Chapter 11

Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!

Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!

(Laut.)

Mein liebster Freund —Es scheint —Du bist nicht recht bei Laune.Nach einer Reise braucht man Ruh’.Zeig’ deinen Puls — ich glaube DuBist nicht ganz wohl? Geh’ recht nach Haus.

Mein liebster Freund —

Es scheint —

Du bist nicht recht bei Laune.

Nach einer Reise braucht man Ruh’.

Zeig’ deinen Puls — ich glaube Du

Bist nicht ganz wohl? Geh’ recht nach Haus.

Tschatzki.

Ich halt’s auch nicht mehr aus!Ich hab’ so viel umarmen heut’ gemußt,Mir schmerzt davon die Brust;Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken,Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken.Und ach der Kopf ist fastVerrückt von all dem dummen Zeuge!

Ich halt’s auch nicht mehr aus!

Ich hab’ so viel umarmen heut’ gemußt,

Mir schmerzt davon die Brust;

Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken,

Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken.

Und ach der Kopf ist fast

Verrückt von all dem dummen Zeuge!

(Er nähert sich Sophien.)

Mein Geist erliegt des Kummers Last;Ich bin in dieser Menge wie verloren.Warum ging ich nach Moskau hin,Wo ich nicht mehr ich selber bin!

Mein Geist erliegt des Kummers Last;

Ich bin in dieser Menge wie verloren.

Warum ging ich nach Moskau hin,

Wo ich nicht mehr ich selber bin!

Mad. Chlestow.

Ei, hört doch an!Nun ist gar Moskau Schuld daran.

Ei, hört doch an!

Nun ist gar Moskau Schuld daran.

Famussoff(giebt Sophien Winke).

Geh’ nicht so nah’ Sophie! —

Geh’ nicht so nah’ Sophie! —

(Bei Seite.)

Sie hört nicht, was ich sage!

Sie hört nicht, was ich sage!

Sophie(zu Tschatzki).

Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?

Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?

Tschatzki.

Ach, eine Kleinigkeit!Ein wind’ger Franzmann aus BordeauxErzählt’ dort ein’gen Damen froh,Wie er sich früher unser Land gedacht,Und was er für Ideen sich gemacht,Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären.Doch alle Angst sei nun vorbei,Man sollte, sagt’ er, wirklich schwören,Daß Moskau noch in Frankreich sei;Denn Sitte, Sprache, so wie ModenVersetzten ihn auf vaterländ’schen Boden.Ihn freut’ es ohne Gleichen, —Uns kann’s zur Freude nicht gereichen.Kaum endete der kleine Mann,Als alle Welt zu seufzen laut begann:Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris,Ja Frankreich ist das ird’sche Paradies!So stöhnten zwei geschminkte Damen,Die mir so vor wie Papageien kamen,Zwei Fürstinnen, die ihre LectionHerplapperten aus der Pension.Wo sollt’ ich hin vor diesen Fürstinnen!Ich stand unweit und äußerte bescheiden,Doch laut genug, daß sie’s gehört,Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört,Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,Ausrotten bald aus unserer Mitte. —Er mögte doch in irgend eine Brust,Die selbstbewußt,Ergießen Muth und Kraft,Durch Beispiel und durch WortZu zügeln unsere Leidenschaft,Dies Schmachten nach der Fremde!Und möcht’ man einen Finsterling mich schelten,Altgläubig möcht’ ich ihnen gelten,Mir schiene es — der Geist in unserm NordenSei von der Zeit an schlecht gewordenSeitdem wir unserer Sprache HerrlichkeitUnd unsre alten herrlichen GebräucheVertauscht mit dieser neuen Seuche.Die schöne Volkstracht wurde abgelegt,Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt;Sind wir mit diesem SchwalbenschweifNicht gradezu für’s Tollhaus reif?Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten,Und kaum kann man sich frei bewegen.Und dann die Haare kurz verschnitten,Vernunft und Klima gleich entgegen!Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht,Der sich rasirt das Greisenangesicht!Kurzum — ich mußt’ gestehn, — ich fandSo Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.Und müßt’ es sein — und sind wir einmal schon geschaffenZu fremder Völker Affen,O möchten wir denn doch von den Chinesen lernenDie fremden Sitten zu entfernen!Ach, machen wir uns je wohl freiVon fremder Moden Tyrannei,Daß unser Volk, das bravste in der WeltUns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält!„Allein wie kann man denn Europas Sitten,“Brummt’ einer da aus ihrer Mitten,„Mit NationalgebräuchenUnd Volksgewohnheit wohl vergleichen!Nun übersetzen Sie mir schnellMadame oder Mademoiselle?Sie werden doch nicht „„Herrin““ sagen?Und haha! — Herrin —! ach wie häßlich!Und haha! — Herrin! — ach wie gräßlich!“So wurd’ auf meine Kosten nun gelacht;Natürlich hat mich das doch aufgebracht,Und eben — auf mein Wort —Wollt’ ich die derbste Antwort geben,Da liefen alle fort —!Das ist begegnet mir,Und so was sehen täglich wir,In Moskau und in PetersburgUnd in dem ganzen Reich geht das so durch —Kommt so ein Männlein aus BordeauxSo drängt sich Alles um ihn froh,Und alle Damen in der Runde,Die hängen wie an seinem Munde. —Die Fürstinnen vor allenDie haben dran ein Wohlgefallen.Doch wer in unsern ResidenzenEs nicht versteht durch allerleiGezierte Redensart und NarretheiZu glänzen —Wer die verschriebenen GesichterNicht leiden kann,Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken,Wodurch er aus der Menge ragt,Frei auszusprechen wagt —Der sehe zu!

Ach, eine Kleinigkeit!

Ein wind’ger Franzmann aus Bordeaux

Erzählt’ dort ein’gen Damen froh,

Wie er sich früher unser Land gedacht,

Und was er für Ideen sich gemacht,

Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären.

Doch alle Angst sei nun vorbei,

Man sollte, sagt’ er, wirklich schwören,

Daß Moskau noch in Frankreich sei;

Denn Sitte, Sprache, so wie Moden

Versetzten ihn auf vaterländ’schen Boden.

Ihn freut’ es ohne Gleichen, —

Uns kann’s zur Freude nicht gereichen.

Kaum endete der kleine Mann,

Als alle Welt zu seufzen laut begann:

Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris,

Ja Frankreich ist das ird’sche Paradies!

So stöhnten zwei geschminkte Damen,

Die mir so vor wie Papageien kamen,

Zwei Fürstinnen, die ihre Lection

Herplapperten aus der Pension.

Wo sollt’ ich hin vor diesen Fürstinnen!

Ich stand unweit und äußerte bescheiden,

Doch laut genug, daß sie’s gehört,

Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört,

Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte,

Ausrotten bald aus unserer Mitte. —

Er mögte doch in irgend eine Brust,

Die selbstbewußt,

Ergießen Muth und Kraft,

Durch Beispiel und durch Wort

Zu zügeln unsere Leidenschaft,

Dies Schmachten nach der Fremde!

Und möcht’ man einen Finsterling mich schelten,

Altgläubig möcht’ ich ihnen gelten,

Mir schiene es — der Geist in unserm Norden

Sei von der Zeit an schlecht geworden

Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit

Und unsre alten herrlichen Gebräuche

Vertauscht mit dieser neuen Seuche.

Die schöne Volkstracht wurde abgelegt,

Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt;

Sind wir mit diesem Schwalbenschweif

Nicht gradezu für’s Tollhaus reif?

Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten,

Und kaum kann man sich frei bewegen.

Und dann die Haare kurz verschnitten,

Vernunft und Klima gleich entgegen!

Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht,

Der sich rasirt das Greisenangesicht!

Kurzum — ich mußt’ gestehn, — ich fand

So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand.

Und müßt’ es sein — und sind wir einmal schon geschaffen

Zu fremder Völker Affen,

O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen

Die fremden Sitten zu entfernen!

Ach, machen wir uns je wohl frei

Von fremder Moden Tyrannei,

Daß unser Volk, das bravste in der Welt

Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält!

„Allein wie kann man denn Europas Sitten,“

Brummt’ einer da aus ihrer Mitten,

„Mit Nationalgebräuchen

Und Volksgewohnheit wohl vergleichen!

Nun übersetzen Sie mir schnell

Madame oder Mademoiselle?

Sie werden doch nicht „„Herrin““ sagen?

Und haha! — Herrin —! ach wie häßlich!

Und haha! — Herrin! — ach wie gräßlich!“

So wurd’ auf meine Kosten nun gelacht;

Natürlich hat mich das doch aufgebracht,

Und eben — auf mein Wort —

Wollt’ ich die derbste Antwort geben,

Da liefen alle fort —!

Das ist begegnet mir,

Und so was sehen täglich wir,

In Moskau und in Petersburg

Und in dem ganzen Reich geht das so durch —

Kommt so ein Männlein aus Bordeaux

So drängt sich Alles um ihn froh,

Und alle Damen in der Runde,

Die hängen wie an seinem Munde. —

Die Fürstinnen vor allen

Die haben dran ein Wohlgefallen.

Doch wer in unsern Residenzen

Es nicht versteht durch allerlei

Gezierte Redensart und Narrethei

Zu glänzen —

Wer die verschriebenen Gesichter

Nicht leiden kann,

Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken,

Wodurch er aus der Menge ragt,

Frei auszusprechen wagt —

Der sehe zu!

(Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen haben sich zu den Kartentischen gesetzt — er zieht sich zurück. — Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. — Der Vorhang fällt.)

Ende des dritten Akts.


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