mit der Faust an die Mauer, daß wir alle zusammenschraken. „Warum?“ fragte er dann und räumte uns nur so rechts und links mit den Armen vom Fenster fort, damit er die Caroline besser sehen konnte.
„Und willst Du in’s Kloster gehenUnd werden eine Nonn’,So will ich das Kloster anzünden.“
„Und willst Du in’s Kloster gehenUnd werden eine Nonn’,So will ich das Kloster anzünden.“
„Und willst Du in’s Kloster gehen
Und werden eine Nonn’,
So will ich das Kloster anzünden.“
Das fuhr mir plötzlich durch den Sinn, als ich den Studenten so wild vor mir sah.
„Ja, ja, anzünden!“
Dennoch dachte ich, ob es nicht viel gescheidterwäre, wenn er es thäte, die Lina könnte dann wieder davonlaufen, anstatt für alle Zeit dort eingesperrt zu bleiben und dort zu sterben.
Weil wir ihm nicht genug von der Lina zu erzählen wußten, schalt er uns „dumme Mädels“ und rannte davon.
Von der Stunde ab ließ sich jedoch der Student von Jedem, den er nur erwischen konnte, die Geschichte der armen reichen Caroline erzählen. Wer weiß, was sie ihm Alles sagten, denn er wurde immer wortkarger und trauriger, und paßte nur überall auf, ob er die Prinzessin nicht erblicken könne, aber sie war nicht zu sehen, weder für ihn noch für die andern Leute.
Da kam der Mai, ernst und feierlich riefen es die Glocken in die blühende Frühlingswelt, als sie das Frohnleichnamsfest einläuteten; durch die Straßen scholl Musik und betäubender Weihrauchduft schwamm dem festlichen Umgang voran, der sich langsam heraufbewegte, immer näher dem alten Hause zu. Drinnen war es still und leer. Die Kinder schritten paarweise in Feiertagskleidern hinter dem Allerheiligsten und die Anderen harrten alle vor dem Hausthor der Herrlichkeiten, die es zu sehen gab. Auch der Student standunter ihnen, aber er wandte keinen Blick von dem Wagen, der seitwärts des Hauses wartete.
„Fährt sie wirklich heute fort?“ fragte er ungestüm den Laternenanzünder, der in voller Invalidenuniform neben ihm stand.
„Freilich, freilich, Du mein Gott, es ist auch besser, sie taugt ohnedem zu nichts Rechtem mehr.“
Der Franz zerknüllte seinen weichen Filzhut mit beiden Händen.
Da war nun die Prozession knapp vor uns. Die Fahnen flatterten im Frühlingswinde und die hellen Stimmen der jungen Sänger übertönten die dumpfen Paukenschläge, das Gedröhne der Posaunen und das Schmettern der Trompeten, dazwischen scholl zeitweilig der grelle kurze Klang der Handglocken, welche zwei Chorknaben abwechselnd im Takte schwangen. „Gelobt sei Jesus Christus! Gelobt — sei — Je-e-sus — Chri-i-stus!“ sangen Alle jauchzend, die ungeregelt hinter den Priestern drängten, und es war, als ob es nur glückliche Menschen auf Erden gäbe... Jetzt zogen die letzten vorüber, noch ein paar alte Weiber mit verblichenen blauen Fürtüchern, dann aufgestöberte Staubwolken, die hinter dem Zuge herwirbelten, und dann nichts weiter als der verbrausende Lärm,der mehr und mehr verhallte, bis nur noch die Paukenschläge wie ferner Donner herübertönten.
Und nun kam der große Wagen, der mit ein Paar fetten Pferden bespannt war, vorgefahren und hielt vor dem Hausthor. Zwei Nonnen stiegen aus, nahmen ihre weiten dunklen Gewänder mit den wachsgelben Händen sorgfältig zusammen, als sie durch die Gruppen der Leute gingen, und verschwanden in der Hausflur.
Niemand rührte sich von der Stelle, alle warteten mit einer unbehaglichen Neugierde, der Student aber biß die Zähne übereinander, daß ich es hörte.
Nach einer Weile kam die jüngere der beiden Nonnen mit der Hausfrau, und Beide stiegen in den Wagen; bald darauf kam die Prinzessin mit der zweiten und schritt dem Klostergefährte zu.
Bis dahin hatte Franz immer mit dem Hute in der Hand dagestanden; als er Caroline kommen sah, packte er den Arm des Laternenanzünders und sagte am ganzen Leibe zitternd:
„Laßt Ihr es denn wirklich geschehen?!“
Der Mann zuckte mit beiden Achseln.
Die Himmelsbraut stand an dem Wagen, setzte den Fuß auf den Tritt und sah noch einmal zurück auf das Haus; da schleuderte der Student seinen Hutweit weg, sprang hin, faßte das todtenbleiche Mädchen am Arm, riß es zurück und rief den Leuten zu:
„Hat denn kein MenschMitleidmit ihr, und sagt ihr, was sie thut!“
Ich habe das Antlitz der armen Prinzessin gesehen in dem Augenblicke, ich habe den aufjubelnden Schrei gehört, als er das Wort Mitleid aussprach; ich habe gesehen, wie auch sie die Arme nach ihm ausstreckte, und ich sah auch, wie die Nonne sie in den Wagen schob und die Thüre zuschlug... Eine kreischende Stimme schrie alsdann durch das Fenster:
„Fahren!“
„Zu spät,“ sagte eine andere eiskalte in dem Gefährte.
Die Pferde rissen an dem Wagen und er holperte eilig über die Hügel und durch die Gruben, obgleich sich der Student an das eine Hinterrad geklammert hatte und wie ein Gassenbube neben der Kalesche hinsprang. Da hieb der Kutscher mit der Peitsche nach ihm auch so, als ob er einen übermüthigen Burschen abwehren wollte, und der Franz blieb jählings stehen... Als er zurücktaumelte zu uns, wichen ihm alle schon von weitem aus, denn er war unheimlich anzusehen mit den großen schwarzen Augen, und quer über seintodtenbleiches Gesicht hatte er einen feuerrothen Streifen.
Er stand wie ein bewußtloser Mensch vor dem Thore und starrte nach dem kleinen Gärtchen hin, dann wandte er sich um, schwang den Arm über den Kopf und drohte mit der Faust nach der Richtung, in welcher sie die Prinzessin davonführten.
„So will ich das Kloster anzünden!“
Ich mußte das laut gedacht haben, denn die Umstehenden lachten mir in’s Gesicht. Der Franz ging langsam Schritt für Schritt in seine Kammer, und am nächsten Tag fuhr auch er mit Sack und Pack davon und Keiner in der „blauen Gans“ hat von ihm je wieder etwas gehört oder gesehen. Von der Prinzessin jedoch wurde oft gesprochen.
„Sie ist ganz glücklich und zufrieden jetzt,“ erzählte ein Jahr später die Hausfrau, „sie redt mit keiner Menschenseel’, nicht einmal mit mir. Sie sagt nur: „Grüß Gott! und b’hüt Gott!“ und bet’ Tag und Nacht, die Schwester Magdalene, so heißt die Carolin jetzt. Die andern Nonnen sagen mir das Alles und sagen auch, es ist gescheidter, wenn gar Niemand zu ihr kommt. Na, ich glaub’, ich werd’s nimmer sehen.“
Ich aber sehe die arme Prinzessin öfter. Zuweilentaucht der sinnende Mädchenkopf vor mir auf im Wachen, im Halbschlummer, im Traume, und schaut mich an mit zudringlich sanften Augen, als wollte er sagen:
„Mitleidhieß das Wort, das ich zu spät gefunden ...“