15.
Es traf sich, daß wir uns gleich bei unserem Kommen nützlich machen konnten. Eine neue Flaggstange sollte aufgerichtet werden und es waren nur wenige Leute da. Wir griffen zu und stellten die Stange mit Glanz auf. In allen Fenstern erschienen Frauengesichter.
Ist der Herr Kapitän zu Hause?
Nein.
Die gnädige Frau?
Frau Falkenberg kam heraus. Sie war blond und groß, freundlich wie ein junges Fohlen und beantwortete unseren Gruß mit sehr viel Liebenswürdigkeit.
Ob sie irgendeine Arbeit für uns habe?
Ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Mein Mann ist leider nicht zu Hause.
Ich hatte den Eindruck, daß es ihr schwer werde, Nein zu sagen, und griff schon zur Mütze, um ihr nicht zur Last zu fallen. Falkenberg aber mußte ihr fremdartig vorgekommen sein, weil er so ordentlich gekleidet war und einen Träger bei sich hatte, neugierig sah sie ihn an und fragte:
Was für eine Arbeit?
Jede Art Arbeit im Freien, entgegnete Falkenberg, wir können Zäune machen und Gräben ziehen, auch mauern können wir —
Für solche Arbeit ist es heuer schon ein bißchen spät, sagte einer der Männer bei der Flaggstange.
Ja, das ist es allerdings, bestätigte auch Frau Falkenberg. Ich weiß nicht, — es ist jetzt Zeit zum Mittagessen, wollen Sie vielleicht hineingehen und etwas essen? Was wir eben haben.
Vergelt’s Gott! antwortete Falkenberg.
Da aber ärgerte ich mich über seine Antwort, weil sie so ungebildet war, und weil er uns dadurch herabsetzte. Hier mußte ich eingreifen.
Mille Grâces, Madame, vous êtes trop aimable!sagte ich in edler Betonung und nahm meine Mütze ab. —
Sie wandte sich um und sah mich einen Augenblick an. Ihr Erstaunen war komisch.
Wir wurden in die Küche gewiesen und bekamen eine ausgezeichnete Mahlzeit. Die gnädige Frau verließ uns. Als wir gegessen hatten und gehen wollten, erschien sie wieder; Falkenberg war jetzt wieder keck geworden und wollte ihre Freundlichkeit ausnützen, er bat, ihr Klavier stimmen zu dürfen.
Können Sie das auch? fragte sie und machte große Augen.
Ja, das kann ich. Ich habe auch auf den Nachbarhöfen gestimmt.
Aber ich habe einen Flügel. Ich möchte nicht gerne —
Die gnädige Frau kann ganz ruhig sein.
Haben Sie irgendwelche .....?
Zeugnisse besitze ich nicht. Ich habe nie darum gebeten. Die gnädige Frau kann ja zuhören.
Nun, also bitte schön!
Sie ging voran, und er folgte ihr. Als sie hineingingen, konnte ich viele Bilder an den Wänden des Zimmers sehen.
In der Küche schwänzelten die Mädchen hin und her und beobachteten mich, den fremden Mann; eines der Mädchen war sehr schön. Ich saß da und freute mich darüber, daß ich mich heute rasiert hatte.
Zehn Minuten vergingen. Falkenberg hatte zu stimmen begonnen. Die gnädige Frau kam wieder in die Küche heraus und sagte:
Und Sie sprechen also französisch. Da können Sie mehr als ich.
Gott sei Dank, zu weiterem kam es also nicht. Ich hätte auch nicht mehr sagen können als Omelette, und Pardon, und sucht die Frau, und daß ich der Staat bin.
Ihr Kamerad hat mir seine Zeugnisse gezeigt, sagte Frau Falkenberg. Ihr scheint tüchtige Leute zu sein. Ich möchte fast meinem Mann telegraphieren und ihn fragen, ob wir nicht Arbeit für euch haben.
Ich wollte ihr danken, brachte aber kein Wort hervor, ich fing an zu schlucken.
Neurasthenie.
Dann trieb ich mich auf dem Hof und auf den Äckern umher, alles war gut gepflegt, und die Ernte war im Haus; sogar die Heinzen mit dem Kartoffelkraut, die an vielen Stellen noch draußen stehen bleiben, bis der Schnee kommt, waren schon eingefahren. Ich sah keine Arbeit für uns. Das waren gewiß reiche Leute.
Als es gegen Abend ging, und Falkenberg immer noch den Flügel stimmte, nahm ich ein wenig von unserem Mundvorrat und entfernte mich vom Hof, um nicht zum Abendessen aufgefordert zu werden. Mond und Sterne standen am Himmel, aber mir behagte es, mich in den Wald hineinzutasten bis dorthin, wo er am dichtesten war, und mich im Finstern hinzusetzen. Dort war es auch am wärmsten. Welche Stille auf der Erde und in der Luft! Es war jetzt kühl geworden, der Boden bereifte sich, hier und dort hörte man einen spröden Laut in den Halmen, eine kleine Maus pfiff, eine Krähe strich über die Baumwipfel hin — dann schwieg wieder alles. Hast du je in deinem Leben schon einmal ein so helles Haar gesehen? Nein. Herrlich erschaffen von oben bis unten, der Mund ganz wundervoll und reif, und in ihrem Haar rieseln Glanzlichter. Wer doch ein Diadem aus seinem Wanderbündel nehmen und es ihr schenken könnte! Ich will eine blaßrosa Muschel suchen und einen Nagel daraus machen, dann überreiche ich ihr die Pfeife für ihren Mann, das tue ich .....
Falkenberg begegnet mir draußen auf dem Hof und flüstert mir rasch zu:
Sie hat schon Antwort von ihrem Mann, wir können im Wald Bäume fällen. Bist du das gewöhnt?
Ja.
Dann geh in die Küche, sie fragt nach dir.
Ich ging hinein und Frau Falkenberg sagte:
Wo waren Sie? Bitte kommen Sie zum Essen. Sie haben schon gegessen? Wo?
Wir haben Mundvorrat bei uns.
Das wäre nicht nötig gewesen. Wollen Sie auch keinen Tee haben? Wirklich nicht? ..... Ich habe von meinem Mann schon Antwort bekommen. Können Sie Bäume fällen? Das ist schön. Sehen Sie hier: Brauchen zwei Holzfäller, Petter soll Arbeit anweisen .....
Gott — sie stand dicht neben mir und deutete auf das Telegramm. Ihr Atem duftete wie der eines jungen Mädchens.