18.

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Der Kapitän war heimgekehrt.

Eines Tages kam ein großer vollbärtiger Mann zu uns in den Wald und sagte:

Ich bin Kapitän Falkenberg. Wie geht es, Jungens?

Wir grüßten ehrerbietig und antworteten: Ja danke, es ginge uns gut.

Eine Weile sprachen wir über das, was wir gefällt hatten und was noch zu tun übrig war; der Kapitän lobte uns, weil wir kurze und schöne Baumstümpfe zurückließen. Dann rechnete er aus, was wir am einzelnen Tag ausgerichtet hatten und sagte, dies sei die normale Leistung.

Der Herr Kapitän vergißt die Sonntage abzuziehen, warf ich ein.

Da haben Sie recht, antwortete er. Dann ist es mehr als das Normale. Ist nichts entzwei gegangen? Hält die Säge?

Ja.

Keiner hat sich verletzt?

Nein.

Pause.

Eigentlich solltet Ihr ja nicht von mir verköstigt werden, sagte er; aber da Ihr das nun einmal vorgezogen habt, so müssen wir es bei der Abrechnung ausgleichen.

Wir werden mit der Entscheidung des Herrn Kapitäns zufrieden sein.

Ja, das werden wir, sagte auch Falkenberg.

Der Kapitän machte einen kleinen Bogen durch den Wald und kam wieder.

Besseres Wetter konntet Ihr gar nicht bekommen, sagte er. Gar kein Schnee ist wegzuschaufeln.

Nein, kein Schnee. Aber etwas mehr Frost wäre wünschenswert.

Warum? Wird’s euch zu heiß?

Ach ja, das auch. Aber hauptsächlich, weil gefrorenes Holz sich besser sägen läßt.

Seid Ihr diese Arbeit schon von früher her gewohnt?

Ja.

Sind Sie der Sänger?

Nein, leider. Der da ist es.

Soso, Sie singen also? Wir sind doch Namensvettern?

Ja, sozusagen, antwortete Falkenberg ein wenig befangen. Ich heiße Lars Falkenberg, wie Sie aus meinem Zeugnis sehen können.

Wo sind Sie her?

Aus der Gegend von Drontheim.

Der Kapitän ging nach Hause. Er war freundlich, kurz und bestimmt, kein Lächeln, kein Scherz. Er hatte ein gutes, ein wenig durchschnittliches Gesicht.

Von jetzt ab sang Falkenberg nur noch in der Gesindestube oder im Freien, das Singen in der Küche hatte des Kapitäns wegen ganz aufgehört. Falkenberg grämte sich und sprach finstere Worte: Pfui Teufel, das Leben sei ekelhaft, und man könne sich ebensogut eines Tages aufhängen. Aber seine Verzweiflung dauerte nicht lange. Eines Sonntags ging er auf die beiden Höfe, wo er die Klaviere gestimmt hatte, und bat um Zeugnisse. Als er zurückkam, zeigte er mir die Papiere und sagte:

Die kann man gut gebrauchen, um sich durchzufressen, wenn’s einmal not tut.

Du willst dich also nicht mehr aufhängen?

Dazu hast du mehr Ursache als ich, erwiderte Falkenberg.

Aber auch ich war nicht mehr so verstimmt. Als der Kapitän etwas von meiner Maschine erfuhr, wünschte er sofort, mehr davon zu hören. Beim ersten Blick auf meine Entwürfe sah er, daß sie unvollkommen waren, da ich sie auf zu kleine Papierfetzen gezeichnet und nicht einmal einen Zirkel gehabt hatte; er lieh mir ein großes Reißzeug und lehrte mich einige Konstruktionsberechnungen. Auch der Kapitän fürchtete, meine Säge würde zu unhandlich werden. Aber machen Sie nur weiter, sagte er, zeichnen Sie jetzt alles nach einem bestimmten Maßstab auf, dann werden wir schon sehen.

Ich dachte mir jedoch, daß ein einigermaßen schön ausgeführtes Modell einen viel vollkommeneren Eindruck des Apparates geben würde. Und als ich mit der Zeichnung fertig war, begann ich ein Modell aus Holz herzustellen. Ich hatte keine Drehbank und mußte deshalb die beiden Walzen und mehrere Räder und Schrauben mit der Hand schnitzen. So beschäftigt war ich damit, daß ich am Sonntag die Mittagsglocke überhörte. Der Kapitän kam und rief mir zu: Es ist Mittagszeit! Als er sah, woran ich arbeitete, erbot er sich, noch morgen zum Schmied zu fahren und alles drehen zu lassen, was ich brauchte. Geben Sie mir nur die Maße an, sagte er. Brauchen Sie nicht auch noch Werkzeug? Schön, eine Spitzsäge, ein paar Bohrer, Schrauben, ein feines Stecheisen. Sonst nichts?

Er schrieb alles auf. Er war ein Arbeitgeber ohnegleichen.

Als ich am Abend gegessen hatte und mich in die Gesindestube hinüberbegab, rief mich die gnädige Frau. Sie stand unten im Hof im Schatten der Hauswand, trat aber dann ganz vor.

Es ist meinem Mann aufgefallen, daß — ja, daß Sie zu dünn gekleidet sind, sagte sie. Ich weiß nicht, ob — nehmen Sie dies hier!

Sie legte mir einen ganzen Anzug über den Arm.

Ich dankte, murmelte und stammelte etwas. Ich könne mir bald selbst einen Anzug kaufen, es habe keine Eile, ich brauche keinen —

Ja, ich weiß schon, daß Sie sich selbst etwas kaufen können, aber Ihr Kamerad hat so gute Kleider, und Sie .... Doch, doch, nehmen Sie sie nur.

Sie floh sogleich wieder hinein, ganz wie ein junges Mädchen, das Angst hat, bei irgendeiner zu großen Freundlichkeit ertappt zu werden. Ich mußte ihr meinen Dank nachrufen.

Als der Kapitän am Abend darauf mit meinen Walzen und Rädern kam, ergriff ich die Gelegenheit, ihm für die Kleider zu danken.

Soso, antwortete er. Meine Frau glaubte nämlich ..... Passen sie Ihnen?

Ja, sie passen sehr gut.

Das ist schön. Ja, meine Frau glaubte ..... Nun, da sind also die Räder. Und hier ist das Werkzeug. Gute Nacht.

Es lag ihnen wohl beiden am Herzen, ihren Mitmenschen Gutes zu tun. Und wenn sie es dann getan hatten, dann schob es der eine auf den anderen. Dies war wohl die Ehe, von der die Träumer hier auf Erden träumten .....


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