Analyse des dritten Akts.
Personen: Sämmtliche Personen des Stücks mit Ausnahme Repetíloff’s. — Tschatzki, dem die Heftigkeit seiner Liebe keine Ruhe läßt, erscheint noch vor der gewöhnlichen Versammlungszeit; er will endlich klar sehen und seinen wahren Nebenbuhler entdecken. — Ein leidenschaftliches Gespräch mit Sophien dient nur dazu ihren Haß und Tschatzki’s Schmerz zu vermehren — sie geht in ihr Zimmer, wo sie Moltschálin hinbestellt hat und läßt ihn in seinem altenZweifel; — wie Moltschálin in Sophiens Zimmer will, bemerkt er plötzlich Tschatzki, erschrickt und bleibt wie eingewurzelt stehen. Tschatzki läßt sich in ein Gespräch ein, in dem Moltschálin sich in der ganzen Jämmerlichkeit eines bornirten Actenmenschen zeigt. Er ist das im Civil, was Scalosúb im Militair ist. Tschatzki wird im Betreff Sophiens ganz beruhigt. Die Gesellschaft versammelt sich indessen, und nacheinander treten allerlei moskau’sche oder besser gesagt großstädtische und menschliche Charactere auf. Die sinnlicheNatalie,Góritscheff, der unter ihrem Pantoffel aus einem tapfern Soldaten ein weibischer Ehemann geworden ist; eine armselige, fürstliche Familie, — eine alte taube Gräfin, die kaum noch lebt, aber alle Bälle besucht, ihre Enkelin, eine ältliche Unvermählte, die mit vielem Stolz auf die andern herabsieht; — (bei der großen Unzahl russischer Fürsten und der sehr begränzten Zahl russischer Grafen wird auf letzteren Titel im Grunde fast ein höheres Gewicht gelegt.) —Sagorétzki, ein falscher Spieler, Lügner, Spion und Dieb — dennoch überall wegen seiner Dienstfertigkeit wohl aufgenommen, — endlich eine Tante vom Hause, eine unbarmherzige alte Klatschschwester, eine von den Plagen einer Stadt, die, nach verblühten Reizen, durch eine böse Zunge und unverschämte Intriguen sich einen Kreis von Verehrern und gefüllte Salons zu verschaffen wissen.
Tschatzki findet Gelegenheit sich mit all dieser Welt zu verfeinden ohne ein schlimmes Wort gesagt zu haben, nur weil er so spricht und urtheilt, wie ein gebildeter Mann. Durch ein Mißverständniß theils, theils durch Sophiens Rachsucht wird er zuletzt für verrückt erklärt. — Vortrefflich hat der Verfasser den Gang des Gerüchts geschildert; und wie von Mund zu Mund eine Sache in kurzer Zeit entstellt wird. Unser Autor findet in diesem Akt häufig Gelegenheit zu einer lebendigen Sittenschilderung. Die Grundsätze, die Sagorétzki, Fámussoff und Scalosúb an den Tag legen, sind der Kern der Opposition, die der ungebildete Theil einer Gesellschaft der Bildung und Civilisation stets entgegensetzen wird. So erzählt Scalosúb mit frohem Munde, daß aller Unterricht fortan im Exerciren bestehen soll, und daß Bücher nur für feierliche Gelegenheiten aufbewahrt würden: — Fámussoff will sie lieber alle verbrannt wissen. Sagorétzki findet Fabeln vorzüglich gefährlich; die alte Fürstin erzählt mit Schaudern, daß ihr Vetter, einFürst, in PetersburgChemiestudirt habe! — Dagegen spricht Tschatzki die Ansichten einer andern Fraction in Rußland aus, die gegen die Halbheit eifern, die eine Folge einer zu schnellen Annäherung an den europäischen Westen war. In der Annahme der Gebräuche des Abendlandes sieht er das größte Unglück für Rußland; er opponirt gegen dieForm, seine Gegner gegen dasinnerste Wesendes Westens.Vorzüglich ergrimmt ist er gegen die leichtsinnigen Franzosen und die Einführung ihrer Sprache in alle geselligen Verhältnisse, sowie gegen pedantische und unwissende Deutsche. Die Schwächung des Nationalgefühls und eine demüthigende Abhängigkeit des Urtheils scheint ihm die Folge solcher Zustände. — Dieser Haß gegen das Ausland ist das, was die beiden Extreme dieser Gesellschaft, Fámussoff und Tschatzki, gemeinschaftlich haben; daß beide hierin übereinstimmen ist beherzigenswerth. Doch gehen sie nicht beide zu weit? Fámussoff sieht in den Fremden nicht den fleißigen Colonisten, nicht den geschickten Fabrikanten, nicht den gebildeten Gelehrten, er sieht in den nach Rußland strömenden Fremden nur die Hefe, Abentheurer, Landstreicher und Kuchenbäcker. Tschatzki nimmt vorzüglich daran Anstoß, daß jedes Französchen wie ein Orakel angehört wird und Tanzmeister Orden erhalten und ihr Auge zu Fürstinnen zu erheben wagen, sowie daß man in jedem Deutschen einLumen mundierblickt. — Dieß mag einer jetzt verschollenen Zeit angehören; die Aristokratie in Rußland mag liberal genug denken, sie geht gern um mit Gebildeten, weß Standes diese auch sein mögen; aber in gewisse Gesellschaften und Familienkreise wird kein Adliger zweiten Rangs, ja kaum ein Würdenträger des Reichs gelangen, wenn er nicht von altem, nationalem Adel ist. (Es giebt also wohl Exclusivität, aber für gewisse Zeiten nur.) Mit Fremden nimmt man es endlich nirgends sehr genau — eine momentane, vorübergehende Artigkeit verpflichtet ja zu nichts; wird der einfachste russische Reisende in Paris nicht ebenso schnell zum Grafen und in Italien zum Principe gestempelt?
Wir können die Bemerkung nicht unterdrücken, daß unser Autor in den Fehler der meisten russischen Lustspieldichter verfallen ist: er trägt mit zu starken Farben auf. Manche Charactere sind dadurch ans Absurde gerückt. Die nämliche Erscheinung wiederholt sich wohl bei allen jungen Literaturen; Molière und Holberg wären solche Beispiele.
Der Akt wird mit allerlei Tänzen aus der Restaurationszeit beschlossen; eine ritterliche Mazurka von Scalosúb, wobei er zuletzt hinkniet und sich von seiner Tänzerin umschweben läßt, verfehlt nie eine allgemeine Hilarität hervorzurufen.