Siebentes Capitel.Der Commissair in der Falle.

»Gleich dort drüben. Sowie wir um diese Ecke biegen, liegt es vor uns.«

»So komm!« flüsterte Baptiste. — »Wenn ich erkannt werden sollte und fliehen müßte, findest Du mich gleich nachher unter dem nämlichen Hause wieder, wo ich eben auf Dich gewartet habe. Die Schufte werden auch das ganze Haus geplündert haben.«

»Das Beste hat die Señora gerettet,« rief Antonio rasch, »ein Kästchen, das sie mir zum Aufheben gegeben.«

»Und wo ist das?«

»Teresa nimmt es mit zum Canoe.«

»Bravo, mein Junge! Das war gescheit und nun vorwärts.«

In der Straße, in welche sie einbogen, war Alles todtenstill und Baptiste blieb zögernd stehen. — Die Gefangenen mußten schon fortgebracht sein, denn sie hätten sonst wenigstens Soldaten sehen müssen. Antonio ergriff seinen Arm und drückte ihn leise.

»Bleibt hier einen Augenblick,« flüsterte er, »ich bin gleich zurück!« und wie ein Pfeil glitt er über die dunkle Straße hinüber und dann dicht an der anderenSeite hin, bis zu des Alkalden Haus. Aber schon nach wenigen Secunden kehrte er zurück. Kein Mensch war mehr dort zu sehen, die Gefangenen mußten schon an Bord geschafft sein.

»Dann sei Gott uns gnädig!« flüsterte Baptiste zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Ich habe mein Wort gegeben, und beim Himmel, ich will es halten.«

»Was wollt Ihr thun, Señor?«

»Ich kehre an Bord zurück. Allein und freudlos sollen die armen Menschen ihren Feinden nicht überantwortet werden. Wo liegt Dein Canoe?«

»Gleich dort drüben, Señor, etwas oberhalb der Schiffe. O meine arme, arme Señora!«

»Wo stand ihr Haus früher?«

»Wenn wir durch diese Gasse gehen, kommen wir daran vorbei. — O so schön war es dort! So lieb und freundlich, bis die bösen, bösen Menschen kamen.«

»Fort! fort! Wir dürfen hier nicht länger zögern. — Komm dort vorbei, vielleicht hören wir noch etwas von ihnen. Was liegt auch daran, ob ich der Patrouille begegne.« Und mit raschen Schritten, fast in einem halben Lauf, rannte er die Gasse hinab, mit Antonio an seiner Seite.

»Dort liegt das Haus.«

»Da ist noch Licht darin,« rief Baptiste überrascht.

»Sie werden es völlig plündern. Señor Fosca läßt nichts zurück, denn seit ihn mein Herr in Bogota wegen Unterschlagung und Betrug in's Gefängniß werfen ließ, hat er eine furchtbare Wuth auf ihn bekommen.«

»Also deshalb? Wahrhaftig, sie tragen Sachen herunter. Komm, Antonio, wir wollen ihnen helfen.« Und rasch entschlossen, wie er immer war, schritt er, von dem Mulattenburschen aber nur scheu gefolgt, gerade über die Straße hinüber, wo er einen Soldaten mit einem Pack traf, während der andere gerade wieder die Leiter hinaufstieg.

»Aber Muchachos,« redete er den Burschen wie ärgerlich an, — »was vertrödelt Ihr die Zeit hier auf eine so nichtswürdige Weise? Wißt Ihr nicht, daß sie an Bord auf Euch warten?«

»Pero Señor!« sagte der Bursche ganz erstaunt seinen Offizier ansehend. — »Sind Sie denn nicht fortgelaufen? Caracho! Sie werden doch in der ganzen Stadt gesucht!«

»Du faselst wohl?« rief Baptiste. »Marsch mit Euch! Der Commissair wird wüthend werden.«

»Aber der Commissair hat uns ja eben erst nocheinmal heraufgeschickt. Er will Alles mitnehmen, ehe er die Gefangenen an Bord schafft.«

»Hat er dienochnicht drüben?« rief der Franzose wie ärgerlich, »das ist ja rein zum rasend werden mit der Langweiligkeit. Wer ist noch bei ihm?«

»Weiter Niemand als sechs von unseren Leuten, zum Rudern und zur Bewachung.«

»Aber ein Boot hat er doch?«

»Ja, von der Galeotte ist eins herübergeschickt. Das ist eben die Mannschaft, denn die Anderen sind den Fluß hinauf, weil sie glaubten, daßSienach Ecuador hinüber wollten.«

»Ich nach Ecuador? Unsinn!« rief Baptiste, mit wenigen Schritten die Stufen hinauffliegend. Dort überraschte er den zweiten nicht minder als seinen Cameraden, durch sein Erscheinen, aber er ließ ihn gar nicht zu Worte kommen.

»Fort mit Dir, Bursche!« rief er. »Die Zeit vergeht! Wir müssen zum Boot!« Ohne Weiteres das Bettzeug von einem der Gestelle nehmend, trug er es an die Treppe und warf es hinunter. — »Hier, Antonio, trage das!« — Dann griff er das andere auf, hob es sich auf den Kopf, und folgte damit ebenfalls.

Der Soldat wagte natürlich keinen Einspruch.Wie konnte er auch? Daß sein Vorgesetzter den Befehl in die Hand nahm, verstand sich von selbst, und daß es geheißen hatte, er sei desertirt — lieber Gott! an Bord der Schiffe herrschte überhaupt so viel Confusion, daß ein solcher kleiner Mißgriff nicht einmal zu den Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Daß aber der Offizier solche Eile hatte, beunruhigte ihn, denn die Soldaten trauten noch immer dem Frieden nicht in der Stadt. War etwas vorgefallen? Wenn sie hier abgeschnitten und beim Plündern eines Hauses gefaßt wurden, konnte es ihnen schlecht gehen. In aller Hast griff er auf, was ihm gerade unter die Hände kam, und folgte den Vorangegangenen, die schon unterwegs nach dem Boote waren.

In einer entsetzlichen Lage waren indessen die unglücklichen Gefangenen, die, ganz der Willkür ihres Henkers anheim gegeben, den rohen Scherzen und dem Spott der Soldaten zur Zielscheibe dienen mußten, damit diese sich die müßige Zeit am Ufer vertreiben konnten. Fosca hinderte sie auch nicht daran und Señor Ramos knirschte machtlos seine Zähne zusammen. Er konnte nichts dagegen thun. Mit auf denRücken gebundenen Händen lag er hinten im Boot, während neben ihm im Heck, die Steuerreeps in der Hand, der Commissair Platz genommen hatte. Die Frau kauerte mit dem Kinde in der Mitte des Bootes, neben ihren dort aufgehäuften Habseligkeiten, und ihre stillen Thränen netzten die Wangen der Kleinen, während sie ihr liebe Worte gab, sie zu beruhigen suchte und ihr Trost zusprach — Trost, der ihr selber fehlte.

Der Commissair war schon fast ungeduldig geworden, denn wenn auch seine eigene Habgier die Leute noch einmal hinauf geschickt hatte, um so viel als möglich mit fortzuführen, fing die Zeit ihm doch an lang zu werden.

Die Soldaten schlenderten indessen am Ufer auf und ab, als einer von ihnen die Ankunft der Erwarteten meldete.

»Nun endlich!« rief ihnen Fosca schon von weitem entgegen. »Das hat lange gedauert. Macht, daß Ihr herein kommt. Aber wozu schleppt Ihr den ganzen Plunder mit herunter? Wer hat Euch gesagt, daß Ihr die Betten mitnehmen sollt? Wir haben ja nicht einmal im Boote Platz. Werft die Lumpen dort auf den Sand und legt nur das Andere herein.«

»Bitte um Entschuldigung, Señor Comisario,«lachte Baptiste, indem er seine Ladung,gegenden Befehl, in das Boot warf und dann Antonio's ebenfalls abnahm und den ersten folgen ließ; »es ist eine alte Regel, beim Ausräumen nichts zurückzulassen, und da die Gefangenen doch unterwegs wahrscheinlich auch schlafen wollen, brachte ich mit, was mir unter die Hände kam.«

»Caramba!« rief der Commissair erstaunt. »Señor Batista? Ich meinte, die ganze Mannschaft sei hinter Ihnen her, um Sie wieder einzufangen!«

»Das ist prächtig,« lachte der Franzose. »Dasselbe haben mir schon die Burschen gesagt. Wenn ich also auf speciellen Befehl des Admirals in der Stadt herumlaufe, um einige Aufträge auszuführen, hetzt der Steuermann die Soldaten hinter mir drein, um mich wieder einzufangen. Kostbare Idee das! — Aber rasch, Jungens, das Wasser fällt schnell, die Ebbe muß bald ausgelaufen sein und wir bleiben auf trockenem Sande sitzen. Holzköpfe, Ihr, seht Ihr nicht daß das Boot schon aufsitzt? Angefaßt da! Rasch, damit wir es wieder flott bekommen!«

Die Thatsache ließ sich nicht leugnen und die Soldaten, völlig beruhigt darüber, daß ihr Officiernichthatte weglaufen wollen — er wäre sonst doch wahrhaftig nicht freiwillig wieder gekommen — sprangenin das Wasser und schoben das Boot zurück, bis es wieder flott wurde.

»Wir haben hier nicht alle Platz!« rief der Commissair.

»Das ist richtig. Dann bleiben die Soldaten zurück, bis wir das Boot wieder herüber schicken können.«

»Das geht nicht,« beharrte Fosca. »Ich muß Wache bei dem Gefangenen haben.«

»Dann wird doch wohl noch ein Canoe aufzutreiben sein,« sagte Baptiste. — »He, Bursche, hast Du kein Canoe in der Nähe?«

»Gleich hier oben, Señor,« rief Antonio, an den die Frage gerichtet war.

»Dann hole es, schnell!«

Der Mulatte verschwand wie ein Schatten in der Nacht.

»Wer war der?« fragte der Commissair.

»Ein Bursche, der uns heute Abend noch frisches Fleisch herüber liefern soll. Er muß mit an Bord, um den Auftrag zu erhalten.«

Ein eigener wilder Plan zuckte durch des Franzosen Hirn. Noch war es vielleicht möglich die Unglücklichen zu retten, wenn er den größten Theil der Soldaten beseitigen konnte. Aber wie? Gewohnt jedoch, Alles dem Augenblick zu überlassen, sprang erjetzt ebenfalls in das Boot, angeblich um das Gepäck zu ordnen, in Wirklichkeit, um es so zu vertheilen, daß so wenig als möglich Menschen darin sitzen konnten.

Die Gefangenen hatten ihn gar nicht beachtet und noch viel weniger in der Dunkelheit erkannt. Waren doch auch Jahre verflossen, daß sie seine Stimme gehört, die damals, von Krankheit geschwächt, auch matt und hohl genug geklungen hatte. Und wie konnten sie ihn an Bord hier und unter denen vermuthen, die im Begriff waren, ihr ganzes Lebensglück zu zerstören!?

Von oben den Canal herunter kam jetzt das Canoe gerudert und lief im nächsten Augenblick etwa zehn Schritt von dem anderen auf den Sand.

»Hallo! Was ist das für ein Frauenzimmer da drin?« rief der Commissair.

»Die Wäscherin, Señor, die an Bord soll und die ich dort oben fand,« erwiderte Antonio rasch gefaßt, und Ramos zuckte unwillkürlich zusammen, dennjetzthatte er seines treuen Burschen Stimme erkannt. Aber Baptiste rief, auf die Idee eingehend:

»Zum Henker und wegen der bin ich eine volle Stunde in dem dunklen Nest und drüben an der Punta herumgehetzt! Ich glaubte schon, der Admiral würde mir alle Wetter auf den Hals fluchen, wenn ich sie nicht mitbrächte. Aber hinein hier mit ihr indas Boot! Die darf ich nicht drüben bei den Soldaten lassen.«

»Hier in das Boot geht sie nicht mehr,« rief der Commissair dazwischen. »Caramba! Mann, wen und was wollt Ihr denn nichtnochhereinpacken?«

Baptiste war nicht gesonnen, seinen einmal gewonnenen Vortheil aufzugeben.Jetztmußte er mit demBootefliehen — das war die letzte Möglichkeit eines Erfolges, und da er mit dem Canoe nie hätte wagen dürfen, schwer geladen in die offene See hinauszusteuern, so bot das Boot, so mittelmäßig es auch sonst sein mochte, doch unendlich mehr Sicherheit. Ohne deshalb auch weiter den Befehl des Commissairs zu beachten und das Mulattenmädchen, das schnell an Land gesprungen war, selber in den Bug des Bootes hebend, sagte er:

»Ueberlassen Sie das Alles mir, verehrter Herr!Ichbringe Sie sicher hinüber, denn mir liegt selbst daran, von der Sache abzukommen. Auf einem Kriegsschiff macht man nicht gern den Polizeidiener und Büttel. — He, kannst Du rudern, Bursche?«

»Gewiß, Señor,« erwiderte Antonio.

»Dann marsch hinein mit Dir und stoß ab! Halt, für das Canoe sind zu viel Leute! Zwei können noch mit hier herein.«

»Wenn Sie nicht den ganzen Platz verpackt hätten,« rief der Commissair unwillig. »Werft doch den Plunder über Bord.«

»Gut, dann legt Eure Gewehre hier herein. Gebt sie her! Herr Commissair, bitte um ein wenig Raum.« Und die Gewehre der Leute nehmend, trug er sie selber, das Wasser nicht achtend, hinter nach den Steuerreeps.

»Und wie soll ich jetzt steuern?« fragte Fosca ärgerlich.

»Das besorge ich selber. Jetzt vorwärts! Einer von Euch noch herein. Du hier, Pedro!« sagte er, einen kleinen schwächlichen Burschen aus dem Trupp ergreifend. »Setze Dich da vorn hin und rudere aus Leibeskräften. Nun ab! Kommt mit dem Canoe nach, so rasch Ihr könnt.«

Die Soldaten waren ganz verdutzt. Wenn ihnen aber das hastige, fremdartige Benehmen ihres Officiers auch auffiel, konnten sie doch nichts dagegen thun, denn er war einmal ihr Vorgesetzter, und so lange es sich der Commissair gefallen ließ, durfte esihnenauch recht sein.

»Caracho, Señor!« lachte der Eine. »Die Señorita hätten Sie uns ebensogut im Canoe lassen können. — Sie haben ja schon eine an Bord.«

»Nichts für uns Beide, Camerad!« rief ihm derFranzose zu, während er, von Antonio kräftig unterstützt, das Boot mit dem Ruder hinaus in tiefes Wasser stieß. Dort wirkte schon die Strömung und sie mußten zu den Rudern greifen.

»Bitte, Señor,« sagte dann Baptiste, indem er ziemlich rücksichtslos über die Gefangenen hin nach hinten stieg und sich zu dem gebundenen Ramos niederbog, »der Señor hier liegt mir im Wege. SteuernSieeinmal einen Augenblick.«

»Ja steuern!« brummte der Commissair. »Alle Gewehre liegen auf den Reepen.«

»Fassen Sie nur das Ruder mit der Hand an. Sie wissen sich doch sonst immer so vortrefflich zu helfen, Señor.«

Der Ton, mit dem dieses gesagt wurde, frappirte den Neu-Granadienser, aber er mußte in der That das Steuer etwas aufdrehen, wenn das Boot nicht mit der Strömung zu weit hinabgetrieben werden sollte. Er erhob sich zu dem Zweck, kniete auf den Sitzbord und richtete das Ruder.

»Muth!« flüsterte in demselben Moment Baptiste dem Gefangenen zu und Ramos fühlte, wie ein scharfes Messer seine Bande durchschnitt. Seine Arme wurden frei.

»Und nun legt Euch in die Ruder, Burschen!«rief der Franzose, sich wieder aufrichtend, den beiden Leuten zu, indem er selber zum Steuerruder ging und die Gewehre so zurückschob, daß er zwischen sie und den Commissair zu sitzen kam.

»Guarda se, Señor,« sagte der Soldat, »sie sind alle geladen.«

»Ich weiß es. Nehmt Euch nur beim Aussteigen damit in Acht, daß Keiner an dem Hahn hängen bleibt. So, Señor Comisario, jetzt werde ich Sie ablösen. Haben Sie die Güte und rücken Sie noch ein klein wenig hinüber.«

»Halten Sie nicht zu tief! Die Strömung ist hier sehr stark und wir treiben sonst vorbei,« sagte Fosca, als er sah, daß der Franzose den Bug mehr abfallen ließ.

»Nur keine Angst, Señor,« lachte dieser in der Erregung des Augenblickes und das Herz klopfte ihm, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte. »Ich verfehle mein Ziel nicht, und passen Sie auf, was für eine angenehme Fahrt wir haben.«

»Sie treiben wahrhaftig zu weit nach unten! Caracho, Señor! Können Sie nicht steuern? Sehen Sie doch, wie das Canoe hält.«

»Ja, mein bester Señor,« lachte Baptiste — sie waren dem Canoe wenigstens hundert Schritte voraus.»Die Leute da drüben wollen auch anBord, wir aber sind im Begriff, eine kleineSeefahrtzu machen.«

»Eine Seefahrt?« rief der Commissair, erschreckt von seinem Sitze aufspringend. — »Verrath!«

Er hatte das Wort noch nicht ganz heraus, als ihm Baptiste's Finger den Hals wie in einem Schraubstock zusammenpreßten.

»Señor Ramos,« rief er dabei, »auf und an Ihr Ruder! Du, Pedro, nach vorn! Die geringste Bewegung die Du machst, und ich jage Dir eine von den Kugeln durch den Leib — oder halt! Willst Du rudern, so rudere, was Du rudern kannst, und es soll nachher Dein Schade nicht sein, aber bei dem geringsten Zeichen von Verrath bist Du eine Leiche!«

»Ja, Señor, gewiß — wenn ich muß.«

»Du mußt! Antonio, bei der ersten falschen Bewegung, die er macht, rennst Du ihm Dein Messer in den Leib und wirfst ihn über Bord. Rudere jetzt! Stärker! Caramba, es ist für Dein Leben, Patron, denn wenn wir eingeholt werden, massakrire ich Dich selber.«

»Hallo!« schrien jetzt die im Canoe befindlichen Soldaten hinter ihnen her. »Weiter hinauf! Ihr verfehlt das Schiff.«

»Bube!« zischte der gefangene Commissair unter dem furchtbaren Griff seines Nachbars durch dieZähne, und sich dann mit äußerster Kraftanstrengung frei machend, schrie er in einem wahren Aufkreisch um Hülfe. Aber es war nur ein einziger Ruf, den er ausstoßen konnte, denn Baptiste, der das Steuer nicht loslassen konnte, hatte nur einen Moment in seinem Griffe nachgelassen.DerGefahr durften sie sich nicht aussetzen und ehe der Ueberlistete einen zweiten Schrei ausstoßen konnte, traf ihn die geballte Faust des kräftigen Franzosen so eisenstark gegen die Schläfe, daß er, wie von einer Kugel getroffen, zusammenknickte.

»Jetzt binden und knebeln Sie ihn, Señor!« rief er Ramos zu. »Rasch! Um unser aller Leben, denn wirkliche Gefahr erwartet uns erst, wenn sie auf den Schiffen mißtrauisch werden.«

Es bedurfte keiner Worte weiter. Ramos begriff ihre Lage besser als irgend ein Anderer, wenn er sich auch noch nicht denken konnte, wer sein Befreier sei. Es war auch keine Zeit zu fragen, und mit einem Stück des Seils, mit dem er selber gebunden gewesen, schnürte er dem noch Bewußtlosen die Glieder zusammen und zwang ihm dann das Halstuch seines Kindes zwischen die Zähne in den Mund.

Sie trieben jetzt, ungefähr noch 120 Schritte von dem nächsten Schiff entfernt, an diesem vorbei.

»Ahoy the boat!« schrie Mr. Culpepper's Stimme von dort herüber. — »Was für ein Boot ist das? Wohin wollt Ihr?«

Keine Antwort erfolgte. Baptiste wußte nicht gleich, was er erwidern sollte, oder fürchtete, sich durch seine Stimme zu verrathen.

»Boot hinab! Rasch! Hinunter mit Euch, Ihr Jungen! Die besten Ruderer hinein und vier Mann mit Gewehren, hinter dem Boot dort her! Gebt Feuer, wenn sie nicht halten und dann rasch wieder geladen!«

Die Worte hallten deutlich von dort herüber.

»Diable!« murmelte Baptiste vor sich hin. — »Mit zwei Rudern kommen wir nicht aus der Stelle. Señor, Sie müssen mit helfen. Rasch, greifen Sie ein Ruder auf, um Ihr Leben. Oder können Sie steuern? Ich habe mehr Kraft.«

»Ichkann steuern,« sagte da die junge Frau, die vor Aufregung zitternd die letzten Vorgänge beobachtet, aber noch nicht gewagt hatte, eine Frage zu thun, ein Wort laut werden zu lassen. Wie ein Traum kam ihr das Ganze vor, und der Uebergang von dem furchtbarsten erdenkbaren Elend und Jammer zu Freiheit und Leben war ihr so überraschend schnell, so unerwartet, nie mehr gehofft gekommen, daß sie noch immernicht daran glauben mochte. Jetzt aber, wo ihre eigene Kraft und Geschicklichkeit ihnen nützlich werden konnte, brach sie das Schweigen.

»Brav, Señora, brav!« rief Baptiste jubelnd aus. »Das giebt uns ein Ruder mehr. Und jetzt, Teresa, hierher! Weiter zurück, mein Schatz! Der Bug drückt vorn zu viel nieder und wir gehen deshalb zu schwer. Du kannst das Kind nehmen.«

»Teresa?« fragte die Frau erstaunt, aber Freudenthränen weinend und doch in zitternder Angst kroch das arme Mädchen über die aufgethürmten Betten hinweg zu ihrer Herrin, vor der sie niederfiel und ihre Knie umfaßte.

»Weg mit den Thränen, Schatz! Weg mit den Thränen!« rief Baptiste lachend. »Dazu ist nachher Zeit. Wir werden da draußen Salzwasser genug in's Boot kriegen. — So recht, Pedro, lege Dich tüchtig hinein! Es soll Dein Schaden nicht sein und wir wollen doch sehen, ob wir in Ecuador nicht noch etwas Besseres aus Dir machen können als einen lumpigen Soldaten.Wirsind jetzt Kameraden, und ich lasse Dich nicht im Stich.«

Dadurch, daß das Mädchen zurückkommen mußte, hatte das Boot viel an leichterer Fahrt gewonnen, denn der Bug hob sich. Des Seemanns scharfesOhr hatte aber auch bereits das Einsetzen der Ruder vom Schiffe her gehört, wenn sie den Schooner selber auch schon nicht mehr auf dem dunklen Hintergrunde des Manglarenwaldes erkennen konnten. Nur die rothen Lichter leuchteten noch herüber.

»Nun für unser Leben!« rief er, sein eigenes Ruder aufgreifend, während die Señora das Steuer genommen und nicht zu viel versprochen hatte, als sie versicherte, sie könne es regieren. »Halten Sie den Bug jetzt noch immer auf jenen hellleuchtenden Stern zu — es ist die Venus, und mag er uns Glück bedeuten heute Abend.«

Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Die vier Männer ruderten schweigend, aber aus Leibeskräften, denn sie wußten, daß nur größere Schnelligkeit sie retten konnte.

Da fielen rasch hinter einander drei Schüsse von dem verfolgenden Boot.

»Großer Gott, sie schießen!« rief die Frau. »Lege das Kind auf den Boden des Bootes, Teresa.«

»Nicht hierher,« beruhigte sie Baptiste, da er, mit dem Rücken nach vorn im Boot sitzend, das Abblitzen der Gewehre hatte sehen können. »Es ist unmöglich, daß sie uns hier schon erkennen, wenn nicht die hellen Betten zu sehr leuchten.«

»Werft sie über Bord!« bat Ramos.

»Bewahre!« lachte der Franzose, »lieber den Comisario. Erst müssen wir finden, daß sie uns zu schwer sind. Decke jenen dunklen Poncho darüber, der auf dem Sitzbrett liegt, Teresa. Er gehört freilich dem Herrn Commissair, aber zu dem Zweck wird er ihn uns wohl leihen.«

»Aber was bedeuten die Schüsse?«

»Nichts Gutes,« sagte Baptiste finster. »Es sind Signale für das Boot an der anderen Seite der Insel, um dasselbe herbeizurufen, und wenn es wirklich in der Nähe ist, kann es uns den Weg abschneiden. Aber caramba!« setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen hinzu. — »Wir haben auch Gewehre im Boot und im schlimmsten Falle können wir ihnen einen wärmeren Empfang bereiten als sie jetzt wohl denken.«

»Aber keine Munition.«

»Pedro hat doch gewiß seine Patronentasche mit. Wie viel Patronen sind darin?«

»Zwanzig, Señor.«

»Bravo, und sechs geladene Gewehre, die Festung ist armirt.«

»Und mit dem Boot hinter uns?«

»Ah bah!« sagte Baptiste, sich in sein Ruder legend. — »Die Sache ist allerdings fast zu interessant,um angenehm zu sein, aber hol's der Teufel! — Entschuldigen Sie, Señora, auf See lernt man ein rohes Sprechen, ohne manchmal etwas dabei zu denken — ich hoffe doch noch, daß wir die hohe See gewinnen sollen und wenn sie uns da hinaus folgen, nun, dann formiren wir mit den Matratzen eine kleine Festung um den schwachen Theil der Besatzung und wehren uns eben unserer Haut. Vorwärts jetzt! — Mit dem Reden geht Kraft verloren.«

Wieder wurden hinter ihnen drei Schüsse abgefeuert und Baptiste sah zu seinem Schrecken, daß sie diesmal nicht in die Luft schossen, sondern hinter ihnen her. Aber die Entfernung war noch zu groß, nur wenn sie hoch gehalten hätten, wäre vielleicht eine oder die andere Kugel bis zu ihnen geschlagen. So fielen sie alle zu kurz und er hütete sich wohl ein Wort darüber zu sagen, um die Frauen nicht unnützer Weise zu beunruhigen.

Das Boot flog rasch durch das Wasser und eine Zeit lang wurde kein Wort weiter gewechselt. Der Commissair war wieder zur Besinnung gekommen und wand sich krampfhaft am Boden des Bootes, aber er konnte keinen Schaden thun und Baptiste, neben dem er lag, behielt ihn auch scharf im Auge.

»Wenn wir uns ein klein wenig mehr rechts hielten,«sagte Ramos endlich, — »die Gefahr wäre dort geringer, einem der anderen Boote zu begegnen.«

»Wir dürfen nicht,« erwiderte Baptiste, — »wenn sie uns nachher den Paß zwischen der Punta Manglares und der Insel verlegen, so treiben sie uns weit in See hinaus und dort steht jetzt ein tüchtiger Südwind, von dem wir hier nur noch nichts fühlen, weil wir durch das südliche Land gedeckt sind. Vorwärts! Hier ist die Spitze der Insel! In wenigen Minuten muß es sich entscheiden! Bis jetzt war Gott mit uns, er wird uns nun auch nicht verlassen.«

Das hinter ihnen folgende Boot hatte jedenfalls etwas an sie gewonnen, man konnte die Ruderschläge desselben deutlicher hören, aberihreRuder knarrten und machten dadurch zu viel Geräusch.

»Teresa,« sagte Baptiste, »nimm Lappen oder Tücher, was Du gerade hast, Schatz, tauche sie in's Wasser und lege sie uns unter die Ruder, verstehst Du? So! Ich habe mir schon geholfen,« fuhr er fort, indem er sein Taschentuch in die Ruderdolle brachte, — »nur für die Anderen.«

Das war bald geschehen und sie hatten nun den Vortheil, wenigstens geräuschlos zu fliehen.

Auf Baptiste's Wunsch ließ die junge Frau das Boot jetzt noch ein wenig dem Land zu abfallen. Sonahe befanden sie sich jetzt am Ufer, daß die auf der Backbord-Seite Rudernden mit ihren Riemen schon den Sand fühlen konnten. Sie durften nicht wagen, näher hinan zu halten. Da hörten sie plötzlich laute Stimmen und Fluchen, dicht an ihrer Linken.

Fast unwillkürlich hielten Alle mit Rudern ein und wie ein dunkler Schatten glitt das Boot, von der Ebbe und Strömung des Mira begünstigt, über die Oberfläche.

»Seco!« sagte da eine deutliche Stimme. »Caracho, Basilio! Ich sagte Dir es gleich, daß wir hier auf den Grund rennen würden. Nun sitzen wir fest. Hinaus mit Euch, daß wir den faulen Kasten wieder flott bekommen.«

»Sie sitzen fest! Vorwärts!« jubelte Baptiste mit vorsichtig gedämpfter Stimme — und wieder trafen die Ruder in's Wasser, immer noch die vorherige Richtung haltend, um wenigstens aus dem Bereich der Schußwaffen zu kommen. Die in dem anderen Boot hatten wirklich in dem Augenblick zu viel mit ihrer eigenen Lage zu thun, um nach etwas Anderem auszuschauen. Sie waren jedenfalls über Bord gesprungen, um das dadurch erleichterte Boot vom Sand abzuheben und wieder in tieferes Wasser zu schieben. Deutlich konnten die Flüchtigen das Plätschern und Fluchen derLeute hören. Aber so dicht mit den Köpfen über dem Wasserspiegel mochte doch wohl einer oder der andere der Leute das vorbeigleitende Boot bemerkt haben. Plötzlich war Alles ruhig und eine Stimme rief gleich nachher:

»He da! Ist das nicht ein Boot?«

Keine Antwort folgte.

»Caracho! Warum antwortet Ihr nicht? — Schieß, Pablo!«

»Vorwärts um der heiligen Jungfrau willen!« drängte Baptiste. — »Sie sind noch nicht flott. Jeder Ruderschlag bringt uns weiter aus dem Bereich ihrer verdammten Flinten.«

Es dauerte wohl zwei Minuten, bis sie den scharfen Blitz eines abgefeuerten Gewehres sahen, aber gute Schützen sind diese spanischen Abkömmlinge nicht, schlechte Gewehre hatten sie ebenfalls und im Dunkeln auf den Schatten eines Bootes zu halten ist ein schwieriges Ding. Die Kugel schlug wenigstens vier oder fünf Ellen rechts von den Fliehenden auf das Wasser. Und kein zweiter Schuß folgte. Die Mannschaft wollte sich wahrscheinlich nicht auf das unsichere Feuern verlassen und lieber ihr Boot rasch wieder flott bekommen.

Dann antworteten wieder einige Schüsse von demverfolgenden Boot, und die Burschen des gestrandeten schrien als Antwort so laut sie konnten.

»Jetzt links hinüber, Señora!« rief da Baptiste. — »Immer an den Manglaren hin! Dort ist tiefes Wasser, bis wir an die nächste Punta kommen. Sie ist nicht mehr weit, und haben wir erst die zweite Mündung des Mira hinter uns, dann sind wir gerettet.«

Die Leute arbeiteten mit Anspannung aller ihrer Kräfte und selbst Pedro leistete Außerordentliches, denn es schien ihm selber nicht viel daran zu liegen, in den eben erst verlassenen Kriegsdienst zurückzukehren.

Deutlich konnten sie jetzt noch einmal die Zurufe von den verschiedenen Booten unterscheiden; auch die Ruder hörten sie wieder knarren, aber die Verfolger, mit dem Terrain kaum genau bekannt, schienen unsicher geworden zu sein, welche Richtung das flüchtige Boot genommen habe. Vielleicht fürchteten sie auch mit der Ebbe hinaus in See genommen zu werden.

Eine Viertelstunde später herrschte Todtenstille auf dem Wasser, die nur durch das leise Plätschern der Ruder unterbrochen wurde. Sie waren gerettet.

Sie waren gerettet, immer aber noch arbeiteten die Ruderer wacker vorwärts, und das Boot glitt an dem dunklen Ufer rasch dahin. Jetzt hatten sie die Mündung des Mira erreicht, und in der Dunkelheit war es fast, als ob es das offene Meer sei. Don José hielt auch wirklich mit Rudern inne und frug, ob sie sich nicht jetzt links am Lande halten müßten.

»Wenn wir Fluth hätten, oder in einem Canoe säßen, ja, Señor,« sagte Baptiste, immer noch mit unterdrückter Stimme, obgleich schon lange mehr kein Laut der Verfolger zu ihnen gedrungen war. »Mit dem Boote hier dürfen wir aber getrost wagen um die Punta Manglares zu fahren, denn gegen den Mira hätten wir sonst ein tüchtiges und schweres Stück anzurudern. Vorwärts, Señorita! Gerade hindurch, bis wir den Wald wieder erreichen, den Sie dort wie einen dunklen Streifen vor sich sehen. Nur ein kleines Stück dann noch weiter, und wir kommen in die offene See.«

»Und kennen Sie den Weg?«

»Wie meine Tasche.« —

Wieder ruderten sie schweigend weiter, denn unterdem Schatten der Manglaren wollte sie Alle noch nicht das unruhige Gefühl verlassen, als ob an jeder Ecke ein anderes Boot der Verfolger auftauchen, und ihnen den Weg zur Rettung abschneiden könnte. Aber sie hatten Nichts mehr zu fürchten, und kaum eine halbe Stunde später trug sie die rasch abströmende Ebbe zwischen einer mit Manglaren bewachsenen langen Insel und der dort vorspringenden Landzunge hindurch, und wenige Minuten noch und ihr Boot schaukelte auf den langen getragenen Wogen des stillen Oceans.

Glücklicher Weise trafen sie hier nicht mehr den scharfen Süder, den Baptiste gefürchtet, und der sie gezwungen hätte die Fluth abzuwarten und wieder zurück in den letzten Mira-Arm einzulaufen, um von dort aus den Canal zu suchen. Der Wind hatte sich vollständig gelegt, und nur die See wogte noch und hob sich und sank mit dem darüber hingleitenden Boot.

Zur Linken öffnete sich ihnen ein wunderbarer Anblick, so daß Aller Blicke unwillkürlich dorthin flogen, denn dort schäumte bei fast niedrigstem Wasserstand die Brandung über und gegen die freigelegten Sandbänke an, und warf ihre phosphorglühenden Wogen, deren weiße Kämme wie flüssiges Gold schimmerten und leuchteten, donnernd gegen den Strand. — Undimmer und immer erneute sich das Bild! sowie die eine Sturzsee in tausend blitzende Funken zerfloß, bildete sich weiter zu ihnen eine neue, die mehr und mehr anschwoll und von glitzernden Gluthenstreifen durchzogen zu sein schien, bis sie sich hob und brach und dann einen wahren Feuerregen umhersprühte.

»Wie furchtbar schön ist das!« hauchte die Frau, das großartige Schauspiel aber doch mit scheuen Blicken betrachtend, denn wenn sich eine neue Woge hob, war es, als ob sie näher und näher zu ihnen kam, und sie unmerklich aber sicher, wie in einer gewaltigen Strömung dort hinüber reißen müßte. »Werden wir dort nicht hinein treiben?«

»Nein, Señora,« sagte Baptiste freundlich. »Haben Sie keine Angst! Die Elemente sind gnädiger mit uns als die Menschen. Ich fürchtete einen scharfen Süder, bei dem wir allerdings Schwierigkeiten gehabt haben würden hier vorbei zu laufen, aber statt dessen erhebt sich, wie ich eben fühle eine leichte Seebrise, und mit der können wir es uns bequemer machen, als wir es bis jetzt gehabt haben. Bitte führen Sie nur noch kurze Zeit das Steuer — nur nicht weiter in die See hinaus, nur immer in der nämlichen Entfernung von den Brandungswellen, wie wir uns bis jetzt gehalten, ich werde jetzt das Boot ein wenig behaglicherherrichten.« Er legte sein Ruder nieder, stieg über die Sachen hinweg, die er in der Mitte so eng als möglich zusammenpackte, und eine der Matratzen vorn im Boote ausbreitete, daß sie eine Art von Mulde bildete.

»So Señora,« sagte er dann freundlich, indem er zurück stieg und ihr die Hand reichte, »jetzt klettern Sie hier vorn herüber. — Haben Sie keine Angst, ich halte Sie. Das Kind gebe ich Ihnen dann nach, und legen Sie sich da vorn ganz unbesorgt zum Schlafen nieder. Sie bedürfen der Ruhe und die arme kleine Adriana auch.«

»Aber wer sind Sie,« sagte die Frau jetzt, indem sie seinen Anordnungen folgte, »daß Sie Ihr Leben für uns wagten und jetzt auch noch so freundlich Sorge tragen?«

»Wenn wir Tageslicht bekommen, erkennen Sie mich vielleicht wieder,« lächelte Baptiste. »Jetzt überlassen Sie uns nur die Sorge um das Boot.«

Aus seinem Ruder richtete er nun einen kleinen Mast her, aus einem der Betttücher machte er ein Segel, ein anderes Ruder gebrauchte er zum Ausholer, und als er die Schote befestigt hatte und anzog, fühlten sie bald, daß der Wind in die Leinwand schlug und anzog. Ziemlich so rasch wie vorher mit denRudern, aber völlig geräuschlos, und sanft wie von einer Schaukel gehoben und fortgeführt, glitt das Boot über die Fluth und die junge Frau, ihr schlummerndes Kind im Arm, war, von den Aufregungen der letzten Nacht zum Aeußersten erschöpft, bald in einen sanften Schlaf gefallen.

Pedro, der arme Teufel, der für sein Leben gerudert hatte, fühlte sich ebenfalls so todesmatt, daß er, als ihm Baptiste den Befehl gab sein Ruder einzunehmen, zurück mit dem Kopf gegen die Matratze sank und augenblicklich einschlief.

Und immer weiter, jetzt gerade nach Süden, dann ein wenig zum Osten zurückhaltend, steuerte Baptiste das Boot. Neben ihm wand sich aber der unglückselige Commissair in solchen augenscheinlichen Schmerzen, daß Ramos endlich selber Mitleiden mit dem Verräther fühlte und leise sagte:

»Dürfen wir ihm nicht jetzt wenigstens den Knebel aus dem Munde nehmen? ich fürchte, er erstickt.« —

»Schade wär's nicht um ihn,« sagte Baptiste trocken, »aber meinetwegen. Er wird ja ohnedieß klug sein und das Maul halten, oder wir machen kurzen Proceß mit ihm und werfen ihn über Bord. Es wäre überhaupt das Beste, ihn hier an einer oder der anderen Manglarenspitze auszusetzen, dort könnte er sichamüsiren und die zahllosen Mosquitos füttern.« Aber er bog sich doch, noch während er sprach, zu dem Gefangenen über und nahm ihm das Tuch aus dem Mund. Fosca athmete tief und schwer auf, aber er gab keinen Laut von sich. Die Drohung hatte gewirkt, denn ein Aussetzen in den Manglaren[A]wäre ein sicherer und furchtbarer Tod für ihn gewesen.

So fuhren sie langsam weiter. Die Brise blieb schwach, aber doch immer stark genug, um das Boot, das sie von der Seite fing, vorwärts zu treiben, bis endlich am östlichen Horizont, den der niedere Laubgürtel des flachen Landes bildete, die Wolken anfingen sich zu lichten. Der Tag brach an, aber die Atmosphäre ist in diesem Himmelsstrich fast nie rein und ungetrübt, wenigstens nur in sehr seltenen Fällen Morgens.

Ein leiser Duft ruhte auf dem Walde, durch die feuchten Schwaden erzeugt, die ihm unausgesetzt entstiegen. Aber vor ihnen lag die Mündung des Pailon, die erste und nördlichste Ansiedlung in Ecuador — an der linken Landspitze (eigentlich einer Insel); bald konnten sie die einzelnen Häuser der dort wohnenden Fischer erkennen. Die Fluth stieg dabei wieder, und von ihr geführt liefen sie mit dem ersten Morgengrauen in den breiten herrlichen Canal ein, der an beiden Seiten von, ihre Zweige bis zum Wasser niederhängenden Manglaren dicht begrenzt, gerade nach Süden hinab dem kleinen Fischerdorf San Lorenzo zuführte.

Die Frau war erwacht und mit dem stillen Frieden um sich, mit dem Gefühle vollkommener Sicherheit hob sich ihr Herz zu Gott, und ihr Kind, ihre liebe Adriana an sich pressend, betete sie leise aber brünstig zu dem Allerbarmer —

Aber welch ein wunderbarer Ton um sie her? Wie ferner Orgelklang traf er ihr Ohr, leise summend in vollen melodischen Akkorden! Und als sie erstaunt den eigenthümlichen Klängen horchte, war es ihr fast, als ob sie aus der Meerestiefe zu ihr heraufdrangen. — Es konnte keine Täuschung sein! Dicht unter dem Boot klang es vor, jetzt rechts ein wenig, jetzt links, und als sie sich über den Rand des Bootes bog, wurde der Laut voller und deutlicher. Da ging dort drüben, über dem grünen Laubmeer, die Sonne auf und goß ihr Licht über die funkelnde, spiegelglatte Bai.

»Hören Sie den Orgelklang, Señora?« frug Baptiste.

»Was, um Gottes Willen, ist das?«

»Das sind die singenden Fische des Pailon,« lachte der junge Franzose, »die gerade ihr Morgenconcert zu halten scheinen.«

Als er sich aufrichtete, fiel der Sonne Licht voll auf seine freundlichen edlen Züge, und der Blick der Frau heftete fragend an ihnen.

»Und kennen Sie michnochnicht, Señorita?« fragte der junge Mann herzlich. »AuchSienicht, Señor Ramos? Hab ich mich so entsetzlich verändert, oder ist die Erinnerung an den armen kranken Matrosen, den Sie in Ihrem Haus in Buenaventura so treulich pflegten, ganz Ihrem Gedächtniß entschwunden?«

»Don Batista!« rief Ramos, seine Hand ergreifend und herzlich schüttelnd. »Wie sollen wir Ihnen das je danken?«

»Danken?« entgegnete der junge Mann. »Ich bin lange genugIhrSchuldner geblieben. Jetzt wollen wir vor allen Dingen dieses unglückselige Menschenkind losbinden,« fuhr er lachend fort, um den Dank von sich abzuwenden. — »Allmächtiger Gott, wie sieht dieser Neu-Granadiensische Commissair aus!Hier ist seine Macht aber vorbei. Wir sind innerhalb der Grenzen von Ecuador, und der Platz, dem wir uns nähern, soviel ich gehört habe, in den Händen einer englischen Compagnie. Was fangen wir mit dem elenden Patron an?«

Noch während er sprach, hatte er die Leine gelöst, die des Gefangenen Hände und Arme zusammenschnürte und Fosca richtete sich mühsam empor. Er sah in der That entsetzlich aus. Sein Gesicht war, von dem Schlag der ihn betäubte, mit geronnenem Blut und dem Schmutz des Bootes bedeckt, sein Rock und Hemd zerrissen, und der boshafte Blick des Buben flog scheu und tückisch von Einem zum Andern.

»Beim Himmel,« lachte Baptiste, »ich weiß, was ich thue. Mir fehlt gerade ein Erwerbszweig und ich werde die Jammergestalt hier in San Lorenzo für Geld sehen lassen. Entrée ein halbes Pfund Cacaobohnen oder ein Dutzend Esmeraldas-Cigarren.«

»Ihr habt jetzt die Macht,« knirschte der Gefangene zwischen den Zähnen durch, »aber es wird eine Zeit kommen, wo Ihr mir Rechenschaft für diese Behandlung geben sollt. Ich bin Neu-Granadiensischer Beamter und Präsident Franco in Ecuador wird nicht dulden, daß ich so behandelt werde.«

»Präsident Franco wird in nächster Zeit noch vielmehr dulden müssen,« lachte Baptiste verächtlich, »wenn sie ihn nicht etwa jetzt schon aus dem Land hinausgejagt haben. Aber Frieden, Kamerad. Du hast uns an Bord genug geärgert, um diese Züchtigung zu verdienen, hättest Du nicht auch wie ein Verräther und Schuft an diesen braven Leuten gehandelt.... Von jetzt an — und das ist die mildeste Strafe, die Dir werden konnte — keine Gemeinschaft mehr zwischen uns! Hier setze ich Dich an das Land, und dann sorge dafür, mein Bursche, daß Du so rasch als möglich in Dein gesegnetes Neu-Granada hinüber kommst, denn erfahren siehierDeine Geschichte, so stehe ich Dir für Nichts.Dortliegt San Lorenzo,« fuhr er fort, als sie eben eine Biegung der Bai erreichten, die sich nach Osten in das innere Land hineinzog. »Dort liegen die friedlichen Fischerwohnungen eines braven Volkes. Dort, Señor Ramos, können Sie, wenn Sie nicht in das Innere gehen wollen, die Entwickelung der Wirren Ihres Vaterlandes ruhig abwarten, denn unter diesen Leuten lebt kein Verräther.«

»AberSiebleiben bei uns,« fiel die Señora rasch ein — »Sie müssen uns Gelegenheit geben Ihnen zu beweisen, wie tief wir uns Ihnen verpflichtet fühlen.«

»Vorerst,« lachte Baptiste, »werde ich hier meine mitgebrachte Waffensammlung verkaufen, die wenigstenseinen Theil des Lohns einbringen kann, den mir die Regierung des braven Mannes da für erzwungene Dienste schuldig ist und dann —Quien sabe— das Uebrige findet sich.«

Das Boot glitt, fast nur durch die Fluth vorwärts getragen, in eine kleine Bucht ein, die im Westen das Fischerdorf begrenzte; gleich an der äußersten Spitze, an einem dort vorspringenden Felsen landete Baptiste und sagte zu Fosca:

»So Señor, hinaus mit Ihnen und das zur Warnung: Haben wir die Sachen hier an Land geschafft und begegnet die Señora beim Aussteigen noch einmal Ihrer nichtswürdigen Physiognomie, dann seien Sie versichert, daß ich Sie eigenhändig anpacke und hier von dem Felsen hinunterwerfe. Ein Bad könnte Ihnen überhaupt Nichts schaden. Sie haben also etwa zehn Minuten Vorsprung. Marsch!«

Fosca ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit Händen und Füßen kletterte er an dem rauhen Steinblock empor, und im nächsten Augenblick war er am Land verschwunden. Als die Señora das Ufer betrat, war keine Spur mehr von ihm zu sehen, und erst Nachmittags erfuhren sie, daß er ein Canoe gemiethet habe und mit der nächsten Ebbe nach Tomaco zurückgegangen sei.


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