33.
Dann stehe ich wieder mitten im Lärm und Gedränge der Stadt, zwischen Zeitungen und Menschen, und da seit meinem letzten Hiersein viele Monate vergangen sind, ist es mir gar nicht so unangenehm. Ich schlendere einen Vormittag umher, kaufe mir neue Kleider und begebe mich zu Fräulein Elisabet. Sie wohnte bei ihren Verwandten.
Würde ich nun so glücklich sein, auch die andere zu treffen? Ich bin unruhig wie ein Knabe. Da ich an Handschuhe gar nicht mehr gewöhnt bin, ziehe ich sie aus; als ich aber die Treppe hinaufsteige, sehe ich, daß meine Hände nicht zu den Kleidern passen, und so ziehe ich die Handschuhe wieder an. Dann läute ich.
Fräulein Elisabet? Ja, wollen Sie bitte ein wenig warten.
Fräulein Elisabet kommt. Guten Tag? Haben Sie nach mir .....? Nein, Sie sind es.
Ich hätte ein Paket von ihrer Mutter abzugeben. Hier, bitte schön.
Sie reißt die Hüllen herunter und sieht, was es ist. Nein, Mama ist großartig! Das Opernglas. Wir sind schon im Theater gewesen ..... Ich habe Sie nicht sofort erkannt.
So. Aber es ist doch noch nicht so lange her.
Nein, aber ..... Sagen Sie mir, Sie wollen sicher gerne nach jemand anderem fragen? Hahaha.
Ja, sagte ich.
Sie wohnt nicht hier. Nur ich wohne hier, bei Verwandten. Sie ist im Hotel Viktoria.
Na, das Paket war ja auch für Sie, sagte ich und versuchte meiner Enttäuschung Herr zu werden.
Warten Sie ein wenig, ich will gerade in die Stadt, da können wir zusammen gehen.
Fräulein Elisabet macht sich fertig, verabschiedet sich durch die Türe und geht mit mir fort. Wir nehmen einen Wagen und fahren in ein stilles Café. Fräulein Elisabet findet es so lustig, ins Café zu gehen. Aber dieses hier sei nicht lustig.
Ob sie lieber in ein anderes wolle?
Ja. Ins Grand.
Ich fürchtete, daß ich dort erkannt werden könnte, ich war lange fortgewesen und mußte vielleicht Bekannte begrüßen. Aber das Fräulein verlangt das Grand. Der kurze Aufenthalt in der Stadt hatte sie schon ganz sicher gemacht. Früher aber hatte ich sie sehr gerne gehabt.
Wir fahren wieder fort und kommen zum Grand. Es geht gegen Abend. Das junge Mädchen setzt sich mitten ins hellste Licht und strahlt selbst vor lauter Vergnügen. Ich lasse Wein bringen.
Nein, wie fein Sie geworden sind, sagt sie und lacht.
Ich könnte hier ja nicht mit der Arbeitsbluse gehen.
Nein, natürlich. Aber offen gestanden, die Bluse ..... Darf ich sagen, was ich meine?
Ja, bitte.
Die Bluse kleidete Sie besser.
Was Sie sagen! Der Teufel hole diese Stadtkleider! — Ich saß da vor ihr, und mir brannten andere Dinge im Kopf, es lag mir nichts an diesem Gespräch.
Bleiben Sie lange in der Stadt? frage ich.
Solange Louise bleibt, mit den Einkäufen sind wir fertig. Nein, leider dauert es zu kurz ..... Dann wird sie wieder aufgeräumt und fragt lachend: Hat es Ihnen bei uns auf dem Land gefallen?
Ja, das war eine schöne Zeit.
Kommen Sie bald wieder? Hahaha.
Sie trieb sicher nur ihren Scherz mit mir. Sie wollte wohl zeigen, daß sie mich durchschaut hatte, daß die Rolle, die ich auf dem Lande gespielt hatte, nicht so ganz echt gewesen war. Das Kind! — ich könnte jeden Arbeiter anleiten und bin in vielen Dingen Fachmann! In meinem eigentlichen Lebensberuf aber bleibe ich immer hinter dem zurück, was ich mir erträume.
Soll ich Papa bitten, im Frühjahr an dem Pfosten anzuschlagen, daß Sie alle Arten von Wasserleitungsanlagen übernehmen?
Sie schloß die Augen und lachte; sie lachte so herzlich.
Ich bin vor Spannung ganz zerrissen und leide unter diesen Scherzen, obwohl sie so gutmütig sind. Ich blicke im Café umher, um mich zu sammeln, da und dort wird ein Hut gezogen, und ich antworte und sehe alles wie aus weiter Entfernung. Die reizende Dame, mit der ich hier saß, machte alle auf uns aufmerksam.
Sie kennen also diese Leute, die Sie da grüßen?
Ja, einige .... Haben Sie es hier in der Stadt nett gehabt?
Großartig. Ich habe zwei Vettern hier, und diese haben ihre Kameraden.
Der arme Erik daheim! sage ich im Scherz.
Ach Sie mit Ihrem Erik. Nein, hier gibt es einen, der heißt Bewer. Aber zurzeit stehe ich mit ihm auf Kriegsfuß.
Das geht schon wieder vorbei.
Glauben Sie? Übrigens ist es ziemlich ernstlich. Passen Sie auf, ich erwarte eigentlich jeden Augenblick, daß er herkommt.
Dann müssen Sie ihn mir zeigen.
Als wir hierher fuhren, dachte ich mir aus, daß wir beide hier sitzen und ihn eifersüchtig machen könnten.
Ja, das wollen wir tun.
Ja, aber —. Aber da müßten Sie doch ein wenig jünger sein. Ich meine —
Ich zwinge mich zum Lachen. Oh, wir würden es schon schaffen. Verachten Sie uns Alten nicht, uns Uralten, wir können ganz unvergleichlich sein. Machen Sie mir nur auf dem Sofa Platz, damit er meinen Mond nicht sieht.
Oh, wie schwer ist es doch, den schicksalsschwangeren Übergang zum Alter auf eine schöne und stille Art zu finden. Eine gewisse Krampfhaftigkeit tritt ein, ein Zucken und Zappeln, Grimassen, der Kampf mit den Jüngeren, der Neid.
Hören Sie, gnädiges Fräulein, sagte ich und bitte sie von ganzem Herzen: Können Sie nicht telephonieren und Frau Falkenberg hierher kommen lassen?
Sie denkt nach.
Doch, das wollen wir tun, erwidert sie und ist barmherzig.
Wir gehen ans Telephon, rufen das Hotel Viktoria an und lassen Frau Falkenberg ans Telephon bitten.
Bist du es, Louise? Du solltest nur wissen, mit wem ich hier bin, kannst du kommen? Das ist schön. Wir sind im Grand. Das darf ich nicht sagen. Doch, freilich ist es ein Mann, aber jetzt ist er ein Herr, mehr sage ich nicht. Kommst du also? Nun, was gibt es da lang zu überlegen? Verwandte? Ja ja, du mußt tun, wie du meinst, aber —. Doch, er steht hier bei mir. Du hast es aber eilig! Also leb wohl.
Fräulein Elisabet läutete ab und sagte kurz:
Sie muß zu Verwandten.
Wir setzen uns wieder an unseren Tisch. Es kommt mehr Wein, ich versuche lustig zu sein und schlage Champagner vor. Ja, danke. Wie wir gerade am gemütlichsten beisammen sitzen, sagt die junge Dame:
Da ist Bewer. Das ist jetzt wirklich ausgezeichnet, daß wir Champagner haben.
Ich bin nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, und als ich nun meine Kunst zeigen und das gnädige Fräulein zum Vorteil eines anderen betören soll, sage ich das Eine, denke aber dabei an etwas ganz anderes. Da muß es ja verkehrt gehen.
Ich kann das Telephongespräch nicht aus dem Kopf bringen: sicher hat sie den Zusammenhang geahnt und wußte, daß ich es war, der auf sie wartete. Was hatte ich aber nur verbrochen? Warum in aller Welt hatte ich denn auf Övrebö so rasch meinen Abschied bekommen, warum war Falkenberg für mich eingestellt worden? Der Kapitän und seine Frau waren zwar vielleicht nicht immer die besten Freunde, aber er hatte wohl doch eine Gefahr in mir geahnt und seine Frau vor einem lächerlichen Fall bewahren wollen. Und da schämte sie sich jetzt hier, weil ich auf ihrem Hof bedienstet gewesen war, ihren Kutscher hatte machen müssen, und weil sie zweimal den Proviant mit mir geteilt hatte. Und sie schämte sich meines gesetzten Alters .....
Nein, so geht es nicht, meint Fräulein Elisabet.
Da gebe ich mir also wieder Mühe und sage allerlei närrisches Zeug, bis sie lachen muß, trinke viel und werde waghalsiger und erfinderisch. Schließlich scheint das Fräulein zu glauben, daß ich wirklich auf eigene Rechnung arbeite. Sie sieht mich an.
Ist das wahr, finden Sie wirklich, daß ich hübsch bin?
Hören Sie doch, seien Sie lieb ..... Ich spreche ja von Frau Falkenberg.
Still! antwortet Fräulein Elisabet. Natürlich, meinen Sie Frau Falkenberg, das wußte ich die ganze Zeit, aber warum müssen Sie mir das sagen? Ich glaube jetzt, daß es auf den dort drüben zu wirken beginnt. Wir müssen fortfahren, unser Interesse darf nicht nachlassen.
Also glaubte sie nicht, daß ich auf eigene Rechnung arbeite. Ich war zu allem zu alt, zum Teufel!
Aber Frau Falkenberg können Sie doch nicht bekommen, fängt sie wieder an. Das ist hoffnungslos.
Nein, ich kann sie nicht bekommen. Und Sie kann ich auch nicht bekommen.
Sprechen Sie jetzt auch zu Frau Falkenberg?
Nein, jetzt rede ich mit Ihnen.
Pause.
Wissen Sie, daß ich einmal in Sie verliebt gewesen bin? Doch. Bei uns daheim noch.
Jetzt wird die Sache lustig, sage ich und rücke auf dem Sofa vor. Ja, jetzt wollen wir Bewer ganz knicken.
Ja, denken Sie sich, ich ging an den Abenden auf den Friedhof hinauf, um Sie dort zu treffen. Aber Sie dummer Mensch verstanden gar nichts davon.
Jetzt sprechen Sie gewiß mit Bewer, werfe ich ein.
Nein, es ist wirklich wahr, was ich da sage. Und einmal kam ich zu Ihnen auf den Acker hinaus. Ich kam nicht wegen Ihres Erik, wie Sie glaubten.
Nein, so etwas, zu mir! sage ich und stelle mich wehmütig.
Ja, Sie finden das wohl sonderbar? Aber Sie müssen bedenken, wir auf dem Land brauchen auch jemand, den wir gerne haben können.
Sagt das Frau Falkenberg auch?
Frau Falkenberg — nein, sie sagt, daß sie keinen Menschen gern haben will, sie will nur auf ihrem Flügel spielen und so. Ich rede von mir. Nein, wissen Sie, was ich einmal tat? Aber ob ich das sagen soll? Wollen Sie es hören?
Ja, gerne.
Ja, denn Ihnen gegenüber bin ich doch noch ein kleines Mädchen, da macht es nichts: Als Sie damals bei uns auf dem Heu schliefen, schlich ich mich einmal in die Scheune und machte aus ihren Decken ein Bett für Sie zurecht.
So, Sie waren das! sage ich aufrichtig und falle aus der Rolle.
Sie hätten nur sehen sollen, wie ich mich einschlich, hahaha.
Doch das junge Mädchen war noch nicht gerissen genug, sie wechselte bei ihrem kleinen Bekenntnis die Farbe und lachte gezwungen, um darüber hinwegzukommen.
Ich will ihr helfen und sage:
Sie sind ja ein großartiges Menschenkind. So etwas hätte Frau Falkenberg nicht fertig gebracht.
Nein, aber sie ist auch älter. Sie glaubten vielleicht, daß wir gleichaltrig seien?
Sagt Frau Falkenberg, daß sie sich in keinen Menschen verliebenwill?
Ja. Uff, nein übrigens, ich weiß es nicht. Frau Falkenberg ist doch verheiratet, das wissen Sie doch, sie sagt gar nichts. Reden Sie jetzt wieder ein bißchen mit mir ..... Ach, und dann mußten wir doch einmal zusammen zum Landhändler gehen, erinnern Sie sich? Ich ging immer langsamer und langsamer, damit Sie mich einholen könnten .....
Ja, das war hübsch von Ihnen. Und jetzt will ich Ihnen dafür auch eine Freude machen.
Ich stehe auf, gehe zu dem jungen Bewer hinüber und frage ihn, ob er nicht ein Glas mit uns, an unserem Tisch, trinken will. Er kommt mit; Fräulein Elisabet wird bei seinem Kommen puterrot. Dann bringe ich die beiden jungen Leute in ein lebhaftes Gespräch und dann fällt mir ein, daß ich noch etwas zu besorgen habe und sie verlassen müsse —: so schwer es mir fällt, meine Herrschaften, Sie, Fräulein Elisabet, haben mich freilich ganz verhext, aber ich sehe ein, daß ich Sie doch nicht bekomme. Es ist mir allerdings ein Rätsel .....