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Der Wald ist entlaubt, und das Vogelgezwitscher schweigt, nur die Krähen krächzen gegen fünf Uhr morgens und verteilen sich dann auf die Äcker. Falkenberg und ich begegnen ihnen, wenn wir in den Wald gehen. Die Jungen, die noch nicht gelernt haben die Welt zu fürchten, hüpfen vor unseren Füßen auf dem Weg.

Dann begegnen wir dem Finken, dem Sperling des Waldes. Er kommt bereits von einem kleinen Ausflug aus dem Wald und kehrt nun zurück zu den Menschen, unter denen er sich gerne aufhält, um sie von allen Seiten kennenzulernen. Kleiner, seltsamer Fink! Eigentlich ist er ja wohl ein Zugvogel, aber seine Eltern haben ihn gelehrt, daß es möglich ist, auch im Norden zu überwintern; jetzt will er wieder seine Kinder lehren, daß man überhaupt nur im Norden überwintern kann. Aber er hat noch das Auswandererblut in sich, er wird immer ein Wanderer bleiben. Eines Tages nun werden er und alle die Seinen sich versammeln und viele Pfarrgemeinden weit fortziehen, zu ganz anderen Menschen, die er auch kennenlernen will, — dann ist kein einziger Fink mehr im Espenhain. Und eine ganze Woche kann vergehen, ehe sich wieder ein neuer Schwarm von diesen fliegenden Wesen im Espenhain niederläßt ..... Herrgott, wie oft habe ich den Finken zugesehen und mich über sie gefreut!

Eines Tages sagt Falkenberg, er sei jetzt wieder obenauf. Im Winter will er sich hundert Kronen von dem Geld, das er durch Holzfällen und Klavierstimmen verdienen könne, zurücklegen und sich wieder mit Emma versöhnen. Auch ich solle damit aufhören, die Damen der ersten Kreise anzuseufzen und solle wieder zu meinesgleichen zurückkehren, sagt er.

Er hatte recht.

Am Samstag abend hörten wir etwas früher auf wie gewöhnlich, um zum Landhändler zu gehen. Wir brauchten Hemden, Tabak und Wein.

Während ich im Laden stand, fiel mein Blick auf eine kleine, mit Muscheln ausgelegte Nähschatulle, eine jener Nähschatullen, wie sie die Seeleute in alten Zeiten in Amsterdam kauften und ihren Liebsten heimbrachten; jetzt stellen die Deutschen sie tausendweis her. Ich kaufte die Schatulle, um mir aus einer der Muscheln einen Nagel für meine Pfeife zu machen. Was willst du damit? fragte Falkenberg; willst du sie Emma geben?

Seine Eifersucht erwachte, und um nicht zurückzustehen, kaufte er ein seidenes Tuch für sie.

Auf dem Heimweg tranken wir von dem Wein und kamen ins Schwätzen; Falkenberg war immer noch eifersüchtig. Da suchte ich mir die Muschel aus, die ich brauchte, brach sie aus und gab ihm das Kästchen. Nun waren wir wieder Freunde.

Allmählich wurde es dunkel für uns, wir hatten keinen Mondschein. Plötzlich hören wir aus einem Haus oben auf einem Hügel die Töne einer Ziehharmonika und sehen, daß dort getanzt wird. Das Licht kam und ging wie ein Leuchtfeuer. Da gehen wir jetzt hin, sagte Falkenberg.

Und wir waren in guter Stimmung.

Als wir zu dem Haus hinaufkamen, stießen wir auf ein paar junge Burschen und Mädchen, die draußen standen und sich abkühlten; auch Emma war dort.

Nein, so was, da ist ja auch Emma! rief Falkenberg gutmütig: und er war gar nicht ärgerlich darüber, daß Emma ohne ihn hingegangen war. Emma, komm her, ich habe etwas für dich.

Er glaubte, es sei mit einem guten Wort genug getan; aber Emma wandte sich von ihm ab und ging hinein. Als Falkenberg ihr folgen wollte, wurde ihm der Weg versperrt, und man bedeutete ihm, daß er hier nichts zu suchen habe.

Aber Emma ist doch da. Bittet sie, daß sie herauskommen soll.

Sie kommt nicht heraus. Emma ist mit Markus dem Schuhmacher hier.

Falkenberg war sehr betroffen. Nun war er so lange kalt gegen Emma gewesen, daß sie ihn aufgegeben hatte. Als er immer noch wie aus allen Wolken gefallen aussah, begannen ihn einige Mädchen zu verspotten: Haben dir die Hühner das Brot weggefressen? Du Armer.

Falkenberg setzte in Gegenwart aller die Flasche an die Lippen und trank, dann wischte er den Mund ab und gab sie an den Nebenmann weiter. Die Stimmung gegen uns besserte sich, wir waren nette Kerle, hatten Flaschen in unseren Taschen und ließen sie herumgehen; außerdem waren wir Fremde und brachten ein wenig Abwechslung mit. Und Falkenberg sagte viele lustige Dinge über Markus den Schuhmacher, den er beständig Lukas nannte.

Drinnen wurde weiter getanzt, aber keines der Mädchen ging hinein. Ich wette, daß auch Emma sich wieder zu uns herauswünscht, sagte Falkenberg großsprecherisch. Da seien nun Helene und Rönnaug und Sara, wenn die aus der Flasche getrunken hätten, gäben sie einem die Hand, wie es der Brauch sei; andere aber seien zu fein geworden und sagten nur: Schönen Dank! — Helene wurde Falkenbergs Mädchen, er nahm sie um den Leib und erklärte, daß er nachts zu ihr kommen wolle. Als die beiden sich immer weiter von uns zurückzogen, rief ihnen keiner deswegen nach; wir nahmen uns jeder ein Mädchen und gingen unsere eigenen Wege in den Wald hinein. Und ich hatte Sara.

Als wir wieder zurückkamen, stand Rönnaug noch da und kühlte sich ab. So ein Mädchen, sie hatte die ganze Zeit hier gestanden! Ich nahm sie bei der Hand und sprach ein wenig mit ihr, sie aber lächelte nur zu allem und antwortete nicht. Als wir auf den Wald zugingen, hörten wir Sara uns in die Dunkelheit nachrufen: Rönnaug, komm, wir wollen lieber heimgehen! Aber Rönnaug antwortete nicht, sie war so wortkarg. Sie war groß und still und hatte eine Haut wie Milch.


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