32.
Ich bin beinahe am Ziel.
Sonntag nacht schlafe ich bei einem Bauern in der Nähe von Övrebö, um am Montag morgen schon früh auf den Hof kommen zu können. Um neun Uhr mußten ja alle schon auf sein, da würde ich wohl das Glück haben, die zu treffen, die ich suchte.
Ich war sehr nervös geworden und stellte mir die schlimmsten Dinge vor: ich hatte einen anständigen Brief an Falkenberg geschrieben und keine starken Worte gebraucht, aber der Kapitän konnte sich doch an dem verfluchten Datum, an der Frist, die ich ihm gestellt hatte, stoßen. Wollte Gott, ich hätte keinen Brief geschrieben!
Als ich mich dem Hof nähere, ziehe ich den Kopf immer mehr ein und mache mich klein, obwohl ich nichts Schlimmes begangen habe. Ich weiche vom Weg ab und mache einen Bogen, um zuerst zu den Nebengebäuden zu kommen, — dort treffe ich Falkenberg. Er wäscht den Wagen. Wir begrüßen einander und sind die gleichen Kameraden wie früher.
Ob er heute ausfahren müsse?
Nein, er sei eben erst gestern abend heimgekommen. Sei auf der Bahnstation gewesen.
Wer ist denn abgereist?
Die gnädige Frau.
Die gnädige Frau?
Die gnädige Frau, ja.
Pause.
So? Wo ist sie denn hingereist?
In die Stadt.
Pause.
Es ist einmal ein fremder Mann hier gewesen und hat dann etwas von einer Maschine in die Zeitung geschrieben, sagt Falkenberg.
Ist der Kapitän auch verreist?
Nein, der Kapitän ist zu Hause. Er rümpfte die Nase, als dein Brief kam.
Ich veranlaßte Falkenberg, mit mir in unsere alte Dachkammer zu gehen, ich hatte immer noch zwei Flaschen Wein im Sack, die ich jetzt hervorholte. Holla, diese Flaschen, die ich Meile auf Meile hin und zurück geschleppt hatte und so vorsichtig hatte tragen müssen, jetzt brachten sie ihren Nutzen. Ohne sie hätte Falkenberg nicht so viel gesagt.
Warum verzog der Kapitän wegen meines Briefes das Gesicht? Bekam er ihn zu sehen?
Das ging so zu, sagt Falkenberg: Die gnädige Frau stand in der Küche, als ich mit der Post kam. Was ist das für ein Brief mit den vielen Marken? fragte sie. Ich öffnete ihn und sagte, daß er von dir sei, und daß du am elften kommen wolltest.
Was sagte sie da?
Weiter nichts. Am elften kommt er? fragte sie nur noch einmal. Ja, am elften, antwortete ich.
Und ein paar Tage später wurde dir befohlen, sie zur Bahnstation zu fahren?
Ja, das war wohl einige Tage später. Da dachte ich: wenn die gnädige Frau von dem Brief weiß, wird ja wohl auch der Kapitän davon wissen. Weißt du, was er sagte, als ich damit zu ihm kam?
Ich antwortete nicht darauf, sondern dachte und dachte. Hier steckte vielleicht etwas dahinter. War sie vor mir geflohen? Ich war verrückt, die Frau des Kapitäns auf Övrebö floh doch nicht vor einem ihrer Arbeitsleute. Aber alles sah so sonderbar für mich aus. Ich hatte die Hoffnung gehegt, mit ihr sprechen zu dürfen, da mir verboten wurde zu schreiben.
Falkenberg fährt ein wenig gedrückt fort:
Ich zeigte also dem Kapitän den Brief, obwohl du das nicht verlangt hattest. Hätte ich es nicht tun sollen?
Doch, es ist gleich. Was sagte er dazu?
Ja, paß nur recht gut auf die Maschine auf, sagte er und verzog das Gesicht. Damit keiner kommt und sie mitnimmt, sagte er.
Ist der Kapitän jetzt böse auf mich?
Nein nein. Das kann ich mir nicht denken. Ich habe seitdem nichts mehr davon gehört.
Das mit dem Kapitän konnte ja auch gleich sein. Als Falkenberg etlichen Wein getrunken hat, frage ich ihn, ob er die Adresse der gnädigen Frau in der Stadt wisse. Nein, aber Emma weiß sie vielleicht. Wir holen Emma, geben ihr Wein, reden über alles mögliche, nähern uns der Sache und fragen schließlich auf ganz feine Art. Nein, Emma wußte die Adresse nicht. Die gnädige Frau wollte Weihnachtseinkäufe machen und reiste zusammen mit Fräulein Elisabet vom Pfarrhof. Dort wußte man sicher die Adresse. Was wollte ich übrigens damit?
Ich hätte eine alte Filigranbrosche erstanden, und wollte sie fragen, ob sie mir die Brosche abkaufen wolle.
Zeig’ her.
Glücklicherweise konnte ich Emma die Brosche zeigen, sie war alt und sehr schön, ich hatte sie einem der Mädchen auf Hersaet abgekauft.
Die will die gnädige Frau doch nicht haben, sagte Emma. Und ich erst recht nicht.
O ja, wenn du mich dreinbekämst, Emma, sage ich und zwinge mich zum Scherzen.
Emma geht. Wieder horche ich Falkenberg aus. Falkenberg hatte eine gute Nase, er verstand sich bisweilen auf die Menschen.
Ob er der gnädigen Frau noch vorsinge?
O nein. Und Falkenberg bereute schon, daß er sich hier gebunden hatte; es schien, als solle es hier nun immer mehr und mehr Kummer und Tränen geben.
Kummer und Tränen? Waren der Kapitän und seine Frau nicht gut Freund miteinander?
Doch, zum Teufel, sie waren gute Freunde. Genau wie früher. Am letzten Samstag weinte sie den ganzen Tag.
Wer hätte geglaubt, daß es so kommen würde, sie sind doch gewiß rücksichtsvoll und rechtschaffen gegeneinander, sage ich und laure auf seine Antwort.
Aber sie haben sich so dick, sagt Falkenberg in seinem Valdresschen Dialekt. Sie hat auch schon sehr verloren, in der kurzen Zeit, seit du fort warst, ganz bleich und mager ist sie geworden.
Mehrere Stunden lang saß ich in unserer Dachstube und behielt das Hauptgebäude von meinem Fenster aus im Auge, aber der Kapitän zeigte sich nicht. Warum kam er nicht heraus? Es war aussichtslos, noch länger zu warten, ich mußte fort, ohne mich beim Kapitän entschuldigt zu haben. Ich hätte freilich gute Gründe zu meiner Verteidigung vorbringen können, hätte alles auf den ersten Artikel in der Zeitung schieben können, der mich ein wenig größenwahnsinnig gemacht habe, was ja auch richtig war. Jetzt konnte ich nichts anderes tun, als meine Maschine zusammenpacken, sie so gut als möglich mit meinem Sack zu verdecken und mich auf die Wanderschaft begeben.
Emma war in der Küche und stahl etwas Essen für mich, ehe ich fortging.
Wieder hatte ich einen langen Marsch vor mir. Zuerst mußte ich zum Pfarrhof, der im übrigen beinahe an meinem Weg lag. Und von dort aus zur Bahnstation. Es fiel ein wenig Schnee, der das Gehen erschwerte, und ich konnte mir nicht Zeit lassen, wie ich wollte, sondern mußte aus allen Kräften marschieren: die Damen in der Stadt wollten nur Weihnachtseinkäufe machen, und sie hatten bereits einen guten Vorsprung.
Am folgenden Nachmittag kam ich auf den Pfarrhof. Ich hatte mir ausgedacht, daß es am besten sei, wenn ich mit der Frau Pfarrer sprechen könnte.
Ich bin auf dem Wege zur Stadt, sagte ich zu ihr, und schleppe eine Maschine mit, darf ich die schwersten Holzteile hier einstellen?
Du willst in die Stadt? fragt die Pfarrerin. Aber du wirst doch wohl bis morgen bei uns bleiben?
Nein, vielen Dank, ich muß morgen in der Stadt sein.
Die Frau Pfarrer denkt nach und sagt:
Elisabet ist in der Stadt. Du könntest ein Paket für sie mitnehmen, sie hat etwas vergessen.
Jetzt erfahre ich die Adresse! dachte ich.
Aber ich muß es erst herrichten.
Dann könnte Fräulein Elisabet aber schließlich abreisen, ehe ich hinkomme.
Nein nein, sie ist mit Frau Falkenberg gereist, sie bleiben eine ganze Woche dort.
Das war eine erfreuliche Nachricht, eine herrliche Nachricht. Jetzt wußte ich sowohl die Adresse wie die Zeit.
Die gnädige Frau sieht mich von der Seite an und sagt:
Dann bleibst du wohl hier über Nacht? Ja, denn ich muß wirklich erst alles herrichten .....
Ich bekam ein Zimmer im Hauptgebäude, denn es war zu kalt, um auf dem Heu zu schlafen, und als am Abend alles zu Bett gegangen und das ganze Haus still war, kam die gnädige Frau mit dem Paket zu mir und sagte:
Entschuldige, daß ich jetzt komme. Aber du gehst morgen wohl so früh fort, daß ich noch nicht auf bin.