20.

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Der erste Schnee ist gekommen, er schmilzt zwar sofort wieder weg, aber der Winter ist wohl nicht mehr weit. Und mit unserer Waldarbeit beim Kapitän geht es zu Ende, zwei Wochen lang haben wir vielleicht noch zu tun, doch kaum länger. Was sollten wir dann unternehmen? Im Gebirge gab es Arbeit beim Eisenbahnbau, und vielleicht fand sich auch noch Holzfällerarbeit für uns auf einem Hof. Falkenberg war für die Eisenbahn.

Aber meine Maschine konnte in dieser kurzen Zeit nicht fertig werden. Jeder von uns hatte mit dem Seinen zu kämpfen. Außer der Maschine mußte ich auch den Nagel für meine Pfeife fertig machen, und die Abendstunden wollten fast zu kurz für mich werden. Und Falkenberg mußte mit Emma wieder zurechtkommen. Wie schwer war das und wie langsam ging es! Sie hatte sich an Markus Schuhmacher gehalten; jawohl; aber dafür hatte Falkenberg in einer stimmungsvollen Stunde Helene ein seidenes Tuch und ein mit Muscheln besetztes Kästchen geschenkt.

Falkenberg war in der Klemme und sagte:

Auf allen Seiten gibt es nur Ärger und Unverstand und Widerwärtigkeiten.

Und das sagst du?

Ja, so nenne ich es, wenn dus wissen willst. Ich bringe sie nicht dazu, mit ins Gebirge zu gehen.

Da hält sie wohl Markus Schuhmacher zurück?

Falkenberg schweigt finster.

Nicht einmal singen darf ich mehr, sagte er nach einer Weile.

Wir kamen auf den Kapitän und seine Frau zu sprechen. Falkenberg hat schlimme Ahnungen, es sei zwischen den beiden nicht alles in Ordnung.

So ein Schwätzer! Ich sage:

Entschuldige, darauf verstehst du dich doch wirklich nicht.

So? antwortete er erregt. Und er wurde immer aufgeregter und sagte: Hast du vielleicht gesehen, daß sie etwa bei jedem Schritt aneinander hängen und nett zueinander sind? Ich habe sie niemals ein Wort wechseln hören.

Dieser Idiot, dieser Schwätzer!

Ich verstehe nicht, wie du heute sägst, nörgle ich. Schau nur den Schnitt an, den du da gemacht hast.

Ich? Wir sind doch wohl zu zweit bei dieser Arbeit?

Gut, dann ist offenbar das Holz nicht mehr genug gefroren. Wir wollen lieber die Axt nehmen.

Lange Zeit hieben wir, ein jeder für sich, auf die Bäume ein, kurz und zornig, alle beide. Was hatte er doch zu lügen gewagt — daß sie niemals ein Wort zueinander sagten? Aber, mein Gott, er hatte ja recht! Falkenberg hatte eine gute Nase, er verstand sich auf die Menschen.

Auf jeden Fall sagen sie zu uns nur Gutes voneinander, fing ich wieder an.

Falkenberg hieb nur drauf los.

Ich dachte noch länger darüber nach.

Nein, du kannst recht haben, das ist vielleicht nicht die Ehe, von der die Träumer geträumt haben, aber —.

Das war nichts für Falkenberg, er verstand kein Wort davon.

In der Mittagspause nahm ich das Gespräch wieder auf:

Du sagtest doch, es sollte etwas setzen, wenn er nicht nett zu ihr sei?

Ja, das sagte ich.

Aber es hat nichts gesetzt?

Habe ich vielleicht gesagt, er sei nicht nett gegen sie? fragte Falkenberg erbittert. Aber sie haben sich satt, das haben sie. Wenn der eine hereinkommt, geht der andere hinaus. Wenn er über irgend etwas in der Küche spricht, werden ihre Augen ganz tot und gelangweilt, und sie hört nicht zu.

Eine Zeitlang schlagen wir wieder auf die Stämme ein und haben jeder unsere eigenen Gedanken.

Ich werde ihn doch noch verprügeln müssen, sagt Falkenberg.

Wen?

Den Lukas .....

Ich machte die Pfeife fertig und ließ sie durch Emma dem Kapitän überbringen. Der Nagel war ganz natürlich geworden, und mit dem guten Werkzeug, das ich bekommen hatte, war es mir auch möglich gewesen, ihn in den Finger einzulassen und ihn an der Unterseite zu befestigen, ohne daß die beiden kleinen Kupfernägel zu sehen waren. Ich war zufrieden mit der Arbeit.

Als wir beim Abendessen saßen, kam der Kapitän mit der Pfeife in die Küche und bedankte sich bei mir. Gleichzeitig sah ich auch Falkenbergs Klugheit bekräftigt: kaum war der Kapitän herausgekommen, als seine Frau die Küche verließ.

Der Kapitän lobte mich wegen der Pfeife und fragte, wie ich den Nagel befestigt habe, er nannte mich einen Künstler und Meister. Die ganze Küche stand da und hörte zu. Und es hatte etwas zu bedeuten, wenn der Kapitän sagte, ich sei ein Meister. Ich glaube, in diesem Augenblick hätte ich Emma bekommen können.

In jener Nacht geschah es, daß ich das Gruseln lernte.

Die Leiche einer Frau kam zu mir herein, streckte ihre linke Hand vor und zeigte sie mir: am Daumen fehlte der Nagel. Ich schüttelte den Kopf, ich hätte einmal einen Nagel gehabt, hätte ihn aber weggeworfen und statt dessen eine Muschel genommen. Die Leiche blieb trotzdem stehen, und ich lag da und fror vor Furcht. Da stammelte ich, ich könne es leider nicht mehr ändern, sie solle in Gottes Namen ihres Weges gehen. Und Vater unser, der du bist im Himmel ..... Die Leiche kam auf mich zu, da hieb ich mit den Fäusten um mich und stieß einen eiskalten Schrei aus, gleichzeitig drückte ich Falkenberg platt an die Wand.

Was ist los? rief Falkenberg. In Jesu Namen —!

In Schweiß gebadet erwachte ich und schlug die Augen auf, ich lag da und sah mit offenen Augen die Leiche ganz langsam in der Dunkelheit des Zimmers verschwinden.

Die Leiche, stöhnte ich. Sie will ihren Nagel wieder haben. Falkenberg richtete sich steil vom Lager auf, hellwach, auch er.

Ich sah sie, sagte er.

Du auch? Sahst du den Finger! Uff!

Ich möchte nicht um viel Geld in deiner Haut stecken.

Laß mich an der Wand liegen! bat ich.

Wo soll dann ich liegen?

Für dich ist es nicht gefährlich, du kannst ruhig vorne liegen.

Damit sie mich zuerst nimmt? Nein, danke. Und Falkenberg legte sich wieder hin und zog sich die Decke über die Augen.

Einen Augenblick erwog ich, ob ich hinuntergehen und mich zu Petter legen sollte; er war schon auf dem Weg der Besserung und würde mich mit seiner Krankheit wohl nicht mehr anstecken. Aber ich getraute mich nicht über die Treppe hinunterzusteigen.

Ich hatte eine schlimme Nacht.

Am nächsten Morgen suchte ich überall nach dem Nagel und fand ihn unter Sägemehl und Hobelspänen auf dem Boden. Auf dem Weg zum Wald begrub ich ihn.

Es fragt sich erst noch, ob du den Nagel nicht wieder dorthin bringen mußt, wo du ihn hergenommen hast, sagte Falkenberg.

Es ist so weit, eine ganze Reise ....

Wenn du nur nicht gemahnt wirst, bis du es tust. Sie will vielleicht nicht hier einen Finger haben und dort einen Nagel.

Aber ich war wieder ganz frech geworden. Das Tageslicht machte mich waghalsig, ich lachte über Falkenbergs Aberglauben und sagte, sein Standpunkt sei von der Wissenschaft aufgegeben worden.


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