24.
Am nächsten Morgen stand es besser um meine Laune, ich war abgekühlt und verständig, ich entsagte. Nur hätte ich mich besser auf meinen Vorteil verstehen und niemals diesen Ort verlassen sollen. Ich hätte hier Knecht werden können und der erste unter meinesgleichen sein. Ja, und hätte mich gründlich in ein stilles Landleben verwurzeln können.
Frau Falkenberg stand im Hof. Diese helle Frau war wie eine Säule, rank und frei und ohne Hut stand sie auf dem weiten Hofplatz.
Ich wünschte Guten Morgen.
Guten Morgen! antwortete sie und kam auf mich zugeschritten. Ganz leise sagte sie: Ich hätte gerne nachgesehen, wie man Sie gestern abend untergebracht hatte, aber ich kam nicht los. Doch, natürlich kam ich los, aber ..... Sie lagen doch nicht auf dem Heu?
Die letzten Worte hörte ich wie im Traum, und ich konnte nicht antworten.
Warum sagen Sie nichts?
Doch, ob ich auf dem Heu schlief? Ja.
Wirklich? Ging es denn?
Ja.
Soso. Ja ja. Wir werden heute wieder heimfahren.
Sie drehte sich um und verließ mich mit einem Gesicht, das über und über von Röte übergossen war .....
Harald kam und bat mich, ihm einen Drachen zu machen.
Ja, ich will dir einen Drachen machen, antwortete ich in meiner Verwirrung, einen riesigen Drachen, der bis zu den Wolken hinauffliegen soll. Ja, das werde ich tun.
Harald und ich arbeiteten ein paar Stunden lang, er war so lieb und unschuldig in seinem Eifer, und ich für meinen Teil dachte an alles andere, nur nicht an diesen Drachen. Wir knüpften einen viele Meter langen Schweif und klebten und schnürten mit Bindfaden unser Werk zusammen. Fräulein Elisabet kam zweimal heraus und sah uns zu. Vielleicht war sie ebenso süß und niedlich wie früher, aber es kümmerte mich nicht mehr, was sie war, und ich dachte nicht an sie.
Dann ließ man mir sagen, ich solle anspannen. Ich hätte diesem Befehl sofort gehorchen sollen, denn der Heimweg war lang, statt dessen aber sandte ich Harald hinein und ließ bitten, noch eine halbe Stunde warten zu dürfen. Und wir arbeiteten weiter, bis der Drachen fertig war. Morgen, wenn der Kleister trocken war, konnte Harald den Drachen fliegen lassen und ihm mit den Augen folgen und in seinem Gemüt eine ungekannte Erregung verspüren, so wie jetzt ich.
Es ist angespannt.
Frau Falkenberg kommt heraus; die ganze Pfarrersfamilie begleitet sie.
Der Pfarrer und seine Frau erkennen mich beide wieder, beantworten meinen Gruß und sagen einige Worte. Aber ich höre nichts davon, daß ich Knecht bei ihnen werden solle. Und die blauäugige Pfarrersfrau steht da, sieht mich mit ihrem listigen Seitenblick an, als erkenne sie mich wieder, obwohl sie mich schon gestern abend auch gekannt hatte.
Fräulein Elisabet bringt den Eßvorrat und hüllt ihre Freundin ein.
Willst du wirklich nicht mehr zum Zudecken haben? fragt sie zum lettzenmal.
Nein, danke, das ist vollkommen genug. Lebt wohl, lebt wohl.
Seien Sie nun heute ein ebenso guter Kutscher wie gestern, sagt Fräulein Elisabet und nickt auch mir zu.
Wir fahren los.
Der Tag war kalt und rauh, und ich sah sofort, daß die gnädige Frau mit ihrer Decke nicht genügend geschützt war.
Wir fahren Stunde auf Stunde, die Pferde fühlen, daß sie auf dem Heimweg sind und traben unaufgefordert, und da ich keine Fäustlinge habe, werden meine Hände ganz steif um die Zügel. Als wir an einer Hütte vorbeikamen, klopfte die gnädige Frau an die Scheibe, es sei Mittag. Und ganz bleich vor Kälte steigt sie aus.
Wir wollen zu dieser Hütte hinaufgehen und dort essen, sagte sie. Kommen Sie nach, wenn Sie fertig sind, und bringen Sie den Korb mit.
Damit ging sie die Anhöhe hinauf.
Sie will wohl wegen der Kälte in dieser Hütte essen, denke ich; denn sie wird doch wohl keine Angst vor mir haben ..... Ich binde die Pferde an und füttere sie; da es nach Regen aussieht, lege ich ihnen die Öldecken über, klopfe sie schmeichelnd und gehe mit dem Korb zur Hütte hinauf.
Eine alte Frau ist daheim, sie sagt: bitte, komm nur herein! und kocht ihren Kaffee weiter. Frau Falkenberg packt den Korb aus und fragt, ohne mich anzusehen:
Ich soll Ihnen wohl auch heute vorlegen?
Ja, tausend Dank.
Wir essen schweigend. Ich sitze auf einer kleinen Bank bei der Türe und habe meinen Teller neben mir stehen; die gnädige Frau sitzt am Tisch, sieht beinahe die ganze Zeit zum Fenster hinaus und bringt keinen Bissen hinunter. Dann und wann spricht sie ein Wort mit der Frau, dann und wann wirft sie einen Blick auf meinen Teller, ob er etwa leer sei. Die kleine Stube ist so eng, es sind nicht mehr als zwei Schritte von mir bis zum Fenster, so daß wir also trotzdem beieinander sitzen.
Als der Kaffee kommt, habe ich auf meiner Bank keinen Platz mehr für die Tasse, ich sitze da und halte sie in der Hand. Da wendet die gnädige Frau mir ruhig das Gesicht zu und sagt mit niedergeschlagenen Augen:
Hier ist doch Platz.
Ich höre mein Herz laut pochen und murmle etwas:
Danke, es geht ausgezeichnet ..... Ich möchte lieber .....
Kein Zweifel, sie ist unruhig, sie hat Angst vor mir, ich könnte etwas sagen, etwas tun; wieder sitzt sie mit abgewandtem Gesicht ruhig da, aber ich sehe, daß ihre Brust schwer atmet. Sei doch ruhig, denke ich, es soll kein Wort aus meinem elenden Munde kommen!
Ich möchte gerne den leeren Teller und die Tasse auf den Tisch stellen, aber ich fürchte, sie zu erschrecken, wenn ich näher trete, denn sie sitzt beständig mit abgewandtem Kopf da. Ich klirre ein wenig mit der Tasse, um sie aufmerksam zu machen, stelle das Geschirr hin und danke.
Sie versucht ihren hausmütterlichen Ton anzuschlagen:
Wollen Sie nichts mehr haben? Ich verstehe nicht .....
Nein, vielen Dank ..... Soll ich einpacken? Aber ich kann wohl nicht.
Mein Blick fiel auf meine Hände, in der warmen Stube waren sie fürchterlich aufgeschwollen und so unförmig und schwer geworden, daß ich wohl kaum irgend etwas einpacken konnte. Sie erriet, was ich dachte, sah zuerst auf meine Hände, dann zu Boden und sagte, während sie zu lächeln versuchte:
Haben Sie keine Fäustlinge?
Nein, ich brauche keine.
Ich ging an meinen Platz zurück und wartete darauf, daß sie einpacke, damit ich den Korb mitnehmen könnte. Plötzlich dreht sie mir ihr Gesicht wieder zu und fragt, immer noch ohne aufzusehen:
Wo sind Sie her?
Aus dem Nordland.
Pause.
Ich wagte zurückzufragen:
Die gnädige Frau ist schon dort gewesen?
Ja, in meiner Kindheit.
Im selben Augenblick sah sie auf die Uhr, wie um mir weitere Fragen abzuschneiden und mich zugleich an die Zeit zu mahnen.
Sofort stand ich auf und ging zu den Pferden hinaus.
Es war schon etwas dunkel geworden, der Himmel verfinsterte sich, und es fiel nasser Schnee. Heimlich nahm ich meine Decke vom Bock herunter und schob sie unter den Vordersitz im Wagen; als ich das getan hatte, gab ich den Pferden Wasser und spannte sie an. Bald darauf kam Frau Falkenberg den Weg herunter, und ich ging ihr entgegen, um den Korb zu holen.
Wo wollen Sie hin?
Den Korb holen.
Danke, das ist nicht nötig. Es lohnt sich nicht mehr ihn mitzunehmen.
Wir gingen zum Wagen, sie stieg ein, und ich half ihr und packte sie gut ein. Dabei holte ich die Decke unter dem Vordersitz hervor und versteckte die Kanten gut, damit sie sie nicht erkenne.
Nein, wie schön! sagte die gnädige Frau. Wo lag sie denn?
Hier.
Ich hätte noch mehr Decken auf dem Pfarrhof bekommen können, aber die armen Menschen würden sie ja niemals wieder zurückerhalten haben ..... Danke, ich kann gut selbst ..... Nein danke, ich kann selbst ..... Machen Sie sich fertig.
Ich schloß die Wagentüre und stieg auf.
Wenn sie jetzt wieder an die Scheibe klopft, kann es sich nur um die Decke handeln, und da halte ich nicht an, denke ich.
Stunde auf Stunde vergeht, es wird dunkel wie in einem Sack, es regnet und schneit mit zunehmender Heftigkeit, der Weg wird immer aufgeweichter. Dann und wann springe ich vom Bock herunter und laufe neben dem Wagen her, um mich zu erwärmen; meine Kleider triefen.
Wir nähern uns dem Hof.
Hoffentlich ist es nicht so hell, daß sie die Decke erkennt, denke ich.
Aber leider war alles erleuchtet, die gnädige Frau wurde erwartet.
In meiner Not brachte ich die Pferde ein Stück weit vor dem Eingang zum Stehen und öffnete den Wagenschlag.
Warum — ! nein, was ist denn!
Ich dachte, Sie würden so freundlich sein hier auszusteigen. Es ist so aufgeweicht ..... die Räder .....
Sie glaubte wohl, ich wolle sie zu irgend etwas verlocken, Gott mag das wissen, sie sagte:
Herrgott, so fahren Sie doch zu!
Die Pferde zogen an, und wir hielten mitten im hellsten Licht.
Emma kam heraus und nahm Frau Falkenberg in Empfang. Die gnädige Frau gibt ihr die Decken, die sie schon vorher im Wagen zusammengelegt hatte.
Danke, sagte sie zu mir. Mein Gott, wie das Wasser an Ihnen herunterläuft!