III.Entwischt.

Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton endlich erschöpft und ziemlich ermüdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon um fünf Uhr angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute sollte er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht lässig finden.

Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich dort draußen, des Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner des Zimmers mußten auf sein – sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein,mein lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still vor sich hin, »da wir Sie so hübsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns nicht wieder durch die Finger schlüpfen.«

In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat in seine Stube zurück, ließ aber die Thür angelehnt. Er horchte – aber er konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar Stühle wurden gerückt und Schiebladen ziemlich geräuschvoll auf- und zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar vielleicht gezankt?

Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.

»Walk in.«

Die Thür öffnete sich.

»Do you speak english?« lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet sein, denn die Dame erwiderte gleich darauf heftig:

»So send somebody with whom I can speak.«

Der Kellner – Hamilton sah durch die Thürspalte, es war ein ganz junger Bursch, der augenscheinlichgar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte – eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle Wetter, wo stak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?«

Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit haben – aber seine Stiefeln standen noch vor der Thür. War er vielleicht krank geworden?

Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf seinem Posten fand.

»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder abreisen wird?«

»Auf Nr. 7?«

»Graf Kornikoff, glaube ich –«

»Ah – ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute Abend wieder kommen.«

»Wiederkommen?«

»Ja – er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem Taunusgebirg gefahren.«

»The devil he is,« murmelte Hamilton leise und verblüfft vor sich hin, »und hat er Gepäck mitgenommen?« frug er laut.

»Nur eine Reisetasche – die Dame ist ja noch hier.«

»Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Natürlich – ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.«

»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?«

»Ich? –nie,« lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon vollständig angekleidet und seiner wartend traf.

»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem entgegen, »richtig durchgebrannt. ErmußSie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist mit allen Hunden gehetzt.«

»Und was jetzt?«

»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat, wird zurück sein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet sich dann die weitere Spur.«

»Mitder Donna?«

»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich jetzt Ihnen. Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung – jedenfalls den Schmuck. – Hier ist der Verhaftsbefehl fürKornik und seine Begleiterin – mir kann er doch nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgestellt, nur für das hiesige Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Länder sein kann.

»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, aber es – wäre doch eine ganz fatale Geschichte,wennwir es nicht mit den rechten Leuten zu thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte Hamilton. »Daß ich Ihnen aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälschten Kornik herausschäle, darauf können Sie sich fest verlassen, und dies junge, wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, hätte sich dem Lump auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch einVerbrechenmit einander verbunden gewesen wären. Nein, die einzige Sorge, die ich habe, ist die, daßIhnendie junge Dame einmal ebenso eines Morgensunter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich ihn nicht wieder bekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich Hoffnung – ichkenneden Herrn jetzt, denn ich habe ihn mirgenauangesehen und wenn er sich wirklich auch den schwarzen Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«

»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich, aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London in Verbindung stände, passen sie auf wie die Heftelmacher.«

»Und sie wollen dem Kornik nach?«

»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich ungesäumt.«

»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«

»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft leisten, wenn es verlangt werden sollte. Aufdem Gerichte finden Sie auch Jemand, der englisch spricht.«

»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge Burton zwischen den Zähnen, »daß uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten Zeit in den Weg laufen mußte.«

»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit entschiednere Hamilton – »wir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ichmeineHälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.«

»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen hat?«

»Gar kein Zweifel – aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post. Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr von der Donna zu hören bekommen.«

Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.

»Ach, Oberkellner, meine Rechnung – ich reise ab.«

»Zu Befehl, mein Herr –«

»Apropos, was war denn das heute Morgen fürein Lärm auf Nr. 7? Meine schöne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.«

Der Oberkellner lächelte.

»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die Dame scheint eifersüchtig zu sein.«

»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre,« sagte Mr. Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.

»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden Sie jetzt herausbekommen. Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther wird.«

»Und wenn sie sich weigert? – wenn sie sich auf ihren Rang, vielleicht sogar auf einen, wer weiß wie erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden sie in Schutz nehmen.«

»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja das Duplicat unserer englischen Vollmachten mit der Personalbeschreibung der beiden Verbrecher in Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig gemacht und das wenigste, was man Ihnen zugestehen kann, ist eine Durchsuchung der Effecten im Beisein eines Polizeibeamten, und dann die Detenirung der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie dieselbe meinetwegen – natürlich unter polizeilicher Aufsicht – so lange hier im Hotel lassen.«

»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,« sagte Mr. Burton, mit dem Kopf schüttelnd.

»Unangenehm,by George,« lachte Hamilton – »bedenken Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den Patron selber. Verlassen Sie nur die Stadt nicht« – und mit den Worten rasch zu dem kleinen Stehpult tretend, hinter welchem sich der Oberkellner befand, berichtigte er seine Rechnung und sprang gleich darauf draußen in eine Droschke, um seine Verfolgung anzutreten.

Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz plötzlich dieLeitungeiner Angelegenheit bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und vielleicht als Kläger aufzutreten.

James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig zuhandeln; er verhielt sich am liebsten passiv.

In einer der ersten bürgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifelan seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte. Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, gegen eineFraueinzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. Nur daßihmdazu der Auftrag geworden, war ihm fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb des Geldesmußtesie ja wissen, sie wäre sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht hörte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und ab – denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge – und horchte verschiedene Male oben an der Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete, brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung zu sich, und als es endlich auf sämmtlichen Frankfurter Uhren – was bekanntlich eine lange Zeit dauert – zwölf geschlagen hatte, faßte er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben könne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohlGrobheitnennt.

Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre Morgentoilette zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seinerVerbrechenzu werden. Dabei überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten, sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, wassiewußte. Volle Aufrichtigkeit konnteallein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und durchihrGeständniß bekamen sie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief. – Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden würde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde. Er ließ sich eben nicht verblüffen.

Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an – aber doch nicht zu laut. »Walk in,« hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.

Mitten in der Stube stand die junge Fremde – nicht etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung zitternder Stimme:

»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr – Ihr Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.«

»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich – ich begreife nicht recht – ich gestehe, daß ich – Sie entschuldigen vor allen Dingen meinen Besuch.«

»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringenließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen – doch ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich rasch – »Sie sind da – ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen,IhreAngelegenheit. Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu mir hergeführt – und bitte, nehmen Sie Platz – oh verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe stehen lassen.«

Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte erdemWesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, daß er hierher gekommen sei, um sie desDiebstahlszu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des Anfangs zu finden.

Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchternblickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht, wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.

Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer Stimme.

»Madam – Sie – Sie müssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer Frage belästige, die – die eigentlich Ihren – Ihren Herrn Gemahl betrifft – dem auch – dem auch vorzugsweise mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt haben,Siezu stören. Aber – seine so plötzliche Abreise – und mitten in der Nacht hat einen Verdacht erweckt, der –«

»EinenVerdacht?«

»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen, was die Dameihmsagen würde, um danach sein eigenes Handeln zu regeln – »hängt alles vielleicht mitdem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten –«

»Aber einenVerdacht?« – sagte die junge Dame rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. – »Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? – In welcher Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter – machen Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin. Ach, ich hatte ja gehofft, daßSiegerade mir Hülfe und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah.Erwar ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen.Erhatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nichtsiemit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame– natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen konnte – die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen würde – danach wollte er dann handeln.

»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen – »beruhigen Sie sich – es wird sich ja noch alles aufklären. – Ich selber – ich bin ja fest überzeugt, daßSieder – unangenehmen Sache, um die es sich handelt, vollständig fern stehen. – Es ist auch noch nicht einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr – Herr Gemahl auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir suchen – die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt mich –«

»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene Herz weh that.

»Ichmußdeutlicher reden,« fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters Burton & Burton in London. Seitsieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch plötzlich aus London und zwar an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen, daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause gekommen sei.«

»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schüttelnd.

»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort: »Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aberin unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß einesehrbedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.«

»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die Polizei, und ein sehr gewandter Detective, der uns besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt wurde, gerieth noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, die, wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers führen konnte. Derselbe war nämlich, wie der Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit einer jungen sehr – ge – sehr gewandten Dame bekannt geworden und als an dem nämlichen Tag eine andere Klage gegen diese einlief, daß sie in dem Haus einer Lady, wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war, und seit dem nämlichen Abend fehlte, wie jener Kornik – so blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide mitsammen geflohen sein mußten.«

»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive – so hieß jene Dame – setzte selber eine namhafte Summefür den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die Dame noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte, entschloß ich mich ihn zu begleiten, und wir begannen gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse Fahrt.«

»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in größter Spannung.

»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein mögliches Mittel versäumt um die beiden aufzufinden, falls sie sich noch in England aufhalten sollten. Zugleich telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber schon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Hamburg führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute in dem Office des Dampfboots behauptete sogar, Kornik an jenem Abend mit einer Reisetasche an dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder, und glaubten sie erst in Hannover – freilich, wie sich später erwies, irrthümlich – wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton zurück, während er selber, von einer Art polizeilichen Instinkts getrieben, nach Frankfurt vorauseilte und hierher zu – zufälliger Weise – mit Ihnen undIhrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé machte.«

Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau, aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraschung, und nur mit mehr erstaunter als bewegter Stimme sagte sie:

»Und jetzt?« –

»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort, »glaubte er, durch mehrere sonderbar zusammentreffende Umstände jenen aus London mit unserem Geld entflohenen Kornik in dem – Sie dürfen mir nicht zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit verlangt – in dem – Grafen Kornikoff wieder zu finden, da sich dieser heute Nacht so heimlich –«

»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau, entsetzt emporspringend: »reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? Und dann ist,IhrerMeinung nach – seine Begleiterin jene Diebin des Diamantenschmucks?«

»But Madam!« rief Mr. Burton, ebenfalls erschreckt von seinem Sitz aufspringend, »ich sage Ihnen ja« –

»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief aber das schöne Weib, die Arme wie flehend emporstreckend,»auch das noch – auch das noch in meinem Jammer und Elend. – Aber kommen Sie,« fuhr sie leidenschaftlich fort, indem Sie plötzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn fast mit Gewalt zu ihrem Koffer zog – »ichbin nur ein armes schwaches Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande – aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verübten Verbrechens nachzuforschen.Ichhabe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu rechtfertigen. Mir schwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«

»But, my dear Madam,« rief Burton, jetzt vergebens bemüht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ ihn nicht.

»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und schloß mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer auf, warf den Deckel zurück und riß die dort sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und leidenschaftlich heraus. »Da – hier – hier ist alles was ich auf der Welt mein nenne – da meine Wäsche – da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, überden Boden streuend, »hier mein Schmuck – eine dürftige Korallenkette mit einem goldenen Kreuzchen, das Erbtheil meiner seligen Mutter – und wie ichfrüherihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß sie diese Stunde nicht erlebte. – Hier meine –« sie konnte nicht weiter – ihr Gefühl überwältigte sie. Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu Boden gesunken, wenn sie nicht James Burton in seinen Armen aufgefangen hätte.

Das war eine böse Situation für den jungen Mann – der warme Körper der jungen Frau ruhte an seinem Herzen, und vergebens suchte er sie durch tausend Trostesworte ins Leben zurückzurufen. – Und wie ihr Herz dabei schlug – er wußte sich keines Rathes, als sie aufs Sopha zu tragen – und als er sie in die Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er sich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht – was mußten die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch stand ein Glas Eau de Cologne – damit benetzte er ihr Taschentuch, hielt es ihr unter die Nase und rieb ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfenwollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein zurückrief, undalssie endlich erwachte, befand sie sich in einem so furchtbar überreizten Zustande, daß sie den über ihr lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.

Mr. Burton that das unter solchen Umständen Zweckmäßigste – er ließ sie sich ausweinen und es gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er sie dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte. Aber diese Schwäche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieses augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen, und mit leiser Stimme sagte sie:

»Ich danke Ihnen – ich fühle mich stärker – es ist vorbei. Lassen sie mich jetzt Alles wissen – o verhehlen Sie mir nichts – ichmußes ja erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen. – Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. Zürnen sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen.«

»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen Antheil ich an Ihrem Schicksal nehme,« rief Mr. Burton bewegt aus.

»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die jungeFrau, die noch immer halb von seinem Arm gehalten wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer gewissen Genugthuung, ihr darauf keine bestimmte Antwort geben zu können. »Er folgt jenem Grafen Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber sagen sie auch mir, dear Madam – wie kommen Sie in die Gesellschaft jenes Mannes? – wie lernten Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß er ein Betrüger sei?«

»Ich kann es mirjetztnoch nicht denken,« rief die Unglückliche – »es ist nicht möglich – er hätte ja,wennes wahr wäre, ein tausendfaches Verbrechen an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch an seine Unschuld glauben.«

»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung lassen,« sagte Mr. Burton, »aber ich muß gestehen, daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«

»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß über das Vergehen,« rief da die Dame plötzlich, indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er hat sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ichjetzt darauf bestehen, daß Sie es auf das Genaueste untersuchen.«

Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil er nicht mit Unrecht fürchtete, daß sie sich dabei aufs neue zu sehr aufregen würde, aber sie bestand fest darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich ihrem Wunsche nach. Vergebens aber durchsuchten sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer; es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte geben können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein zusammengedrücktes Papier – ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Westenschnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert stand die Adresse:

W. Kornik EsqreCare of Messrs. Burton & Burton – London.

Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann schweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Diese aber hatte kaum das Auge darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme sagte:

»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in ihren Händen bergend, stand sie wohl eine Minute still und schweigend und wie ineinandergebrochen.Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem jungen Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, sagte sie:

»Ich danke Ihnen, Mr. Burton – danke Ihnen recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen – wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann lassen Sie mich jetzt nur füreinekurze Stunde allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht danken – ich bin es nicht im Stande – meine Glieder versagen mir den Dienst. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann sollen Sie alles erfahren, was mich betrifft, und wir können dann vielleicht gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen – wie mir zu helfen ist. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, und jetzt vollständig überzeugt, daß dies liebliche Wesen nie und nimmer eine Mitschuldige sein könne, – »Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in meinen Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen, soll gewiß geschehen. Fassen Sie Muth, und vor Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich hoffe, es soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein – in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen – vielleichtist auch bis dahin schon Nachricht über den Flüchtling eingetroffen. – Sorgen Sie nicht,« setzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete, der auf ihm haftete. – »Sie haben einenFreundgefunden.« – Und die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, an seine Lippen pressend, durchrieselte es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern, als er einen leisen Druck derselben zu fühlen glaubte. Aber er ließ sie los, verbeugte sich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch in sein Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde noch einmal an seiner Erinnerung vorüberziehen zu lassen.

Hamilton warf sich an dem Morgen, nachdem er sechs verschiedene telegraphische Depeschen aufgegeben, in einer ganz verzweifelten Stimmung in sein Coupé, denn von dem zurückgekehrten Postillon hatte er erfahren, daß dieser den Passagier um 4 Uhr heute Morgen inSodenvor der Post abgesetzt, und er konnte jetzt den Zug benutzen, um diesen Platz so rasch als möglich zu erreichen. Aber wieder und wieder machte er sich selber dabei die bittersten Vorwürfe, daß er dieFlucht des schon ganz sicher geglaubten Verbrechers nur seinem eigenen Leichtsinn, seiner eigenen bodenlosen Unachtsamkeit verdanke, denn wie dieser einmal Mr. Burton selber begegnet sei,mußteer wissen, daß er sich verrathen sah und deshalb keinen Augenblick versäumen dürfe, um sich der ihm drohenden Gefahr zu entziehen. Unddashatte er übersehen – er, der sich selber für so schlau und in seinem Fach geschickt gehalten – auf so plumpe Weise, nur durch die Geistesgegenwart des Diebes, der durch keine Bewegung verrathen, daß er seinen Verfolger erkannt habe, hatte er sich täuschen und überlisten lassen.

Und wie war es jetzt möglich, in diesem Gewühl von Fremden einen einzelnen Menschen wieder ausfindig zu machen, der weiter nichts zu thun brauchte, als sich einen anderen Rock zu kaufen, die blaue Brille abzulegen, den schwarzen Schnurrbart zu rasiren, um aufs neue völlig unkenntlich zu sein; und daß er derartige Vorsichtnichtversäumen würde, darüber durfte er kaum in Zweifel sein.

Das Einzige, was ihn noch einigermaßen beruhigte, war, daß sie wenigstens die Dame unter sicherer Aufsicht hatten; denn es schien nicht wahrscheinlich, daß sich der Flüchtling so leicht und für immer von dem schönen, verführerischen Wesen getrennthaben sollte, nur um sich selber in Sicherheit zu bringen. In irgend einer Verbindung mit ihr blieb er gewiß, oder suchte eine solche auf eine oder die andere Art wieder anzuknüpfen, und wenn dann Mr. Burton nur einigermaßen seine Schuldigkeit that, so lief er ihnen schon dadurch wieder ins Netz.

Allerdings hätte Kornik die Dame schon recht gut in dieser Nacht entführen können – es wäre das eben so leicht gewesen als allein zu entfliehen, aber er mußte auch wissen, daß er den Verfolger dann dicht auf den Hacken gehabt hätte und so leicht erjetzthoffen konnte, ihn über die Richtung zu täuschen, die er genommen, so ganz unmöglich wäre das in der Begleitung seiner Frau gewesen, die seine Bewegung nicht allein hemmte, sondern auch eine viel breitere und leichter erkennbare Spur hinterließ. Schon mit all dem Gepäck wäre er nicht von der Stelle gekommen.

Das alles aber machte es, je mehr er darüber nachdachte, nur soviel wahrscheinlicher, daß er Deutschland nicht schon verlassen habe. Nur aus dem Weg mußte er sich für kurze Zeit halten, und wo konnte er das besser thun, gerade in der Saison, als in irgend einem der zahllosen Seitenthäler des Rheins oder der benachbarten Gebirge, wo eine Unmasse vonFremden herüber und hinüber strömte, und ein einzelner Mann völlig unbeachtet in der Menge verschwand.

Aber trotzalledem gab Hamilton die Hoffnung nicht auf. Das gehetzte Wild hatte allerdings einen Vorsprung gewonnen, aber die Fährte war doch noch warm – es lag keine Nacht darauf und er selber war gerade der Mann dazu, ihr mit allem nur erdenkbaren Eifer zu folgen. Es stand ja auch nicht allein ein reicher Lohn auf dem Erfolg, nein, seine Ehre als Detective auf dem Spiel, den schon gehaltenen Verbrecher nicht wieder entschlüpfen zu lassen, und er gab sich selber das Wort, nicht Mühe nicht Kosten zu scheuen, um ihn wieder zurück zu bringen.

In Soden angekommen erkundigte er sich aber vergebens auf dem Bahnhof nach einem Herrn, der nur irgend zu seiner Beschreibung paßte. Es war freilich auch nicht wahrscheinlich, daß er sich dort gezeigt habe, denn nach Frankfurt würde er nicht so rasch zurückkehren, aber Hamilton wollte sich von jetzt an keine Vorwürfe mehr machen, auch nur das Geringste versäumt zu haben. Einquartirt hatte sich der Herr aber dortnicht, so viel lag außer Zweifel; mit dem Mustern der Gasthäuser brauchte er deshalb keine Zeit zu verlieren und das Wichtigste blieb, dieStraßen zu untersuchen, die von hier aus in die Berge und besonders nach dem Rhein zu führten.

Das aber zeigte sich bald als ein sehr schwierig Stück Arbeit, denn es hielten sich viele Fremde in Soden auf, und bei dem wundervollen Wetter besuchte ein großer Theil derselben in früher Morgenstunde die benachbarten Berge. Wer wollte da den Einzelnen controlliren, der sich zwischen ihnen befunden hatte? Außerdem gab es eine Legion von Führern in dem Badeort, die sich theilweis unterwegs, oder da und dort einquartirt befanden; es wäre rein unmöglich gewesen, sie alle aufzusuchen und einzeln auszufragen.

Hamilton ließ aber deshalb den Muth nicht sinken. Unermüdlich streifte er Straße auf, Straße ab und frug bald da, bald dort in den Häusern. Nur in einem, in dem letzten Häuschen, das auf dem Weg nach Königstein lag, hörte er, daß ein einzelner Herr dort sehr früh vorbeigegangen sei, ob er aber einen Schnurrbart gehabt oder eine blaue Brille und Gepäck getragen, wer sollte das jetzt noch wissen? Ein Führer hatte ihn nicht begleitet.

Das war keine Spur und Hamilton wollte sich schon kopfschüttelnd abwenden, um in Soden erst etwas zu Mittag zu essen und dann seine Versuche zuerneuern, als ein kleines Mädchen, das dabei gestanden hatte, sagte:

»Ja, en Schnorres hat er schon gehat, un en Täschche aa ungerm Arm getrage.«

»Einen Schnorres? was ist das?« frug Hamilton.

»Nu Hoor unner der Nas,« sagte die Frau.

»Ja un ganz schwarz war er« – sagte die Kleine.

»So mein Kind,« sagte Hamilton, der sie aufmerksam betrachtete, »also ein Täschchen hat er unter dem Arm getragen? groß?«

»Na – kleen – vunLedder– en hibsch Täschche.«

»Und der ist dort hinaus zu gegangen?«

Die Frau bestätigte das – eine Brille schien er aber nicht aufgehabt zu haben; das Kind wollte wenigstens nichts derartiges bemerkt haben und eine blaue Brille wäre ihm gewiß aufgefallen.

Das war allerdings eine Spur, wenn auch nur eine außerordentlich schwache, Hamilton beschloß aber doch, ihr zu folgen und ohne weiter einen Moment Zeit zu verlieren, drückte er dem Kinde ein Geldstück in die Hand und eilte dann so rasch er konnte nach Soden wieder auf die Post, um dort Extrapost nach Königstein zu nehmen. Nur so viel Zeit gönnte er sich, um etwas zu essen und zu trinken, so lange die Pferdeangespannt wurden – dann ging es vorwärts, was die Thiere laufen konnten.

In Königstein selber – denn unterwegs, so oft er sich auch nach dem Gesuchten erkundigte, erhielt er doch keine Auskunft – war die Nachforschung nicht so schwer. Es gab dort nur zwei halbwegs anständige Wirthshäuser und in dem einen erfuhr er denn auch, daß ein einzelner Herr mit einem sehr schwarzen Schnurrbart und etwas brauner Gesichtsfarbe da gefrühstückt habe, dann aber weitergegangensei, ohne daß sich natürlich irgend Jemand um ihn bekümmert hätte. Eine lederne kleine Reisetasche mit Stahlbügel führte er bei sich, eine Geldtasche hatte er umhängen, und auch noch einen Riemen umgeschnallt gehabt – das wollte der Wirth deutlich gesehen haben – weiter wußte er nichts.

»In was für Geld hat er seine Zeche bezahlt?«

»In Gulden und Kreuzern – der Landesmünze.«

Hamilton war nicht halb sicher, daß er wirklich auf der Spur des Gesuchten sei, aber was blieb ihm jetzt anderes übrig, als ihr, da er sie einmal aufgenommen, auch weiter zu folgen, er würde sich sonst immer wieder Vorwürfe gemacht haben, eine wahrscheinliche Bahn aufgegeben zu haben, um dafür wild und verloren in der Welt herumzusuchen.

Von hier aus schien der Flüchtling aber wirklich den Waldweg eingeschlagen zu haben, denn auf keiner Straße war er mehr gesehen worden, auch konnte er sich keinen Führer genommen haben, denn das hätte sich jedenfalls ausgesprochen. Wohin jetzt? Es war bald Abend, als Hamilton erschöpft in das Gasthaus zurückkehrte, wo er mit einer Flasche Wein und der Eisenbahnkarte vor sich, seinen weiteren Schlachtplan überlegte. Er fühlte dabei recht gut, daß er von jetzt an auf gut Glück weiter suchen müsse. Nur eine Andeutung seines zukünftigen Weges fand er in der Richtung, in welcher Königstein von Soden lag – direkt nach dem Lahnthal zu, und der beschloß er auch jetzt zu folgen. Allerdings mochte sich der Flüchtige rechts oder links abgewandt haben, um entweder Gießen oder den Rhein zu erreichen. Das letztere blieb aber immer das Wahrscheinlichste.

Zu Fuß gedachte er aber die Tour nicht zu verfolgen, und er beschloß deshalb, hier zu übernachten, und am nächsten Morgen mit einem Einspänner, womöglich noch vor Tag, aufzubrechen. Dazu war es aber nöthig, noch heute Abend einen Wagen zu bestellen. Ein Mann wurde ihm da bezeichnet, der einen Einspänner zu vermiethen hätte. Zu dem ging er ungesäumt und erkundigte sich.

»Ja, mein lieber Herr,« sagte dieser achselzuckend, »wenn Sie ein paar Stunden früher gekommen wären, so hätten Sie mit einem andern Herrn fahren können, der dieselbe Tour macht. Der hat aber meinen einzigen Einspänner mitgenommen. Das Pferd hätte Sie beide prächtig fortgebracht.«

»Ein einzelner Herr?« frug Hamilton rasch, »heute Mittag?«

»Jawohl – etwa um elf Uhr.«

»Und wie sah er aus?«

»Ja, lieber Gott, wie sah er aus – wie ein Berliner, mit einem schwarzen Schnurrbart und einer Reisetasche.«

»Und haben Sie nicht einen zweispännigen Wagen?«

»Thut mir leid – die Pferde sind jetzt alle draußen. Wenn Sie aber das dran wenden wollen, warum nehmen Sie nicht Postpferde?«

»Ist denn eine Poststation hier im Ort? Ich hatte keine Ahnung davon, denn ich bin im Gasthaus vorgefahren.«

»Ja gewiß, und diemüssenIhnen Pferde schaffen.«

Hamilton hörte nichts weiter und saß, kaum eineViertelstunde später wieder in seiner Extrapost. Jetzt zweifelte er auch keinen Augenblick mehr, daß er auf der richtigen Spur sei und versprach dem Postillon ein tüchtiges Trinkgeld, wenn er ordentlich zufahren würde.

Auf der nächsten Station fand er aber seine Nachtfahrt schon unterbrochen. Die Wege kreuzten sich hier, und erdurftenicht weiter fahren, aus Furcht, die falsche Straße einzuschlagen. Er mußte dort übernachten, aber schon vor Tag war er wieder auf, und wie er nun die Gewißheit erlangte, daß der Flüchtige die Straße nach Norden eingeschlagen, folgte er derselben mit Extrapost und versprach dem Postillon ein fürstliches Trinkgeld, wenn er den Gesuchten einholte, ehe er die Eisenbahn erreichte.

Das wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn Kornik sich verfolgt gewußt und dann keine Zeit versäumt hätte. Er schien sich aber vollkommen sicher zu fühlen, denn als sie nach Camburg kamen, hörten sie daß er dort geschlafen hätte und ziemlich spät Morgens wieder aufgebrochen sei.

Jetzt galt es, ihm den Vorsprung abzugewinnen und näher und näher rückten sie auch hinan, bis sie dicht vor Limburg einem rückreitenden Postillon begegneten, der ihnen sagte, daß sie die Extrapost vorausvielleicht noch vor der Stadt einholen könnten, wenn sie die Pferde nicht schonten.

Und wahrlich sie schonten die Pferde nicht, was sie laufen konnten, liefen sie. Aber nach der Bahn zu führte der Weg steil thalab, der unglückselige Wagen hatte keinen Hemmschuh und mußte mit der Kette eingelegt werden; zu raschdurfteer da nicht fahren, wenn er nicht riskiren wollte ein Rad zu brechen. Als sie endlich Limburg dicht vor sich sahen, war die verfolgte Extrapost nirgend zu erkennen, wohl aber pfiff gerade der von Gießen kommende Zug in den Bahnhof ein, und hielt dort gerade lang genug, daß ihn Hamilton, als er mit seinen, ordentlich mit Schaum bedeckten Thieren heranrasselte, konnte wieder davonkeuchen sehen. – Er war zu spät gekommen.

Es war ein verzweifelter Moment, aber Hamilton nicht der Mann, sich dadurch beirren zu lassen. Daß KornikdiesenZug benutzt hatte, daran zweifelte er keinen Augenblick, sowie er nur auf dem Bahnhof anfuhr und ihn nicht traf. Zum Ueberfluß fanden sie aber auch noch die Extrapost, die ihn hierher gebracht, und der Postillon derselben bestätigte,daß der Herr, den er gefahren, mit dem letzten Zug »nach dem Rhein« abgegangen sei.

Es war 5 Uhr 55 – der nächste Zug ging 6 Uhr 30 – also noch eine halbe Stunde Zeit. Hamilton fuhr mit seinem Wagen gleich vor dem Polizeigebäude vor, die Herrn hatten es sich aber schon bequem gemacht, und er fand nur noch einen Aktuar, der Schriftstücke in einer Privatsache durchsah.

Glücklicherweise schien dies ein ziemlich intelligenter Mann, der seinen Bericht aufmerksam anhörte. Als er ihn beendigt hatte, sagte er:

»Mein lieber Herr – dieser Zug, der eben Limburg verlassen hat, geht allerdings heute Abend noch nach Coblenz, aber ich weiß nicht, ob der Herr, dem Sie nachsetzen, gerade ein Interresse daran haben kann, Coblenz diese Nacht zu erreichen. Er kann natürlich nicht ahnen, daß Sie ihm so dicht auf den Fersen sitzen – vorausgesetzt nämlich, daß es wirklich der Richtige ist, und wenn SiemeinemRath folgen wollen, so thun Sie, was ich Ihnen jetzt sage. Fahren Sie mit dem nächsten Zug nach Ems – nicht weiter – besuchen Sie dort heute Abend – mit jeder nöthigen Vorsicht natürlich, den Spielsaal, und finden Sie dann – was ich aber bezweifele – Ihren Mannnicht, dann nehmen Sie heute Abend noch inEms einen Wagen, den Sie für Geld überall bekommen können, fahren direkt nach Coblenz, und passen morgen früh an den Bahnzügen auf. Ich wenigstens, wenn ich an Ihrer Stelle einen solchen Patron zu verfolgen hätte, würde genau so handeln, und wenn ich nicht sehr irre, gut dabei fahren.«

»Ems ist nassauisch, nicht wahr?« frug Hamilton.

»Allerdings,« sagte der Aktuar.

»Könnten Sie dann,« fuhr Hamilton fort, indem er seine Legitimationspapiere aus der Tasche holte, »mir auf Grundlage dieser Schriftstücke einen Verhaftsbefehl für das betreffende Individuum ausstellen?«

Der Aktuar sah die Papiere, bei denen sich eine in Hamburg beglaubigte Uebersetzung befand, aufmerksam durch und sagte dann lächelnd:

»Eigentlich, und nach unserem gewöhnlichen Gerichtsverfahren würde die Sache mehr Umstände machen, und nicht so rasch beseitigt werden können, unter den obwaltenden Verhältnissen aber denke ich, daß ich die Verantwortlichkeit auf mich nehmen kann. Siemüssenmit dem nächsten Zug fort, wenn Sie den Gesuchten nicht versäumen wollen. Setzen Sie sich einen Augenblick; ich denke, wir können das alles noch in Ordnung bringen.«

Der alte Aktuar war ein wahres Juwel. Hamilton hätte sich an keinen besseren Menschen wenden können. In kaum zehn Minuten hatte er einen Verhaftsbefehl für die Nassauischen Lande gegen jenen Mr. Kornik ausgestellt. Und nicht einmal einen Kreuzer mehr als die üblichen und nicht zu vermeidenden Sporteln wollte er dafür nehmen, und wie gern hätte ihm der junge Mann seine Arbeit zehn- und zwanzigfach bezahlt!

Jetzt war alles in Ordnung – Hamilton beschloß, den ihm gegebenen Rath gewissenhaft zu befolgen, und dem alten Herrn auf das herzlichste dankend, eilte er so rasch er konnte nach dem Bahnhof zurück.

Seine Zeit war ihm auch nur eben knapp genug zugemessen; kaum hatte er dort sein Billet gelöst, so wurde der Zug schon signalirt; zehn Minuten später braußte er heran, hielt, nahm seine wenigen Passagiere auf und keuchte in ruheloser Hast weiter, das freundliche Lahnthal hinab.

Aber Hamilton hatte kein Auge für die liebliche Scenerie, die ihn umgab – so war er in seine eigenen Gedanken vertieft, daß er ordentlich emporschrak als sie in den ersten Tunnel eintauchten. Nur das Bild des Flüchtigen schwebte vor seiner Seele, und selbst daß er Schlaf und Ruhe entbehrt hatte, um diesen zu erreichen und einzuholen, fühlte er nicht. Der Zugflog mit reißender Schnelle dahin, aber ihm kam es noch immer vor, als ob er in seinem Leben nicht so langsam gefahren wäre. Jetzt glitten sie an den grünen Hängen des freundlichen Thales dahin – jetzt wieder öffnete der Berg seinen Schlund, um sie in seine düstere Tiefe aufzunehmen, und aufs neue schossen sie hinaus in den dämmernden Abend. Aber Hamiltons Augen schienen für das alles keine Sehkraft zu haben, so theilnahmlos, so unbewußt selbst streifte sein Blick darüber hin, bis endlich der schrille Pfiff der Locomotive die Nähe der Station Ems anzeigte und eine Masse Spaziergänger, Herren zu Fuß und Damen und Kinder auf Eseln, in der unmittelbaren Nähe der Bahn sichtbar wurden. Es war spät geworden und die Leute eilten jetzt nach Haus, denn so heiß die Tage auch sein mochten, die Nächte blieben kühl und frisch genug.

Aber diese kümmerten den Polizeimann nicht, der recht gut wußte, daß der, denersuchte, sich nicht unter ihnen befand, selbstwennes noch hell genug gewesen wäre, einzelne Physiognomien der da draußen Wandernden zu erkennen, an denen sich nur die lichten Kleider unterscheiden ließen.

Der Zug hielt, aber selbst jetzt noch war Hamilton einen Augenblick unschlüssig, ob er nicht lieber sitzenbleiben und bis nach Oberlahnstein und Coblenz mitfahren solle; denn ließ es sich denken, daß der Flüchtige gerade hier ausgestiegen sei? Derartige Menschen sind allerdings furchtbar leichtsinnig, und der alte Aktuar hatte am Ende doch Recht gehabt, wenn er ihm rieth, die Spielbank jedenfalls einmal ein Paar Stunden zu besuchen. Verloren war immer kaum viel Zeit dabei, denn kam er jetzt auch nach Coblenz, so mußte er doch die Nacht dort liegen bleiben, um bei dem Abgang des ersten Morgen-Zuges erst am Bahnhof zu sein. Er folgte also dem Rath des alten Mannes, stieg aus und ging in das dicht am Bahnhof gelegene Hotel zum Guttenberg, um dort erst etwas andere Toilette zu machen. Er wollte sich nämlich nicht der Gefahr aussetzen, daß er von dem schlauen Verbrecher zuerst erkannt würde, denn er zweifelte keinen Augenblick daran, daß Kornik ihn an jenem Abend eben so gut bemerkt habe, wie seinen Begleiter Burton, und ihm deshalb jetzt eben so rasch ausweichen würde, wie jenem.

In seiner Tasche trug er einen leichten hellen Sommerrock, den zog er an, setzte eine hellgrüne Brille auf und borgte sich noch außerdem vom Kellner einen Cylinderhut. Mit dieser ganz geringen Veränderung seiner Toilette, die er dadurch vervollständigte,daß er ein weißes Halstuch statt seines bisher getragenen schwarzen nahm, fühlte er sich ziemlich sicher, wenigstens nicht gleich auf den ersten Blick erkannt zu werden. Kornik hatte ihn ja überhaupt nur die kurze Zeit im Coupé gesehen, und ihn dabei keineswegs seiner Beachtung so besonders werth gehalten. Dann aß er etwas und hielt es nun an der Zeit, das jetzt besonders frequentirte Kurhaus zu besuchen.

Es war indessen völlig Nacht geworden; unterwegs traf er nur noch einzelne Leute, die vom Kurhaus weg über die Brücke in ihre am andern Ufer liegende Quartiere gingen, das Kurhaus selber aber war noch hell und brillant erleuchtet und auch in der That der einzige Platz in dem ganzen Badeort, den man Abends besuchen konnte und wo man Gesellschaft fand. Die anderen zahllosen Hotels schienen nur zum Essen zu dienen, denn in ihren Sälen versetzten riesige Tische, deren Zwischenraum vollständig mit Stühlen ausgefüllt war, jeden nur einigermaßen möglichen Platz. Man konnte sich in keinen von ihnen wohnlich fühlen.

Das Kurhaus dagegen vereinigte alles, was sich von Pracht und Eleganz nur denken ließ – ein reichhaltiges Lesezimmer mit bequemen Fauteuils, einen prachtvollen Saal zu Concerten oder Spiel- und Tanzplätzen der Kinder und Damen, und dann den unheilvollenMagnet für die Spieler, die grünen Tische, von denen der verführerische Klang des Metalls in alle harmlosen Spiele und Vergnügungen hinübertönte, und seine Opfer erbarmungslos an- und nachher auszog.

Es ist eine Schmach für Deutschland, daß wir noch diese vergoldeten Schandhöhlen in unseren Gauen dulden – es ist eine doppelte Schmach für die Regierungen, die sie begünstigen und gestatten, und alle die Opfer, die jährlich fallen, müssen einst auf ihren Seelen brennen.

Napoleon III. hat die Spielhöllen aus seinem Reich verbannt, und die Spieler damit über die Grenzen getrieben. Geschah das aber nur deshalb, daß sie inDeutschlandihre gesetzliche Aufnahme finden sollten? und müssen wir nicht vor Scham erröthen, wenn wir dieses französische Unwesen mit französischen Marken und Marqueuren im Herzen unseres Vaterlandes eingenistet finden? Aber esistso. Trotz der gerechten Entrüstung, die allgemein darüber herrscht, müssen wir jetzt geschehen lassen, daß andere Nationen die Achseln darüber zucken und uns bedauern oder – verachten,müssenwir es geschehen lassen, sage ich, denn


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