30.

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Es war uns nicht vorgeschrieben worden, aber wir begannen nach eigenem Gutdünken nur Bäume mit vertrocknetem Gipfel zu schlagen, und der Lensmann sagte am Abend, daß es so recht sei. Übrigens würde er uns morgen selbst alles anweisen.

Ich begriff bald, daß diese Arbeit nicht bis Weihnachten dauern würde. So, wie Wetter und Erdboden jetzt waren, mit Frost in den Nächten und ohne Schneefall, schlugen wir jeden Tag eine Masse Bäume um, und es gab keine Hindernisse, die uns aufgehalten hätten. Selbst der Lensmann fand, daß wir Teufelskerle seien bei dieser Waldarbeit, hahaha. Es war leicht, bei diesem alten Mann zu arbeiten, er kam oft zu uns in den Wald und war guter Laune, und da ich ihm seinen Scherz nicht zurückzugeben pflegte, glaubte er wohl, ich sei ein langweiliger aber zuverlässiger Kerl. Er ließ mich jetzt auch Briefschaften zur Post bringen und von dort holen.

Es gab keine Kinder auf dem Hof und auch keine jungen Menschen, außer den Mädchen und dem einen Knecht. An den Abenden wurde die Zeit oft ein bißchen lang. Um mich zu zerstreuen, nahm ich Zinn und Säuren und verzinnte einige alte Töpfe in der Küche. Doch war das bald getan. So verfiel ich eines Abends darauf, folgenden Brief zu schreiben:

Ach, dürfte ich doch dort sein, wo Sie sind, dann würde ich für zwei arbeiten!

Am nächsten Tag sollte ich für den Lensmann zur Post, da nahm ich auch meinen Brief mit und sandte ihn ab. Ich war sehr unruhig, der Brief sah noch dazu ziemlich ärmlich aus, denn ich hatte das Papier vom Lensmann erhalten und mußte seinen aufgedruckten Namen auf dem Umschlag mit einem ganzen Streifen Briefmarken verkleben. Wer doch wüßte, was sie sagen wird, wenn sie den Brief bekommt. Es stand kein Name und kein Ort darin.

Dann arbeiten wir wieder im Wald, der junge Knecht und ich, reden von unseren kleinen Angelegenheiten, plagen uns ehrlich und redlich und kommen gut miteinander aus. Die Tage vergingen. Leider sah ich schon das Ende der Arbeit nahen, hatte aber noch eine kleine Hoffnung, daß der Lensmann etwas anderes für mich finden würde, wenn die Waldarbeit zu Ende wäre. Kommt Zeit, kommt Rat. Nur ungern wollte ich vor Weihnachten wieder auf die Wanderung.

Da stehe ich eines Tages wieder in der Post und bekomme einen Brief. Ich begreife nicht, daß er an mich gerichtet ist und drehe und wende ihn unschlüssig hin und her. Der Posthalter aber, der mich jetzt kennt, liest die Adresse noch einmal und sagt, daß dies mein Name sei, und daß darunter die Adresse des Lensmannes stehe. Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke, und ich greife nach dem Brief. Ja, er gehört mir, ich vergaß ..... es ist ja wahr .....

Und in meinen Ohren läuten Glocken, ich eile auf die Straße hinaus, öffne den Brief und lese:

SchreibenSie mir nicht —

Ohne Namen, ohne Ort, aber so klar und wunderbar. Das erste Wort war unterstrichen.

Ich weiß nicht, wie ich heimkam. Ich weiß nur noch, daß ich auf einem Meilenstein saß und den Brief las und ihn in die Tasche steckte, worauf ich bis zu einem anderen Meilenstein ging und wiederum dasselbe tat.SchreibenSie nicht. Aber durfte ich denn also kommen und vielleicht mit ihr sprechen? Dieser kleine hübsche Bogen Papier und diese flüchtigen, feinen Buchstaben! Ihre Hände hatten diesen Brief gehalten, er hatte unter ihren Augen gelegen, ihren Atem gefühlt. Und am Schluß war ein Gedankenstrich, der eine Welt bedeuten konnte.

Ich kam nach Hause, lieferte die Post ab und ging in den Wald. Die ganze Zeit träumte ich und betrug mich wohl ganz unbegreiflich für meinen Kameraden, der mich ein über das andere Mal einen Brief lesen und ihn wieder zwischen meinen Geldscheinen verwahren sah.

Wie schnell hatte sie mich gefunden! Sie hatte wohl den Briefumschlag gegen das Licht gehalten und den Namen des Lensmannes unter den Marken gelesen, dann hatte sie ihren herrlichen Kopf geneigt und gedacht: Er arbeitet jetzt auf Hersaet beim Lensmann .....

Als wir am Abend wieder zu Hause waren, kam der Lensmann zu uns heraus, sprach über Verschiedenes und fragte:

Haben Sie nicht gesagt, Sie hätten bei Kapitän Falkenberg auf Övrebö gearbeitet?

Ja.

Er hat eine Maschine erfunden, wie ich sehe.

Eine Maschine?

Eine Baumsäge, — steht in den Zeitungen.

Es gibt mir einen Ruck. Er hat doch wohl nichtmeineBaumsäge erfunden?

Das muß ein Irrtum sein, sage ich; denn der Kapitän hat die Säge nicht erfunden.

Nicht?

Nein. Aber die Säge ist bei ihm in Verwahrung gegeben.

Ich erzählte dem Lensmann alles. Er holte die Zeitung, und wir lesen beide: Neue Erfindung .... Unsern Mitarbeiter hingesandt ..... Die Konstruktion der Säge, die von großer Bedeutung für die Waldeigentümer werden kann ..... Die Maschine geht von folgenden .....

Sie wollen doch nicht behaupten, daß Sie die Säge erfunden haben?

Doch, so ist es.

Und der Kapitän will sie stehlen? Na, das ist ja eine schöne Geschichte, wirklich eine schöne Geschichte. Vertrauen Sie nur auf mich. Sah jemand Sie an der Erfindung arbeiten?

Ja, sämtliche Dienstleute des Kapitäns.

Gott straf mich, das ist aber doch wahrhaftig das Frechste, was ich je gehört habe, Ihre Erfindung stehlen. Und das Geld — das kann eine Million werden!

Ich mußte zugeben, daß ich den Kapitän nicht verstehe.

Aber ich verstehe ihn, nicht umsonst bin ich Lensmann. Nein, seit langem habe ich den Mann schon ein wenig im Verdacht, zum Teufel, er ist nicht so reich, wie er tut. Nun werde ich ihm einen kleinen Brief senden, einen ganz kurzen Brief, was meinen Sie dazu? Hahaha. Vertrauen Sie nur auf mich.

Jetzt aber kamen mir Bedenken, der Lensmann war zu hitzig, es konnte ja möglich sein, daß der Kapitän schuldlos war, und daß der Zeitungsmann ungenau berichtet hatte. Ich bat den Lensmann, mich selbst schreiben zu lassen.

Und dann darauf eingehen, mit dem Spitzbuben zu teilen? Niemals. Sie legen das Ganze in meine Hand. Überhaupt, wenn Sie selbst schreiben, können Sie doch die Worte nicht so setzen wie ich.

Aber ich ging ihm so lange um den Bart, bis ich den ersten Brief selbst schreiben durfte, danach sollte er eingreifen. Ich erhielt wieder einen Briefbogen von ihm.

An diesem Abend kam ich nicht zum Schreiben. Es war ein so bewegter Tag gewesen, und mein Inneres war noch in Unruhe. Ich grübelte und dachte nach. Um der gnädigen Frau willen wollte ich nicht direkt an den Kapitän schreiben und dadurch vielleicht auch ihr Unannehmlichkeiten bereiten, dagegen wollte ich meinen Kameraden Falkenberg mit einigen Worten bitten, die Maschine doch im Auge zu behalten.

Nachts hatte ich wieder Besuch von der Leiche, dieser traurigen, mit einem Hemd bekleideten Frau, die mir wegen ihres Daumennagels niemals Ruhe ließ. Gestern war ich in einer so tiefen Gemütsbewegung gewesen, heute Nacht schien ihr der rechte Zeitpunkt, zu kommen. Von Schrecken durchschauert, sehe ich sie hereingleiten, mitten im Zimmer stehenbleiben und mir die Hand entgegenstrecken. An der andern Wand, mir gerade gegenüber, lag mein Kamerad aus dem Wald in seinem Bett, und es war mir wunderbar erleichternd zu hören, wie auch er stöhnte und unruhig war, so daß wir also der Gefahr zu zweit ausgesetzt schienen. Ich schüttelte den Kopf: ich hätte den Nagel an einem friedlichen Ort begraben und könne nun nichts mehr tun. Aber die Leiche blieb immer noch stehen. Ich bat sie um Verzeihung; plötzlich aber erfaßt mich der Ärger, ich werde zornig und erkläre ihr, daß ich mich nicht mehr länger mit ihr abgeben wolle. Ich hätte mir ihren Nagel damals nur in aller Eile ausgeliehen, ihn aber bereits vor Monaten wieder begraben und damit meine Schuldigkeit getan ..... Da gleitet sie seitlich bis zu meinem Kopfkissen und versucht, hinter meinen Rücken zu kommen. Ich werfe meinen Oberkörper nach vorne und stoße einen Schrei aus.

Was ist denn? fragt der Knecht von seinem Bett her.

Ich reibe mir die Augen und antworte, daß ich nur geträumt habe.

Wer war denn eigentlich hier? fragt der Knecht.

Ich weiß nicht. War jemand da?

Ich habe jemand hinausgehen sehen .....


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