»Er ist ein seltener Mensch«, sagte mir Roger einstmals vertraulich, da wir zusammen auf der Veranda vor meiner Glasthür standen; »besonders liebenswürdig ist an ihm das Geltenlassen Anderer und eine Naivetät den Formen der Gesellschaft gegenüber. Nur in einem Punkte ist er schwach, in dem nämlich, was die politischen Verhältnisse Ihres Vaterlandes betrifft. Die scheinen nun freilich auch danach angethan zu sein, den Vernünftigsten zu ärgern.«
John spielte mit dem Gaste Ballschlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze, welche die jungen Männer, es muß gesagt sein, trotz ihrer Barbarei, mit all der Freude der Jugend und Kraft am sich Austoben, am Wagen und Stürmen genossen, ruderte und turnte mit ihm und ließ sich zuweilen mit lustigem Augenzwinkern herab, sich beifällig über die Anstelligkeit des Doctors zu dergleichen auszusprechen. Die Mädchen endlich betrachteten ihn als eine ziemlich indifferente Acquisition, da es ihm an Aufmerksamkeit gegen die kleinen Bedürfnisse der Damen fehlte. Wenn wir zusammensaßen und es machte sich der Mangel einer Fußbank etwa geltend, so entdeckte er diesen Umstand erst, nachdem einer der andern Herrn aufgestanden war, den betreffenden Gegenstand zu holen. Dann sprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Hast, lief eifrig suchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt, wo, der Wahrscheinlichkeit nach, der fehlende Artikel sich finden mochte, und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder vier herbei, während wir, längst im Besitz der kleinen Bequemlichkeit, ihm boshaft dankten.
Roger theilte mir übrigens auch mit, daß Herr Forster aus sehr guter Familie und wohlhabend genug sei, um eine Anstellung im Staate ganz entbehren zukönnen, daß er aber nichtsdestoweniger juristische Beschäftigung und eine gemeinnützige Wirksamkeit schmerzlich vermisse und sehnlich auf einen Umschwung der Dinge harre, der ihm die Rückkehr in das Vaterland ermögliche.
Der Tag für unsere Abreise nach Schottland war herangekommen und noch hatte ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten. Meine Ungeduld und Pein waren fortwährend gestiegen; jeden Tag erlebte ich mehrmals, bei der Ankunft des Postboten, eine bittere Enttäuschung und mit jedem Tage wurde die Verzögerung der Antwort unerklärlicher und beunruhigender. Ich hatte nun einmal fast für nichts Anderes Raum mehr in meinem Kopfe, als für jene Angelegenheit; mir schien, als sei schon so viel versäumt worden, als dürfe man jetzt nicht länger zögern mit dem Versuche, sich Recht zu verschaffen. Daß meine Mutter mir ernstliche Hindernisse in den Weg legen würde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal kam, wies ich ihnsofort zurück. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War sie krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten Wochen. Eine Post war noch übrig; kam damit kein Brief, so mußte ich für einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray so zu reisen beabsichtigte, daß für den Anfang keine Adresse angegeben werden konnte, unter welcher uns Briefe erreicht hätten.
Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reisten wir. Ich war in meinem Zimmer, wo ich einige Kleinigkeiten an meinem Gepäck besorgte; so oft die Klingel der Hausthür sich hören ließ, mußte ich einige Sekunden aufhören, weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angestrengt; war ein Brief für mich gekommen, so mußten sich alsbald Schritte meinem Zimmer nähern. Drei-, viermal hörte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war, kam man die Treppe herauf. Ich riß meine Zimmerthür auf und lauschte den sich nähernden Schritten; es war das Kammermädchen; sie kam in den Gang und machte Miene, an mir vorüberzugehen, erschreckt aber durch mein verstörtes Gesicht, blieb sie stehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle. »Kein Brief für mich, Burbett?« fragte ich leise; die Aufregung der Erwartung schnürte mir fast die Kehle zu. »Die Post ist noch nicht da, Fräulein«,sagte sie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein Zimmer zurück, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich fürs erste beruhigt war, fing ich an einzusehen, daß meine Aufregung, in welche ich mich selber nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine sehr thörichte und grundlose sei. Am Ende kam es ja so sehr auf Eile in dieser Angelegenheit nicht an, und wie Vieles und welche geringfügigen Ursachen konnten die Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wußte sie doch nichts von meiner Absicht bei der Frage an sie, dieselbe mochte ihr wie eine natürliche Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Erzählung. Sie liebte es nicht, wenn ich ihr zweimal hintereinander schrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten. Dies sei unnöthig, hatte sie gesagt; werde sie wirklich einmal ernstlich krank, so sei auf diesen Fall die Magd schon angewiesen, es mich sogleich wissen zu lassen, ein adressirtes Couvert liege zu diesem Zweck immer bereit. So beschloß ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle Eventualitäten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle thun müsse.
Wir stiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen sollten, Herr und Frau Gray mit den größern der »Kleinen« in einen, die beiden Wärterinnen mit den jüngsten Kindern in einen zweiten und in den drittenmeine beiden Zöglinge, Herr Forster und ich, während Roger auf dem Bocke Platz nahm und John neben uns ritt. In ähnlicher Weise war unsere Karavane immer vertheilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur daß die Herren fast immer alle ritten, sobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte sich Herr Forster vor und sagte lakonisch: »Noch keine Nachricht?« Ich schüttelte mit dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehört und rief plötzlich: »Ach, Fräulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg auf einem Esel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's möglich ist. Gestern Abend, ja, es muß gesagt sein, gestern Abend kam ein Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich sonst, wie Jedermann weiß, die Zuverlässigkeit selber bin. Sie waren nicht zu Hause, nachher ritt ich noch einmal fort –«
»Aber wo ist er jetzt? Haben Sie ihn hier?« rief ich heftig.
»Er ist – wahrhaftig, es thut mir entsetzlich leid – er ist in der Tasche meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu holen!« rief der gutmüthige Junge, da er gewahrte, wie ich plötzlich ganz vernichtet aussah. Er sprengte sogleich davon, zum Wagen seines Vaters.
»Papa, kann ich noch einmal nach Hause reiten? Ich habe etwas vergessen.«
»Die zwei Meilen! Unsinn, John! Da läutet es schon zum ersten Male; komm, hole Deine Schwestern heraus. Du hättest nichts vergessen sollen.«
Wir stiegen aus. John kam sogleich ganz zerknirscht wieder zu mir; ich gab ihm die Hand, zu sagen fand ich nichts. Dieser Umstand erschien mir in meinem damaligen erregten Zustande wie ein Wink, das Sträuben gegen das Schicksal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrücktheit verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es seine eigentliche Wichtigkeit mit sich brachte, und ich verlebte die ersten Tage der Reise in großer Niedergeschlagenheit. Erst als der Anblick von Edinburg plötzlich mit zauberischer Schönheit auf uns hereinbrach, wurde ich von meinen trüben Gedanken einigermaßen abgezogen.
Wir befanden uns im schottischen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir, das heißt die rüstigen Fußgänger der Gesellschaft, uns noch spät aus unserm Bergwirthshause auf, um eine naheliegende steile Höhe zu erklettern, von welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war äußerst beschwerlich, sogar gefährlich. Die jungen Herren befanden sich in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erstrebten Punkte an, welcher übrigens nicht der Gipfel der Felspartie war, sondern eine weite Felsplatte, mit Moos, sogar mit spärlichem Grase bedeckt, unter der das todte, zerklüftete Gestein gewaltig ausgedehnt dalag, während im Rücken derselben die Felsen sich noch hoch, aber unersteiglich steil aufthürmten. Auf der Fläche fanden wir mehrere Gruppen und einzelneReisende vor, welche sich ringsum aus den Thälern zu diesem bekannten Punkte hinaufgearbeitet hatten. Wir standen und saßen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen Schauspiel des Abendhimmels hingebend. Herr Forster fand sich, wie jetzt häufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Touristen einige Mitschüler erkannte, denen er sich anschloß. Mein Landsmann und ich betrachteten nun in aller Muße die Naturschönheiten der Scene nicht nur, sondern auch was sich von Menschen in dieser Oede zusammengefunden hatte. Die Menschen waren meist Engländer, behäbige Spießbürger und übermüthige Studirende, ein ganzes Pensionat junger Damen, ein Geistlicher mit seiner zahlreichen Familie, außerdem auch einige Franzosen und andere Touristen, deren Nationalität festzustellen wir uns nicht getrauten.
»Haben Sie sich jetzt getröstet über John's Nachlässigkeit?« fragte mich Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spöttische Miene angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz ernsthaft aus.
»Ich war außerordentlich ärgerlich darüber«, antwortete ich ihm, eine directe Antwort vermeidend.
»Ja, das konnte man sehen, das hätten Sie mir nicht zu sagen gebraucht; aber es kommt doch auf Verzögerung jener Antwort so gar viel nicht an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieselbe, wir fänden die Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem Processe kommen lassen?«
Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.
»Ich meine«, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den folgenden Worten, »wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?«
»AnihreStelle!« sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt, welche Rücksicht, welche lächerliche Schwäche sollte mich abhalten, mir Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich dürste danach, diese Eindringlinge zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir so lange leben mußten!«
»Fräulein von Günthershofen!« sagte er beschwichtigend in einem Schulmeisterton.
»Was wollen Sie!« rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypothese aufstellte, die sich nachher als Wahrheit erwies. »Soll auf der Ehre meines Vaters, vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter, meine verehrungswürdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage verbringen, weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, über die eine Reihe von Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, daß wir Recht erhalten, nur Recht, weiter nichts!«
Er sah mich verwundert an. »Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts von seiner Hitze eingebüßt«, sagte er dann und lächelte. »Aber lassen wir das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren Zöglingen unterhält?«
Mich berührte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeithatte lenken wollen, zu beobachten; endlich berührte er mich leicht am Arm und sagte freundlich: »Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie sich den schönen Abend nicht. Der Haß ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann, während es ihn beherbergt, nicht glücklich sein.«
Diese wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz unerträglich, die Thränen stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen. Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener große stattliche Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen, dessen Bild sich aber meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt hatte? In mir kämpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt, bis Herr Forster scherzend sagte: »Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten schon rufen Sie dorthin.Sind Sie nicht hier als Beschützerin jener jungen Damen?«
So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zöglingen, die sich in ihren hellen hübschen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten, welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schönen blonden Haaren paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb abgewendet von mir, im Gespräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war mir's, als müßteichmich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen konnte, die Felsen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus seiner verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstände erlaubt hätten, war es zu spät, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so übel wie möglich auslegte – er wollte sich gewiß nur fassen zu einer Förmlichkeit, wie sie sich der armen Verwandten gegenüber schickte, die so unbequem vor ihm aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich hatte mich getäuscht. Sehr freundlich – sogar mir konnte seinBenehmen nicht anders als freundlich vorkommen – that er mir ein paar Schritte entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt über diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrücken begrüßte er mich als seine Cousine – welches Vorgehen ich ihm nur als Heuchelei auslegte – und erwies sich, während mein Benehmen den Uebrigen bis zur Ungeschliffenheit zurückhaltend erscheinen mußte, so liebenswürdig, daß sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gespräch, anfänglich nur von ihm und Roger geführt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies zu den liebenswürdigsten, zugänglichsten Menschen. So stieg denn der Freiherr von und zu Günthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an mich richtete er nur von Zeit zu Zeit einWort und dann in einer gewissen schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht, wessen er sich von mir zu versehen habe, und fürchte eine Probe Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit.
Alle waren in der heitersten Laune außer mir. Ich eilte nach Tische schnell fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Gärtchen, auf dasselbe gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft noch beisammen saß, und man hätte mich sehen können. So setzte ich denn meinen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf, den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nähe des Gastes unten bestürmten.
An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosüberzogene Steinblöcke gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, setzte ich mich, und hier überkam mich das Gefühl der Einsamkeit so sehr,während ich an die Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich fühlte plötzlich ein so heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem ärmlichen Stübchen auch einsam saß, daß ich die Arme vor mir auf einen Felsblock legte, das Gesicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf ließ, die ich seit Wochen schon so oft zurückgedrängt hatte. Aber auch diese Erleichterung sollte mir verkümmert werden; ich hörte Schritte sich nahen und richtete mich schnell in die Höhe, der einzelne Fußgänger wurde sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem Zufluchtsorte vorüber, dann wandte er sich plötzlich, wie von einem Einfall getrieben, um und stand im nächsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: »Sie werden sich erkälten, Fräulein.« Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerseits zu bemerken, als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner Einleitung:
»Das ist der Freiherr!«
»Ihr Feind«, ergänzte er, »den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.«
Ich nickte. »Hassen Sie ihn noch?« fragte darauf der Doctor mit einer so eigenthümlichen Betonung,daß mir plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr Forster halte mich für und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man nachgeben müsse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst überfiel mich bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte ihm beweisen, daß er sich irre, daß ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner Handlungsweise nicht zurückschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem ich mich erhob: »Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf freundschaftliches Einvernehmen deutet.«
»Er weiß also nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?« fragte Forster.
»Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünschte.«
»Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Vergleich?« warf Forster dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß.
»Nun, es ist dergleichen schon öfter dagewesen«, meinte er. »Der Freiherr scheint nicht so übel; es muß Ihnen wirklich schwer fallen, seiner einnehmenden Persönlichkeit gegenüber Ihre feindseligen Absichten fest zu halten.«
»Das wüßte ich nicht«, erwiderte ich. »Das Gefühl des schmählichsten Unrechts, das einem zugefügt worden ist, frißt tiefer, als Sie zu glauben scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter, das beweist noch nichts für seine Grundsätze. Jedenfalls will ich, da er hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.«
Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile darauf aufmerksam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabsteigen am Tage sogar nicht ungefährlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors stützende Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfüllt von meinen Gedanken und Plänen, die sich jetzt besonders darum drehten, auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn herbeizuführen, daß ich ihm kaum für seine Hülfe dankte und es mir auch gar nicht einfallen ließ, darüber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe abenteuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald Aufklärung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen Stufen an der Fronte desselben hinlief,promenirten die Herren, indem sie ihre Cigarren rauchten. Als wir uns näherten, schritt uns der Freiherr entgegen.
»Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von jener Felsplatte aus beobachtet?« sagte er lächelnd. Forster nahm es auf sich, zu antworten.
»Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüste gehabt haben, ich fürchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein, um sie womöglich unversehrt zurückzugeleiten, und hier sind wir nun, merkwürdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.«
»Ich habe bis jetzt versäumt, Ihnen für Ihre Dienste zu danken«, beeilte ich mich zu sagen und fügte hinzu: »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit so guten Absichten oder daß Sie überhaupt mir nachgekommen waren.«
»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig und ging dann mit einer etwas linkischen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente eintretenden Schweigens so stark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag desselben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung,die ich so sehr herbeigewünscht hatte. Der Freiherr begann endlich – er hatte galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche Plauderei rechne:
»Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigstens scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?«
Gereizt wie ich gegen ihn war, empörte mich diese einfache Frage; wie konnte er denken, daß ich zufrieden zu sein vermöchte, fern von meiner fast in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhängigkeit essend!
»Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden sein, Herr Freiherr«, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. »Ich sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter nichts gelassen als mich.«
Der Freiherr sah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht zu ihm in die Höhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor einigen Monaten im Stübchen der Mutter – das arme Fräulein mit den edlen Entschlüssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre Geschichte erzählen hören, die mich innerlichganz umwandelte – nicht zum Bessern, wie ich mir später wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfältigen, guten Herzen. Auch äußerlich hatte ich mich verändert; die Mutter würde ihre Freude an mir gehabt haben, wenn sie mich gesehen hätte in den langen, weiten, schweren Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere gewesen.
Diesmal war die Pause länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht, was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: »Ja, es sind traurige Verhältnisse, sehr traurige, aber wie können sie geändert werden?«
Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: »Ich will Ihnen sagen, gnädiger Herr, wie sie geändert werden können, diese traurigen Verhältnisse; sie können es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren – abhanden gekommen sind«, bezwang ich mich zu schließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge geschwebt. Da war sie nun,die Kriegserklärung – mir war, nachdem ich sie ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf mich niederstürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte nicht den Eindruck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er sagte sogleich in ruhigem Tone: »Fahren Sie fort, Fräulein Base! Die Güter gehören zum Theil jetzt mir, das heißt, ich habe sie gegenwärtig in Besitz. Sie wollen einen Process gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?«
»Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben werde, ob irgend eine Chance für uns da ist!«
»Ich verdenke es Ihnen nicht«, sagte er leicht, »aber wissen möchte ich doch, ob dieser landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich weiß, nie die Absicht –«
»Halten Sie ein, Herr Freiherr!« rief ich entrüstet. »Sie mögen sich sicher dünken auf dem erschlichenen Besitzthum – wahrscheinlich sind Sie das auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht – aber meiner spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen belieben,ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter saß und sie mir ihre Geschichte erzählte, eine Geschichte des Leidens, der entsetzlichsten Kränkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?«
Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres Gesprächs, daß ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkürlich nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn ich jene Scenen überdenke, die mir fest im Gedächtniß geblieben sind, noch heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine letzte Frage nicht, und während er schwieg und vor sich hin sah, hingen meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in die Höhe und seine Blicke begegneten den meinen – er schlug vor denselben die Augen wieder nieder.
»Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein«, sagte er dann dumpf, »aber wenn ich michan Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie glauben also, daß das Urtheil, welches uns damals die Güter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?«
»Ja, ich glaube es, fast möchte ich sagen, ich weiß es, obgleich mir nicht bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über diesen wichtigen Punkt geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlässigkeit mir vor der Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen, ist mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewiß nicht verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu setzen.«
»Den Vorwand?« sagte der Freiherr ruhig. »Hat nicht ein Gericht, ein wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollständig competentes Gericht die Ansprüche beider Linien geprüft und die unserigen als gültig erkannt?«
Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugänglich und entgegnete rasch und unbedacht: »Das beweist gar nichts. Der Fürst hat dem Gerichte denAusspruch, den es thun sollte, dictirt; er wußte wohl, warum.«
Bei der Nennung des Fürsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem Einfluß physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren. Da hob der Freiherr noch einmal an: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich überrascht, ehe ich ihm aber für sein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß: »Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
»Das will ich«, sagte ich kurz. »Gute Nacht, mein Herr!« Und damit verließ ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte, nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, so kreisten die Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt häufig viele Stunden in der Nacht wach hielten.Manchmal kam es mir vor wie ein Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, daß ich den Freiherrn gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten, nun erst recht zu den wichtigsten, die es für mich geben konnte; nun mußte etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz, ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir Alles, was ich gesprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir sagen, daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen hätten. So suchte ich mich denn durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie rücksichtslos, wie rachsüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht natürlich, daß ich keine freundschaftliche Gesinnungfür ihn hege, noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein gewissenloser Mann sein, sonst könnte er den Besitz der durch Trug und Tücke an sein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Fürsten. Und dann – und am quälendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend – wie schonungslos, wie unmädchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu stärken. Nun aber, während die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten der Aufschlüsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte meine Pulse schneller schlagen, sodaß ich erst nach Sonnenaufgang in einen kurzen Schlaf verfiel, während dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken, die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Träumen durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.
Es erschien mir wie eine Vergünstigung des Schicksals, daß Herr Gray sich vornahm, die Zimmer in dem schöngelegenen Gasthause, welche wir inne hatten, noch für eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, für den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche Einladung der Familie, er möge sich ihren Ausflügen in der nächsten Zeit anschließen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau Gray schrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.
Wir saßen gerade auf dem Balkon beim Frühstück, als der Postbote mit dem Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder Erwartung, während er dieselben langsam durch die Hände gleiten ließ.
»Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Fräulein«, sagte Forster neben mir mit leichtem Spott. »Sie zittern zu sehr, als daß Sie Ihre Manipulationen fortsetzen könnten.«
Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder hin, er sah unverwandt auf mich, mit düsterem Gesichte, er wußte, was ich erwartete – eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen seine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte sein Aussehen wenig, denn John reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufschlüsse des Freiherrn glücklicherweise nicht mehr. Ich riß sogleich den äußern Umschlag ab und schauteauf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter; liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und schaute auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefühl der Furcht vor ihm, welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier, dachte ich.
Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenschein nehmen wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte sofort aufgebrochen werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so groß, daß ich Kopfweh vorschützte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu dürfen. In einer halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht gestört zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und beantwortetesie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige, was mich irgendwie interessiren konnte, berührt worden war, in folgenden Worten: »Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte unserer Unglücksfälle erzählte, daß dieselben einigen Eindruck auf Dich machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Dich noch unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schließlich nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, später wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer Ehre erfüllen müssen; auch war ich Dir eine Erklärung unserer so wenig standesgemäßen Armuth schuldig. Du berührst nun in Deinem Briefe einen Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthätig, und es ist uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härtesten Wahrheit ins Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, daß man in jenem verbrecherischen Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls derFrau von Günthershofen sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen eine längst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode gefunden, gefälscht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt hast; Du erhältst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie gegen die Besitzer unserer Güter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater versäumt. Der Schlag hatte ihn zu hart getroffen und seine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da schon fast hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns alle Beweise fehlten, daß jene Correspondenz wirklich eine gefälschte sei. Ich habe mit Sachwaltern darüber gesprochen und sie haben die Achseln gezuckt; wer mochte sich unter so ungünstigen Umständen, wo ein Erfolg nur durch die weitläufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen gewesen wäre, der Sacheeiner gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder durchgehen, von welcher sich das Gefühl mit Abscheu abwendet. Die, welche durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz genommen haben würden, waren längst todt, jener selbst war gestorben, ohne Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klärung seiner Ehre gelegen gewesen wäre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. Laß Dir daher an dem Bewußtsein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zusteht, diejenigen zu beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.«
So schloß meine Mutter. Ich saß eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich konnte mich nicht fassen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer so beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde ich ruhiger und merkwürdigerweise so ruhig,daß ich mich an die Stelle meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, setzen, gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte gewiß an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war vielleicht überzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so trüb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefühlt. Während ich, den Kopf in beiden Händen, dasaß, klopfte es an die Thür und Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war mir zu Sinne, fühlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine Anwesenheit erklärend entschuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte, er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten, sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er, da ihm mein verstörtes Wesen auffiel: »Schlechte Nachrichten?«
Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: »Ich war nach den Aufschlüssen, welche mir der Freiherrgegeben hatte, hierauf vorbereitet; ihm scheint es, beiläufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, daß hier ein Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu sagen –«
»Daß Sie es auch nicht glauben«, unterbrach ich ihn. »O ja, ich weiß schon, weiß Alles, was Sie mir sagen können.«
»Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthershofen«, entgegnete er mit unerschütterlicher Ruhe. »Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals genau prüfen, auf die Voraussetzung hin, daß der Ausspruch ohne genügende Beweise gefällt worden sei; man müßte einem Formfehler nachspüren, dessen Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl dem einzigen, der sich einschlagen ließe, finden sich Schwierigkeiten vor, welche mir unüberwindlich scheinen. Das Fürstenthum ist inzwischen mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob sich die Acten überhaupt wiederfinden würden, ist sehr fraglich, jedenfalls würden die nöthigen Nachforschungen mit großen Kosten verknüpft sein. Sie werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sachezu übernehmen, es müßte es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun. Mein wohlüberlegter Rath also ist, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an einen Proceß aufgeben.«
Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Erzählung der Mutter noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er, gebrochen an Geist und Körper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, daß er nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrschte eine große Ruhe in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen, daß ich eine Mattigkeit in mir spürte, welche es mir fast wie eine Wohlthat erscheinen ließ, nun ruhen zu müssen, nicht um unser Recht kämpfen zu können. Denn daß unser Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten abgerissen die Worte in mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Haß ist eine schwere Bürde; sie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder darüber nachgedacht hätte. Sohatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis Forster wieder anfing: »Wollen Sie mir folgen, Fräulein?«
»Für jetzt, ja«, antwortete ich ihm, »denn was kann ich thun? Ich bin arm, ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.«
»Könnten sich dann nur, während dieses Waffenstillstandes, freundliche Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden«, fuhr er fort. »Ich weiß, bei gewöhnlichen Menschen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide müßten sich, meine ich, über Manches hinwegzusetzen vermögen, was Andere beschränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten sind Sie wohl in etwas zurückgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine Vorurtheile zu überwinden.«
War es ein gewöhnlicher Widerspruchsgeist, der mich überkam, zugleich mit der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz seiner Vernünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen müssen, schmerzlich erregtes Selbstbewußtsein zu unsanft berührt, das wüßte ich jetzt nicht zu sagen, so viel weiß ich nur, daß ich ihn höchst unliebenswürdiger Weise fragte: »Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von Günthershofen?«
Forster sah mich erstaunt an. »Nein«, erwiderte er dann; »der Freiherr will Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.«
»Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, daß ich sein Wohlwollen nicht brauche«, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empören mochte, empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz meinen quälenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines Lebens gewesen.
Unser Aufenthalt in den schönen schottischen Bergen näherte sich seinem Ende. Ich war froh darüber, denn mir war er seit der Dazwischenkunft des Freiherrn ein peinlicher gewesen; ich fühlte das Vergnügen der Freiheit und Ungebundenheit nicht wie die Uebrigen, auf mir ruhte ein schwerer Zwang. Der Frau Gray war mein stilles Wesen aufgefallen; in ihrer mütterlichen Art drang sie in mich, ihr zu sagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil ich mein vollständiges Wohlsein behauptete, kam sie zu dem Schluß, daß mein Gesundheitszustand kein guter sei, daß mir die Strapazen und Aufregungen einer Reise nicht bekämen, daß ich zu Hause einen Zuschuß zu den Ferien erhalten und mich recht ausruhen müßte. Ich ließ das Alles zuletzt über mich ergehen, weil widersprechennichts half. Besonders peinlich war es jedoch, wenn sie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen ließ, wo wir alle zusammen waren; meine beiden Landsleute wußten ja, was mir eigentlich fehlte; ich wagte dann auch stets noch einige schwache Proteste gegen die mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer solchen Scene war es, wo der Freiherr sich, als wir vom Abendessen aufgestanden waren, zu mir gesellte; ich wußte, daß er am nächsten Morgen abreisen würde, und fühlte Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Gespräche bei Tische hatte ich erfahren, daß er zunächst nach Norwegen sich wenden wollte, um dort zu fischen, wie er sagte, und dann endlich nach seinen Gütern zurückzukehren gedenke. Herr Bardolph fing die Unterhaltung an, indem er sich nach meinem Befinden erkundigte.
»Sie sehen nicht wohl aus«, sagte er etwas unsicher; »ich fürchte, ich habe Ihnen durch meine Anwesenheit die Ferienreise verdorben.«
Da diese Voraussetzung genau mit der Wahrheit übereinstimmte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, sie abzuwehren, wie es die Höflichkeit erfordert hätte; ich suchte nach etwas Unverfänglichem, das ich antworten könnte, und weil mir damals die gewöhnlichen Phrasen nicht recht zur Hand waren, so entstand eineunangenehme Pause. Der Freiherr sprach zuerst wieder; er fragte mich, ob es mir recht sein würde, ein wenig mit ihm den Bergpfad hinaufzugehen, es sei das letzte Mal, daß er mich belästigen wolle. Ich schloß mich ihm schweigend an und wir gingen zusammen in den herrlichen, warmen Sommerabend hinein. Die Luft wehte so lau um uns her, die Bergkräuter dufteten so würzig, das Abendlicht von dem klaren Himmel herab war so mild, daß mir das Alles bis ans Herz drang; ich fühlte meinen Trotz gegen den Freiherrn schwinden, ich schämte mich der kindischen Waffe und beschloß, ihm, der sich stets gütig und einfach gegen mich benommen hatte, nun auch freundlich entgegen zu kommen. Wir stiegen eine Weile schweigend bergan; der Pfad war steil und ich wurde in der letzten Zeit wirklich leichter müde als sonst wohl; so blieb ich endlich stehen, um Athem zu schöpfen. Der Freiherr wandte sich zu mir.
»Ich habe bisher nicht gewagt, Ihnen den Arm zu bieten«, sagte er mit einem ernsten Lächeln; »ich fürchtete, Sie würden mich abweisen.«
»Warum sollte ich das«, entgegnete ich ihm und wollte unbefangen erscheinen und sprechen, aber die Rolle, die ich mir zugetheilt hatte, schien mir schwerer werden zu wollen, als ich geglaubt. Ich legte meinen Arm in denseinen und wir gingen weiter; da dachte ich plötzlich: Wenn mich die Mutter so sähe! und hätte mich am liebsten losgemacht und wäre fortgeeilt. An der Stelle, wo mich vor einiger Zeit Forster getroffen, hielten wir, die moosigen Sitze waren so einladend, die Stille und Geschütztheit des Plätzchens so lockend. Ich saß mit dem Rücken gegen das Thal, vor mir den weiten Himmel, an dem die Sterne zu erscheinen begannen, Herr Bardolph mir gegenüber im tiefen Schatten.
»Ich gehe morgen, wie Sie wissen werden«, hob er an, »und möchte vorher noch einmal auf die Angelegenheit, von welcher wir neulich sprachen und welche Sie so beschäftigt hat, zurückkommen. Durch Forster habe ich gehört, daß die gewünschte Auskunft von Frau von Günthershofen in Ihre Hände gelangt ist, auch daß Sie durch die Aufschlüsse Ihrer Frau Mutter bestimmt worden sind, den Gedanken an einen Rechtsstreit mit Ihren Verwandten aufzugeben. Sie zweifeln nicht an der Gerechtigkeit Ihrer Sache, aber die Schwierigkeiten sind Ihnen zu groß –«
»Ja, im Augenblick unüberwindlich«, schaltete ich ein.
Der Freiherr nickte. »Ich bedauere diese Hindernisse«, fuhr er fort, »und da mir wie Ihnen daran liegt, die Umstände des damaligen traurigen Processes aufgeklärt zu sehen, will ich mich nach meiner Rückkunft sofort zu unsermFamilienarchiv wenden und suchen, ob ich dort irgendwelche Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen können. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ich Ihnen auch dann sofort Nachricht von dem Erfolge zukommen lassen werde, wenn die entdeckten Aufschlüsse nicht zu unsern Gunsten sind.«
Der Freiherr hatte im Geschäftston, kalt und glatt, gesprochen, daher mochte es kommen, daß mir in jenem Augenblicke die Uneigennützigkeit, der Edelmuth seines Anerbietens nicht in dem Maße klar wurden wie später, als ich darüber nachdachte. Ich dankte ihm mit wenigen höflichen Worten – wir waren in ein ganz bequemes Fahrwasser der Geschäftlichkeit gerathen.
»Bitten möchte ich Sie aber zu glauben«, fuhr mein Begleiter fort, »daß ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmäßigkeit unseres Besitzes könne angezweifelt werden.«
»Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter«, fühlte ich mich gedrungen zu bemerken; »vor der Welt sind Sie ganz im Rechte und uns hat man überhaupt auch vergessen.«
»Ich fürchte, Sie sagen die Wahrheit«, entgegnete er trübe. »Ich habe erst vor kurzer Zeit von den Umständen Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis dahin hatte ich nichts gewußt, als daß damals zwischen denverschiedenen Zweigen unserer Familie ein Bruch stattgefunden habe. Ich war zur Zeit des Processes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich mehrere Jahre meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurückkam, waren meine Aeltern nach Günthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel, wer früher dort gewohnt habe.«
Der Freiherr war also, wie es schien, zu uns gekommen, sobald er von der Dürftigkeit seiner Verwandten gehört hatte, und wie konnten seine Absichten andere als wohlwollende gewesen sein? Warum hätte er sich sonst überhaupt um uns bekümmert? Gleichgültigkeit und Uebelwollen seinerseits hätten gewiß die Kluft bestehen lassen, welche sich zwischen den Verwandten und uns befand. Es wurde mir immer mehr klar, daß zu Feindseligkeit oder Mißtrauen gegen den Freiherrn absolut kein Grund vorhanden sei, ich war mir meines abstoßenden Wesens beim Zusammentreffen mit ihm jetzt schmerzlich bewußt und es drängte mich, dies auszusprechen. Ehe ich aber dazu den rechten Anfang fand, gab eine Aeußerung des Freiherrn unserm Gespräche eine ganz andere Wendung. Er schien den etwas peinlichen eigentlichen Gegenstand desselben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an, während wir uns auf den Heimweg machten:
»Sie haben einen guten Freund an Herrn Forster, mein Fräulein – kannten Sie denselben schon in Deutschland?«
Ich antwortete der Wahrheit gemäß und erzählte überhaupt von dem deutschen Juristen, was ich wußte; es war eine Wohlthat, sich einmal auf neutralem Gebiete bewegen zu können, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtsein des nun einmal zwischen uns stehenden Unrechts entsprang. Der Freiherr hörte mir ruhig zu, während ich den Charakter, die Kenntnisse, das Benehmen Forster's rühmte; als ich endlich schwieg, sagte er leise: »Ihr Landsmann müßte in Ihren Augen noch ein ganz besonderes Verdienst haben – er liebt Sie.«
Ich blieb voller Erstaunen stehen und wartete auf einige erklärende Worte. Da mein Begleiter schwieg, schritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte nichts Passendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob:
»Nun, Fräulein von Günthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu sagen? Ach, gewiß war Ihnen die Thatsache längst bekannt, da Sie eine junge Dame sind.«
»Nein«, rief ich nun lebhaft, froh, einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben, »nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forster ist mir immer als einbloßer Bekannter mit der gewöhnlichen Höflichkeit und ziemlich zurückhaltend begegnet; nach unserer letzten Unterredung ist er sogar, wie ich glauben muß, unwillig von mir gegangen. Aber«, rief ich, plötzlich in eine meiner unglücklichen impulsiven Fragen ausbrechend, »wissen Sie, was Sie mir da mittheilen, gewiß? Und warum sagen Sie es mir überhaupt?«
»Ihre erste Frage ist leicht zu beantworten«, erwiderte Herr von Günthershofen. »Durch die Rechtsangelegenheit sind wir, wie Sie sich denken können, dahin geführt worden, über Ihre Umstände und über Sie selber zu reden; da ist mir Manches klar geworden. Ein Wort hat das andere gegeben und zuletzt hat mir Forster mit der ihm zu Zeiten eigenen, fast kindlichen Offenheit aus seinen Gefühlen kein Hehl gemacht. Sie können sich nur durch dieselben geehrt fühlen, Fräulein.«
Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die Eröffnung des Freiherrn einen vorzugsweise peinlichen Eindruck auf mich gemacht. War auch für Momente das Gefühl befriedigter Eitelkeit in mir aufgestiegen, dessen sich wohl selten ein Mädchen erwehren wird, wenn sie von dem Interesse oder gar der Liebe hört, die sie einem Manne einflößt, so war dies Gefühl doch gar schnell in denHintergrund gedrängt worden durch die Aussicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher so angenehmen Beziehungen zwischen dem Juristen und mir eintreten mußte. Hierzu nun gesellte sich der Gedanke, daß ich mit meinen Vorzügen und Fehlern das Gesprächsthema jener beiden gewesen sei, und das brachte mich vollends um allen Gleichmuth.
»Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen, Herr Freiherr?« fuhr ich heraus. »Ob ich mich geehrt fühle durch die mir sehr unerwartete Neigung des Herrn Forster oder nicht, das ist jedenfalls meine Sache. Sehr peinlich muß es mich aber berühren, daß dergleichen überhaupt zwischen Ihnen verhandelt worden ist; Herrn Forster kann es, wie mich dünkt, ebenfalls nur unangenehm sein, durch Sie mir mitgetheilt zu wissen, was ihm allein zu sagen zukommt, wenn es überhaupt gesagt werden soll.«
Das Gesicht des Freiherrn konnte ich in der tiefen Dämmerung kaum sehen, den Ausdruck desselben durchaus nicht erkennen; um so mehr überraschte mich seine Stimme, als er wieder sprach; sie klang dumpf, wie von unterdrückter Erregung.
»Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der sehr ernsten, innigen Neigung Forster's sprach und sie beim rechten Namen nannte. Eines Verstoßes mag ich mich freilich damit schuldig gemachthaben; ich weiß nicht, was in solchen interessanten Fällen die Etikette den Wissenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und so will ich, auf die Gefahr hin, weiter zu sündigen, noch eine Frage thun«, fuhr er, plötzlich in seinen leichten Ton übergehend, fort: »Fräulein von Günthershofen, erwidern Sie die Gefühle des Herrn Doctors?«
»Nein, durchaus nicht«, rief ich, ehe ich wußte, was ich sagte, ehe ich erwogen hatte, daß, wie er allerdings andeutete, diese Frage dem Freiherrn durchaus nicht zustand.
»Er ist nicht adlig«, sagte Herr von Günthershofen darauf, wie zur Antwort.
Allerdings, aber ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob ich mir als Gatten nur einen Ebenbürtigen wünschte, hatte überhaupt dem Gedanken an meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir das häufig ging, auf die Aeußerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort. »Ich weiß nicht, ob mich dieser Mangel bei Jemand abhalten würde, ihn zu lieben«, sagte ich endlich, nachdem ich mich besonnen hatte.
»Kind!« erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich hätte übrigens trotz der Dunkelheit darauf schwören mögen, daß er lächelte. »Kind!«Was konnte er mit der Aeußerung meinen? Sollte sie Tadel, Entschuldigung, Geringschätzung ausdrücken? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf darüber. Uebrigens lag es in der Eigenthümlichkeit meines Strebens und meiner Wünsche zu jener Zeit, daß ich eine besondere Gefahr darin sah, für ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mädchen gehalten zu werden; ich war daher äußerst empfindlich in dieser Beziehung und habe dem Freiherrn das Wort lange nicht verziehen.
Wir waren, zuletzt schweigend, in die Nähe des Hauses gelangt, meine Zöglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beschlag und ich war froh, daß unser seltsames Gespräch sein Ende erreicht hatte. Forster sah ich an jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich, ein gewisses Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafür, daß er mir seine Neigung geschenkt hatte, ich war ihm dankbar, ich achtete das Geschenk, wenn ich es auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles so neu, mein Umgang mit Männern war bisher so beschränkt gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben blickte ich an jenem Abend mit Aufmerksamkeit in den Spiegel; mir kam es vor, als müsse ich neben den hellen, freundlichen, reizenden Gestalten meiner Zöglinge unendlichverlieren, um so mehr empfand ich mit einer Art Rührung die deutsche Anspruchslosigkeit meines gelehrten Landsmannes, welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, sich so treu der schlichten Heimatpflanze zugewendet hatte. Ich beschloß mit ihm zu verkehren wie bisher; er würde, das wußte ich, mir die freundliche Gleichgültigkeit unserer Beziehungen nicht unmöglich machen.
Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Freiherr. Ihm war ich dankbar dafür, daß er ging, zudem hatte ich über seine gestrigen Worte nachgedacht und fühlte ganz die Uneigennützigkeit, aus der sie hervorgegangen waren. So gestaltete sich unser letztes Zusammentreffen freundlicher als alle bisherigen. Ich wünschte Herrn Bardolph Glück auf die Reise und für den Fischfang, dankte ihm auch nochmals und fand sogar den Muth, mich zum ersten Male nach seiner in Deutschland lebenden Familie zu erkundigen. »Wie befindet sich Frau von Günthershofen«, fragte ich, »und wie erträgt sie Ihre lange Abwesenheit?«
»Meine Mutter? Ich hoffe, daß es ihr gut geht; sie ist leider dem Briefschreiben abgeneigt, und ich erhalte nicht oft directe Nachrichten von ihr.«
Seine Mutter, jene böse Frau, welche recht eigentlich an all unserm Unglück schuld war – nachder hatte ich nicht fragen wollen. »Ich meinte Ihre Frau Gemahlin«, sagte ich auch geradezu. Er sah mich erstaunt an und lächelte dann, indem er seinerseits fragte: »Haben Sie mich für verheirathet gehalten?«
»Ja, Herr Freiherr.«
»Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutschland verweile, bei meiner Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Günthershofen geblieben ist. Ich bin bisher viel herumgereist und der Gedanke an einen eignen Hausstand ist mir noch selten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor«, fügte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne höchst anziehende Gruppe der Gray'schen Familie blickte, welche auch wirklich das Familienleben von seiner schönsten Seite darstellte.
Die Zeit seiner Abreise war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis zur nächsten Eisenbahnstation benutzen wollte, wurde eben vorgeführt, wir gingen zu den Uebrigen zurück, die ihn alle umringten und von denen er sich aufs herzlichste verabschiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl zwischen meinen beiden Landsleuten und sah deshalb scharf hin, als der Freiherr sich dem Juristen näherte. Sie schüttelten sich die Hände, dabei sahen sie sich einen Moment lang ernsthaft in dieAugen und der Freiherr nickte Forster leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den Blicken gestellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem Ausdruck die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein Margarethe«, sagte er freundlich und dann ritt er davon.
Es entstand eine Lücke durch sein Fortgehen, das verhehlte sich keiner der Zurückbleibenden; alle bedauerten offen, daß man nicht länger hatte zusammenbleiben können, und freuten sich zugleich der angenehmen Bekanntschaft, auf deren Fortsetzung sie hofften, denn der Freiherr hatte für das nächste Jahr einen Besuch in Goldwell-House, dem Wohnsitze der Familie, in Aussicht gestellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung, vermißte den Freiherrn, dessen Abreise ich doch herbeigewünscht hatte; Niemand konnte sich ganz dem Einfluß seiner edlen, bedeutenden Persönlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht gekonnt; die Ruhe und Sicherheit seines Benehmens verfehlten nie ein wohlthätiges Gefühl in seiner Nähe hervorzubringen, gegen welches ich mich freilich anfangs absichtlich verhärtet hatte. Ich dachte über seine letzten Worte nach und konnte nicht umhin, im Innersten die Frau für sehr glücklich zu halten, welcher es vergönnt wäre, an seiner Seite durch das Leben zu gehen. Begierig war ich darauf, wen er einmal wählen würde;ich hoffte mit seiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dem Anerbieten der Freundschaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir, hatte zu Theil werden lassen. Während ich mich diesen Gedanken hingab, zwischen den Andern sitzend und ziemlich einsilbig an der Unterhaltung Theil nehmend, fielen mir plötzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit der Aeußerung des Freiherrn, und bei diesem Gedanken zog sich mein Herz schmerzlich zusammen. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die ältere der beiden – denn von der fünfzehnjährigen Blanche konnte wohl kaum die Rede sein – als Gattin des ernsten deutschen Edelmanns – ich sagte mir, daß das ja gar nicht passe, daß es ganz unnatürlich sein würde, aber doch mußte ich mir wieder eingestehen, es sei nicht unmöglich, ja, je mehr ich darüber nachdachte und mir alle die kleinen Scenen, welche sich während des Hierseins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiste wiederholte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß er sich zu dem von ihm so himmelweit verschiedenen jungen Mädchen hingezogen gefühlt habe. Mit Vorliebe war er auf ihr heiteres Geplauder eingegangen, oft hatte er, wie mir jetzt einfiel, mit unverhohlener Bewunderung der schlanken, elastischen, jugendkräftigen Gestalt nachgeblickt, wenn sie auf unsern Ausflügenmit den Brüdern um die Wette uns übermüthig vorangeeilt war, noch öfter hatte er sich ihr vorsorglich angeschlossen, ihrer Wagehalsigkeit Einhalt gethan, sie beim Klettern gestützt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und so war sie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie anders, als daß er sie wie ein wildes Kind betrachte – war sie doch erst sechzehnjährig – aber jetzt, beim Zurückblicken, kam mir das Alles ganz anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, daß sie wußte, was sie wollte, daß sie einmal eine tüchtige, energische Frau abgeben würde; in ihr wohnte der fröhliche Muth des Glücks und der Gesundheit und ein heller Verstand. Und dazu – wie schön war sie! Wie eine Göttin der Jugend erschien sie mir oft, mit den lebensprühenden blauen Augen, dem kräftigen, prächtigen Blondhaar, den feinen, reizenden Zügen. Es wurde in der Familie stillschweigend, mit sorglichem Stolz anerkannt, daß Lucy eine Schönheit »zu werden versprach«; wer konnte so blind sein, nicht einzusehen, daß sie es längst sei! Und warum sollte ich mich nicht freuen, wenn sie die Gattin meines stattlichen Vetters wurde? Sie war freilich eine Ausländerin, und es gab in Deutschland hochgeborene Mädchen genug, die ihr nicht nachstanden an Schönheit und sie übertrafen an aristokratischemAussehen und Wesen und denen ich, wie mich dünkte, die Herrschaft auf meinem Schlosse – so sagte ich mir in solchen Augenblicken mit doppelter Bitterkeit – lieber gegönnt hätte als der Fremden, dem Kinde. Aber wenn sie dem Freiherrn gefiel, wenn sie ihn glücklich machen konnte, und daß dies ihrer heitern, glücklichen Natur gelingen würde, bezweifelte ich nicht, so kam es mir zu, ohne Neid – Neid, das häßliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zusammen und doch sagte ich mir dasselbe schonungslos vor – ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden mit anzusehen. Ueberhaupt, wie hatte ich mich hinreißen lassen von meiner Frauenschwäche, über Heirathen zu speculiren; was ging es mich an, wenn der Freiherr eine Kaffernprinzessin heimführte nach Günthershofen! Was war er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Monaten gewesen? Nicht existirt hatte er für mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mißtrauen betrachtet, und nun, nun war ich ganz aus meinem gewöhnlichen Gleise herausgezogen worden durch den Zauber seiner Nähe – als vorsorgliche Base war ich eben gar daran, ihn mit einer Frau zu versorgen. Aber das sollte anders werden. Meine Sorge gehörte meiner Mutter, war doch sie zu stützen, zu hegen mein Lebenszweck.Auf einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt schon am besten zu ihr zurückkehre; gewiß trug sie die Einsamkeit schwer, wenn sie es mir auch nicht gestehen wollte, da sie mich glücklich glaubte. Die mancherlei Eindrücke und die Unruhe der nun folgenden Reise verhinderten mich für den Augenblick, meine künftigen Maßregeln durchzudenken; in Goldwell-House angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, schleunigst nach Hause zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam mir dies Ereigniß vor für die Gedanken und Pläne der letzten Wochen. Aber es hieß sich zusammenraffen. Ganz verstört theilte ich sogleich der Frau Gray den Inhalt des Briefes und meine Absicht, sofort abzureisen, mit. Sie sowie die ganze Familie bewiesen mir die lebhafteste Theilnahme. In wenigen Stunden war Alles mir Zugehörige gepackt; ein Jeder legte hülfreiche Hand an. Herr Gray hatte sich sogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote stehenden Tabellen meine Reiseroute aufzustellen; er besaß eine große Virtuosität im Reisen und machte gern Andere auf die Kunstgriffe und Vortheile aufmerksam, die ihnen, wenn sie es nur richtig anfingen, zu gute kommen mußten. In meinem Falle, wo sich nurdarum handelte, rasch an Ort und Stelle zu kommen, bewährte er sich mit seinen Ermittelungen vortrefflich, auch konnte er nicht unterlassen, mir, trotz meiner gedrückten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Uebervortheilung und unnütze Ausgaben ans Herz zu legen. In seiner heitern, wohlwollenden Weise wußte er sich eigentlich mit denen, welche ein besonderer Kummer drückte, nicht wohl zurecht zu finden.
»Nur ruhig, liebes Kind«, sagte er zu mir, »nicht den Kopf verloren! Sie müssen sich nicht das Schlimmste denken; ich hoffe, wir sehen Sie in wenigen Wochen fröhlich wieder. Die Mädchen werden ja wohl ihre Ferien über die Zeit Ihrer Abwesenheit hinausdehnen, bleiben Sie also nicht zu lange, damit Sie in den Köpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie so gewissenhaft hineingebracht.«
Seine Gattin war mütterlich um mich beschäftigt, die Mädchen trieben sich mit verweinten Augen zwischen Koffern und Schachteln herum und thaten alle möglichen unnöthigen Handleistungen. John machte sich mit seinen kräftigen Muskeln beim Heben, Tragen und Zuschnüren der Koffer nützlich, seine treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernstes auf dem offenen, heitern Gesicht, welchen, wie ich fürchte, festzuhalten ihm schwer wurde, machten besondern Eindruckauf mich. Es ging endlich an das Abschiednehmen. Mir war schwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht der Hoffnung hingegeben; auch hier schien mir das Traurigste das Wahrscheinliche, ich fürchtete die lieben, guten Menschen nicht wiederzusehen. Forster erblickte ich unter all den herbeigeeilten Hausgenossen nicht, ich fragte nach ihm. »Wie, wissen Sie denn nicht?« hieß es da. »Er ist nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will Sie ja nach dem Hafen begleiten.«
Das war eine große Freundlichkeit von ihm, da ich fast eine Tagereise und keine von den bequemsten bis nach L. vor mir hatte, wo ich spät am Nachmittage ankommen sollte und mich abends auf das Dampfschiff begeben mußte; ein Begleiter, der sich mancher Besorgung unterziehen würde, war eine Wohlthat für Jemand, dem der Kopf schmerzte und das Herz weh that.
Ich sagte nun traurig Lebewohl. Lucy schien besonders erregt; schluchzend hing sie an meinem Halse und küßte mich mit mehr Innigkeit, als ich sonst bei dem leichtlebigen Mädchen gewohnt war. Ist da wohl mein Vetter im Spiel? dachte ich und mußte trotz meiner trüben Stimmung in mich hineinlächeln; nicht unmöglich, daß sie einen Theil der Zuneigung, welchesie für den Freiherrn empfinden mochte, auf mich übertrug, dank der wenn auch entfernten verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher ich zu ihm stand. »Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter«, sagte Frau Gray leise, indem sie mich umarmte, »und lasse Sie froh zu uns zurückkehren.«
So schied ich. Während der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf dem Wege nach der Station zubrachte, ließ ich, müde zurückgelehnt in die Kissen, die Ereignisse der letzten Monate an meinem Geiste vorübergehen. Sie waren bedeutsam gewesen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen rechten Abschluß zu denselben finden, obgleich mir der zurückgelegte Abschnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach welchem man mit einiger Spannung auf das in die Höhe Gehen des Vorhangs zu den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, so schien es mir damals, konnte mir begegnen; mit einer Art bitterer Genugthuung über mein unbestreitbares Unglück quälte ich mich mit dem Gedanken, daß meine Mutter mir nun genommen werden würde, daß sie sterben würde in Armuth und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe über dies »Schmerzbehagen« und suchte zu hoffen. So schwankte es in mir und ich fand keine Ruhe.
Ich näherte mich nun der Station; aus der Ferne hörte ich den Pfiff der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lärm eines Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erst Forster ein, den ich ganz vergessen hatte, und ich fing an, mich vor der bevorstehenden Reise mit ihm ein wenig zu fürchten. Aber er war so gut und ehrenhaft, er konnte doch gewiß diese Gelegenheit nicht benutzen wollen zu einer Erklärung, vor welcher ich eine wahre Todesangst hatte.
Der Wagen hielt und nun kam er auch schon herzu und half mir heraus und gleich hatte ich Gelegenheit, die Vortheile seiner Begleitung zu empfinden. Er führte mich, ohne eine Wort über sein Mitgehen zu verlieren und als ob sich das Alles so von selbst verstände, sogleich zum Wartesaal, wo er mich zu verweilen bat, während er zurückging, das Gepäck besorgte und Billets nahm.
Wir fuhren dann zusammen fort; ich ergriff die erste Gelegenheit, um ihm zu danken; er erwiderte trübe: »Dies ist ja das Wenigste, was ich für Sie thun kann, und es geschieht gern, sehr gern.« Weiterhin wurde nur noch von gleichgültigen Dingen zwischen uns gesprochen und der Reisenachmittag verging ruhig, während sich Forster allein der Sorge um unser Weiterkommen unterzog. Wir langten mit der Dämmerungin L. an und durchfuhren, um nach der Rhede zu gelangen, die häßliche, lärmvolle Stadt von einem Ende zum andern. Mein Begleiter blickte düster aus dem Fenster des Wagens hinaus auf das wüste, unerquickliche Treiben; er dauerte mich von Herzen. »Sie haben Heimweh, Herr Forster«, redete ich ihn nach einem langen Schweigen an, um im nächsten Augenblick die schonungslose Aeußerung zu bereuen. Er drehte sich rasch um und sah mich mit großen, traurigen Augen an.