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Wir kamen an einem Samstag auf den Pfarrhof. Grindhusen hatte mich nach vielen Zweifeln endlich als Helfer mitgenommen, ich hatte Proviant und Arbeitskleider gekauft und stand jetzt in Bluse und Schaftstiefeln an Ort und Stelle. Ich war frei und unbekannt und bemühte mich mit langen schweren Schritten zu gehen, — Gesicht und Hände hatten schon vorher etwas Proletarierhaftes gehabt. Wir sollten auf dem Pfarrhof wohnen; das Essen konnten wir uns im Brauhaus kochen.

Dann begannen wir zu graben.

Ich tat meine Arbeit, und Grindhusen war mit mir zufrieden. Du bist gewiß noch ein ganzer Kerl zur Arbeit, sagte er.

Nach einiger Zeit kam der Pfarrer zu uns heraus, und wir grüßten. Es war ein älterer, milder Mann, der eine bedächtige Rede führte; um die Augen hatte er einen Fächer von Falten wie von tausend gütigen Lächeln. Er bat um Entschuldigung, die Hühner seien so schlimm und kämen jedes Jahr in den Garten, ob wir nicht erst etwas an der Gartenmauer dort in Ordnung bringen könnten?

Grindhusen antwortete: Freilich, da könne schon geholfen werden.

Wir gingen hinauf und setzten die eingefallene Gartenmauer instand, und während wir damit beschäftigt waren, kam eine junge Dame heraus und sah uns zu. Wir grüßten wieder, und ich fand sie wunderschön. Auch ein halb erwachsener Junge kam heraus, sah zu und stellte seine vielen Fragen. Die beiden waren wohl Geschwister. Die Arbeit ging so leicht, während die jungen Leute dastanden und zusahen.

Dann wurde es Abend. Grindhusen ging heim, ich blieb hier. Nachts lag ich auf dem Heu in der Scheune.

Am nächsten Morgen war Sonntag. Ich wagte nicht meine Stadtkleider anzuziehen, da sie vielleicht zu fein für mich ausgesehen hätten, sondern putzte meinen Anzug von gestern gut aus und trieb mich an dem milden Sonntagmorgen auf dem Pfarrhof umher. Ich sprach mit den Knechten und scherzte gleich ihnen mit einigen der Mädchen; als die Kirchenglocken zu läuten begannen, ließ ich um ein Psalmenbuch bitten. Der Sohn des Pfarrers brachte mir eines. Von dem größten der Knechte lieh ich mir eine Jacke, sie war zwar etwas knapp, wenn ich aber die Bluse und die Weste auszog, paßte sie ganz gut. Dann ging ich in die Kirche.

Die innere Ruhe, die ich mir bei meinem Aufenthalt auf der Insel erarbeitet hatte, erwies sich noch als ungenügend; als die Orgel zu brausen begann, wurde ich aus meinem Gleichgewicht geworfen und war nahe daran zu schluchzen. Halt dein Maul, das ist nur Neurasthenie! sagte ich zu mir selbst. Ich hatte mich ziemlich abseits gesetzt und verbarg meine Rührung so gut wie möglich. Sehr froh war ich, als der Gottesdienst zu Ende war.

Nachdem ich mein Fleisch gekocht und Mittag gemacht hatte, wurde ich in die Küche zum Kaffee eingeladen. Während ich dort saß, kam das junge Fräulein von gestern herein, ich stand auf und grüßte, und sie dankte. Sie war so nett, weil sie jung war, und sie hatte hübsche Hände. Als ich gehen wollte, vergaß ich mich und sagte:

Tausend Dank für Ihre Liebenswürdigkeit, schöne Dame!

Erstaunt sah sie mich an, runzelte die Stirne und wurde nach und nach glühend rot. Dann gab sie sich einen Ruck und verließ die Küche. Sie war so jung.

Nun, das hatte ich gut gemacht!

Mißmutig schlich ich in den Wald hinauf und versteckte mich. Warum hatte ich naseweiser Tor nicht geschwiegen! Ich banaler Schwätzer!

Die Häuser des Pfarrhofes lagen an einem kleinen Hang, von dessen Höhe aus sich eine Hochfläche mit Wäldern und Rodungen ins Land hinein erstreckte. Mir kam der Gedanke, daß der Brunnen eigentlich hier oben gegraben und eine Leitung zu den Häusern von hier aus hinuntergelegt werden müßte. Ich schätze die Höhe ab und bin überzeugt, daß das Gefälle ausreicht; auf dem Heimweg schreite ich die ungefähre Länge ab, es sind dreieinhalbhundert Fuß.

Aber was ging mich der Brunnen an! Daß ich nur nicht plötzlich wieder den Fehler mache, gebildet zu sein, Beleidigungen zu sagen und mich über meinen Stand zu erheben!


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