21.
Eines Abends kamen Fremde auf den Hof, und da Petter immer noch schlecht daran war, und der andere Knecht noch ganz jung, mußte ich die Pferde versorgen. Aus dem Wagen stieg eine Dame. Sind die Herrschaften zu Hause? fragte sie. Als das Wagengerassel vernehmbar wurde, zeigten sich Gesichter an den Fenstern, Lampen wurden in Gang und Zimmern angezündet, die gnädige Frau kam heraus und rief: Bist du es, Elisabet? Ich habe dich schon lange erwartet. Willkommen.
Es war Fräulein Elisabet vom Pfarrhof.
Istderhier? fragte sie überrascht.
Wer?
Sie meinte mich. Sie hatte mich wiedererkannt ....
Am Tag darauf kamen die beiden jungen Damen zu uns in den Wald. Anfangs hatte ich Angst, das Gerücht von einem gewissen Ritt auf fremden Pferden sei bis zum Pfarrhof gedrungen, als ich aber nichts davon hörte, beruhigte ich mich wieder.
Mit der Wasserleitung geht es gut, sagte Fräulein Elisabet.
Das ließ sich hören.
Mit der Wasserleitung? fragte die gnädige Frau.
Er hat uns eine Wasserleitung gelegt. Bis in die Küche, und in den ersten Stock hinauf. Wir drehen bloß einen Hahn auf. So etwas solltest du auch haben.
So. Wäre das auch bei uns möglich?
Ich antwortete: Ja, das wäre wohl möglich.
Warum haben Sie es denn meinem Mann nicht vorgeschlagen?
Ich habe es ihm schon gesagt. Er wollte deswegen mit Ihnen sprechen.
Eine peinliche Pause. Nicht einmal diese Sache, die doch vor allem die gnädige Frau anging, hatte er mit ihr besprochen.
Um nur etwas zu sagen, fuhr ich rasch fort:
Für heuer ist es ja auf jeden Fall zu spät. Der Winter würde uns überraschen, ehe wir fertig wären. Aber im Frühjahr dann.
Frau Falkenberg kam mit ihren Gedanken gleichsam von weit her zurück.
Ich erinnere mich jetzt übrigens, daß er einmal mit mir darüber gesprochen hat, sagte sie. Daß wir es uns überlegten. Aber es war zu spät für dieses Jahr ..... Du, Elisabet, ist es nicht ganz lustig, so beim Holzfällen zuzusehen?
Wir benutzten manchmal ein Tau, um den Baum im Fallen zu lenken, Falkenberg hatte nun eben dieses Tau hoch oben an einem Baum befestigt, der unter ihm schwankte.
Warum machen Sie das?
Damit der Baum den richtigen Weg nimmt ..... begann ich zu erklären.
Die gnädige Frau aber wollte mich nicht mehr anhören, sie wiederholte ihre Frage an Falkenberg gewandt und sagte:
Ist es denn nicht gleich, wohin er fällt?
Da mußte Falkenberg antworten:
O nein, wir müssen ihn schon lenken, damit er dort, wo er hinfällt, nicht zu viel Jungwald umbricht.
Hast du gehört? sagte Frau Falkenberg zu ihrer Freundin, hast du seine Stimme gehört? Das ist der Sänger.
Wie ärgerte ich mich, weil ich so viel geredet und ihren Wunsch nicht bemerkt hatte! Ich wollte ihr zeigen, daß ich ihre Zurechtweisung verstand. Und übrigens war ich ja in Fräulein Elisabet und in keine andere verliebt; die war nicht launisch, und sie war ebenso schön wie die andere, ja tausendmal schöner. Ich wollte mich als Knecht bei ihrem Vater verdingen ..... Nun machte ich es mir zur Regel, sooft die gnädige Frau mich ansprach, erst zu Falkenberg und dann zu ihr hinzusehen und mit meiner Antwort zu warten, als fürchte ich, es sei nicht an mir zu antworten. Ich glaube, mein Betragen war ihr ein wenig schmerzlich, und sie sagte einmal mit einem kleinlauten Lächeln: Doch doch, ich habe Sie schon gefragt.
Dieses Lächeln und diese Worte ..... Eine Freude durchwirbelte mein Herz, ich begann mit der ganzen Kraft, die ich mir durch die Übung angeeignet hatte, meine Axt zu schwingen und hieb tiefe Kerben in die Bäume. Und die Arbeit ging wie ein Spiel. Und hie und da hörte ich, wovon gesprochen wurde.
Heute abend werde ich ihnen etwas vorsingen, sagte Falkenberg, als wir allein waren.
Der Abend kam.
Ich stand draußen auf dem Hofplatz und sprach einen Augenblick mit dem Kapitän. Wir hatten noch für drei, vier Tage Arbeit im Wald.
Wo werdet Ihr dann hinreisen?
Zum Eisenbahnbau.
Vielleicht habe ich hier für Euch Verwendung, sagte der Kapitän. Ich will den Weg, der den Hof mit der Landstraße verbindet, verlegen, er ist zu steil, kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen.
Er führte mich auf die Südseite des Hauptgebäudes und begann zu deuten, obwohl es schon etwas zu dunkel war.
Und wenn dann der Weg fertig ist und sonst noch Verschiedenes, dann ist wohl der Frühling da, sagte er. Dann kommt die Wasserleitung dran. Übrigens ist ja auch Petter krank; das kann so nicht weitergehen, ich muß mir eine Hilfe nehmen.
Plötzlich hören wir Falkenberg singen. Im Zimmer brannte Licht, Falkenberg war drinnen, und jemand begleitete ihn am Flügel. Der Wohllaut dieser ungewöhnlichen Stimme flutete zu uns heraus, unwillkürlich erbebte ich.
Der Kapitän stutzte und sah zu den Fenstern auf.
Aber — sagte er plötzlich, es ist wohl am besten, wir warten auch mit dem Weg bis zum Frühjahr. Wie lange, sagten Sie, haben Sie noch im Wald zu arbeiten?
An die drei, vier Tage.
Gut, dann sagen wir also drei, vier Tage, und machen für heuer ein Ende.
Das ist ein merkwürdig rascher Entschluß, dachte ich.
Ich antwortete:
Den Weg könnte man aber im Winter ebensogut bauen, in mancher Beziehung wäre es sogar besser. Es müssen Steine gesprengt werden, Kies muß angefahren werden —
Ja, das weiß ich schon, aber ..... Nein, nun muß ich hineingehen und zuhören.
Der Kapitän ging hinein.
Ich dachte: Das tut er nun gewiß nur aus Höflichkeit, er will sich nicht absondern, wenn Falkenberg im Zimmer ist. In Wirklichkeit aber hätte er sich lieber mit mir unterhalten.
Wie eingebildet war ich, und wie irrte ich mich!