»Ja, bei Gott, ich habe Heimweh«, sagte er, als werde ihm das jetzt erst klar, »Heimweh wie ein Kind. Ich versichere Ihnen, ich sehne mich unbändig danach, die braune schmuzige Tapete in der Kinderstube zu Hause einmal wiederzusehen und das hölzerne Schaukelpferd mit den stieren Augen und der schwarzlackirten Mähne – es ißt bei der Mutter, welche es sehr liebt, das Gnadenbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre – mag es Andern komisch vorkommen – weh thut es deshalb doch und unterdrücken und wegvernünfteln kann man es so wenig wie das Zahnweh.«
Ich fühlte keine Neigung zum Lachen, mir waren sogar die Thränen in die Augen gekommen bei seinen Worten. Warum mußte auch dieser gute, so warm und im besten Sinne kindlich fühlende Mensch sich einfallenlassen, ein politischer Verbrecher zu werden? Er hätte das Andern überlassen sollen.
»Haben Sie denn keine Aussicht auf Begnadigung?« fragte ich leise, nachdem ich meine Thränen hinuntergeschluckt hatte. Er verneinte.
»Und Sie wollen nicht in England sich eine Heimat gründen, wie so manche Ihrer Landsleute in ähnlichem Falle?« Er schüttelte mit dem Kopfe. »Sie hören es ja«, sagte er, »an welcher thörichten Schwäche ich laborire; ach, und das ist die thörichtste nicht!«
Er brach ab. Ich fühlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, daß ich – mein eigener Kummer mochte mich weicher gestimmt haben als gewöhnlich – meine Thränen kaum zurückhalten konnte bei diesen halb unwilligen und spottenden und daher um so rührendern Klagen und nichts sehnlicher wünschte, als endlich allein zu sein, um ungestört weinen zu können.
Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot gesichert und das Gepäck an Bord gesehen hatten, blieb noch fast eine Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forster bat um die Erlaubniß, während derselben bei mir bleiben zu dürfen, und wir gingen auf der überbauten Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da sprachen wir nun von diesem und jenem, von den allergleichgültigstenDingen und fühlten doch beide, daß etwas zwischen uns lag, um das wir absichtlich in großen Kreisen herumgingen, daß wir uns fürchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde zu rühren. Da schlug eine Uhr in der Nähe, es blieb uns nur noch eine Viertelstunde; Forster hatte abgebrochen, um die Glockenschläge zu zählen, er nahm auch das fallengelassene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es nicht, ich dachte darüber nach, daß ich diesen Menschen, der mir doch nahe gestanden hatte, noch eine Viertelstunde und dann vielleicht nie mehr sehen würde. »Sonderbar«, sagte ich zu mir selber, »sonderbar und traurig!«
»Fräulein von Günthershofen«, sagte Forster plötzlich, »darf ich fragen, ob Sie, wenn Ihre Mutter sich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray zurückkehren werden?«
Ich antwortete, daß ich davon nichts wisse, daß ich aber schon zuweilen gedacht, es wäre besser, wenn ich bei der Mutter bliebe. »Ich kann Stunden geben«, sagte ich gleichsam entschuldigend, »und bringe auch einige Ersparnisse mit.«
»Sie also werden in Deutschland sein und ich muß in England bleiben!« rief er schmerzlich und fuhr, als ich über den plötzlichen Ausbruch betroffen zu ihm aufsah, hastig fort: »Das überrascht Sie, Fräulein,ich kann es mir denken; Ort und Stunde sind gut gewählt, um Geständnisse zu machen, nicht wahr? Aber es mag nun drum sein – Sie mögen von mir, dem deutschen Bären, denken, was Sie wollen, ich will mir die Buße auferlegen, Ihnen hier zu gestehen, daß ich – daß ich – daß ich Sie unvernünftig liebe, Margarethe! Es ist schlecht von mir, Sie hier zu überrumpeln, hier, wo Sie mir nicht entrinnen, mir nicht die Thür weisen können, wie Sie es sonst wohl thäten, aber ich habe absichtlich so lange gewartet, um Sie nur eine Viertelstunde zu quälen; Sie werden mir zugestehen, daß ich mich bis jetzt zusammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort«, fuhr er fort, die Worte hastig herausstoßend, da ich in die Höhe blickte und sprechen wollte; er war unter dem Einfluß einer Erregung, die peinlich anzusehen war. »Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, sagen Sie nichts als nur das Eine, Margarethe: sind Sie versagt, gehört Ihre Liebe einem Andern?«
Ich schüttelte mit dem Kopfe.
»Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr Bild in sich geschlossen hat wie ein Kleinod. Ich weiß, ich habe auf Ihre Zuneigung keinen Anspruch,bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den äußern Zeichen von Aufmerksamkeit begegnet, die man in der Gesellschaft gewöhnlich für eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie schienen mir so fern, so fremd, so kalt, vom ersten Tage an, wo Sie mit der griechischen Jungfrau um die Heimat klagten: »das Land der Griechen mit der Seele suchend« – ich werde den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergessen. Und dann später, als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kindlichen Sinn das Recht wollten um des Rechts willen und so wenig an den Besitz dachten, sogar bei den Ausbrüchen dessen, was Sie für Haß hielten, ach, wie verschieden war Ihr edles Aufglühen von dem niedrigen Haß der Bösen! Als ich Sie immer besser kennen lernte, da verlor ich mich selber immer mehr, und jetzt –«
Er schwieg endlich. In unaussprechlicher Beklommenheit blickte ich nach dem Schiffe, die Bewegung auf demselben deutete auf seine schleunige Abfahrt. Während wir nach der hölzernen Brücke zugingen, welche auf das Verdeck führte, sagte ich hastig, erregt durch die Kürze der Zeit und ohne meine Worte viel zu messen: »Herr Doctor, ich danke Ihnen für Ihre Neigung, sie ist mir nicht gleichgültig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl, Gott segne Sie und lasse Sie bald die Heimat wiedersehen.«
Erschüttert beugte er sich tief über meine Hand, welche ich ihm hingereicht hatte. Unsere Zeit war um, die Schiffsleute näherten sich der Brücke, auf welcher wir uns befanden, um sie in die Höhe zu ziehen – wir schieden. Er eilte fort; ich stand, während sich das Schiff schwerfällig in Bewegung setzte, auf dem Verdeck und schaute ihm nach und wünschte ihm von ganzem Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch, während das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Fluß hinabfuhr, blieb ich, auf die Brüstung gelehnt, stehen oder ging auf und ab und blickte zu den Sternen in die Höhe, die ich nun bald über den Wipfeln der heimischen Bäume sehen sollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heiße Sehnsucht nach ihr tönten doch immer die seltsamen Worte, welcher Forster zu mir gesprochen hatte.
Die weitere Reise verlief ruhig und rasch; am Abend des folgenden Tages saß ich am Bette der Mutter.
Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfältig angemeldet worden, sodaß meine Gegenwart die Mutter nicht überraschte, doch sah sie mich, als sie mich zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, daß sie sich zu sammeln und sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemüthsbewegung verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thränen nicht zurückhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehrund Niemand zu mir, als habe sich die Mutter während meines Fortseins von mir abgewendet, ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löste den Bann.
»Du bist es, liebe Margarethe«, sagte sie schwach; »ich dachte – ich wußte nicht – ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir ankündigen wollte, daß ich nun gehen müsse. Aber Du bist es, das ist gut.«
Sie schwieg und schloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war, nickte zufrieden. »Gut«, sagte er, »und nun, mein Fräulein, seien Sie am Platze!« Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging, ebenso die folgende, ohne daß sich im Zustand meiner Mutter eine merkliche Veränderung gezeigt hätte; sie lag still und verrieth keine Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich saß meist an ihrem Bette; trotz aller Ermüdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen Rast ließen mich die seltsamsten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pünktlichkeit und dieRuhe, womit dieselben zu verrichten waren, mußten besonders mein Augenmerk sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen Händen in dem großen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager saß, wenn das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde Herbstluft durch das oben leichtgeöffnete Fenster, dann mußte ich mich oft zusammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der Besserung schloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: sie war krank – weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forster's hatte, wie eine glänzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte kaum, daß ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung unseres Erbgutes, meine bestimmten Pläne, mein Dichten und Trachten nach Genugthuung erschienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein Feenpalast der Tausend und eine Nacht.
Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamstenPflege, und die Mutter war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erst erfuhr; die Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewußtsein an. Nun erst begrüßte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter, leiser Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich über mein Aussehen zu freuen. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse in England aufs genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begnügte sich mit den wenigen Worten, die ich darüber sagte, da sie merken konnte, daß ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh über diesen Ausgang der Sache.
Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran, dessen ich mich jetzt als fast der eigenthümlichsten Zeit meines Lebens erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es draußen war,da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeballkämpfe meist weit von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die Mutter bevölkerte diese Einsamkeit für mich mit mannichfachen Gestalten; das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie heraufbeschwor. Das Haus verließ ich selten und nur wenn mich die Mutter gewissermaßen dazu zwang. »Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine Augen werden immer größer«, sagte sie einmal; »Du wirst zu ernsthaft; eine alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen. Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen und sehen frisch und vergnügt aus.«
Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich sei tausendmal glücklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja, daß ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schüttelte den Kopf und meinte: »Es ist unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, sodaß Du jetzt ihrem Umgang keinen Geschmack abgewinnenkannst. Sie sagten mir freilich damals wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine liebe Freundin hätte werden können.«
Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hörte, noch mehr aber, da sie fortfuhr: »Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in einem Landstädtchen verkümmern mußt. Du gehörst in die große Welt; Deine unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du siehst aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.«
Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. »Liebe Mutter, was willst Du?« fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. »Du wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen«, fuhr sie fort, »und das thut mir ebenfalls weh; ich wünsche zwar nicht, daß Du die Gattin eines Bürgerlichen würdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden, aber –«
»Aber, liebe Mutter, das thut nichts«, fiel ich ein. »Ich versichere Dir, ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen behaglichern, wünschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.«
Die Mutter schüttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich, wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken, wo sie nicht mehr da sein würde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mächtig über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen Träumereien abzog.
Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr verflossen sein, als eines Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von Günthershofen-Erbrück erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu tilgen wünsche, wozu ihn seine Verhältnisse erst jetzt ermächtigten. Namen und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache nicht auf, da sie wußte, daß mein Vater durch seine weitläufige Oekonomie in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich bedeutende Summe, in Empfangnehmen könnten, und so traf es denn binnen kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein Badeaufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden Frühling ruhig und friedlich entgegen.
Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Processes mit keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Versuche, meine Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwäche der Mutter, später, weil ich sie dadurch zu verstimmen fürchtete, geschwiegen; der Name des Herrn Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.
Es war an einem der lauen Tage, wo die Frühlingssonne mit stetiger Milde die schneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und frische Halme in der Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war; den eigenen Geruch der erneuten Erde hatteich mit Entzücken eingesogen, hatte mir eben gesagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück brauche als das Genießen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten des Jahres, das köstlich frische Wiedererwachen im Frühling, die Fülle des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den Früchtesegen eines schönen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter – da sollte ich mich bald überzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da stand das Schicksal an der Thür, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen Brief in der Hand, an Fräulein von Günthershofen gerichtet. Ich kannte die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben außer den englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in das Gärtchen am Hause, in die kahle Laube, und riß das Couvert auseinander. Ja, doch – es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit »Liebe Cousine!« und war unterschrieben: »Bardolph von Günthershofen.« Er wollte mir also sagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten sei und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen, mein Herzklopfte stürmisch – wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das mir noch begegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte ich nicht alle Hoffnung längst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich also eine neue Bestätigung des längst Gewußten erregen? Nachdem ich mich beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die Magd könnte mich stören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür, dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame Brief lautete folgendermaßen:
»Liebe Cousine!
Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner Rückkehr auf Schloß Günthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen unsern Familien in Verbindung ständen, und Ihnen so bald als möglich von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden, Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung; jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich sie alle vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schränken selber, in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen muß ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen wurde das Mißtrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß sich von einemlangen Rechtsstreit kein einziges Document, daß sich unter den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr, daß sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand, in dem ein Wort über jene Vorfälle zu lesen gewesen wäre; ich fing an, eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache sich aber auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklärung gewünscht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen gegenüber bloßzustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat mitzutheilen.
Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so ganz ohne meine Mutter handelte, doch liegt die Erklärung nahe. War sie nun so fest überzeugt von der Rechtlichkeit unserer Ansprüche wie ich es gewesen war, oder war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im andern Falle würde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal erzählen zu lassen. Den günstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen, als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte einige Fragen, unser Gespräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. DieKammerjungfer eilte in das Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen, deren sie sich in solchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück, die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefügte Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum Vorschein gekommen – ein eigenthümlicher Zufall, nicht wahr, mein Fräulein? Ein Blick auf eins derselben erfüllte mich mit solchem Interesse, daß ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaßen wieder zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit weitern Einzelnheiten verschonen, mein Fräulein, und erlaube mir nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige Besitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber Betrüger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen, ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem Vater mit Wissen und Willen überkommen möchte, so verzichte ich meinerseits vollständig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter und habe auch meinen Entschluß meiner Mutter und den Herren von Erbrückzu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit, sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an; ausgerüstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen selbst überbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wäre jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünschte, zu dem sich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtsein der Unhaltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilassen werden, sobald sie sehen, daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. – Was ich bei all diesen Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszudrücken, meine Handlungsweise mag für mich Zeugniß ablegen. Versichern Sie Ihre edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr verhaßten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird. Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie am Anfang des Briefes meine Cousine genannt habe; ich hätte eine ohnedies sehr entfernteVerwandtschaft im Augenblicke solcher Enthüllungen nicht betonen sollen.«
So schrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, schildern zu wollen, was ich bei diesen Aufschlüssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, daß ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Veränderung, die uns bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschäftigte mich vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem Zustande dabei. Süße Thränen weinte ich darüber, daß ein Mensch so großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieser Mensch jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, sondern Wirklichkeit war, entzückte mich.
Die Lampe war trübe geworden; ich schloß die Augen, ein jedes Wort des Briefes war meinem Gedächtniß gegenwärtig, ich sah sogar die Schriftzüge im Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz, wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich bemüht hatte, ihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung niedergeschmettert haben mußte. Und was ließ sich Alles zwischen denZeilen lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bösen, herzlosen Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben, um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt erst dachte ich an die nächsten Maßregeln, dachte ich mir aus, wie ich der Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzählen oder vielmehr gestehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige Verheimlichung desselben würde sie schmerzen. Die Nacht, während welcher kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor, mit denen ich mein Geständniß bei der Mutter beginnen wollte.
Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu glauben, daß eine günstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte, schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.
»Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elendesten der Menschen und eines feilen Weibes? Er wäre so ganz aus der Art geschlagen, daß er seine betrügerischeSippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch für sich? Und wäre er's – soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen, welches ich seiner Großmuth verdanke? – Nein, Margarethe, ich vermag dies Alles nicht zu fassen«, sagte sie dann wieder. »Wie hätte er gegen seine Mutter aufkommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub, wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was sind es für Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht genügen, um das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälschungen aufdecken zu können? Es muß eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wäre die nicht sogleich vernichtet worden? Ist es denkbar, daß Jemand die schlagendsten Beweise einer entehrenden Schuld sorgfältig aufbewahrt für seine Ankläger? Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame Spielerei vor.«
So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklärungen entgegen, und was konnte ich auch sagen? Ich konnte denStand der Dinge nur aus einer Quelle, aus der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu meinem Glauben schüttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und kummergehärtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.
»Aber was soll geschehen, liebe Mutter?« fragte ich endlich. »Das ist doch immerhin eine Art Geschäftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort erfordert.«
»Schreibe Du«, entgegnete sie; »danke ihm für seine Handlungsweise, wenn Du willst, sage aber auch, wie sehr ich über dieselbe betroffen gewesen, und bitte um nähere Auseinandersetzung. Was es für Papiere sind, die er gefunden hat, möchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten entschließe.«
Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. »Nein, Margarethe«, rief sie, »zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, daß er Deiner Jugend zuzuschreiben ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, wasden Adel auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe gegenüber selbst dem Unerwarteten, das kühle Herankommenlassen der Dinge, der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!«
War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Haß wie durch Liebe, durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin auflehnend. Sie sah mir an, daß ich bei mir selbst widersprach, und mit einem flüchtigen Lächeln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen Widerspruch mehr aufkommen ließ, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:
»Komm,ma fille, schreibe, ich will dictiren.«
»In Deinem Namen, liebe Mutter?« fragte ich scheu.
»Ja, wenn Du nicht für meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen Namen darunter.«
So schrieb ich denn eine kühle, geschäftlich klingende Antwort auf den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über seinen Entschlußzu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund bat.
Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen. »Verzeihen Sie meiner Mutter ihre Kälte«, schrieb ich; »bedenken Sie, wie lange sie unglücklich gewesen ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt habe. Wenn sich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer Sache entgegenstellen – und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten Ausgang glauben – so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!«
Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt. Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl ausgebildet, dessen moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.
Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger sie ausblieb, desto mehr fühlte sich die Mutter in ihren Zweifeln gerechtfertigt. »Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir würdenihn an Großmuth übertreffen und sein Anerbieten zurückweisen«, sagte sie. »Wir beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch seine beispiellose Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht übers Herz bringen können, wir konnten uns erbieten, in unserer Dürftigkeit, die uns durch lange Gewohnheit doch hätte lieb und theuer werden müssen, zu verbleiben. So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend begütert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die Einkünfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.«
Je länger das Schweigen unseres Verwandten währte, desto weniger konnte ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit, die nach ihrer Krankheit über sie gekommen schien, jetzt ganz wieder abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir die Erfahrung, daß ich mit vollem Bewußtsein von den Ansichten der Mutter abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gespräch wurde dieser Widerspruch freilich nurzur schüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte, Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu speculiren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn – es konnte ja dergleichen einmal später sich ereignen – wenn meine Neigung auf Jemand fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fände. Würde ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüsse mit der gehörigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter über diese rebellischen Gedanken.
Der Frühling, welcher sich so lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen; der laue Wind brauste über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und tief verhangen, es war alles Andere eher als schönes Wetter bei uns. Ich aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem, an dem Ungestüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnsucht nach draußen und wäre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit, gewöhnlich in der Dämmerung, schlüpfteich hinaus. Unser Häuschen lehnte sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben floß ein Bach, von Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwischen dem Wässerchen und der alten grünbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlüpfrig, das Wasser regentrübe, aber ich gewann dem heimlichen Plätzchen auf einmal großen Geschmack ab, ich sog mit Entzücken die feuchte Luft desselben ein, ich ließ mir den warmen, ungestümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr, um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den übrigen Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden weißgrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von schwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte, wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frühlingluft thun; ich öffnetedie niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hause, auf einen Hügel zu, der sich fast bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Während ich da stand, tönten Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte – es war der Freiherr. »Sie hier?« rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand reichte. Er hielt die meine fest und küßte sie.
»Sie wünschen meine Mutter zu sehen?« fragte ich nach einigen Augenblicken, da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurück.
»Nein, Margarethe«, sagte er hastig – ich fuhr zusammen, da er mich beim Namen nannte – »nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt – ich habe Sie mit falscher Hoffnung erfüllt, habe Sie schnöde betrogen!«
Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Bestätigung seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst für hell gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fühle ich sie auf meiner Stirn brennen.
»Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben«, bat er; »ich will Ihnen Alles erzählen, Sie haben gesagt, daß Sie mir glauben.«
»Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen«, entgegnete ich ihm.
»Gott segne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu mir? Wer sagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?«
»Sie betrügen!« rief ich unwillkürlich. »Nein, ich bin überzeugt, daß Sie es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewißheit und sie scheint um so fester, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.«
»Sie sind ein Kind, Margarethe – aber ein Kind, das ich anbeten könnte«, fügte er leiser hinzu, »und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht«, unterbrach er sich schmerzlich, »daß ich so wie ein geständiger Verbrecher je würde dazustehen haben!«
»Aber Sie haben kein Unrecht begangen«, nahm ich ungeduldig das Wort. »Reden Sie! Hatten Sie sich getäuscht über jene Papiere, waren dieselben doch nichtso wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie Ihnen entwendet. Ihre Mutter –«
»Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke«, sagte er bitter. »Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtgläubigkeit, hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr täuschen lassen. Als sie sah, daß ich nicht von meiner thörichten Restitutionsidee, wie sie's nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmüthiger Resignation darein, Schloß Günthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht. Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb, wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht im Wege sein. Ich zuckte die Achseln – ja, Kind, das that ich – und fuhr unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt oft hinein; einmal blieb ich sogar über Nacht dort. Alles war nachgerade so weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte; es drängte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschluß, in meinem Zimmer, welches nurmein mir ergebener Diener zu betreten pflegte und zu dem ich den Schlüssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lächerlich nutzlose Vorsicht! Ich hätte bedenken sollen, daß im Schlosse Günthershofen von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verschließen, der Schlüssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal zeigte sie sich mir wahrhaft dämonisch. Sie mögen ermessen, was ich bei der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, daß sie mir zu verstehen gab, sie wisse wohl, daß sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt, indem sie jene Papiere verbrannt habe – ja armes Kind, sie waren vernichtet – ich könne nun wieder aufhören, den Tugendhaften zu spielen, meinte sie. Ich hätte sie tödtenkönnen, ich faßte ihr Handgelenk, als sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen glaubte, und preßte es, daß sie aufschrie, aber als ich losließ, lachte sie höhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten, für die ich ihr Dank weiß. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir halten.«
Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust, von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich, hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. »Der Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr«, sprach ich zu ihm. »Sie müssen bedenken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung auf eine günstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil lasse mir für jetzt gern damit genügen, daß unser Recht von dem Hauptrepräsentanten der Gegner anerkannt wird und daß dieser, ich bin es überzeugt, seine Anerkennungdesselben bethätigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.«
Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erst als ich schwieg, schien er zu merken, daß ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für das Unnöthige seiner Selbstanklage. Er schüttelte den Kopf.
»Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, genügsam, vergebend, ach, Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich einstweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten Anwalt an Ihnen habe. Ich gehe jetzt außer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von Schloß Günthershofen mit seinen liegenden Gründen an Sie in aller Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde, niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zustieße. Sie werden dann nach dem Tode meiner Mutter das Schloß sogleich in Besitz nehmen können. Sie könnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es gestehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrück bleibt Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.«
»Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an?« fragte ich. »Wie konnten Sie die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in Ihrem Zimmer?«
»Ich hätte sie gleich einem Rechtskundigen überliefern oder Ihnen zukommen lassen sollen«, entgegnete er; »ich unterließ es während einiger vorbereitenden Geschäfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.«
»Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wünschte: was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?«
Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten. »Es befanden sich darunter«, sagte er endlich leise, »Briefe des Fürsten an meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollständig genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die Duplicate der gefälschten Correspondenz zwischen Ihrer Großmutter und dem Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als Curiosum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teuflischer Freudean dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklären. Wir haben hier angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?«
Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter mich erwarten mochte. »Kommen Sie mit zu meiner Mutter«, sagte ich, »sie wird sich um mich ängstigen.«
»Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Nässe zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, daß sie sich bei« – er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt – »erkundigen möge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehörige unter einer Form in Besitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angesehen werden könnte. Nun,nous verrons! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!«
»Sie wollen fort?« rief ich ängstlich.
»Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen,ma petite cousine!« Er faßte meinebeiden Hände; ich konnte seinen plötzlich leichten Ton, indem er sich über sich selber lustig zu machen schien, nicht begreifen. »Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch Alles zum Guten lösen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Absolution nützen soll.«
Er blieb noch immer stehen; mit meinen Händen in den seinen drehte er sich jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des Wohnzimmers.
»Dort hinten hausen Sie – schon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat etwas höhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.«
Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern. »Adieu, ma cousine«, sagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf die Stirn, dann ging er.
Ich aber – da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in dieser Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört und erfahren, stürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe Traurigkeit, die unerklärliche Laune desFreiherrn bei seinen letzten Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen setzte ich mich auf die Treppenstufen – wie sollte ich vor die Mutter treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da hörte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthür schließen hören und wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Höhe und eilte hinauf; in der Thür stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch diesen seltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbestimmtes Gefühl, daß ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter gerieth darüber in die größte Bestürzung.
»Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?«
Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie möglich meiner seltsamen Erzählung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der Dinge habe mittheilenwollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte, und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Günthershofen, ich sprach von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich getäuscht mit meiner Voraussetzung darüber, wie die Mutter dies Alles aufnehmen würde; sie schien kaum überrascht, ja fast wie befriedigt und schenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben.
»Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie«, warf sie ein, während ich sprach; sie lächelte, als ich geendet. »Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman, nicht wahr?« sagte sie. »Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme Vetter! Besser hätte er von unserm Rechte nicht überzeugt werden können, auch wenn er jene Briefe nie gelesen hätte, als durch dies charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.«
Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als ich erwartet hatte. »Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind«, sagte sie, »und es ist gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in der Welt dastehen wirst. Das Schloß ist allerdings nur ein Theil des uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir wollen es als ein Geschenkvon Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerstatten.«
Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unserm Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei Genugthuung darüber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen Bekannten, die ich im Städtchen besaß, zog ich mich infolge dieser Stimmung ganz zurück; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen außer meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins Zimmer zurückkehrte, erst auf jenen erhöhten Platz im Garten. Dort stand ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, so schrak ich zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.
Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurück, so muß ich allemal meinem Geschick danken, daß es die Keime, welche sich damals in mir zeigten,nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geistigen Thätigkeiten fehlte das Gleichgewicht, und hätten die Umstände fortgefahren, einige so sehr auf Kosten der andern zu begünstigen, so wäre ich eine excentrische, trübsinnige Einsiedlerin geworden. Fürs erste zerriß das Schicksal das Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen nicht zu sein; es waren Berichte über beiderseitiges Befinden und stets fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen. Diesmal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erste Nachricht, die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr sich im Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man sich amüsire, wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, daß bei schlechtem Wetter im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem herbeiwünsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals nicht besonders hold gewesen sei. »Wären Sie aber jetzt hier«, meinte sie weiter, »so würde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhören, so liebenswürdig istder Freiherr; Sie würden ihm nicht widerstehen können. Uns alle erhält er in guter Laune, sogar der Bär Forster – dies Epitheton führte der Jurist bei dem lustigen Mädchen schon lange – sogar er, der seit Ihrer Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein gemacht hat, fängt langsam an aufzuthauen. Was uns ärgert, ist, daß er lange, geheimnißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während welcher wir uns langweilen müssen; es wird dabei, wie man allgemein behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie müssen kommen, unsere Minerva, Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, daß er denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.«
Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich unglücklich war; durch diesen Brief mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, daß der Freiherr längst alle meine Gedanken erfüllte, und philosophirte sehr weise darüber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte ichdaran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern gelesen, verlangte ungestüm nach Besitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue, Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glücklich sein würde. Das erstickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schöner blonder Kopf an seiner Brust ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir selber fertig geworden war, blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich schrieb an Forster und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet habe. »Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu«, sagte ich ihm; »Sie wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine gegeben haben, wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wäre, wie ich es jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dünkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn zu wissen. Besonders aber drängt es mich zu dem Geständniß, was ich Ihnen machen will, weil es mir scheint, als müßten Sie aus demselben eine Art Trost schöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann,der von meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es kostet mich keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefühl ist ohne mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen, daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünsche ich Ihnen auch und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.«
Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es, mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener Reise, die Gruppen glücklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den schrägen, matten Strahlen, die von weither zu mir herüberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes Licht.
Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen, trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedankenan einen baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein zurückbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter zuließ, lange Gespräche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen über so Manches auszusprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte mich dabei mit einer fast ängstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die ich mir nicht recht erklären konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch immer schönen Augen blickend, während sie die Worte von meinen Lippen zu trinken schien. »Gott sei Dank, Margarethe«, sagte sie einst, während eines solchen Zwiegesprächs, tief aufathmend, »daß Du geworden bist, wie ich Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht – ich habe Dich vernachlässigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich selbst überlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich weiß, wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, während welcher ich Dich kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du stündlich um michwarest, jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Tochter habe, aber Gott straft mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht säete; Du bist aufgewachsen zur Freude und ich muß fort.«
»Mutter, sprich nicht so!« bat ich. »Du hast noch gar Vieles zu erleben; Du sollst in Schloß Günthershofen einziehen und die Margarethe als Schloßfräulein sehen.«
Die Mutter schüttelte ernst mit dem Kopfe.
»Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden sollte; ich könnte es auch nur um Deinetwillen wünschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und Rang auf meinen Schultern fühlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so vielen Jahren das Schloß verließ – es gehörte uns damals noch – da wurde es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde. Es gibt Menschen, denen ein solches – Hellsehen möchte ich es nicht nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich später gehabt zu haben erinnert, ohne sie noch zu besitzen – ein- oder zweimal im Leben zu Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen gewesen.«
Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas Seltsames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich – aber nein, die Gewißheit,die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans Herz trat, war sicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an, mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube, zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien, schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehöre sie nicht mehr der Erde an. – Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich; ich erzählte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders während meines Draußenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und meinte, so altjüngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich mich irrte, wenn das Geständniß meiner Abtrünnigkeit sie traf wie ein Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wußte ich, inwieweit das furchtbar starke Gefühl in ihr sich durch die letzten Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wäre es anders, billigte sie, begriffsie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da sie unerwidert war; sie mußte im besten Falle ihren regen Stolz verwunden. So schwieg ich, bis es zu spät war, und es ist lange Jahre ein bitterer Schmerz für mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen meiner Mutter empfangen zu haben.
Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit und seit der zunehmenden Schwäche der Mutter häufiger zu thun pflegte. Ich begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür. »Kommen Sie doch einmal mit in den Garten«, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war, laut zu mir; »Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger ausbitten möchte.« Als wir vor den Rosenbäumchen standen, meinte er lächelnd: »Eine Kriegslist wie diese hätten Sie mir wohl nicht zugetraut, aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie müssen mir dieselbe verzeihen.«
Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: »Herr von Günthershofen hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schloß Günthershofenund mit der Zeit factisch in Ihren Besitz übergehen werde. Es drückt ihn, Sie in Verhältnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermögen so wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage unerträglicher geworden, daß Sie hier Beschränkung leiden, während seine Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwört mich, Sie zu bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig mit dem Kopfe. »Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung, jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei.« Der Pfarrer sprach noch Manches, sprach wärmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte, wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu arm war. Welches falsche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam? Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich mit neuen Gründen zu überreden, da unterbrach ich ihn. »Ja, ich will, Herr Pfarrer«, sagte ich abgewendet; »der Freiherr hat Recht, um der Mutter willen darf ich mich nicht weigern.«
»Recht so, mein Kind«, sagte er und nahm meinebeiden Hände; »aber lassen Sie die Mutter nichts merken; sie möchte die Sache anders auffassen und sich gekränkt fühlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.«
Auch in seinem Glücke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut sein, der ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was lag daran? Ich liebte ihn und schämte mich dessen nicht.
All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand sich täglich verschlimmerte. Daß sie bald sterben würde, wußte sie; ich wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und nach überkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zärtlich vorbereiten wollte, suchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angst auszuweichen. Eines Abends saß ich am Bett, während draußen ein kalter Mondschein über der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll an, ja sie lächelte sogar.
»Es geht Dir besser, liebste Mutter?« fragte ich, indem ich mich über sie beugte.
»Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorüber; ich glaube nicht, daß sie wiederkommen werden bis – nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte Zusammenzucken; was nützt es, sich der Wahrheit verschließen zu wollen? Ich muß meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar für mich geworden.«
Sie hielt, schon erschöpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thränen mühsam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, häufig ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, während ich sie nicht zu unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein würde.
»Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen wird zu thun, liebe Tochter«, sagte sie; »Du wirst ohne Verwandte, ohne Schutz dastehen unter eigenthümlichen Verhältnissen. Der Freiherr wird Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewiß Schloß Günthershofen zur Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thränen schuldig; laß mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen können, was aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.«
Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverständlich Gebietende durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefühls, daß ich sie besaß, daß sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es, ich dachte an die Zeit, die so trostlos öde vor mir lag, die Zeit, in der ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und ganz, ganz allein sein würde. Die Mutter fragte wieder:
»Willst Du mit seiner Mutter auf Schloß Günthershofen wohnen?«
»Nein«, rief ich heftig, »nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren –«
»Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu thun – ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das Alleinsein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist ja auch nur für einige Jahre; glättetsich später die Angelegenheit mit dem Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirst unabhängig sein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es so gekommen ist.«
Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange unbeweglich, während es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, daß ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächsten Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehörte mir nicht mehr – geheimnißvoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas derselben entwunden, war mir entflohen – ich kam mir wie betrogen, wie hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich saß ganz still; einmal berührte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu glätten, ich fuhr zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen: gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen, jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich wiederholt: »Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!« Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Händen und rieb sie sanft; einmalschien mir's, als sei sie wieder warm, in erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen schließe; mit zitternden Fingern berührte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem Bewußtsein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst Leben in meinen Schmerz – mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem stillen Lager nieder.