1.
Spiegelblank dehnte sich gestern das Meer, und auch heute breitet es sich spiegelblank aus.Indian Summerund Wärme liegen über der Insel — oh, wie warm und mild es ist! — aber es scheint keine Sonne.
Viele Jahre sind vergangen, seit ich solchen Frieden um mich fühlte, vielleicht zwanzig oder dreißig Jahre, vielleicht war es in einem früheren Leben. Und doch muß ich schon einmal diesen Frieden verspürt haben, da ich nun hier umhergehe und summe und entzückt bin und mich um jeden Stein und jeden Halm kümmere, und diese wieder sich um mich zu kümmern scheinen. Wir kennen uns.
Wenn ich auf dem überwucherten Weg in den Wald hineinschreite, bebt mein Herz in einer unirdischen Freude. Ich werde an einen bestimmten Platz an der Ostküste des Kaspischen Meeres erinnert, wo ich einmal gestanden habe. Dort war es wie hier, und die See lag still und schwer und stahlgrau da wie jetzt. Ich ging durch den Wald, wurde zu Tränen gerührt und war hingerissen und sagte immerfort: Gott im Himmel, daß ich wieder hierher kommen sollte!
Als sei ich schon früher einmal dort gewesen.
Aber vielleicht bin ich einmal aus einer anderen Zeit und aus einem anderen Land, wo der Wald und die Wege die gleichen waren, dorthin gekommen. Vielleicht war ich eine Blume im Wald, oder ein Käfer, der auf einer Akazie saß und daheim war.
Und jetzt bin ich hierher gekommen. Vielleicht habe ich den langen Weg als Vogel zurückgelegt. Oder ich war ein Kern in irgendeiner Frucht, die ein persischer Kaufmann gesandt hat .....
Seht, jetzt bin ich fort vom Lärm und Gedränge der Stadt, von Zeitungen und Menschen, vor all dem bin ich geflohen, weil mich das Land und die Einsamkeit, aus denen ich gekommen war, wieder riefen. Du wirst sehen, es geht gut! denke ich und hoffe das Beste. Ach, schon einmal früher habe ich so die Flucht ergriffen, und bin dann doch wieder in die Stadt zurückgekehrt. Und bin wieder geflohen.
Jetzt aber habe ich den festen Vorsatz, um jeden Preis Frieden zu erlangen. Ich habe mich vorläufig hier in einer Hütte eingemietet, und die alte Gunhild ist meine Hausfrau.
Die Vogelbeerbäume stehen mit reifen Korallenbeeren rings im Nadelwald, in schweren Trauben fallen die Früchte schon dumpf zur Erde. Sie ernten sich selbst und säen sich wiederum selbst, ein unglaublicher Überfluß wird jedes Jahr verschwendet; an einem einzigen Baum zähle ich über dreihundert Trauben. Und rings an den Abhängen stehen noch eigensinnige Blumen, die durchaus noch nicht sterben wollen, obwohl ihre Zeit eigentlich vorbei ist.
Aber auch die Zeit der alten Gunhild ist vorbei, und doch stirbt sie nicht! Sie tut, als ginge der Tod sie nichts an. Wenn die Fischer drunten am Strand arbeiten und die Fischreusen teeren oder die Boote anstreichen, geht die alte Gunhild mit erloschenen Augen, aber mit dem listigsten Kaufmannssinn zu ihnen hin:
Was kosten heute die Makrelen? fragt sie.
Das gleiche wie gestern, lautet die Antwort.
Dann könnt Ihr sie behalten!
Gunhild geht nach Hause.
Aber die Fischer wissen zu gut, daß Gunhild keine von denen ist, die nur scheinbar heimgehen, sie ist schon öfters wieder in ihre Hütte zurückgekehrt ohne sich umzusehen. Hallo! rufen sie ihr deshalb nach, ein halbes Dutzend Makrelen habe heute sieben Stück, da sie eine alte Kundschaft sei.
Da kauft Gunhild Fische ....
Rote Röcke und blaue Hemden und Unterzeug von ungeheurer Dicke hängen an den Wäscheleinen; das alles ist von den alten Frauen der Insel, die heute noch leben, gesponnen und gewebt worden. Aber auch die feinen Hemden ohne Ärmel, in denen man so schön blau friert, hängen zum Trocknen hier, und auch die lila Wolljacken, die man zu einem Strick ausdehnen kann. Woher stammen diese Mißgebilde? Ja, die haben sich die Töchter, die jungen Mädchen von heute in der Stadt verdient. Wenn man sie vorsichtig und selten wäscht, halten sie zur Not einen Monat. Und man fühlt sich so herrlich nackt darin, wenn die Löcher nach und nach immer zahlreicher werden.
Dagegen sind die Schuhe der alten Gunhild kein Spielzeug. Von Zeit zu Zeit wendet sie sich an einen gleichaltrigen und gleichgesinnten Fischer und läßt sich Oberleder und Sohlen mit einem dicken Fett einschmieren, gegen das alles Wasser machtlos ist. Ich sehe, wie diese Schmiere am Strand gekocht wird, es ist Talg und Teer und Harz darin.
Als ich gestern auf dem durch die Ebbe freigelegten Strand umherschlenderte und Treibholz und Muscheln und Steine betrachtete, fand ich ein winziges Stück Spiegelglas. Wie es hergekommen ist, verstehe ich nicht; aber es sieht ganz aus wie ein Irrtum oder wie eine Lüge. Ein Fischer ist doch wohl kaum damit hergerudert, hat es hier hingelegt und ist dann wieder fortgefahren. Ich ließ es liegen wo es lag, es war dick und gewöhnlich und einfach, vielleicht stammte es von der Scheibe einer Straßenbahn. Es gab einmal eine Zeit, da war das Glas selten und flaschengrün, — Gott segne die alte Zeit, da etwas selten war!
Jetzt steigt aus den Fischerhütten an der Südspitze der Insel Rauch auf. Es ist Abend, die Grütze wird gekocht. Und wenn das Essen verzehrt ist, gehen die ehrbaren Leute zu Bett, um bei Tagesgrauen wieder aufzustehen. Nur die unvernünftigen Jungen schleichen noch von Hütte zu Hütte, ziehen die Zeit hinaus und wissen nicht, was zu ihrem eigenen Besten dient.