23.
Im geschlossenen Wagen fuhr ich die beiden Damen in den frühen Morgen hinaus. Zu Anfang war es ziemlich kalt, meine wollene Decke kam mir nun gut zu statten und abwechselnd legte ich sie über die Knie oder als Schal um die Schultern.
Ich fuhr den Weg, den ich mit Falkenberg hierhergewandert war und erkannte einen Platz nach dem anderen wieder: hier stimmte Falkenberg ein Klavier, dort hatten wir eine Wildgans vernommen ..... Die Sonne ging auf, es wurde warm, die Stunden verstrichen; bei einer Wegkreuzung klopften die Damen ans Wagenfenster und sagten, es sei Mittag. Durch einen Blick nach der Sonne überzeugte ich mich, daß es für die Damen noch zu früh zum Essen war, wogegen es für mich, der mit Falkenberg um zwölf Uhr zu essen pflegte, sehr gut gepaßt hätte. Ich fuhr also weiter.
Können Sie denn nicht halten! riefen die Damen.
Sie pflegen doch um drei Uhr zu essen .... Ich glaubte ....
Aber wir sind hungrig.
Ich fuhr mit dem Wagen auf die Seite und spannte die Pferde aus, fütterte sie und brachte ihnen Wasser. Hatten denn diese merkwürdigen Frauen ihre Essenszeit nach mir gerichtet?
Bitte schön! wurde gerufen.
Da ich mich nicht gut den anderen beigesellen konnte, blieb ich bei den Pferden stehen.
Nun? sagte die gnädige Frau.
Möchten Sie so freundlich sein und mir etwas geben, bat ich.
Alle beide reichten mir zu essen und glaubten, daß ich nicht genug bekäme; ich öffnete die Bierflaschen und erhielt auch hiervon meinen reichlichen Teil, es war ein Fest auf der Landstraße, ein kleines Abenteuer in meinem Leben. Frau Falkenberg aber wagte ich fast nicht anzusehen, damit sie sich nicht verletzt fühlen sollte.
Sie plauderten und scherzten miteinander und zogen aus Freundlichkeit auch mich ins Gespräch. Fräulein Elisabet sagte:
Ich finde es furchtbar nett im Freien zu essen. Sie nicht auch?
Sie sagte jetzt nicht Du, wie sie das früher getan hatte.
Das ist für ihn wohl nicht so neu, meinte die gnädige Frau. Er ißt ja jeden Tag im Walde.
O diese Stimme, diese Augen, dieser frauenhafte, zärtliche Ausdruck der Hand, die mir das Glas entgegenhielt ..... Ich hätte wohl auch etwas zu sagen gewußt, hätte mitsprechen, irgend etwas aus der weiten Welt erzählen und sie unterhalten können; ich hätte die Damen verbessern können, wenn sie allen möglichen Unsinn schwätzten und nicht wußten, wie man auf Kamelen reitet oder wie man Wein erntet .....
Ich beeilte mich beim Essen und entfernte mich dann, nahm den Eimer und holte mehr Wasser für die Pferde, obwohl es unnötig war. Beim Bach setzte ich mich hin.
Nach einer Weile rief Frau Falkenberg nach mir:
Sie müssen zu den Pferden kommen, wir wollen ein bißchen fortgehen und sehen, ob wir Hopfen oder etwas Ähnliches finden.
Als ich aber bis zum Wagen gekommen war, waren sie sich darüber einig geworden, daß der Hopfen die Blätter verloren hatte und daß hier keine Vogelbeeren und kein buntes Laub zu finden seien.
In diesem Wald gibt es gar nichts, sagte das Fräulein. Und sie stellte mir wieder eine direkte Frage: Sagen Sie, auf Övrebö haben Sie doch keinen Kirchhof, in dem Sie herumwandern könnten?
Nein?
Können Sie es ohne einen solchen aushalten? Dann erklärte sie Frau Falkenberg, daß ich ein seltsamer Mann sei, der nachts auf die Friedhöfe ginge und mit den Toten Zusammenkünfte habe. Dort erfände ich meine Maschinen.
Um etwas zu sagen fragte ich nach Jung-Erik. Er wurde damals verletzt und spuckte Blut .....?
Ja, er erholt sich, antwortete Fräulein Elisabet kurz. Wollen wir nicht bald wieder weiter, Louise?
Ja, können wir schon fahren?
Sobald Sie es wünschen, erwiderte ich.
So fuhren wir weiter.
Die Stunden vergehen, die Sonne sinkt tiefer, es wird wieder kühl, die Luft ist rauh; später kommen Wind und Nässe, halb Regen, halb Schnee. Wir fuhren an der Annexkirche, an ein paar Landhändlern vorbei, Hof auf Hof ließen wir hinter uns.
Da klopfte es an das Wagenfenster.
Hier ritten Sie doch eines Nachts auf fremden Pferden? fragte das Fräulein und lachte. Wir haben schon davon gehört, das können Sie sich denken.
Beide Damen belustigten sich darüber.
Mir fiel die Antwort ein:
Und trotzdem möchte mich Ihr Vater als Knecht haben, ist es nicht so?
Doch.
Weil wir nun gerade davon sprechen — woher wußte Ihr Vater, daß ich bei Kapitän Falkenberg arbeitete? Sie selbst waren doch erstaunt, mich dort zu sehen?
Nach rascher Überlegung erwiderte sie und sah Frau Falkenberg dabei an:
Ich habe es heimgeschrieben.
Die gnädige Frau schlug die Augen nieder.
Ich hatte den Eindruck, daß das junge Mädchen schwindelte. Aber sie gab eine ausgezeichnete Antwort und stopfte mir damit den Mund. Es war nicht undenkbar, daß sie in einem Brief an die Eltern ungefähr so geschrieben hatte: Und wißt Ihr, wen ich hier getroffen habe? Den gleichen Mann, der bei uns auf dem Pfarrhof die Wasserleitung gelegt hat, jetzt fällt er bei Falkenbergs Bäume .....
Als wir aber auf dem Pfarrhof ankamen, war schon ein neuer Knecht eingestellt und bereits seit drei Wochen im Dienst. Er versorgte unsere Pferde.
Da dachte ich immer und immer wieder: warum hatte sie nun mich zum Kutscher gewählt? Vielleicht nur als kleine Entschädigung dafür, daß Falkenberg im Zimmer hatte singen dürfen. Aber verstanden denn diese Menschen nicht, daß ich ein Mann war, der in kurzer Zeit seine Erfindung fertig haben und gar keine Wohltaten mehr brauchen würde!
Gelangweilt und mit saurer Miene ging ich umher, aß in der Küche, wurde von Oline wegen der Wasserleitung gelobt, pflegte meine Pferde. Als es dunkel war, ging ich mit meiner Decke zur Scheune .....
Ich erwachte davon, daß jemand an mir herumtastete.
Hier darfst du doch nicht liegen bleiben, das mußt du doch einsehen, du erfrierst ja, sagte die Pfarrersfrau. Komm, ich will dich führen.
Eine Weile verhandelten wir darüber, ich wollte nicht fort und brachte auch sie soweit, daß sie sich setzte. Sie war wie eine Flamme, nein, eine Tochter der Natur. In ihrem Inneren spielte noch ein hinreißender Walzer.