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Alles hätte jetzt gut gehen können, wenn das junge Fräulein nicht gewesen wäre. Mit jedem Tag wurde ich verliebter in sie. Sie hieß Elischeba, Elisabet. Sie war vielleicht keine besondere Schönheit, aber sie hatte einen roten Mund und einen blauen Jungmädchenblick, der sie schön machte. Elischeba, Elisabet, du bist gerade im ersten Morgendämmern, und deine Augen haben die Welt erspäht. Als du eines Abends mit Jung-Erik vom Nachbarhof sprachst, waren deine Augen von Reife und Zärtlichkeit erfüllt ....

Grindhusen aber hatte es leicht. In jungen Tagen war er wie ein Wolf hinter den Mädchen her gewesen, und noch jetzt ging er umher, blähte sich aus alter Gewohnheit auf und trug den Hut schief. Aber er war ganz zahm und still geworden, wie das auch zu erwarten war; das war der Lauf der Natur. Doch nicht alle folgten dem Lauf der Natur und wurden zahm, wie würde das mit diesen enden? Und da war die kleine Elisabet, die übrigens nicht klein war, — sie hatte die Größe ihrer Mutter. Und auch die gewölbte Brust ihrer Mutter ....

Seit dem ersten Sonntag war ich nicht mehr zum Kaffee in die Küche eingeladen worden, und das war mir auch recht so, und ich trug selbst dazu bei. Noch war ich beschämt. Endlich aber kam eines der Mädchen mitten in der Woche mit dem Bescheid zu mir, ich solle nicht jeden Sonntagnachmittag in den Wald gehen, sondern zum Kaffee kommen. Die gnädige Frau wünsche es so.

Gut.

Sollte ich meine Staatskleider anziehen? Es konnte vielleicht nicht schaden, wenn das junge Mädchen eine kleine Ahnung davon bekam, daß ich aus eigenem Antrieb dem Stadtleben entsagt hatte und mir das Aussehen eines Knechtes gab, daß ich aber im Grunde ein technisches Talent sei und Wasserleitungen anlegen könne. Als ich aber angezogen war, hatte ich selbst das Gefühl, daß der Arbeitsanzug besser zu mir passe. Da zog ich die Staatskleider wieder aus und packte sie in mein Bündel.

Wer mich aber in der Küche empfing, das war tatsächlich nicht das Fräulein, sondern die gnädige Frau. Sie unterhielt sich lange mit mir und hatte unter meine Kaffeetasse ein weißes Tuch gelegt.

Das Kunststück mit dem Ei kommt uns schön teuer, sagte sie und lachte gutmütig. Der Junge hat jetzt schon ein halbes Dutzend Eier vertan.

Mit dem Kunststück verhielt es sich so: ich hatte Harald gelehrt, ein abgeschältes hartes Ei durch den Hals einer Karaffe zu treiben, indem man die Luft in der Karaffe verdünnte. Das waren ungefähr meine einzigen physikalischen Kenntnisse.

Aber das Experiment mit dem Stock, der in zwei Papierschlingen hängt und abgeknickt wird, ist besonders lehrreich, sagte die gnädige Frau weiter. Ich verstehe nicht viel von diesen Dingen, aber .... Wann wird der Brunnen fertig?

Der Brunnen ist fertig. Wir fangen morgen mit dem Graben an.

Wie lange wird das dauern?

Eine Woche. Dann kann der Rohrleger kommen.

Nein wirklich!

Ich bedankte mich und ging hinaus. Die gnädige Frau hatte eine Gewohnheit, die sie sicherlich aus früheren Jahren noch behalten hatte: sie sah einen hie und da von der Seite an, obwohl das, was sie sagte, durchaus nicht hinterhältig war ....

Nun gilbte da und dort ein Blatt im Wald, und Luft und Erde rochen herbstlich. Nur die Pilze standen noch zahlreich in den Wäldern, überall schossen sie auf und wuchsen schön und dick auf runden Stielen. Steinpilze gab es und Champignons und Reizker. Hie und da zeigte auch ein Fliegenschwamm seinen gesprenkelten Hut und stand in leuchtend roter Farbe da. Ein merkwürdiger Schwamm! Er wächst auf dem gleichen Boden wie die eßbaren Schwämme, nährt sich von der gleichen Erde und empfängt gleichermaßen Sonne und Regen vom Himmel herab, er ist fett und fest und schmeckt gut — nur daß er voll frechen Muscarins ist. Ich wollte einmal ein altes herrliches Märchen vom Fliegenschwamm erfinden und sagen, ich hätte es in einem Buch gelesen.

Immer habe ich mit Interesse den Kampf ums Dasein aller Blumen und Insekten beobachtet. Wenn die Sonne warm war, erwachten sie wieder zum Leben und gaben sich einige Stunden lang der alten Freude hin; die großen, kräftigen Fliegen waren genau so lebendig wie mitten im Sommer. Es gab hier eine eigene Art von Erdflöhen, die ich vorher noch nicht gesehen hatte. Sie waren klein und gelb, nicht größer als ein Komma in Petitschrift, aber sie hüpften viel tausendmal weiter als sie selbst spannen konnten. Welch ungeheure Kräfte hatte doch so ein kleines Geschöpf im Verhältnis zu seiner Größe! Hier läuft eine kleine Spinne mit einem Hinterteil, das wie eine hellgelbe Perle aussieht. Diese Perle ist so schwer, daß das Tier mit dem Rücken nach unten an den Halmen emporklettern muß. Wenn es auf Hindernisse stößt, über die es die Perle nicht hinüberziehen kann, läßt es sich einfach hinunterfallen und beginnt an einem neuen Halm. Eine solche Perlen-Spinne ist keine Spinne und damit Punktum. Wenn ich ihr ein Laubblatt hinhalte, um ihr zu festem Boden zu verhelfen, tastet sie eine Weile das Blatt ab und findet dann: Nein, da stimmt etwas nicht. Worauf sie vor einer solchen Fallgrube, wie sie in diesem Boden vermutet, rücklings zurückweicht ....

Ich höre, daß im Wald unten mein Name gerufen wird. Harald ist es, er will seine Sonntagsschule mit mir halten. Er hat mir etwas von Pontoppidan zu lernen aufgegeben und will mich jetzt überhören. Es rührt mich, die Religion wieder so verkündigt zu hören, wie ich sie selbst in meiner eigenen Kindheit verkündet haben würde.


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