Der Dragoner

Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn, ich bin so glücklich: „ich habe meine Frau erwürgt.“ Und ich fühle mich seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: „Ob Dorka das wert war, mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .“ Auf seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: „Andreas Söraas, stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62, III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .“

Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück. Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der anderen wird langsam zugemacht.Das Haustor steht weit offen.Meine Frau singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: „Du solltest klug genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .“ Und ich: „Ja! Ja!!“ Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld.Wir sprechen uns über den gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich. Wenn sie wüßte. Sie sagt: „Hans, liebe mich.“ Sie ist sehr erregt. „Du meinst wohl, ich solle dich . . .?“ Sie, aber sehr traurig: „Hans, du bist so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne sein, ich bin dein ‚Franzosenweibchen‘, du mußt dein kleines Frauchen schonen.“ Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es sehr albern vor. Und ich sage nur: „Du hast ne feine Fresse!“ . . .

Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.

Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist! Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: „Weib . . .“ Ich nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne: „Ach Dorka, du hast ja das ganzeBett . . .“ Sie dreht nur den Kopf: „Ach, Hans, du lügst . . .“ Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: „Ach Hans, mein Hans, mach mich tot!“ Und ich denke bei mir: soll das heißen . . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt. Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar und eindringlich: „Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste . . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber! . . .“ Und sie nennt einen Namen: „Isaak“. Ich weiß, das ist der erste Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: „Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast du mein Buberl“ . . . Dann schreiend: „Andre! Andre!“ Und mit ihren Händen wild in meine Haare: „Isaak! Isaak!“ Und mich inbrünstig küssend: „Liebster!“ Und weiter: „Das andere waren ja — ach! — nur schlechte Gäste . . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart fürdich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich . . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin . . .Das Leben ist beschissen. . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen . . .“

Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen will, furchtbar, entsetzlich, drohend: „Laß mich! Du laß mich! Du fremder Mann . . .“ Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen. Um ihre Gunst bemühen sich alle . . .

Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig, den geliebten Namen: „Isaak! Isaak! . . .“

Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt.Ich sinke in einen Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und bleich, kommt mir entgegen, sanft: „mein großer Junge!“ Wie ähnlich sie Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir. Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: „O Dorka, daß ich dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen Büchern,im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka! . . .“

Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. „Friert dich nicht, Dorka.“ Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke ein, daß sie ja nicht friert. „Kann ich sie nicht erwärmen?“ Und ich denke an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu.

Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendendenGloriole umgeben . . . „Madonna Madonna!“ und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .

Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer. Ich träume weiter.

Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus; himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege, rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten, kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt, friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse und graue Hunde, gelbe,buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück — wie auch mir, der ich ununterbrochen jauchze oder überselig schweige — unfaßlich und märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder, honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben. Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen, verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll, gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. „Wie glücklich bin ich,“ brüllt Hai, „wie wohl ich mich fühle,“ entgegnet, freundlich brummend, der Kamerad. „Meinen Gruß! Meinen Gruß!“ zwitschert hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegtenZweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! „Wo habt ihr das große Kind hergebracht?“ Und: „Es geht wohl zum Silbersee?“ erkundigte sich eiligen Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. —

„Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .“ Ich erwache. Alles ist spinnig. Man ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: „Gleich, Frau Naßl . . .“ Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter, unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist sehr kühl. Es regnet . . . „Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust haben . . .“ Und es istölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße ist eine „Aschen“—Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend, halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, frage ich nach Dorka. Die Dorka —: „eine Dame hellen gewürfelten Rocks, roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!“ Man schüttelt die Köpfe. „Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: in den Fluß, durch den See — (und bei See denke ich immer an Dorkas starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch eingetroffen!) — durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen Meer.“ Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. „Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden, daß die Nase hinschwindet, das Kinn.“ Ich trete von einem Bein auf das andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon Leute bemerkt haben!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße, in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. „HerrLehrer, ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich . . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .“ Und er: „Gut, daß du wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .“ Und haut mir eine mit dem Stock über . . .

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße . . . Es ist aber mein Vater: „Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng . . . Bitte . . .“ Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken, denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden, es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen Blutgeruch.

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu rechtfertigen: „Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du . . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . . Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du weißt es . . . Habe ich nicht auchAnnie Unrecht getan . . . Und die Dorka habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .“ Das aber brülle ich Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: „Nimm alle Schuld von mir. . .“

Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott, wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: „Luft Luft!“ Mir schwindelt. Ich werfe die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe, muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt an den Dächern. „Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß das ja nie so genau.“ Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen. Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt, sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. „Guten Morgen, Hans, ich suche dich schon lang, du stehstscheinbar schon lang hier. Du bist ganz durchnäßt!“ Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und ich: „Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein, also führen Sie mich zu Gott.“ Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu Gott. Und er kurz: „In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.“

Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz eingeschüchtert. „Ich fahre zu Gott.“ Josef schaut mich fest an. Ich presse mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir plötzlich wieder alles bewußt. „Das ist kein Engel.“ Und aufkreischend: „Josef! Josef!“. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse bleibt wahr. Und ausbrechend: „Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot du bist.“ Und aufgelöst, in Tränen: „Überall ist dein Name im Flattern grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik, glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Allesbedeckst du.Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib.“

Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: „Sie hat Andre geliebt, sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat sie geliebt, sie hat alle geliebt.“

Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, „ich fahre doch zu Gott“. Und: „Ich war ein Büßer“. Ich fühle mich ganz voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind: „Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.“ Und sie schlägt immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in meinem Blut.

Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache, denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz, der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich aufgelöststammle ich: „Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!“ und ich erinnere mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.

Und ausbrechend: „Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg. Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?!Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes, ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester.Ich werde sechsfacher Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas: Tönemäher!) —: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan, das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber, tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde ich bekämpfen,bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten Geschlechts.“

Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt. Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.

Vor ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz.

Der hieß Kony.

Sie hieß Beate.

Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den Mauern der Infanteriekaserne entlang. (. . . vom „General Finkenkeller“ bis „Zu unserem lieben Kronprinz“ . . .) Hier standen sie, Wally und Mizzl, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus der Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend weiter.

Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes Flußbett. Trotzdem es Samstag war. —

Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim „Zu unserem lieben Kronprinz“, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis zwei aus der Masse losbröckelten.

Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit verbreiteten Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der wie ein Licht vor Beate herlief. Und das Dunkel stürzte sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend, offenen Rachens über den „General Finkenkeller“ und „Zu unserem lieben Kronprinz“ und fraß die. Das polterte, tobte, schrie, flackerte rot und feucht, hier einige Male, dort einige Male, dann war auf einmal Schluß.

Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war Athlet. Drei Preise hatte er errungen, zwei zweite, einen ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit schwarz-weißen Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie „Hoch!“ und laut „Hurra!“, und die Musik blies furchtbar, als derVorstand der „Stämmigen Brüder“, der Gerichtssekretär Huber (der graue, der mit dem Bismarck auf dem Bauch! ) sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot vor Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und er betrank sich diesen Abend, den Siegeskranz um das Haupt.

Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille angesteckt ward (— und das war auf der Siegesfeier des „Freideutschen Stemmklubs von 1893“ —) und sie ihm der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig auf die Brust heftete. Und alles schrie „Hoch!“ und laut „Hurra!“

Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude ganz rot, aufgedrehten, glänzenden Schnurrbarts, kam an ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er tätschelte ihr (— die Medaille auf der Brust! —) auf den Hintern.

Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony.

Der schnupperte.

Beim „General Finkenkeller“ aber stand stramm, hochaufgerichtet ein Soldat, ein Riesenkerl. Der stieß den langen Schleppsäbel immer eigensinnig klirrend auf das Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der kalt war und eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der Spitz, lief ganz unbeirrt den beiden wie ein Licht voran, doch immer, wenn der Säbel klirrend ins Pflaster fuhr, ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor.

Es war ein Dragoner.

Und beim „Zu unserem lieben Kronprinz“ standen sie,Wally und Mizzl, zum drittenmal, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und sie stiegen daher, Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend, gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere Zigarre mitten ins Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten Schnurrbarts, von Rauchwolken umhüllt. Und Wally: „Nacht, Beate . . .“

Doch die Mizzl: „Nacht, Frau Major . . .“

Und die Beate ganz glücklich bei sich: „So ghört sichs.“

Doch da bemerkte sie plötzlich, daß sich Kony, der Spitz, und der Dragoner verwundert anschauten. Die beiden blinzelten einander vertraulichst zu und der Dragoner sagte dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar etwas miteinander.Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete und nickte.

Da brach die Masse der Lärm-Infanteristen in schallendes Gelächter aus: „Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! . . .“ Aber standen dabei gar nicht stramm und das empörte sie. —

Sie zündete das Licht an.

Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich sehr genau in ihrem Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer und ganz gelb. Und die Beate fragte sich, an wen erinnert mich der nur. Und sie mußte sofort an das Café Krenkel in der Madenstraße denken. Das war auch ganz gelb. Gelbe Vorhänge, gelbes Licht, und die Musik war gelb. Und sie entsann sich, daß sie dort den letzten Samstag auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war, (— auch die Wally und die Mizzl waren dabei! —) denFuß in den Aschenbecher setzte . . . schrie, das seien Steigbügel . . . und gleich davonreiten wollte, — wohin, das wußte sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war ja so oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man hatte sie ja dort auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch plötzlich auffahrend, ganz unvermittelt: „Mein Eisschrank . . . und Wachs . . .“

Nur der glänzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht, die ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre mitten drin, die waren ja ganz lebendig. Und sie bemerkte auch, daß er große und sehr feuchte Hände hatte. Und sie dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: „Wasser ist genug da, die zu waschen, auch Sandseife . . . auch ein großes frisches Handtuch ist da . . .er kann sie darnach daran abtrocknen. . .“

Er schnallte den Säbel ab, der sehr groß war. Viel größer als die Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie zufrieden fest. „Die Schmierer, die schiachen . . .“

Aber er sprach auch so gar nichts.

Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach eingeschmuggelt? Kümmerte er sich denn überhaupt um sie?

Und unermeßlich erdehnte er sich plötzlich, ragte durch die Decke, die blitzende Helmspitze hartnäckig in den tiefblauen Nachthimmel bohrend. Das flimmerte. Es tropfte. Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und der Säbel, plötzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte, das Himmel und Erde verband . . . und plötzlich ein eiskalter Wasserstrahl, der jäh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz.

Sie bat: „Geh, Schatz, leg deinen Helm ab!“ Und sie dachte plötzlich wieder heiß an Kony, ihren Athleten. Der wollte sie einmal erstechen. Im Rausch . . . Und sie flüsterte selig, emporschauend: „Kony!“ . . . Und da hing er an der Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und Eichenkranz, die Arme nach hinten verschränkt, aufgedrehten Schnurrbarts, von Postkarten, Fächern, Tanzschleifen umgeben: Kony.

Da knurrte der Spitz.

Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also noch da.

Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem Spitz und dem photographischen Brustbild.

Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins Knopfloch, wie es damals Schiller, der Oberbaurat Schiller, getan, und band ihm eine grüne Samtschleife um den Kopf und drückte sie ihm sorgfältig zurecht, wie seinerzeit der Huber, der Gerichtssekretär Huber auf dem Fest der „Stämmigen Brüder“. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich, unsinnig lachend: „Nun kannst du dich wieder besaufen, Kony . . .“ Ja! Hatte er nicht eine glänzende Medaille im Knopfloch, schmückte sein Haupt nicht ein Eichenkranz, ganz grün?! . . . Und er kam an den Tisch, setzte sich zu ihr und tätschelte ihr auf den Hintern. Und irgendwer schrie: „Hoch!“ und laut „Hurra!“ Und eine Musik blies irgendwo furchtbar.

Und die Beate (das war ja zu närrisch!) —: sie lachte unsinnig.

Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er.

Aber sein Aussehen änderte sich, denn als er aus dem Schatten nach vorn plötzlich unter das Licht trat, sah sie, er war blau, blau sein Gesicht, ganz blau. Doch als er wieder sich schwankend nach rückwärts verzog, sah sie: er war grün, grün sein Gesicht, ganz grün. Doch als er bald darauf wieder rülpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden, ja wieder ganz gelb. Sein Gesicht, die Hände rot, und der aufgedrehte Schnurrbart glänzte.

Auch sang er wieder und kommandierte laut. „Ich hab es mir ja gleich gedacht, daß du schon wieder besoffen bist . . .“

Kony knurrte.

Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die beiden verstanden sich scheinbar gut.

Da aber Kony plötzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe Dragoner mit seinem langen Säbel nach ihm. Da wand er sich sogleich verröchelnd.

Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie kreischte auf. Er aber setzte den Fuß auf ihre Brust. Da schwieg sie.

Sie lag auf dem Rücken. Versuchte wieder hochzukommen. Wälzte sich, krümmte sich. Sie konnte nicht.

Er nahm die Schlüssel an sich. Die Handtasche öffnete er. Zählte: drei Mark und fünfzig . . .

Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los riß er sie, hob sie empor, unendlich hoch empor und mit beiden Armen niederschleuderte er sie. Er schmetterte sie alle Stockwerke durch. Daß sie tief vergraben in der Erde stak. Den Körper voll Splitter. Sie wimmerte.

Da kommandierte er laut: „Achtung!“ und zog den Säbel.

Sie dachte wieder an Kony.

Ja —: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz ums Haupt, ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz grün. Der aufgedrehte Schnurrbart glänzte . . . und jemand schrie „Hoch!“ und laut „Hurra!“ . . . und eine Musik blies furchtbar. Sie lachte unsinnig.

Und wieder: „Achtung!“ . . . und er war ganz gelb . . .

Sie lachte unsinnig. „Wie närrisch!“

Doch plötzlich flehentlich: „Herr Schmetterling! Herr Schmetterling!“

Der aber lachte wild auf.

Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In die Knie geknickt. Schon vorher durchbohrt. Und weit zum Stoß ausholend: „Achtung! Liebste! Achtung!“

Und er stieß zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog wieder zurück, zielte, prüfte. Er spielte mit ihr.

Beate prustete, arbeitete mit Händen und Füßen, unermüdlich. Umschlang zärtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte sie: „O, gellten alle Himmel der Welt jetzt! . . .“ Und laut: „Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe!“ Ihre Hände bluteten.

Doch —: siestand!

Und jubelnd ihm entgegen: „O, dich kenn ich . . .“

Und er: „Kröte! . . . Verfluchtes!“

Und stieß durch.

Heinrich Franz Bachmair dankbar

Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schüttelte Äpfel von den Bäumen, las sie auf und sammelte sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug, das darnach roch.

Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dünnes Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr.

Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche aus und hüstelte.

Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und führte Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm langsam ins Knopfloch.

Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen die Rettiche.

Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und er bemerkte die Mutter, die, über den Suppenteller gebückt, hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weißer, fast plastischer Streifen, zog sich über die Wange der Mutter —: ein Striemen. Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, roten Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. Er widersprach dem Vater trotzig:

„Laß mich!“

Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller.

Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, würgte ihn, riß ihn zu Boden und trat ihn mit dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich auf, schreiend —: er wurde niedergeschlagen.Das nahm kein Ende für ihn.

Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie auf die Straße hinunter.

Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter kam aus ihrem Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte sich zitternd unter sie.

Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rächen.

Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab.

Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es zweimal läutete und Frau Schaa kam.

Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich:

„Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik fang ich immer zu phantasieren an . . .“

Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . .

Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er verurteilte sie zum Tode.

Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er nicht die Mütze der Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem Gesetz, derVerfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . . Unantastbare Macht . . .

Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete sich und fand den Vater ungeheuerlich.

Dumpfe Schläge.

Die Mutter wimmerte . . .

Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .?

Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. —

Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich. Kurt schlief im Bett des Vaters neben der Mutter. Er ging vor ihr ins Bett, konnte aber nie einschlafen. Sie kam, und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich einmal nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie schwarze Wellen um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen Lippen waren halb geöffnet.

Er flüsterte.

Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und sagte:

„Laß mich, Liebling! . . . Schlaf!“

Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann fort war. Sie lag im Fenster und sah die Straße hinab. Sie stopfte fleißig Socken, flickte die zerrissenen Hemden des Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge aus.

Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig jeden zweiten Tag, kamen.

Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzteihn groß an. Herr Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett hinaus, fluchend. Er war wieder betrunken und sah aus wie ein Strolch.

Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er auch sie.

Sie heulte.

Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag hervorgekrochen.

Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte sie. Die bärtigen Wangen rollten dicke Tränen herab, die, wie Perlen gereiht, an seinem strohigen Schnurrbart hängen blieben.

Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der Eltern mit dem Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er wollte sie beide töten.

Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus . . .

Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen.

Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei Monate nach Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle?

Der Photograph knurrte.

Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie nahm Kurts Kopf in ihre große, rauhe Hand, zog ihn an die Brust und liebkoste ihn.

Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen.

Frau Schaa herzte ihre Katze.

Herr Schaa zischelte.

Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen den Photographen, der bleich an der Gartentür hing.

Herr Schaa zerbröckelte.

Der Tesching lag geladen vor ihm.

Herr Schaa grub Rettiche aus.

Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte nach der Büchse.

Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die Büchse auf und schoß. Er fehlte. Kurt atmete erleichtert auf. Bussi erschien auf der anderen Seite des Gartens. Kurt griff und drückte ab.

Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug den nassen Boden lang . . . wälzte sich, die grünen Augen trieben lang, gewaltsam heraus, die fleckige Zunge stach spitz vor . . . der weiße Bauch öffnete sich . . . Kurt aber schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen).

Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte sie sich ab.

Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem Fuße um.

Kurt schämte sich. . . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen Horizont.

Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht.

Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar vorüber, der Oberlehrer.

Kurt nahm von Frau Schaa Abschied.

Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim Photographen, der betrübt im kleinen Haus saß. Frau Schaa war fort.

Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht.Kurt überlegte ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. Er bemerkte den Striemen über der rechten Wange seiner Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie versetzte ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der Nacht, da er neben ihr schlief . . .

Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park lag er. Er dachte an die Schaa, und daß es süß sein müsse, von ihr geschlagen zu werden. Er sehnte sich nach ihr. Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote.

Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel aufhob. Der flog vor ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte unbekannte Morgen- und Abendländer. Der Vogel aber schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder Stern, des Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne ertrinkend.

Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch litt er Durst. Auf glühenden Wiesen lagen Früchte bereit, in den Wäldern rauschten Milchquellen.

Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, er war nicht dabei.

Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt, mitten unter sie.

Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach.

Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig nur, doch schlecht aufbewahrt, aus ihrer Rente.

Die Großmutter saß in ihrem Verschlag.

Er gedachte der Schaa.

„. . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den Kopf einschlagen, oder nicht an den Hals springen . . . denn wie dünn der Hals ist . . . splitternd . . . wie Holz . . . nicht niederwerfen . . . gleich mit einem Hieb den Schädel entzwei . . . den Schrank auf . . . und dann —: o dies Glänzen! . . .“

(. . .Und sie nickte ihm zu. . .)

Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts. Nur noch einen Sprung von ihr —: die verschrumpften Lippen zuckten.

Man hörte aber nichts.

Die Hakennase bog sich lang herab.

Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden Armen wie zu einem Flug.

Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen rosen zu werden.

Das Beil entglitt ihm.

Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern umher. Auch Räuberromane las er.

Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der Straße an seine Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte, schmerzte ihn. Er machte sich Vorwürfe darüberund strafte sich selbst, indem er sich „Hund! Hund!“ schalt.

Er wollte ihr schreiben.

Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann zu erklingen in einem molkigen Luftgemisch. Sie sauste. Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die Nasenflügel blähten sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf folgte.

Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch,der stöhnte und sich wand. Er demolierte ihn gänzlich.

Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los.

Er fuhr mit einem Zug.

Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte er nicht, nur, daß es unbeschreiblich schön sei. Er lebte in Märchen. Er dachte die Schaa. Es peitschte ihn, es jagte ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es gewitterte. Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln trieben ein. Haut hing in Fetzen . . .

Ein grüner Himmel rollte sich.

Das schmutzige Gesicht erglänzte:

„Ihr nach!“

Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt.

Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die gewölbte Fläche eines Silbersees, unberührt durchzog er einen gelben Strom, die Wellen, sie wichen vor ihm zurück.

Ein Schatten rang sich vor die Sonne.

Der Vater.

Kurt entsetzte sich.

Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte Blasen, auf, Städte zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, Prozessionen schwankten durch die Luft. Ebenen überschlugen sich.

Der Himmel töste.

Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette dampften. Violett explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt.

Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte Hügel hinab, surrend.

Jahreszeiten wechselten.

Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor, massiv und gewaltig, von Straßen bösen Gesichts und dünner Herbstleute, wie Gespenster, zerschachtet.Ein Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an zerrissenen Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der Atem von Schläfern sang.

Klaviere jammerten.

Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten. Mütter gebärten kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von Leibern wippten. Betrunkene torkelten. Idioten blökten. Selbstmörder wankten.

Es fiel von ihm ab.

Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite aus den Handlinien.

Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt erschrak darüber. Schwester Anna mit weißer Spitzhaube und kleinem Wachsgesicht brachte die grüne Breisuppe im braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten geschleudert, wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren. Gewaltig und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat.

Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté. Musik platschte. Eine Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein Mädchen tanzte, zog sich zurück, und die Wände vertieften sich, die Decke barst, es wurde nachtblau.

Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht gleich, er gab sein letztes Geld.

Es ergriff ihn:noch heute werde ich sie wiedersehen, und er verabschiedete sich höflichst von allen.

Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, Schleichtritten, Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der Kühe in den Ställen und dem Anschlag der Wachthunde.

Gärten.

Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer Kugelmond hinter Krüppelweiden im Nebel hoch.

Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes Wollhemd und hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark aus. Er legt eine welke Holzhand Kurt auf.

Kurt schrie.

Er wollte sich wehren . . .

Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an.

(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .)

Als er sie zum erstenmal erblickte — das war mitten am hitzigen Tag auf der Friedrichstraße . . . doch er erhaschte flüchtigen Blicks nur ein helles Rauschkleid —, da schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn.

Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: „Oha!“

Er aber sann: „. . . und so wirken sie aufs Ganze auch im geringsten. In jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen bedecken Kontinente, und glühen ihre Augenmulden, jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet trunken ihr Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude. Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel, deren Lächeln aber streichet, Kühlwind, lindernd über erstarrte Falten auf verhärmten Kindgesichtern, in allerfernsten Träumen. Doch nur Fäuste erhoben —: und ihr seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter . . .“

Das zweitemal traf er sie — acht Tage hernach — am Abend des Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über dem Platzgewimmel. Plötzlich explodierte alles. Militärmusik, Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der immer schrie „Hoch! Hoch!“ . . . und der K. Akademieprofessor Crispin Adolf Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem Podium, der reckte beschwörend — goldblond — Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger, Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem Tanzschimmel den Taktstock . . . und hinter dem mittleren Fenster ersten Stocks (samtroter Teppich fiel über, streckte sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .) ward sehrdeutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste und sank.

Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel, im Flackerschein entsteigender Pechflammen, im Gedröhn der musikalischen Explosionen, den Kopf nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war sehr groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie trug auch einen Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse, die wippte unausgesetzt und zuckte immer sehr nervös, wenn der eine „Hoch! Hoch!“ schrie. Das brachte die Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten.

Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, die weiße, bogenförmig ausgeschnittene Wand, die einst auf grüner Wiese steckte. Der Wind bauschte sie. Es knallte. Und weiter: „Wie schön, sich in der Hängematte wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .“

Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern im Garten einer Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, der sich im Rausch mit dem Hirschfänger den Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle Riesenbrände und Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte grün. Doch als die Menschenmasse polternd und heulend die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie, gefolgt von einem glitzernden Sternlein, das klirrend — ihr nach! — unterging.

Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb bald allein dahin. Doch stieß immer rechts irgendwie an gräulichen Ufern an. Sträucher streiften ihn weich. Winterwar. Ein höckriger Mond humpelte über schräge Silberflächen. Weißer Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel aber, der Stadt zu, rot entzündet. Doch die Nacht vollkommen weiß. Ganz von kühlen Residenzen durchbaut. Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen, Trommeln, Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten, und immer noch der eine, der schoß, Rakete, zwischendurch, geröteten Kopfs, heiser, Quollaugen, Zunge lang aus dem Maul: „Hoch! Hoch“ . . . und die Pappeln zu beiden Seiten, trotz Nacht sehr grün leuchtend, zuckten heftig.

Hans Marterer wiederholte sich: „Sie werden sich ja doch alle einmal in die Arme fallen, auf eine kurze, selige Zeit:‚Seht! Seht!‘ werden sie einander zurufen . . . ‚Seht! Seht!‘ . . . und: ‚daß wir es nicht gesehen haben, daß unsere Augen so mit Blindheit geschlagen waren . . . seht! seht! . . .‘ und werden Tore einrammen, Paläste verbrennen und — die Majestät im Hemd ertappen.“

Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teeröfen qualmten. Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen entstiegen. Nackte Rußmänner mit behaarter Brust sprangen fluchend und heulend umher, Eisenhauen geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches Mädchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: „Maroni, Herr, Maroni . . .“

Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig.

Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb zur Seite geneigt, und ihn überkamen wieder geräuschvolle Riesenbrände und Revolutionen. Tiefer neigte er. WollteBoden mit Wange berühren. Aufgelöst, dankbar. Der auch ihr Boden war! Die Knie zitterten.Noch ließ er sie nicht los . . .

(. . . Der Jagdgehilfe krümmte sich . . .)

Marterer zuckte hoch. —

Er sah sie wieder in der „Großen Oper“. In der „Götterdämmerung“. Wieder acht Tage hernach. Er schwitzte. Er dachte: „Gott! Welche Musik!“

Sie aber saß dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar in einem Knäuel, daneben ein kleiner Bauchherr, roter Glatze und Faltennackens. Marterer seufzte: „Gott, welche Gesellschaft!“

Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette, rinnend über Kugelbauch. Man sah —: der trug einen Ordensstern auf der linken Brustseite. „Vielleicht ist das der berühmte Komponist Richard Wagner selber“, überfuhr es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen die Wursthand, flüsternd: „Wie schön, Dickerl!“

Und er: „Wahrhaft erhebend, Erna!“

Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein Vorhang rauschte. Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er war aufgestanden, aber wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur . . . tastete vor sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon fände) . . . an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: „Weiße Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .“

Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Er schrie: „Ich will das Leben haben!“

Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. Die nahm ihn mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen auf einmal. Oben.

Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte. Ob man ihn für Narren halte? Sie beteuerte. Er packte sie: „Weg! Weg!“

Und aufschreiend: „Ich will das Leben haben!“

Sie hakte sich in ihn.

Er schlug ihr ins Gesicht.

Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. Er schlug sie wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie wehrte ihm nicht. Dann wieder mit der Handfläche.Aber ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor, durchschnitt ihn . . .Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab, mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, hart über die Stirn.

Sie wehrte ihm nicht.

Brach herab ins Knie.

Er trat: „Weg! Weg!“

Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr.

Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen verlosch. Da sah er sich im Dunkel, wie in einem tieferen Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die Augen kohlschwarz umrändert, die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die Stirn fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt, mit blauem Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine Gouvernante zwitscherte: „Hans Tolpatsch, du wirst nie dem Riesen das Haupt abschlagen . . .“).

Er wehrte, beschwor: „Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.“

Der Schatten wich.

Als er aber das Haustor öffnete,ertappte er sich bei einer Bewegung, die er bei seinem Vater kannte.

Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: „Gott! O Gott!“

Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten rüstig. Er deckte mit beiden Händen das Gesicht. Schluchzte:

„Abtöten, abtöten . . . Abreißen, ausreißen: Arme, Beine, den Kopf. Alle Glieder . . . Abtöten, abtöten . . . Bauch aufschlitzen, Brust aufreißen! Wühlen, wühlen . . . Fleisch! Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden, rein. Ganz Geist. Selig sein! Heilig . . .“

Haine rauschten. Lerchen sangen.

So ward es Morgen.

Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an einem Brunnen. Strich sich die Haare glatt. Richtete sich auf. Bog in die Krausenstraße. Der Gastwirtschaft und Metzgerei „Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich“ gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben Schnurrbarts, aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften Trikot, die weiße blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch, schwarzer Soldatenhose.

Vor ihm ein Feld roten Trottoirs.

Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen, Henkelkörbe unter Hakenarmen, schnarrend, dürre Hennenhälse ausgerenkt nach oben.

Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: „Schöner Tag“ usw.

Doch plötzlich Hans Marterer: „Wen haben Sie denn da abgeschlachtet?“, auf das Feld roten Trottoirs vor sich deutend, und bemerkte, daß Blut in der Straßenrinne handhoch stand. Ablaufkanal verstopft —

Und der Lüttich: „Tjaja, drei Tag verheiratet.“

Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend, die Hände immer über den Bauch zusammenschlagend, wobei der Schlüsselbund ein jedesmal hell aufklirrte:

„Schad, schad . . . So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne alt, drei Tag erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, und springt die eim zum Fenster nunter, heut früh, um halb siebene . . .“

Es verfinsterte sich.

Doch gleich wieder sprang Licht auf.

Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter Front über den Fahrdamm . . . der Schlüsselbund der Frau Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und ein Polizeimann warf die Hand): „Sie, Herr, gebens acht, daß net neintretn.“

Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte sich, wich zurück, in die Knie —: Kreuz, Weihrauchkessel, Priester, Trauerwagen, gefranstes Wieherpferd . . .

Schwenkte und schwand. —

Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: Grubenstraße. Eine Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wälzten sich, farbige Würfelströme. Das überschlug sich kreischend, zerflutete. Zuletztkam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grüßte wen in der Ferne, stieg in die Tram.

Hans Marterer fuhr weiter:

„Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar nichts von alledem . . .Hat er sie geschlagen?Zu Boden geworfen? Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb sieben heute früh — jetzt ist es dreiviertel fünf! (schaute auf die Uhr) — zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt — hört ihr! — und drei Tage verheiratet.“ Und das in einem anklägerischen Ton, als drängten viele um ihn.

An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung kam er vorüber. Grüne, rote, silbern schillernde Vögel saßen auf weißgestrichenen Stäben in goldenen Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße Mäuse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene Äuglein.

Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hieß: „Die frohe Welt“.

„Das ist der Unterschied“, bei sich.

Doch aufschreckend:

„Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schön ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor einem Café, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, rundenStrohhut mit Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu — sie hat ja so Eile gehabt! —, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit, Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die sich endlich losreißt:

„Du Frechling!“ und schmollt.

Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da aber hält sie ihm lachend den Mund zu —: und dann küssen sich die beiden herzlich, wenn niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich, unter Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel, vaterländischen Vereinen.

So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte er seine Liebste heimgebracht: „O du, du meine liebe Kleine!“

Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau hoch auf schlanken Zedernsäulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das alles, das eines Tages verschwunden war.Und die neue Landschaft war da, die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . .

Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen!

Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen entlang. Flammen in feuchtem Grund.

Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist . . .“

Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte Teppiche hoch.

Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.

Hans Marterer ging hinab.

Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten.

Café „Dom“.

Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann stieg es wieder klarer auf, — etwas jubelte! — mühte sich hoch in ihm, in Windungen.

Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.

Musik stieg in Spiralen.

Er sann: „Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor Crispin Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stössinger, grüne Sportmütze und „Hochhoch!“, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner, Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimädchen, Feuerschein bei Nacht, die späte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte . . . Nie werden die beiden zueinander kommen.Der mittelnde Geist aber sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . .Zwei Welten. Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .“

Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die Spiegel zitterten, die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurück, prallte wider, wider.

Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, Zymbal.

„Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine Flöte.“

„Wie meinen Sie?“ machte die Flöte, sah von unten auf, blähte die Pausbacken.

Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen wollen. Offenbar.Er aber hatte die Schwindlerin entlarvt.

Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen Waldgründen kam es. Und sentimental:

„Länder, wohin unser Fuß nie tritt.“

Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grüne Pleureuse wippte), und neben ihr — den kannte er — ein Stadtreisender, kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht, Arme in die Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug Bierzipfel, dreifarbenes Band.

Sie sog aus einem Halm.

Und um ihn.

„Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!“ —

„Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst den Hut ab!“ —

„Der Platz ist frei. Allerdings . . .“ —

„Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .“ —

„Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, mein Herr . . .“ —

„Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .“

Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale Fürsorge, Ausbau der Eisenbahnlinien, Heilstätten für Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter,Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des Raubmörders Sternickel, das verunglückte Festspiel Hauptmanns, eine drohende Bierpreiserhöhung im selben Ton, in einem Zug.

Kellner schoben. Weißbier schäumte.

Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lächelte.

Marterer errötete. Besah seinen Anzug.

Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; überpudert; unter Schleier.

Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: „Der guckt wie aus einer anderen Welt.“

Marterer zuckte hoch.

Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:

„Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: euere einsamen Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer Singspielhallen . . .Die Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten, erleuchtet und gewärmt.“

Er flehte.

Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden keinen Ausweg. . . . Eine weiße Gestalt . . .

Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.

Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . schon in nächster Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte sie so . . . bat ihn . . .Marterer kroch. . . der Stadtreisende mahnte, erhob sich halb. . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten vor Lachen! ): „Den Saum nur deines Gewandes!“ Jemand reichte einen großen gelben Überzieher, der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte wieder empor. In Schönheit.

Zerspringender Triller.

Da —: er berührte sie.

Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand. Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie maß ihn der Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen, Schirme, Kannen, Stühle und über allem, hoch über allem:

„I—d—i—o—t!“

Das kotzte sie.

Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür schon offen . . . — er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine allgemeine Schlägerei entstand. Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte flogen. Zuletzt erschien, groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der Idiot aber übersann noch:

„Werde ich aus der Schule gejagt?“

Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer schoß.

Nebel ballte sich.

Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, wie in einem Schacht, — oben glänzte etwas blau — um- und umgewirbelt, wie in einem Strudel. Stieß immeran Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen:

„I—d—i—o—t!“

Das aber schallte auch hell und weit.

Nebel ballte sich.

Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Händen. Endlich teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Häuserreihen, Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel:

„Steh ich auf dem Kopf?“

Hügel.

„Eine Palme?“

Aber ein großer grüner Vogel flog auf.

„Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen gleichen . . .“

Er sank erschöpft auf einen Stein nieder.

„Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden Lichtbündeln und unter Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . .“

Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm. —

Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten in den Boden. Er ließ sich los, versank im blühenden Chaos der Zeiten. (. . . rote Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte Schiffsschnäbel . . . bis endlich jener Knabe dem Riesen das Haupt abschlägt . . .) Und dann —: eine Sonne! Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächerwerden, schwächer. Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn. Die Welt wuchs.


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