Venus im Pelz.„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,Teuflisch holdes Mythenweib,Unter Myrten und AgavenHingestreckt den Marmorleib.“
Venus im Pelz.„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,Teuflisch holdes Mythenweib,Unter Myrten und AgavenHingestreckt den Marmorleib.“
Venus im Pelz.„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,Teuflisch holdes Mythenweib,Unter Myrten und AgavenHingestreckt den Marmorleib.“
Venus im Pelz.
„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,
Teuflisch holdes Mythenweib,
Unter Myrten und Agaven
Hingestreckt den Marmorleib.“
Ja — nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.
Es ist eine merkwürdige Empfindung, die ich habe. Ich glaube nicht, daß ich in Wanda verliebtbin, wenigstens habe ich bei unserer ersten Begegnung nichts von jenem blitzartigen Zünden der Leidenschaft gefühlt. Aber ich empfinde, wie ihre außerordentliche, wahrhaft göttliche Schönheit allmählich magische Schlingen um mich legt. Es ist auch keine Neigung des Gemütes, die in mir entsteht, es ist eine physische Unterwerfung, langsam, aber um so vollständiger.
Ich leide täglich mehr, und sie — sie lächelt nur dazu.
***
Heute sagte sie mir plötzlich, ohne jede Veranlassung: „Sie interessieren mich. Die meisten Männer sind so gewöhnlich, ohne Schwung, ohne Poesie; in Ihnen ist eine gewisse Tiefe und Begeisterung, vor allem ein Ernst, der mir wohltut. Ich könnte Sie lieb gewinnen.“
***
Nach einem kurzen, aber heftigen Gewitterregen besuchen wir zusammen die Wiese und das Venusbild. Die Erde dampft ringsum, Nebel steigen wie Opferdünste gegen den Himmel, ein zerstückter Regenbogen schwebt in der Luft, noch tropfen die Bäume, aber Sperlinge und Finken springen schon von Zweig zu Zweig und zwitschern lebhaft, wie wenn sie über etwas hoch erfreut wären, und alles ist mit frischem Wohlgeruch erfüllt. Wir können die Wiese nicht überschreiten, denn sie ist noch ganz naß und erscheint von der Sonne beglänzt, wie ein kleiner Teich, aus dessen bewegtem Spiegel die Liebesgöttin emporsteigt,um deren Haupt ein Mückenschwarm tanzt, welcher, von der Sonne beschienen, wie eine Aureole über ihr schwebt.
Wanda freute sich des lieblichen Anblicks, und da auf den Bänken in der Allee noch das Wasser steht, stützt sie sich, um etwas auszuruhen, auf meinen Arm, eine süße Müdigkeit liegt in ihrem ganzen Wesen, ihre Augen sind halb geschlossen, ihr Atem streift meine Wange.
Mit Wanda am Venusbild
Ich ergreife ihre Hand und — wie es mir gelingt, weiß ich wahrhaftig nicht — ich frage sie:
„Könnten Sie mich lieben?“
„Warum nicht,“ erwidert sie und läßt ihren ruhigen, sonnigen Blick auf mir ruhen, aber nicht lange.
Im nächsten Augenblicke knie ich vor ihr und presse mein flammendes Antlitz in den duftigen Mousselin ihrer Robe.
„Aber Severin — das ist ja unanständig!“ ruft sie.
Ich aber ergreife ihren kleinen Fuß und presse meine Lippen darauf.
„Sie werden immer unanständiger!“ ruft sie, macht sich los und flieht in raschen Sätzen gegen das Haus, während ihr allerliebster Pantoffel in meiner Hand zurückbleibt.
Soll das ein Omen sein?
***
Ich wagte mich den ganzen Tag über nicht in ihre Nähe. Gegen Abend, ich saß in meiner Laube, blickte plötzlich ihr pikantes rotes Köpfchen durch die grünen Gewinde ihres Balkons. „Warum kommen Sie denn nicht?“ schrie sie ungeduldig herab.
Ich lief die Treppe empor, oben verlor ich wieder den Mut und klopfte ganz leise an. Sie sagte nicht herein, sondern öffnete und trat auf die Schwelle.
„Wo ist mein Pantoffel?“
„Er ist — ich habe — ich will,“ stotterte ich.
„Holen Sie ihn und dann nehmen wir den Tee zusammen und plaudern.“
Als ich zurückkehrte, war sie mit der Teemaschine beschäftigt. Ich legte den Pantoffel feierlich auf den Tisch und stand im Winkel, wie ein Kind, das seine Strafe erwartet.
Ich bemerkte, daß sie die Stirne etwas zusammengezogen hatte und um ihren Mund etwas Strenges, Herrisches lag, das mich entzückte.
Auf einmal brach sie in Lachen aus.
„Also — Sie sind wirklich verliebt — in mich?“
„Ja, und ich leide dabei mehr, als Sie glauben.“
„Sie leiden?“ sie lachte wieder.
Ich war empört, beschämt, vernichtet, aber alles ganz unnötig.
„Wozu?“ fuhr sie fort, „ich bin Ihnen ja gut, von Herzen gut.“ Sie gab mir die Hand und blickte mich überaus freundlich an.
„Und Sie wollen meine Frau werden?“
Wanda sah mich — ja, wie sah sie mich an? — ich glaube vor allem erstaunt und dann ein wenig spöttisch.
„Woher haben Sie auf einmal so viel Mut?“ sagte sie.
„Mut?“
„Ja den Mut überhaupt, eine Frau zu nehmen, und insbesondere mich?“ Sie hob den Pantoffel in die Höhe. „Haben Sie sich so schnell mit diesem da befreundet? Aber Scherz beiseite. Wollen Sie mich wirklich heiraten?“
„Ja.“
„Nun, Severin, das ist eine ernste Geschichte. Ich glaube, daß Sie mich lieb haben und auch ich habe Sie lieb, und was noch besser ist, wir interessieren uns für einander, es ist keine Gefahr vorhanden, daß wir uns so bald langweilen, aber Sie wissen, ich bin eine leichtsinnige Frau, und eben deshalb nehme ich dieEhe sehr ernst, und wenn ich Pflichten übernehme, so will ich sie auch erfüllen können. Ich fürchte aber — nein — es muß Ihnen wehe tun.“
„Ich bitte Sie, seien Sie ehrlich gegen mich,“ entgegnete ich.
„Also ehrlich gesprochen. Ich glaube nicht, daß ich einen Mann länger lieben kann — als —“ sie neigte ihr Köpfchen anmutig zur Seite und sann nach.
„Ein Jahr.“
„Wo denken Sie hin — einen Monat vielleicht.“
„Auch mich nicht?“
„Nun Sie — Sie vielleicht zwei.“
„Zwei Monate!“ schrie ich auf.
„Zwei Monate, das ist sehr lange.“
„Madame, das ist mehr als antik.“
„Sehen Sie, Sie ertragen die Wahrheit nicht.“
Wanda ging durch das Zimmer, lehnte sich dann gegen den Kamin zurück und betrachtete mich, mit dem Arme auf dem Sims ruhend.
„Was soll ich also mit Ihnen anfangen?“ begann sie wieder.
„Was Sie wollen,“ antwortete ich resigniert, „was Ihnen Vergnügen macht.“
„Wie inkonsequent!“ rief sie, „erst wollen Sie mich zur Frau und dann geben Sie sich mir zum Spielzeug.“
„Wanda — ich liebe Sie.“
„Da wären wir wieder dort, wo wir angefangen haben. Sie lieben mich und wollen mich zur Frau, ich aber will keine neue Ehe schließen, weil ich an der Dauer meiner und Ihrer Gefühle zweifle.“
„Wenn ich es aber mit Ihnen wagen will?“ erwiderte ich.
„Dann kommt es noch darauf an, ob ich es mit Ihnen wagen will,“ sprach sie ruhig, „ich kann mir ganz gut denken, daß ich einem Mann für das Leben gehöre, aber es müßte ein voller Mann sein, ein Mann, der mir imponiert, der mich durch die Gewalt seines Wesens unterwirft, verstehen Sie? und jeder Mann — ich kenne das — wird, sobald er verliebt ist — schwach, biegsam, lächerlich, wird sich in die Hand des Weibes geben, vor ihr auf den Knien liegen, während ich nur jenen dauernd lieben könnte, vor dem ich knien würde. Aber Sie sind mir so lieb geworden, daß ich es mit Ihnen versuchen will.“
Ich stürze zu ihren Füßen.
„Mein Gott! da knien Sie schon,“ sprach sie spöttisch, „Sie fangen gut an,“ und als ich mich wieder erhoben hatte, fuhr sie fort: „Ich gebe Ihnen ein Jahr Zeit, mich zu gewinnen, mich zu überzeugen, daß wir für einander passen, daß wir zusammen leben können. Gelingt Ihnen dies, dann bin ich Ihre Frau und dann, Severin, eine Frau, welche ihre Pflichten streng und gewissenhaft erfüllen wird. Während dieses Jahres werden wir wie in einer Ehe leben —“
Mir stieg das Blut zu Kopfe.
Auch ihre Augen flammten plötzlich auf. — „Wir werden zusammen wohnen,“ fuhr sie fort, „alle unsere Gewohnheiten teilen, um zu sehen, ob wir uns ineinander finden können.Ich räume Ihnen alle Rechte eines Gatten, eines Anbeters, eines Freundes ein. Sind Sie damit zufrieden?“
„Ich muß wohl.“
„Sie müssen nicht.“
„Also ich will —“
„Vortrefflich. So spricht ein Mann. Da haben Sie meine Hand.“
***
Seit zehn Tagen war ich keine Stunde ohne sie, die Nächte ausgenommen. Ich durfte immerfort in ihre Augen sehen, ihre Hände halten, ihren Reden lauschen, sie überall hin begleiten.
Meine Liebe kommt mir wie ein tiefer, bodenloser Abgrund vor, in dem ich immer mehr versinke, aus dem mich jetzt schon nichts mehr retten kann.
Wir hatten uns heute nachmittag auf der Wiese zu den Füßen der Venusstatue gelagert, ich pflückte Blumen und warf sie in ihren Schoß und sie band sie zu Kränzen, mit denen wir unsere Göttin schmückten.
Plötzlich sah mich Wanda so eigentümlich, so sinnverwirrend an, daß meine Leidenschaft gleich Flammen über mich zusammenschlug. Meiner nicht mehr mächtig, schlang ich meine Arme um sie und hing an ihren Lippen und sie — sie preßte mich an ihre wogende Brust.
„Sind Sie böse?“ fragte ich dann.
„Ich werde nie über etwas böse, was natürlich ist —“ antwortete sie, „ich fürchte nur, Sie leiden.“
„O, ich leide furchtbar.“
„Armer Freund,“ sie strich mir die wirren Haareaus der Stirne, „ich hoffe aber, nicht durch meine Schuld.“
„Nein —“ antwortete ich — „und doch, meine Liebe zu Ihnen ist zu einer Art Wahnsinn geworden. Der Gedanke, daß ich Sie verlieren kann, ja vielleicht in der Tat verlieren soll, quält mich Tag und Nacht.“
„Aber Sie besitzen mich ja noch gar nicht,“ sagte Wanda und sah mich wieder an mit jenem vibrierenden, feuchten, verzehrenden Blicke, der mich schon einmal hingerissen hatte, dann erhob sie sich und legte mit ihren kleinen durchsichtigen Händen einen Kranz von blauen Anemonen auf das weiße Lockenhaupt der Venus. Halb gegen meinen Willen schlang ich den Arm um ihren Leib.
„Ich kann nicht mehr sein ohne dich, du schönes Weib,“ sprach ich, „glaube mir, dies eine Mal nur glaube mir, es ist keine Phrase, keine Phantasie, ich fühle tief im Innersten, wie mein Leben mit dem deinen zusammenhängt; wenn du dich von mir trennst, werde ich vergehen, zugrunde gehen.“
„Aber das wird ja gar nicht nötig sein, denn ich liebe dich, Mann,“ sie nahm mich beim Kinn, „dummer Mann!“
„Aber du willst nur mein sein unter Bedingungen, während ich dir bedingungslos gehöre —“
„Das ist nicht gut, Severin,“ erwiderte sie beinahe erschreckt; „kennen Sie mich denn noch nicht, wollen Sie mich durchaus nicht kennen lernen? Ich bin gut, wenn man mich ernst und vernünftig behandelt, aber wenn man sich mir zu sehr hingibt, werde ich übermütig —“
„Sei’s denn, sei übermütig, sei despotisch,“ rief ich in voller Exaltation, „nur sei mein, sei mein für immer.“ Ich lag zu ihren Füßen und umfaßte ihre Knie.
„Das wird nicht gut enden, mein Freund,“ sprach sie ernst, ohne sich zu regen.
„O! es soll eben nie ein Ende nehmen,“ rief ich erregt, ja heftig, „nur der Tod soll uns trennen. Wenn du nicht mein sein kannst, ganz mein und für immer,so will ich dein Sklave sein, dir dienen, alles von dir dulden, nur stoß mich nicht von dir.“
„Fassen Sie sich doch,“ sagte sie, beugte sich zu mir und küßte mich auf die Stirne. „Ich bin Ihnen ja von Herzen gut, aber das ist nicht der Weg, mich zu erobern, mich festzuhalten.“
„Ich will ja alles, alles tun, was Sie wollen, nur Sie nie verlieren,“ rief ich, „nur das nicht, den Gedanken kann ich nicht mehr fassen.“
„Stehen Sie doch auf.“
Ich gehorchte.
„Sie sind wirklich ein seltsamer Mensch,“ fuhr Wanda fort, „Sie wollen mich also besitzen um jeden Preis?“
„Ja, um jeden Preis.“
„Aber welchen Wert hätte z. B. mein Besitz für Sie?“ — Sie sann nach, ihr Auge bekam etwas Lauerndes, Unheimliches — „wenn ich Sie nicht mehr lieben, wenn ich einem andern gehören würde?“ —
Es überlief mich. Ich sah sie an, sie stand so fest und selbstbewußt vor mir, und ihr Auge zeigte einen kalten Glanz.
„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „Sie erschrecken bei dem Gedanken.“ Ein liebenswürdiges Lächeln erhellte plötzlich ihr Antlitz.
„Ja, mich faßt ein Grauen, wenn ich mir lebhaft vorstelle, daß ein Weib, das ich liebe, das meine Liebe erwidert hat, sich ohne Erbarmen für mich einem anderen hingibt; aber habe ich dann noch eine Wahl? Wenn ich dieses Weib liebe, wahnsinnig liebe, soll ich ihm stolz den Rücken kehren und an meiner prahlerischen Kraft zugrunde gehen, soll ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen? Ich habe zwei Frauenideale. Kann ich mein edles, sonniges, eine Frau, welche mir treu und gütig mein Schicksal teilt, nicht finden, nun dann nur nichts Halbes oder Laues! Dann will ich lieber einem Weibe ohne Tugend, ohne Treue, ohne Erbarmen hingegeben sein. Ein solches Weib in seiner selbstsüchtigen Größe ist auch ein Ideal. Kann ich nicht das Glück der Liebe voll und ganz genießen, dann will ich ihre Schmerzen, ihre Qualen auskosten bis zur Neige; dann will ich von dem Weibe, das ich liebe, mißhandelt, verraten werden, und je grausamer, um so besser. Auch das ist ein Genuß!“
„Sind Sie bei Sinnen!“ rief Wanda.
„Ich liebe Sie so mit ganzer Seele,“ fuhr ich fort, „so mit allen meinen Sinnen, daß Ihre Nähe, Ihre Atmosphäre mir unentbehrlich ist, wenn ich noch weiter leben soll. Wählen Sie also zwischen meinen Idealen. Machen Sie aus mir, was Sie wollen, Ihren Gatten oder Ihren Sklaven.“
„Gut denn,“ sprach Wanda, die kleinen aber energisch geschwungenen Brauen zusammenziehend, „ich denke mir das sehr amüsant, einen Mann, der mich interessiert, der mich liebt, so ganz in meiner Hand zu haben; es wird mir mindestens nicht an Zeitvertreib fehlen. Sie waren so unvorsichtig, mir die Wahl zu lassen. Ich wähle also, ich will, daß Sie mein Sklave sind, ich werde mein Spielzeug aus Ihnen machen!“
„O! tun Sie das,“ rief ich halb schauernd, halb entzückt, „wenn eine Ehe nur auf Gleichheit, auf Übereinstimmung gegründet sein kann, so entstehen dagegen die größten Leidenschaften durch Gegensätze. Wir sind solche Gegensätze, die sich beinahe feindlich gegenüberstehen, daher diese Liebe bei mir, die zum Teil Haß, zum Teil Furcht ist. In einem solchen Verhältnisse aber kann nur eines Hammer, das andere Ambos sein. Ich will Ambos sein. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich auf die Geliebte herabsehe. Ich will ein Weib anbeten können, und das kann ich nur dann, wenn es grausam gegen mich ist.“
„Aber, Severin,“ entgegnete Wanda beinahe zornig, „halten Sie mich denn dessen für fähig, einen Mann, der mich so liebt wie Sie, den ich liebe, zu mißhandeln?“
„Warum nicht, wenn ich Sie dafür um so mehr anbete?Man kann nur wahrhaft lieben, was über uns steht, ein Weib, das uns durch Schönheit, Temperament, Geist, Willenskraft unterwirft, das unsere Despotin wird.“
„Also das, was andere abstößt, zieht Sie an?“
„So ist es. Es ist eben meine Seltsamkeit.“
„Nun, am Ende ist an allen Ihren Passionen nichts so Apartes oder Seltsames, denn wem gefällt nicht ein schöner Pelz? und jeder weiß und fühlt, wie nahe Wollust und Grausamkeit verwandt sind.“
„Bei mir ist dies alles aber auf das Höchste gesteigert,“ erwiderte ich.
„Das heißt, die Vernunft hat wenig Gewalt über Sie, und Sie sind eine weiche hingebende sinnliche Natur.“
„Waren die Märtyrer auch weiche sinnliche Naturen?“
„Die Märtyrer?“
„Im Gegenteil, es warenübersinnliche Menschen, welche im Leiden einen Genuß fanden, welche die furchtbarsten Qualen, ja den Tod suchten wie andere die Freude, und so einÜbersinnlicherbin ich, Madame.“
„Geben Sie nur acht, daß Sie dabei nicht auch zum Märtyrer der Liebe, zumMärtyrer eines Weibeswerden.“
***
Wir sitzen auf Wandas kleinem Balkon in der lauen, duftigen Sommernacht, ein zweifaches Dach über uns, zuerst den grünen Plafond von Schlingpflanzen, dann die mit unzähligen Sternen besäte Himmelsdecke. Aus dem Park tönt der leise, weinerlich verliebte Lockton einer Katze, und ich sitze auf einem Schemel zu den Füßen meiner Göttin und erzähle von meiner Kindheit.
„Und damals schon waren alle diese Seltsamkeiten bei Ihnen ausgeprägt?“ fragte Wanda.
„Gewiß, ich erinnere mich keiner Zeit, wo ich sie nicht hatte, ja schon in der Wiege, so erzählte mir meine Mutter später, war ichübersinnlich, verschmähte die gesunde Brust der Amme, und man mußte mich mit Ziegenmilch nähren. Als kleiner Knabe zeigte ich eine rätselhafte Scheu vor Frauen, in welcher sich eigentlich nur ein unheimliches Interesse für dieselben ausdrückte. Das graue Gewölbe, das Halbdunkel einer Kirche beängstigten mich, und vor den glitzernden Altären und Heiligenbildern faßte mich eine förmliche Angst. Dagegen schlich ich heimlich, wie zu einer verbotenen Freude, zu einer Venus aus Gyps, welche in dem kleinen Bibliothekszimmer meines Vaters stand, kniete nieder und sprach zu ihr die Gebete, die man mir eingelernt, das Vaterunser, das Gegrüßt seist du Maria und das Credo.
Einmal verließ ich nachts mein Bett, um sie zu besuchen, die Mondsichel leuchtete mir und ließ die Göttin in einem fahlblauen kalten Licht erscheinen. Ich warf mich vor ihr nieder, küßte ihre kalten Füße, wie ich es bei unsern Landleuten gesehen hatte, wenn sie die Füße des toten Heilands küßten.
Eine unbezwingliche Sehnsucht ergriff mich.
Ich stieg empor und umschlang den schönen kalten Leib und küßte die kalten Lippen, da sank ein tiefer Schauer auf mich herab und ich entfloh, und im Traume war es mir, als stünde die Göttin vor meinem Lager und drohe mir mit erhobenem Arm.
Man schickte mich frühzeitig in die Schule und sokam ich bald auf das Gymnasium und ergriff alles mit Leidenschaft, was mir die antike Welt zu erschließen versprach. Ich war bald mit den Göttern Griechenlands vertrauter als mit der Religion Jesu, ich gab mit Paris Venus den verhängnisvollen Apfel, ich sah Troja brennen und folgte Odysseus auf seinen Irrfahrten. Die Urbilder alles Schönen senkten sich tief in meine Seele, und so zeigte ich zu jener Zeit, wo andere Knaben sich roh und unflätig gebärden, einen unüberwindlichen Abscheu gegen alles Niedere, Gemeine, Unschöne.
Als etwas ganz besonders Niederes und Unschönes erschien jedoch dem reifenden Jüngling die Liebe zum Weibe, so wie sie sich ihm zuerst in ihrer vollen Gewöhnlichkeit zeigte. Ich mied jede Berührung mit dem schönen Geschlechte, kurz, ich war übersinnlich bis zur Verrücktheit.
Meine Mutter bekam — ich war damals etwa vierzehn Jahre alt — ein reizendes Stubenmädchen, jung, hübsch, mit schwellenden Formen. Eines Morgens, ich studierte meinen Tacitus und begeisterte mich an den Tugenden der alten Germanen, kehrte die Kleine bei mir aus; plötzlich hielt sie inne, neigte sich, den Besen in der Hand, zu mir, und zwei volle frische köstliche Lippen berührten die meinen. Der Kuß der verliebten kleinen Katze durchschauerte mich, aber ich erhob meine ‚Germania‘ wie ein Schild gegen die Verführerin und verließ entrüstet das Zimmer.“
Wanda brach in lautes Lachen aus. „Sie sind in der Tat ein Mann, der seines Gleichen sucht, aber fahren Sie nur fort.“
„Eine andere Szene aus jener Zeit bleibt mir unvergeßlich,“ erzählte ich weiter, „Gräfin Sobol, eine entfernte Tante von mir, kam zu meinen Eltern auf Besuch, eine majestätische schöne Frau mit einem reizenden Lächeln; ich aber haßte sie, denn sie galt in der Familie als eine Messalina, und benahm mich so unartig, boshaft und täppisch, wie nur möglich gegen sie.
Eines Tages fuhren meine Eltern in die Kreisstadt. Meine Tante beschloß ihre Abwesenheit zu benützen und Gericht über mich zu halten. Unerwartet trat sie in ihrer pelzgefütterten Kazabaika[3]herein, gefolgt von der Köchin, Küchenmagd und der kleinen Katze, die ich verschmäht hatte. Ohne viel zu fragen, ergriffen sie mich und banden mich, trotz meiner heftigen Gegenwehr, an Händen und Füßen, dann schürzte meine Tante mit einem bösen Lächeln den Ärmel empor und begann mich mit einer großen Rute zu hauen, und sie hieb so tüchtig, daß Blut floß und ich zuletzt, trotz meinem Heldenmut, schrie und weinte und um Gnade bat. Sie ließ mich hierauf losbinden, aber ich mußte ihr kniend für die Strafe danken und die Hand küssen.
Nun sehen Sie den übersinnlichen Toren! Unter der Rute der schönen üppigen Frau, welche mir in ihrer Pelzjacke wie eine zürnende Monarchin erschien, erwachte in mir zuerst der Sinn für das Weib und meine Tante erschien mir fortan als die reizendste Frau auf Gottes Erdboden.
Meine katonische Strenge, meine Scheu vor dem Weibe war eben nichts, als ein auf das Höchste getriebenerSchönheitssinn; die Sinnlichkeit wurde in meiner Phantasie jetzt zu einer Art Kultur, und ich schwur mir, ihre heiligen Empfindungen ja nicht an ein gewöhnliches Wesen zu verschwenden, sondern für eine ideale Frau, wo möglich für die Liebesgöttin selbst aufzusparen.
Ich kam sehr jung auf die Universität und in die Hauptstadt, in welcher meine Tante wohnte. Meine Stube glich damals jener des Doktor Faust. Alles stand in derselben wirr und kraus, hohe Schränke mit Büchern vollgepfropft, welche ich um Spottpreise bei einem jüdischen Antiquar in der Servanica[4]erhandelte, Globen, Atlanten, Phiolen, Himmelskarten, Tiergerippe, Totenköpfe, Büsten großer Geister. Hinter dem großen grünen Ofen konnte jeden Augenblick Mephistopheles als fahrender Scholast hervortreten.
Ich studierte alles durcheinander, ohne System, ohne Wahl, Chemie, Alchimie, Geschichte, Astronomie, Philosophie, die Rechtswissenschaften, Anatomie und Literatur; las Homer, Virgil, Ossian, Schiller, Goethe, Shakespeare, Cervantes, Voltaire, Molière, den Koran, den Kosmos, Casanovas Memoiren. Ich wurde jeden Tag wirrer, phantastischer und übersinnlicher. Und immer hatte ich ein schönes ideales Weib im Kopfe, das mir von Zeit zu Zeit gleich einer Vision auf Rosen gebettet, von Amoretten umringt, zwischen meinen Lederbänden und Totenbeinen erschien, bald in olympischer Toilette, mit dem strengen weißen Antlitz der gipsernen Venus, bald mit den üppigen braunen Flechten, den lachendenblauen Augen und in der rotsamtenen hermelinbesetzten Kazabaika meiner schönen Tante.
Eines Morgens, nachdem sie mir wieder in vollem lachenden Liebreiz aus dem goldenen Nebel meiner Phantasie aufgetaucht war, ging ich zu Gräfin Sobol, welche mich freundlich, ja herzlich empfing und mir zum Willkomm einen Kuß gab, der alle meine Sinne verwirrte. Sie war jetzt wohl nahe an vierzig Jahre, aber wie die meisten jener unverwüstlichen Lebefrauen noch immer begehrenswert, sie trug auch jetzt stets eine pelzbesetzte Jacke, und zwar diesmal von grünem Samt mit braunem Edelmarder, aber von jener Strenge, die mich damals an ihr entzückt hatte, war nichts zu entdecken.
Im Gegenteil sie war so wenig grausam gegen mich, daß sie mir ohne viel Umstände die Erlaubnis gab, sie anzubeten.
Sie hatte meine übersinnliche Torheit und Unschuld nur zu bald entdeckt, und es machte ihr Vergnügen, mich glücklich zu machen. Und ich — ich war in der Tat selig wie ein junger Gott. Welcher Genuß war es für mich, wenn ich, vor ihr auf den Knien liegend, ihre Hände küssen durfte, mit denen sie mich damals gezüchtigt hatte. Ach! was für wunderbare Hände! von so schöner Bildung, so fein und voll und weiß, und mit welch allerliebsten Grübchen. Ich war eigentlich nur in diese Hände verliebt. Ich trieb mein Spiel mit ihnen, ließ sie in dem dunklen Pelz auf- und abtauchen, ich hielt sie gegen die Flamme und konnte mich nicht sattsehen an ihnen.“
Wanda betrachtete unwillkürlich ihre Hände, ich bemerkte es und mußte lächeln.
„Wie zu jeder Zeit das Übersinnliche bei mir überwog, sehen Sie daraus, daß ich bei meiner Tante in die grausamen Rutenhiebe, welche ich von ihr empfangen hatte, und bei einer jungen Schauspielerin, welcher ich etwa zwei Jahre später den Hof machte, nur in ihre Rollen verliebt war. Ich habe dann auch für eine sehr achtbare Frau geschwärmt, welche die unnahbare Tugend spielte, um mich schließlich an einen reichen Juden zu verraten. Sehen Sie, weil ich von einer Frau, welche die strengsten Grundsätze, die idealsten Empfindungen heuchelte, betrogen, verkauft wurde: deshalb hasse ich diese Sorte poetischer, sentimentaler Tugenden so sehr; geben Sie mir ein Weib, das ehrlich genug ist, mir zu sagen: ich bin eine Pompadour, eine Lucretia Borgia, und ich will sie anbeten.“
Wanda stand auf und öffnete das Fenster.
„Sie haben eine eigentümliche Manier, die Phantasie zu erhitzen, einem alle Nerven aufzuregen, alle Pulse höher schlagen zu machen. Sie geben dem Laster eine Aureole, wenn es nur ehrlich ist. Ihr Ideal ist eine kühne geniale Courtisane; o! Sie sind mir der Mann, eine Frau von Grund aus zu verderben!“
***
Mitten in der Nacht klopfte es an mein Fenster, ich stand auf, öffnete und schrak zusammen. Draußenstand Venus im Pelz, genau so wie sie mir das erste Mal erschienen war.
„Sie haben mich mit Ihren Geschichten aufgeregt, ich wälze mich auf meinem Lager und kann nicht schlafen,“ sprach sie, „kommen Sie jetzt nur, mir Gesellschaft leisten.“
„Im Augenblicke.“
Als ich eintrat, kauerte Wanda vor dem Kamin, in dem sie ein kleines Feuer angefacht hatte.
„Der Herbst meldet sich,“ begann sie, „die Nächte sind schon recht kalt. Ich fürchte, Ihnen zu mißfallen, aber ich kann meinen Pelz nicht abwerfen, ehe das Zimmer nicht warm genug ist.“
„Mißfallen — Schalk! — Sie wissen doch —“ ich schlang den Arm um sie und küßte sie.
„Freilich weiß ich, aber woher haben Sie diese große Vorliebe für den Pelz?“
„Sie ist mir angeboren,“ erwiderte ich, „ich zeigte sie schon als Kind. Übrigens übt Pelzwerk auf alle nervösen Naturen eine aufregende Wirkung, welche auf ebenso allgemeinen als natürlichen Gesetzen beruht. Es ist ein physischer Reiz, welcher wenigstens ebenso seltsam prickelnd ist, und dem sich niemand ganz entziehen kann. Die Wissenschaft hat in neuester Zeit eine gewisse Verwandtschaft zwischen Elektrizität und Wärme nachgewiesen, verwandt sind ja jedenfalls ihre Wirkungen auf den menschlichen Organismus. Die heiße Zone erzeugt leidenschaftlichere Menschen, eine warme Atmosphäre Aufregung. Genau so die Elektrizität. Daher der hexenhaft wohltätige Einfluß, welchen die Gesellschaft vonKatzenauf reizbare geistige Menschen übt und diese langgeschwänzten Grazien der Tierwelt, diese niedlichen, funkensprühenden, elektrischen Batterien zu den Lieblingen eines Mahomed, Kardinal Richelieu, Crebillon, Rousseau, Wieland gemacht hat.“
„Eine Frau, die also einen Pelz trägt,“ rief Wanda, „ist also nichts anderes als eine große Katze, eine verstärkte elektrische Batterie?“
„Gewiß,“ erwiderte ich, „und so erkläre ich mir auch die symbolische Bedeutung, welche der Pelz als Attribut der Macht und Schönheit bekam. In diesem Sinne nahmen ihn in früheren Zeiten Monarchen und ein gebietender Adel durch Kleiderordnungen ausschließlich für sich in Anspruch und große Maler für die Königinnen der Schönheit. So fand ein Raphael für die göttlichen Formen der Fornarina, Titian für den rosigen Leib seiner Geliebten keinen köstlicheren Rahmen als dunklen Pelz.“
„Ich danke für die gelehrt erotische Abhandlung,“ sprach Wanda, „aber Sie haben mir nicht alles gesagt, Sie verbinden noch etwas ganz Apartes mit dem Pelz.“
„Allerdings,“ rief ich, „ich habe Ihnen schon wiederholt gesagt, daß im Leiden ein seltsamer Reiz für mich liegt, daß nichts so sehr im stande ist, meine Leidenschaft anzufachen als die Tyrannei, die Grausamkeit, und vor allem die Treulosigkeit eines schönen Weibes. Und dieses Weib, dieses seltsame Ideal aus der Ästhetik des Häßlichen, die Seele eines Nero im Leibe einer Phryne, kann ich mir nicht ohne Pelz denken.“
„Ich begreife,“ warf Wanda ein, „er gibt einer Frau etwas Herrisches, Imponierendes.“
„Es ist nicht das allein,“ fuhr ich fort, „Sie wissen, daß ich ein ‚Übersinnlicher‘ bin, daß bei mir alles mehr in der Phantasie wurzelt und von dort seine Nahrung empfängt. Ich war früh entwickelt und überreizt, als ich mit zehn Jahren etwa die Legenden der Märtyrer in die Hand bekam; ich erinnere mich, daß ich mit einem Grauen, das eigentlich Entzücken war, las, wie sie im Kerker schmachteten, auf den Rost gelegt, mit Pfeilen durchschossen, in Pech gesotten, wilden Tieren vorgeworfen, an das Kreuz geschlagen wurden, und das Entsetzlichste mit einer Art Freude litten. Leiden, grausame Qualen erdulden, erschien mir fortan als ein Genuß, und ganz besonders durch ein schönes Weib, da sich mir von jeher alle Poesie, wie alles Dämonische im Weibe konzentrierte. Ich trieb mit demselben einen förmlichen Kultus.
Ich sah in der Sinnlichkeit etwas Heiliges, ja das einzig Heilige, in dem Weibe und seiner Schönheit etwas Göttliches, indem die wichtigste Aufgabe des Daseins: die Fortpflanzung der Gattung vor allem ihr Beruf ist; ich sah im Weibe die Personifikation der Natur, dieIsis, und in dem Manne ihren Priester, ihren Sklaven und sah sie ihm gegenüber grausam wie die Natur, welche, was ihr gedient hat, von sich stößt, sobald sie seiner nicht mehr bedarf, während ihm noch ihre Mißhandlungen, ja der Tod durch sie zur wollüstigen Seligkeit werden.
Ich beneidete König Gunther, den die gewaltige Brunhilde in der Brautnacht band; den armen Troubadour, den seine launische Herrin in Wolfsfelle nähen ließ, um ihn dann gleich einem Wild zu jagen; ich beneidete den Ritter Ctirad, den die kühne Amazone Scharka durch List im Walde bei Prag gefangen nahm, auf die Burg Divin schleppte, und nachdem sie sich einige Zeit mit ihm die Zeit vertrieben hatte, auf das Rad flechten ließ —“
„Abscheulich!“ rief Wanda, „ich würde Ihnen wünschen, daß Sie einem Weibe dieser wilden Rasse in die Hände fielen, im Wolfsfell, unter den Zähnen der Rüden oder auf dem Rade würde Ihnen schon die Poesie vergehen.“
„Glauben Sie? ich glaube nicht.“
„Sie sind wirklich nicht ganz gescheit.“
„Möglich. Aber hören Sie weiter, ich las fortan mit einer wahren Gier Geschichten, in denen die furchtbarsten Grausamkeiten geschildert, und sah mit besonderer Lust Bilder, Stiche, auf denen sie zur Darstellung kamen, und alle die blutigen Tyrannen, die je auf einem Throne saßen, die Inquisitoren, welche die Ketzer foltern, braten, schlachten ließen, alle jene Frauen, welche in den Blättern der Weltgeschichte als wollüstig, schön und gewalttätig verzeichnet sind, wie Libussa, Lucretia Borgia, Agnes von Ungarn, Königin Margot, Isabeau, die Sultanin Roxolane, die russischen Zarinnen des vorigen Jahrhunderts, alle sah ich in Pelzen oder hermelinverbrämten Roben.“
„Und so erweckt Ihnen jetzt der Pelz Ihre seltsamen Phantasien,“ rief Wanda, und sie begann zu gleicher Zeit sich mit ihrem prächtigen Pelzmantel kokettzu drapieren, so daß die dunklen glänzenden Zobelfelle entzückend um ihre Büste, ihre Arme spielten. „Nun, wie ist Ihnen jetzt zumute, fühlen Sie sich schon halb gerädert?“
Ihre grünen durchdringenden Augen ruhten mit einem seltsamen, höhnischen Behagen auf mir, als ich mich von Leidenschaften übermannt vor ihr niederwarf und die Arme um sie schlang.
„Ja — Sie haben in mir meine Lieblingsphantasie erweckt,“ rief ich, „die lange genug geschlummert.“
„Und diese wäre?“ sie legte die Hand auf meinen Nacken.
Mich ergriff unter dieser kleinen warmen Hand, unter ihrem Blick, der zärtlich forschend durch die halbgeschlossenen Lider auf mich fiel, eine süße Trunkenheit.
„Der Sklave eines Weibes, eines schönen Weibes zu sein, das ich liebe, das ich anbete!“
„Und das Sie dafür mißhandelt!“ unterbrach mich Wanda lachend.
„Ja, das mich bindet und peitscht, das mir Fußtritte gibt, während es einem andern gehört.“
„Und das, wenn Sie durch Eifersucht wahnsinnig gemacht, dem beglückten Nebenbuhler entgegentreten, in seinem Übermute so weit geht, Sie an denselben zu verschenken und seiner Roheit preiszugeben. Warum nicht? Gefällt Ihnen das Schlußtableau weniger?“
Ich sah Wanda erschreckt an.
„Sie übertreffen meine Träume.“
„Ja, wir Frauen sind erfinderisch,“ sprach sie, „geben Sie acht, wenn Sie Ihr Ideal finden, kann es leicht geschehen, daß es Sie grausamer behandelt, als Ihnen lieb ist.“
„Ich fürchte, ich habe mein Ideal bereits gefunden!“ rief ich, und preßte mein glühendes Antlitz in ihren Schoß.
„Doch nicht in mir?“ rief Wanda, warf den Pelz ab und sprang lachend im Zimmer herum; sie lachte noch, als ich die Treppe hinabstieg, und als ich nachdenkend im Hofe stand, hörte ich noch oben ihr mutwilliges ausgelassenes Gelächter.
***
„Soll ich Ihnen also Ihr Ideal verkörpern?“ sprach Wanda schelmisch, als wir uns heute im Parke trafen.
Anfangs fand ich keine Antwort. In mir kämpften die widersprechendsten Empfindungen. Sie ließ sich indes auf eine der steinernen Bänke nieder und spielte mit einer Blume.
„Nun — soll ich?“
Ich kniete nieder und faßte ihre Hände.
„Ich bitte Sie noch einmal, werden Sie meine Frau, mein treues, ehrliches Weib; können Sie das nicht, dann seien Sie mein Ideal, aber dann ganz, ohne Rückhalt, ohne Milderung.“
„Sie wissen, daß ich in einem Jahre Ihnen meine Hand reichen will, wenn Sie der Mann sind, den ich suche,“ entgegnete Wanda sehr ernst, „aber ich glaube, Sie würden mir dankbarer sein, wennich Ihnen Ihre Phantasie verwirkliche. Nun, was ziehen Sie vor?“
„Ich glaube, daß alles das, was mir in meiner Einbildung vorschwebt, in Ihrer Natur liegt.“
„Sie täuschen sich.“
„Ich glaube,“ fuhr ich fort, „daß es Ihnen Vergnügen macht, einen Mann ganz in Ihrer Hand zu haben, zu quälen —“
„Nein, nein!“ rief sie lebhaft, „oder doch“ — sie sann nach. „Ich verstehe mich selbst nicht mehr,“ fuhr sie fort, „aber ich muß Ihnen ein Geständnis machen. Sie haben meine Phantasie verdorben, mein Blut erhitzt, ich fange an, an allem dem Gefallen zu finden, die Begeisterung, mit der Sie von einer Pompadour, einer Katharina II. und von all den anderen selbstsüchtigen, frivolen und grausamen Frauen sprechen, reißt mich hin, senkt sich in meine Seele und treibt mich, diesen Frauen ähnlich zu werden, welche trotz ihrer Schlechtigkeit, so lange sie lebten, sklavisch angebetet wurden und noch im Grabe Wunder wirken.
Am Ende machen Sie aus mir noch eine Miniaturdespotin, eine Pompadour zum Hausgebrauche.“
„Nun denn,“ sprach ich erregt, „wenn dies in Ihnen liegt, dann geben Sie sich dem Zuge Ihrer Natur hin, nur nichts Halbes; können Sie nicht ein braves, treues Weib sein, so seien Sie ein Teufel.“
Ich war übernächtig, aufgeregt, die Nähe der schönen Frau ergriff mich wie ein Fieber, ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber ich erinnere mich,daß ich ihre Füße küßte und zuletzt ihren Fuß aufhob und auf meinen Nacken setzte. Sie aber zog ihn rasch zurück und erhob sich beinahe zornig.
„Wenn Sie mich lieben, Severin,“ sprach sie rasch, ihre Stimme klang scharf und gebieterisch, „so sprechen Sie nicht mehr von diesen Dingen. Verstehen Sie mich, nie mehr. Ich könnte am Ende wirklich —“ sie lächelte und setzte sich wieder.
„Es ist mein voller Ernst,“ rief ich halb phantasierend, „ich bete Sie so sehr an, daß ich alles von Ihnen dulden will um den Preis, mein ganzes Leben in Ihrer Nähe sein zu dürfen.“
„Severin, ich warne Sie noch einmal.“
„Sie warnen mich vergebens. Machen Sie mit mir, was Sie wollen, nur stoßen Sie mich nicht ganz von sich.“
„Severin,“ entgegnete Wanda, „ich bin ein leichtsinniges, junges Weib, es ist gefährlich für Sie, sich mir so ganz hinzugeben, Sie werden am Ende in der Tat mein Spielzeug; wer schützt Sie dann, daß ich Ihren Wahnsinn nicht mißbrauche?“
„Ihr edles Wesen.“
„Gewalt macht übermütig.“
„So sei übermütig,“ rief ich, „tritt mich mit Füßen.“
Wanda schlang ihre Arme um meinen Nacken, sah mir in die Augen und schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, ich werde es nicht können, aber ich will es versuchen, dir zu lieb, denn ich liebe dich, Severin, wie ich noch keinen Mann geliebt habe.“
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Sie nahm heute plötzlich Hut und Shawl und ich mußte sie in den Bazar begleiten. Dort ließ sie sich Peitschen zeigen, lange Peitschen an kurzem Stiel, wie man sie für Hunde hat.
„Diese dürften genügen,“ sprach der Verkäufer.
„Nein, sie sind viel zu klein,“ erwiderte Wanda mit einem Seitenblick auf mich, „ich brauche eine große —“
„Für eine Bulldogge wohl?“ meinte der Kaufmann.
„Ja,“ rief sie, „in der Art, wie man sie in Rußland hatte für widerspenstige Sklaven.“
Sie suchte und wählte endlich eine Peitsche, bei deren Anblick es mich etwas unheimlich beschlich.
„Nun adieu, Severin,“ sagte sie, „ich habe noch einige Einkäufe, bei denen Sie mich nicht begleiten dürfen.“
Ich verabschiedete mich und machte einen Spaziergang, auf dem Rückwege sah ich Wanda aus dem Gewölbe eines Kürschners heraustreten. Sie winkte mir.
„Überlegen Sie sich’s noch,“ begann sie vergnügt, „ich habe Ihnen nie ein Geheimnis daraus gemacht, daß mich vorzüglich Ihr ernstes, sinnendes Wesen gefesselt hat; es reizt mich nun freilich, den ernsten Mann mir ganz hingegeben, ja geradezu verzückt zu meinen Füßen zu sehen — ob aber dieser Reiz auch anhalten wird? Das Weib liebt den Mann, den Sklaven mißhandelt es und stößt ihn zuletzt noch mit dem Fuße weg.“
„Nun, so stoße mich mit dem Fuße fort, wenndu mich satt hast,“ entgegnete ich, „ich will dein Sklave sein.“
„Ich sehe, daß gefährliche Anlagen in mir schlummern,“ sagte Wanda, nachdem wir wieder einige Schritte gegangen waren, „du weckst sie und nicht zu deinem Besten, du verstehst es, die Genußsucht, die Grausamkeit, den Übermut so verlockend zu schildern — was wirst du sagen, wenn ich mich darin versuche und wenn ich es zuerst an dir versuche, wie Dionys, welcher den Erfinder des eisernen Ochsen zuerst in demselben braten ließ, um sich zu überzeugen, ob sein Jammern, sein Todesröcheln auch wirklich wie das Brüllen eines Ochsen klinge.“
„Vielleicht bin ich so ein weiblicher Dionys?“
„Sei es,“ rief ich, „dann ist meine Phantasie erfüllt. Ich gehöre dir im Guten oder Bösen, wähle du selbst. Mich treibt das Schicksal, das in meiner Brust ruht — dämonisch — übermächtig.“
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